Ausgabe 
15.6.1932 Erstes Blatt
 
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Elisabeth

erobert sich das Glück

Noman von Margarete Ankelmann

Copyright by M. Feuchtwcmger, Halle.

10. Fortsetzung. Nachdruck verboten I

Er hatte feine Tante gebeten, die Fürsorge für Elisabeth Pfilipp zu übernehmen. Frau Schelmer hatte sich zuerst mit Händen und Füßen gegen dieses Amt gesträubt. Sie wollte nichts zu tun haben mit diesen-mysteriösen Schützlingen ihres Neffen, von denen man nicht wußte, woher sie kamen und wohin ihr Weg sie führen würde.

Es hatte aller Aeberredungskunst ihres Neffen und Professor Walters bedurft, ehe sie sich bereit erklärt hatte, wenigstens den Versuch mit Elisa­beth Pfilipp zu machen.

And sie hatte diesen Versuch nicht zu bereuen. Sie hatte Elisabeth sehr lieb gewonnen. Die bei­den Frauen verstanden sich ausgezeichnet, waren in wenigen Wochen die besten Freundinnen ge­worden.

Herr von Cckertsburg wunderte sich nicht wenig, als er eines Tages plötzlich und unangemeldet in der Leipziger Stadtwohnung erschien, um sich nach seinem Schützling umzusehen.

Wo war die Antipathie der Tante geblieben gegen diese jungen Künstlerinnen? Wo ihre starre Zurückhaltung all den Mädchen gegenüber, mit denen sie ab und zu zusammengekommen war?

Diesem Mädchen gegenüber war sie ein anderer Mensch geworden, und Lothar wußte, daß die Zuneigung seiner Tante einen starken Hinter­grund haben muhte.

Elisabeth Pfilipp begann ihn zu interessieren. Als sie vom Konservatorium heimkam, lieh er sie zu sich in das Musikzimmer bitten.

Scheu stand sie vor ihm, wagte kaum, ihn an» zuschen, als sie ihm die Hand gab.

Ich bin gekommen, mich nach Ihrem Wohl­ergehen und Ihren Fortschritten zu erkundigen, Fräulein Pfilipp. Fühlen Sie sich wohl bei uns? And machen Ihnen die Stunden bei Perlberg Freude?"

Elisabeth schlug ihre Augen voll zu dem Fra­genden auf. Was hatte dieser weiche Ton zu bedeuten, der auf einmal aus dem harten Mund kam?

Es war das erstemal, dah Lothar von Eckerts- burg Elisabeths Augen voll auf sich gerichtet sah, dah er mehr bekam als einen halben, verlegenen Blick. Herrgott, hatte dieses Mädel wundervolle Augen! Groh, klar, von einer seltsamen, grau­grünen Farbe, richtige Nixenaugen! Von schma­len, schön gezogenen Augenbrauen waren sie um­

rahmt, von langen, dichten Wimpern überschattet.

Wie lange er in diese Augen gestarrt hatte, das wußte er nicht mehr. Er hatte nichts gehört von der Antwort des Mädchens, war zusammen­gefahren, als es plötzlich die Augen senkte.

Was war das mit ihm? Fiel er auf ein Paar schöne Mädchenaugen herein, deren Trägerin ent­weder aus Koketterie oder aus Scheu ihn kaum ansehen wollte? Da mußte er schon sehen, sich ein wenig zusammenzunehmen.

Seine Stimme klang wieder hart, als er sagte:

Ich habe mich bei Professor Walter nach Ihnen erkundigt. Man ist mit Ihnen zufrieden. And auch meine Tante hat sich lobend über Sie aus­gesprochen. Ich möchte Sie bitten, mir etwas vor­zusingen, wenn wir mit dem Essen fertig sind."

Bald darauf ging man zu Tisch.

Elisabeth erging es nicht anders als sonst, wenn Herr von Eckertsburg zugegen war. Kaum, daß sie von ihrem Teller aufsah, daß sie sich am Gespräch beteiligen konnte.

Lothar von Eckertsburg wurde von dieser Scheu plötzlich und heftig gereizt. Was war das mit diesem Mädchen, das so ganz anders war als alle die anderen, denen er bisher geholfen hatte?!

Er nahm sein Glas, um mit Elisabeth anzu- stoßen. Elisabeth zuckte jäh zusammen, als ihre Hände sich dabei berührten.

Auf Ihr Wohl, Fräulein Elisabeth, auf Ihre Zukunft..."

Seine Augen bohrten sich fest in die ihrigen, ließen sie lange nicht los. Elisabeth erschrak bis ins Herz hinein, als er sie plötzlich bei ihrem Vornamen nannte. Ein Schauer rieselte ihren Rücken herunter: sie fühlte, daß dieser Mann eine seltsame Gewalt über sie besaß. Zitternd wandte sie die Augen ab, stellte ihr Glas auf den Tisch.

Eine beklemmende Stille war eingetreten, selbst Frau Schelmer war still geworden.

Sie wußte nicht, was sie von ihrem Neffen halten sollte. Was wollte er von dem Mädchen? Warum brachte er es so in Verlegenheit? Das war doch sonst nicht seine Art, am wenigsten seinen Schützlingen gegenüber.

Alle drei waren froh, als das Mahl beendet war.

Sind Sie zu müde, Fräulein Pfilipp, oder können Sie jetzt etwas singen?" fragte Herr von Eckertsburg.

O nein, Herr von Eckertsburg, ich bin gar nicht müde. Wenn es Ihnen recht ist, können wir gleich ins Musikzimmer gehen."

Elisabeth saß vor dem Flügel, ihre Hände gingen präludierend über die Tasten. Es war ihr jedesmal ein neuer Genuß, das herrliche In­strument zu spielen. Elisabeth vergaß mit einem Male die beiden Menschen, die außer ihr im

Zimmer sahen, dachte an nichts als an die Musik.

Leicht und perlend strömte es unter ihren Händen hervor, zuerst dieDarcarole" und dann dieTräumerei". Plötzlich fuhr sie, sich besinnend, auf: sie hatte doch singen sollen, Herr von Eckerts­burg würde sich sicher über ihre Klimperei wun­dern. Mit einem kurzen Akkord brach sie ab, stand auf, sich Noten zu suchen.

Sie griffTiefland" heraus, sang Nuris Mor­genlied, das sie gerade studiert hatte. Ihrem reinen Sopran lag diese kindliche Partie außer­ordentlich: es war ein Genuß, ihr zuzuhören.

Cckertsburg saß wie gebannt in seinem Sessel. Seine Meinung über das stille, scheue Mädchen hatte sich plötzlich und heftig geändert.

Das war ja ein Geniel

Anbegreiflich, was diese wenige Wochen des intensiven Studiums aus dieser Stimme gemacht hatten! Sowohl das Klavierspiel als auch der Gesang, das war Kunst in höchster Vollendung. Eine so wundervolle Stimme glaubte er kaum zuvor vernommen zu haben.

Elisabeth Pfilipp übertraf mit ihrer herrlichen Stimme fast alle die berühmten Künstlerinnen, die in den großen Opernhäusern in Berlin oder in Wien oder in Dresden engagiert waren, und sie hatte noch etwas Besonderes voraus: ihre Jugend und ihre eigenartige Schönheit.

Eckertsburg zweifelte nicht mehr, daß Elisabeth eine ganz große Künstlerin wurde. Ihr fehlte nichts mehr als die innere Reife. Sicher hatte das Mädchen noch nichts erlebt. Die kleine Episode, von der Professor Landar berichtet hatte, die war sicher nicht der Rede wert gewesen, die mochte keinerlei Spuren hinterlassen haben. Aber das Leben würde an dieser Frau nicht vorüber­gehen, und dann erst würde sie als Künstlerin völlige Vollendung erlangen.

Frau Schelmer war immer wieder von neuem ergriffen von Elisabeths Gesang. Sie konnte stun­denlang regungslos sitzen und zuhören, und sie war auch heute begeistert, als Elisabeth sang, ein Lied nach dem anderen, ganz hingegeben der Musik.

Frau Schelmer sah fast ärgerlich auf, als es leise an die Tür klopfte und Wanda hereinkam. Sie legte den Finger auf den Mund und stand unhörbar auf, verlieh das Zimmer.

Eckertsburg war mit Elisabeth allein. Seine Augen konnten sich nicht abwenden von dem reizenden Gesicht der Sängerin, das leicht gerötet ihm zugekehrt war, und er konnte nicht genug bekommen von der süßen Stimme, die ihn ganz gefangen nahm.

Plötzlich hielt Elisabeth inne, sah sich im Zim­mer um und gewahrte, daß sie mit dem Manne allein war. Jäh errötete sie, stand auf.

Verzeihung... dah ich Sie so lange... ich wuhte nicht..."

Was wußten Sie nicht >"

Daß Frau Schelmer nicht mehr hier war. Ich vergaß Zeit und Ort, wie immer, wenn ich singe* And sich selbst überwindend, fuhr sie fort, zagettd und zitternd:And ich möchte Ihnen auch einmal danken, dafür, dah ich immer singen, dah ich das alles lernen darf..

Hastig beugte sie sich nieder, ergriff die herab- hängende Hand des Mannes, drückte ihre Lippen darauf.

Es war so schnell, so überraschend gekommen, dah keiner von beiden wußte, wie es geschah.

Eckertsburg war tief erblaßt. Er riß förmlich seine Hand aus der des Mädchens, trat zurück. Sein Auge ruhte aufslammend für einen Augen­blick in dem Elisabeths, dann wandte er sich ab. Schritt zur Tür, verbeugte sich, wortlos und knapp: dann war er gegangen.

Lange stand Elisabeth regungslos da, lauschte .... hörte, wie er sich draußen leise verabschiedete. Jetzt ging die Korridortür. Er war fortgegangen, ohne ihr ein Wort zu sagen.

Hatte sie ihn beleidigt, ihn gekränkt? Sie hatte ihm doch nur ihre Dankbarkeit zeigen wollen nichts weiter.

Elisabeth schlug die Hände vor das Gesicht, weinte bitterlich. So fand sie Frau Schelmer, als sie ins Zimmer zurückkehrte.

Aber, Kindchen ... Elisabeth.. .was ist denn .... warum weinen Sie?^

Elisabeth mußte erst noch eine Weile schluchzen, ehe sie Frau Schelmer berichten konnte.

Die hörte aufmerksam zu, sagte dann leise, wie in Gedanken, vor sich hin:

So, so .. .und dann ging er fort...

Eine Weile schwiegen die beiden Frauen. Frau Schelmers Gedanken beschäftigten sich mit ihrem Neffen. Deshalb also war er so wortkarg ge­wesen, so finster, war er fast grußlos weggegan­gen. Er war also doch nicht ganz so blasiert und unzugänglich, wie er immer tat. Es gab Dinge, die ihn doch tiefer berühren konnten. Sie freute sich dieser Entdeckung: sie hatte Lothar immer bedauert, seiner Empfindungslosigkeit wegen.

Sie wandte sich zu Elisabeth.

Sie brauchen nicht traurig zu fein, Kindchen. Lothar hat sich sicher nichts dabei gedacht, daß er so plötzlich wegging. Solche Stimmungen über­kommen ihn öfters. Sie werden sich sicher noch an seine Art gewöhnen. Lothar ist launisch, das habe ich Ihnen schon öfters gesagt: aber er ist ein guter Mensch. Es ist das beste, sich nach seinen Wünschen zu richten, ihm nachzugeben."

Oh, er ist ein schrecklicher Mensch...

Fast wider ihren Willen war es Elisabeth entschlüpft.

(Fortsetzung folgt.)

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