Ausgabe 
19.9.1932 Frühausgabe
 
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moralischen und physischen Kräfte wieder nufbaue. Diese Aufgabe müsse in einem Zeist der Zucht und Kamerad­schaft, unabhängig von allen politischen und so­zialen Vorurteilen durchgeführt werden. Wenn die jungen Leute durch die Hebungen in freier Luft gleichzeitig die Fähigkeit erlangten, einen guten militärischen Nachwuchs zu bilden, so sei das eine Begleiterscheinung, die außerhalb des vorgesteckten Zieles des Reichskuratoriums stehe. Man könne un­möglich annehmen, daß das Ausland jede vernünf­tige Maßnahme als kriegerische Geste auffassen werde, es sei denn, man müßte glauben, daß ge­

wisse ausländische Staaten, die s -e l b st alles für die Ertüchtigung ihrer Jugend täten, die juittzen Deutschen am liebsten als unfähige und minderwertige Menschen sehen wollten. In jedem Falle könne er jetzt schon aus­drücklich erklären, daß Deutschland, wenn die Absicht gewisser Länder tatsächlich dahin gehen sollte, nicht geneigt sei, ihnen diesen Gefallen zu tun. Schließ­lich wies General v. Stülpnaael auf das Werk des Pfanfindergenerals B a d e n-P ow e ll hin, der eine körperliche und moralische Ertüchtigung in vater­ländischem Geiste geschaffen habe, ohne dabei auch nur im geringsten Grade Völkerhaß zu säen.

Aus der Bauerudersammtung von Tuntenhausen.

Oie Bayrische Bolkspariei fordert Verfaffungsreform durch Initiative der Länder.

München, 18. Sept. (TU.) Der Parteivorsitzende der Bayerischen Volkspartei, Staatsrat Schäffer, führte auf der Tagung des Bayerisch-patriotischen Bauernvereins in Tuntenhausen u.a. aus, der Entschluß der BVP. nach den Reichstagswahlen fei Üahingegangen, daß dem Volkswillen Rechnung ge­tragen werde und eine arbeitsfähige Volksvertretung angestrebt werden müsse. Ein Kabinett, das allein vom Vertrauen des Prä­sidenten abhänge, und auf das Vertrauen der Volks- oertretuna verzichten zu können glaube, sei nach der Reichsverfassung unmöglich. Die BVP. sei bereit ge­wesen, jedes Kabinett zu unter st ützen, wenn sie die Garantie hatte, daß kein Versuch einerParteidiktatur und einesStaats- streiches möglich sei. Das sei der Sinn der gan­zen Besprechungen mit den Nationalsozialisten ge­wesen. Infolge der Reichstagsauflösung und der gegenseitigen Vorwürfe sei ein Zustand eingetreten, der der Autorität abträglich sei. Eine Sicherheit da­für, daß die öffentliche Hand nicht neue Steuern einführen oder andere die Wirtschaft schwer tref­fende Maßnahmen ergreifen müsse, sei erst dann gegeben, wenn das Gleichgewicht der öffentlichen Haushalte durchgehalten wer­den könne. Diese Voraussetzungen halte er nicht für gegeben. Die Fehlbeträge in den öffentlichen Haus­halten gehen weit über eine Milliarde hinaus. Wenn man eine Belebung der Wirtschaft wolle, so müsse

man unnötige politische Kämpfe ver­meiden.

Eine Schicksalsfrage für das deutsche Volk sei es, den Verfassungskampf in Ruhe zu beenden. Das könne freilich nicht dadurch geschehen, daß man an den Bucystaben der Weimarer Verfassung unver­ändert festhalte. Diese Verfassung sei krank. Man müsse in vernünftigerZusammenarbeit die notwendigen Aenderungen treffen. Von allen gesetzgebenden Faktoren stehe in seiner Autorität unberührt nur mehr der Reichsrat da. Es wäre eine große geschichtliche Tat, wenn die deutschen Länder dem Volke und seinen Führern einen Gesetzgebungsvorschlag unterbreiten würden, der den Weg einer vernünftigen Ver­fassungsreform zeige. Die deutschen Länder könnten einer Verfassungsreform den Weg bereiten, durch welche die gesetzgebenden Körperschaften wieder arbeitsfähig gemacht, die Volksvertretung erhalten, neben ihr aber eine starke Führung im Staat ermöglicht werde, eine Verfassungsreform, die die Grundlagen des Reiches erneuere, den Frieden mit den Ländern herstelle, dem Reich gebe, was das Reich brauche, den unseligen Bureauzentralismus in Berlin beende und den Ländern ihre Zuständigkeiten zurück­gebe. Damit könne die Krise gelöst und das Reich gerettet werden. Sein heißester Wunsch sei, daß Bayern den Anstoß dazu gebe.

9er svzialpMche Kurs der Itotoerorbming.

Reichsapbeiisminister Schaeffer vor den Christlichen Gewerkschaften.

Düsseldorf. 18. Sept. (WTB.) Auf dem 13. Kongrest der Christlichen Gewerkschaften führte Reichsarbeibsminister Schaeffer u. a. folgendes aus: 3ch weist, daß die Gewerkschaften ihre De- deutung nicht nur als Vertretung von Standes- und Derufsinteressen Haden, sondern darüber hinaus in unserer Volkswirtschaft nicht mehr zu entbehren sind. Wer von den Gewerk­schaften die Abrüstung verlangt, mühte gleich­zeitig mit dem Abbau der Kartelle und der Auflösung der Tlnternehmerver- bände beginnen. Der Staat von heute must auf eine Zusammenarbeit mit den Derufsver- tretungen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer größten Wert legen. Die Aeichsregierung wird daher auch mehr als bisher an den Willen zurstaats-undvolkspolitifchenVer- antwortung und zur Selbsthilfe der Or­ganisationen appellieren. Er wird allerdings nicht darauf verzichten, staatliche Macht einzusetzen, wenn es das allgemeine Wohl erfordert.

Der Abbau der Arbeitslosigkeit und die Vermehrung der Arbeitsgelegenheit ist er st es Ziel des Wirtschaftsplanes derReichs- regierung. Sie hat zunächst einenBetriebs- st ock von 13 5 MillionenMark für öffent­liche Arbeiten gebildet. Bei den hierbei zur Ausführung gelangenden Rotstandsarbeiten wur­den bisher 65 OOO Arbeiter beschäftigt. Daran anschließend erweiterte das Reich seine K r e d i t h i l f e für Gewinnung von zusätzlicher Arbeit, insbesondere für die vorstädtische Klein­siedlung, die landwirtschaftliche Siedlung, Ab­

rüstung veralteter Handelsschiffe, Herstellung von Fahrzeugen für den Heringsfang usw. 3m 3uni hat das Reich denfreiwilligenArbeits- dienst erweitert. Vinnen kurzem werden hier 200 000 junge Deutsche Arbeit finden und gleichzeitig staatsbürgerlich erzogen und geistig geschult werden. Ebenso hat die Reichsregierung zur Belebung des Daumarktes erheb­liche Mittel bereitgestellt. Auch der Steuer- nachlaß in der Form der Steuergutscheine stammt aus einem sozialen Motiv. 3nfolge der Gewährung der Gutscheine für die Desörderungssteuer kann z. D. die Reichsbahn zurückgestellte Oberbauarbeiten vornehmen und Aufträge erteilen. Die Reichsbahn ebenso wie die Reichspost werden sich bemühen, noch erhebliche weitere Beträge für Zwecke der Arbeitsbeschaf­fung zur Verfügung zu stellen. Werden alle Möglichkeiten des neuen Planes ausgeschöpft, dann kann ein Arbeitszuwachs gewonnen werden, der etwa viermal größer ist als der ursprüngliche Umfang der Rotstandsarbeiten.

Die Bedenken der Christlichen Gewerkschaften zur Rotverordnung sind durch die Ausführungs­verordnung vom 15. September in der Hauptsache wohl beseitigt. Die Reichsregierung wird ihr besonderes Augenmerk daraus richten, daß bei der Durchführung die Möglichkeit des Mißbrauches auf das geringste Maß beschränkt wird.

Die Ermächtigungsverordnung über sozialpoli­tische Maßnahmen denkt nicht an die Auf­hebung des Verficherungsgutes und

Als Heinerle, Chef der Firma Heinrich Seemann & Co., gegen sieben Uhr in das Hotel fanr empfing ihn der Hotelportier mit der erstaunlichen Mitteilung, daß die alte Dame von Zimmer Nr. 12 wegen Miß­handlung eines Polizisten feftgenommen worden war.

Heinerle raste zur nächsten Polizei-Office. Er fand Oma in Tränen aufgelöst. Sie hatte tatsächlich einen Policemann verprügelt.Heinerle", jammerte sie, in dieser Stadt bleibe ich nicht einen Tag länger. Von einer Seite der Straße haben sie mich immer wieder auf die andere gezerrt, diese elenden Bur­schen. Ich wußte schließlich gar nicht mehr, wo ich war. Wie dann wieder so ein Kerl auf mich zukam und mich auf die andere Seite der Straße schleppen wollte, da habe ich meinen Schirm genommen und auf ihn losgeschlagen, bis der Schirm in Stücke ging!"

ist denn das Hotel? Ich sehe jetzt gar nicht mehr, wo das Hotel liegt! Suchend ging sie weiter. Die Straße kam ihr mit einemmal so unbekannt vor. Sie sah nicht mehr das imposante Gebäude des Hotels.

Da tauchte in ihrer Nähe wieder ein Polizist auf. Oma fuhr zusammen:Um Gotteswillen, dec Kerl will mich wieder über die Straße schleppen!" Und in ihrer Angst begann sie zu laufen, so schnell sie ihre alten Beine nur tragen konnten.

Oie Oma und der Polizist.

-bon Richard G Arvay.

Als Oma noch viel jünger war, kannte sie nur eine Leidenschaft: in der Welt herumzureisen. So hatte sie fast alle Städte Europas kennengelernt. Nur nach London war sie noch nicht gekommen.

Und nun war auch dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Heinerle, der häufig geschäftlich nach Eng­land reifte, hatte sie nach London mitgenommen. Der gute Junge!

Zufrieden lächelnd saß Oma in der prunkvollen Halle des großen Londoner Hotels und nickte den geschminkten Frauen, den kokettierenden Mädchen, den Gigolos, dem Liftboy zu. Omo nickte immer, wie viele alte Leute.

Es war achtzehn Uhr. Nun mußte Heinerle bald aus der City zurückkommen. Oma erhob sich, ging langsam vorsichtig durch die so gefährliche Drehtür und blieb wartend vor dem Hotel stehen. Es war die Zeit des größten Verkehrs. Unablässig rollten die vollgestopften Autobusse und Taxis vorbei, eine Kette die niemals abriß denn der Üebergang über den Gehsteig befand sich fünfzig Schritte weiter oben bei der nächsten Straßenkreuzung.

Da trat ein Policeman auf Oma zu. Er salutierte und sprach ein paar Worte in englischer Sprache. Omo nickte ihm zu. Oma nickte ja immer ...

Der Policeman hob die Hand. Straßenbahnen, Autobusse, Taxis blieben stehen: alle Räder standen still. Der Policeman faßte Oma bei der Hand und führte sie sicher und behutsam auf die andere Seite der Straße, salutierte höflich und verschwand.

Kaum hatte er sich entfernt, brandeten die Wogen des Verkehrs wieder an Oma vorbei. Da stand sie nun, auf der anderen Seite der Straße, hilflos, ver­lassen, hin- und hergestoßen von hastenden Menschen.

Sie' ging ein paar Schritte, machte wieder halt und starrte sehnsüchtig auf den gegenüberliegenden $ Sott drüben lag das Hotel. Heinerle würde bald zurückkommen und sie suchen. Der gute Junge!

Plötzlich stand wieder em Polizist vor ihr, salu- fierte sprach ein paar Worte in englischer Sprache. Oma 'nickte. Der Polizist hob den Arm: Der Verkehr stockte' Er faßte sie bei der Hand und führte sie sicher und behutsam auf die andere Seite der Straße. Autobusse, Straßenbahnen, Taxis setzten sich -mieber in Bewegung der Policeman verschwand.

Was hat das alles zu bedeuten, fragte sich Oma. Darf man in London nicht auf der Straße stehen bleiben? Ich hätte nie gedacht daß Londoner Po­lizisten so grob mit einer alten Frau umgehen! Wo

Madame Butterflys in Wahrheit und Dichtung.

Puccinis OperMadame Butterfly", die bekannt­lich das tragische Schicksal einer von ihrem euro­päischen Liebhaber verlassenen Geisha darstellt, ist in Japan bisher stets von einem Unstern begleitet worden. Das Publikum begrub diese mit euro­päischen Augen gesehene und der Wirklichkeit Hohn sprechende Darstellung japanischer Verhältnisse un­ter einem nicht endenwollenden Gelächter. Als einer der bekanntesten japanischen Musiker Pamada es mit einer Neuinszenierung des Werkes versuchte, bei der nur japanische Sänger und Sängerinnen auftraten und das Lokal-Kolorit nach Möglichkeit gewahrt wurde, erlitt er ein solches Fiasko, daß er sein Beginnen mit einer schweren Schuldenlast bezahlte. Kein Wunder, daß im Reiche Nippon die Ansicht herrscht, auf dieser Oper, die die japanische Frauenwelt verunglimpfe, laste ein Fluch. Man empfand es daher als einen Verrat an den heiligen Gütern der Nation, als die begabte japanische Sängerin Tamaki Miura nach Amerika ging und dort als Heldin von Puccinis Meisterwerk große Triumphe erntete. Der Ruhm und Reichtum, die dieser Madame Butterfly zuteil wurden, schienen

Die JairWertfeier des Gustav-Adols-Denins.

Eine eindrucksvolle Kundgebung am Leipziger Völkerschlacht-Denkmal.

Leipzig, 18. Sept. (WTB.) Zur 3ahr- hundertfeierdesGustav-Advlf-Ver- eins, die am Sonntag mit einer Kundge­bung am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig eröffnet wurde, sind aus der ganzen Welt Abgesandte und Freunde des Gustav-Adolf- Werkes zusammengekommen. Die Reichs- und Staatsbehörden, an der Spitze Reichsinnenmini­ster Freiherr v. G a h l, bekunden durch ihr Er­scheinen ihre Anteilnahme an dem Gustav-Adolf- Derein, dessen Werk nicht nur religiös-kirchliche, sondern allgemein-nationalpolitische Bedeu­tung hat.

Zur Vorbereitung der mit der Jahrhundert­feier verbundenen Beratungen über die evan­gelische Diaspora trat heute der Zentralvorstand des Vereins unter Vorsitz des Präsidenten Ge­heimrat Dr. R e n d t o r s f zusammen. An den Reichspräsidenten wurde ein Begrüßungstele­gramm gesandt. Der Jahresbericht, den der Generalsekretär des Vereins D. Geißler vorlegte, hebt die große Opferbereitschaft her­vor, mit der sich das Kirchenvolk für den Dienst an der deutsch-evangelischen Diaspora einsetzt. Die gesamten Einnahmen des Vereins sind trotz der Angunst der wirtschaftlichen Lage nur wenig zurückgegangen und erreichen annähernd den Be­trag von 2 Millionen Mark.

Der Gustav-Adolf-Verein steht feit dem Kriege vor allem im Dienste des evangelischenAus- landdeutschtums, dessen Lage auf weiten Gebieten immer bedrohlicher geworden ist. Das gilt besonders von den deutschen Kirchen im nahen Osten. Die Arbeit des Gustav-Adols-Ver- eins erstreckt sich auch auf die überseeischen Ge­biete. Ein überragend wichtiges Gebiet des deut­schen Auslandprotestantismus sind die deut­schen Gemeinden in Südamerika, die seit Jahrzehnten mit dem Gustav-Adolf-Verein in Verbindung stehen.

Am Sonntagnachmittag fand am Völkerschlacht­denkmal eine von weit über 100 000 Teil­nehmern besuchte Kundgebung statt, die auf sämtliche deutschen Rundfunksender übertragen wurde. Evangelisch-kirchliche, vaterländische und andere Vereinigungen hatten Fahnenabordnungen entsandt. Unter den Ehrengästen bemerkte man u. a. einen Vertreter der evangelischen Kirche Schwedens, den Bischof K a p i von Ungarn, den slowakischen Bischof F e i m e r, den Bischof Gu - m e j u s aus Finnland, den Generalsuperinten- denten Blau aus Posen-Pommerellen, den

Kirchenpräsidenten D. Voh aus Kattowitz, bett Bischof Dr. Kaiweit aus Danzig, den evan­gelischen Probst von Porto Alegre (Brasilien), den Probst Ebers von Windhuk sowie einen deutschen Pastor, der aus Australien zu der Feier herbeigeeilt war. So war die Versamm­lung an sich schon ein gewaltiges Bild evangeli­scher Einheit und christlichen Dekenntniswillens« 195 Kirchenführer aus ganz Sachsen mit mehr als 7000 Sängerinnen und Sängern stimmten unter der Stabführung des Kirchenmusckdirektors Haufe einleitend das mächtige Gustav-Adolf- LiedVerzage nicht, du Häuflein klein" an.

Rach dem Einmarsch der Fahnenabordnungen begann die Kundgebung um 16 Uhr mit der Festansprache des Mitgliedes des Zentral­vorstandes Staatsminister a.D. Dr. Doelitz (Berlin).

Der Gustav-Adolf-Verein, so führte der Mi­nister aus, rufe mitten hinein in eine Zeit der Wirrnis und des Zwiespaltes das evangelische Deutschland und die evangelischen Glaubens­genossen aller Welt auf zur Sammlung, zur Er­hebung, zum Bekenntnis. Die Legitimation dazu nehme der Verein aus seiner 100jährigen Geschichte, in der er sich stets als Mahner des Volkes erwiesen habe. 3n dieser tiefen Rot­zeit, die wieder zur «^chicksalsstunde Deutschlands wurde, proklamiere er, daß ein gequältes Volk endlich Frieden haben wolle:Wir wollen frei sein, wie die Väter to a r e n.

Dec Verwirrung, der Zersplitterung, dem Zwie­spalt unserer Tage stellen wir das Bekenntnis zur Einheit entgegen. Gemeinsam mit allen, die den Namen Christ führen, stellen wir uns der Flut der Gottlosigkeit entgegen, die vom Osten kommt und uns verschlingen will. So unend­lich viel der furchtbare Zusammenbruch des Welt­krieges mit sich gerissen hat, eins blieb .bestehen, unser Staat hat den ungeheuren Ansturm einer Welt gegen uns überdauert. Für ihn wollen wir leben, für ihn wollen wir kämpfen, daß er wieder werde ein christlich-deutscher Staat.

Dr. Boelitz forderte Gleichberechtigung für Deutsch­land und kam auch auf die Frage des Auslands­deutschtums zu sprechen, eine Frage, für die der Gustav-Adolf-Verein während der ganzen Zeit «seines Bestehens stets besonderes Interesse bekun­det hat. Die Ansprache wurde mit dem gemeinsamen Gesang des Luther-LiedesEin' feste Burg ist unser Gott" geschloffen.

des Arbeitsschutzes, sie denkt nicht an die Zersetzung der begrifflichen Merkmale des Tarifvertrages. Allein die Erhaltung und Pflege der sozialen Errungenschaften und Einrichtungen bildet das Leitmotiv für die so stark kritisierte Verordnung. Die stillen und offenen Gegner der staatlichen Sozialpolitik sollten nicht vergessen, daß die Kultur eines Volkes nicht nach dem Lebensstande der oberen Volksklassen sich beurteilt, sondern nach den Da­seinsbedingungen der zahlenmäßig überwiegenden Masse. Gerade aus diesem Grundgedanken her­aus hält die Verordnung freilich auch eines für notwendig: nämlich sich dem Zwang zur Vereinfachung und Sparsamkeit in der gesamten sozialen Verwaltung zu unterwerfen. Vor der weiteren Aus­führung der Ermächtigungsverordnung werden die Beteiligten, insbesondere die Gewerk- schaften, gehört werden; auf ihre Mitwir­kung wird besonderer Wert gelegt.

Die Reichsregierung ist sich bewußt, daß sie die gegenwärtige Wirtschaftskrise und damit die Arbeitslosigkeit nicht allein mit gesetzlichen Vor­schriften bekämpfen kann. Rotwendig zur Heber- Windung der Rot ist besonders der Abbau des Mißtrauens, das heute weite Kreise bei uns lähmt. Rotwendig ist aber weiter d i e willige und tatkräftige Mitarbeit aller am Produktionsprozeß Beteiligten, also vor allem die Mitarbeit der Arbeitgeberverbände und der Gewerkschaften.

Der Cinzelhandel beim Reichskanzler.

Berlin, 17. Sept. (ERD.) Der Herr Reichskanzler empfing am 17. September als Vertreter der Hauptgemeinschaft des deut­schen Einzelhandels die Herren Heinrich Grün- seid, Kalbfuh -Darmstadt und Dr. Ti­burtius. Die Herren schilderten die Lage des Einzelhandels und entwickelten darauf Vorschläge für die Durchführung des Wirtschaftsprogramms der Reichsregierung. 3n der Aussprache hierüber trat die beiderseitige Auffassung hervor, daß eine Stärkung der Qualitätsleistung und Umsätze dringend notwendig sei, um für eine Belebung der Wirtschaft auch das Vertrauen und die Mitarbeit der großen kauf­männischen Mittelschicht zu gewinnen.

Hochschulnachnchlen.

Prof. Dr. rer. pol., Dr. phil. Friedrich Beck­mann in Bonn hat einen Ruf auf den durch den Tod von Prof. Dortkiewicz verwaisten Lehr­stuhl der Volkswirtschaftslehre an der Universität Berlin erhalten.

Als Rachfolger von Prof. G. Fischer wurde auf den Lehrstuhl für landwirtschaftliche Ma­schinenkunde der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin Prof. Dr.-3ng. Carl Hch. Dencker, Direktor des 3nstituts für landwirtschaftliches Maschinenwesen an den Landwirtschaftlichen Ver- fuchs- und Forschungsanstalten in Landsberg an I der Warthe berufen.

alle Bedenken ihrer Landsleute Lügen zu strafen, aber zuletzt hat sich der Fluch, dem die Madame Butterfly in der Dichtung erliegt, doch auch in der Wirklichkeit bewahrheitet: Tamaki Miura ist mit gebrochenem Herzen, in Elend und Schmach nach der Heimat zurückgekehrt, wo sie nur von ihrer Familie mitleidig aufgenommen wurde. Die junge Dame mit der Sllberstimme, die soviele entzückt hat, war als ganz junges Mädchen von ihren Eltern verheiratet worden und hatte zuerst Aufsehen er­regt, indem sie ihrem ersten Mann durchging, um mit dem jungen Biologen Dr. Miura eine zweite Ehe einzugehen. Dann bildete sie ihren Sopran aus, und verführerische Angebote aus den Ver­einigten Staaten veranlaßten sie, ihren zweiten Mann zu verlassen und auf den amerikanischen Opernbühnen als Madame Butterfly aufzutreten. In dem Glanz ihres jungen Ruhmes ging sie zu­nächst eine Verbindung mit ihrem Partner Theodore Kittay ein, der die Rolle des Leutnants Linkerton, des Liebhabers in der Oper Puccinis, spielte. Dann aber verließ sie ihn, weil sie sich in den schönen italienischen Dirigenten Aldo Franchetti verliebt hatte. Das Gbück der beiden war einige Monate ungetrübt. Dann aber unternahm Tamaki eine Gastspielreise nach Honolulu, und als sie in die Arme ihres Liebhabers zurückkehren wollte, erfuhr sie, daß sich Franchetti auf der Hochzeitsreise be­fand. Er hatte eine Schülerin Miß Maird geheiratet. Da war sie also verlassen und in ihrem tiefsten Gefühl verwundet wie die Heldin, die sie so treff­lich verkörpert hatte. Aber sie beging nicht Harakiri wie die Bühnenfigur, sondern sie tauchte nach kurzer Zeit in der Öffentlichkeit wieder aus und heiratete einen jungen Italiener, dessen Namen ver­schwiegen wurde. Dieses Gluck dauerte aber nicht lange. Die japanische Schönheit war rasch verblüht; sie war dick geworden, ihre Stimme hatte ihren Glanz verloren, und damit schwand auch ihre Be­liebtheit in den Vereinigten Staaten. Bald sah sich die einst so gefeierte Künstlerin dem Elend gegen­über, und es blieb ihr nichts übrig, als nach der Heimat zurückzukehren. Hier aber fand sie, daß ihr japanischer Gatte gestorben war, und erfuhr die offene Verachtung ihrer Landsleute, die chr die Verunglimpfung der Japanerin" auf fremden Bühnen nicht vergeben wollten. Gleich nach ihrer Heimkehr besuchte sie das Grab Miuras und brach an dem Hügel in Tränen zusammen. Aber man lachte nur, weil man das für einen Reklametrick hielt. So lebt sie denn jetzt in tiefer Verborgenheit, mit gebrochenem Herzen und muß ihr Schicksal er­dulden, das dem ihrer HeldinCho Cho San" sehr ähnlich ist.

London in 5000 Jahren.

Die Frage, wie sich eine Großstadt von heute dem Auge eines Zukunftsarchäologen darstellen wird, der nach 5000 Jahren auf ihre Spuren stößt, ob sie ihm soviel über unser Leben und unsere Kul­tur verraten wird, wie uns die Funde in Chai- däa und Ur kundtun, erörtert Prof. V a u f r e y vom Pariser Institut für Paläonthologie in einem englischen Blatte an dem Beispiel Londons:Vor­ausgesetzt, daß Ausgrabungen die einzige Quelle des Wissens sein werden, fürchte ich, daß man zu sehr seltsamen Resultaten gelangen wird, und daß wir der Zukunft nur wenig Material für die For­schung hinterlassen werden. In 5000 Jahren, glaube ich, werden die Bauwerke aus Zement vollständig in Staub aufgelöst sein. Die Westminster-Abtei wird voraussichtlich bessere Aussichten haben, in erkenn­barem Zustande fortzuleben. Moderner Zement ist weniger dauerhaft in dieser Hinsicht und ebenso stehen geschichtete, gepreßte Steine den handbehaue- nen nach. Den einzigen Trost bieten die Münzen, die mit der Stiftungsurkunde zugleich vergraben werden. Und dann unsere Gräber! Man wird dazu neigen, sie in der Nähe der wichtigsten Ruinen zu suchen, während doch die Londoner Friedhöfe weit weg von ihnen liegen. Als sehr ungünstig wird es sich auch erweisen, daß wir von dem alten Brauch, Schmucksachen und Gegenstände des täglichen Le­bens mit dem Toten zu begraben, abgekommen sind. Eine Quelle des Irrtums werden auch die von Sammlern aufgehäuften Antiquitäten bilden, z. B. wenn man neben elektrischen Drähten eine Samm­lung von Zinnleuchtern und Lampen innerhalb des­selben Gebäudes finden wird. Man dürfte bann ge­neigt fein, den Bau zeitlich viel früher anzufetzen. Was London als ein Ganzes anbelangt, fo würde ich es nach dem obigen Grundsatz in die Zeit der Laternenpfähle versetzen. Sehr wenig wird über un­sere Kleidung bekannt sein. Die Toten werden nicht in Kleidern beigesetzt und die auf Leinwand gemal­ten Bilder werden uns nicht allzu lange überleben. Die Höhlengemälde haben besser für die Nachwelt gesorgt. Ebenso schlecht schneidet unser neuzeitliches Papier bei einem Vergleich mit dem.Papyri der Alten ob. Voraussichtlich werden einige der Kriegs­denkmäler und der früheren Monumente übrig blei­ben. Aber wenn sich dieNadel der Kleopatra" un­ter diesen befinden sollte, wird es eine arge Verwir­rung unter den die Zeit der Funde feststellenden Archäologen geben. Und es kann auch geschehen, daß nach 5000 Jahren unsere heutigen politischen Grö- ßen in die Zeit Wellingtons und der ersten Eisen­bahnen versetzt werden?