Nr. 15 Zweites Blatt
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In Süddeutschland stand auf dem Marktplatz einer mittelgroßen Stadt der Wanderzirkus I. Die Raub- lierdressur, die letzte Nummer feiner Nachmittagsvorstellung war eben zu Ende, und acht Löwen trollten aus der Manege zurück, durch den vergitteren Laufgang in ihre Käfigwagen. Sieben Löwen iprangen Dom Grasboden über eine Kiste in ihren Stall auf Rädern, der achte will es auch tun, aber die Kiste wackelt, fällt um, drückt gegen den Laufgang, dort, wo er mit einem Lederriemen am Käfigwagen befestigt ist.
Der Zufall wollte, daß der Lederriemen brüchig war eine öeffnunq klaffte in der Vergitterung, und der Löwe, erschrocken oder reiselustig, spazierte in die Freiheit. „
Schöne Freiheit! — eine Gasse, die tn den otaU mit vierzig nervösen Pferden führte. Sofort erkannte der Raubtierdompteur die Gefahr einer Panik. Mit einem Sprung, der auch bei der Olympiade auf- gefallen wäre, schnellte er über den Gittertunnel und
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Pamf im Zirkus.
Don Paul Eipper.
(Kipper, einer der besten Kenner der Zirkuswelt, gibt anläßlich der Sarasani-Kata- strophe in Antwerpen einige interessante Erinnerungen aus feinen Erlebnissen mit der fahrenden Welt.
Panik ist jenes heftige Erschrecken, das unerwartet die Gemüter aller Lebewesen ergreifen kann, die Angst angesichts der plötzlichen Katastrophe. Auch Tiere sind dem panischen Schrecken nicht weniger ausgcliescrt als Menschen, und daher fürchtet der Zirkusleiter von allen Unglücksfällen am meisten eine Panik in feinem Reich, ob sie nun während der Nacht ausdricht, am frühen Morgen oder dann, wenn das Spielzeit angefüllt ist mit Taufenden von Besuchern.
Was nützen Organisation, Disziplin und alle Sicherheitsmaßnahmen, wenn die Instinkte der Selbsterhaltung jedes atmende Lebewesen rasend machen sinnlos, mordbereit? Wenn der eine mit seiner Angst den zweiten, dritten, hundert, tausend Nachbarn ansteckt, ein Ozean des Unheils jede Rct- tung niederstampft?
Aus dreißig Jahren Zirkusverbundcnheit weiß ich von mancher Katastrophe, weiß auch, daß etwas helfen kann: der Mut des einzelnen, die Selbstverleugnung dessen, der im Mittelpunkt der urfprüng- lichen Gefahr steht. Vorausgesetzt, daß nicht der Brachten einer Sekunde verloren geht, Unheil und Abwehr blitzschnell einander folgen.
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Oer Boykott derInder.
Politische Eindrücke von einer Weltreise. Don Or. Paul Rohrbach.
Kalkutta. Dezember 1931.
2lus jedem Gespräch hier, mit Ändern wie mit Europäern, geht eins mit aller Klarheit hervor: daß die entscheidende Frage im Verhältnis Indiens zu England heute die ist, ob durch den Boykott gegen englische Waren die englische Politik so weit zur Nachgiebigkeit gebracht werden kann, wie die indischen Nationalisten sich das vorstellen. Was die Nationalisten wollen, ist nichts weniger, als daß England daraus verzich ten soll, eine politische Macht in Indien auszuüben. Das Wort „Macht" kehrt in allen Diskussionen wieder. „Die Engländer brauchen nicht aus Indien hinauszugehen“, heißt es, „sie mögen ihre Geschäfte weiter betreiben, das zukünftige freie Indien wird vielleicht auch englische Beamte, Offiziere, Aerzte in seinen Dienst nehmen, so gut wie es amerikanische, holländische, deutsche nehmen wird, solange es noch ausländische Kräfte nötig hat. WaS nicht sein soll, unter keinen Umständen sein soll, ist, daß d i e Engländer bie Macht behalten, irgend etwas von den indischen Angelegenheiten zum Nutzen Englands anstatt zum Nutzen Indiens zu entscheiden."
Fragt man die Inder, ob sie sich darüber klar sind, was ein solcher Verzicht für England bedeuten würde, ob sie eine Idee von der Stärke und Zähigkeit des englischen Willens haben, sobald die Dinge einmal hart auf hart gehen, so wird regelmäßig geantwortet „Der Engländer ist vor allen Dingen ein Händler („trader"); wenn er keine Gelegenheit mehr haben wird, seine Waren in Indien zu verkaufen, so wird eS ihn gar keine so große Alebertoinbung kosten, gegen Wiebererlangung ber Handels- moglichkeit politische Verzichte au leisten." Dies ist jetzt das feste D.n.schema bei den Nationalisten. Heber bie weltpolitischen Wirkungen einer etwa erzwungenen Aufgabe Inbiens burch die Engländer, über die Gründe, bie England auch außer aller Handelspolitik hat, sich in Indien zu behaupten, machen sie sich keine ®e- banlen. Sie glauben fest. baß. fobalb es ihnen gelungen ist, alle englischen Waren aus Inbien zu bannen, bie Kapitulation Englands erfolgen wird und muß.
Für den Warenboykott haben bie Nationalisten in ihrem vorjährigen Felbzug, in bem sie den Engländern tatsächlich große Verluste beibrachten, eine große Hilfe von ihren eigenen Großindustriellen gehabt, die durch diesen Kriegszustand eine gute Chance erhielten, ihre eigenen Betriebe auszubauen, und bie es größtenteils auch mit Riefengewinnen getan haben. Daher war es nur natürlich, baß sie ber Boykottbewegung mit bebeutenben Gelbmitteln zu Hilfe kamen. Vs ist privates einheim i - iches Kapital in Inbien vorhanden, und namentlich bic Textilindustrie ist stark entwickelt. Manche Geschäfte — Swadeshi Cloth Merchants — zeigen auch in gewöhnlichen Zeiten an, baß sie nur einheimische Erzeugnisse führen. Dazu kommt Ganbhis bekannte, nicht erfolglose Propaganda für bic Wieberauf- nahme ber indischen Hausspinnerei und Hausweberei, gleichfalls unabhängig vom Boykott.
Der noch weit über bloßen Warenboykott hin- ausgehende Plan des „bürgerlichen Ungehorsams" (Cis iI Disobediencc) wird von den Radikalen vorläufig im Hintergründe gehalten. Es heißt, hierzu müsse man erst Gandhis Meinung hören. Besonnenere indische Stimmen sagen, Gandhi werde auch imstande sein, zu sagen, ob bie Engländer es ehrlich meinen: erstens mit den beiden Angeboten in den beiden Londoner Konferenzen, zweitens, und das hauptsächlich.
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Cießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Samstag, 16. Januar 1952
mit dem in den englischen Regierungserklärungen wiederholt begegnenden Wort, bis verlangten Garantien — Militär, auswärtige Politik. Finanzen, für gewisse Fälle auch bic Polizei, vorläufig unter englische Kontrolle — sollten nicht be initio fein, sondern nur einen Uebergangsstand zum „full dominion Status“ bilden Mir hat der Führer der Nationalisten in Kalkutta. der an der Spitze der städtischen Selbstverwaltung steht, ausdrücklich gesagt: „Wenn wir eine Gewähr dafür hätten, daß nach einer bestimmten Frist, sei es selbst nach einer Reihe von Jahren. England bic Macht in Inbien in indische Hänbe übergibt, so bah wir untere eigene auswärtige Politik, unsere eigene Handelspolitik. unsere eigene Finanzpolitik machen können, dann würden wir bereit letn uns jetzt mit England auf ber DasiS ber Round- Table-Äonferenj zu einigen." AllerbingS hielt auch biefer Gewährsmann einen solchen Gang ber Dinge für weniger wahrscheinlich als bic schließliche formelle Ansage bes Boykotts.
Eine immer wieberholte Rebe ber Inbcr ist: .Wir haben keine Waffen, aber wir wollen gar feine unb brauchen keine. Zum Boykott geboren keine, unb feilte es bei ber Erklärung des .bürgerlichen Ungehorsams" zur Steuer- unb Pachtverweigerung kommen müssen, so werden Dauern unb Stäbler bic Strafe ohne Wiberstand tragen; bie Englänber können nicht eine Million Ere- hitorcn anstellen ' Alles das wirb mit der größten Bestimmtheit vorgetragen: auch bah heute jeher indische Bauer wisse, wer Gandhi sei. und daß Gandhis Parole ..von allen dreihundert Millionen Indern befolgt werden wird"
Rach meinem Empfinden könnten sich, bevor bicS Programm nach seinen ßeitgebanten in gewünschtem Sinn abgerollt ist, boch verschiebene Sachen, bic bic Inbcr jetzt nicht in Betracht ziehen, im politischen Raum hart gestoßen haben Ich beschränke mich heute auf bic Wiedergabe des indisch-nationalistischen Standpunkts und denke, bas nächste Mal, etwa von Delhi aus. etwas über ben englischen Etanbpunkt zu berichten.
Vimiensiedlung und Kolonialfrage.
Don Dr. Ernst Michael.
„Wirb unsere Volkswirtschaft in ihrer heutigen Form, ber noch immer stark überwiegenden Industrie- unb Exportwirtschast. je wieder in der Lage sein, allen deutschen Menschen Arbeit und Brot zu geben?“, bas ist bic bange Frage, bic sich heute Millionen Deutsche immer toieber stellen unb ... verneinen. Darum treten auch Zwei Probleme mehr und mehr in ben Dorbcr- grunb: Die völlige Ausnutzung bes uns verbliebenen beutschen Bobens burch Innen- kolonisation unb bie Ausweitung bes brutschen Lebensraumes burch bie Rückgewinnung ber uns geraubten Kolonien. Um eine richtige Einstellung zu biesen beiben Lebensfragen ber Ration zu bekommen, ist es nötig, sic einmal auf ihre Bedeutung für bic Heber» toinbung ber Gegenwartsnot hin zu untersuchen. Werben bie Möglichkeiten ber Binnensied- I u n g meistens ft art unterschätzt — etwa durch Anwenbung bes Schlagwortes „Volk ohne Raum" auf ganz Deutschlanb — so gibt man sich bezüglich ber Unterbringung großer Men- schenmassen in überseeischen Gebieten meiner Meinung vielfach übertriebenen Hoffnungen hin. Gewiß hanbelt es sich z. D. in unseren früheren Kolonien um bcsiedlungs- fähige Flächen, bie bas 40—SOfachc bes für bie Innenkolonisation in Frage tommenben Bobens umfassen. Das bcbcutct aber keineswegs, baß wir nun brühen ohne weiteres auch bas 40—bOfache an Menschen unterzubringen vermochten. Vielmehr würben bie Siebler brühen als Viehzüchter unb Plantagen besitzet bas Vielfache von bem Lanb nötig haben, was ber binnenbeutsche Siebler für feine intensive Wirtschaft braucht. Diesem steht auch, wenn eine entsprechende Zollpolitik mit ber Dinncnsieblung einhergeht, ber für gärtnerische unb tierische Erzeugnisse boch ungeheuer aufnahmefähige beutfehe Markt zur Eroberung bereit, wäh» renb bet Kolonist brühen infolge Fehlens solcher nunnv.ttelbaren Absatzmöglichkeiten auf bie Cßerforgung ferner Mä.rk 1 e angetoie- s e n unb bamit in viel größerem Maße bem Moment ber Unsicherheit unterworfen ist. Hier, in ben Absatzschwierigkeiten, ist Wohl auch der Hauptgrund dasür zu suchen, daß die großen Kolonialländer in letzter Zeit mit ber Erschließung neuer Gebiete nicht recht vorangekommen sinb, ja baß sogar Rückwanderungsbestrebungpn aus manchen ber Gebiete, wie Kanaba unb Bel- gisch-Kongo. feftjuftellen sind. Daß Holland, anstatt Menschen in seinen Kolonien unterjuhrin- gen, bie Zuibersee trockenlegt, um baburch Zehn
oer|perrte feinem Löwen den Weg. Mit feinem anderen Hilfsmittel als den ausgeftretften Händen und feiner, dem Tier wohlbekannten Stimme. Und mit etwas Mut.
Der Löwe blieb stehen. Wahrscheinlich fühlte er sich unbehaglich, so allein, ohne seine Kameraden. Er brummte ein bißchen; das hört sich bei Löwen nicht ganz ungefährlich an, bleckte aus Verlegenheit die Zähne und drehte sich im Kreise. Aber der Mann ging zwei Schritte voran, und die Raubkatze kroch unters Rädergcstell. „Bretter her!", schrie jetzt der Dompteur, denn er wollte den Ausreißer ein» kesseln. Nach drei Seiten gelang es auch; als die Stallburschen eben das letzte Gitterstuck oorschieben wollten, brüllte der Löwe, lief quer über die Stall- gaffe unb verschwand unterhalb der Gradins.
Mit Gradins bezeichnet man die Sitzeinrichtungen des Zirkus, das Holzgerüft des aufsteigenden Amphitheaters. Unterhalb der Gradins ist ein Hohlraum, in dem die Garderobenkisten, Requisiten und Geräte abgestellt werden. Hier hatte also der Löwe vielerlei Verstecksmöglichkeiten, denn der Hohlraum läuft ja im Kreis rund um das Zirkuszell. Das Schlimmste aber war die Tatsache, daß nur ein loses Segeltuch diesen Raum absch'oß von der Außenwelt.
Dem Dompteur schoß es augenblicklich durch den Kopf, daß eben jetzt die sechstausend Besucher. abzogen, darunter wohl die Hälfte Schulkinder, geschloffene filaffentrupps. „Was geschieht, wenn der Löwe die Leinwand — aus Versehen nur — zur Seite schiebt und plötzlich in der Nachmittagssonne steht, unter tausend Kindern?"
Zwanzig Sekunden hat der Mann vielleicht überlegt: da i schickte er die Stallburschen, Reiter und Artisten links und rechts in ben niedrigen, halb- dunklen Tunnel „Jeder nimmt einen Prügel in die Hand! Haltet euch außen an der Leinwand, und wer den Löwen siebt, winkt seinen Nebenmann! Nicht schreien, mich still holen!“
So geschah's. Mit einem Besen als Schutzwaffe hat der Mann, Schritt für Schritt, harmlos auf den Löwen einredend, die große Bestie immer tiefer in ben Hohlraum getrieben, bis zum Durchlaß in bie Manege. „Da geh hinein!“ sagte er, beim er wußte, daß das Innere des Zuschauerzeltes inzwischen men- schenleer geworden war. Der Löwe bummelte in eine Parterreloge, schmiß bie Stühle um, legte sich unb wartete, bis er mit Fleischstücken in seine Transport fifte gelockt würbe. „Es hätte natürlich auch anbers ausgehen können“, meinte ber Zirkusmensch. „Aber man barf bie Ruhe nicht verlieren."
Schlimmer, unberechenbarer, ist solch ein Unfall von Tieren, wenn er währenb ber Vorstellung geschieht. Einer meiner liebsten Zirkusfreunde, Fritz Fischer,
tausende kleingärtnerischer Siedlungen zu schaffen. hängt aufs engste mit der angeschnittenen Frage zusammen. Auch wir Deutsche würben als Besitzer überseeischen Eieblungsbodens nicht sofort Zehn- geschweige benn Hunberttausenbe unterbringen können, sondern zu einem ganz allmählichen Aufbau eines Kolonialreiches gezwungen sein.
Wenden wir uns nach diesen kritischen Vorbemerkungen der praktischen Frage zu. ob Deutschland. so gerecht und toohlbcgrünbct sein Anspruch auf den verlorenen Kolonialbesitz auch ist, schon in nächster Zeit mit der Wiedergewinnung von Kolonialhoden rechnen bars. Leiber wird man biese Frage, wenigstens im Hinblick auf bic für Mitteleuropäer besonbers geeigneten Gebiete Afrikas, verneinen müssen. Bei Deutsch-Sübwest, wo ber beutsche Devöl- kerungsteil heute wieher eine erfreuliche Stärke erreicht hat. wirb her heftige Widerstand ber zum Mandatar bestellten südafrikanischen Union zu überwinden fein, unb ein deutscher Vorstoß auf Rückgabe Deutsch-Ostafrikas, der sich gegen einen der empfindlichsten Punkte her englischen Politik (Sicherung der Kraftlinie Kairo- Kapstadt) richten würbe, wirb, so fürchte ich. so lange unterbleiben müssen, wie wir in un- ferm Ringen um bic Beseitigung her brüdenbften Fesseln des Versailler Diktats aus eine freunb- schaftlichc Gesinnung Englands angewiesen sind. Diese nüchterne Uebcrlegung müßte eigentlich unter bem Druck ber Gegenwartsnot dazu führen, erst einmal alle Kraft hort zusammenzufassen, wo wir nicht auf das Entgegenkommen fremder Mächte zu warten gezwungen sind, fon- bem noch jeben Tag mit her Arbeit beginnen können, nämlich in Deutschlanb selbst. Für Millionen werden neue Lehens- möglichkeiten erschlossen, wenn wir endlich Herangehen:
1. an bic lanbwirtschaftliche Erschließung bes in Gröhe von etwa 10 Millionen Morgen in Deutschland noch vorhandenen O e ö - lanbs (Moor, Heibc usw.s.
2. an bie Melioration von schätzungsweise 30 Millionen Morgen landwirtschaftlich genutzter Fläche durch Ent- unb Bewässerung,
3. an bie Gewinnung fruchtbarer Gebiete burch Eindeichung geeigneter Küstenstrecken unb unb vor allem
4. an bie dichtere Besieblung bes national aufs schwerste bedrohten Ostens.
trat vor Jahren auf einem Berliner Rummelplatz in einer kleinen Menagerie auf. Mit zehn ausgewachsenen Tigern. Ich wußte, daß er sich auf feine Tiere und sich selbst verlassen konnte. Aber in jener Vorstellung kam er beim Wegstellen eines Postaments zu nahe an seinen Liebling, den Königstiger, der aus Zärtlichkeitsvcrlangen oder aus Spielerei mit der linken Vorderpfote nach dem Dompteur griff. Weil an einer Tigerpfote fünf Krallen fitzen, hakte sie bei der Berührung auf Fischers Schulter fest, unb der Mann drehte sich um, wollte sehen, was hinter ihm los sei. Nun erschrak der Tiger, sprang unb hing in seiner ganzen Länge auf dem Rücken des Dompteurs, biß sich aus Angst in seinem Nacken fest.
Zuerst hatte das Publikum geglaubt, hier werde ein besonders sensationeller Drqfurtrirf gezeigt; aber als Fritz Fischer taumelte und Blut über sein helles Kostüm floß, sprangen die Hunderte von Menschen wie eine Brandung hoch; Frauen kreischten, als seien sie selbst in Lebensgefahr.
Da hat ein Mann die Situation gerettet, im allerletzten Augenblick, ehe bie Menschen sich selber zu Tode trampelten. „Sitzenbleiben, sonst stirbt der Dompteur!" Inzwischen schleppte mein guter Fritz Fischer seine grausige Last zum Eisengitter, schup- perte sich bis der Tiger losließ, zu Boden rutschte. Dann hat er blutüberströmt seine zehn unruhigen Tiere in den Laufgang getricoen, lächelnd — wie nur ein pflichtgetreuer Artist es kann — eine Verbeugung zum Publikum gemacht und hat bann neun Wochen auf Tod und Leben im Krankenhaus gelegen.
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Die schlimmste Gefahr aber, bie ich im Zirkus erlebte, haben fiebentaufenb Menschen überstanden, ohne auch nur eine Ahnung davon zu verspüren. Das war in Schweben, als während einer ausverkauften Vorstellung ein Gewitter losbrach, verebbte, und plötzlich ein Wirbelsturm nachfegte. Der Direktor, ber niemals fönst bie Ruhe verlor, wurde aschgrau im Gesicht. „Der Kapellmeister soll Krach machen, soviel die Instrumente hergeben." Dann lixß er bie Eisendeckel vor die Käfigwagen legen und die Elefanten an allen vier Beinen festketten. „Für ben Fall, baß der Sturm das Stall zelt fortreiht.“ Die Vorstellung ging pausenlos weiter. Aber wer nicht dringend in der Manege gebraucht wurde, stand draußen an den großen Tauen, die unser 52-Meter- Spielzelt hielten. „Stellt die schweren Tanks auf die Ankerpsähle. klammert euch an jeden Fetzen Schnur!“
Es war keiner unter uns, der nicht wußte, was auf dem Spiel stand. Wenn irgendwo in der Lein- wandkuppel ein Riß war, ber Orkan sich darin verfing, krachte das ganze Zelt zusammen, unb bann wäre wohl von den siebentausend Menschen keiner lebendig geblieben.
Denn selbst wenn wir in unserer heutigen Lage plötzlich bic afrikanischen Siedlungsgebiete zur freien Verfügung wiederbekärnen würde meiner Meinung bie Binnensiedlung an erster Stelle stehen müssen, weil sie aus nationalen Gründen das Dringlichere ist. Vornehmste Ausgabe ist unb bleibt bic Sicherung deS mitteleuropäischen Raumes, mit dem wir Deutschen schickfalhast verbunden find. Kein Zweifel kann daran bestehen, daß er in den Gebieten östlich der Elbe ernstlich gefährdet ist. D e Grenze zerstückelt. baS Land auf unserer Seite durch jahrzehntelange Abwanderung entvölkert, und brühen ein junge- Volk, dessen Menschenmassen schon deshalb einen immer unerträglicheren Druck auf unsere Ostgrenzen ausüben müssen, weil feine Geburtenziffer mehr a IS * das Doppelte s o hoch ist wie bei uns. Nur einen wirkungsvollen Grenzschutz kann es hier geben: Hunderte und Aberhunderte von deutschen Bauerndörfern. Erst wenn die nationale Gefahr im Osten gebannt wäre, dürste sich der deutsche Mcnschen- ftrom über die Meere in heimatserne Gebiete ergießen. soviel müßten wir aus den Ereignissen her jüngsten Vergangenheit gelernt haben.
Und noch aus einem dritten Grunde muß in Deutschland heute zunächst der Gedanke der Din- nensiedlung mit aller Gewalt vorwärtsgetricben werden. In den letzten Jahren hat der Geburtenrückgang geradezu bedrohliche Ausmaße angenommen. Deutschlands Großstädte gehen dem Schicksal der Vergreisung ober gar dein des völligen Ausstcrbens entgegen, nur bie bäuerliche Bevölkerung verfüg! noch über einen Geburtenüberschuß. Sic gilt es daher in erster Linie durch die Binnensicdlung zu vermehren, damit wir so wieder zu einem wachsenden Volk werden, das seinen Dodön nicht nur verteidigen, sondern auch hn die Gewinnung fehlenden Siedlungslandes denken kann. Und so ist es gerade vom Standpunkt des Kolonial- freundes zu bedauern, daß wir die Zeil seit Kriegsende für die Siedluna nicht besser nutzten. Denn nur ein Deutsch and. das innerhalb seiner Grenzen jedes Eckchen ausnuht, ein Deutschland, das über bic dann steigende Geburtenziffer einer landwirtschaftlichen Bevölkerung von nicht mehr 13 sondern 20 Millionen verfügt, das wird seine Ansprüche auf Lebensraum in Europa unb jenseits des Meeres allen Gewalten zum Trotz durchzuschen in ber Lage sein.
Hessische Landwirtschaftliche Woche in Darmstadt
(20. bis 22. Januar.)
Im Rahmen der Hessischen Lanbwirisch a f t l i ch c n Woche, die in der Zeit vom 20. bis 22. Januar in Darmstadt abgehalten wird, findet neben einer Reihe von Tagungen landwirtschaftlicher Organisationen auch ein Vortragskursus statt, für den namhafte Redner gewonnen wurden U. a werden sprechen Prof. Dr Sessous (Gießen) über das Thema „Welche Ratschläge können dem Landwirt in heutiger Zeit auf dem Gebiete des Acker- und Pflanzenbaues gegeben werden?". Obcr-Regierungsrat Dr. Morneweg (Darmstadt) über „Die Bedeutung des Reichsmilchgcsetzes für die Landwirtschait' und Professor Dr. Kleberger (Gießen) über „Düngung und Fütterung in ber heutigen Zeit". 2m Anschluß an die Vorträge findet jeweils eine Aussprache statt.
3m Verlaufe ber Tagung hält ber Hessische Canbbunb seine LaNdesvcrsammsung ob: der Landespferdezuchtvercin für Hess n hat Generalversammlung, in der der Abteilungsvor- stand Dr. Denker (Darmstadt) einen Vortrag über „Die Landcsvferbezucht in ber hessischen Lanbwirtschast 1932“ halten wird. In der Haupt-
Sie sind eine Stunde später vergnügt nach Hause gegangen, unb mir haben auf Direktionskosten einen tüchtigen Schnaps getrunken.
Tonfilm: „Berge in Flammen".
Der Schneeschuh- unb Hochgebirgssilrn. her in feiner motivischen Eintönigkeit nachgerade zu verflachen begann, erhält durch bie Einbeziehung einer historisch funbierten Kricgshanblung neuen Antrieb und neue bramatischc Energien. Der Krieg Wieberum ist hier von einer bis jetzt wenig beachteten Seite her aufgespürt und bar- gestellt worben; wie die Romanschreiber und Chronisten der Jahre von 1914 bis 1918 allmählich alle Fronten und Kriegsschauplätze in ihre Schilderung ausgenommen haben, so wenden sich nun die Kameraleute von ben Kraterselbem der Westfront nach Sübcn: hoch in ben Dolomiten lief die österreichisch-italienische Front. Luis Tren ker. der — aus manchem früheren Berg- unb Ski-Film gut bekannt — bas Manuskript geschrieben unb gemeinsam mit Karl Hartl Regie geführt hat. bemerkt zu seiner Arbeit folgendes: „bet Film zeigt entscheidende Momente aus den Kämpfen in den Dolomiten. Die Sprengung des Col bi Lana, die von mir miterlebten Kämpfe am Lagazoi. sowie bie verwegenen Gänge einzelner Tiroler Soldaten in ihre vom Feind besetzten Heimatorte gaben die Motive zu seinem Inhalt. D'.c Handlung ist alfo. wenn auch in ihren Zusammenhängen frei gestaltet, dokumentarisch belegt." Der Film ist regiemäßig eine vorzügliche Leistung; die Ausnahmen sind klar und schon und stellenweise so. daß man sich wundem muß. wie sie zustande gekommen sind. Die Handlung ist einfach unb von einer aus her mili- lärischen Situation sich ergebenben, unmittelbaren Spannung: bie Italiener tre'ben nach einem ab- gewiesenen Sturm auf ben Berggipfel Svreng- stollen vor. um bie von ben Äaiferiägem gehaltene Stellung mit Ekrafit in bie 2u’t gehen zu lassen. Das Bild des Winterkrieges im Hochgebirge erscheint hier in seiner ganzen barbarischen Brutalität. An den Schwierigkeiten, unter denen dieser Film zustande gekommen ist. kann man ermessen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Mitteln hier seinerzeit gekämpfi worden ist.
Die Besetzung ist allenthalben gut gewählt; neben Trenker, der auch eine Hauptrolle spielt, sind vor allem Claus Clausen. Lifsi Arna und Luigi Serventi zu nennen. — Der Film läuft seit gestern im Lichtspielhaus.
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