Ausgabe 
17.12.1932 Frühausgabe
 
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missar, den wir nicht mit Brachialgewalt entfer­nen können, zum Anlast zu nehmen, eine Regie­rung in Preußen zu wählen. Wie dann der Kampf mit dem Reichslommissar ausfällt, ist eine Sache der besseren Ausdauer und der besseren Nerven. Der Redner kritisiert dann die Personalpolitik des Reichskommijsars und erwähnt u. a., dast auch jetzt noch der Sozialdemokrat R o s k e Ober« Prä,ident sei. Besonders scharf nimmt er gegen den Rektor der Breslauer Univer­sität Stellung, der bewustt oder unbewustt die Interessen des Polentums und nicht die des Grenzlanddeutschtums vertrete und ein na­tionaler Schädling sei. (Beifall bei den Nationalsozialisten.) Weder Papen noch Schlei­cher hätten eine aktivere Austenpolitik betrieben als etwa Stresemann. Die gewaltigen Ansätze, die sich in den letzten Jahren für die Aktivierung öer Außenpolitik im Anwachsen der national­sozialistischen Bewegung ergaben, seien durch die sogenannten nationalen Regierungen erstickt wor­den. X

Abg. Moller (Soz.) erklärt, ein Teil der Rede des Herrn Kube sei zu betrachten als ein Zwickel für bestimmte innerparteipolitische Vor­gänge in der NSDAP, und Vorgänge in den Koalitionsverhandlungen. Wenn die National­sozialisten beantragen, den bedrängten Sude­tendeutschen auf Wunsch sofort die preußi­sche Staatsangehörigkeit zuzuerkennen, so müsse man fragen, warum sie nicht eine gleiche For­

derung auch für die 230000 Deutschen in SüdtiroI ausstellten. Sie täten das wohl nicht, weil sie den Iudasverrat an Südtirol begangen hätten. (Große Anruhe bei den Nationalso­zialisten. Abgeordneter Meyer Quadel (Nat.-Soz.) geht auf das Rednerpult zu und ruft: Sie sind ein ganz frecher Schwindler!! Vize­präsident H a a k e ersucht Dr. Meyer, sich zu mäßigen. Zuruf bei den Nationalsozialisten: Ihr habt ja das ganze deutsche Volk verraten, ihr Lümmel!" Anhaltende Anruhe.)

Abg. Graf v. G a l e n (Z.) betont, das Zen­trum stehe auf dem Standpunkt, daß die Sittlich­keit nicht allein mit dem Polizeiknüppel her^ gestellt werden könne. Der Staat habe aber die Pflicht, die Ansittlichkeit dort, wo sie als Aerger- nis oder als Verhetzung der Jugend auftritt, auch mit Ordnungsmaßnahmen zu bekämpfen. In diesem Sinne begrüße das Zentrum die Badeverordnung, weil sie der Versuch eines kräf­tigen Eingreifens sei. Deutschland habe sich keinen großen Ruhm dadurch geschaffen, dast es mit dem Badeunwesen und mit der Nacktkultur an der Spitze der europäischen Völker marschiere. Es sei zu wünschen, dast auch die schamlosen Moden in der Gesellschaft unter ähnliche Vor­schriften gestellt würden.

Gegen 17.45 Ahr vertagt sich das Haus auf den 17. Januar. Der Präsident behält sich vor, den Landtag vorher einzuberufen, wenn es die politischen Verhältnisse erfordern.

Verheerende Vrandkatnstrophe in Tokio.

Gchreckensszenen im brennenden Warenhaus. - Schwierige Rettungsarbeiten. Einsah von ^luazeuaen

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Die Front des Warenhauses Schirokiya in Tokio

Die die »Nachtausgabe" aus Tokio meidet, find bei dem in einem Teil der gestrigen Ausgabe bereits gemeldeten Darenhausbrand 14 Per­sonen 3 u Tode gekommen. Das Jeuer fand reichliä^ Nahrung in einer Abteilung, die mit gro­ßen Ornamenten aus Zelluloid versehen war. Als die Feuerwehrsignale ertönten, ballten sich die Massen der Flüchtenden an den Ausgängen zu einem unentwirrbaren Knäuel zusammen. Alle Treppenaufgänge waren bald in undurchdringlichen Qualm gehüllt, was ditz» Panik der Flüchtenden noch erhöhte, hinzu kam dos Gebrüll von Löwen

und Bären, die auf dem Dach des Warenhauses in einem Zoologischen Garten, einer Sehenswürdig­keit Tokios, untergebracht sind. 3m zweiten Stock sprangen einige Käufer in ihrer Todesangst aus den Fenstern und erlitten schwere Brüche und innere Verletzungen. Die Bekämpfung des Brandes wurde durch Mangel an Leitern schwer behindert. Auch erwies sich der Wasserdruck als ungenügend, so dast man nicht bis in die höheren Stockwerke Wasser geben konnte.^ Als die Kata­strophe immer größere Ausmaße annahm, wurden Flugzeuge eingesetzt, die Seile und Schaum­

löschapparate an Bord nahmen. Unter Einsatz ihres Lebens warfen die Flugzeugbefahungen den Feuer­wehrleuten, die sich durch die ungeheure Hitze mit Gasmasken und feuerfesten Anzügen einen Weg auf das Dach gebahnt hatten, die Seile und Lösch­geräte zu. Ls war die höchste Zeit, denn auf dem Dach hatten sich Hunderte von Menschen vor den- Flammen geflüchtet, da ihnen der Weg auf die Straße durch Qualm und Flammen versperrt war. Einige wurden vor Ang st wahnsinnig und sprangen in die Tiefe, wo sie mit zerschmetter­ten Gliedern liegen blieben. Die Besonnenen liehen sich mit Hilfe der von den Flugzeugen abgeworfenen Seile vom Dach herunter und retteten so ihr Leben. 3n der Umgebung des Warenhauses halten sich Tausende von Zuschauern eingefunden. Zur Ab­sperrung waren mehrere Kompanien Militär zur Verstärkung der Polizei eingesetzt worden. Nach

über dreistündigen Bemühungen der Feuerwehr war der Brand auf seinen Herd beschränkt. Eigenartiger­weise gelang es, alle Tiere des Zoologischen Gar­tens des Warenhauses zu retten.

Das Feuer war, wie weiter mitgeteilt wird, in den höheren Stockwerken des Warenhauses ausge­brochen und verbreitete jid) mit solcher Geschwindig­keit, daß die Tokioer Feuerwehr nach der Ankunft bereits ein gro hes Flammenmeer vorfand, das nur schwer bekämpfte werden konnte. 3n den oberen Stockwerken des Hauses waren insge- samt 1 3 0 0 Angestellte und mehrere hundert Käufer. Das Schicksal zahlreicher Frauen und Kin­der, denen im ersten Stock gleich unter dem Dach der Rückzug versperrt war, ist noch unbekannt. 110 Personen, die teils B r a ndwunden , teils son- I stige Verletzungen erlitten, wurden ins Kran- I kenhaus befördert.

5,3 Millionen Mark Fehlbetrag im hessischen Etat für 1932. Minister Kirnberger erläutert die Zmanziage im Landtagsausschuß.

WHP. Darmstadt, 16. Dez. Im Finanz­ausschuß gab Finanzminister Kirnberger Auf­klärungen über die Finanz- und Kassenlage des Landes. Die Ausgabenseite des Voranschlages für 1932 habe bisher gehalten, was man erwarten konnte. In allen Verwaltungszweigen ist g r ö st t e Sparsamkeit geübt worden. Die in Kapitel 16 eingestellte summarische Einsparung von 1,9 Mil­lionen wird in vollem Maste erreicht wer­den. Vielleicht können darüber hinaus noch we i t e re M i n d e r u n ge n de r Ausgaben erzielt werden. Infolge des Sinkens des Zins­fußes ergebe sich bei Kapitel 110 eine größere Ein­sparung, so dast selbst unter Berücksichtigung der Mehraufwendungen in Kapitel 10 (Mietzuschüsse) noch im ganzen mit einer Ausgabenvermin­derung von 500 000 Mark gerechnet wer­den könne

Auf der Einnahme feite werde durch die Konjunkturabgleitung nach den neuesten Feststel­lungen der Reichsregierung bei den Reichssteuer­überweisungen sich ein Ausfall von 4,7 bis 4,8Millkonenfür Hessen ergeben. Die Lan­dessteuern hätten bis jetzt nur eine verhält­nismäßig geringe Einbuße gezeigt. Immerhin werde auch hier, zumal da der Not der Zeit Rech­nung tragend, weitgehender Steuererlah erfolgt sei, mit einem Ausfall von über 100 000 Mark zu rechnen sein.

Die So gk um die Landwirtschaft habe die Re­gierung weiter veranlaßt, weitgehend P a ch t Nach­lässe zu gewähren, die das Ähr 1932 mit 260 000 Mark belasteten Die Regierung fei bereit, in ge­wissem Umfange den Pächtern auch Pachtland käuflich zu Überlassen, soweit dies Land für den Staat entbehrlich sei

Die Erträgnisse des werbenden Ver­mögens hätten eine rückläufige Bewegung ge­zeigt Die Einnahmen aus den Forstdomänen ließen einen Rückgang von 200 000 Mark erwarten Allerdings scheine der Tiefpunkt der Kon- i junktur in der Forstwirtschaft überwunden zu sein. Es bestehe tn diesem Winter eine lebhaftere Nachfrage nach Holz, und die Preise feien leicht angezogen. Ob und inwieweit die Verwal­tungsgebühren, Beiträge ju den einzelnen staatlichen Errichtungen usw. Ausfälle brihgen würden, lasse sich mit Sicherheit noch nicht sagen. Man werde jedenfalls mit einer Verschlechterung von etwa 500 000 Mark rechnen können

Die inzwischen eingeführte Schlacht st euer werde eine Mehreinnahme von 2,5 Mil­lionen erbringen. Für den Rest des laufenden Haushaltsjahres könne mit einer Einnahme von 800 000 Mark gerechnet werden.

Der Minister kam zu einem Fehlbetrag von 5,36 Millionen Mark für das lau­fende Etatsjahr.

Schließlich betonte er, daß sowohl der Haushalt als auch die Kassenlage des Landes ungünstig be­einflußt würden dadurch, daß viele Gemeinden infolge ihrer schweren sinanz'ellen Bedrängnis nicht in der Lage seien, ihre dem Lande schuldigen Verpflichtungen rechtzeitig abzutragen. Nach dem Staatsvoranschlag seien von den Gemeinden rund 1) Millionen Einnahmen zu leisten, von denen bisher nur ein verhältnis­mäßig sehr gering erTeil eingegangen sei, während die Leistungen des Staates ge­genüber den Gemeinden in der gleichen Zeit i n höherem Maße a b g ej>e d t worden seien. An den Reichsfinanzminister sei die dringende Forderung gestellt worden, den Ländern die für die Aufrechterhaltung ihres Staatshaushaltes er­forderlichen Mittel zur Verfügung zu stel'en, zu­mal von dem Niedergang der Reichssteüern die Länder in viel größerem Maste betroffen worden seien als das Reich selbst.

Ein nationalsozialistischer Antrag, daß das ortsansässige Handwerk bei der Verge­bung von gewerblichen Arbeiten in staatlichen An­stalten so weit als möglich mit herangezogen wer­den soll, wurde einstimmig angenommen; eben­so ein Antrag des Zentrums, wonach die Stammbeiträge zurHandwerkstam­me r entweder generell gesenkt oder eine Sta fe- lung der Beiträge nach der Größe des Handwerks­betriebes eineeführt werden sollen. Die Regierung soll eine Aufstellung, über die Bürgschaften der Handwerkskammer und die Rückbürgschalten des Landes gegenüber der Handwerkskammer vor­legen.

Kleine politische Nachrichten.

Der national,oziali st ische Frak­tionsführer im Hessischen Landtag, Karl Lenz, der, wie schon gemeldet, krankheiishaiöer von der Gauleitung zurückgetreten ist, hat dech. Landtagsamt mitgeteilt, dast' er krankheitshalber auf sein Mandat verzichte. Als Nach­folger tritt Rechtsanwalt Klein-Darmstadt in den Landtag ein.

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_ Der Aeltestenrat desReichstagesist für Montagnachmittag 16 Ähr einberufen worden, um über den Antrag der Kommun ist en zu entscheiden, der den sofortigen Zusammentritt des Reichstags fordert.

Fünf Millionen Pinguine.

Bericht von einer einsamen Insel.

Wer je bei Hagenbeck in Stellingen der un­seres Wissens unter allen zoologischen Gärten in Deutschland über die schönste und vollständigste Sammlung von Pinguinen verfügt vor dem Gehege der wunder.ichen, phantastisch menschen­ähnlichen Geschöpfe stand und sich nicht losreißen konnte von ihrem Anblick: der wird dieses Buch* mit genießerischem Entzücken lesen. Wer noch nie in seinem Leben einen Pinguin zu Gesicht bekommen hat, wird sich in diesem Buch mit Staunen, Heiter­keit und Rührung in eine Welt versetzt finden, die bei allem Reiz exotischer Ferne und Fremdartigkeit oft genug wie ein ins Tier para dies übertragenes, groteskes Abbild unseres eigenen Daseins anmutet. Der englische Naturforscher und Reisende Cherry Kea r ton hat mit seiner Frau ein halbes Jahr auf einer einsamen, kleinen Insel im Atlantik, wie der Riese Gulliver bei den Zwergen, unter Millionen von Vögeln zugebracht, die das Eiland beröltern: Taucher, Kormorane, Möwen, Ibisse und vor allem die unübersehbaren Heerscharen der Schmarzfuß-Pmguine. Stearton hat hier, nach fei­nen eigenen Worten, das achte Weltwunder ent­deckt. Das Ergebnis des monatelangen Aufenthaltes auf der Vogel-Insel ist das vorliegende Buch: es schildert seine Beobachtungen, Erlebnisse und Aben­teuer; es ist ganz und gar den Pinguinen gewidmet, aber außerdem auch sehr charakteristisch für den Verfasser, ftearton gibt nämlich, obwohl er fast nur von der Insel und von den Pinguinen erzählt, zwischen den Zeilen ein Bild feiner eigenen Per­sönlichkeit: er spricht 3um Leser als Engländer, als Sportsmann und Gentleman, als ein Meiych von scharfer Beobachtungsgabe, Geduld und er­frischendem Humor, erfüllt von zärtlicher und re­spektvoller Liebe zu den sonderbaren Geschöpfen der Insel. Kearton beschreibt klar und ungemein anschaulich das Leben der Pinguine vorn Ei bis Zum Tode; er schildert ihre Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten, ihre Ehe und ihre soziale Ge­meinschaft, ihre Stampfe, ihre Leiden, ihre Freuden und Spiele; er entwirft ein Charakterbild dieser kleinen, überaus sympathischen Gesch ipfe, er er­zählt von ihrer Häuslichkeit, ihrer ehelichen Zarte lichkeit, ihrer Kinderliebe, ihrem Mut. auch von

* Cherry Kearton: DieInfelderfünf Millionen Pinguine. Einzig berechtigte Ukbersetzung aus dem Englischen von TOagta Kahn. 188 Seiten. Mit 29 Bildern nach Photos und einer Karte. Brosch 3 Mark, kart. 3,50 Mark, Seinen 4,80 Mark. I. Engelhoms Nacht Stutt­gart. (486.)

ihrem Spieltrieb, ihrer Eitelkeit und ihrer unglaub­lichen Neugier Slearton hat es fertigbekommen, aus der unübersehbar verwirrenden Fülle dieses Vogelparadieses (die beigegebenen Photos vermitteln eine Überzeugende Vorstellung davon) aus der wimmelnden Masse von drollig aufrechtgehenden, schmor,zbefrackten, weißbäuchigen und kurzbeinigen Wesen die ausgeprägtesten Individualitäten und Temperamente herauszufinden, denen seine beson­dere Zuneigung gilt Was anderen Tierbüchern viel­fach, und n.cht immer mit Unrecht, zum Vorwurf gemacht worden ift die ganz vom menschlichen Standpunkt aus angelegte und auf ihn zurückbe- Zogene Art der Schilderung scheint hier nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu sich aufzudrängen. Das wird jeder begreifen, der sich einmal in den Anblick von Pinguinen, wenn auch nur in Ge­fangenschaft, ein wenig hat vertiefen können und sich darüber amüsiert hat. Auch Keartons Buch ist über­wiegend heiter und wahrhaft ergötzlich zu lesen, und er erzählt selbst daß er oft in diesen Monaten auf der Insel herzlich habe lachen müssen, aber er fügt hinzu, daß die Pinguine keineswegs immer und überall komisch wirken, sondern daß'sich in ihrem Dasein nicht einmal selten kleine Tragödien er­eignen, von denen niemand etwas geahnt hätte, und wovon jedermann mit Rührung und Ergriffen­heit hier die Beispiele überliefert findet. Keartons Bericht ist mit Photographien geschmückt, die jeden Tierfreund begeistern werden Wer in Verlegenheit ift, was für ein Buch er zu Weihnachten verschenken soll, dem seiDie Insel der fünf Millionen Pin­guine" empfohlen: sie wird dem Beschenkten unge­trübte Freude bereiten.y

Gießener Konzertverein.

£ubfa und Chrisija Kolesia.

Die Eindrücke,' die L u b E a Kolessa hinter­ließ. als sie sich vor nunmehr fast sechs Jahren mit Chopins L-Moll-Konzert in Gießen einführte, haben sich bei ihrem hiesigen Auftreten von Mal zu Mal verstärkt, und die höchsten Erwartungen, die man auf die Entwicklung der Künstlerin setzen konnte, sind bei weitem noch übertroffen worden. Die Entwcklungsphase, die sich im Vorjahre be­merkbar machte, hat zu einer neuen Stufe der Ausreifung geführt, die sich in einer besonderen inneren Ausgeglichenheit und Abgeklärtheit ihres Spiels zeigt So wurde Bachs Orgeltoccata und Fuge in D-Moll (in Ar Bearbeitung von Tanfig) zu^einem Zeugnis großer Gestaltungs­fähigkeit Die Toccata war ebenso von stärlstem persönlichen Impuls getragen und klar, sachgemäß gegliedert in ihrem Aufbau, wie die Fuge in den einzelnen Durchführungen plastisch profitiert er­

wuchs und sich zu einem gewaltigen Klanggewölbe in der Wucht der organisch bedingten Steigerungen erhob

Demjenigen, oer jich mit der Stlaoierbearbeitung eines ursprünglich für die Orgel bestimmten Wer­kes nicht völlig einverstanden erklären konnte, gab Lubka Kolessa reichliche Entschädigung mit Cho­pins Allegro de Concert, op. 46, dessen Thematik sie ebenso energievoll und markant aus­prägte, wie sie in Gegensätzlichkeit die Kantilene mit hingebungsvoller Wärme und Weichheit aus- ftrömen ließ. Die ungemein differenzierte Nuan­cierung des Anschlags, die perlende Ausgeglichen­heit der Passagen mußte man immer wieder aufs Neue bewundern. Grandiose Steigerungen wuchsen zu triumphalen Klangevolutionen aus

Mit einem besonderen Interesse begegnete man C h r i st j a Kolessa, einer noch jugendlichen Künstlerin, die rein instrumental zu sehr beacht­lichen Höchstleistungen fähig ist, denn das Technische ihres Instruments beherrscht sie souverän. Eine geradezu ideale Lockerung des Muskelspiels im rechten Arm ermöglicht ihr faszinierende Bogenkunst, die linke Hand arbeitet mit erstaunlicher Griffsicherheit und Klangreinheit in den höchsten Lagen und in den Doppelgriffen; das Passagenwerk gelingt ihr mit der Leichtigkeit einer aufs höchste gesteigerten Violin- technik. Alle diese Vorzüge kamen ihr sehr zustatten in Locatellis v-Dur -Sonate, deren ersten Satz sie ins Galante weisen ließ; dem zweiten gab sie eine schmiegsame Kantilene; in den Cadenzen ließ sie staunend aufhorchen; Flageolettspiel und geistvolle Pointierung kennzeichneten die weitere Durchführung dieses anmutigen Werkes. Ließ sich hier schon nicht einwandfrei feststellen, wie weit Christja Kolessa noch unter dem Einfluß der absol­vierten Schule steht und wie weit sie in Anbetracht ihrer Jugend Eigenes zu geben imstande ist, so zeigte die Solosuite (D-Moll) von Johann Sebastian Bach, daß sie mit diesem Werk dem augenblicklichen Stande ihrer Entwicklung etwas voraus geeilt war. Die beiden Menuettsätze lagen ihr noch am nächsten; auch die Sarabande gestaltete sie tonschön, wenn auch stellenweise etwas überdehnt. In den anderen Sätzen, zumal im Präludium und in der Allemande hätte weniger große Freiheit in der Abwandlung des Tempos dem Werke mehr ge­dient wie auch eine schärfere Artikulation erwünscht gewesen märe.

Es läßt sich schwer eine Prognose für die weitere Entwicklung Christia Kolessas stellen. Mit dem Ausreisen ihrer Persönlichkeit wird sie sicher das Schulgemäße abftreifen und zu eigener, in= dividuell gefertigter Auffassung des Kunstwerkes gelangen müssen. Die Zukunft wird auch ihrem Ton jenes Maß an innerer Wärme verleihen, das gerade dem Celloklang einen besonderen

Vorzug gibt. An Stelle der größten Teils virtuos eingestellten Solostücke von Popper hätte sich leicht eine andere, treffendere Auswahl ermög­lichen lassen; denn das Gebiet der Originalcello­literatur sowohl der vorklassischen wie auch der klassischen Zeit ist durchaus nicht so beschränkt, wie es nach den Programmen der meisten Cellisten erscheint; es gibt da noch viele, wenig begangene Wege und manche, selten gehobene Schätze.

Angesichts der starken musikalischen Potenz Lubka Kolessas hätte ihr die Dortragsfolge eine noch stärkere Auswirlungsmöglichieit einräumen müssen; denn das künstle.ische älebergewicht war durchaus auf ihrer Seite. Ihr Mitschaffen als Begleiterin am Flügel konnte man nicht als gleichwertigen Ausgleich dafür ansehen. Beide Künstlerinnen wurden von dem trotz der Nähe des Weihnachtsfestes gut besuchten Hause stür­misch gefeiert. Dr. H.

Das beliebtesteVersatzstück" von heute.

In früheren Zeiten waren es hauptsächlich die goldenen älhren, die ins Leihhaus wanderten, wenn einmal das Kleingeld ausgegangen war. Heutzutage aber hat dieses Versatzstück seine Beliebtheit eingebüßt und ist durch ein anderes ersetzt worden, wenigstens in Paris; doch" sind in anderen Großstädten die Verhältnisse ähn­lich. Die Pariser Städtischen Leihhäuser, die mit dem Kosenamenmeine Tante" bezeichnet wer­den, haben heute nicht mehr so viele goldene älhren aufzuweisen wie in früheren Jahren. Auch Schmuckstücke werden viel seltener der Obhut der Tante" anvertraut. Dagegen ist geradezu eine äleberflutung der Leihhäuser mit Kraftwagen sestzustellen. Da man in diesen schweren Zeiten das Auto, besonders während der Winterszeit, am ehesten entbehren kann und dadurch auch die großen Abgaben spart, so verseht man es, um bafür eine dringend gebrauchte Summe in die Hand zu bekommen. Don den elegantesten Lurus- autos bis zu den einfachsten Kleinwagen sind alle Arten in reicher Auswahl vertreten, und der Ansturm war so groß, daß die Leihhäuser für öiepe umfangreichen Versatzstücke keinen Platz auf­wiesen. Das Städtische Leihamt von Paris hat sich daher entschließen müssen, eine gewaltige Garage zu bauen, die 2'00 Wagen au'ninmt. Die Leih-Garage befindet sich in der Rue Du- ranti und wird 10 Stocrmerke hoch sein. Für die Pflege und Erhaltung der Wagen wird hier aufs Beste gesorgt, so daß sie in gutem Zustande fein werden, wenn sie toieber eingelöst werden ober wenn sie verkauft werben müssen, falls sie verfallen.