Frischer Wind in Ungarn.
Der neue Kurs -es Kabinetts Gömbös.
Don unserem ungarischen V-Korrsspondenten.
Budapest, Mitte Oktober 1932.
Es weht ein frischer Wind in Ungarn. Er fegt öurgj ine Amtsstuben und scheucht ine Bureaukratie aus ihrem Trott. Erschienen die Ministerialbeamten bisher gegen halb zehn zum Dienst, so müssen sie jetzt bereits eine Stunde früher an iyren Schreibtischen sitzen. Kabinettsberatungen werden morgens statt nachmittags abgehalten, damit die Minister ausgeruht und freien Kopfes die notwendigen Beschlüsse fassen. Der neue Herr im Ministerpräsi« dium am Szent György ter, der sich mit Feuereifer, starker Initiative und Energie an seine große Aufaabe macht, hat — auch ein Zeichen bewußten Wechsels der Methoden — sich bei seiner ersten Rede des Rundfunks bedient, um die breitesten Massen des Volkes zu erfassen. Er hat darüber hinaus bei dem ihm zu Ehren veranstalteten gewaltigen Aufmarsch der Vereinigungen in Budapest gezeigt, daß er es meisterhaft versteht, auf dem Instrument der öffentlichen Meinung zu spielen und sich aller modernen Mittel der politischen Propaganda zu bedienen. So hatte er sich schon ebenso glänzend wie wirksam in Szene gesetzt, bevor er in das Parlament trat, um dort die Feuerprobe zu bestehen.
„Kein Wunder, daß „das Märchenschloß" an der Donau am Tage der Eröffnung von einer dichten Menschenmenge belagert war, daß die Galerie, die Diplomaten- und Magnatenlogen eng besetzt waren, daß höchste Spannung über dem Hause lastete, als Gömbös an der Spitze der neuen „Regierung her Vierzigjährigen" im Saale erschien, durch stürmische Ovationen der Mitglieder der Einheitspartei begrüßt. Was er zu sagen hatte, zeigt, daß hinter der glänzenden Aufmachung, hinter der äußeren Sichtbarmachung einer andersartigen politischen Methode eine geistige Triebkraft steht, die unter Abkehr von den üblichen ausgetretenen Bahnen eigene Wege zu gehen entschlossen ist, daß sich der politische Horizont des neuen Ministerpräsidenten weit über das Parteigetriebe und die Tagesaufgaben hinaus erhebt, daß er die Ration auf einer höheren Ebene schicksalsverbundener brüderlicher Ge- meinsamkeit und volklicher Leistung zu sammeln, sich als letztes Ziel gesetzt hat. Man braucht nur die Hauptgedanken seiner Programmerklärung heraus- zugreifen, um diese seine Zielsetzung zu erfassen und die Größe seiner politischen Konzeption zu würdigen.
„Meine Aufgabe wird es sein", so sagte er, „in Ungarn eine einheitliche politische Weltanschauung ohne Rücksicht auf die parteiischen Gesichtspunkte anzubahnen", und an anderer Stelle spricht er von der „Ausgeglichenheit der Seelen" als einer Hauptvoraussetzung hierfür. Man muß die sozialen, gesellschaftlichen und konfessionellen Schichtungen dieses Landes kennen, um die ganze Bedeutung dieser Worte richtig einzuschätzen. Hier der Gegensatz zwischen dem vorherrschenden Adel, dem Bauer und Bürger und der zahlenmäßig freilich nicht sehr starken, aber zum Teil radikalisierten industriellen Arbeiterschaft, dort der Gegensatz Epischen den Katholiken, Protestanten und Juden. Gömbös will diese Spannungen mildern. Um das Gleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit herzu- ftellen, verlangt er von der Arbeiterschaft ebenso eine Revision ihrer Ideen, wie vom Kapitalismus eine Beseitigung seiner Auswüchse. Und wie er durch die Aufhebung des von den Sozialdemokraten so bekämpften Standrechts einen versöhnenden Schritt getan hat, um hier einen Stein des Anstoßes zu beseitigen, so desgleichen in konfessioneller Beziehung durch die Abänderung seines früheren judengegnerischen Stundpunktes und die Anerken- nung der Judenschaft, soweit sie sich in die Volksgemeinschaft einordnet. Schließlich hat er sich auch noch zu größter Toleranz in der Nationalitätenfrage bekannt, um auch auf diesem Gebiete Ruhe zu schaffen.
Den inneren Ausgleich, den Gömbös erstrebt, das Prinzip der Brüderlichkeit ohne Unterschied von Klasse, Rang und Konfession, das er verkündet, will er zwar mit starker Hand, aber keinesfalls diktato- risch durchführen. Er verläßt sich auf die Kraft der von ihm vertretenen Ideen und die Wirkung eines gerechten, von seinem starken Willen gelenkten und von parteipolitischen Einflüssen möglichst unab- hängigen Regiments. Er verschmäht künstliche Hilfs
mittel, was er durch die Einführung des geheimen Stimmrechts unter Beweis stellt, und will sich „ohne Tricks", in offenem Wettbewerb mit feinen Gegnern durchsetzen. Es ist ein stolzes und selbstbewußtes Wort, wenn er sagt: „Ich brauche keine Macht, welche nicht auf den Seelen beruht. Ich weiß, daß die ungarische Ration ehrliche Arbeit zu werten versteht."
Auf dieser gewiß nicht zu unterschätzenden psychologischen Grundlage, deren Skizzierung allein schon, gerade bei einem so stark auf das Stimmungs- und Gefühlsmäßige reagierenden Volke wie dem ungarischen erhebliche Wirkung ausübt, baut Gömbös sein konkretes politisches Programm auf. Es zeichnet sich in wirtschaftlicher Beziehung dadurch aus, daß Gömbös wohl gegenüber seinem Vorgänger Graf Karolyi ein schnelleres Tempo gepaart mit energischerem Zu fassen bei der Abstellung der Hauptübel- stände auf dem Gebiete der Agrarpolitik anschlägt, ohne indessen die gesamtwirtschaftlichen Belange aus dem Auge zu lasten. Er kündet eine Zinsensenkung an, schlägt Erstattung der Steuerrückstände durch Ueberlastung von Boden vor — eine ganz originelle Idee — setzt sich für eine großzügige Siedlungspolitik ein, lehnt aber ein allgemeines Moratorium ab, um das Wirtschaftsleben nicht zu erschüttern und die Währung unter allen Umständen zu sichern.
Da die Gesundung der Wirtschaft aber nicht allein von innen heraus möglich ist, so hat er ganz besonderen Nachdruck auf die flügge ft altung her Außenhandelsbeziehungen gelegt, die gegenwärtig sehr unter dem ungeklärten Verhältnis zu Oesterreich und jur Tschechei leiden, und im Zusammenbange hiermit auf eine möglichst starke Stellung Ungarns im Donau« decken. In dem Bestreben, sich nach keiner Seite hin den Weg zu größerer wirtschaftlicher Elastizität zu verbauen, hat er auch eine freundliche Geste nach Frankreich hin gemacht, obgleich kein Zweifel daran besteben kann, daß er, mehr noch als es Ungarn bisher schon tat, auf d i e italienische Karte setzt, worauf sein Adressenwechsel mit Mussolini deutlich genug hinweist. Die Unterstreichung der ungarischen Forderung nach Gleichberechtigung und nach Sicherheit durch freie Verfügung über die staatlichen Machtmittel, Förderungen, die in ihrer Formulierung wohl nicht ganz zufällige Anklänge an die deutschen Ansprüche enthalten, erhärtet die Anlehnung an die italienisch-deutsche Front, wenigstens in diesen nationalen Lebensfragen.
Gömbös kann mit der Aufnahme seiner Erklä- rungen im Parlament zufrieden sein. Die Einheitspartei steht geschlossen hinter ihm. Graf Bethlen, der ihm in den Sattel verhalfen hat, beglückwünschte ihn aufs herzlichste. Die Christlich-Sozialen und die unabhängigen Landwirte, welch letztere den Sturz Karolyis in erster Linie mit herbeigeführt hatten, verhalten sich wohlwollend abwartend. Selbst die Sozialdemokraten üben nur gedämpfte Opposition. Es muß sich nun Herausstellen, ob Gömbös die hochgeschraubten Erwartungen erfüllen wird und kann, und ob er recht mit seinem Worte behält: „Unser Weg ist steil, felsig und dornig, aber ich fühle und weiß, daß er zum Ziele führt/ Was jetzt in Ungarn geschieht, ist ein Gegenstück zu dem deutschen Regiment, wenn auch den abweichenden Veichältnissen entsprechend in anderer Form. Kaum minder groß als für Deutschland der Systemwechsel ist jedenfalls die Bedeutung der neuen Aera für Ungarn.
Rom-Budapest.
Cömbös berichtet über feinen Besuch bei Mussolini.
B u b ape st. 16. Rov. (£U.) 3m Auswärtigen Ausschuß des Abgeordnetenhauses erstattete Ministerpräsident Gömbös Bericht über seine Aomre.ie. Das gute Be.yältms zu Italien habe ihn veranlaßt, seine erste Auslandreise als Ministerpräsident nach Rom zu machen, um dem Freundschaftsvertrag einen tieferen wirtschaftlichen Inhalt zu geben und damit die schwere
Lage der ungarischen Landwirtschaft zu erle.chte.n. Ein ita eni ch-. nzarischer (Hirt ch fts- aus'chuy zur Belebung der wirtichaftlichen Beziehungen werde eingesetzt.
Italien sei das erste Land gewesen, das sowohl zur R e o i s i o n s - wie in der Abrüstungsfrage offen Stellung genommen habe, wofür Ungarn Italien dankbar sei. In Rom sei auch über die Weltwirtschaftston f e r e n sowie über die Ostreparationskonferenz gesprochen worden. Es habe sich herausgestellt, daß die Außenpolitik der beiden Länder auch in diesen Fragen vollkom- men ü 6 e r e t n ft i m m e. Auch sei eine Einigung in mehreren seit langem schwebenden Finanzfragen erzielt worden, die mit der Liquidierung des Weltkrieges zusammenhingen. Zu ihnen gehöre die Frage der sog. administrativen Schulden.
Mit seinem Besuch beim Papst habe er als Protestant seine Ehrerbietung dem Heiligen Stuhle gegenüber ausdrücken wollen, der immer großes Berständnis für die ungarischen Interessen gehabt habe.
Die faschistische Zehnjahresseier.
Seldte, Göring und Schacht wohnen dem Festakt bei.
Rom, 16.Rov. (TU.) Am Mittwoch wurde der Winter-Tagungsabschnitt der italienischen Abgeordnetenkammer mit einem kurzen Festakt anläßlich der faschistischen Zehnjahresfeier eröffnet. Äach einer Begrüßungsansprache des Kammerpräsidenten G i u r i st i hielt Mussolini, dem bei seinem Erscheinen begeisterte Kundgebungen dargebracht worden waren, eine kurze Rede. Die Bedeutung der Zehnjahresfeier, so sagte er, sei eine doppelte: Einerseits habe das italienische Volk in seiner geschlossenen ungeheuren Masse einen entschiedenen Sprung nach vorwärts gemacht.
Auf der anderen Seite stehen die Lehren, die Einrichtungen und die Werke der faschistischen Revolution bei allen Ländern auf der Tagesordnung. Denn in dieser dunklen gequälten und wankenden Welt könne die Rettung nur von der Wahrheit Roms kommen und von Rom werde sie auch kommen. Auf Einladung der faschistischen Partei wohnten dem Festakt auch der erste Bundesführer des Stahlhelm, S e l d t e, ferner der frühere nationalsozialistische Reichstagspräsident G bring und Reichsbankpräsident a. D. Schacht, bei.
Frankreich baut das kampfkräftigste Schiff der Welt.
London, 16. Rov. (TU. Funkspruch.) „Daily Telegraph" bringt einen neuen scharfen Angriff gegen den Bau des französischen Panzerkreuzers „Dünkirchen". Dom englischen Standpunkt aus müsse diese französische Floltenbaupolitik deswegen kritisiert werden, weil er den Plänen zur Herabsetzung der Linienschiff-Tonnage auf 22 OOO Tonnen, wie sie von der englischen Admiralität gehegt würden, vorgreife. Die Baupläne seien im letzten Augenblick noch so geändert worden, daß das Schiff 26 500 Tonnen statt 23 000 Tonnen und statt der 30,5-cm-Geschütze acht 33-cm-Geschütze tragen soll«. Damit werde die „Dünkirchen", abgesehen von dem englischen Schlachtkreuzer „Hood", das kampfkräftigste Schiff der Welt fein und „Ranon" und „Repulse", sowie den japanischen Schiffen der Kongoklasse überlegen sein. Das 33-cm-Geschütz feuere Granaten von 1000 Pfund Gewicht auf eine Entfernung von 40 000 Metern. Der „Daily Telegraph" bringt dann eine DergleichStabelle zwischen der „Dünkirchen" und der „Deutschland^ und erklärt, daß die „Dünkirchen" dem deutschen Panzerschiff weit überlegen sei.
Aus der provmzialhaupistadi.
Gießen, den 17. November 1932.
3d) sammle,du samme1st,er sammelt...
Reklamebilder natürlich! Es ist ja jetzt so, daß nicht nur Schokoladeerzeugnisse mit solchen BeilagAi versehen sind, sondern auch Zigaretten, Margarine, Kornkaffee und alle möglichen andern Fabrikate. Die Auswahl ist wirklich auch groß, und man muß fugen, daß heute allerlei geboten wird mit diesen kleinen bunten Bildchen. Die Bildchen sorgen für bie Erweiterung unseres Anschauungskreises, bringen uns fremde Erdteile und ihre Bewohner näher, führen uns in die deutsche Geschichte zurück usw.
Sammeln nur unsere Kinder? Bewahre! Eine Sammelwelle geht durch Deutschland, man kann beinahe von einer Sammelwut sprechen. Kaum hat das harmlose Jo-Io-Spiel etwas nachgelassen, da setzt das Sammeln von Reklamebildern um so fjef« tiger ein. In allen täglichen Nichtigkeiten gibt es wie beim Meere Wellentäler und Wellenberge. Zur Zeit sind wir auf einem Berge. In den Geschäften liegen Tauschlisten auf, in der jeder sehen kann, was auf diesem Wege umzusetzen ist, unsere Jungens sprechen in den Schulpausen nicht nur vom Weltmeister im Radsport, sondern sind in der Hauptsache mit dem Sammeln und Austauschen der Bilder beschäftigt.
Sieh nur, wie sie die Köpfe zusammenstecken, wie sie fachmännisch den Wert der gezeigten Bilder erläutern! Nun greifen sie in ihre eigenen Taschen und holen neue Schätze hervor. Da wird gehandelt, da wird geboten, für zwei kleine ein großes, für eine bestimmte Nummer drei andere... Es ist wie auf der Börse. Manchmal geht es sogar noch hitziger zu. Auch sonst helfen diese kleinen Bilder bei manchem Geschäft. „Wenn du mir die Mathematik- aufgaben machst, bekommst du..." „Für die Nummern 11 und 45 helfe ich dir beim Aufsatz" usw.
Unb bie Großen, bie keine Aufsätze mehr zu schreiben brauchen? Es wurde einmal behauptet, daß d i e Menschen am glücklichsten wären, die sich einen Hang zum Kindlichen bewahrt hätten. Ich will es beinahe glauben. Wer noch mit feinen Kindern Purzelbäume schlagen kann, wer von Zeit zu Zeit wieder einmal einen alten Indianerschmöker mit Genuß lieft, der gehört wohl auch zu den Glücklichen. Ich z. B. nehme auch einmal bie alten Brief
markenalben vor unb sitze finnenb vor den kleinen Bildchen. Ich weiß noch ganz genau, wann unb von wem ich diese bestimmte „wertvolle" Marke erhielt. Lange, lange ift's her!
Aber geht es uns Erwachsenen mit dem Sammeln der Reklamebilder nicht ebenso? Setzen wir uns nicht auch — wie die Kinder — ein Ziel: Die Serie jetzt zu vervollständigen? Iaaen wir nicht einer bestimmten Nummer tage-, wochenlang nach? Gönnen wir allen die Freude am Sammeln, besonders unfern Buben, denn wenn sie dadurch von einigen Summen Streichen abgehalten werben, soll es uns recht sein. F-d.
Oer preußische Buh' und Bettag.
Der Buh- und Dettag in Preußen ist gestern in althergebrachter Weise begangen worden. Dieser vom Staat eingesetzte Feiertag soll bekanntlich der Devolierung als Ruhepunkt dienen. an dem der einzelne Mensch sich auf sich selbst besinnen soll, an dem er feine Jahresbilanz zieht. Keine Zeit im ganzen Jahre ist für einen solchen Tag besser geeignet als der Rovember mit seinen trüben Tagen. Auch am gestrigen Buh- unb Bettag war die Sonne dicht verschleiert und feiner Rebel lag über der Erde, der richtige Rahmen für den Tag der inneren Einkehr. Die mit diesem Feiertag verbundene allgemeine Stille im öffentlichen Leben brachte eine Ruhe mit sich, die gerade in dieser Zeit des aufregenden wirtschaftlichen und politischen Kampfes so wohltuend wirkte. Die Gottesdienste und die vielerlei geistlichen Konzerte erfreuten sich eines außerordentlich starken Besuchs, ein Zeichen, daß auch heute noch von vielen Menschen der Sinn des Buß* und Dettags wohl begriffen wird.
Don den Mittagsstunden ab trat in den hessischen Grenzstädten das gewohnte Bußtags-Bild in Erscheinung. In Gießen gab es wieder starken Besuch aus den benachbarten preußischen Kreisen, durch den die Reichsbahn und die Kraftomnibusse rege in Anspruch genommen wurden. 3m Strahenbild und im Geschäftsverkehr wurde der Besuch aus Preußen stark fühlbar, die Geschäftswelt und die Gaststätten hatten dadurch erwünschte zusätzliche Umsahmöglichkeiten, die bei zahlreichen Firmen ein sehr erfreuliches Ausmaß
ZauberflöteunddunkiesAngesichf
Don Hans Thyriot.
Das ist noch gar nicht so lange her: vor lieben ober acht 3ahren. Da kamen an einem frühen W.nterabend zwei Herren ins Berliner Redaktionszimmer, uns zu besuchen. Sie stellten sich vor: sie wären von einem Radiogeschäst in
.....Straße. Unb sie hatten allerlei merkwürdiges Gerät mitgebracht. Alsbald begannen fie Unisono einen beschwörenden Dortrag zu halten über das Wunder des Funks. 3n aller Kürze würden wir etwas gewahr werden, was wir noch nie erlebt hätten. (Hier wagten etliche ergraute Kollegen nachsichtig zu lächeln.) Dann begannen die beiden Herren ernst und angestrengt zu arbeiten. Sie packten ihre geheimnisvollen Gerätschaften aus und bauten einen Apparat auf. Dann schauten fie auf di« Uhr und erklärten: „Es ist jetzt dreivierte lacht. 3n einer Viertel- stunde beginnt in der Staatsoper Unter den Linden „Die Zauberflöte"k Sie werden bann mit diesem Apparat di« erste Opernübertragung von Berlin hören. Hier in diesem Zimmer." Dies schien uns eine Sensation von beträchtlichen Ausmaßen. Unsere Phantasie begann sich zu erhitzen. Und ein schwungvoller Artikel wurde in die Schreibmaschine diktiert: er trug die immerhin unaewöhnliche Ueberschrift „Sauber flöte zuhause" unö sollte natürlich noch in die Morgen-Ausgabe, damit die Staatsopembesucher am Frühstücks tisch was zu staunen hätten. Wir schwelgten
stuckstisch was zu staunen hätten. Wir schwelgten rn der Vorstellung, daß durch die neue Erfindung der müde aus dem Bureau heimlebrende Hausherr der von vielen Männern gehaßten Rotwendigkeit enthoben sei, sich in stürmischer 6moflnfl zu stürzen und unter abscheulichen Grimassen einen schlecht sitzenden BindeschlipS um den Hals zu würgen: und baß Vie gnädige Frau keineswegs mit gepreßter Stimme und ängstlichen Seitenblicken auf bie älbt zu erklären brauche, sie hätte nichts an- Äiw eben ob keineswegs: bieses Ehepaar konnte Pantoffeln, mit einem M *L®ID9 b«voffnet, aufs Sofa setzen (Touch äab es damals noch nicht) — am Knöpfchen Drehen unb alsbalb bie „Zauberflöte" hören b,c vielleicht volle zehn Kilometer entfernt Unter
ben Linben aufgeführt wurde. — Es war wirklich ein schöner Artikel, unb er war mit jugendlicher Begeisterung geschrieben. Aber die ergrauten Kollegen, bie vorhin nachsichtig lächeln mußten, hatten auch nicht ganz ohne Grund gelächelt. Denn als es acht schlug unb wir, zitternd vor Erwartung, die Kopfhörer über die Obren klemmten, erscholl zwar zunächst ein ziemlich echtes Rhabarber-Gemurmel (aus dem Parkett) bald danach aber eine wenig klassische Katzenmusik, welche nicht nur die Mozart-Kenner in Erstaunen setzte: ein wirres Gebrodel von unreinen Tönen drang von den Linden zu uns herüber. Und nut für Sekunden einmal erhob Nch daraus süß und hell und mozartisch die silberne Kantitene einer jubilierenden Frauenstimme. Doch behielt das Gebrodel die Ueber- banb, unb das Einzige, was wirklich klar, schön und vollkommen gelang bei dieser ersten Opern- ubertragung in Berlin, war das metallisch schmetternde Beifallklatschen am Aktschluß: es klang wie Masch.nengewehrseuer. Wir nahmen enttäuscht die Hörer von den Ohren. Aber die beiden betriebsamen Herrn trösteten uns. Es müsse am Wetter liegen ober an ben vielen Straßenbahnen: das wären Störungen, die bald behoben seien: Kinderkrankheiten, die jeder großen Erfindung anhafteten. „3n ein paar 3ahren", sagten die Herren, Jollnfe mal sehn! —"
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Wenig« Wochen später wollten wir mit der Untergrundbahn zum Bülowplah. Stiegen in den Schacht hinunter — grab fuhr bet Zug bavon. »Zuhrückbleim!" brüllten bie Schaffner. Keine große Lache: kommt alle Tag« vor. 3n zehn Minuten geht der nächste. Die zehn Minuten totzuschlagen, stellten wir uns an einen Zeitungskiosk im U-Bahnhof. Zeitungen, Zeitschriften, Magazine. Manche davon emittieren gar nicht wehr. Aber auf einem Titelblatt fand sich ein Dild, das wir bis heute nicht vergessen haben: bie^Photographie eines zentralafrikanischen Re- gepkopfeS beinah lebensgroß, die ganze Seite bedeckend. Den Ausdruck im dunklen Angesicht dieses armen, wilden unb nackten Menschen haben wir nicht vergessen: den verstörten Ausdruck völlig fassungslosen Staunens, der g enzenlosen. an Ent- fetjen streifenden Erschütterung vor etwas Unbegreiflichem, vor einer Raturgewalt, die weit über
ben harmlosen Zauber des eingeborenen Medizinmannes hinausreicht. An den Ohren trägt dieser Afrikaner zwei Kopfhörer: der Metallbügel schmiegt sich tief in sein dichtes wolliges Haar. Die Augen sind wett aufgeriffen, als ob etwas Schreckliches langsam auf ihn zukäme: bie wulstigen Lippen, zu törichtem Stammeln geöffnet, las- fen das weihe Debih sehen... Der Vorgang ist völlig klar unb von unmißverstänblicher Eindringlichkeit. Diesem äthiopischen Raturkinde hat ein toeifrer Mann, halb spielerisch vielleicht, den Metallbügel mit den Hörem über den wolligen Schädel gedrückt: öqnn hat er sein Kästchen auf- gestellt, an ein paar Drähten gefingert, an einem Schräubchen gedreht — unb auf einmal füllen sich bie Ohrmuscheln des erst neugierig-kinblich grinsenden Wilden mit einem eintönigen, immer beut* sicher anschwellenden Geräusch: das grinsende Gesicht wird starr, verzerrt sich, wird gebannt unb Überwältigt vom großen Zauber des weihen Man- nes: der Blick der dunklen Augen Irrt geängstigt über bie grenzenlose Steppe und sieht doch nichts
"Ats außer dem weihen Mann und dem kleinen Kästchen. Aber das Ohr hört, taktfest und un- verwechfelbar, aus nächster Rähe den zermürbend eintönigen Holzrhythmus der Signaltrommel seines heimatlichen Stammes... Du glaubst es selber zu Horen hier unter der Erbe, im Bauch von Der- lin. Aber es ist nur dein Zug, der eben klirrend in Den Bahnhof einläuft. Wenn du nicht acht gibst, verfäumst du ihn zum zweitenmal. „Zuhrück- bleim!" brüllen die Schaffner.
sst noch gar nicht so lange her. Die paar , ?ure sind inzwischen vergangen, „ätollnfc mal
•nn??ttcn bie beiden betriebsamen Zaubcr- .ftoten-Manner zu uns gesagt. Sie haben recht veyalten. Aus dem Experimentierkästchen von ctn Gebrauchsgegenstand geworden — wie Telephon und Grammophon und Glühbirne, r k cincf Handgriffs, einer Schaltung. Wo inb die zehn armseligen Kilometer ßuftlinie an tenem winterlichen DersuchSabend in Berlin ge- blteben? Die Welt ist zusammengeschrumpft. Sie
ttnd näher aneinander gerückt. Und bie Wett ist auch großer geworben. Du drehst einen ^£>^L’,.unI> bie Wände deines Zimmers öffnen fi^, Stimmen bet Völker bringen zu dir herein, Musck aus allen Zonen überflutet dein Ohr,
leise und laut, erregend unb tröftenb, bezaubernd und nachschwingend. Da laufen bie magischen Wellen, geheimnisvollen Gesehen untertan, über den alten Erdball. Geheimnisvoll? Keine Spur: wir können es ja erklären, wir begreifen ja, wie das vor sich geht: wir wissen Bescheid mit Wellenlänge unb Trennschärfe, mit Antenne unb Erdung. Und wir lächeln heute über bie verschollene Opernübertragung und über die ausschweifenden Phantasien, zu denen sie uns in der ersten Aufregung erhitzte. Aber auch wenn wir das alles wissen und manches dazu gelernt haben unb noch gar nicht ahnen können, wie das weiter gebt, und ob wir nicht in ein paar Jahren auch durch bie Wänb« hindurch unb über Länder und Ströme und Berge unb Meere hinweg zu sehen vermögen — das dunkle Angesicht eine- namenlosen Menschen aus der weiten, sonnendurchglühten, afrikanischen Steppe steht uns noch immer lebendig vor Augen ... in Schreck und fassungsloser Verzauberung. Und vielleicht ist es gut sich von Zeit zu Zeit daran zu erinnern.
Robert unb Bertram in Mecklenburg.
Es gab eine Zeit, wo das fidele Gefängnis das beliebteste Motiv für Operetten unb Lustspiele war. Don dem Schwurgericht in Güstrow wurden zwei Arbeiter verurteilt, die den Vorzug, in einem sog. sidelen Gefängnis weilen zu dürfen, zu weitgehend ausgenutzt hatten. Sie faßen in dem Städtchen P. in Strafhaft. Sie hatten sich Nachschlüssel verschafft, und wenn der Wärter des Gefängnisses zu Bett gegangen war und behaglich schlief, schlossen sie ihre Zellen auf und gingen auf nächtliche Diebsfahrten, öegen Morgen kehrten sie in ihre Zellen zurück. Was sie an Eßwaren erbeutet hatten, wurde in der 3elle versteckt, alles andere suchte ein im Ort an- sofstger Hehler zu Geld zu machen. Einmal brachen >e sogar in das Amtsgericht ein und versorgten sich )ort mit einem Browning und einem Trommel- reooloer. Dem Amtsanwalt stahlen sie die Wäsche. Sie haben auch mehrfach Personen befreit, die als Unterfudjungs- oder Strafgefangene im Amtsgericht untergebradjt waren. Die beiden konnten ihr »eiben faft ein halbes Jahr ungehindert fortfetzen, ehe die Polizei diese fast beispiellose Diebesftechheit auf- deckte.


