Ausgabe 
19.9.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt

Siattfchau für Vogelsberger Vieh.

Am Freitag wurde in den Bezirken 3 und 4 des Kreisrinderzuchtvereins Gießen für Vogelsberger Höhenrind zusam­men mit dem Landwirtschaftskamrner-Ausschuh für Oberhessen eine Stallschau abgehalten. Bei derselben konnte man feststellen, baft auch in diesen Teilen des Dereinsgebietes recht gute Rotviehbestände vorhanden sind. Einzelne Ställe, die zur Prämiierung gemeldet waren, konnten allerdings nicht mit Preisen bedacht werden, wenn in ihnen auch recht gute Einzeltiere stan­den, weil auch Tiere anderer Rassen und Kreu- zungsprodukte daneben vorhanden waren. Der Zweck der Stallschauen besteht vor allem darin, diejenigen Züchter auszuzeichnen, die eine ein­heitliche Zuchtrichtung mit gutem Zuchtmatenal und natürlich auch zweckmäßige Stallungen be­sitzen. Bei diesen Stallschauen kommen vor allem die wirklichen Züchter zu ihrem Recht, während auf den öffentlichen Schauen und Ausstellungen schon die zufälligen Besitzer von guten Einzel- ticrcn in den Besitz der Preise kommen können. Als Preisrichter waren Oekonomierat Dr. Wag- ne r-Diesten, Landwirt Heinrich Münster-Hat­tenrod und Direktor Trautmann -Grünberg tätig.

Die Prämiierung ergab folgendes Re­sultat: In Gruppe 3 (5 bis 9 Tier«) Heinrich Münch, Großen-Buseck, 1 a-Preis; Heinrich Wagner VI., Großen-Buseck, lb-Preis; Ioh. Schlapp HL, Staufenberg, lc-Preis; Heinrich Harbach VIII., Großen-Buseck, 2a-Preis; Kon­rad Münch, Großen-Buseck, 2b-Preis. 2lner- kennungen erhielten: Wilhelm Hämmerle, Daubringen; Emst Becker, Rödgen und Lud­wig Hofmann, Bersrod. In Gruppe 4 (1 bis 3 Tiere) Heinrich Scheld VII.» Grosten- Duseck, 3. Preis; Christ. Scheld VI., Grosten- Dusect 3. Preis; Karl Hofmann. Bersrod. 3. Preis. Phil. Wagner. Grosten-Duseck, 3. Preis. Anerkennungen erhielten: Ludwig Pfeifer II., Grosten-Duseck; Heinrich Weis, Oppenrod.

Dillenburger Hengstparade.

Dillenburg, 17. Sept. Die Hengstpara- den in Dillenburg gehörten schon vor Iahren zu den Glanzpunkten jedes Pferdezuchters und Pferdefreundes. Der Krieg und die Rot der Rachkriegszeit hinderten manches Iahr die Aus­führung dieser pferdezüchterischen Veranstaltung. Aus Anlaß der Zweihundertjahrfeier der Dreustischen Staatsgestütverwaltung wird der Landstallmeister am 25. September, 13.30 Mfrr .Die Vorführung einer grosten Anzahl der Dillenbur­ger Hengste auf dem großen Reitplatz des Land- geftütes vornehmen, zu der alle Züchter und Freunde des Pferdes herzlich eingeladen werden. DMrend der Zeit von drei Stunden wird das Auae des Desuchers durch die mannigfaltigsten Bilder erfreut. Vierfache Fahrschule, Zwei- und Mehrspänner, Hengste zu acht gekoppelt Reitab- teilungen von mächtigen rheinischen Kaltblütern und von eleganten Oldenburgern wechseln mit an- deren Vorführungen Wie bekannt ist, finden bex hom Landgestüt Dillenburg alljährlich auch meh­rere sechswöchige Reit- und Fahr­kurse für junge Landleute statt, in denen der -^inabauer nicht nur Reiten und Fahren, son- Ä J das lernt, was ihm für die De- bmidluna des wertvollsten und nützlichsten Haus- ^uern, des Pferdes, in gesunden und kranken Tagen nützlich und notwendig zu wissen ist. Räherä ist aus der Anzeige vom Samstag ersichtlich.

Gießen, den 19.September 1932. I

Ich bin eine altmodische $rau ...

Ich vertrete die altmodische Ansicht, daß Ehe­männer und Frauen sich die Treue halten sollten, und daß ein Wort immer noch ein Wort ist.

*

Ich schreibe nie einen Brief, selbst nicht an meinen Anwalt, ohne Nachschrift. Ich stelle dabei immer fest, daß die Nachschrift das Wichtigste enthält, was ich sagen wollte.

Ich glaube, daß eine glückliche Heirat noch immer der einzige Berus für ein« Frau ist, und daß eine Heirat, die ein klein wenig unglücklich ist, immer noch besser «st, als gar keine.

»

Ich kann ein Geheimnis bewahren, aber es kostet mich alle Willenskraft urtb schmerzt mich, wie Zahn­weh. *

Wenn ich meinen kleinen Wagen lenke, fahre ich so gut und so schlecht, wie alle andern Frauen. Aber ich nehme es den Nachbarn nicht übel, wenn sie sofort ihre Kinder von der Straße holen, sobald ich erscheine.

Ich verliere alle paar Wochen meine Handschuhe und habe meinen Schirm schon an den unmöglichsten Plätzen stehen lassen. Ich würde auch bei einem Ab- sprung aus einem Flugzeug vermutlich meinen Fall­schirm vergessen.

Ich kann einem Manne verzeihen, wenn er mich langweilt, aber niemals, wenn ich merke, daß ich ihn langweile. Ich kann ihm sogar verzeihen, wenn er mein Herz bricht, aber niemals, wenn er meine Eitelkeit verletzt.

Ich kann einen Zug nur dadurch erreichen, daß ich den Mann am Schalter, die Auskunft und den Mann an der Sperre frage. Fahrpläne kann ich ebenso wenig lesen, wie Sanskrit.

Ich glaube immer noch, daß es sich nirgends so gut, so erleichternd und so erfolgreich weint, wie an der Schulter eines Mannes.

*

Ich bin weit mehr erfreut, wenn man michrei­zend^ findet, als wenn man von mir behauptet, ich feiklug". Auch macht mir ein Lob über meinen neuen Hut mehr Freude, als ein anerkennendes Wort über meine Schriftstellerei.

*

Ich steige aus der Straßenbahn meistens verkehrt aus und außerdem habe ich beim Einkäufen immer etwas vergessen.

Wenn ich Zeit zum Nachdenken habe, schaue ich in den Spiegel, wobei ich mich selbstredend immer hübsch finde.

Ich wiege 105 Pfund. Aber wenn sich dieses Ge- wicht im Laufe der Jahre auch verdoppelte, wurde ich immer noch beanspruchen, alsßiebe, klein« Frau" behandelt zu werden.

Ich bin immer erfreut, wenn ich von einem Manne irgendwiebeschützt" werde, und sei es auch nur vor einer Stubenfliege.

*

Ich werde immer zu spät kommen. Nur einmal war ich pünktlich: Als ich zum Standesamt abgeholt wurde. M. A.

Das Stadttheater - eine Stätte der Freude!

Die Intendanz des Stadttheaters Gießen teilt mit: Der Besuch deS Stadttheaters Gießen bringt Freude, Anregung und Entspan­nung von den Sorgen des Alltags. Aber nur Teilnahme aller Devölkerungsschichten kann den Bestand des Theaters sichern und feine künst­lerische Arbeit gewährleisten. Sie finden in der Spielzeit 1932/33 stark ermäßigte Eintrittspreise sowie einen vielgestaltigen Spielplan (Schau- spieL Oper, Operette), der allen Wünschen ger«ht wird Sie sparen viel Zeit und Geld, wenn Sie ein Abonnement des Stadttheaters erwerben Darum: Abonnent bleiben! Wonnent werden! Zwei kategorische Imperative.

Abonnent bleiben! Das erhalt das Theater. DaS Theater ist die Stätte gemeinsamer Kultur- pflege. Das Theater aufgeben, heißt Kultur aus­geben. Darum darf das Theater nicht sterben. Sie bestimmen das Schicksal unserer Buhne ent­scheidend mit. Sie kennen die Leistungen des Ensembles. Hat die Künstlerschar nicht manch frohe Stunde bereitet? .

Abonnent werden! Es gibt so wenig Freude in diesen ernsten Zeiten. Warum schließen Vie sich noch aus? Iede Woche einen frohen, genutz- reichen Abend! Unterhaltung, Entspannung An- regung! Für lange Wintermonate bedeutet das Abonnement die Aussicht auf Sreube ^ ^rnster Zeit. Wahren Sie Ihren eigenen Vorteil! Wer­den Sie Abonnent des Stadttheaters Dießen tm Iahre seines 25jährigen Bestehens!

Daten für Montag, 19 September.

1802: der ungarische Freiheitskämpfer Ludwig Kos- suth in Monok geboren; 1814: der preußische Rechtslehrer Karl Friedrich von Saoigny in Berlin geboren; 1870: Paris wird van den Deutschen eingeschlossen, 1914: Lüderitzbucht wird von den Engländern besetzt.

** Straßensperrung, mitgeteilt vom Ober- hessischen Automobil-Club E. D. (A. v. D.), Gießen. Die Provinzialstraße Lang-GönsHolzheim wird vom Abzweig Grüningen bis Holzheim vom 22. Sep­tember 1932 ab für jeglichen Verkehr gesperrt. Die Umleitung erfolgt über Grüningen.

* Bund f ür christlich-evangelische Erziehung in Haus und Schule. Für den Freitagabend hatte der Bund für christlich-evan­gelische Erziehung in Haus und Schule seine Mitglieder und Freunde zu einem Gemeindeabend in den Ivhannessaal eingeladen. Der Einladung hatten auch viele Gemeindeglieder Folge geleistet. Der Vorsitzende des Vereins, Landgerichtsrat Knaus, begrüßte die Erschienenen. Steuerinspek­tor K l e m m r a t h, der im Verein mit noch zwei Gemeindegliedem im Sommer 1929 mit dem PassagierdampferMonte Cervantes" der Harn- burg-Amerika-Linie eine Fahrt in das Land der Mitternachtssonne unter.tommen hatte, hielt so­dann einen Vortrag. Er schilderte die ersten Reiseeindrücke und die Besichtigung von Ham­

burg, um dann seinem Reisebegleiter, Herrn Pro­kurist Stroh, die eigentliche Reiseschilderung zu überlassen. Die Reise führte zunächst nach Hol­land, wo sich die Zahl der Reiseteilnehmer durch eine aus Holländern, Franzosen, Belgiern und Italienern bestehende 600 Wann starke Reise­gesellschaft auf insgesamt 1500 erhöhte. Die Fahrt ging dann über die Rordsee nach Bergen, einigen weiteren norwegischen Hafenorten, dem Rordkap, den Bäreninseln und Spitzbergen bis zur Packeisgrenze als dem nördlichsten Reise­ziel und zurück über Hammerfest. Der dritte Reiseteilnehmer, Herr WadenpfuI, zeigte im Lichtbild viele Reisebilder von überwältigender Schönheit, die zum großen Teil von Herrn Klemm­rath ausgenommen worden waren. Der Vortrag wurde mit großem Interesse ausgenommen.

* ReichsgesetzlicherSchutzgegenDer- unstaltung. Auf Grund des Reichsgcsetzes vorn 15. Juli 1907 ist die polizeiliche Genehmigung zur Ausführung von Bauten und baulichen Verände­rungen zu versagen, wenn dadurch Straßen und Plätze der Ortschaft oder das Ortsbild gröblich ver­unstaltet würden. Zu diesem Gesetze haben Länder­regierungen Ausführungseinweisungen erlassen, so daß eine einheitliche Regelung leider noch immer fehlt. Die Folge davon ist, daß trotz der Verunstal­tungsbestimmungen überall noch aufdringliche Re­klamezeichen vorhanden sind, deren Beseitigung von der Allgemeinheit sicher begrüßt werden würde. Zahlreiche Prozesse beschäftigen jetzt die Dermal- tungsgerichte mit den Einsprüchen gegen baupolizei­liche Verfügungen, und so wird eine Wust von Ar­beit geleistet, die vermieden werden könnte. Es ist deshalb auch in der Fachpresse bereits angeregt wor­den, ein neues Reichsgesetz zum Schutze des Orts- und Landschaftsbildes gegen die Verunstaltung durch Reklame zu erlassen, mit dessen Inkrafttreten die in den Ländern gültigen gesetzlichen Bestimmungen soweit sie sich auf Reklamezeichen beziehen und nicht Bauvorschriften betreffen außer Kraft treten sollen.

Kartoffeln, Gemüse und Drotbil- liger geworden. Aus einer Uebersicht der Einzelhandelspreise wichtiger Lebensmittel im Iuli und August 1932 ergibt sich, daß die Preise für Kartoffeln und Gemüse infolge der steigenden Zufuhren zurückgegangen sind. Preissenkungen ergaben sich ferner auch für Mehl und Brot. Die Butterpreise sind im August fast unverändert geblieben. Die Eierpreise haben etwas ange­legen. Speisesalz ist infolge der Einführung der Salzsteuer erheblich teurer geworden. Der Klein­verkaufspreis stieg im Gesamtdurchschnitt von 14,5 auf 26,5 Pf. und erhöhte sich damit um 82,8 Prozent. Die Fleischpreise haben ebenfalls erheblich angezogen. Die Gesamtsteigerung be­trägt durchschnittlich 10 Prozent- Trotzdem liegen noch sämtliche Fleischpreise unter den Preisen vom August 1929, dem Iahre, in dem die Preis­senkung noch nicht begonnen hatte.

Wied verzichtet auf Revision.

WSN. Frankfurt a.M., 17. Sept. Der wegen Tötung auf Verlangen zu fünf I a h r e n Gefängnis verurteilte Optiker Wilhelm Wied aus Stuttgart nahm die Strafe an und verzichtete auf Revision.

Auch das Finanzamt Biedenkopf sott aufgelöst werden.

WSN. Biedenkopf, 17. Sept. Nachdem die Stadt Biedenkopf bereits durch die Auflösung des Landkreises schwer betroffen wurde verlautet jetzt, daß auch das Finanzamt ao 1. Oktober aufgeteilt werden soll. Die Ortschaften, die zum Landkreis Dillenburg geschlagen worden sind, ollen auch dem Finanzamt Dillenburg zugeteilt

werden. Es handelt sich dabei um 6 4 Ge­meinden. Die restlichen Orte sollen nach Marburg oder Wetzlar überwiesen werden.

üniverftfaf Marburg erwirbt eine wertvolle Gemäldesammlung.

WSN. Marburg, 18. Sept. Die hiesige Uni­versität hat mit Hilfe des Universitälsbundes, des Landeshauptmanns, des Kurators und der akademi­schen Behörden für das Jubiläums Kunstinstitut eine umfassende Sammlung von graphischen Darstellun­gen, Radierungen und 60 Oelgemälden aus dem Nachlaß des verstorbenen hessischen Malers Otto Ubbelohde erworben. Der Erwerb dieser Samm­lung bedeutet eine wertvolle Bereicherung für die Universität und Stadt Marburg.

Licht-Fischer auf dem Mittelmeer.

Begegnung mit dem fliegenden Hollander.

Von Liliom.

Es ist Abend, und über die lange Dünung de« Meeres ziehen die Boote der Fischer heraus. Glick glack, gehen die Ruder, und die Leiber der Fischer lehnen sich vorwärts und wieder zurück in immer demselben uralten Rhythmus.

Mi-Ming und Ciccio haben versprochen, mich mit herauszunehmen, an einem netten ruhi­gen Abend, wie sie sagen. Ietzt ist es schon dun­kel. Ich sitze in der Dvotsspihe zusammengekauert, hinten am Ufer sind die bunten Lampions des Ho­tels. Ab und zu trägt uns die kaum merkliche Brise ein paar Klänge Musik herüber; aber die sechs Männer achten nicht darauf, sie haben das viele hunderte Male gesehen und gehört; sie sitzen jeder an seinem Ruder und arbeiten sich -nit schnellen Stößen auf Capo Mele zu. Uns folgt das Lichtboot. Der Mann im Lichtboot rudert stehend, das Gesicht in Fahrtrichtung und die große Druckgaslampe an der Bvotsspitze baumelt leise hin und her. Draußen am Kap sind jetzt schon ein paar der großen, weißleuchtenden Lam­pen aufgeflammt, sie glänzen still über dem ruhi­gen Meer und um sie herum gurgeln mit leisen Ruderfchlögen die Fangboote.

Run sind wir nah bei ihnen. Auch unsere Lampe geht an. Sie bleiben eine Weile abseits von uns, und unsere Männer lassen dasgroße Retz in die Tiefe.

Stunden unlb wieder Stunden, ich weiß nicht wieviele, gehen dahin. Bor mir sind die rotbrau­nen kräftigen Körper der Fischer in ihren ver­schossenen Blusen, Schals und Hosen. Sie rauchen. Sie sprechen wenig. Cs liegt so eine große Stille über dem Wasser und über den in iAbständen voneinander liegenden Booten mit den warten­den und arbeitenden Männern.

Ietzt ist auch uns etwas ins Reh gegangen. Unser Lichtboot ist mit ein paar Ruderschlägen bei uns. Schimmernd grün leuchtet rings um uns das Wasser auf, ganz durchsichtig geworden bis in seine tiefsten Tiefen, und da unten sehe ich in der braunen Masse des Rehes die gefangenen Fische. Ein silbernes Gewimmel! Eng, Bord an Bord stehen unsere beiden Boote. Un­wahrscheinlich grün ist die leuchtende Flüssigkeit um uns herum geworden. Ietzt fällt der Licht­schein auf die Gesichter der Fischer. Gelassen in jeder Bewegung, die Iahrhunderte alte Gewohn­heit der vielen Generationen, holen sie das Reh mit kleinen Rucken heraus. Alle Hände lösen die verfangenen Fische aus den nassen Maschen und werfen sie auf einen Haufen ins Doot. Und bann ist das Retz ganz leer; wimmelnd« zappelnde Wesen rings um unsere Füße, und ein paar hun­dert Meter weiter wird das Retz wieder herun­

tergelassen zu neuem Fang. Stunden... Stunden und Stille.

Und dann plötzlich, wir waren ein wenig weit weg von den anderen gefahren, sehe ich vor uns. über uns, zwei Lichter, ganz nah: ein rotes und ein grünes.

Run weiß jeder, daß all« Dampfschiffe auf jc- der Seite «in Licht haben, ein rotes lauf dev einen und ein grünes auf der anderen, Trnmit man ihre Fahrtrichtung erkennen kann. Und beide auf einmal, das konnte nur eins bedeuten: das Schis f kam gerade auf uns zu l

Ship ... big ship ... running on us! schreie ich meinen italienischen Fischern zu, und die verstehen zuerst nicht. Dann folgen sie meiner ausgestreckten Hand und sehen die Lichter: alle Mann an die Riemen, und wir schreien über das Wasser, langgezogen: »Hoooiho! Hoooiho! Das war höchste Zeit, denn wir sind schon so nah, daß wir die Ruse an Deck im schwarzen Schatten der Rächt hören können, und das Brum­men der Maschine und daS Rauschen der Schrau­ben, als es jetzt abdreht. Gin kleiner Schlepper, aber genug, um drei Boote wie unseres auf den Boden des Mittelmeeres zu fahren. Wo ist denn unser Lichtboot hingekommen?

Die Männer reden leise miteinander... aber was ist dos wieder, dies stille und gewaltig« Rauschen wie von einem Riesenschwarm?

Weih, hoch, schweigend und mit leeren Masten, gespenstisch in der Rächt wiederfliegende Holländer zieht ein großer ©cgclAtoeimaJter - an uns vorüber. Wir können das Seil, mit dem ihn der Dampfer schleppt, nicht sehen! Wir hören den Dampfer nicht mehr, wir starren nur auf die wunderbare Erscheinung, die da mitten in Rächt an uns vorübergleitet. Stumm lehnen ein paar dunkle Gestalten über Bord, sie starren zu uns herüber wie wir zu ihnen, aber keiner ruft etwas. Cs ist völlig geisterhaft.

Und dann wird es Morgen. Im Osten schim­mert es blaß auf, wird gelb, ganz zart und immer heftiger dann, wird strahlend orangen, ein Streif unter dem blossen, grünlichblassen Him­mel, in dem verloren die letzten Sterne schwim­men. Schwarz steht die zackige Silhouette der Küste dagegen, türkisen« Flüssigkeit das Meer.. < Ach, es gibt Dinge zwischen Rocht und Morgen, die man ebenso wenig beschreiben wie malen kann. Man muß sie sehen, und wenn man sie gesehen hat, dann weiß man, daß wir die schön­sten Dinge des Lebens verschlafen, und wenn wir sie nicht verschlafen, wie diese Fischer da vor mir, dann nimmt die Gewohnheit sie und und macht sie stumpf.

Buntes Allerlei.

EinunbekanntesBildnisGustavAdolfs

Wie der Druckmannschen Kunstzeitschrift Pantheon" aus Stockholm berichtet wird, hat dort K. E. Steneberg im Privatbesih ein unbekanntes Bildnis König Gustav Adolfs aufgefunden, das kraftvoller und le­bendiger wirkt, als alle bisher bekannten Por­träts. Es handelt sich wahrscheinlich um das Bildnis, das Iacob Hoefnagel 1624 von dem König schuf. Steneberg, der sich mit einer Samm­lung sämtlicher Bildnisse des Schwedenkönigs beschäftigt, richtet an alle Besitzer von Gustav- Adols-Porträts die Aufforderung, ihm Mittei­lung zu machen.

Kleines Mißverständnis.

Seit Friedrich Wilhelm III. der für eine äußerst abgekürzte Redeweise bekannt war, ist es öfters vorgekommen, daß Mitglieder des preußischen Königshauses die merkwürdige Sprachgewohnheit ihres Ahnherrn onwondten. Kronprinz Friedrich Wilhelm, der nachmalige Kaiser Friedrich, bekam einmal einen neuen Lakaien, der, aus dem Unter­offiziersstand heroorgegangen, sich bemühte, sein Benehmen so zackig wie möglich zu gestalten. Der Kronprinz bedeutete dem Mann, er sei jetzt nicht mehr Unteroffizier; in seiner neuen Stellung er­scheine ein etwaslegereres" Benehmen angebracht. Die Wirkung dieser Anweisung war überraschend. Als der Kronprinz wenige Tage später von einer Uebung ins KronprinAenpalais zurückkehrte, hatte er sich ein wenig verspätet. Der alte Herr hatte sich zum Besuch angesagt, und beim Betreten des Hau­ses fragte der Kronprinz den gerade dastehenden Lakaien:Majestät schon da?", worauf er die ver­blüffende Antwort erhielt:P a p a ch e n ist im Nebenzimmer!" Soleger" hatte sich der Kronprinz den neuen Lakaien nun doch nicht vor­gestellt, und indem er den Mann durchdringend ansah, sagte der Kronprinz leise, in tadelndem Tone: Wohl besoffen?" Und der Lakei, der die ge­dämpfte Rede offenbar als besonderes Zeichen der Vertraulichkeit seines hohen Herrn empfand, für- fterte unter bedauerndem Kopfschütteln zurück:Ich habe nichts gemerkt. Königliche Hoheit!"

Oie Fliege im Bierglas.

Ein stiller Mensch saß vor einem Glase hellen Bieres. Urplötzlich tauchte eine Fliege auf, störte die Harmonie des Bildes und tat noch ein übriges: sie fiel ins Bier hinein. Der stille Mensch versank ange­sichts des kleinen schwarzen Punktes, der hoffnungs­los im hellen Gelb der gläsernen Röhre sein Leben oerzappelte, in eine philosophische Betrachtung: Wie benehmen sich die Leute, wenn ihnen eine Fliege ine Bier fällt?

Kein Thema für eine Umfrage, nur eine Anregung zum Nachdenken. Der Deutsche würde die Fliege herausfischen und das Bier austrinken. Der Eng­länder hätte gelassen das Glas beiseite geschoben, auf daß die Fliege nach Belieben ihren Durst be­friedigen könne, und ließe für sich ein neues Glas holen. Der Franzose, ebenso empfindlich, wenn auch ungleich sparsamer, würde nach einem erregten Wort­wechsel mit dem Besitzer des Lokals ein frisches Bier kommen lassen, auf Kosten des Wirtes.

Der Schotte würde Fliege hin. Fliege her das Bier austrinken und zur Entschädigung ein anderes Glas umsonst verlangen. Der Chinese würde dem Bier keine Aufmerksamkeit schenken, sondern die Fliege aufessen. Und der Ungar ja, der Ungar hätte von vornherein gleich Wein bestellt und somit gar keine Gelegenheit zu Streitfragen geschaff^n^

Von der Zarbenblindheit.

Die Farbenblindheit ist ein sehr weit verbreitetes Uebel. Nach vorsichtigen Schätzungen sollen unge­fähr 2i Millionen Deutsche davon betroffen fein, und zwar ist es bekannt, daß Farbenblindheit unter den Männern sehr viel häufiger vvrkvmmt als unter Frauen. 4 bis 5 Prozent der Männer leiden an Farbenblindheit, während bei den Frauen nur 2 bis 3 Prozent davon befallen sind. In den meisten Fällen ist Farbenblindheit bereits angeboren. Es kommt aber auch nicht selten vor, daß Farbenblind­heit sich erst bei Verschlechterung des Sehvermögens einstellt. Farbenblindheit ist oft ein Familienerbteil, und Zwar überspringt die Farbenblindheit, wie es bei Dererbungserscheinungen häufig ist, gewöhnlich eine Generation, und der Fehler tritt erst wieder bei der darauffolgenden ein. Absolute Farbenblind- heit, bei der der davon Betroffene überhaupt keinen Farbeneindruck hat, sondern die ganze Farbenjkala nur als farbloses Band sieht, ist außerordentlich selten. Am häufigsten ist die sogenannte Rot-Grün- Blindheit. Der Rot-Grün-Blinde sieht alle 3farf>- töne des Spektrums, die zwischen Rot und Grün liegen, gelb. Man braucht nur an di« moderne Verkehrsregelung in Großstädten mit farbigen Ampeln zu denken, um sich zu vergegenwärtigen, daß derjenige, dem das Unterfcheidungsvermögen dieser Farbtöne versagt ist, sehr benachtelligt ist und wegen Gesährdung seiner eigenen Person und auch der Umwelt ungeeignet ist, ein Fahrzeug vor allem einen Kraftwagen zu lenken. Farben­blindheit kann naturgemäß bei der Berufswahl sehr hinderlich sein. Nicht nur die Derkehrsberufe, son­dern auch eine ganze Reihe anderer Berufe, bei­spielsweise die mit der Textilindustrie zusammen­hängenden, müßen dem Farbenblinden verschlossen sein.