werde sich daher mit zwei großen Problemen zu befassen haben: dem Reparationsproblem und dem großen wirtschaftlichen Problem.
Ls sei die Tragik aller bisherigen Konferenzen gewesen, daß sie immer zu spät gekommen seien. Line großzügig eingeleitete Regelung der Reparationsfrage unmittelbar nach dem Hoover- Moratorium im vorigen Jahre hätte damals vielleicht die Möglichkeit gegeben, die Krise stark einzuschränken. Ob jetzt zur lleberwindung der Weltwirtschaftskrise die Regelung der Reparationsfrage allein genüge, sei entschieden die Jrage. Die deutsche Regierung werde daher gerade der Frage der wirtschaftlichen Probleme die größte Beachtung schenken müssen. Die Regelung der Reparationsfrage sei zweifellos eine Voraussetzung für die Lösung der w'.rtschasts- frage. Ohne eine solche Lösung sei eine Gesundung der Wirtschaft nicht zu erreichen. Beide Fragen gehörten zusammen. Aber die Herbeiführung einer Gesamtgesundung der Weltwirtschaft sei jetzt eine unerläßliche Ausgabe geworden. Ob diese Konferenz für beide Fragen reif sei, sei allerdings die Frage.
Reichsaußenniinister Irhr. v. Neurath erklärte sodann, daß die Delegation auf der Konferenz selbstverständlich versuchen werde, dem nationalen Interesse Deutschlands gerecht zu werden, lieber die Methoden könne vorläufig noch nichts gesagt werden. Der optimistische Ton der ausländischen Presse entspreche in keiner Weise der tatsächlich ernsten Lage, wenn auch die Erkenntnis von der Unmöglichkeit weiterer Reparationszahlungen Deutschlands allgemein durchgedrungen sei, sei es jedoch noch ein weiter Schritt bis zu deren offiziellen Anerkennung. Der Reichsaußenminister betonte, er teile keineswegs den sich vielfach geltend machenden Optimismus, daß auf der Lausanner Konferenz bereits in wenigen Tagen eine positive Lösung erreicht werde.
Der Zusammenschluß der bürgerlichen Rechten.
Eine Erklärung des Aktionsausschusses.
Berlin, 15. Sunt (CAD.) Der Aktionsaus- schuh, der gestern in der Konferenz zur Reu- bildung der bürgerlichen Rechten eingesetzt worden ist, veröffentlicht folgende Erklärung über die gestrige Besprechung: Die am 14. Juni aus allen Teilen des Reiches zahlreich erschienenen Persönlichkeiten aus den bürgerlichen Schichten unseres Volkes waren in dem Willen einig, aUe geeigneten Schritte zu unternehmen, um eine einheitliche Zusammenfassung aller nationalenKräste herbeizuführen, die a u f dem Boden der bestehenden Wirtschaftsordnung für Freiheit, Sauberkeit und Gröhe von Staat und Vaterland zu kämpfen bereit sind. Der am 14. Juni gewählte Arbeitsausschuh erwartet von allen national-bürgerlichen Parteien die Bereitschaft, sich unter Deiseitestellung aller parteipolitischen Interessen zu diesem Werk zu vereinigen. Er wird sich seinerseits für dieses Ziel durch Verhandlungen mit allen in Frage kommenden Parteien, Verbänden und Vereinigungen einsetzen.
Oie Giaatspariei bleibi selbständig.
Berlin, 15. Juni. (CAD.) Don der Leitung der Deutschen Staatspartei wird mitgeteilt: Die Deutsche Staatspartei hat auf der Sitzung ihres Gesamtvorstandes am Sonntag offen und klar die Voraussetzungen gekennzeichnet, unter denen sie eine kraftvolle Zusammenfassung der verfassungstreuen Mitte unterstützen würde. Leider sind alle Sammlungsbe- strebungen in dieser Richtung gescheitert. Jetzt bleibt nur noch die Sammlung in der Deutschen Staatspartei, die als einzige intakte Mittelpartei verpflichtet und entschlossen ist, den Wahlkampf im ganzen Reich mit aller Kraft aufzunehmen. Sie wird diesen Kampf führen unter der Lösung „Gegen Radikalismus und Reaktion, gegen Sozialismus in jeder Form, für Frieden und Freiheit nach auhen, für Ordnung, Recht und Sicherheit im Innern, für Arbeitsbeschaffung und Siedlung sowie Lebensraum für die deutsche Jugend."
-
Angeln am Knierowsee.
Don Charlie Noellinghoff.
Wieviel Mann kannst du in deinem neuen Wagen mitnehmen? fragte Jupp. „Du muht rechnen, dah ein Platz für die Geräte abzuziehen ist!"
„Um Gottes willen! Ich verstehe immer Geräte!" sagte Kurt. „Wir wollen doch nicht etwa angeln fahren?"
„Ratürlich wollen wir angeln fahren!" sprach Jupp ernst. „Es gibt keine bessere Zeit zum Angeln. Gerade um diese Zeit steht der Fisch ausgezeichnet unten!"
Hier legte sich Erich ins Mittel:
„Es ist ein Unfug, so zu sprechen! Ich möchte wissen, wer die Märchen aufbringt! Meines Wissens siebt momentan die Plötze oben!"
„Was tut die Plötze?!" fragte Jupp drohend. (Wobei hinzuzufügen ist, dah Jupp lebenslängliches Halbehrenmitglied der Aorddeutschen Grundanglerloge ist.) „Was tut die Plötze???"
„Die Plötze siebt momentan!" beharrte Erich.
„Hm. Das war mir nicht bekannt", gab Jupp zu. „Soviel ist jedenfalls sicher, dah es gar keine bessere Zeit gibt..."
Erich bekam einen strahlenden Gesichtsausdruck und sprach lange Zeit. Er pries das Stehvermögen der jungen Domschleichen: seine Zunge schnalzte bei seinen Auslassungen über das Familienleben der Quintettforelle: und sein linkes Auge erglänzte, als er den gemeinen Dierbarsch erwähnte.
Zu alledem schüttelte Jupp das Haupt.
„Wir werden ja sehen," sprach er, „wenn wir Sonnabend hinausfahren. Kurt bringt uns mit den Geräten zum Knierowsee."
Hier platzte Walters lange zugehaltene komische Ader.
„Knierowsee??? Ich weih nur, dah im Knierowsee ein Pferd ertrunken sein muh!"
„Was hat das mit uns zu tun?" fragte Jupp scharf. „Wenn das Pferd dort ertrunken ist, so hätte es eben vorsichtiger sein sollen! Man hätte
Der unerbetene pvien-Besucv im Säten von Sanzi«
Oaö Kriegsschiff „Wicher" wieder ausgelaufen. - Protest des Danziger Senats beim Völkerbundskommiffar.
Danzig, 15. Ium. (TU.) Nachdem fünf englische Torpedobootszerstörer zum Besuch Danzigs gestern abend auf der Reede geankert hatten, traf, wie schon kurz gemeldet, in der Nacht ganz überraschend der polnische Torpedoboot s z e r st ö r e r „Wichet ein und a n - kerte in unmittelbarer Nähe der englischen Zerstörer. Kurze Zeit, nachdem die englischen Zerstörer heute früh in den Danziger Hafen eingelaufen waren, lief auch der po lnische Zerstörer in den Hafen ein und machte an der Westerplatte fest, ohne die v o r g e s ch r i e b e n e Erlaubnis des Danziger Senats einzuholen. Der polnische Kommandant machte darauf dem englischen Kommandanten des Zerstörers „Campbell" einen Besuch.
Das - Verhalten des polnischen Zerstörers stellt eine der schwer st en polnischen Herausforderungen gegenüber der Freien Stadt Danzig dar. Der Zerstörer hat unter Mißachtung der Anlaufbestimmungen, die aufgrund der letzten Völkerbundsentscheidung von Danzig erlassen worden sind, den Danziger Hafen angelaufen, noch dazu ausgerechnet zum Zeitpunkt des englischen Flottenbesuches.
Der Senat hat sofort die nötigen Schritte unternommen und bei den polnischen Behörden interveniert. Der Senat ist benachrich
tigt worden, daß das Schiff Anweisung bekommen hat, unverzüglich den Hafen von Danzig zu verlassen. Auf eine vom Danziger Senat dem Generalkommissar Polens in Danzig überreichte Protestnote hat der Generalkommissar erklärt, daß das polnische Torpedoboot den Danziger Hafen angelaufen hat, u m e n t- sprechend dem bisherigen Brauch die englische Flottille zu begrüßen. Der Generalkommissar erinnerte gleichzeitig daran, dah die polnische Regierung die von der Danziger Regierung einseitig erlassenen Hafenanordnungen nicht anerkannt hat und diese nicht als bindende Rechtsnormen betrachtet.
Die vom Senat der Freien Stadt Danzig gestellte Forderung, daß das Torpedoboot b 14 Uhr den Danziger Hafen verlassen soll, wurde vom Generalkommissar nicht zur Kenntnis genommen Tatsächlich hat jedoch das polnische Kriegsschiff den Danziger Hafen nach einem Aufenthalt von 5* Stunden verlassen. Die Danziger Regierung hat die Angelegenheit dem Kommissar des Völkerbundes in Danzig vorgelegt mit der Bitte, festzustellen, daß die polnische Regierung durch ihr Vorgehen eine durch den Völkerbundsrat ausdrücklich verbotene action d i recte begangen habe.
Der Eisenbahnfrevler Matuschka auf der Anklagebank.
Beginn des ersten Sensationsprozeffeö in Wien.
Wien, 15.Juni. (WTB.) Der Prozeß gegen den Eisenbahnfrevler Sylvester Matuschka begann mit einiger Verzögerung unter allen Anzeichen der Sensation. Schon lange vor Beginn der Verhandlung hatten sich vor dem Haupttor des Landgerichts hunderte von Personen eingefunden, von denen aber nur ein kleiner Teil mit Karten Einlaß finden konnte. Auf dem Tisch des Vorsitzenden im Gerichtssaal liegen Bruchstücke von Eisenbahnschienen und Schrauben, Kleidungsstücke und Schachteln. Aach und nach kommen auch die Zeugen in den Saal, darunter Frau Irno Matuschka, mittelgroß und schlank mit sympathischen Gesichts- zügen. Sie ist ziemlich blaß. Eine Minute vor 9.30 Ahr betritt Matuschka, begleitet von einem Iustizwachbeamten den Saal. Er mustert aufmerksam das Publikum und nimmt dann auf der Anklagebank Platz. Auf der Anllagebank breitet Matuschka vor sich eineMenge Papiere
aus, aus denen er vermutlich die wiederholt an- gekündigte große Rede halten will. Diese Rede hat er in verschiedenen Entwürfen abgefaßt und in verschiedenen Farben niedergeschrieben, so einen Aufruf an das ungarische Volk in den Farben rot, grün, blau und gelb, teils mit Tinte, teils mit Farbstift.
Im gleichen Augenblick betritt der Gerichtshof, an der Spitze Oberlandesgerichtsrat Dr. Z e i ö - l e r den Saal. Unter atemloser Spannung des Publikums ruft der Vorsitzende den Angeklagten auf. Matuschka spricht stark mit ungarischem Akzent. Auf die Frage seiner Religionszugehörigkeit schreit er fast: „Römisch-katholisch bin ich." Dors.: „W a s sind Sie von Berus?" Matuschka: „Eisenbahnattentäte r." Auf den Einwand des Vorsitzenden, daß das doch kein Beruf sei, erwidert Matuschka schließlich, er sei Kaufmann gewesen. Aach Aufnahme der Per-
Blick in den Sitzungssaal. Links der angeklagte Eisenbahn-Attentäter (X).
fonalien und Vereidigung der beiden Schössen folgt der Zeugenausruf. 2lls Frau Matuschka auf» gerufen wird, schaut der Angeklagte blinzelnd zu ihr herüber. Die Zeugin wurde für Freitag vorgeladen. Auf eine Frage des Berichterstatters, ob sie ihren Gatten für zurechnungsfähig halte, antwortet Frau Matuschka, dah sie ihren Mann auf keinen Fall für zurechnungsfähig halte. Als die Zeugin beim Verlassen des Saales an ihrem Mann vorübergeht, rutscht er auf der Dank zu ihr und wirft ihr zwei Kußhände zu. Dabei verzieht er das Gesicht wie ein weinerliches Kind. Frau Matuschka winkt im Vorübergehen mit der Hand. — Der Schriftführer beginnt dann mit der Verlesung der 30 Seiten langen Anklageschrift.
Die Vernehmung deS Angeklaalen
Bei Verlesung der Anklageschrift benimmt sich Matuschka sehr nervös, sein Körper ist in ständiger Bewegung. Er meint wiederholt, schneidet Grünmassen und murmelt vor sich hin. Nach der Verlesung beantragt der Verteidiger, ungeachtet des psychiatrischen Gutachtens das Gutachten eines Individualpsychologen anzuhören, und stellt den Antrag, Dr. Alfred Adler zur Verhandlung hinzu- zuziehen. Dieser Antrag wurde a o ept lehnt. Sodann wird mit der Vernehmung des Angeklagten begonnen. Unter lautloser Stille fragt bann der Vorsitzende Matuschka erneut, ob er sich im ganzen Umfange der Anklage schuldig bekenne. Der Angeklagte antwortet mit Ja und wendet sich erregt gegen seinen Verteidiger. Seine weiteren Ausführungen sind ein unverständliches mit ungarischen Brocken ver- mischtes Kauderwelsch, das er laut schreiend vorbringt. Erst allmählich wird er verständlich. Er schilderte seine Einjährigenzeit 1913 beim 6. Hvnved- Jnsanterie-Regiment, seine Kriegsauszeichnungen, seine Abkommandierung in eine Einjährigenschule und dann seinen Frontdienst, wobei, er Kommandant einer Maschinengewehrabteilung gewesen sei. Unter großer Aufregung weinend und schreiend beschreibt er ein großes Gefecht, in dem allein 20 Offiziere gefallen seien. Er habe alle acht Maschinengewehre schießen lassen und die Toten hätten meterhoch gelegen. Matuschka erzählt dann von seiner Verheiratung, seinem Handel mit Petroleum und seiner Lehrtätigkeit. In Budapest habe er ein Gemischtwarengeschäft und drei Häuser gehabt. Dann erzählt er von der Gründung einer Aktiengesellschaft, deren erster Direktor und Vorsitzender er gewesen sei. Nach Wien sei er zum zweiten Male im Iayre 1927 in der Absicht, Häuser zu kaufen, gekommen.
Auf der Fahrt nach Budapest sei ihm ein Geist begegne t, der ihm nahegelegt habe, die Eisen- baßnan(d)(pge zu verüben. Der Zweck der Anschläge sei gewesen, die Eisendahndirekio- n e n z u erschrecken. Er habe sie zwingen wollen, eine von i h m gemachte Erfindung über Zugsicherung, was er „technischen Umbau" nennt, einzuführen. Er schildert dann sehr wortreich, wie er sich diese Erfindung in der Praxis vorstellt. In Budapest habe er auf Anraten des Geistes, der ihm auch empfahl, eine Sekte zu gründen, das Haus, in dem sich das für die Sekte bestimmte Büro befand, mit allen Farben bemalen zu lassen. Diese Farben sollten das Sinnbild aller Religionen sein, denen zu dienen er beabsichtigt habe. Der Geist habe ihm den Vorschlag gemacht, die Gegend von Ansbach au einem Eisenbahnanschlag zu benutzen. Seine Absicht sei gewesen, dadurch berühmt zu werden. Er habe gewollt, daß alle Zeitungen über ihn schrieben. Menschenleben habe er nicht aufs Spiel setzen wollen. Dann tritt eine Pause ein.
Parteien und Rundfunk.
Wahlreden
in der Woche vor der Reichstaqswahl.
Berlin, 15. Juni. (WTB.) Die Reichsregierung hat beschlossen, für die bevorstehende Reichstagswahl den Parteien den Rundfunk nach Maßgabe folgender Richtlinien zur Verfügung zu stellen:
1. Wahlreden können Parteien halten, deren Wahlvorschläge zur bevorstehenden Reichstagswahl zugelassen werden, sofern jede dieser Parteien im Zeitpunkt der Auflösung des letzten Reichstages mindestens in Fraktions- stärke (15) vertreten war. Auf die Kommunistische Partei findet dies keine Anwendung. Gehen mehrere im letzten Reichstag vertreten gewesene Parteien in Form von gemeinschaftlichen Reichswahlvorschlägen oder ähnlichem zur Stimmverwertung getroffenen wahltechnischen Maßnahmen zusammen, so wird
es ins Familienbad schicken sollen, dein Pferd! Woher weißt du das denn übrigens?"
„Weil wir dort einmal angelten! Rach vier Stunden zuckte die Schnur, und der Kork verschwand! Ich zog und zog ..."
„Ein Riefenkarvfen!??..." Jupp war aufgesprungen und hatte ein Bierglas zermalmt.
„Rein!" Walter erhöhte die Spannung. „Er wird uns erzählen, er hätte am Knierowsee Pferde geangelt!" äußerte Kurt mit einem skeptischen Lächeln.
„Das nicht", fuhr Walter fort. „Aber ein Hufeisen zog ich heraus! Wenn das Pferd gut gepflegt war, müssen noch dreie drin sein. Laßt uns zum Knierowsee fahren!"
„Roch drei Pferde?" fragte Erich.
„Also ich gehe jede Wette ein", erhitzte sich Jupp, „daß wir am Knierowsee nach Karpfen angeln werden!"
„ Feine Wette!" lachte Walter. „Du wirst eine leere Odolflafche herausfischen und sagen, das hätte nichts auf sich. — Du für deinen Teil hättest trotzdem nach Karpfen geangelt, was?"
„Egal!" entschied Erich. „Laßt uns hinaus- fahren! Die Silbersittiche des Distelfisches werden über uns hinstreichen... Die Glöckchen des Almenherings werden traulich läuten... Der fleißige Kreuzstichling wird am Gestade sticken... And dreist wird auch des Flachsstints Tritt den Pfad des stolzen Waldhechts kreuzen!..."
Jupp, Kurt, Walter und Erich saßen an einem idyllischen Plätzchen des Knierowsees.
Walters blondgelocktes Haupt lehnte an einem Wellblechlasten mit der Inschrift: „Hoch- und Tiefbau-AG. Knüllke, Berlin"... Kurts Auto stand neben einem Stapel verrosteter Schienen. Hierzu summte leise ein frischlackierter Tele- graphenpsosten. Aus dem benachbarten Wirtshaus klangen erhebend die Töne des elektrischen Klaviers:
„Wer hat Opapa die Reese
Dollgeschmiert mit Mayonnaise???"
Vier Stunden saßen sie so. Es hatte mehrmals gebissen. Ameisen, Hornissen, Mücken und anderes
I Getier. Erich führte dieses auf sein süßes Blut zurück und erzählte zum etlichsten Male die Geschichte seines Vaters, der dem Feldmarschall Ra- dezky das Leben gerettet hätte. In Krzmoszeszky war das, und der Feldmarschall konnte vor Wanzen nicht schlafen, bis er mit Erichs Vater das Lager tauschte. Worauf sie Erichs Vater hatte und Radezky so gut schlief, daß er den Aeberfall der Feindlichen verpaßte und dermaßen am Leben blieb.
Am Abend saßen die Vier im Wirtshaus, und nach einem Blick auf die Karte der Atzungen schrie Jupp heißajuchhe auf:
„Was habe ich gesagt!! Karpfen blau!! Ich weiß schon, was ich sage! Mir wollt ihrs ja nicht glauben! Der Knierowsee ist berühmt durch seine Karpfen! Wenn wir nur noch ein bischen Geduld gehabt hätten!..."
And als Walter noch eine Portion nachbestellen wollte, meinte der Kellner:
„'Mure sehr! Kommen erst morgen wieder aus der Stadt frische!..."
Oer Bayer weint mit Humor.
Die Bayern sind, wie alle Hochgebirgler, in ihrem Humor nicht zu übertreffen. Sie lassen sich auch ihren Humor durch nichts übertreffen. Sie gehören zu den Wenigen, die erkannt haben, daß es nichts in der Welt gibt, was so traurig wäre, dah es nicht noch ein Quentchen Humor vertrüge. And wiederum ist von allen Humoren der unfreiwillige der beste. Eine Schneidermeistersfrau war zur Witwe geworden und machte dies der Verwandtschaft und Kundschaft in folgender Anzeige bekannt: „Heute morgen schied ins Land der Geister — an der Schwindsucht unheilbarem Weh — mein geliebter Mann, der Schneidermeister — P. P. Paul im zwölften Jahr der Eh'. — Alle, die den Seligen kannten — wissen wohl, was ich an ihm verlor. — Still zu trauern bitt’ ich die Verwandten: — mein Geschäft betreib' ich wie zuvor." — Das ist ebenso köstlich, wie die berühmte Grabinschrift, die
man auch da oben in den Bergen zu suchen hat, die ein Witwer zum Andenken an seine dahin» gegangene Gattin für ewige Zeiten in Stein hauen ließ: „Jetzt hat der Satan seine Ruh' — und ich dazu!"
Oer Kongreß der Tippelkunden.
Es gibt seit einigen Jahren einen Reichsverband der Tippelbrüder, der alljährlich einen ordentlichen Reichskongreß abhält. Die Leute, deren Feld die Welt ist, d. h. soweit sie in Landstraßen eingeteilt wurde, die von Herberge zu Herberge zrehen, wollten nicht länger heimatlos sein, sondern ihre sozialen Belange ebenso gesichert wissen wie die der Seßhaften. Man protestierte gegen die Ausnutzung der Wanderer in den Herbergen, verdammte das Klinkenputzen als standesunwürdig, wollte eigene Heime errichten usw. Der diesjährige Kongreß fand in Hamburg statt, zu dem sich aber nur knapp 500 Ritter von der Landstraße eingefunden hatten. Abgerissen und zerlumpt, vom Hunger gepeinigt, zeigte es sich, daß die Teilnehmer des Kongresses heute nichts mehr von der Poesie der Landstraße empfinden, vielmehr zu der Ansicht bekehrt worden sind, daß die Romantik des Tippelbruders nur solange lebendig Bleibt, wie die Kunden als Parasiten des Aeberflusses ihr beschränktes, aber ruhiges Auskommen finden, daß diese Romantik in einer Zeit der allgemeinen Rot aber rasch verschwindet. Die Diskussionsredner äußerten alle den Wunsch, wieder seßhaft zu werden, geregelte Arbeit zu finden. Aber wie das so geht, die süße Sünde des Richtstuns ist ein demoralisierendes Gift, das vor allem die Entschlußfähigkeit lähmt. Auch der Kongreß der Nichtstuer konnte sich zu keinen Entschlüssen aufraffen. Als ein kommunistischer Redner zur Gründung eines kommunistischen Komitees auf- forderte, wurde der Kongreß aufgelöst, die Teilnehmer liefen auseinander, ins Asyl für Obdachlose ober auf die Landstraße.


