Nr. 297 Erstes vlaü
182. Jahrgang
Samstag, 17. Dezember 1932
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GiehenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THynot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den An. zeigenteil i. D. TH.Kümmel sämtlich in (Biegen.
Aothelser der Nation.
Der erste große Erfolg des Reichskanzlers von Schleicher mar taktischer Natur, es gelang ihm, das Parlament zur Vertagung der ent,cheidenden politischen Aussprache bis noch dem Fest zu bewegen. Ein Erfolg, der den Ches der neuen Regierung allerdings der Möglichkeit beraubte, wie üblich von der Tribüne des Reichstags sein Programm zu verkünden. Sobald die ersten Wogen der Erregung über die Regierungskrisis und ihre wenig erfreulichen Begleiterscheinungen verebbt waren, also durchaus im psychologisch richtigen Moment, hat der Reichskanzler diese Aufgabe nochgeholt und sich durch den Rundfunk direkt an dos Volk gewandt. Aber durch den gleichen Rundfunk, der uns im Laufe dieses ereignisreichen Jahres so manche scharfe Kampfrede der Reichskanzler Brüning und Popen übermittelt hatte, hörten wir diesmal die gelassene, selten einmal schärfer betonte Stimme eines Mannes, der glaubt, mit Ironie und Sarkasmus, den spitzen Waffen des diplomatischen Fechters, vorerst auskommen zu können. Aus dem Munde des Generals, den nur bittere Not zum Reichskanzler gemacht hat, tönt uns schon nach den ersten Sätzen die Versicherung entgegen, daß er ge- willt ist, nicht das Schwert, sondern den Frieden zu bringen. Nicht in der Toga des Diktators tritt der Vertreter der Wehrmacht als politischer Führer vor die Rampe, er will nur Nothelfer der Nation sein, der sich für sein Wirken als überparteilicher Sachwalter der Interessen des ganzen Volkes nur eine kurze Uebergangszeit gesetzt hat. Und schon diese erste Rede des neuen Reichskanzlers ist überall der Ausdruck des Willens, Del auf die Wogen zu gießen, neue Delst.mmungen nicht groß werden zu lassen und den Kampf zu meiden, solange er ihm nicht ausgezwungen wird. Daß er gegebenenfalls zum Aeußersten entschlossen ist darüber läßt er in knappen, aber entschiedenen Bemerkungen nicht den geringsten Zweifel. Aber daß unser Volk vor allein andern Ruhe braucht und das feste Vertrauen in die Stetigkeit der politischen Verhältnisse, um nach dem Abschluß der Deflationsperiode olle Kräfte für d:e Wiedererhebung aus dem Tal des Wirtschaftsoerfalls oinzusetzen, diese Erkenntnis muß das ganze Tun und Lassen eines politischen Führers beherrschen, dessen Programm nach seinen eigenen Worten aus einem einzigen Punkt bestehl: „Arbeit schaffe n!"
Das war an sich natürlich auch schon das Ziel seiner beiden Vorgänger an der Spitze präsidialer Regierungen, aber Brüning unterstellte alles der einen Aufgabe, das Terrain für die große Auseinandersetzung über Reparationen und Abrüstung oorzubereiten',' Popen suchte neben der Wirt- schastsankurbelung auch noch die großen oerfassungspolitischen Probleme einer Lösung im Sinne seiner feftgcg.ündeten konservativen Staatsauffassung entgegenzuführen, und beite erschöpften sich schl.eßttch in einem ihnen aufdezwungenen innerpolitischen .Kampfe von beispielloser Schärfe und Erbitterung, der den Zwecken der Wirtschaftsbelebung und Ar- bettsbeschaffung nicht förderlich sein konnte. Trotzdem hatte Reichskanzler von Schleicher zehnmal Recht, als er in seiner Rede, die auch Brünings Verdienste um die Vorbereitung der außenpolitischen Erfolge dieses Jahres warm anerkannte, für seinen ehemaligen Kabinettskoll^gen von Popen Gerechtigkeit forderte, dessen Wirtschaftsprogramm in feinen Grundzügen durchaus richtig war, aber als ein sog. Einjahresplon nach einer Anlaufszeit von wenigen Monaten, die zudem durch die Erregung des Wahlkampfes unliebsam gestört war, in seinen Auswirkungen noch nicht annähernd beurteilt oder gar schon verurteilt werden kann. Es ist denn auch erfreulich, daß dieses Programm in seinen wesentlichen Teilen vom neuen Kabinett, dessen Bestand ja in den maßgebenden Ministerien kaum eine Veränderung erfahren hat, beibehalten werden soll. Dazu steht nicht im Widerspruch, wenn Dinge, die wie die sog. sozialpolitische Ermächtigung oder die Verordnung zur Vermehrung und Erhaltung der Arbeitsgelegenheit mehr Beunruhigung und Unsicherheit als wirtschaftliche Erfolge gezeitigt haben, künftig in Fortfall kommen werden. Statt dessen ater soll die Beschaffung öffentlicher Arbeiten wesentlich erweitert und schneller vorangetrieben werden. Darin treffen sich die Wünsche der Gewerkschaften und der Gemeinden mit der Auffassung des neuen Kanzlers, der diesen Wünschen durch die Ernennung eines besonderen Reichskomm ssars für Arbeitsbeschaffung in der Person des bisherigen Präsidenten des Deutschen Landgemeindetags, Londrat a.D. Dr. G e r e f e, Rechnung getragen hat. Es biegt aber in der Richtung der Beibehaltung des bisherigen wirtschaftspoliti- tischsn Kurses und ist geeignet, begreifliche Befürchtungen vor Rückfällen in sozialistische Experimente vergangener Jahre zu zerstreuen, wenn Reichskanzler von Schleicher Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln für Luxuszwecke, wie sie sich vor allem unsere großen Kommunen rwe Berlin, Köln, Frankfurt u. a. in den goldenen Zeiten ungehemmten Zustroms von Auslandanleihen geleistet haben, ausdrücklich ablehnt und für die öffentliche Arbeitsbeschaffung den gesunden Grundsatz aufstellt, daß die Vergebung dieser Arbeiten an freie Unternehmer der Ausführung in eigener Regie der öffentlichen Hand vorzuziehen sei. Uferlose Kreditausweitungs- pläne, wie sie gelegentlich immer wieder im Zusammenhang mit der öffentlichen Arbeitsbeschaffung auftauchen, soll die Mitarbeit des Reichsbankpräsidenten Dr. Luther, den Schleicher mit Recht den Gralshüter der Währung nannte, in ein solide eingedämmtes Bett leiten. Das Ziel der Forderung einer gesunden und leistungsfähigen Privatwirtschaft kommt wie hier, so auch in der scharfen Kampfansage des Kanzlers an die in ihren Folgen verheerende Suboentionspolitik zum Ausdruck. Der Kanzler findet sich in dieser Anschauung
Das Kabinett Schleicher an der Arbeit.
Oie nächsten Notverordnungen werden vorbereitet.
Oie heutige Kabinettssitzung.
Berlin, 17.Dez. (TU.) Das Reichskabinett ist am Samstagvormittag zu einer Sitzung zusammengetreten. 3m Vordergrund der Beratungen stand die Durchführung der Winterhilfe, die Gegenstand eingehender Beratungen der zuständigen Ressorts gewesen ist. Weiter dürften, wie die „5>2L3.“ erfährt, h a n d e l s p ol i t i s che Fragen erledigt werden. Vielleicht kommen hierbei auch die Pläne des Beichsernährungs- ministeriums auf „fettr>olitischem" Gebiet zur Sprache. Schließlich sollen die Notverordnungen der nächsten Woche verabschiedet weroen, deren Inhalt in erster Linie die Aufhebung der PressezwangHbestimmungen und der Sondergerichte bildet. Hinzu trete die Verlängerung des Republikschuhge- s e tz e s. Aus dem alten Gesetz würden nur die Bestimmungen über den Schuh der Staatsform, der Rcichsfarben und der Minister wegen Beleidigungen usw. übernommen. Der Rest des Gesetzes werde vermutlich Wegfällen. Die Ar. beitsbeschaffungssragen würien noch nicht behandelt werden. Reichsbcmkpräsllent Dr. Luther nehme infolgedessen an der Sitzung nicht teil.
Aussprache im Neichewirischastsministerium
Die Gewerkschaftsführer bei Warmbold.
Berlin, 16. Dez. (WTB.) Heute vormittag fand im Reichswirtschaftsministerium eine Aussprache zwischen Reichsw.rtschaftsmini'ler Dr. Warmbold und den Vertretern aller Gewerkschaften statt, bei der eine Reihe aktueller Fragen aus allen Gebieten der Wirt- schastspolttik eingehend erörtert wurde. Weitere Besprechungen mit den Verbänden der Unternehmer finden in den nächsten Tagen statt.
Die Gewerkschaftsvertreter hatten den Wunsch geäußert, sich über bestimmte Fragen zu informieren. Wie der „Börsen-Courier" zu berichten weih, sind in der Besprechung Fragen der Arbeitsbeschaffung, der Handelspolitik, der bevorstehenden Weltwirtschaftskonferenz und der staatlichen Subventionspolit.k eingehend erörtert worden. Der Reichswirtschaftsmin.ster habe ausdrücklich den Gewerkschaftsführern gegenüber daraus hingewiesen, daß seitens seines Ministeriums d i e Arbeitsbeschaffung auf das Lebhafteste gefördert werde. Allerdings müsse man bei der Finanzierung der Arbeitsbeschaffung daran festhalten, daß diese K r e ö i t s ch v P-- fung da ihre natürliche Begrenzung finde, wo nicht die absolute Sicherheit
der Währung gewährleistet sei. Die für die Finanzierung der Arbeitsbeschaffung zur Verfügung zu stellenden Summen ständen im Augenblick noch nicht fest. Zeitungsmeldungen, die von 1,5 Milliarden sprächen, seien nicht fundiert. Die Gewertschaftsvertreter hätten hierbei die Auffassung gewonnen, daß eher noch ein etwas höherer Betrag in Frage kommen würde.
Minister Warmbold habe sich sodann über die Wirksamkeit der sogenannten Einstellungs- prämie geäußert. Nach den bisherigen amtlichen Feststellungen seien immerhin 6 2 5 0 0 Arbeitnehmer auf diesem Wege neu in A r - beit und Brot gekommen. Bisher seien für diesen Zweck 50 Millionen Mark in Steuergutschei
nen ausgegeben worden. Zur Subventions- Politik hatte Warmbold erklärt, daß die Reichs regierung eine solche im allgemeinen nicht als erwünscht bezeichnet und daß größte Zu- rückhaltung geübt werden solle bei staatlichen Subventionierungen in der Privatwirtschaft. Zum Schluß hätten die Gewerkschaftsvertreter noch besonders auf die Notwendigkeit der Förderung des Kleinwohnungsbaues hingewiesen, well gerade auf diesem Gebiet die Möglichkeiten der Arbeitsbeschaffung groß seien. — Ali diese Dinge werden auch in der Aussprache mit den Arbeitgeberoertretern behandelt werden, die in den nächsten Tagen ftattfinden sollen.
Frankreich rnckL von der FünfmächtevereLnbarnng ab.
Eine merkwürdige Oenkschrist der französischen Abrüstungsdelegation.
Genf, 16. Dez. (XU.) In hiesigen Kreisen erregt eine Denkschrift der französischen Abrüstungsabordnung großes Aufsehen, in der gegen die amtliche deutsche Auslegung der A ü n fm äch lev er e in ba r u n g vom 12. Dezember Stellung genommen wird. Die Denkschrift, die einzelnen Genfer Stellen vertraulich übermittelt worden ist, sucht die Füns- mächlevereinbarung in allen wesentlichen Punkten zu entwerten und betont, daß selbstverständlich im Falle eines Scheiterns der Abrüst,ungsverhand- lungen der Versailler Vertrag weiter unbeschränkt in Kraft bleibe, daß ferner dic Gleichberechtigungsfrage Deutschlands in unlösbarem Zusammenhang mit der Regelung der Sicherheitsfrage gebracht sei und die Gleichberechtigung wie auch die Sicherheit keineswegs Ausgangspunkt, sondern lediglich eines der Ziele der Abrüstungskonferenz sei. Die deutsche Regierung habe ihre Forderung aus Anerkennung der qualitativen Gleichberechtigung und der gleichen Geltungsdauer des kommenden Abrüstungsabkommens nicht durchge- s e h t. Teil V des Versailler Vertrages werde nur dann abgeändert werden, wenn das künftige Abrüstungsabkommen von sämtlichen Signa- larstaaten des Versailler Vertrages unterzeichnet und auch ratisiziert worden sei.
Ein falsches Spiel.
Deutschland muß sofortige Klärung verlangen.
Berlin, 16. Dez. (241.) Zu der amtlichen französischen Auslegung des Genfer Fünfinächte- Abkornmens schreibt die „2 ä g L Rundscha u“ u. a.: Es war allerdings nicht anzunehmen, daß das französische Außenministerium ein derart grobes und zynisches Spiel treiben würde. Jetzt stellt sich die Lage für Deutschland folgendermaßen dar: Die französische Auslegung ist in keiner Weile als Basis für die künftige Mitarbeit Deutschlands an der Abrüstungskonferenz anzusehen. Cs besteht nur noch die Möglichkeit, zunächst die Meinung Englands. Italiens und Amerikas über diesen französischen Kommentar einzuholen und daraus die entsprechenden Schlußfolgerungen zu ziehen. Rehmen die drei anderen Mächte eine unentschiedene Haltung ein, s o erledigt sich die Mitarbeit Deutschlands an der Abrüstungskonferenz von selbst. Es ist dringend erforderlich, daß Deuischland schon in den nächsten Tagen die entsprechenden Gegenmaßnahmen gegen den französischen Querschläger unternimmt. Eine vollkommene Verkennung der Situation würde es bedeuten, wenn man annehme, eine bloße Berufung auf den Wortlaut des Genfer Abkommens würde genügen.
Die „Germania" bemerkt zu dem gleichen Thema: Die Interpretationskünste des Pariser
durchaus mit den Spitzenverbänden der Wirtschaft und es ist nur zu hoffen, daß in Zukunft Staat wie Wirtschaft mit größerer Rücksichtslosigkeit als bisher die praktischen Folgerungen aus dieser Auffassung ziehen werden.
Es bedarf keiner besonderen Begründung, daß einem Vertreter des Wehrstandes die Fürsorge für den Rahrstand besonders am Herzen liegt. Eine blühende Landwirtschaft, deren Angehörige stets die unmittelbarste Verbundenheit zur Scholle haben, ist auch immer eine der stärksten und zuverlässigsten Stützen des Staates im Innern und nach außen gewesen. Hilfe für die Landwirtschaft steht also auch im Programm Schleichers. Aber der Plan autonomer Einfuhrkontingente scheint fallen gelassen, wenigstens weist die Kanzlerrede auf zollpolitisch« Maßnahmen nach Ablauf der Handelsverträge zum Schutz der bäuerlichen Deredelungswirtschaft. In engem Zusammenhang mit der Krisis der Landwirtschaft und ohne deren Beseitigung kaum zu lösen ist das Problem der S i e d e l u n g , das mit größerer Energie und unter Einsatz verstärkter Mittel namentlich im menschenleeren Osten angepackt werden soll. Die Rückwanderung von der Großstadt zum flachen Land und vom Westen zum Osten ist ja — das hat Schleicher durchaus richtig erkannt — für das deutsche Volk vielleicht das nationalpolitisch« Problem schlechthin. Aber auch der Hinweis auf die großartige Kolonisationsarbeit Friedrichs des Großen nach dem siebenjährigen Krieg kann nicht über die außerordentlichen Schwierigkeiten hinwegtäuschen, die einer Siedlungsaktion größten Umfangs zur Zeit einer schweren Preis- und Absatzkrisis für so gut wie alle Zweige der Landwirtschaft entgegenstehen. Der gegenwärtige Reichsemährungsminister Freiherr von Braun, selber ein vstpreußischer Landwirtssohn, hat erst vor kurzem vor Hoffnungen gewarnt, die sich nach Lage der Dinge auch bei stärkstem finanziellem Einsatz unmöglich von heute auf morgen erfüllen können. Also auch hier im Osten kann nur stetige, zielbewußte Aufbauarbeit auf lange Sicht den starken Wall von krisenfesten, scholleverbundenen deutschen Dauern schaffen, der der beste Grenzschutz gegen polnische älnterwande- tung und Eroberung weiteren deutschen Landes ist.
Besondere Betonung legte der Reichskanzler in seiner Rede auf den sozialen Gesichtspunkt, den bei allen Regierungsmaßnahmen zum Ausdruck zu bringen er als seine Hauptaufgabe betrachte. Das ist durchaus anerkennenswert, aber in der Beseitigung
einiger unpopulärer Notverordnungen, die wir oben schon streiften, ist die Sozialpolitik unmöglich erschöpft. Was der Kanzler über eine Reform dex Sozialversicherung und der Arbeitslosenhilfe andeutete, genügte nicht, um eine Vorstellung von den Absichten des neuen Kabinetts, wenn solche überhaupt bestehen sollten, zu bekommen. Anderseits haben die Vertreter des Reichsarbeitsministeriums im Haushaltsausschuß erst vor wenigen Tagen auf den außerordentlichen Ernst der Finanzlage aller Zweige der Sozialversicherung hinqewiesen, daß es hier wohl kaum mit den wenigen Sätzen der Kanzlerrede getan sein kann. Der Kanzler konnte erfreulicherweise für die Aermsten der Armen unter unseren Volksgenossen eine Winterhilfe ankündigen, die gegen das Vorjahr sowohl materiell wie im Kreis der von ihr einbezogenen Personen erheblich erweitert werden konnte, aber er richtete gleichzeitig an das Parlament die ernste Mahnung, nicht aus Gründen der Agitation Beschlüsse zu fassen, deren Durchführung viele Hunderte von Millionen kosten würden, also auf dem Papier bleiben müßten.
Daß die scharfen Ausnahmebestimmungen, die die Zuspitzung des innerpolitischen Kampfes und die drohende Gefahr eines Bürgerkriegs im vergangenen Sommer notwendig gemacht hatten, wieder aufgehoben werden sollen, war schon bekannt. Die Zukunft muß lehren, ob der neue Kanzler sie auf die Dauer wird entbehren können. Er hat ja erfreulicher Weise keinen Zweifel darüber gelassen, daß gewerbsmäßigen Hetzern und Unruhestiftern gegebenenfalls auch in Zukunft mit rücksichtsloser Strenge das Handwerk gelegt werden wird. Goldene Worte fand Schleicher dann an die Adresse unserer Jugend, die bis vor kurzem trotz allen Geredes und Organisierens nicht zu ihrem Recht im Sinne einer straffen Erziehung zu ihren Pflichten gegen Staat und Volk gekommen ist. Die Ucberwindung des Parteigeistes in unserer Jugend durch Zusammenschluß in unpolitischen Gemeinschaften, die der körperlichen Ertüchtigung, dem Freiwilligen Arbeitsdienst u. a. dienen — auch das vom Kanzler angetünbigte Werkhalbjahr der Abiturienten und die freiwillige Bauernhilfe jugendlicher städtischer Erwerbsloser gehören hierher .— das ist ein Ziel, dem alle Volksgenossen, die es ehrlich mit unserer Jugend meinen, mit Ettern und berufenen Erziehern in enger Zusammenarbeit zustreben müssen. Wie weit sich des Kanzlers Hoffnungen auf eine Reorganisation der Schule im Sinne einer Vereinheitlichung und Vereinfachung, verbunden mit einer oernünftigen Beschränkung des
Berechtigungsunwesens, sich erfüllen werden, wird man nach den traurigen Erfahrungen des letzten Jahrzehnts, das der Schule jede Möglichkeit ruhigen und stetigen Arbeitens genommen hatte, sehr skeptisch beurteilen müssen. Die Länder, deren Reservat die Kulturpolitik praktisch ist, haben sich bisher zumeist allen dahingehenden Anregungen und Mahnungen des Reichs sehr zugeknöpft gezeigt mit dem Ergebnis, daß in der deutschen Schule em beispielloser Grad der Verwirrung und ständiger Unruhe erreicht ist, der nach einer festen, ordnenden Hand geradezu schreit. Aber da der Eigensinn der Länder von dem neuen Regime wie ein rohes Ei behandelt werden dürfte, um alle Komplikationen wenigstens nach dieser Richtung zu vermeiden, werden wir wohl auf eine große kulturpolitische Linie trotz der Wünsche des Reichskanzlers vorerst vergebens warten müssen.
Das geht überhaupt aus der ganzen Rede Schleichers mit aller Deutlichkeit hervor, der Kanzler will keinen Kampf, er will Versöhnung und Ausgleich, ohne auf den präsidialen Charakter seines Amtes zu verzichten, aber die autoritäre Staatsführung soll mit sozialem Del gesalbt werden. Arbeit für das Ganze steht ihm über dem Prinzip des Kampfes. Er wünscht die Mitwirkung aller an den großen Aufgaben der Volksgemeinschaft, sie wird jedermann ermöglicht durch das ganz auf die jeweiligen Notwendigkeiten der Praxis abgefteUtc Regierungsprogramm. Mit erfrischender Unbekümmertheit und einer Lebendigkeit, die ihn auch Widerstrebenden nahegebracht haben wird, hat fid) der Kanzler zu einer wettgehenden Grundsatzlosigkeit bekannt, unerhört für den Führer eines Volkes, das bis ins Aschgraue zurück sich stets doktrinärer Prinzipien wegen in den Haaren gelegen hat, so sehr auch die rauhe Wirklichkeit schnelle Entschlüsse und praktisches Zugreifen verlangt haben mochte. Der General entpuppte sich als ein Staatsmann jenseits aller grauen Theorie, ein nüchterner Praktiker, der zu seinem gesunden Menschenverstand, geschult an den Werken eines Mottke und schliessen, das Zutrauen hat, zwischen den widersprechenden Meinungen der „Sachverständigen" den rechten Weg zu finden und im gegebenen Augenblick sich für das zu entscheiden, was ihm vernünftig zu jein scheint. Gewiß ein Grundsatz, der viele andere überflüssig macht. Aber er verlangt Mut und SelbstDertrauen. Hoffen wir, daß der General uns mit diesen Eigenschaften, die er zweifellos besitzt, über den Winter bringt. Der tatkräftigen Mitarbeit aller sollte er sicher feilt


