Nr. 166 Zweiter Blatt
Tießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Montag, 18. Zuli 1952
Die neue berliner MverWs-zraiienklinik.
Die Außenansicht Ver neuen Klinik, die eine Front von 135 Meter Länge besitzt. — Unten rechts: Der bekannte Gynäkologe Geheimrat Professor Dr. Stöckel, der die Leitung des Instituts übernimmt. Alle Raume besitzen große Schiebefenster, wodurch die Zimmer in ganz kurzer Zeit in eine offene Liege- Holle umgewandelt werden können. Das Dach ist als Promenade und Freiluft-Liegeplatz für Genesende gedacht.
Es wird weniger geraucht.
Starker Konsumrückgang im Tabakgewerbe als Folge von Wirischaflönoi und verfehlter Steuerpolitik.
50 Jahre Landsmannschaft Chattia.
Oer Festkommers. — Oer Festakt in der Aula.
Je länger die Wirtschaftskrise andauert, je mehr Menschen aus dem Produktionsprozeß ausgeschaltet werden, je stärker die Einkommen der Erwerbstätigen absinken, desto mehr schrumpft der Konsum zusammen. Alle Derbrauchsmittelindustrien bekommen heute diese Rückwirkungen der Minderung des Volkseinkommens zu spüren. Cs ist jedoch auch selbstverständlich, daß in bezug auf den Grad des Verbrauchsrückgangs ein Llnterschieb besteht zwischen Industrie- und Handelszweigen, die den unentbehrlichen Bedarf der Vevölkerung befriedigen, und solchen, die Genußmittel oder gar Luxusgegenstände erzeugen und vertreiben. Freilich ist der Cßegriff der Llnentbehrlichkeit auf dem Gebiet des Konsums oft ziemlich kompliziert. Der eine Verbraucher sieht Dinge als lebensnotwendig an, die dem andern als durchaus entbehrlich erscheinen.' Der Raucher z. B. wird erst sehr viele anderen Sparversuche machen, bevor er sich die gewohnte Zigarre, Zigarette oder Pfeife versagt. Seine wirtschaftliche Lage muß sich schon sehr erheblich verschlechtert haben, wenn er sich dazu entschließt, feinen Rauchwarcnkvnsum einzuschränken. Aber bei einer Minderung des Volks- eineommens, wie sie sich gegenwärtig in Deutschland vollzieht, mutz notwendigerweise auch der Tabakronsum in fühlbarer Weife zurückgehen, und das um so mehr, als ja der Staat bei seiner Steuerpolitik auf die leeren Geldbeutel der Raucher keine Rücksicht nimmt, sondern den Tabak mit Len denkbar höchsten Steuersätzen belastet. Ob das heute noch richtig und klug ist, darüber wird der Finanzminister künftig sehr angestrengt nachdenken müssen, denn die zu hohe Labalsteuer bewirkt in schlechten Zeiten, wie wir sie gegenwärtig durchleben, einen so starken Verbrauchsrückgang. daß die Steuererträge weit hinter den gehegten Erwartungen zurückbleiben.
Tas Gesamtaufkommen aus der Tabak st c u e r ist im Rechnungsjahre 1931 z32 bereits um 106,09 Millionen Mk. gefallen. Es bleibt um 13,6 Prozent hinter dem des Vorjahrs zurück. 3n diesem Ausmaß haben also die Raucher ihren Konsum trotz Rauchgewöhnung unter dem Druck des Mindereinkommens bereits ein» schränken müssen. Die meisten hören zwar nicht auf, dem geliebten „Laster" zu fröhnen, aber sie rauchen weniger und vor allem billigere Rauchwaren. Der Wert der versteuerten Tabak-
erzeugnisse ist im letzten Rechnungsjahre von insgesamt 2,73 auf 2,24 Milliarden Mark gesunken. Am stärksten war der Konsumrückgang der Zigarre, der 23,4 Prozent betrug . Der Verbrauch an Zigaretten ist um 16 Prozent, der an Rauchtabak um 11 Prozent zurückgegangen. Was das für die betroffenen 3n» dustrien und den Handel bedeutet, geht daraus hervor, daß der Ausfall an Llinsah bei der Zigarre 215, bei der Zigarette 233 und beim Rauchtabak 33 Millionen Mark ausmacht. Dem Staate entging dadurch eine Einnahme von beinahe 117 Millionen Mark.
Ein etwas anderes Bild zeigt der mengenmäßige Rückgang des Tabakverbrauchs. Es sind im letzten (Jahre beinahe 990 Millionen Stück Zigarren, 1367 Millionen Stück Zigaretten und 70000 Doppelzentner Rauchtabak weniger als im Vorjahre versteuert, also geraucht worden. Weitaus am geringsten war die mengenmäßige Verbrauchseinbuße bei der Zigarette. Sie machte nur 4,7 Prozent aus gegenüber 13,8 Prozent bei der Zigarre. Entweder sind also die Zigarettenraucher weniger sparsam als die Zigarrenraucher, oder aber es sind noch mehr Raucher von der Zigarre zur Zigarette übergegangen. Sicherlich beschleunigt auch die Wirtschaftsnot das Vordringen der Zigarette, denn die Ausgabe ist hier beim Ginzeleinkauf meist weniger fühlbar. Geldmangel und Sparnotwendigkeit wirken sich jedoch auch im Zigarettenhandel heute ganz erheblich aus, aber vorwiegend in der Weife, daß immer billigere Zigaretten gekauft werden. Während im Vorjahr noch über die Hälfte des Gefamtverbrauchs auf die 5-Pfennig-Zigarette entfiel, sind jetzt schon 45 Prozent der Zigarettenraucher zur 3,5-Pfennig-Zigarette übergegangen.
Der Rückgang des Tabakkonsums und die Wendung der Verbraucher zu immer billigeren Tabaksorten wird andauern, bis der Steuerfiskus vielleicht einmal einsehen wird, daß eine Liebersteigerung der Verbrauchsteuersätze in wirtschaftlich schweren Zeiten ein Fehler ist, weil sie zu übermäßiger Konsumschrumpfung führt. Es ist zwar ein alter Grundsatz, daß der Tabak bluten muh, wenn der Staat Geld braucht. Läßt man aber den Raucher wirtschaftlich verbluten, so versiegt schließlich auch diese einträgliche Steuerquelle.
Am Samstagabend und am gestrigen Sonntagmittag trat die Landsmannschaft Chat» t i a anläßlich ihres 5 0. S t i f t u ngs s e st e s mit zwei Veranstaltungen über den Rahmen ifjrer Verbindung heraus. Bei dem stark besuchten
Festkommers im Klub
am Samstagabend weilten zahlreiche Gäste unter den Chatten, bei denen man denkwürdige, schöne Stunden deutscher studentischer Geselligkeit verleben konnte. Rach dem Einzug der Chargen entbot der Erstchargierte stud. theol. Wagner mit herzlichen Worten den Willkommengruh, mit dem er eine Huldigung für die starke Kraft des Dundesgcdankens und ein Bekenntnis zum deutschen studentischen Geist verband. Besonderen Gruß brachte er dem einzigen noch lebenden Gründer, ferner dem A H. Landtagspräsidenten Prof. Dr. Werner (Butzbach), Sr. Magnifizenz dem Rektor Prof. Dr. V a n s e l o w, und den übrigen Herren des Lehrkörpers, wobei er das gute Einvernehmen zwischen der Dozentenschaft und den Studenten, insbesondere mit den Chatten feierte, Bürgermeister Dr. Seid als Vertreter der Stadt Gießen, der die Chattia viel zu danken habe und mit der er sich eng verbunden fühle, weiter den Vertretern der befreundeten Landsmannschaften und den übrigen Ehrengästen.
Die Rede auf die Alten Herren und die Deutsche Landsmannschaft hielt stud. phil. Gräf. Er wies zunächst kurz auf die Gründungsgeschichte der Landsmannschaft Chattia hin und betonte bann, daß aus dem kleinen „Blümchen" mittlerweile ein großer knorriger Baum geworden sei, der fest in der hessischen Heimat verwurzelt sei. Mit dem Ausdruck der Anerkennung und des Stolzes feierte er weiter die Leistungen der Altherrenschaft für den Bund und feine ideale, und er dankte dabei namens der Altivivas den Alten Herren für alles, was sie an den (Jungen und an dem Bunde bisher getan haben. Er versprach im Ramen der Aktiven, daß sie unter dem Wahlspruch „ Freundschaft und Treue" nach dem Vorbild der Alten Herren wirken würden, um das Werk der Alten Herren fortzu- führen. Sodann feierte er die Deutsche Landsmannschaft mit ihrem vorbildlichen Wirken, das darauf gerichtet fei, die echte deutsche Volksgemeinschaft innerhalb der Landsmannschaf ter zu schaffen und zu vertiefen. Der hohe Geist der Deutschen Landsmannschaft fei heutzutage besonders nötig, wo zahlreiche Deutsche immer noch nur an Völkerverbrüderung dächten. Der Deutsche Landsmannschaftergeist wolle das Rationale in der Erfassung aller Deutschen, das Soziale in der Erfassung aller Volksgenossen ohne Änterschied des Standes und der Partei zur Pflege echt deutscher Art und Sitte, in einer wahren Volksgenreinschaft im (Innern und in einem mächtigen Deutschen Reich nach außen. Zur Erreichung dieser Ziele widme sich die Landsmannschaft eifrig der körperlichen Stählung ihrer Mitglieder. (Ihre Schlägermensuren werde sie sich von niemand verbieten lassen, am wenigsten von Leuten, mit denen sie nichts zu tun habe und deren Weltanschauung im Wider- spruch zu der ihrigen stehe. Er feierte zum Schluffe die enge landsmannschaftliche Verbundenheit, betonte die Ablehnung von parteipolitischen und religiösen Bindungen, den Ausschluß von Weltanschauungen. die mit dem deutschen Wesen unvereinbar sind, den Schuh und die Erhaltung unserer Kulturgüter durch Wahrung des rassischen Grundsatzes und das vorbehaltliche Bekenntnis zu dieser Zielsetzung.
Hierauf sprach der Vorsitzende des Alt-Herren- verbandes, Zahnarzt Dr. Kühne, Wetzlar, zunächst in Ehrfurcht und Dankbarkeit der Gründer des Bundes gedachte und sodann mit Genugtuung hervorhob, daß der Geist, der bei der Gründung des Bundes herrschte, sich erfreulicherweise von Generativn zu Generation fortgepflanzt habe bis auf den heutigen Tag. Er würdigte sodann die Schwierigkeiten dieser Rotzeit für die Aktivitas und deren trübe Aussichten für die Zukunft,
wobei er namens der Alten Herren die Zusage gab, daß sie den Aktiven stets nach bester Möglichkeit als Förderer, Helfer und Berater zur Seite stehen würden. Weiter wies er auf die opferbereite Chattentreue für Volk und Vaterland hin, die sich in den Kriegsjahren besonders leuchtend offenbarte, und die auch für immer unverbrüchlich bestehen bleiben werde. Mit dem Wunsche, daß das Vaterland recht bald wieder groß, frei und stark werden ünd der (Jugend besser als heute Lebensraum und Kraft zum Wirken, starke Liebe zur heimatlichen Scholle schenken möchte, verband der Redner die Aufforderung zu einem kräftigen Salamander auf das geliebte deutsche Vaterland. Anschließend folgte der gemeinsame Gesang des ersten Verse« der Rationalhymne.
Die Glückwünsche und Grüße der Landesuniversität überbrachte Se. Magnifizenz der Rektor Prof. Dr. V a n s e l o w. Er erinnerte einleitend daran, daß er vor kurzem der Darmstadtia> gesagt habe sie fei eines der liebsten und angesehensten Kinder der Alma mater Ludoviciana, und betonte bann, bas gleiche könne er auch ber Lanbsrnannschaft Chattia sagen. Die Universität fühle sich mit den Chatten eng verbunden und wünsche, daß der Chattia nach dem ersten Halbjahrhundert, das reich an stolzer Tradition war, weiterhin alles Glück zuteil werde, das der Bund erhoffe, daß ihm die hoch angesehene Stellung im Rahmen ber Universität auch in Zukunft erhalten bleiben möchte. Der Rebner ging benn noch kurz auf die Stellung bes Verbindungswesens und des Wasfenstudententums im Rahmen der Universität ein, die sich der Erziehung des jungen Mannes zum Bürger und zur Persönlichkeit zu widmen hätten und damit eine Lücke ausfüllen müßten, die von der Universität nicht geschlossen werden könne. Darum sei die Gemeinschaft der (Jugend in der Verbindung und insbesondere im Waffenstudententum zu begrüßen Die Verbindung, für die natürlich auch die Altherrenfchaft maßgebende Bedeutung habe, fei der Hort, wo die (Jugend unter Gleichgesinnten wahre Lebensfreude und Erholung nach ber Arbeit finde. Mit ber Qlufforberung an bie (Jugenb, trotz ber Schwere ber Zeit den Optimismus nicht zu verlieren, verband der Redner noch den Wunsch, daß bald wieder bessere Zeiten kommen möchten, in denen auch die (Jugend wieder mehr Freude als jetzt empfinden könne.
Bürgermeister Dr. Seid brachte die Grüße und Glückwünsche der Stadt und der Bürgerschaft zum Ausdruck, wies auf die guten und inniaen Beziehungen zwischen der Chattia und der Gießener Einwohnerschaft hin, feierte die wertvolle Erziehungs- arbeit in den studentischen Korporationen an der Jugend, die Pflege des Gemeinschaftsgeistes und wünschte der Chattia eine weitere gute Aufwärtsentwickelung und den Fortbestand des bisherigen guten Verhältnisses zwischen den Bürgern und den Chatten.
Weitere Glückwunschansprachen hielten sodann Vertreter der Landsmannschaften Teutonia auf der Schanz-Frankfurt a. M., Hasso-Borussia-Darmstadt, OLC., Merovingia und Darmstadtia-Gießen, VAL.« Gießen, VAL.-Friedberg und OLC.-Marburg.
Frohgestimmte Geselligkeit bei frisch-frohem Gesang von Studentenliedern umrahmte die Ansprachen und füllte weiterhin die Stunden des Beisammenseins in schönster Weise aus.
Oer Festakt in -er Aula.
Am Sonntagmittag 12 Llhr setzte sich vom Chattenhause in der Licher Straße ein Festzug von imponierender Größe durch eine Anzahl Straßen nach der Llniversität in Bewegung. In der Aula begann dann um 12.30 Llhr ein eindrucksvoller Festakt.
Rach dem feierlichen Einzug der Chargen mit der Fahne und dem Festmarsch von C. M. von Weber sprach A.H. Professor Dr. Gräf (Offenbach) einen von Frau Dekan Lehn (Offen
Mein erster Adler.
Von Ernst Wiechert.
(Ich war dreizehn Jahre alt und aus der Stadt zu den Sommerferien nach Hause gekommen. Gs war so, als hätte der Engel vor dem Tor des Paradieses das Schwert geserckt und zu Adam gesagt: „Komm zurück, es war ein Irrtum". Wir hatten einen neuen Forstaufseher bekommen, und er empfing uns, meinen Bruder und mich, mit den Worten: „Guten Tag. Einer von euch darf einen Adler schießen". Es gab Wunder genug in unseren Wäldern, aber es dauerte eine Weile, bis wir dieses Wunder begriffen. Wir sahen uns an, mein Bruder und ich, und in diesem Blick fühlten wir, daß Böses und Schmerzliches unter diesem Wunder lag: einer mußte verzichten. Keiner würde es freiwillig tun, benn für einen Adler hätten wir unsre Seligkeit verkauft. Wir sprachen wenig miteinander, aber mit jedem Blick wußten wir, was jeder dachte. Am zweiten Tag mußten wir losen. Mit Grashalmen, wie sich das im Walde gehörte. Lind ich verlor. (Ich starrte auf meinen Halm und bann auf ben meines Brubers: es war kein Zweifel, bah ich verloren hatte. Es war selbstverständlich, baß ich weinte. Lind heute, wenn ich die dreißig Jahre zurückblicke, ist es mir auch selbstverständlich, daß ich mich gegen mein Schicksal auflehnte. Ich wußte damals noch nicht, daß jedes Schicksal gut ist. (Ich sah auf meinen Lieblingsplähen in ben Wäldern und grübelte. Drei Tage lang. Lind am dritten nahm ich einen großen weihen Bogen aus dem Schreibtisch meines Vaters und schrieb: „(Ich verspreche und gelobe bei meiner heiligen Ehre..." So fing es an. Lind bann folgte die Liste aller Dinge, Besitztümer, Privilegien und Gerechtsame, die ich auf meinen Bruder übertrug, wenn er mir den Adler überlieh. Es waren vier Dogenseiten. So reich ist ein Kind. Don zwei Zauberringen, die ineinander zu schieben und wieder zu lösen waren, bis zu dem unbeschränkten Recht auf Führung meines gezogenen Tefchings, 6Millim., belgisches Fabrikat, Fleck- schuß auf 100 Met. mit bet 3 Zentim. langen Win» chesterpatrone, fehlte nichts. (Ich war ein Bettler nach diesem Vertrag, ein waffenloser Krieger, ein Steinzeitparia. Aber ich würde eine Adlerfeder an der Mühe tragen. Lind mein Bruder verkaufte feine Erstgeburt. Lim mehr als ein Linsengericht, aber er oerfaufte sie. (Ich glaube, daß er es mehr
aus Güte tat als aus Lust an meinem Besitz. Lind ich schämte mich ein wenig. Richt so sehr, daß es quälend war, aber ganz unten in meiner Seele war eine dunkle Kammer an der ich scheu vor- überging. Erst viele (Jahre später habe ich sie aufgemacht.
Lind bann gingen wir eines (Julimocgens los, der große (Jäger und ich. Es war weiter als eine Meile. Betaute Wälder, über die die Sonne sich hob und in denen jede Spur und jede Stimme mir vertraut war. (Ich trug meines Vaters Doppelflinte und seine (Jagdtasche, und mein Herz schlug schon, als ich über die Schwelle unseres Hauses trat. Auch die Eroberung Amerikas konnte nicht viel anders gewesen fein. Ein Gang mit dem großen (Jäger war nicht leicht. Vieles mußte gewußt werden: jeder Vogelruf, jeder Dogelf lug, was es bedeutete, daß die Kiefernzapfen weit geöffnet auf dem Moos lagen und daß der Tau auf ben Spinngeweben funkelte, Windrichtungen unb jebe Fährte im Sanb: bas Alter der Bruchstelle an einem geknickten Zweig und das Alter der Schonung, durch die wir gingen. Es war nicht leicht, aber heute will mir scheinen, als ob ein Mensch in zwei solchen Stunden mehr lernen konnte als in einem ganzen Jahr der Untertertia.
Der Horst lag an einem See, einem dunklen Waldgewässer mit sumpfigen Rändern, von dem die Leute sagten, daß seine Liefe nicht zu messen sei. Kraniche riefen von seinem Ufer, Bäume waren übereinandergestürzt Forstbüsche wucherten, und die Luft war schwer und fremd, die Dschungelluft eines andren Erdteils. Lautlos schlich ich in ber Spur des großen (Jägers. Wir horten ben Adler schreien und lauschten. Es ist ein klagender, traurig fallender, ergreifender Schrei. Der Wald steht wie ein finsteres Gewölbe und fängt den Schrei auf. Seltsam ist es und rührt das Herz mit schwerem Atem an. Wie ein verbotener Weg ist nun alles, ein Einbruch in ein Heiligtum. Aber der Jäger winkt, und der. Adlerschrei ist verstummt. Wir stehen unter dem Horst, gedeckt von einem ßinbenbufd), unbeweglich, eine halbe Stunde lang. Roch einmal ruft in der Feme der Adler, und über uns, aus dem riesigen, dunklen Horst, antwortet die klagende Stimme des (Jungen, hoch und ängstlich wie die Stimme eines Rehkitzes. Ein weißer Kopf schiebt sich über ben Horstrand, fahl und häßlich wie ber Kopf eines Meergespenstes. Mahnend hebt der (Jäger die Hand, und dann pflückt er ein junges ßinbenblatt, hebt es an bie
Lippen, und nun ruft es von unten herauf wie ein junger Adler, klagender noch und wie in Not. Meine Augen fliegen durch den rötlich bestrahlten Wald. Mein Herz klopft, und ich sehe Adler überall. „Ganz ... rutygr' sagt der Jäger leise. Und dann ist er da. Lautlos Zuerst ein Schatten, der dunkel und groß über die Wipfel jagt. Und bann er selbst. Die riesigen Schwingen, der herabschießende Leib. Etwas Dunkles fällt in den Horst. Sekundenlang das Bild des Vogels auf einen grauen Eichenast. Sich öffnende Schwingen ... der Ast, der hinter ihm erbebt ... der Donner des verstörten Schusses ... Widerhall ... Schweigen ... vorbei ...
Was hilft es, daß der Jäger mich tröstet? Wir gehen zurück. Jeder Schritt ist ein Schritt durch ein Meer von Schande, Schmerz und Verstoßung. Vorbei. Der erste Adler vorbei. Mein Bruder lächelt nicht, aber in der Nacht in unserer Oberstube, als er mich leise meinen hört, sagt er ruhig: „Wenn du willst, kannst du noch einmal gehen!". Er hat seine Erstgeburt verkauft, aber nun verschenkt er sie. Ich weiß, daß er besser ist als ich, und ich liebe ihn sehr. Es ist dunkel, und er kann es ja nicht sehen, und so brauche ich mich nicht so sehr zu fdjämen.
Zwei Wochen später habe ich den Adler geschossen. Aber es hat mich nicht mehr gefreut. Er starb oor mir auf dem Moos, und die kleinen dreieckigen Federn in seinem Nacken bebten leise in seinem Tod. Es war die erste große Erfahrung meines Lebens: daß die Sehnsucht besser ist als der Besitz. Ich habe [eine Adler mehr geschossen, und wenn ich heute den großen und traurigen Schrei noch einmal höre, dann stehe ich lange still und lausche, und aus dem dunklen Tal der Erinnerung steht eine zweite Stimme auf, eine tiefe und ernste Stimme, die sich mit der hellen des Vogels verflicht: „Wenn bu willst, kannst du noch einmal gehen ..." Aber ich weiß nun, daß es nicht gut ist, noch einmal zu gehen.
Was die alten Staup-Säulen erzählen.
3n manchem Dörfchen ober Marktflecken steht noch eine alte Säule, oft schon verwittert unb verfallen, manchmal auch mit einer Figur geziert, bie eine Rute in der Hand hält Das sind Staup-Säulen. steinerne Zeugen einer fernen ®e- richtsbarleit, bie früher als Schanbmäler bes finsteren Mittelalters wohl versteckt unb vernichtet wurden, heute aber von ber Heirnat- forschung sorgfältig gepflegt unb erhalten werben. Wit ben schlesischen Staup-Säulen, die noch in
reicher Zahl vorhanden sind, hat sich in neuester Zeit bie Wissenschaft eingehender beschäftigt, unb man hat auch verschiedene dieser eigenartigen Denkmäler wieder hergestellt, so daß die alten Wahrzeichen jetzt einen neuen Glanz verbreiten. 3n den „Schlesischen Monatsheften" berichtet Architekt Fritz Wiedermann von dieser Erneuerung schlesischer Staup-Säulen unb erzählt dabei von diesen merkwürdigen Zeichen mittelalterlicher Gerichtsbarkeit. Sie finden sich in den Städten, aber auch in größeren Dörfern, die früher als Marktflecken die freie Gerichtsbarkeit besaßen. An dieses Dorrecht war der Begriff der Hoheit und Würde geknüpft, und die Staup-Säule war der sichtbare Ausdruck eines solchen Privilegs. Sie diente dazu, die kleinen Sünder zu bestrafen, während die großen der „peinlichen" Gerichtsordnung verfielen, die nur den Städten und den Landesfürsten zustand. Diebe, die zum erstenmal bei geringeren Vergehen betroffen wurden, Bäcker, die zu leichtes Brot verkauften, Weiber, die es mit der ehelichen Treue nicht genau nahmen, sie alle mußten mit der Staup-Säule Bekanntschaft machen, wurden mit Ketten oder Riemen an den Schaft der Säule gebunden und bekamen vom Scharfrichter, dem „Ruten-Mann", der manchmal auf der Spitze der Säule dargestellt ist, ihre Tracht Prügel. Schlimmer aber noch als diese Strafe war der Spott, mit dem die lieben Mitbürger den Sünder oder die Sünderin in ausgiebiger Weise bedachten. 3n jener derben Zeit, in der ein handfester Spaß erlaubt war unb das Schimpf-Lexikon einen großen Reichtum aufwies, war bie Verhöhnung bes ..Angeprangerten" ein Volksfest, an dem sich die Gassenjungen besonders eifrig beteiligten. Das Strafmaß richtete sich nach dem Dergehen. Die harmloseste Bekanntschaft mit dem Pranger bestand in einem Gang um die Säule, der einem Spießrutenlaufen nicht nachstand Schlimmer war es schon, wenn der arme Sünder einmal ober mehrere Male mehrere Stunden angebunden wurde und die ärgste Pein bestand in einem tagelangen Elnschmieden in den Halsring und die eisernen Stulpen des Prangers. Diese Prozedur muß zu ben qualvollsten Schindereien gerechnet werden. und so erzählen die heute so harmlos und würdig dastehenden Säulen von den Qualen unb Sragöbicn einer Zeit, die roher unb mitleibloser waren, als bie unsere.


