Samstag, ^.Dezemberfyz
182. Jahrgang
nr.297 AVüH auSsabe
Annahme von Unze.gen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für l mm tföl)c für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Re- klameanzeigen von 70 irm Brette 35 Reichspfennig, Platzvorfchrist 20" , mehr.
Chefredakteur
Dr. I-nedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr H.THyriot: für den übrigen Teil Ernst Blumschein und lür den Anzeigenteil i.D.Th.Kümmel sämtlich in Giezen.
Ericheint täglich, außer Lonniags und feiertags. Beilagen: Die Illustrierte (Bienenet Familienblätter Heimat m Bild Die Scholle Monatr-Vezugspreis:
Mit 4 Beilagen RM 1.95 Ohne Illustrierte „ 1.80 Zustellgebühr .. . -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt.
Zernsprechanfchlüfse unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Sieben.
Postscheckkonto:
Lranlfurt am Main 11686.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
vri'S vnd Verlag: Vrühl'sche Univerfitäls-Vuch- und Ztemdruckerei R. Lange in Gießen. Zchriftleltung und Geschaftrftelle: Zchnlftraße 7.
Landnöten.
Sehnlicher noch als in anderen Jahren wartet diesmal der Handel auf eine Belebung des Geschäftsgangs durch erhöhten Weihnachtsabsah. Das reguläre Geschäft hat vielfach einen Tiefstand erreicht, der kaum mehr unterschritten werden tonn. Ein gewisser Trost mag darin liegen, daß nun wirklich nach allgemeiner Ueberzeugung der Tiefpunkt der Krisenentwicklung erreicht ist. Die llmsahstatistik des Einzelhandels zeigte in den letzten Monaten endlich keine sinkenden Ziffern mehr. Dort, wo in der Industrie schon umfangreichere Reueinstellungen von Arbeitskräften stattgefun- dcn haben, macht sich auch im Einzelhandel e:n leichtes Anziehen der Umsätze bemerkbar. Aber den entscheidenden Umschwung der Wirtschaftskurve soll erst das Weih nachts- g e s ch ä f t bringen. Bielfach werden in diesem Weihnachtsmonat wohl die letzten Ersparnis'e mobil gemacht werden müssen, um Einkäufe, zu tätigen, die immer wieder hinausgeschoben wurden. nun ober dringlich geworden sind. Wan darf daher hoffen, dost mancher lange angestaute Bedarf stürmisch nach Befriedigung drängen wird, wenn erst einmal überall die Uebcrzeugung durch- gedrungen ist, dast es wieder aufwärts geht, und dast auch diejenigen endlich Aussicht haben, wieder Arbeit und Berdienst zu bekommen, die so lange zum Feiern gezwungen waren.
Aber die Kauflust allein, für die auch der Tiefstand der Preise einen kräftigen Anreiz bildet, tut es freilich nicht. Auch die Frage nach der Kaufkraft der Konsumenten muh oufgeworfen werden, wenn man sich über die Aussichten des Weihnachtsgeschäfts im Einzelhandel einigermasten klar werden will. Hier bleibt leider noch gar vieles zu bessern. Den Reuein- stellungen in manchen Industrien, durch die dem Einzelhandel' zweifellos manche neuen Käufer zugcführt werden, die notwendigsten Bedarf zu befriedigen haben, steht eine saisonmäßige Zunahme der Arbeitslosigkeit gegenüber, d:e man- cben, der aus die immer stärker gekürzte Unterstützung angewiesen ist, aus dem Weihnachtsgeschäft ousschaltet. Hat man aber wenigstens alles getan, um Beunruhigungen zu beseitigen, die vielleicht auch viele Kaufkräftige zur Zurückhaltung veranlassen?
Was die Politik anbetrifft, so must man wohl hoffen, dost eine stabile Regierung Deutschlands Wirtschaft über den harten Winter ohne neue Katastrophen hinwegbringt. R e - gierung und Reichstag müssen sich sagen, dast ein unbefriedigendes Weihnachtsgeschäft alle Aussichten auf eine Belebung der Gcsamtwirt- schaft auf lange Zeit hinaus zerstören mühte. Werden die Lager des Einzelhandels zu Weih- nachten nicht geräumt, so können die Fabriken in den folgenden Monaten keine ausreichenden Reuaufträge erhalten: der ganze Warenumlauf must dann ins Stocken kommen, und alle Bemühungen um Arbeitsbeschaffung werden sich als vergeblich erweisen. Der Weihnachtsabsatz bildet oll» jährlich den stärksten Motor, der den Güterumlauf in schnellere Bewegung seht. Dresen Motor must die Reichsregierung so kräftig wie möglich ankurbeln, wenn sie das Wirtschaftsgetriebe im kommenden Frühjahr wieder in Gang bringen will. Die Boraussetzungen hierzu find in mancher Hinsicht günstig. Die Dorratsläger z. D. sind sowohl beim Handel wie bei der Industrie so gering wie kaum jemals früher. Wenn also nach Weihnachten beim Einzelhandel, dem letzten Glied der Kette des Warenumlaufs, keine neuen Läger angehäuft werden, so müssen der Industrie bedeutende Reu aufträge zufl-.e- hen. Hierauf warten aber die Fabriken offenbar nur noch, um in größerer Zahl Arbeitskräfte einzustellen. Bermchrte Aufträge sind hierzu wirksamer als Einftellungs'räm'en und Steuergutscheine. Denn Kapital und Kredit können d.e Wirtschaft nur dann beleben, wenn genügend Absatz vorhanden ist. Damit freilich das diesjährige Weihnachtsgeschäft diesen Absatz erzeugen kann, müssen alle Gefahren von ihm ferngehalten werden. Es must daher jetzt eine der dringendsten Sorgen der verantwortlichen Re.chs- leitung sein, den austerordentlich wichtigen Wirt- schaftsmotor vorallenStörungenzube- wahren.
Oie Einigung auf die Genfer Formel hat das nachgerade übliche Nachspiel gehabt, daß die Franzosen an dem Wortlaut so lange herum- do'.tern, bis sie ihn glücklich in das Gegenteil verkehrt und die ganze Verständigung wieder auseinandergeredet haben. Diesmal hat es nur wenige Tage, kaum eine Woche gebauert, bis sich sogar der offiziöse Apparat einmischte und eine halbamtliche „Verlautbarung" aus Paris in die Welt schickte, die eigentlich alles wieder wegleugnet, was von deutscher Seite in der Genfer Uebereinkui^t als Fortschritt ausgelegt werden konnte. Uns überrascht das nicht. Wir haben von vornherein nichts anderes erwartet und haben deshalb rechtzeitig vor jeder Ueberjchästung gewarnt. Tatsächlich be- g.nnt ja der eigentliche Kampf um die Durchsetzung der Abrüstung erst, wenn die Konferenz ihre Arbeiten wieder aufnimmt.
Aber ganz so einfach, wie die Franzosen sich das jetzt vorstellen, liegen die Dinge doch nicht. Sie können nun einmal nicht aus der Welt schaffen, dast nach dem Wortlaut die Gleichberechtigung einer der leitenden Grundsätze der Konferenz sein soll, also im P rin-
Oie Parteien und das Kabinett Schleicher.
Bayerische Bedenken zur Kanzierrede.
Die Finanznot der Länder.
München, 16. Dez. CSU.) Zur Rundfunkrede des Reichskanzlers bemerkt die „Bayerische Bolksparteikorresponden z", ein Manko der Rede Schleichers sei es, dast der Kanzler kein Wort für dieBedeutung einer Zusammenarbeit der Länder mit dem Reiche gefunden habe. Hier mache sich Schleicher die Sache wirtlich zu leicht. Bayern müsse aus dem Standpunkt beharren, dast mit der für Preußen getroffenen Regelung eine tiefgreifende Gleichgewichtsverschiebung ein» getreten sei, zu deren Behebung ein gesunder Ausgleich für die außerpreustischen Länder unerlästlich sei. Es wäre dringend erwünscht, dast der Reichskanzler möglichst bald Klarheit auf diesem Gebiete schaffen würde. Die vom Kanzler angeführte Tatsache, dast das Reich ohne neue Steuern und auch ohne neue Kürzun gen im Personaletot auskomme, könne nur dann als tatsächlicher Fortschritt anerkannt werden, wenn für die Länder und Gemeindefinanzen das Gleiche gelte. Solange Länder und Gemeinden aber gezwungen seien, ihren Beamten weitere Opfer, wie z. B. das Rollsystem, aufzuerlegen, während das Reich großzügig den Trotgeber spiele, sei die Finanzpolitik des Reiches gewiß nicht in Ordnung. Die Einlösung der Zusage an die Länder wegen finanzieller Hilfe könne gar nicht rasch genug erfolgen.
Hitler zur Schleicher-Bede.
Bor der Prcutzcnfraktion der NSDAP.
Berlin, 16. Dez. (VDZ.) Die preußische Lond- tagsfrattion_ber NSDAP, hielt am Freitogvormit- tag eine Sitzung im Hause des Reichs- tagsprasidenten Goering ab, in der der Parteiführer Adolf Hitler der Fraktion die Richtlinien für ihr weiteres Verhalten gab. Parteiamtlich wird darüber u. a. folgendes mitgeteilt: Hitler stellte sich einleitend vor den greifen General Litzmann, dem Sieger von Brcezny, den der Reichskanzler, General v. Schleicher, wegen seiner Mahnung an den Reichspräsidenten in seiner gestrigen Rundfunkrede anzugreifen für richtig befunden hat. Er versicherte unter stürmischer Zustimmung General Litzmann der Liebe und Verehrung der ganzen nationalsozialistischen Bewegung, mit der der greise General und Alterspräsident zweier Parlamente in .Kameradschaft, Ehre und Treue auf immer verbunden ist.
Der Führer kam bann auf die politischen und wirtschaftlichen Auslassungen des Reichskanzlers v. S ch l e i ch e r zu sprechen, die man vom Standpunkt nationalsozialistischen Wollens und Wirkens für das deutsche Volk nur durch die Frage charakterisieren könne: Ist das alles? Schleicher offenbarte einzig, sich für eine hoffentlich nur kurze Rotzeit als Kanzler und politischer Sachwalter zu sehen: dies scheine erkennen zu lassen, daß er aus dem Schicksal der Borgänger seiner Regierung Lehren gezogen habe. Die Aera Schleicher werde ebenso wie die vorhergehenden eine kurze Episode für die Ration sein. Auch dieser Kanzler glaube, von den Ideen, die der Rationalsozialismus in dreizehnjährigem Kampf populär gemacht habe, leben za können. In Wirklichkeit eigne man sich Begriffe, deren Inhalt man selbst nicht zu verwirklichen, sondern nur zu zerstören imstande
sei, lediglich zum Schein an, um das Gedankengut der RSDAP. durch Mißbrauch zu diskredi- ttieren und seine Verwirklichung dem Bolk vor- zucnthalten. Gewisse Hdsfnungen bestimmter Kreise auf einen Zwiespalt in der RSDAP. seien bitter enttäuscht worden. Bielleicht hätten die Ereignisse der letzten Tage im Gegenteil gerade das Gute gehabt, der Wilhelmstraße zu zeigen und den endgültigen Beweis zu erbringen, dast die RSDAP. durch nichts zu erschüttern sei, daß sich bei uns kein Treviranus finde, daß niemand in der Partei es billiger mache als ihr Führer und daß man die Bewegung so nehmen müsse, wie sie ist. Die Klärung der letzten Tage habe der Wilhelmstraße wohl endgültig die Erkenntnis gebracht, daß auf dem Wege innerer Zerspaltung der deutschen Freiheitsbewegung nicht beizukommen sei. In das Iahr 1933 werde die RSDAP., die sich in den 12 Wahlkämpfen des vergangenen Iahres wunderbar geschlagen habe, als eine kampferprobte und kampfkräftige Armee geschlossen hineinmarschieren. Riemals werde sie sich von ihrem Ziel abbringen lassen. Sie habe die deutsche Iugend, sie habe den größeren Mut, den stärkeren Willen und die stärkere Fähigkeit, was könne ihr da vom Siege noch fehlen!
Hugenberg zur Politischenlage DieDcutschnatimialen sordein.Hilfe für den Mittelstand in Stadt und Land.
Berlin, 16. Dez. (VDZ.) Der deutsch- nationale P a r t e i vo r st a nd freit am Freitag im Reichstage eine Sitzung ab, in der zunächst der Parteiführer Geheimrat Hugenberg einen längeren Bericht über die gesamte politische Loge erstattete. Er zog aus den politischen Borgängen der letzten Wochen, wie die Pressestelle der DRBP. mitteilt, die Folgerung für die Haltung der DRBP. Anschließend ging
Berlin, 16. Dez. 3m Preußischen Landtag, richtete der nationalsozialistische Fraktionsvorsitzende Kube heftige Angriffe gegen den Reichskanzler von Schleicher. Er erklärte u. a.: Der General von Schleicher habe Bemerkungen gegen den verehrungswürdigen Alterspräsidenten, General Litzmann, gemacht, die auf das schärfste zurückgewiesen werden müßten. Wenn auch die historische Persönlichkeit Lilstnonns weit über derartigen Angriffen stehe, bleibe es doch tief bedauerlich, daß ein unbekannter Major des Weltkrieges mit diesen Angriffen nicht nur gegen den Alterspräsidenten, sondern auch gegen den weit älteren und oer- ehrungswürdigeren Kameraden und seinen ihm weit überlegenen militärischen Führer Stellung ge^ nommen höbe. Wenn der Reichskanzler das Wort „Kameradschaftlichkeit" gebraucht habe, müsse man ihn fragen, ob er bei diesem Appell an die Kameradschaftlichkeit vielleicht daran dachte, wie er den Generalobersten v. e c e cf t unter Wasser torpedierte, wie er den späteren Reichswehrminister G e ß l e r kameradschaftlich zur Strecke brachte, ebenso den Reichswehrminister Groener, Den Reichskan'ler Brüning und den Reichskanzler v. Popen. (.Händeklatschen bei den Nationalsozialisten.) Herr v. Schleicher sei der Allerletzte, der
— u* inuim»».in.mM— iiT3wnsm.il Hi—Iiir»
Dr. Hugenberg auf die wirtschaftspolitische Lage ein und zog dabei folgenden Schluß: Wenn wir jetzt unsere Landwirtschaft nicht in Ordnung bringen, wird sie einfach zur Verzweiflung g.trieben: sie wird polit sch rabiat und gibt den Ausschlag zugunsten derjenigen Mächte, die den deutschen Staat zerstören wollen. Es ist das oberste politische Gebot, die von Haus aus rührigste und staatstreueste Bevölkerungsschicht, d i c Bauern, nicht in das Stadium besinnungsloser Wut kommen zu lassen. Dazu ist vor allem eine Absatz- und P r e i s b e s s e r u n g der sogenannten bäuerlichen Beredelungs- erzeugnisse notwendig. Auch die Kredit- und Steuerfragen der Landwirtschaft müs- scn endlich aelöst werden. Die steuerliche und wirtschaftspolitische Mißhandlung des städtischen Mittelstandes muß gleichermaßen aufhören Haie die des ländlichen. Ohne starken Mittelstand gibt es keine starke Wirtschaft und keinen' starken Staat. Die dritte drängende Augenblicksfrage, die E i n d ä m m u n g derAr- beitslosigkeit, kann nicht mit künstlicher Arbeitsschöpfung, sondern nur durch Beseitigung der Hemmnisse gelöst werden, die einer echten Wirtschaftsbelebung im Wege stehen. Dazu gehören als erstes die Regclungder Scyuldcnsrage und eine bessere Ordnung unseres Kreditwesens. Kommunale Arbeitsschöpfung ist kein Heilmittel.
Im Anschluß an diesen Bortrag Dr. Hugen- beros wurde von feiten der Parteileitung ein ausführliches Wirtschafts-, finanz- und handelspolitisches Programm vorgetragen, das auf den Vorschlägen Dr. Hugenbergs auf dem un Iuli verkündeten Freiheitsprogramm aufbaut und, alle Teile des deutschen Wirtschaftslebens um- faßt. Dieses Programm wird in den nächsten Tagen veröffentlicht werden.
über den Begriff der Komeradfchaftlichk.it Anschauungsunterricht zu erteilen vermöge. Vielleicht verleite'die Kameradschaftlichkeit Herrn o. Schleicher dazu, mangels anderer Objekte für feine Unter* wassertorpedierungen sich nun selbst zu torpedieren. Dieser Beweis von Kameradschaftlichkeit würde von den Nationalsozialisten mit Befriedigung zur Kennis genommen wenden. (Erneuter Beifall bei den Nationalsozialisten.) -
Rie und nimmer, so fayrt Kube fort, wird die RSDAP. es dulden, daß Preußen zum Reichsland gemacht oder anders beurteilt und behandelt wird als die süddeutschen Länder. Wir werden den Komps um Preußen nicht auf* geben, weil die Deichskommssarverordnung nicht zurückgezogen wird. Mit derselben Erbitterung und Konsequenz, mit der wir um Preußen nut den Sozialdemokraten gerungen haben, werden wir, Herr Reichskanzler v. Schleicher, mit jedem ringen, der es wagt, sich zwischen uns und den preußischen Staat zu stellen. (Händeklatschen bei den Rationalsozialisten.) Die Machtposition Preußens darf nicht dadurch zum Stillstand kommen, weil man hofft, im Reiche zu einem Kuhhandel zu kommen. Wir wollen kein Scheinministerium in Preußen haben, wir find bereit, den Reichskom-
ErngteAusspracheimpnoMenchmdtag
Scharfe nationalsozialistische Angriffe gegen den Reichskanzler.
zip jetzt bereits anerkannt ist. Wenn die Franzosen die Durchführung abhängig machen wollen von ihrem etwas nebelhaften Sicherheitssystem, so ist das ihre Sache. Möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich, daß daran die Konferenz schließlich scheitert. Aber auch dann bleibt die Tatsache bestehen, daß die Franzosen den Grundsatz der Gleichberechtigung anerkannt haben und daß sich daraus dann für Deutschland se'bst- verstündliche Folgerungen ergeben, die in ir; \0= einer Form auf die Aufkündigung wenn nicht unserer Zugehörigkeit zum Dölkerbund, so doch mindestens des Teiles V des Versailler Vertrages hinauslaufen müssen.
Indessen hat es wohl keinen rechten Sinn, sich heute schon über die Möglichkeiten den Kopf zu zerbrechen, die frühestens in einem halben spruchreif werden. Wir nehmen deshalb an französischen Stilübungen nur zur Kenntni zu wissen, was uns in Genf noch erwarten : Herr Hcrriot hat sich offenbar etwas zu weit vorgewagt und fürchtet nun, daß die französischen Vasallenstaaten, die ihren Widerspruch ja sofort angemeldet haben, unbequem werden können. Richt ganz ausgeschlossen sogar, daß er e i n Spiel mit verteilten Rollen spielt, daß also Frankreich an sich zu weiteren Zugeständnissen bereit sein würde, aber gleichzeitig dafür sorgt, daß die Polen oder Tschechen Einspruch erheben, um d a r a n dann die praktische Durchführung der deutschen Gleichberechtigung scheitern zu lassen.
Zuzutrauen wäre der französischen Diplomatie eine solche Taktik schon. Sie ist aber so kompliziert, daß sie sich nachher sehr leicht selbst widerletzt. Einstweilen muß Frankreich ja noch nach verschiedenen Fronten sprechen und die Aufrollung des Schuldenproblems muß eigentlich dazu führen, daß der Gegensatz zu den Vereinigten Staaten sich weiter zuspitzt. Niemand wird behaupt ten können, ob in einem halben Jahr Frankreichs Stellung noch stark genug ist, um sich einem ge
meinsamen Druck einer ganzen nach Frieden hungernden Welt in den Weg werfen zu können.
Die Wirtschaftskrise, die so ungeheuer viel An- heil hervorgerufen hat, wirkt auf manchem ®o biete auch nützlich. Es gibt ja überhaupt in der Welt kein liebel, dem man nicht von irgendeinem Standpunkt aus auch eine vorteilhafte Seite abgewinnen könnte. Man hat mit Recht in den Jahrzehnten der Entwicklung Deutschlands zum Industriestaat die „Verstädterung", d. h. die zunehmende Anhäufung der Bevölkerung in den Großstädten für ein großes sozial» hygienisches Hebel gehalten. Aber man hat nichts Wirksames dagegen tun können. Die Abwanderung vom Lande nach den Großstädten wurde als eine unheilbare soziale Krankheit angesehen. Die Wirt'chastsnot und die ungeheuer große Ar» beidslosigkeit haben diesen Zuzug auf einmalz um Stocken gebracht, lind nun ze.gt > ch. daß ohne dcn Zuwanderungsgewinn aus dem Lande die Großstädte nicht nur an Einwohnerzahl zu» zunehmen aufhören, -ondern sogar kleiner werden. Der natürliche Bevölkerungszuwachs durch den lieber-chuß an Geburten über die S'erbefälle fehlt in den Großstädten, und die Folge davon ist, daß sie allmählich aussterben müßten, wenn sie dauernd keinen Zuzug mehr erhalten würden.
Eine Statistik über die Bevölkerungsbewegung in 98 deutschen Städten von mehr als 50 000 Einwohnern zeigt, daß die Gesamteinwohnerzahl im ersten Halbjahr 1932 von 23,09 auf 23,03 Millionen zurückgegeangen ist. Es ist also eine Slbnafyme der Einwohnerzahl um rund 60000 sestzustellen. De* tatsächliche Rückgang der Bevölkerung ist sogar noch etwas größer, weil drei stabte, nämlich München, Rostock und Lübeck, in der fraglichen Zeit Gebietserweiterungen Dorgenommen und hierdurch an Einwohnerzahl zu- genommen haben. Ohne diese künstliche Zunahme
würde die Verminderung der Großstadtbevölkerung fast 70 000 in einem halben Jahr betragen haben.
Der Rückgang der Einwohnerzahl der Großstädte kann auf zwei Ursachen zurückzuiühren sein. Es wäre möglich, baß sie überhaupt keinen natürlichen Bevölkerungszuwachs mehr haben, daß also die Sterbefälle die Geburten an Zahl übertreffen. Daß freilich bas natürliche Aussterben ber Großstädte allein die Abnahme um beinahe 70 000 Einwohner verursacht habe, ist nicht anzunehmen. Es muß also auch eine Rückwan - berung aus ber Großstadt nach bem flachen Lande und nach den kleinen Städten vorhanden seien. Tatlachlch ist in den mei sten deutschen Großstädten eine solche Abwanderung festzustellen, die größer ist als die Zuwanderung. So hat z.B. Ber.in im ersten Halbjahr 1932 mehr als 32 000 Einwohner durch Mehrabwanderung verloren. Da Berlins Bevölkerungszahl in dieser Zeit um insgesamt 38 300 Köpfe abgenommen hat, muß außer dem Abwanderungsüberschuß auch em beträchtlicher Ueberschuß ber Sterbefälle über die Geburten aufzuwei'en gewe'en fein. Andere Großstädte haben verhältnismäßig größere Abwande- rungsverluste als Berlin gehabt. Im allgemeinen gilt aber die Regel, daß je größer die Stadt, desto größer auch die prozentuale Abnahme der Bevölkerung gewesen ist.
Dom kommunalpvliti'chen Standpunkt aus wird die Abwanderung zunächst nicht ungern gesehen. Sie vermindert häufig die Schul- und Armenlasten. Ungerecht ist es freilich, daß hierdurch wiederum d'e Lasten des flachen Landes und der Kleinstädte in manchen Fällen erhöht werden. Im übrigen aber ist die Abnahme ber Bevölkerung in den Großstädten und der Zuwachs, den dadurch das Land gewinn,, zu begrüßen. Denn Deutschlands Zukunft beruh, auf der ständigen Erneuerung, die es der größeren Bevölkerungszunahme auf dem Lande verdankt.


