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Vornan von J. Schneider-Foerstl.
Urheber-Rechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau.
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Er konnte nicht weitersprechcn. Ihr Mund verschloß den seinen. Der Hrauenkörper lag, von Schluchzen gestoßen, an seiner Brust, die ihm Halt bot. „Du liebst mich noch! — Nun weiß ich endlich: Du liebst mich noch!" stammelte sie in ihre Tränen hinein. „Das ist mehr, tausendmal mehr, als ich zu hoffen und zu bitten wagte."
Er lehnte den Kopf zurück und hatte, trotzdem etwas tote Weichheit über ihn kam, doch eine Liefe Falte über den Brauen. „Wenn ich gewußt hätte, daß alles unnötig ist — weil du ja noch ein Kind hast —“
„Dieter!"
Ihre Arme fielen von ihm ab. Da schämte er sich seiner Grausamkeit. Sie richtete sich auf und strich das Haar, welches nur ganz wenig mit Grau durchmischt war. aus der Stirne.
„Ich muß heute nacht wieder weg", sagte er unsicher. „Ich kann nicht länger abkommen, jetzt mitten in dec Ernte. Wenn ich dir irgendwie dienlich sein kann, nröchte ich das bis zu meiner Abfahrt noch erledigen."
„Es ist also unmöglich, daß du länger bleibst?"
„Ganz unmöglich", bekräftigte er, sah sie nach dem Nebenzimmer gehen und mit einem verschlossenen Kuvert zurückkommen.
„Ich habe sonst keine Ditte an dich, mein Junge, als daß du dieses hier zu dir nimmst und es sorglich aufbewahrst. Es ist mein Testament, für den Fall, daß etwas Unvorhergesehenes eintreten sollte." Sein Erschrecken gewahrend, legte sie ihm tröstend die Hand auf die Schulter. „Ich bin zuweilen etwas leidend, aber nicht so, daß Gefahr bestünde. Wenigstens zur Zeit nicht. — Du muht dich also nicht beunruhigen. — Jetzt wollen wir hinübergehen. Martha hat den Tisch bereits gedeckt Du wirst müde und hungrig fein.“
„Nur müde", sagte er langsam und nach einer Sekunde des Schweigens: „Mutter--“
Sie wandte sich zurück, machte die paar Schritte zu ihm hin und sah zu ihm auf, der sie um Haupteslänge überragte. „Was hast du mir noch zu sagen, Kind?“
Er suchte nach Worten und stammelte dann die hilflose Frage, die er sich tausend und aber tausendmal selbst gestellt hatte: „Bist du glücklich gewesen?"
„Sehr glücklich, mein Junge!“
Es war ihm beinahe eine Enttäuschung. „Warum hast du dann immer und immer wieder in deinen Briefen nach mir gerufen, wenn du
doch alles, was dein Herz befriedigen konnte, gehabt hast?"
„Ich hatte nicht alles, Dieter! Du hast mir gefehlt. Mein Glück ist niemals vollkommen gewesen.“
Er senkte den Kopf und ging neben ihr her, die dunkle Samtportiere haltend, die Hinter ihnen zusammenfiel.
„Mutter! —“
Sie blieb stehen, sah seinen knabenhaft bittenden Blick und öffnete ein zweitesmal an diesem Abend die Arme für ihn. Diesmal zögerte er nicht, die seinen um ihren Hals zu legen und den Kopf an ihre Schulter zu bergen. Die zarte Frau fühlte die Schwere seines Körpers. Acht Jahre hatte er sie gemieden und nun, kurz vor Torschluß, kam er noch einmal zu ihr zurück. Sie vergaß die Nächte, die sie um ihn geweint hatte und war nur erfüllt von der Feier der Stunde, in der sie ihn jetzt umfangen halten durfte.
Sie drängte die Trauer um den Toten zurück und lebte nur ihm, Zeit und Naum vergessend. Die Mutter hatte ihren Sohn wiedergesunden, den Sohn, der ihr schon soviel wie verloren gewesen war.
Das kleine Dorli aber träumte in seinem Dett-- chen von dem großen Bruder, den es heute zum ersten Male gesehen hatte und mit dem es morgen einen langen, großen Spaziergang machen durfte. Dann änderte sich plötzlich das Bild. Das Antlitz des toten Vaters neigte sich über das ihre und sah sie mit stillem Vorwurf an. „So schnell hast du mich vergessen?"
Die Schwester, welche in dem gleichen Zimmer schlief, hörte das traumschwere Aechzen des Kindes und nahm die seidene Steppdecke von dem unruhigen Körperchen. Sie öffnete auch noch das zweite Fenster und schob die Gardinen etwas zurück.
Lau, aber doch merklich erfrischend, drang die Nachtluft in den Naum und umkoste die heißen Wangen des Mädchens. Lange stand dieSchwester über die Kleine geneigt und horchte auf deren raschen Atem. Erst als ein Lächeln zeigte, daß die Träume des Kindes wieder ruhiger zu werden begannen, suchte sie ihr Lager auf. —
Vun waren es nur noch Mutter und Sohn, die in der Villa Reinkert wachten.
Strahlend, wie sie am Samstag hinter die Berge gesunken war, tauchte die Sonne am anderen Morgen hinter der endlosen Weite der Ebene wiederum auf. Noch schluckten Bäume und Gräser den Tau, der des Nachts ihr ärgstes Dürsten gestillt hatte. Millionen Tropfen glänzten an den Halmen, perlten in den Kelchen von Kamillen und Wucherblumen imd standen als schillerndes Edelgestein auf den Blättern der dunklen Samtrosen, die im Garten von Necklin- hausen ihre Düfte verströmten.
Frau Elisabeth fand den conntag mit feiner wundervollen Ruhe und Beschaulichkeit als ein besonderes Geschenk des Lebens. Lenore konnte, jeder Pflicht ledig, am Waldrand liegen und sich ihren Träumen hingeben. Margret unternahm Streifzüge nach allen Richtungen und kam mit einem gesegneten Appetit zum Mittag- und Abendessen nach Hause.
Nur Suse stellte fest, daß die Sonntage auf Recklinhausen einfach gräßlich seien. „Zum Töten langweilig", maulte sie. Sechsmal so langweilig, als die Wochentage. Man müsse verkommen vor Stumpfsinn und Oede, wenn nicht die Nachbarn sich hier und da zu einem Besuche aufrafften und Leben in die Bude brächten.
Sie hatte sich einen Stuhl an das Fenster gestellt und sich von diesem aus auf die Brüstung geschwungen. Ihre Füße baumelten über das Geranke des wildes Weines und schaukelten unruhig von einer Seite nach der anderen. Wie ausgestorben lag die Weite. Dom Dorfe herauf bimmelten die Kirchenglocken, und auf der Spitze des nächstliegenden Kirschbaumes flötete eine Amsel ihr Lied.
Unter Suses Fensterplatz knirschte der Kies. Das Pförtchen, welches vom Gutshofe herüber nach dem Garten führte, quietschte leise in den Angeln.
„Er", konstatierte Suse, klammerte die Rechte um das Gestänge, welches den wilden Wein trug und bog sich weit hinaus. Er tat keinen Blick nach oben, bückte sich und brach eine der Reseden, die den Wegrain faßten. Mit einer lässigen Bewegung zog er sie durch das Knopfloch seines blauen Rockes. Warum nimmt' er keine Rose? wunderte sich Suse. Die Stämme waren doch übervoll davon.
Er ging die paar Schritte zum Hofe zurück und ließ das Pförtchen wieder einschnappen. Sie sah ihm nach und verspürte eine grenzenlose Neugier, zu wissen, wie er seinen Sonntagdormittag verbrachte. So lange die Ernte nicht unter Dach gewesen war, hatte er wie die anderen vom Morgen bis in die sinkende Nacht geschafft. Heute würde er sich wohl auch ein Sondervergnügen erlauben.
Ihre Neugier brannte lichterloh. Sie turnte gewandt vom Fenster nach dem Zimmer zurück und stand fünf Minuten später im Garten, um den gleichen Weg zu nehmen, den er genommen hatte. Auf dem Rasen lag etwas Weißes, Halbzerknülltes: Sein Cinstecktuch. Sie nahm es auf und schnupperte daran. Die Seide strömte einen leisen Iuchtengeruch aus.
„So ein Geck!“ trotz dieser wenig schmeichelhaften Bezeichnung ließ sie das Tuch eilig im Ausschnitt ihres hellen Kleides verschwinden.
Sie vernahm einen Schritt hinter sich und wandte sich eilig auf den Hacken herum. Ein Herr in khakifarbenem Reifeanzug, den Hut vor
ihr lüftend, bat um Verzeihung, wenn er störte. „Gradnitz", stellte er sich vor. „Ich habe di» gnädige Frau von meinem Kommen verständigt. Die Nachricht ist wohl nicht eingetroffen?“
„Kaum!“ meinte Suse und überflog die angenehm proportionierte Gestalt, welche die Mitte zwischen Schlankheit und Korpulenz hielt. „Die Mama ist zur Kirche gegangen“, gab sie Bescheid. „Vielleicht haben Sie die Güte, mit hereinzukommen.“ Leichtfüßig schritt sie ihm voran die Stufen hinauf und öffnete die Tür des Garten- zimmers, in dem eine angenehm dämmrige Kühls herrschte.
Als Gradnitz den Fuß über die Schwelle setzte, zögerte er: „Ich würde es vorziehen, der gnädigen Frau ein Stück entgegenzugehen. Wenn Sie mir den Weg weisen wollten, gnädiges Fräulein, würde ich versuchen, mit der Frau Mama zusammenzutreffen."
„Er ist gar nicht zu verfehlen“, gab sie Bescheid. Sie zeigte mit der Rechten nach dem Dorfe hinunter, dessen spitzer Kirchturm durch die offenen Fenster spähte. „Die Mama kommt immer den Feldweg. Er ist bedeutend näher. Sie können gar nicht irre gehen. Immer den Rain entlang. Da treffen Sie sich dann schon “
„Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein."
„Was starrt er mich so an?“ Dachte sie pikiert, warf den Kopf in den Nacken, fühlte ihre Hand emporgehoben und an ein Lippenpaar gebrüeft
Sie sah ihm etwas verdutzt nach, wie er die Stufen hinabschritt, den Kiesweg entlang und dann die Straße überquerte, um nach dem Feldweg einzubiegen. Es war schwer, ihn in irgendeine Kategorie einzureihen. Er machte den Eindruck eines englischen Lords und doch wieder nicht. Jedenfalls war er ein ganz reizender, älterer Herr. Das Nähere würde man schon von Mama erfahren.
Der diskrete Duft von Juchten, der aus dem Ausschnitt ihres Kleides heraufzog, ließ sie plötzlich des Fremden vergessen. Sie erinnerte sich Dieter Malnows und schlenderte nach den Stallungen. Die Pferde wandten mit einem hellen Wiehern die Kopfe nach ihr und warteten auf eine Liebkosung. Oie steckte aber nur den Kopf zur Türe hinein und war gleich wieder verschwunden.
Vielleicht war er auf feinem Zimmer, obwohl das bei diesem strahlenden Wetter kaum anzunehmen war. Als sie den Obstgarten durchquerte, sah sie ihn im Grase ausgestreckt und in einem Buche lesen. Er hielt die Zigarette zwischen den Fingern und blies ab uitb zu ein dünnes blaues Wölkchen vor sich hin. Wie sollte man es anstellen, daß er das dumme Buch beiseitelegte? Im gleichen Augenblick hatte sie schon etwas gefunden.
(Fortsetzung folgt.)
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