Original»Roman von Anny von panhuys.
Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig.
10 Fckrtsch. g. Nachdruck verboten!
Werner wünschte, sie sollte wie seine Mutter werden, und sie dachte: Niemals würde sie so werden, nie!
Cs klopfte. Das Mädchen meldete, sie möge hinunterkommen, es wäre Abendbrotzeit. Sie antwortete, sie fühle sich nicht wohl und möchte schlafen gehen.
Kurz darauf klopfte es wieder. Werner trat ein.
„Was fehlt dir, Lll? Ich möchte dir helfen." Sie machte eine abwehrende Bewegung.
„Ich habe nur Kopfweh, bis morgen werde ich es verschlafen haben."
Er lächelte: „Ich hörte von der Mutter, wie temperamentvoll du gegen Frau von Welp losgefahren bist, davon kommen wohl die Kopfschmerzen?" — Sie erwiderte bebend: „Frau von Welp hat mich beleidigt. Sie nannte Bater «inen Selbstmörder, redete von der Schande des Bankerotts!"
„Aber sie dachte sicher nicht daran, dich zu kränken, Lil. Mutter hat mir den Sachverhalt genau erklärt. Du lieber Himmel, eine Frau von Welp ist nicht allzu feinfühlig, Liebling, aber das muß man dir lassen, ein kleiner Draufgänger bist du wirklich. Daß du der Meta den Mund verboxt hast, ist auch allerhand." Er wurde ernst. „Sieh mal, Lil, das Weibsbild, die Meta, erzählt die Geschichte nun jedem, der es hören will und sie schadet dir dadurch. Mir gefallt dergleichen nicht an meiner zukünftigen Frau, das erkläre ich dir ganz ehrlich. Ich habe dich lieb, Lil, aber zu ähnlichen Stücklein darfst du dich nie mehr hin- reihen lassen. Wenn alle gleich boxen wollten, die sich gekränkt fühlen, gäbe das schöne Zustände. Auch muht du bedenken, du bist kein Mann, bei dem man vielleicht noch eher Derständnis für so etwas hätte."
Gil sah ihn seltsam an. Ihr schien, es war mit einem Male etwas Fremdes da, das sich zwischen ihn und sie schob.
Sie gab erregt zurück: „Ich muh mich also von jedermann beledigen lassen, nicht wahr? Nein, Werner, ich stecke solche deullichen Beleidigungen nicht ruhig ein, ich wehre mich. Ich mag es nicht hören, wenn schlechte Menschen in abfälliger Weise über den Vater sprechen, ich dulde es nicht! Vater hat Hnglüd gehabt, er ist zu beklagen, zu mehr hat man kein Necht."
Werner Sturm blickte Lil nachdenklich an.
„Du bist seine Tochter, du muht so über ihn
denken und gut von ihm sprechen, aber Fremde, die durch ihn geschädigt wurden, sehen das Geschehene eben von einem völlig anderen Standpunkt an. Es sind doch tatsächlich Leute durch deinen Vater schwer geschädigt worden, Lil. das läht sich nicht ungeschehen machen. Ich stelle nur Tatsachen fest."
Lils Augen schimmerten ganz dunkel, fast schwarz.
„Wenn du mich lieb hättest, würdest du nicht in der Weise vom Vater zu mir reden. Werner."
Er wollte ihre Hände fassen, doch sie wehrte ihm fast heftig: „Laß mich, bitte."
Er lächelte: „Lil, sei doch vernünftig. Ich wollte dir nur klar machen, wie andere Menschen das Geschehene betrachten. Es liegt mir völlig fern, deinen Vater zu beleidigen."
Sie blickte ihn mit verzweifelten Augen an.
„Lind doch beleidigst du ihn, wenn du so von ihm zu mir sprichst. Ich wiederhole dir. Vater hat Änglück gehabt, und wie andere Leute es betrachten, ist mir in diesem Augenblick völlig gleich, ich kann mich nur darum kümmern, wie ich es betrachte. Für mich ist Vater ein armer lieber Mensch, der Irrtümer beging und sich selbst zu hart dafür bestrafte. Solltest du es anders ansehen, kann ich nicht deine Frau werden."
„Lll, du darfst dergleichen nicht so hinsprechen", gab er, jetzt auch etwas erregt, zurück. „Ich habe ja nichts gegen deinen Vater geäußert, sondern nur Tatsachen festgestellt, verstehe mich doch richtig! Ietzt komm' mit nach unten, Lil, sei vernünftig."
„Ich kann und will heute abend nicht mehr nach unten. Nichts will ich, nur Ruhe."
Er schüttelte den Kopf.
„Du gibst dir alle Mühe, mich zu quälen, und mir die paar Abendstunden, die ich so gern habe, zu verderben", sagte er, ärgerlich darüber, dast sie nicht mit ihm ins Eßzimmer gehen wollte. „Aber wie du magst, bleibe hier, bis morgen früh wirst du dich ja wohl besonnen haben und vernünftigen Worten zugänglich sein. Gute Nacht, Lil!"
Er bot chr die Hand.
Sie war ganz durcheinander, ihr war es, als läge Werner daran, wieder von ihr freizukommen. Sie nahm die dargereichte Hand nicht und wandte sich zum Fenster. Da ging er schnellen Schrittes hinunter.
Seine Mutter sah ihn erwartungsvoll entgegen, aber sie fragte nichts. Er sagte verstimmt: „Lil ist ziemlich starrköpfig, das ist mir an chr früher gar nicht besonders ausgefallen."
Die Baronin empfand ein Gefühl von Zufriedenheit. Es war gut so, wenn Werner endlich auch Fehler an seinem kleinen Götzenbild entdeckte, vielleicht brauchte sie die Hoffnung noch nicht aufgeben, daß die beiden kein Paar wurden.
Lil aber saß verzweifelt auf dem Dettrand m ihrem Stübchen und war davon überzeugt, Werner hatte sie nicht richtig lieb, so wie sie geglaubt, sonst wäre er vorhin ganz anders zu ihr gewesen.
9. Kapitel.
WasdieZofeMetasah!
Lil liebte es von jeh, frühe Spaziergänge zu unternehmen. Nach einer schlecht verbrachten Nacht schlüpfte sie schon vor sieben Llhr aus dem Hause und fuhr mit der Elektrischen in die Nähe ihres Vaterhauses. Warum? Sie wußte es selbst nicht. Als sie das schöne vornehme Haus sah, lief sie davon mit Tränen in den Augen. Sie lief aufs Geratewohl in der Richtung des sogenannten Schönhofs. Die ganze Gegend hier draußen, wo sich die Häuser dünn hinzogen und vereinzelt zeigten, hieß so nach einem alten Gutshof. Der Blick schweifte von hier über freies Land und plötzlich erweckte ein kleiner Wanderzirkus Lils Aufmerksamkeit, lenkte sie von ihren trüben Gedanken ab. Wie selten sah man doch so einen kleinen Zirkus in der Nähe der Großstadt! Nur noch ganz weit draußen, an den Ausläufern der Stadt, baute sich manchmal so ein kleines Unternehmen auf. Lil ging ganz nahe an den grünen Wohnwagen vorbei, die etwas abseits standen und da sah sie einen alten Mann auf einer Wagentreppe sitzen, der still vor sich hinweinte.
Lil konnte sich nicht erinnern, schon jemals einen Mann weinen gesehen zu haben. Der alte Mann tat ihr leid.
Sie schritt auf ihn zu, fragte: „Warum weinen Sie? Vielleicht kann ich Ihnen irgendwie helfen."
Sie dachte daran, daß sie zwanzig Mark bei sich trug. Vielleicht war dem armen Menschen mit etwas Geld geholfen. Er gehörte sicher zum Zirkus, billige Schminke hatte seine Haut häßlich zerstört.
Der Alte blickte erschreckt auf, dann versiegten seine Tränen, und er fuhr Lil an: „Was wollen Sie von mir? Sie haben hier so nahe am Zirkus nichts zu suchen!"
Lil lächelte ein wenig.
„Sehe ich etwa aus, als ob ich hier etwas stehlen wollte?"
Er betrachtete sie von oben bis unten. „Nein, kleines Fräulein, so sehen Sie wirklich nicht aus, und bei uns gibt es auch nichts zu stehlen, wir vom Zirkus Gerhard sind alle arme Teufel, aber der ärmste von der kleinen Bande bin ich, Melchior Stampfer!." Sein fältchendurchzogenes Gesicht war ungemein beweglich. „Haben Sie schon mal was von Melchior Stampfer! gehört?" Sie schüttelte den Kopf und das heißt: Nein? „Ich glaube es Ihnen. Melchior Stampfer! ist auch nichts Besonderes, und darum fliegt er jetzt aus dem Zirkus Gerhard raus, der Kerl ist über
zählig und überflüssig geworden. Selbst für bett Iammertzirkus reicht sein Können nicht mehr aus. Lind da sitzt der alte Esel nun hier in der schönen frischen Morgenluft, heult und überlegt dabei, ob er sich lieber aufhängen oder erschießen soll. Erschießen ist wohl moderner? Was meinen Sie, meine schöne junge Dame?"
Lil erwiderte mit mattem Seufzer: „Ich rate Ihnen nicht dazu, mein Vater erschoß sich auch es ist etwas Schreckliches."
Der 2llte blickte sie fast scheu an.
„Da habe ich Sie, ohne es zu ahnen, durch mein albernes Geschnack an etwas sehr Trauriges erinnert. Das tut mir leid. Lind nun gehen Sie weiter, meine Derehrteste, ich bin nicht wert, daß Sie sich mit mir aufhalten. Aber ich danke Ihnen schön für Ihre Freundlichkeit."
Lil blieb stehen.
„Was arbeiten Sie denn im Zirkus?"
Der Alte rieb seine Hände aneinander. Er schien zu frieren.
„Ich bin bloß ein Clown. Der Direktor findet, ich leiste nix mehr, das Publikum lache nicht wehr genug über mich." Er hüstelte. „Ich bin achttmdsechzrg Iahre, schönes Fräulein, da rutschen die Deine nicht mehr so wie sie sollen und die Witze scheinen stumpf."
2il riet: „Suchen Sie sich doch ein anderes Engagement."
Er zog den vom ständigen Verziehen etwas zu großen Mund zu einem traurigen Lächeln.
„Was für kindliche Anschauungen Sie noch haben! Wo soll i ch noch ein anderes Engagement herkriegen? Solch ein altes verbrauchtes Männchen möchte keiner mehr, nicht mal ohne Geld, nur gegen Kost und Logis. Der Direktor will jetzt meinen Platz neubesehen. Einen ganz jungen Kerl will er haben, so einen, der moderne Sachen macht. Modern bin ich nicht, unsereins kann so schwer umlernen."
Ein seltsamer, sie anfangs selbst befremdender Gedanke, schoß Lil durch den Kopf, und trotzdem sie den Gedanken fortjagen wollte, blieb er hartnäckig da, bedrängte sie.
Der alte Mann nickte ein paarmal vor sich hin.
„Ietzt sollten Sie sich aber hier nicht mehr Kinger aufhalten. Sie sehen vornehm aus wie ein leibhaftiges Prinzeßchen, wenn's auch ein bißchen komisch ist, daß Sie um diese Zeit hier draußen auf der Landstraße herumspazieren. Wahrscheinlich sind Sie «in Gutsfräulein oder wohnen gar im Rödelheimer Schloß und haben 'ne heimliche Morgenpromenade gemacht, sind Ihrer Erzieherin ausgerückl."
Lil mußte lächeln. Sie wurde, besonders wegen ihrer zierlichen Figur, immer für viel jünger gehalten.
Sie fragte: „Für wie alt halten Sie mich denn, Herr Stampfer!?"
(Fortsetzung folgt.)
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