Aus Oer prvvinzialhauptstaOt.
Gießen, den 18.Oktober 1932.
Tänze Ange Bach ...
Den vielen Freunden wahrhafter Tanzkunst, die sich am Sonntagvormittag im Lichtspielhaus Bahnhofstraße einfanden, beteitete Ange Bach leine Gießenerin) eine feine und stilvolle Stunde. Sie offenbarte sich als durchaus ernsthafte Künstlerin und ließ dies schon in ihren ersten Schritten fühlen. Prädestiniert durch ihre Erscheinung, unterstützt durch eine sichtlich sorgfältige Ausbildung, außerdem aber bei aller äußeren Disziplin von einem großen Eifer erfüllt, schuf die Künstlerin schnell eine Verbindung zwischen sich und den Zuschauern, die gerne den harmonischen Bewegungen, dem einfachen Ablauf mancherlei Geschehens auf der Bühne folgten.
Das Programm war in drei Teile gegliedert, und zwar in einen „Hellen Kreis", in einen »Dunklen Kreis" und einen „Bunten Kreis". Es war unschwer und auch ohne einführende Vorrede zu erfühlen, daß es sich bei den Tänzen des Hellen Kreises um eine einfache, klare Lleber- tragung musikalischer Werte in tänzerische 'Bewegung handelte. Der dunkle Kreis vereinigte Tänze, die Ausdruck problematischer Gedanken sein wollten, während die Musik mehr in den Hintergrund trat und mehr rhythmus- als form» bestimmenden Einfluß hatte. Der bunte Kreis brachte den „Tanz an sich", jenen Tanz, der auch ohne Musik Erlebnis widerzuspiegeln vermag, also den absoluten San^ der ja eigentlich das Ziel jedes tänzerischen sollens sein müßte.
Ange Bach tanzte ohne jede Liebertriebenheit und weitab jeder gekünstelten ballettosenhaften Technik. Jede Bewegung war auf bewußte Einfachheit abaestellt. Mit geringsten Mitteln erreichte die Künstlerin den Zweck jeder tänzerischen Interpretation, die Seele des Zuschauers mitschwingen zu lassen. So hatte man schon zu Beginn Anlaß, sich zu freuen über die Kreation! „Kraftvoll", welche die Tänzerin recht überzeugend gab. Zweifellos aber entsprechen die Tänze „Sehr leicht", „Froh bewegt", „Innig" mehr ihrer Persönlichkeit, weil sich darin gleichzeitig eine Fülle jugendlicher Beschwingtheit Ausdruck verschaffen konnte. Sehr eindrucksvoll, vor allem sehr sicher gestaltete die Künstlerin das „Kampflied". In schroffem Gegensatz hierzu stand die Darbietung „Ditte". Viel Demut, viel Liebreiz, Ergebenheit und lebendiger Wunsch waren hier in harmonisch fließender Bewegung klar versinnbildlicht. Eine der eindrucksvollsten Darbietungen war aber „Einsamkeit", ein Tanz, der neben Trauer und Entsagung temperamentvolle Ausbrüche brachte.
l1?? ließ Gegenwartsstimmungen lebhaft ankftngen.
Einer leichteren Muse war der „Bunte Kreis" ^n ersten Tanz dieser Gruppe, «Rhythmen", bestritt die Künstlerin ohne Musik. Freundlich, heiter klang in Musik und Bewegung das „Fröhliche Lied", weniger ernsthaft erschien das etwas fragmentarische „Hexenmärlein", um so besser aber wieder das leicht groteske Tanzspiel k rr c m^t", das der Künstlerin herzlichsten Beifall brachte. Sehr angenehm berührte es, daß Ange Dach in der Wahl ihrer Kostüme eine glückliche Hand Erwies. Tüe Begleitung am Klavier hatte Fräulein Mimi Dock übernommen. Sie wurde ihrer Aufgabe höchst uneigennützig gerecht und ließ die Aufmerffamkeit auf die Tänzerin konzentriert. Das sehr dankbare Publikum erzwang eine Zugabe. Zum Schlüsse gab es viel Beifall und viele Blumen.
BornoNzen.
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute, 20 Uhr, 3. Vorstellung im Dienstagabonnement das Schauspiel „D e r 18. Oktober" von Walter Erich Schäfer. Spielleitung: Oberspielleiter Peter F a s s o t t. Pünktlicher Beginn. Während der ersten Szenen kann niemand eingelassen werden. Ende 22 Uhr. Morgen, Mittwoch, als 3. Vorstellung im Mittwochabonnement unter der Spielleitung von Karl Hey- s e r Erstaufführung des scharmanten Lustspiels „Roulette" von Ladislaus Fodor, in der deutschen Bearbeitung von Siegfried Geyer. Spieldauer von 20 bis 22 Uhr. Gewöhnliche Preise.
** Arbeitsjubiläum. Der Installateur Hermann Goß, wohnhaft Gartenstraße 3. kann am heutigen Dienstag auf eine 25jährige Tätigkeit beim städtischen Gas- und Wasserwerk zurückblicken. Von seinen Arbeitskollegen wurden ihm Ehrungen zuteil.
** E i n Achtzigjähriger. Am morgigen Mittwoch, 19. Oktober, kann Schneidermeister Conrad Oehler, wohnhaft Neustadt 8, bei guter Gesundheit seinen 80. Geburtstag begehen.
** Erinnerungsfeier an den Tod Gustav Adolfs. Der Hessische Minister für Kultus und BWungswesen hat verfügt, daß aus Anlaß des dreihunldertjährigen Gedcahtnisses des Heldentodes Gustav Adolfs in der Schlacht bei Lützen (6. November) in den hessischen Schulen vor evangelischen Schülern in einer der nächstliegenden Religionsstunden des Tages gedacht werden soll.
** Freie Lehrer st elle. Für einen evangelischen Lehrer ist an der Volksschule zu Climbach (Kreis Gießen) eine Stelle frei geworden. Eine Dienstwohnung ist vorhanden.
Kreistag desKreisesMittcheffenimSSD.
Der diesjährige Kreistag des Kreises Mittelhessen im Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband, der 19 Ortsgruppen aus Oberhessen, dem Lahn- und Dillgebiet umfaßt, wurde am vorigen Sonntag in unserer Stadt im Cafe Leib abgehalten. Der Kreistag wies mit 330 Teilnehmern einen außerordentlich starken Besuch auf. Er wurde eröffnet durch einen Sprechchor und einen Schargesang von 60 Iugendmitgliedern des Kreises. Krersvorsteher Ebel (Wetzlar) begrüßte die Teilnehmer. Kreisgeschäftsführer Schroeder sprach fobann über
die sozial« und gewerkschaftspolilische Lage.
Er ging zunächst auf die Rotverordnungs- politik der Regierung von Papen ein. Die Rotverordnung vom 14. Iuni 1932 habe scharfe Eingriffe in die Arbeitslosenversicherung gebracht. Das Verhältnis zwischen Beitragszahlung und Leistung in der Arbeitslosenversicherung sei unhaltbar. Die Angestellten mühten fordern, daß sie für sich das Recht bekämen, Ersahkassen für die Arbeitslosenversicherung zu errichten. Die Kaufmannsgchilfen müßten von der Reichsregierung erwarten, daß sie mit den ihr erteilten Ermächtigungen die Llngerechtigkeiten der bisherigen Rotverordnungspolitik auf sozialpolitischem Gebiet beseitigt. Scharf kritisierte der Redner die auf Grund der Rotverordnung vom 4. September möglichen Gehaltskürzungen bei Mehrcinstellungen. Das Einkommen der Kauf- mannsgehilfen sei in der Vergangenheit so stark gekürzt, daß eine weitere Verminderung die Existenzgrundlage schwer erschüttern würde. Die wirksamste Arbeitsbeschaffung für die Angestellten sei eine durchgreifende Regelung der Doppelverdienerfrage. Die Kaufmannsgehilfen wären nach wie vor bereit, Opfer zu bringen, was sie aber verlangen müßten, sei eine gerechte Behandlung. Zum Schluß gab der Redner Anweisung zur Durchführung der Arbeit auf sozialem gewerkschaftspolitischem Gebiete für die kommende Zeit.
Im Anschluß an das Referat faßte die Der- fammlung folgende
Entschließung:
„Die zum Kreistag des Kreises Mittelhessen im Deutschnationalen Handlungsgehilfen,-Derband am 16. 10. 32 in Gießen versammelten Kaufmannsgehilfen aus 19 Ortsgruppen Oberhessens, des Lahn- und Dillgebiets, erheben gegen die Rotverordnungspolitik der Reichsregierung schärf- stens Widerspruch. Sie erblicken in den Notverordnungen vom 14. 6. 32 eine ernstliche Bedrohung ihrer Existenzgrundlage. Die Ermöglichung neuer Gehaltskürzungen widerspricht dem Ziel der Wirtschaftsbelebung und führt die Angestellten in völlig wirtschaftliche und kulturelle Verelendung.
Die Versammelten erklären: Ingangsetzung der Wirtschaft, Behebung der Arbeitslosigkeit und Ausstieg sind bann nicht möglich, wenn biese durch Verelendung der breitesten Schichten der deutschen Bevölkerung erfolgen sollen. Die dem Linkernehmertum gewährten Llnterstühungen durch die Steuergutscheine, gehen zum erheblichen Teil auf Kosten der Arbeitnehmer. Der Arbeitslosenversicherung ist b c Versicherungschorakter genommen worden. Die Beiträge, die von den Kaufmannsgehilfen zu entrichten sind, stehen in einem ungerechten Verhältnis zu den Leistungen, die aus die Dauer von 6 Wochen beschränkt ftnb. Die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung und zur Arbeitslosenhilfe stellen in ihrer ungerechten Bemessung für die Kaufmannsgohilfen eine Son- devsteuer dar. Die Arbeitslosigkeit ist Dolksschick- sal. Zur Llnterstützung der Arbeitslosen müssen daher alle Volksteile, entsprechend ihrem Leistungsvermögen, herangezogen werden.
Don der Reichsregierung fordern die Kaufmannsgehilfen, daß die der Regierung mit Not
verordnung vom 4. 9. 32 gegebenen Ermächtigungen auf sozialpolitischem Gebiet nicht angewandt werden dürfen, um weitere Verschlechterungen der an sich schon bescheidenen sozialen Sicherungen der Kaufmannsgehilfen herbeizuführen. Die Versammelten erwarten vielmehr, daß die Llngerechtigkeiten auf sozialpolitischem Gebiet von der Reichsregierung mit Hilfe der Ermächtigungen beseitigt werden. So vor allem, die in der Angsstelltenversichevung ohne triftigen Grund verfügten Levstungskürzungen, wie die Herabsetzung des Kinderzuschlags vom 18. auf das 15. Lebensjahr. Sie erwarten ferner Maßnahmen, die echte Arbeitsbeschaffung bedeuten, so eine wirksame Verordnung gegen das Doppelverdiener- unwesen, gegen Avbeitszeitüberschreitungen usw. Sie fo-r-dern ferner die schnellste Verwirklichung der vordringlichen Forderungen, die die Verwaltung des Deutschnationalen Handlungsgehilfen- verbandes am 20. 3. 32 dem Reichstag vorlegte, insbesondere die Zulassung von Ersahkassen in der Arbeitslosenversicherung.
Die Kaufmannsgehilfenschaft wird sich jeder weiteren Verschlechterung ihrer Existenzgrundlage mit allen. ihr zu Gebote stehenden Mitteln widersetzen. Sie verlangt keine Vortelle gegenüber anderen Volksschichten. Was sie aber mit allem Rachdrnck und aller Schärfe von der Reichsregierung fordert und wofür sie bereit ist zu kämpfen, ist eine gerechte Behandlung aller Staatsbürger. Ohne Gerechtigkeit geht der Staat zugrunde."
Berichte und Wahlen.
Im weiteren Verlauf der Tagung folgte ein Be. richt des Kreisbildungsobmanns Schwarz über die 23Übungsarbeit Ferner berichtete Kreiswerbeobmann Effel über die Werbearbeit wobei er hervorhob, daß der Kreis Mittelhessen in der Werbearbeit an der Spitze aller Kreise im Gau Main- Weser marschiert. Einen sehr günstigen Bericht konnte Kreisjugendführer Bepperling über die Jugendarbeit geben. Anschließend folgten die Wahlen zum Kreisoorstanb. An Stelle des durch Verzug aus dem Kreise ausscheibenden Kreisvorsteher Ebel wurde Reuter (Gießen) als Kreisvorsteher gewählt, zu seinem Stellvertreter Essel (Friedberg), zum Kreiswerbeobmann Schwarz (Gießen), zum Kreisbildungsobmann Wißner (Marburg), zum Kreisrechner Kutzer (Gießen) und zum Leiter des Betriebsdienstes Leclerc (Friedberg).
Nach den rein geschäftlichen Erörterungen der Tagung hielt Gauvorsteher A ue rb a ch-Frankfurt a. M. ein Referat über das Thema
„Unsere Stellung zur autoritären Staatsführung".
Der jetzige Kampf um die Neuordnung von Staat und Wirtschaft sei in ein entscheidendes Sta- bi um getreten. Der DHV. müsse zur Situation Stellung nehmen. Die verfassungsmäßig festgelegte Demokratie habe sich nicht als regierungsfähig erwiesen. Sie sei durch eine Art Präsidialregierung abgelöst worden. Der Parlamentarismus habe eine gradlinige Außenpolitik unmöglich gemacht, denn Parteienstreit und Jitteressentenherrschaft stellten das Staatswohl zurück. Nicht zuletzt deshalb fei der Ruf „Los von Weimar!" laut geworden. Der DHV. habe dieser Forderung schon sehr früh Ausdruck gegeben. Der DHV. wolle einen autoritären Staat, gleichwohl er sich zur gegenwärtigen Reichsregie- rung in Opposition befinde. Die Regierung von Papen wolle aber weniger den autoritären, als den autokratischen Staat. Dagegen nehme der DHV. Stellung. Gegensätze nicht unbedeutender Art beständen auch hinsichtlich der sozialpolitischen Maß- nahmen der Reichsregierung.
Die deutsche Außenpolitik sei bisher denkbar unglücklich geführt worden. Eine unglückselige Kon- tingentierungspolitik habe unmögliche Wirtschafts- Verhältnisse selbst mit befreundeten Staaten heraus- beschworen. Eine autarke Wirtschaftspolitik sei der Tod des deutschen Volkes. Mll der innenpolitischen
Reinigung des Staatsapparates vom Marxismus und mit den Maßnahmen in wehrpolitischer Hinsicht gebe man mit der Reichsregierung einig. Die Eingriffe in die Selbstverwaltung der Kommunen, insbesondere hinsichtlich der Sozialpolitik, erfüllten mit Mißtrauen. Der Einzelne müsse dem Gesamten dienen. Aufgabe des Staates fei es, in bestimmten Grenzen Einfluß auf die Wirtschaft zu nehmen, um die Gemeinschaft vor Ausbeutung zu schützen. Staatsaufsicht und Kontrolle seien nötig. Das dürfe aber nicht zur Wirtschaftsdiktatur führen. Der Staat als solcher müsse dem Arbeitenden in Zukunft liebenswert erscheinen und ihm nicht allenthalben feindlich gegenübertreten. Die Staatsform, die dem deutschen Volke not tue, müsse sich aus der Synthese eines autoritären Staates und der funktionalen (nicht der allein formalen) Demokratie organisch entwickeln. „Jedem das Seine!", müsse Grundsatz werden. Man wolle im DHV. die Anerkennung des Rechtes. Die Aufgabe eines autoritären Staates fei die Führung einer Außenpolitik die dem Volke den Lebensraum sichert. Innenpolitisch solle sich der Staat nicht mehr belasten, als unbedingt nötig ist. Das ständische Leben müsse seine eigene Form finden. Die Forderungen des DHV. führen zum Kampf um die Verwirklichung der berufständifchen Idee, die die Ueberroinbung der Formaldemokratie und
der Sozialreaktion zur Folge haben müßten. Der DHV. müsse sich auf seine alten Ideale besinnen und seine große geschichtliche Mission im Interesse des Volksganzen erfüllen. Das deutsche Volk brauche eine ständische Verfassung. Der DHV. müsse daran mitarbeiten. Deutsche Zukunft liege in der ständisch gegliederten neuen Ordnung von Beruf und Staat, nicht zuletzt aber in seiner unbedingten Einigkeit nach innen und außen. (Lebhafter Beifall.)
Der Abschluß.
Das Schlußwort sprach Gaubildungsobmann Arndt, Frankfurt a. M. Er faßte das Ergebnis der Tagung zusammen und wandte sich dabei besonders an die Iugend im Verband, für die es gelte, zu erkennen, daß unter Llmständen mit den größten Opfern die Freiheit Deutschlands erkämpft werden müsse. Das gemeinsam gesungene Verbandslied beschloß die Kundgebung. Rachmittags hatte die Ortsgruppe Gießen die Kreistagsteilnehmer und die Mitglieder der Ortsgruppe Gießen zu einem geselligen Beisammensein eingeladen. Die Musrkergilde der Ortsgruppe, der Frauen- und Männerchor, die Turnergilde und die Iugendabteilung der Ortsgruppe trugen .zur Ausgestaltung des Festnachmittags bei. Vertrauensmann Schwarz hielt eine Ansprache. Tanz beschloß den Tag.
Was gibt es Neues in Berlin?
Unpolitischer Brief aus der Reichshauptstadt.
„Das dumme Ding."
Die Kinderkrankheiten des erwachsenen Menschen nehmen bis zur zweiten Kindheit kein Ende. Dies offenbart uns immer wieder, in Abständen, die ruhig etwas länger fein dürften, als^ sie sind, die Mode. Eine Zeitlang — es ist gar nicht fo lange her — trieb man es mit einem angeblich chinesischen Spiel namens Mah-Jongg, bann machten sich mehrere Kartenspiele — von Romins bis Bridge — im häuslichen Leben breit, und nun haben wir' die letzte, wenn auch die unkomplizierteste dieser Seuchen ii^-Gestailt von Po-Po.
Woher es eigentlich kommt? Die genaue Abstammung dieses Spieles weiß, glaube ich, kein Mensch. Eingeschleppt wurde die Epidemie jedenfalls von Paris. Jetzt zieht sie in Berlin ihre Kreise und fordert stündlich neue Opfer. An jeder besseren Straßenecke steht ein Mann mit einem Pappkarton und bietet den Vorübergehenden „H i e r n o ch d a s neueste U n t e r ha l t u n g sf pi el!" an. Ernsthafte Männer stehen, ein wenig beifeit’, aber nicht gar zu weit, sie starren angespannt auf diesen kleinen Gegenstand in ihrer Hand und versuchen ihn ... Geht es? Ja wirklich, es geht schon ganz schön. Und bei etwas unfreundlicher Witterung finden diese Hebungen nicht auf der Straße statt, sondern i m ersten Po-Po-Klub, der sich in Berlin aufgetan hat. Auf diesen Klub haben wir alle gewartet! Abend für Abend ist er gedrängt voll. Ein Brett <Äi der Wand beherbergt gleich im Eingangsraum diese „Sportgeräte". Teils sind sie fertig gekauft, aber es gibt auch Leute, die auf ihr eigenes Fabrikat schwören. Man sieht putzige Dinger dort, fabriziert aus den sterblichen Ueb erlösten eines Schildpattkammes oder einer alten Grammophonplatte. Und im Hauptsaal, begleitet von den Klängen eines Klaviers, stehen dann diese Kinder im Alter von 4 bis 40 Jahren und üben Po-Po, wenn es geht, ohne Unterbrechung und, wenn es hoch kommt, mit allen zehn Fingern zu spielen.
Nebenan hat sich die theoretische Abteilung breit- gemacht. Es ist, wenn man sich fo ausdrücken darf, eine Vereinigung ernster Po - Po - For - scher. Erhitzt diskutieren sie die Herkunft ihres Sportes, ©ajon die alten Asgypter haben ihn zweifellos gekannt. Andere wollen den Kaiser Cali- gula als Urvater dieser edlen Betätigung ansshen. Zwischendurch wird allerdings bekannt, daß Napoleon auf St. Helena und der greife Goethe in Weimar dieses Spielzeug zu ihren liebsten Gebrauchs- gegenständen gezählt haben sollen. Sogar Götz von Bettichingen soll trotz seiner eisernen Hand und seinem bekannten ungebärdigen Wesen ein Fanatiker dieses Sportes gewesen sein, und Falstaff hat, so versichern uns diese Leute, beim Po-Po-Spiel mindestens zehn Pfund seines Gewichtes eingebüßt.
Die Praktiker aber veranstalten indessen richtige
Wettkämpfe. Der Berliner Rekord wird verkündet: 345 mal ist das runde Ding ohne Unterbrechung an feiner Schnur auf- und abgeglitten. Wer überbietet diese Leistung? Wer wagt es? Ein achtjähriger Junge, eine angejahrte Dame und ein Rechtsanwalt in der Blüte feiner Praxis fordern den Titelhalter heraus. Und wer beim Besuch dieses Klubs noch nicht genug bekommen hat, der gehe in ein Lokal, das soeben im Westen Berlins unter dem Namen „D a s dumme Ding" entstanden ist. Dort werden allabendlich von Amateuren und Professionals große Schaustellungen mit Po-Po dar- geboten... „Das dumme Ding" — in der Tat!
Enoch Arden unter den Elefanten.
Elefanten haben bekanntlich nicht nur ein dickes Fell, sondern auch eine robuste Lebensdauer. Wenn sich ihre Haut auch schon in jungen Jahren runzelt, wenn sie auch schon von Kindesbeinen an Grauköpfe sind, so werden sie doch oftmals älter als die ältesten Leute. Wobei sie sich augenscheinlich so wohl fühlen, daß man schon wirklich von voller körperlicher und geistiger Frische sprechen kann.
Einer schien nun eine Ausnahme zu machen, und dies war der älteste Elefant des Berliner Zoologischen Gartens, sozusagen der Oberelefant, der Re- nommierelefant Karl. Seit längerer Zeit schien er an Herzschwäche zu leiden. Man hatte ihm schon einige gigantische Spritzen in feinen Riesenleib jagen lassen. Als aber neulich der Obertierarzt mit besorgter Miene aus dem Käfig trat, sickerte es durch: Elefant Karl ist nicht zu retten. Da er aber gutwillig feinen Geist nicht -aufgeben wollte, beischloß man, ihn durch einen Gnadenschuß von feinem Leiden zu erlösen. Schon lud der Jäger die Flinte — einige Tage waren inzwischen vergangen — da vernahm man aus dem Hause der Elefanten erstaunliche Kunde. Karl war eines Morgens offenbar völlig gesund und ohne jegliches Anzeichen seiner Beschwerden von feinem Krankenlager aufgestanden, er tobte in feinem Käfig herum und suchte mit feinem Rüssel ungestüm nach einem passenden Frühstück. Eine sofort angestellte Konsultation ergab, daß von ernstlicher Erkrankung kaum noch die Rede sein konnte. Die Srrettion des Zoologischen Gartens warf also die Flinte, die Karl den Fangschuß geben sollte, ins Korn und öffnete ihm das Gitter, um ihm einen Besuch bei seiner Gattin Lindy zu gestatten, von der er schon vor Wochen, als es bergab mit ihm ging, bewegten Abschied genommen hatte. Und die staunenden Zuschauer, die sich an diesem Morgen im Zoo eingefunden hatten, konnten das rührende und gewiß nicht alltägliche Schauspiel erleben, wie ein totgeglaubter indischer Riesenelefant, sich, seiner Gattin und der Versicherungsgesellschaft des Berliner Zoos zur Freude, als zweiter Enoch Avden in sein altes Heim einziehen konnte, um seine Gattin, bildlich gesprochen, in die Arme zu schließen.
Buntes Allerlei.
Ein Herkules-Baby.
Der 2Vejahrige Eugen Dencivengv, der mit seinen Eltern zu Albany im Staate Reuyork lebt, gibt rächt nur diesen viel zu denken, fonbem erregt auch seit seinem zartesten Alter die Derwun- derung der Aerzte. Der Kleine, der aber gar nicht Lein ist, denn er mißt schon 92 Zentimeter, wird allgemein das „Herkules-Baby" genannt und gilt für den „stämmigsten Iungen" der Welt. Er wiegt 100 Pfund. Als der neue Herkules das Licht der Welt erblickte, zeigte die Waage ein normales Gewicht von sieben Pfund an. Aber zwei Wochen später wog der Säugling schon 20 Pfund, und die besorgten Eltern wandten sich an einen Arzt. Dieser aber konnte nichts Llngewöhn- liches an dem Kinde entdecken, das erstaunlich rasch an Größe und Leibesumfang zunahm. Ie schneller sich Eugen entwickelte, desto mehr Gelehrte kamen, um sich das Raturwunder zu besehen. Er wurde gemessen, durchleuchtet, in jeder Weife untersucht, aber während man sonst gewöhnlich bei solchem Wachstum eine unnormale Tätigkeit der Drüsen feststellt, war hier nichts Derartiges zu bemerken. Eugens Organismus ist vollkommen der eines gesunden Kindes mit der alleinigen Ausnahme, daß er seinen Altersgenossen an Kräften und Llmfang um viele Iahre voraus ist. Llngewöhnlich ist auch sein Appetit. „Roch niemals habe ich einen Iungen so viel essen sehen", berichtet seine Mutter. „Er ist der Erste bei Tisch und der Letzte, der aufsteht. In der Zwischenzeit macht er sich über alles Eßbare her und verzehrt unzählige Butterbrote. Am liebsten ißt er Makkaroni und Kartoffeln, während er Fleisch und Geinüse ablehnt. Seine Kleidung macht mir beständig Kopfzerbrechen, denn kaum hat er einen neuen Anzug bekommen, so hat er ihn schon wieder ausgewachsen. Abends schläft er nur ein, wenn er noch eine Flasche mit Milch bekommt, und ohne Schnuller will er nicht stillliegen. Dagegen hat er für Spielsachen, wie sie andere Kinder lieben, kein Interesse. Für Teddybären, Gummibälle und Segelboote ist er zu groß! sie zerbrechen sofort in seinen kräftigen Hän- Len. Er liebt nur solche Spiele, bei denen eo
I seine Muskeln üben kann. Er trägf mir unermüdlich große Kannen mit Wasser, wenn ich Wäsche habe, und zieht seinen 4jährigen Bruder nebst andern Kindern auf einer Karre, die sonst nur ein ausgewachsener Mann von der Stelle bringt. Da er das Sprechen nur sehr schwer lernt, so glaubten wir, daß er geistig zurückgeblieben! sei, aber die Aerzte haben uns gesagt, daß er nur deshalb so schlecht spricht, weil er so wenig mit gleichaltrigen Kindern zufarnmenkommt. Er kann eben nur mit Großen spielen: feine Altersgenossen fürchten sich vor ihm."
Klavierspiel mit Wollhandschuhen.
Als man dem geistreichen englischen Arzt Dr. Iohnson einmal einen Hund vorführte, der darauf dressiert war, auf seinen Hinterfüßen zu gehen, rief er aus: „Großartig! Aber ich wünschte, daß sowas nicht möglich wäre." Das Gleiche möchte man von der Leistung eines amerikanischen Klavier-Virtuosen Henry Scott sagen, der dadurch berühmt geworden ist, daß er nur mit dicken wollenen Fausthandschuhen spielt. Riemals berührt er die Tasten mit den bloßen Fingern und behauptet, daß er dieser Bekleidung die außerordentliche Weichheit und Schönheit feines Anschlages verdanke. Mit diesen behandschuhten Händen bringt er in gleicher Weise eine Iazz-Komposi-- tion wie Liszts Zweite Llngarische Rapsodie zu Gehör und findet den nicht endenwollerrden Beifall seines Publikums. Auf diesen Trick, mit dem er viel Geld verdient, ist der beliebte „Scotty" durch einen Zufall gekommen. An einem kalten Wintertoge langte er vom Schlittschuhlaufen mit steif gefrorenen Fingern zu Hause an und setzte sich sofort an den Flügel, um etwas zu spielen. Er bemerkte zu seinem Erstaunen, daß die Handschuhe ihn nicht hinderten, sondern ihm eine gewisse Feinheit des Anschlags ermöglichten. Er hat dann diese Technik sorgfältig ausgebildet und glaubt, es dadurch zu einer großen Vollkommenheit des Spiels gebracht zu haben. Bekannte Pianisten erklärten, daß sie nicht verstehen, wie überhaupt auf diese Weise ein erträgliches Spiel zustande kommen kann.


