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Nr. U3 Zweites Blatt

«Siebener Anzeiger (Seneral-Anzetger für Gberheffen)

Dienstag, U. Mai 1952

Das Wunder

Don unserem H. W.

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Reuyork, Mai 1932.

Den Maßnahmen jur Wiederankurbelung der Wirtschaft geht cs wie den Blinden mit dem Dul­den jeder glaubt, der andere hat i h n. Europa erwartet amerikanisches Kapital, und Amerika wartet aus Stabilisierung der euro­päischen Dcrhältnissc und Wahrungen. England glaubt an die Dorteile eines in sich geschlossenen Imperiums. Zentraleuropa an ein geeinigtes Wirtschaftsgebiet, und die Dereinigtcn Staaten an eine neue Prosperitäts-Periode durch Anziehen der Rohstofspreise. Zu jedem einzelnen Plane ist Voraussetzung. daß zunächst einmal .der 21 n d e r e" die ihm zugedachten Vorbedingungen er­füllt. Unö da die Welt von dem Industrie- Zeitalter her noch immer von der Idee besessen ist, daß die Politik ein Teil der Wirtschaft sei, so wird der erhebende Beigen wahrscheinlich noch so lange weitergehen, bis Die gesamte Wirtschaft soweit in Grund und Boden gewirtschaftet ist. daß schließlich nur noch die Politik übrigbleibt und irgend jemand letzten Endes und in Erman­gelung von etwa- anderem gezwungen. sich an eine Aenderung des politischen Kurses heranzumachen, auf dem die Welt in Den letzten achtzehn Jahren der Katastrophe ent­gegentorkelt.

Bisher hat es 2lmerika verstanden, den blendenden Schein des unversiegbaren Reichtums aufrechtzuerhalten. Langsam und unaufhaltsam jedoch zerstört die fortschreitende De­pression ein schönes Trugbild nach dem an­deren Riesenkonzerne, die bisher als felsenfest angesehen wurden, taumeln. Die Arbeitslosigkeit greift in erschreckender Weise um sich, ohne daß sie tm Budget auch nur Berücksichtigung findet oder daß ein Mensch Abhilfe schafft. Die Roh- stofspreise gleiten trotz aller Beschönigungsver­suche weiter abwärts, und im Kongreß versucht man mit allen Mittelchen, mit denen wir in Eu­ropa schon vor Jahren schlechte Erfahrungen ge­macht haben, die Wiederkehr derProspe- * i t ä t herbeizuzwingen, die man nicht etwa als Ausnahme, sondern als Rormalzustand ansieht und an deren Maßstab man fälschlicherweise die 8U ergreifenden Hilfsmaßnahmen mißt. Die .Prosperität", von der jeder Amerikaner wie be­sessen ist, und von der man immer noch nicht fassen will, daß sie den Abschluß einer ganzen Zeitcpoche darstellt und daß sich das Rad der Geschichte nicht rückwärts drehen läßt! Und wäh- rend man im Parlament der größtenDemokratie" Wochen- und monatelang persönliche Vorteile gegen dringend erforderliche Hilfsmaßnahmen ein­feilscht, sind diese, falls sie wirklich zur Ausfüh­rung gelangen, zur gleichen Stunde bereits durch die mittlerweile fortgeschrittene Depression zur Wirkungslosigkeit verdammt.

Weshalb fi chnoch Europa oder Deutschland von Amerika wirtschaftliche. Hilfe verspricht, ist uner­findlich. Unerfindlich deshalb, weil die Bereinig­ten Staaten mit ihren eigenen ungeheuren Pro­blemen derartig in Anspruch genommen sind, daß sie mit gutem Ggfvissen keinen Gent ans Ausland zu vergeben haben, sondern froh sein können, wenn es ihnen gelingt, die Depression selber eini­germaßen heil zu überleben. Allein in den letzten zwei Jahren sind mehrere tausend Banken Pleite gegangen. Die Einkommensteuer, die hauptsäch­liche Geldquelle der Regierung, ist auf weniger als die Hälfte gesunken und weiterhin rapide im Sinken begriffen. Ehikago, Detroit, Philadelphia sind mehr oder weniger bakerott. Ehikago kann seit vielen Monaten seine Beamten nicht bezahlen. Reuyork muß sich den Sparvorschriften der Dan- kiers beugen, um eine Anleihe zu bekommen, mit der es nur den dringlichsten Verpflichtungen Nach­kommen kann. Detroit als reine Industriestadt leidet unter ungeheurer Erwerbslosigkeit, so daß die Hunderttausende, die der Kapitalismus hier zusammengezogen hat, zum Kommunismus abge-

aus Amerika.

v. O.-Berichterftattcr.

drangt werden und betritt den ersten Sturm auf die Fordwcrke versucht haben lausgerechnet Henry Hord, auf dessen Menfchheitsideale. sprich .Der- kaufsreklame". so viele deutsche ®enofcn hinein- gefallen sind) In Pittsburg. Philadelphia, und Washington finden genau wie in Europa Hungermärsche verzweifelter Arbeitsloser statt, für die eS hier weder Erwerbslosenunterstützung, noch AlterS-, Invaliden- oder Krankenversicherung gibt, sondern nur prächtige Reden. die von Pc mofratic und Freiheit. Gleichheit Brüderlichkeit nur so triefen. Und in Renyork iwer würde es vor drei Jahren für möglich gehalten haben?) laufen mehr Bettler herum als in irgendeiner anderen Metropole

Während sich diese Sturmzeichen im Lande er­heben. tagt der Kongreß, und redet un­unterbrochen. bis schließlich der ParlamentSprä- sident, der allerhand gewohnt ist. einen ver­zweifelten Appell an die Volksvertreter richtet und ihnen klar zu machen versucht, daß. wenn das Budget mit seinem diesjährigen Fehlbetrag von bisher acht Milliarden Mark lbis Juni werden es noch mehr) nicht in wenigen Tagen ausgeglichen wird, keine Bank in den LISA innerhalb von 60 Sagen dem Ansturm ihrer Gläubiger standhalten könne. Rotgedrungen wird in wenigen Stunden ein neuer Deckungsplan zurechtgezimmert und Steuern bewilligt, die in ihrer Zusammen­stellung unsozialer sind, als es sich wohl je ein Land geleistet hat. Um die typischsten heraus- ^greifen: Steuern in Höhe von 3 bis 50 Prozent auf Streichhölzer. Kaugummi. Autos Getränke Radios. Süßigkeiten. Briesp rto Telephon, Spor - artikel (für Amerika alles Artikel täglichen Bedarfs) sollen vier Fünftel des Fehlbetrages einbringen, gegenüber dem restlichen Fünftel auf Aktienhandel (Spekulation). Großeinkommen, Ge­sellschaftssteuer, also Interessen der Hochfinanz. An der Abstimmung über die Vorlagen beteiligten sich von den insgesamt 435 Abgeordneten bezeich­nenderweise ganze 153, während die übrigen 282 s i ch fernhielten, um ihre Ehancen für die bevorstehenden Wahlaussichten nicht zu verderben. Bei alledem droht der Regierung von einer star­ken Parlamentsgruppe die Vorlage derDete- ranen-Bill", die eine Auszahlung der Kriegs­teilnehmer-Pensionen bezweckt und eine neue Be­lastung von über acht Milliarden Mark für das Schatzamt und damit den Steuerzahler bedeuten würde. Ueber die Millionenverluste der Regie­rung durch falsche Landwirtschafts-Politik können wir den Landwirts^aftsminister selber als Kron­zeugen ausführen. Er nannte fein eigenes Ressort, das die von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen durchzuführen hat,den größten Dummkopf in der Geschichte der Finanz, das mehr Geld auf ungenügende Sicherheiten ausleiht und größere Verluste erleidet, als je eine andere Or­ganisation in T>er Kreditgeschichte der Welt."

Auch der politische Einfluß der Ver­einigten Staaten wird im Verhältnis zum Rieder- gang der Wirtschaft abnehmen. Man kann sagen, daß Amerika solchen Einfluß auf außeramerika­nische Fragen nur besessen hat. solange die Wirt­schaft vorübergehend die Politik überschattete unb daß dieser Einfluß, nachdem der Schatten allmäh­lich verschwindet, auf das alte Maß zu- rückgesührt wird. Soweit geht die politische Hilflosigkeit, daß die USA., wie im Kongreß mehr­fach zugegeben wurde, nicht in der Lage sind, auch nur einen Pfennig ihrer Kriegsschulden aus Europa, nötigenfalls unter Gewaltanwendung, einzutreiben und letzten Endes auf die Gutmütig­keit ihrer Schuldner bzw. deren Ansicht über bie politische Zweckmäßigkeit der Schuldenrückzahlung angewiesen sind. Auch die F e r n o st p o l i t i k der letzten paar Monate war nichts weniger als ein glatter Versager, der sogar von der Presse mehr oder weniger verhüllt zugegeben wurde. Diese Riederlage der bereinigten Staaten in Ostasien ist um so schwerwiegender, als gerade kurz vorher führende amerikanische Wirtschasts-

kreise darauf hingewiesen hatten, daß sich das Schwergewicht de» amerikanischen Außenhandels vom Atlantik nach dem Pazifik zu verschieben be­ginne und weil die Eroberung des asia­tischen Marktes als einzige» Mittel zur Wiederbelebung der niederbrechenden Wirtschaft angclehen wurde. Die als Reaktion auf einen miß­verstandenen .Internationalismus' einsehende na­tionale Rb'apfelung der ctmctiic

wird auch in Amerika nach feiner mißglückten Er- kursion in die Weltpolitik zu einer reumütigen Rückkehr zur Monroe - Doktrin führen.

Da sich d,e ungeheure Dirtschaftsnot in Ame­rika bisher noch von den Reserven der ..Prolpe- ritätsperirde" genährt hat und erst allmäh­lich beginnt, sich am Geldbeutel deS einzelnen bemerkbar zu machen, ist von ihrer bedrohlichen Auswirkung wenig die Rede, und gerade deshalb tut cs not. das Gesamtbild aufzurollen. DicHoo- txrrcgierung ist nach wie vor bemüht, nach be­kanntem Rezept durch optimistifche Darstellungen beruhigeizd zu wirken, eine Politik, die zweifellos richtig ist. falls sich die getroffenen Maßnah­men als wirksam erweisen, doch verhängnisvoll (wirtschaftlich wie innenpolitisch), wenn sie sich im Laufe der Zeit als Versager Herausstellen sollten.

11 nb dieses .im Laufe der 3c.it" ist das, worauf Europa und besonders Deutschland nicht war­ten kann und weshaio es. wie bisher immer in der Geschichte, besser tut. sich nicht auf ,das Wunder aus Amerika" zu verlassen.

Oberbeffen

Eme großzügige Notstandsarbeit.

* Nidda, 16. Mai. Der Gemeinderat be­schloß die Durchführung einer großzügigen Not- ftanbsarbeit, bei der cs sich um die Gcrabe­leg u n g und Regulierung der Nidda- user innerhalb der Gemarkung der Stadt handelt. Die kosten des Projekts sind auf 30 700 Mark ver­anschlagt. Das Landesarbeitsaint Helfen in Frank furt a. M. hat der Durchführung des Projekts als Notstandsarbcit zugestimmt und unterstützt das Borhaben durch einen verlorenen Zuschuß in

Hohe von 24 000 Mark. Die Restlumme wird von der Stabt aufgebracht Bei dem Unternehmen wer­den h6 Mann auf die Dauer von 20 Wochen Be­schäftigung finden Die ?lrbcit soll von Arbeitslosen- und Krilenuntcrüiitzungsemplangcrn ausgesuhrt werden. Für die Stadt Nidda und die Gemarkung wird diele Arbeit sehr vorteilhaft lein, da bei dein bisherigen Zustand des Niddalaufes bei Hochwaffer oft ansehnliche Schäden entstehen.

Gcmeindcrat in Grimberg.

Grünberg. 16 Ma,. Unter.Mitteilungen" gab der Bürgermeister bekannt, daß die Schluß­abrechnung für die K i r ch e n h e i z u n g. die zu 4400 Mark veranschlagt war. nur eine Ueber- fchreitung von 38 Mark zeige Weiterhin konnte er mit teilen, baß bas im März vorigen Jahres für die Kanalisation aufgenommene Kapital von 23 000 Marl letzt nur noch mit 1.2 vom Hun­dert zu verzinsen fei.

Genehmigt wurde eine Rachtragsfatzung zur Vergnügungssteuer, wonach bei Erhebung der Steuer von Karten nur eine Aufrundung auf den vollen Pfennigbetrag, anstatt einer solchen auf die nächsten 5 Pfennig erfolgen soll

Da in kanalisierten Straßen immer noch ein­zelne Anlieger nicht an die Kanalisation angeschlossen sind, auch trotz Aufforderung die Herstellung des Anschlusses abgclehnt haben, an­derseits aber ihre Abwässer, wenn auch nicht direkt, so doch nach kurzem Laufe über oberirdische Rinnen in städtische Kanäle münden, beschloß der Gemeinberat einstimmig, ab 1. April 1931 diese Anlieger zu Kanalbenutzungsgebühren heranzuziehen. Rkaßgebenb für diesen Beschluß war auch die Erwägung, daß der Voranschlags- mäßig eingesetzte Betrag der Kanalbenutzungs- gebuhren bei weitend nicht erreicht wurde.

Der im vorigen Jahre schon zur Erhebuna ge­kommene Schulgeld Zuschuß für bie Schüler der beiden Primen der Oberrealschule in Höhe von monatlich 5 Mark für Grünberger unb 6 Mark für Auswärtige wurde auch für das Jahr 1932 beschlossen. Wie der Bürgermeister hierbei mitteilte, wird der Etat der Oberreal* schule sich in diesem Jahre für die Stadt wesent­lich günstiger gestalten, da der städtische Zuschuß,

Ein toufenöjährifles Bergwerk muß Melealwerden

F r

Das Erzbergwerk Rammeisberg im Unterharz, das auf ein Bestehen von über 1000 Jahre zurückblickt, soll nun geschlossen werden. Die Stillegung des Betriebes, der der Preuhag gehört, würde eine Wirt­schaftskatastrophe für den ganzen Unterharz bedeuten Unser Bild zeigt eine alte Darstellung der Erz- Verhüttung in dem Bergwerk Rammeisberg aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts.

Die Handschrift als Alarmsignal.

Unterhaltung mit dem Graphologen Rafael Schermann, Berlin.

Eine ruhige Straße im Berliner Westen. In nächster Rähc des lärmenden Großstadtverkehrs Belegen unb doch still und vornehm. Abgeklärte luhc unb Vornehmheit auch in dem mit erlesenem Geschmack ausgcstattetcn Arbeitszimmer Rafael Schermanns. Wir kommen auf das furcht­bare Attentat in der Rue Darryer zu sprechen, dem Präsident Doumcr zum Opfer fiel; und wie von selbst ergibt sich aus Rede und Antwort und aus dem Entsetzen über die feige Mordtat die Frage, ob nicht auf dein Wege der Schrift­prüfung die Verhinderung eines solchen Verbre­chens möglich wäre.

Zweifellos", so erklärt Schermann,lassen sich durch genaue Schriftprüfungen derartige Verbre­chen verhindern oder doch zumindest äußerst er­schweren. Ich bin der festen Hcbcrjcugung. daß. wenn die Schriftzüge des Mörders vorher einem sachverständigen Psychographplogen Vorgelegen hätten, Frankreichs greiser Präsident heute noch leben würde. Ist es nicht ein beinahe tragisches Zusammentreffen, daß eine winzige Schriftprobe das Attentat ermöglichte, das aber auch eine gleiche winzige Schriftprobe den Mord hätte ab- wenden können? Wäre der Schriftsteller Claude Sattere, der dem Mörder wie feinem Opfer eine Widmung in das von ihnen gekaufte Buch schrieb, in der Lage gewesen, einige Schriftzüge Gorgu- losfs zu Gesicht zu bekommen und hätte er psycho- graphologischc Fähigkeiten besoffen, er wäre ob des Bildes dieser Handschrift erschüttert gewesen und hätte das Attentat verhindern können Denn jede Handschrift ist Hirnschtift, und wenn in dem kranken Hirn finstere Pläne reifen oder wenn sie gar kurz vor der Ausführung stehen, so prägt sich ihr Bild deutlich in der Schrift aus.'^

..Halten Sie die Durchführung einer psycho- graphischen Prüfung unter Umständen, unter denen die Ermordung Doumers geschah, über­haupt für möglich?"

Wenn man will, ist das durchaus möglich. Bei Empfängen. Ausstellungen, Kongressen und ähn­lichen Anlässen, bei denen Staatsoberhäupter. Prominente. Politiker usw. erwartet werden, wer­den ja wohl immer besondere polizeiliche Siche

rungsmaßnahmen gegen Attentate getroffen. Ich halte dies allein ich habe es auch früher schon einmal bemängelt für unzureichend Ich kann mir durchaus vorstellen, daß z. B. für die Besucher und Anwesenden bei solchen besonderen Gelegen­heiten ein pshchographologischer Sicherungsdienst m der Weise ausgeübt wird, dgß jeder Besucher einen Anmeldezettel vor dem Passieren der Sperre auszufüllen hat. Reben dem Beamten, der dielen Zettel visiert, müßte der Psychographologe sitzen, der eine Handschrift, die ihm auffällt, sofort be­anstanden könnte. Die Einzelheiten können belie­big variiert werden woraus es ankommt, ist lediglich, daß bei der Durchführung einer solchen graphologischen Paßkontrolle" cs kaum möglich wäre, daß eine Perlon, in deren Geh rn der Plan eines Attentats durch Dolch, Revolver. Bombe ufto. bereits eingramert ist. in die Rähe der zu schützenden Persönlichkeit gelangen könnte. Die Schrift schreit den ruchlosen Plan vor der Tat heraus."

Ist diese Methode absolut zuverlässig?" frage ich Schermann.Sie ist es mit einiger Sicherheit. Ratürlich kommt es darauf an. einen tüchtigen Psychographolvgen an der Hand zu haben. Die Schriftzüge eines Menschen, die auf e,n Blatt Papier geworfen werden, gleichen den feinen Ril­len einer Grammophonplatte, und der Grapho­loge ist nichts anderes als der Abnahmcapparat. der diese zarten Schwingungen in Empfindungen. Gefühle unb Erkenntnisse umsetzt. Er erkennt in der Schrift die zielbewußte und klare Linie des Optimisten, den zögernden und Willensschwächen Zug des Pessimisten, er lieft von schweren inneren Kämpfen, von Liebc.und Haß und von den quä- lenden Gedanken des Verbrechens Alle ge­heimen Regungen der Seele, die guten sowohl wie die bösen, strömen dem Kundigen oft in einer erstaunlichen Klarheit entgegen. Aus diesem Grunde konnte ja auch die Graphologie sowohl der Wirtschaft in der Personenauswahl, wie der Po­lizei im Erkenntnisdienste so überaus wertvolle Dienste leisten."

Würden Sie mir wohl einen Fall erzählen, in dem die Schrift ein unmittelbar bevorstehendes oder gerade begangenes Verbrechen autbedte?

Ich entsinne mich eines ganz interessanten Fal­les^ der sich in Wien abspieltc. bei dem cs sich zwar nicht um ein Menschenleben, wohl aber um einen sehr wertvollen Schmuck bandelte Dieser Schmuck war zwei Damen abhanden gekommen.

die über den Verlust untröstlich waren. Trotz ein­gehender Rachforschungen wollte es nicht ge­lingen, den Dieb zu fassen. Als man mich um meine Hilfe bat, ersuchte ich sofort alle in dem Hotel angestellten Personen, mir eine Schristprobe zu geben und zwar mußte ein kurzer Satz nieder­geschrieben werden, der auf den Diebstahl Bezug hatte. Aus der Masse der auf meinen Schreib­tisch flatternden Riederschriften erkannte ich fchr bald die Diebin, die dann auch später die Tat eingestand."

Dann wäre wohl auch eine Klärung der rätsel­haften L i n d b e r g h - Affäre auf psychographo­logischer Grundlage durchaus möglich?"

Meines Erachtens bietet die psychographolo- gische Prüfung sogar die sicherste Methode, um den Fall zu klären. Gelänge es Lindbergh. von allen Personen feiner Umgebung unb von allen Bekannten Schriftproben zu erhalten unb zwar in Form eines Satzes, ber auf die Entführung des Kinbes Bezug nimmt, fo könnte ich aus den Schriften die Schuldigen erkennen. Ich stehe auf dem Standpunkte, daß eine ober mehrere Per­sonen aus ber nächsten Umgebung der Familie Lindbergh bie Hand im Spiele haben Diele Per­sonen find äußerst schwer zu ermitteln, weil fie geschickt die Maske völliger Unschuld tragen Auf dem Wege der Schriftprüfung könnten diele Perso­nen aber zweifellos überführt werden, denn der Zusammenhang mit dem Verbrechen wird sich in ganz bestimmten, mir erkennbaren verräterischen Merkmalen zeigen. Leider hat Lindbergh in ber bisherigen Behandlung der 'Angelegenheit bereits schwere Fehler begangen. Er hat insbesondere durch die Alarmierung der Ocffcnt- lichkeit bie Auffinbung des Kindes erschwert, denn er hat damit bie Entführer veranlaßt, falsche Zährten einzuschmuggeln und so die Aufklärung schwieriger zu gestalten. Meine Beurteilung des ganzen Falles ist bisher richtig getoeen, was die weitere Entwicklung angeht, so nehme ich fol­gendes an:' es wird zunächst ein falsches Kind untergeschoben werden, und dann wird man ver­suchen. weitere Lösegelber herauszulocken. Doch das nur nebenbei. Fest steht, daß durch eine ge­naue Schriftprüfung viel zur Aufklärung des Ver­brechens beigetragen werden könnte, denn bie Schriftprobe stellt den Menschen dem Graphologen

Diese Vorherlage ist durch die traurige Wen­dung der Ereignisse in den letzten Tagen über­holt tuorben. D. Red.

gegenüber in ein Helles Scheinwerferlicht, vor dessen durchdringender Leuchtkraft es keine Ge­heimnisse gibt. A. v. K.

Ausgrabungen in Rom.

Mit den Festlichkeiten zum 2685. Jahrestage der Gründung Roms war auch bieEinweihung" deS erst kürzlich entdeckten Calar-Forums verknüpft, das Julius Eäsar nordöstlich vom Kapitol zum Danke für den Sieg von Pharfalia errichtet hatte. Die antiken Schriftsteller haben den Reichtum ge­schildert, mit dem der Triumphator diese Anlage und besonders den Tempel der Venus (lenctnx auäftattete. Man glaubt, daß Forum und Tem­pel ohne größere Schädigung bis in das fünfte Jahrhundert standen, aber dann allmählich so ver­fielen. daß sogar die Stätte unbekannt wurde In der Mitte des 16. Jahrhunderts wurden einige Ruinen des Tempels gefunden, und ber große Baumeister Pallabio versuchte, in einem Ideal- bilb bie Gestalt bes Forums darzustellen, aber ohne baß er wußte, was bie ursprüngliche Be­deutung des Gebäubes war. Seit Anfang dieses Jahres ist nun bie Wicberausgrabung bes auf- gefundenen Forums unter der Leitung von Cor­rado Ricci begonnen worden uyb hat bereits au lehr bedeutenden Funden geführt. Es mußten sehr viele Häuser niebergcttffen unb 42 Kubik­meter Erde bewegt werden Aus dem Forumchat man neun große Geschäftsräume freigelegt Ap- Pianus Aleranbrinus. der uni bie Mitte des zwei­ten christlichen Jahrhunderts schrieb, meldet, daß Eälar. als er der Venus (jcnetnx. die als bie Ahnlrau des Iulischen Geschlechtes galt, den Tempel errichtete, ihn von cine'm Forum um­schlossen habe, das aber nicht dem eigentlichen Handel biente, sondern nur bet Besprechung von Geschäften und Rechtsangelegei'hciten. Die aus- gegrabenen Räume, bie sehr hohe Bogenfenster befaßen, dürften zu diesem Zwecke gedient haben. Ueberraschend war die Feststellung, daß auf dem Forum von ber Zeit des Kaiser Augustus bis zu der des Hadrian noch neue Bauten aufgeführt wurden. Am wichtigsten war die Entdeckung von Ucbcrrcften des Venus-Tempels, doch können bie Grabungen vorläufig nicht fortgefetzt werden, da eine öffentliche Straße dazwischen liegt: erst bei ber Anlage ber neuen Straße von der Piazza di Venezia zum Kolosseum werben bie Untersuchun- gen weitergeführt werden.