Ausgabe 
18.6.1932 Erstes Blatt
 
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Aus aller Welt.

Der deutsche Flottenbesuch in Schweden.

Der deutsche Folttenbesuch in Schweden verlief weiterhin programmäßig. Admiral Albrecht legte an der Gruft der Königin einen Kranz*nieder als Dank für ihre Hilfstätigkeit an den deutschen Kriegsgefangenen und an den not­leidenden deutschen Kindern. Anläßlich des gest­rigen Geburtstages König Gustavs hatte das deutsche Geschwader reichen Flaggen­schmuck angelegt und Königssalut geschos- s e n. Der Besuch des deutschen Geschwaders schloß mit Bordfesten auf derKönigsberg" für das schwedische Marinekorps und die deutsche Kolonie und mit Sportkämpfen zwischen deutschen und schwedischen Mannschaften im Stock­holmer Stadion. Admiral Albrecht wurde kurz vor der Abfahrt des Geschwaders vom König in Audienz empfangen. Das Interesse der schwedischen Oeffentlichkeit war bis zum Ende des deutschen Besuches überaus lebhaft, der in jeder Beziehung erfolgreich verlief.

Seldte im Rundfunk.

Der erste Bundesführer des Stahlhelms, Seldte, wird voraussichtlich im Laufe der kommenden Woche im Berlin im Rundfunk einen halbstündigen Vortrag überDas Wollen des Stahlhelms für Volk und Staat" halten. Die Uebertragung der Rede als Reichssendung durch alle deutschen Sender ist beantragt.

Brandstiftung in drei Berliner Schulen.

Am Freitagabend ereigneten sich im Norden Berlins seltsame Schulbrände. In drei Fällen brach in Klassenzimmern verschiedener Schulgebäude Feuer aus. In zwei Fällen konnte Brandstiftung einwandfrei nachgewiesen werden. Polizei und Feuerwehr haben die Nach­forschungen nach dem oder den Tätern eingeleitet, ohne jedoch bisher eine Spur finden zu können. In allen drei Fällen gelang es der Wehr, in kur­zer Zeit Herr über die Flammen zu werden.

Die Untersuchung der politischen Polizei erstreckt sich vor allem Darauf, ob die mutmaßlichen Brand­stiftungen mit den Elternbeiratswahlen in Zusam­menhang stehen.

Rasender Schaljapin.

Bei einem Gastspiel der russischen Oper in der Op£ra Comique" in Paris, bei dem Mussorgskis Doris Godunow" mit Schaljapin in der Titel­rolle zur Aufführung gelangte, kam es, wie uns berichtet wird, zu einem aufsehenerregenden Zwischenfall. In der Szene zwischen Doris Go­dunow und Tschuiski verfehlte der Tenor seinen Einsatz, was Schaljapin veranlaßte, auf offener Szene seinen Partner mit Schimpfworten zu über­schütten. Dann wandte er sich gegen den Diri­genten Steinmann, dem er zurief, das) er keine Ahnung vom Dirigieren habe, er wolle selbst die Leitung des Orchesters übernehmen. In höch­ster Erregung schlug Steinmann seinen Dirigenten­

stock entzwei und schleuderte die Stücke gegen die Dühne. Schließlich gelang es dem Derwal- tungsdirektor derOpera Comique, die erreg­ten Künstler zu beruhigen, so daß die Dorstellung zu Ende geführt werden konnte. Steinmann nahm diesen Dorfall zum Anlaß, seine Entlassung zu beantragen.

Konflikt zwischen Senat und Studentenschaft an der Freiburger Universität.

Freiburg, 18. Juni. (ERD. Funkspruch ei­gene Meldung.) Die Freiburger Studentenschaft hat beschlossen, wegen der zwischen Senat und Studentenschaft entstandenen Spannung grund­sätzlich jeder gemeinsamen Deran- staltung künftighin fernzubleiben. Die Ursache des Konfliktes liegt darin, daß der Senat dem Wunsch der Studentenschaft um Aen- derung einer Verordnung, nach der der Studen­tenschaft die politische Meinungsfreiheit und deren Aeußerung beschnitten worden sein soll, nicht nach­gekommen ist.

Tagung des Vereins für Kommunalwirtschaft und Kommunalpolitik.

Die Jahresversammlung des Vereins für Korn- munalwirtschaft und Kommunalpolitik, zu der die leitenden Kommunalbeamten aus dem ganzen Reiche erschienen sind, wurde in R o st o ck eröff­net. Ministerialdirektor Dr. von Leyden aus dem preußischen Innenministerium hielt einen Vor­trag über die Kommunalfinanzen und beleuchtete dabei besonders die durch die neue Notverordnung in den Gemeinden geschaffene Lage. Das Ergebnis dieser Notverordnung fei als eine annähernde Sanierung der Herneindefinanzen an* zufprechen.

Wettervoraussage.

Die Störung im Nordosten ist nach der Ostsee und dem östlichen Deutschland zurückgewandert und dehnt ihren Einfluß auch westwärts nach dem üb­rigen Teil des Reiches aus. In Schlesien ist es in der verflossenen Nacht zu Niederschlägen gekom* men, die eine Höhe von 10 Millimeter überstiegen haben. Die durch den Druckfall hervorgerufene Aenderung der Luftzufuhr wirkt sich sowohl auf die Temparaturen, als auch auf unseren seitherigen Witterungscharakter aus, so daß mit dem Vor­dringen der Bewölkung auch einzelne Niederschläge nicht ausgeschlossen find.

Aussichten für Sonntag: Zeitweise be­wölkt, Temperaturen zwischen Tag und Rächt sich mehr ausgleichend, tagsüber keine weitere Wärmezunahme, Möglichkeit zu einzelnen ge­witterartigen Riederschlägen.

Lufttemperaturen am 17. Juni: mittags 20 Grad Eelsius, abends 13,6 Grad; am 18. Juni: morgens 16 Grad. Maximum 22,8 Grad, Minimum 6,8 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 17. Juni: abends 26 Grad: am 18. Juni: morgens 17,3 Grad Celsius. Sonnenscheindauer 13% Stunden.

Oer letzte Tag im hessischen Wahlkampf.

Brüning spricht in Mainz.

Mainz, 17. Juni. (WSN.) In der heutigen Kundgebung der Mainzer Zentrumspartei anläßlich der hessischen Wahlen führte Reichskanzler a. D. Dr. Brüning folgendes aus: Ich freue mich aufrichtig, daß Sie mich auch heute mit unvermin­derter Herzlichkeit begrüßt haben. Man wird von mir nicht annehmen, daß schmerzliche und bittere Erfahrungen, die mich persönlich und menschlich be­troffen haben, mich irgendwie körperlich ober see­lisch auch nur im geringsten so weit erschüttern konnten, daß ich nicht bereit bin, außerhalb der Regierung weiterzukämpfen, daß der Weg eingehalten wird, innerpolitisch und außenpolitisch, den ich in den langen zwei Jahren begonnen habe. Und wir werden dem deut­schen Volke zeigen, welche Pflicht der Verantwor­tung es mnerhalb einer Oppositionsstellung gibt. Allerdings werden wir niemals dem Auslande sa­gen, diese Regierung, die in Lausanne verhandelt, hat keine Mehrheit im deutschen Volke hinter sich, jo wie man es mir gegenüber in dem schwersten Augenblick vaterländischer Geschichte getan hat. Nein, in der Außenpolitik kennen wir nur ein einziges Deutschland. Kein Wort wird über untere Lippen kommen, das die Stellung unserer Regierung in den Verhandlungen schwä­chen könnte. Alles werden wir aerne tun, um (i e zu stärken, auf dem Wege fortzugehen, den ich bewußt und klar überlegt in den letzten zwei Jah­ren gegangen bin. Es ist interessant, daß mit einem Mal die Tonart der Presse, die mich jahrelang als Schwächling oder Verräter hingestellt hat, auffal­lende Milde in der Vertretung außenpolitischer Be­lange an den Tag legt.

Ich werde nicht über die Vorgänge, die zum Rücktritt des Kabinetts geführt haben, in der Oeffentlichkeit sprechen, nicht, weil ich etwas zu verbergen hätte, aber ich bin der Ueberzeugung, daß in jeder Lage, in der sich ein Politiker befindet, er alles daran setzen muß, die Auto­rität des Staates zu stärken und den Glauben an die Autorität, soweit er kann, auf­rechtzuerhalten. Sie werden von mir auch nicht verlangen, daß. ich in eine heftige Polemik gegen die neue Regierung eintrete. Ich kann allerdings der neuen Regierung nicht zugestehen, Geschmack­losigkeiten au begehen, wie sie es in dem Aufruf getan hat. der sich gegen die alte Regierung rich­tete. Dieser Aufruf war auf das Budget abge­stimmt, man fände einen Trümmerhaufen vor, in­folgedessen dürfe das deutsche Volk der neuen Re­gierung nichts übel nehmen. Ich habe ein kaum zu deckendesKasfendefizitübernom- m en und in zweijähriger schwerster Krise dafür gesorgt, daß das Kassendefizit nicht g e st i e - g e n ist und daß keine neuen schwebenden Schulden gemacht worden sind, eine Tat­sache, die in allen Ländern der Welt in den ver­gangenen zwei Jahren einzigartig dasteht. Es war alles geschehen, wenn auch in anderer Form wie jetzt, um das zu erwartende Defizit von Reich, Ländern und Gemeinden für das kommende Jahr ebenfalls abzudecken, weil ich es für meine Pflicht hielt, nach Lausanne zu gehen mit einer ab­solut sicheren und einwandfreien Finanzgebarung der öffentlichen Hand, so wie es das Prinzip der vergangenen zwei Jahre gewesen ist, unter härtesten Opfern zwar, aber mit Sicherheit im Rücken.

Kann ich es verantworten vor dem ganzen übrigen Deutschland, den lebensfähigen Grund­besitz im deutschen O st en zu retten mit Aufbietung aller gesetzlich nur deutbaren Mög­lichkeiten und gleichzeitig darauf verzichten, den nicht lebensfähigen Grundbesitz im Osten der Siedlung zu erschließen? Das war eine Zu­mutung, die ich nie und nimmer akzeptieren konnte. Ich habe alles daran gesetzt, um dem lebensfähigen, Ueberschuß produzierenden Groß­grundbesitz aufzuhelfen. So war es ebenso meine Pflicht, auch daran zu denken, daß Hundert- tausende von armen K l einbauern in Westdeutschland, im Hunsrück, im We­sterwald und in Süddeutschland sehnsüchtig Aus­schau halten, um eine Scholle auch ein­mal für sich zu bekommen. Das war kein Siedlungsbolschewismus, den wir damit gemacht haben. Es sieht fast so aus, als ob man nur

den Beamten Abzüge über Abzüge zumutet, den Arbeitern Kürzung der Löhne und Sozial­leistungen und auch dem Mittelstand Steuern aufbürdet und nur einer ganz kleinen Schicht keine Opfer abverlangt. Damit war für mich etwas gerissen, was nicht wieder heilen konnte. Wenn nun die neue Regierung kommt, und einen Teil des Gesamtplanes der alten Re­gierung in veränderter Form veröffentlicht, aber mit anderen Dingen, wie z. D. mit dem freiwilligen Arbeitsdienst, Arbeitsbeschaffung und Aehnlichem wartet, wenn wir nichts davon hören, was mit der Siedlung gemacht wird, dann darf es uns die Regierung nicht übet nehmen, wenn wir solches Stückwerk ablehnen. Die Zentrumspartei wolle auch in Zukunft im Verein mit allen Parteien und Konfessionen, die guten Willens seien, die Zukunft Deutschlands aufbauen helfen.

Die Agrarpolitik der ASDAp.

Von der Pressestelle der Gauleitung Hessen der RSDAP. werden wir gebeten, folgende Leitsätze zur nationalsozialistischen Agrarpolitik bekannt­zugeben: 1. Die deutsche Landwirtschaft muß mit der Zeit die alleinige Ernährerin des gesamten deutschen Volkes werden. Deshalb und aus Grün­den zukünftiger Finanz- und Wirtschaftspolitik ist die Steigerung des Ertrages der heimischen Land­wirtschaft eine Lebensfrage für das deutsche Volk. 2. Ein wirtschaftlich gesundes, kaufkräftiges Land­volk ist auch für die Industrie, die immer auf den Binnenmarkt angewiesen ist, von entscheiden­der Bedeutung. 3. Der Rationalsozialismus sieht aber auch im Landvolk den Hauptträqer völki­scher Erbgesundheit, den Jungbrunnen des Volkes und das Rückgrat der Wehrkraft. 4. Die Ursachen der heutigen Landnot liegen in der verständnis­losen Haltung des Systems gegen den Bauernstand begründet. Sinnlose Steuerpolitik, falsche Zoll­politik, ungeheure Preisspanne, hohe Produkti­onskosten (elektrischer Strom und Dünger). 5. Deshalb fordern wir deutsches Bodenrecht und deutsche Bodenpolitik, a) der deutsche Boden dient nur dem Aufenthalte und der Lebensdersorgung des deutschen Volkes. In diesem Sinne ist der deutsche Boden von den Bodenbesitzern auf das gewissenhafteste zu verwalten, b) wir erkennen das Erbrecht deutscher Volksgenossen für den recht- mäßig erworbenen Boden an, c) der Dauer hat nur eine Steuer zu zahlen und zwar die Doden- ertragssteuer, d) der deutsche Boden ist auf keinen Fall zu Spekulationszwecken zu mißbrauchen, 6. Aus bevölkerungspolitischen, nationalen und so­zialen Gründen fordern wir deutsche Siedlungs­politik, die das Leben der Siedler sicherstellt. 7. Die berufsständigen Organisationen haben die Pflicht durch sozial gerechte Arbeitsverträge den deutschen Landarbeiter in die bäuerliche Berufs- gemeinfchaft fest, einzugliedem. 8. Der tüchtige Landarbeiter muh die Möglichkeit haben, in den Siedlerstand aufsteigen zu können. 9. Die Bedeu- hing des Berufsstandes erfordert staatliche und berufsständische Förderung jeglicher Fachausbil­dung durch geeignete Lehrkräfte. (Landjugend­heime, Dauernhochschulen, Degünstigung für be­gabte, mittellose Landjugend.) 10. Der Dauer hat unter allen Umständen ein Recht auf einen Ar­beitsertrag seiner Tätigkeit. Die Wirtschaftlichkeit der Detriebe muh wieder hergestellt werden. 11. Die gegenwärtige Rot des Volkes ist die Rot des Landvolkes. Rur durch die Kraft, die Energie und den Tatwillen der nationalsozialistischen deutschen Freiheitsbewegung kann diese Volksnot behoben werden. Haben Dauer und Arbeiter Geld, hat's die ganze Welt.

Landvolk und Deutschnati'onale.

Von der Pressestelle der Deutschnationa­len Dolkspartei wird uns u. a. geschrieben: Die politische Uneinigkeit im Dauern- und Dür- gerstand hat die in diesen Ständen ruhenden wert­vollen Volkslräfte zur Ohnmacht verurteilt. Viel­fach wissen die Angehörigen dieser Stände, in­sonderheit auf dem Lande, nicht, wie sie bei der Hess. Landtagswahl am morgigen Sonntag wäh­len sollen. Es hat sich aber in den letzten Jahren immer gezeigt, daß ihre Forderungen, besonders die des Landvolks, nur im Rahmen einer

fe ft gefügten politischen Bewegung zu verwirklichen sind. Als eine solche Bewegung stellt sich die Deutschnationale Dolkspartei dar, der sich zahlreicheLandbundführeran- geschlossen haben und auf deren Kadidaten­liste langjährige Vertreter des Hess. Landvolkes im Landtag stehen. Jahrelang hatten die Vertre­ter des Hess. Landvolkes mit den Deutschnationalen im Landtag eine Fraktionsgemeinschaft. Sie haben dabei festgestellt, daß das Wohlergehen des Land­volkes den Deutschnationalen stets am Herzen lag. Darum kann es für das hessische Landvolk dies­mal keine andere Möglichkeit geben, als mit den Deutschnationalen gemeinsam in den Mahlkampf zu ziehen und ihn zu einem siegreichen Ende zu führen.

Eine Kundgebung Hugenbergs.

Darmstadt, 17. Juni. (TU.) Geheimrat Hugenberg hat an den Landesverband Hessen der DRDP. folgendes Telegramm gerichtet: Die DRVP. bekennt sich zu dem Ge­danken, daß gesundes Eigenleben der Länder, föderalistischer Staatsaufbau Voraussetzung für

die Gesundung des Reiches ist. Starke DRVP. ist festes Dollwerk gegen Zwangswirtschaft, Staats­sozialismus, Kulturzersetzung. Richt Reden uni Massenwahn, sondern nüchterne Arbeit, staatsmännischer Wille und wirt­schaftliche Vernunft retten dem Dauern die Scholle, bewahren den Arbeiter vor Ar­beitslosigkeit, gewährleisten die Existenz des Hand­werkers und Kaufmanns. Frei die Arbeit, frei die Wirtschaft, frei das Vaterland."

Oie hessischen Demokraten.

Von der Pressestelle derHessischen Demo­kraten" schreibt man uns: Die Hessischen Demo­kraten führen den Wahlkampf zum Hessischen Landtag unter der ParoleStaatspolitik geht jetzt vor Wirtschaftspolitik". Unbeschadet ihrer Prinzip.ell:n Ablehnung soz alistischerWirtschafts- formen halten sie dafür, daß der Ansturm auto­kratischer Mächte jetzt die Existenz des Staates überhaupt untergraben. Die bedingungslose Ein­ordnung des Bürgers in den Staat tritt nur durch das Bewußtsein gleicher Rechte und gleicher Pflichten ein. Die Zerstörung der Demokratie macht die Einbürgerung der-früher internatio­nalen Arbeiterschaft rückgängig. Die politische Gleichberechtigung ist der unentbehrliche Ausgleich für das Schicksal der wirtschaftlichen Ungleichheit.

Erstes Frühstück.

Von Hans Kafka.

Das mit dem Frühstück in Tarent fing fol­gendermaßen an: Anmutig sah ich auf der Hotel- terrasse vor Kaffee, Eiern, Drötchen und Mar­melade da befand ich mich also amEndeEuropas, in einem süditalienischen, auf einem flachen Meeresfelsen herrlich vorgebauten Darockstaat, gegenüber Griechenland, nicht allzuweit von Malta, an der Schiffahrtspforte nach Arabien, Palästina, Indien und Gott weiß noch wohin und wieder stand dieses ewige allen Städten der Erde gemeinsame Hotelfrühstück vor mir. Wäh­rend ich noch die Eierschalen herabklopfte, klet­terte irgendein Dootsmann vom Wasser bis zu mir herauf: eine Zeitlang guckte er mir noch zu, dann entschloß er sich endlich, mich in einem etwas komplizierten, mit griechischen Wörtern gemischten Dialekt anzureden:Herr, lassen Sie dieses Essen!"

Ich wollte mir das nicht zweimal sagen las­sen aber was bot er mir denn zum Ersah an? Ich sollte, wenn ich ihn recht verstand, im Laden daneben etwas Salz und Brot kaufen, ja, Magari (unübersetzbares Wort) auch für ihn natürlich und dann mitkommen. Mit der Handbewegung eines Kardinals lud er mich dann ein, in seinem Doot Platz zu nehmen. Salz und Drot hielt ich hilflos in der Hand.

Wir fuhren fort von dem Felsen, auf dem die Akropolis stand, vorbei an vielen Fischernetzen, in denen sich offenbar bei eintretender Ebbe die abwandernden Fische fingen hinaus ins Mare Pinudo. Dort ragten irgendwo ein paar Pfähle über den Meeresspiegel; dort hielten wir an; brachen mit der Hand die frischen Austern massenhaft von der Austernbank, öffneten sie schnell (wie leicht man so einen Griff lernt) und aßen sie mit dem gesalzenen Drot: ein, zwei, drei Dutzend.

Dagegen war das Frühstück in Cagnes für Mer (auf einer Höhe zwischen Rizza und Cap Ef'QIn- tibes) ein heroisches. Man mußte nämlich dazu um 5 Uhr früh aufstehen. Man mußte eine Zeitlang über Land gehen, über die menschen- ünd autoleeren Straßen, vorbei an den Plätzen des Rizzaer Golfklubs und beinahe bis zu der

alten Burg der Grimaldi hin: und dieser Gang war nur um 5 Uhr möglich, denn dieses Früh­stück gab es nur in den Monaten Juli und August und in diesen Monaten war es für den immerhin nötigen Rückweg später als um 6 Uhr entschieden zu heiß.

Also ließ man sich um 5 Uhr wecken, einmal kam die Sonne strahlend von oben herab und auch noch von dem wunderbar blauen und un­bewegten Mittelmeer unten mit unverminderter Stärke herauf und bann trabte man an den Häusern, in denen Jean Cocteau oder Tristan Tsara oder Frau Witwe Maupassant noch schla­fend lagen, an dem verlassenen ©arten Renoirs vorbei^ und bog eine halbe Stunde später quer über die Wiesen in das Tal der Feigen­bäume, deren herrlich geschweifte Aeste wie weit geöffnete Arme zum Derweilen einluden; sie brachen fast unter der Last der Früchte. Ganz kühl und frisch war jede einzelne Frucht, außen grün, innen weiß, rosa, purpurrot und schwarz, mit einem deutlichen Strich-Ornament der läng­lich feinen Kerne, und, da man von Schönheit allein nicht leben kann, nahrhaft und süß genug, um eine ganze Morgen-Mahlzeit zu ersehen, man ah und trank zugleich.

Und schließlich: von der Reichhaltigkeit des schwedischen Frühstücks hatte ich immer gehört, und mich, als ich Schweden endlich betreten sollte, besonders darauf gefreut. Wir fuhren nämlich damals frühmorgens mit einem Motorboot von Gilleleje, dem dänischen Seebads los und sollten nach drei Stunden auf der anderen Seite sein in Moelle, dem bezaubernden kleinen Bad am Kulba-Vorgebirge. Unser Morgenhunger brachte den Motor schließlich auf den dritten Gang, um halb neun schon sausten wir an den Felsblöcken und Grotten des Steilufers vorbei, dort oben ging wohl der berühmteitalienische Weg' und diese Häuser waren unzweifelhaft Hotels Ho­tels mit vorbereitetem Schwedensrühstück.

Wir landeten im Hafen und erstiegen die An­höhe, betraten die Hotelhalle und sogleich auch den kleinen Vorraum, wo die Tafeln standen, mit deren Tellern, Schüsseln und Gläsern man sich selber zu bedienen hatte. Was da aufgebaut war, übertraf alle Erwartungen. Uns fiel im Augenblick keine kalte und keine warme Vor­speise und Speise der Welt ein, die wir da ver­

mißt hätten. In bester Ordnung bot sich uns eine verkörperte Enzyklopädie der Kochkunst dar, schier unübersehbar und durch ihre Fülle bei­nahe schon wieder den Appetit verderbend, aller Anfang war wirklich schwer. Als wir dann noch Likörbatterien entdeckten, die von den besonders geformten Schwedenpunsch-Flaschen gewisser­maßen angeführt wurden, kannte unsere Begei­sterung keine Grenzen. Aber dann fielen uns noch Sektkühler mit offenen Flaschen auf; da grif­fen wir uns an den Kopf: welch ein Land, dieses Schweden, welch ein schwedisches Frühstück!

Als wir uns endlich versorgt hatten und schwer tragend den großen Speisesaal betraten, prallten wir zurück. Jedes Land hat seine Sitten aber darauf hätte uns Daedecker oder sonstwer denn doch vorbereiten müssen daß so ein Schweden­srühstück nur im Smoking beziehungsweise in größtem Abendkleid eingenommen werden darf.

Es brauchte noch einige Zeit, bis wir darauf kamen, daß es mit diesem Schwedenfrühstück doch nicht so ganz stimmte. Dieser Morgen folgte nämlich auf irgendeinen schwedischen Festtag und das, woran wir um neun Uhr fröhlich teilnahmen, war noch das Souper vom letzten Abend.

Dom deutschen Büchermarkt.

Das Krisenjahr 1931 hat natürlich auch auf dem Büchermarkt tiefgehende Spuren hinterlassen, wie nicht nur der vor kurzem veröffentlichte Bericht des Buchhändler-Börsen-Vereins zeigt, sondern noch klarer die statistische Uedersicht, die Ludwig Schön- rock wie alljährlich im Buchhändler-Börsenblatt ver­öffentlicht. Die Zahl der Verlags-Veröffentlichungen hat gegenüber dem letzten Vorkriegsjahr um über 30 Prozent abgenommen und ist um 20 Prozent niedriger als die Höhepunkte Verlegers- scher Tätigkeit in der Nachkriegszeit. Während noch bis vor kurzem die Zahl der jährlichen Veröffent­lichungen über 30 000 lag, lind im Jahre 1931 nur 24 074 Veröffentlichungen gezählt wor­den. In den einzelnen Gebieten steht die schöne Literatur mit 14,21 Prozent wie immer an der Spitze. 3422 Neuerscheinungen wurden hier gezählt. An zweiter Stelle erscheinen religiöse Bücher, die 8,87 Prozent der gesamten Erzeugung mit 2134 Nummern ausmachen. Mit fast 7 Prozent sind die Schulbücher vertreten, die mit 1652 Veröffentlichun­

gen gezählt werden. Die Bücher, die dem Gebiet der Rechts- und der Sozialwissenschaft angehörcn, machen je rund 6 Prozent mit 1421 und 1404 Neu­erscheinungen aus. Es folgen Technik und Handwerk mit 1329 und Medizin mit 1198, Geschichte und Volkskunde mit 1182 Neuerscheinungen; die Pro­zentsätze sind ungefähr dieselben wie im Vorjahre. Gering war die Düchererzeugung auf dem Gebiet der bildenden Kunst und des Kunstgewerbes, der Musik, des Theaters und des Tanzes. Die kleinste Gruppe, die aufgezählt wird, ist die Kriegkwissen- schaft mit 221 Neuerscheinungen, die nicht einmal 1 Prozent der Gesamtheit ausmachen. Es geht dar­aus hervor, daß die Literatur über den Krieg, die in den Vorjahren ins Uferlose angewachsen war, wesentlich an Interesse verloren hat. Dagegen ist die Anzahl der Veröffentlichungen über Ehe- und Fa­milienfragen, deren Zunahme bereits 1930 festge- stellt wurde, auch 1931 angestiegen. Kriminal- und Detektiv-Romane scheinen noch immer einen starken Leserkreis zu finden. Ueberraschender ist es, daß nach der Zahl der anacführten Titel mehr lyrische Gedichtsammlungen erscheinen, während man doch schon glaubte, daß für Lyrik überhaupt kein Publi­kum mehr zu finden wäre. Die Nachfrage nach Me- moiren und Biographien hat angehalten, wie auch die nach Gegenwarts-Literatur, die Aufklärung über die heut so verworrenen Verhältnisse zu bringen sucht. Die Schriften, die der Technik dienen, haben sich gut behauptet, und das gleiche gilt von natur­wissenschaftlichen Werken. Ueberhaupt kommt der Verfasser zu dem Ergebnis, daß das halbwissen­schaftliche Buch immer mehr in Aufnahme kommt, während Kitsch- und Sensations-Literatur 1931 er­freulicherweise mehr als sonst zurücktreten. Der Rück­gang der Erzeugung verteilte sich in diesem Jahre unvermindert auf alle Monate, und selbst im Ok­tober, wo sonst ein so großer Aufschwung der Neu­erscheinungen eintritt, machte sich nur ein geringes Anwachsen der Bücherzahl bemerkbar. Der Gesamt­preis der Neuerscheinungen läßt sich auf ungefähr 142 000 Mark berechnen, das entspricht etwa einem Durchschnittspreis von 6 Mark pro Sud). In einzelnen Abteilungen aber liegen die Durch­schnittspreise viel niedriger und zeigen gegen das Vorjahr einen Rückgang von 25 bis 12 Prozent.

Dabei sind die lOprogentigen Herabsetzungen durch die Notverordnung noch nicht eingerechnet. Es ergibt sich also, daß der Ladenpreis im ^Durchschnitt be- I trächtlich niedriger liegt als 1930.