di« Feier vvm Künstler vorgesehene Dortrag-- Programm verrät, wie man uns schreibt, schon in der Anlage eine tiefinnere Verbundenheit mit Goethes Lebenswerk und eine seltene Gabe, in der derhältnismähig kurzen Zeit eines Vortragsabends den Geist unseres größten Dichters in der umfassenden Mannigfaltigkeit seines Cefüh srnch- tumes lebendig werden zu lassen. Die musikalische Umrahmung der Gedenkfeier hat der Bauersche Gesangverein unter Leitung seines Dirigenten, Universitäts-Musikdirektor Dr. Temesvary, übernommen. Obwohl die Kosten dieser Veranstaltung sehr hoch sind, hat der Goethe-Bund die Eintrittspreise so volkstümlich und niedrig wie möglich zu halten versucht, um damit allen Kreisen unserer Bürgerschaft die Teilnahme an dieser Gedenkstunde am Vorabend des deutschen Goethe- Tages möglich zu machen. Väheres in der heutigen Anzeige.
Daten für Dienstag, 15. März.
44 v. Chr.: Julius Cäsar in Rom ermordet; — 1830: der Dichter Paul Heyse in Berlin geboren; — 1842: der Komponist Luigi Cherubim in Paris gestorben; — 1917: Abdankung des Zaren Nikolaus II. von Rußland.
Gießener Wochcnmarktpreife.
Gießen, 15. März. Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt das Pfund: Kochbutter von 90 Pfennig an, Süßrahmbutter 130, Landbütter 120, Matte 25 bis 30, Wirsing 10 bis 25, Weiß- kraut 10 bis 12, Rotkraut 10 bis 15, gelbe Rüben 10 bis 12, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 25 bis 30, Unter-Kohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 15 bis 20, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat 100 bis 150, Tomaten 50 bis 60, Zwiebeln 18 bis 20, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 25 bis 35, Kartoffeln 4, Aepfel 8 bis 15, Dirnen 10 bis 12, Dörrobst 25 bis 30, Honig 40 bis 50, junge Hähne 80 bis 90, Suppenhühner 70 bis 90, Düsse 35 bis 40; das Stück: Käse 5 bis 10, Tauben 60 bis 70, Eier 7, Blumenkohl 30 bis 70, Salat 25 bis 35, Endivien 15 bis 30, Ob er-Kohlrabi 8 bis 10, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 15, Sellerie 10 bis 40; das Bund: Radieschen 15 bis 20 Pf.; der Zentner: Kartoffeln 3 bis 3,50, Weißkraut 6 bis 6,50, Rotkraut 8 bis 10, Wirsing 15 bis 18 Mark.
vorriotizen.
— TageskalenderfürDienstag. Stadt- theater: „Der Hauptmann von Köpenick", 19.30 bis nach 23 Uhr. — Männer-Badeverein: 20 Uhr, „Pfälzer Hof", Generalversammlung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Stürme der Leidenschaft".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute, 19.30 Uhr, Wiederholung des deutschen Märchens von Carl Zuck» mcü)er „Der Hauptmann von Köpenick". Spielleitung: der Intendant. Die Aufführung des Gießener Stadttheaters unterliegt keinen Kürzungen, die nicht an jeder anderen Bühne auch gemacht worden sind. Es wird im Gegenteil noch ein Bild gezeigt, das sonst nicht gespielt wird. Rur unter Anspannung aller technischen Möglichkeiten der Gießener Bühne konnte die Aufführung zustande kommen. Das gesamte Ensemble unter Hinzuziehung vieler Statisten wirkt mit. Die Titelrolle spielt Peter F a s s o t t. Beginn: 19.30 Uhr, Ende: nach 23 Uhr. 22. Vorstellung im Dienstag-Abonnement. — Morgen, Mittwoch. 16. März, als 23. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement Wiederholung des vielbelachten Lustspiels von Childs Carpenter „... Vater sein dagegen sehr!" Beginn trotz der sonstigen Gepflogenheit erst um 20 Uhr. Ende 22.30 Uhr. — Infolge einer Spielplanänderung in Darmstadt findet das Operngastfpiel des Hessischen Landestheaters nicht am Dienstag, 22., sondern erst am Mittwoch, 23. Marz, statt. In Szene geht „Don Iuan" mit der Musik von Mozart. Die Vorstellung gilt als 23. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement. Vorzugs- und Rundfunkgutscheine haben Gültigkeit. Opernpreise. Beginn:
MoMIOMWtM
Roman von 3 Schneider-Foerstl.
Urheber-Rechtsschutz: Verlag D. Meister, Werdau.
3. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Als sie das Zimmer verließ, um nach der Küche zu gehen, sah sie ihn in dunklem Anzug über den Hof kommen und durch das Tor treten. Tessa, die Hündin, sprang an ihm hoch und empfing eine schmeichelnde Liebkosung. Dettermanns kleiner Reffe, der auf der Straße stand, reichte ihm das Händchen und ging mit ihm über die Wiesen, der Station zu.
„Alles liebt ihn!" dachte Frau von Recklin- hausen und verfolgte Malnows Gestalt. Es gab niemand, der ihm nicht zugetan war. Er war sicher ein guter Mensch und ein feinfühliger Charakter. Wenn Lenore nur einigermaßen guten Willen hatte uni) vergessen konnte, würde sie sehr glücklich mit ihm werden.
Plötzlich rissen sich ihre Gedanken von Malnow los. Sie lief in ihr Zimmer zurück, wo Hans Jürgens Brief noch immer zwischen der übrigen Korrespondenz lag. Was würden ihre Kinder sagen, wenn sie einmal mit dieser Reuigkeit vor sie hintrat?
Sie sah Lenores gütig verstehenden Blick. Hörte Suses Aufweinen und ihre Äelteste ein rasches, hartes Wort sprechen.
Es hat ja noch Zeit, dachte sie. Er wird sicher nicht erwarten, daß ich ihm schon heute oder morgen Antwort gebe.
Als sie in das Speisezimmer trat, hatten ihre Töchter sich dort bereits eingefunden. Margret sah über eine Zeitung geneigt und nickte ihr flüchtig zu. Lenore ordnete noch etwas an den Gedecken, während Suse am Fenster stand und sich brüsk nach ihr umwandte:
„Weiht du, daß Malnow schon vor sechs Uhr Feierabend gemacht hat?"
„Er hat um Urlaub gebeten bis morgen früh", sagte die Mutter erklärend. „Er scheint Dringendes .erledigen zu müssen. Den Entgang an Arbeitszeit will er nachholen, hat er mir gesagt."
Margrets Gesicht hob sich über die Zeitung. „Du bist sehr leichtgläubig, liebe Mama — wenigstens gegen diesen Malnow!"
„Rach deinem Dafürhalten hätte ich also seiner Ditte nicht stattgeben sollen?"
„Das nun gerade nicht", kam es mit Ueber- legung. „Aber ich hätte ihn geradewegs gefragt, was er eigentlich zu schaffen hat. Für gewöhnlich ist die Rächt nicht die geeignete Zeit, um Geschäfte abzuwickeln."
„Es bleibt ihm doch sonst keine andere Stunde zur Verfügung", verteidigte Lenore
19 Uhr, Ende: 22 Uhr. Das Stadttheater Gießen bringt an Stelle des Operngastspiels am Dienstag die Erstaufführung des Schauspiels „Candida" von Vernarb Shaw. Spielleitung: Peter Fassott.
** Eine Polizei-Funk st ation in Gießen. Gegenwärtig wird auf dem Landgraf-Philipp- Platz vor dem Polizeiaint der Antennenbau einer Polizei-Funkstation errichtet, deren Inbetriebnahme in kurzer Zeit erfolgen wird. Auf dem staatlichen Grundstück des Universitäts-Reitplatzes ist ein etwa 30 Meter hoher Gittermast aufgestellt worden, eine zweite, etwa 10 Meter hohe Stütze wird in den nächsten Tagen auf dem Dache des Kreisamtsgebäudes angebracht werden. Zwischen diesen beiden Stützen wird die Antenne gespannt. Die Funkapparate werden im Polizeiamtsgebäude untergebracht. Bei der Anlage handelt es sich um die Installation der bisher in Friedberg betriebenen Polizei-Funk- station, die nach der Ueberliedelung der Friedberger Schupo nach Butzbach ebenfalls von dort weggenommen werde mußte und, da die Landeskriminalpolizeistelle für Oberhessen ihren Sitz in Gicßrn hat, zweckmäßigerweise hierher verlegt wurde.
** Devisenvorschriften und Rach- nah m e s e n d u n g e n aus dem Ausland. Um eine lückenlose Kontrolle der aus dem Auslande oder dem Saargebiet eingehenden Rach- nahmesendungen im Interesse der Devisenbewirtschaftung zu ermöglichen und andererseits Hemmungen im Geschäftsverkehr nach Möglichkeit zu vermeiden, hat sich der Reichswirtschaftsminister dem Verein Deutscher Spediteure E. V., Berlin, gegenüber damit einverstanden erklärt, baß die Spediteure aus dem Ausland oder dem Saargebiet eingehende Rachnahmesendungen ohne besonderen Nachweis der dem Warenempfänger zur Einlösung erteilten Genehmigung einlösen
und die Sendungen an die Empfänger aushändigen dürfen. Die Spediteure haben jedoch den Devisenbewirtschaftungsstellen täglich sämtliche eingelösten Nachnahmen mitzuteilen. Dasselbe Verfahren gilt für Nachnahmen der Reichsbahn.
" Verlegung des Fernsprechanschlusses rechtzeitig beantragen. Q3on der Oberpostdirektion Darmstadt wird mitgeteilt: Zum Anfang April werden sich die Anträge auf Verlegung von Fernsprechanschlüssen häufen. Damit die Dienststellen die Wünsche der Teilnehmer rechtzeitig erfüllen können, ist frühzeitig Antrag bei der zuständigen Vermittlungsstelle erforderlich. Die Anträge werden in der Reihenfolge des Eingangs ausgefuhrt. Den Teilnehmern wird daher geraten, die Anträge auch dann schon jetzt zu stellen, wenn der genaue Zeitpunkt der Verlegung noch nicht feststeht. Dieser kann später mitgeteilt werden, mindestens aber eine Woche vor dem Umzug.
** Prüfungen der Lebensrettungs- g e s e l l s ch a f t. Die von der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft gestellten Prüfungsbedingungen für den Grund- und Prüfungsschein konnte von folgenden Herren erfüllt werden: die Urkunde für den Grundschein mit bronzener Nadel erhielten: Heinrich Simon (Gießen), Wilhelm Fay (Grüningen) und Jakob Büchler (Bernsbach); die Urkunde für den Prüfungsschein mit silberner Radel erhielten: Theodor Vaubel (Gießen), Hans-Joachim S ch u n ck (Gießen), Walter H i r - zel (Hirzenhain) und Helmut Hahn (Aßlar).
** R i ch t i g st e l l u n g. In dem Artikel „Die Ablösung der hessischen Sondergebäudesteuer" (Gieß. Anz. Nr. 61 vom Samstag, 12. März) ist ein sinn- entstellender Druckfehler enthalten. Im 3. Absatz in der 5.Zeile muß es richtig heißen: „... länger als einen Monat leerstehen ...", nicht „länger als einen M o m e n t".
VfB.-Gießen.
VfB. (Liga) — „Viktoria" Aschaffenburg (Oberliga) 2:4 (2:2).
Die VfB.er ließen gestern in ihrem Spiele gegen die Gäste aus Aschaffenburg Hoffnungen wach werden, daß es in der Mannschaft besser werden könne. Tatsächlich lieferten sie dem Gegner eine gleichwertige Partie. Die Gäste hatten lediglich im Zuspiel etwas an Akkuratesse voraus. Im Sturm zeigten sie nicht wesentlich mehr als die VfB.er. Balser war wohl immer etwas mehr beschäftigt, hielt aber zuverlässig. Die Läuferreihe der Gäste hielt sehr geschickt die Verbindung zwischen Sturm und Verteidigung. Die Verteidigung selbst machte dem Gießener Sturm die Arbeit nicht leicht. Insbesondere hatte es Haupt sehr schwer, sich gegen seinen Gegenspieler durchzusetzen. Die VfB.er erwiesen sich als überraschend gut in Form. Die Mannschaftsleistung wies eine Geschlossenheit auf, die man bisher selten sah. Alle Mann spielten aufopfernd. Man sah viele geschickte Operationen und einige prächtig vor getragene Angriffe. Leutheuser machte als Mittelstürnrer keine schlechte Figur. Seine Reben- leute gingen auf ihn ein. In der Läuferreihe war Knaus gut auf dem Posten und spielte bei aller Berücksichtigung seiner Iugend kein schlechtes Spiel. Kreß war in Hochform. Seine Bomben- abschläge, nicht immer genau, schufen oft Luft. Bingel erschien immer noch etwas gehandikapt und durch seine Fußverlehungen an der vollen Entfaltung verhindert. Immerhin reichte seine körperliche Disposition aus, zwei Gegner unfair zu legen, und damit zwei Elfmeter zu verschulden, prompt verwandelt wurden. Dem Spielausschuß möchte man raten, die Mannschaft nun endlich einmal stehen zu lassen. . .
Gleich zu Beginn zog Aschaffenburg mächtig los, zwei Ecken brachten den Gästen aber nichts ein; dann trug Haupt einen schönen Angriff vor, der abschließende Torschuß traf aber den Mann. Balser mußte in der Folge einige Male eingreifen und entledigte sich seiner Aufgabe mit Geschick. Bald darauf kamen die Aschaffenburger durch einen Clfmeterball zum Führungstreffer, unhaltbar für den Tormann. In der 25. Minute schuf Ritter durch einen prächtigen Schuß unter großem Beifall den Ausgleich. Rach anfänglicher leichter Feldüberlegenheit der Gäste kamen die VfB.er besser auf, man sah durchweg gleichverteiltes Feldspiel, konnte aber von feiten der Grünweißen nicht verhindern, daß ein rasanter Angriff des linken Flügels der Gäste die Aschaffenburger wiederum in Führung brachte. 3 Minuten vor Halbzeit wanderte in sauberer Kombination der Ball von Haupt zu Fehling, zu Seipel schließlich, der unhaltbar zum Ausgleich einschoß. Bald nach Wiederanstoh siel für die Gäste auf wenig eindrucksvolle Weise das dritte Tor. Das Spiel flaute dann (der weiche Boden beanspruchte die Mannschaften außerordentlich) etwas ab, wurde jedoch auch in der Folge nicht uninteressant; die Gäste kämpften zähe um die Vergrößerung des Vorsprungs, die VfB.er ließen nicht nach, ihr Schicksal war aber doch besiegelt, als ein zweiter Elfmeterball (übrigens haltbar für Balser) auf 4:2 erhöhte.
Spielvereinigung 1900 Gießen.
1900 (Liga) siegt in Rieder-Girmes 4:0 (0:0).
Die Blauweißen knüpften an ihre seitherigen Erfolge an und biteben auch diesmal sicherer Sieger. Der aufgetaute kleine Platz stellte an die Gießener Spieler ganz ungewohnte Anforderungen. 1900 spielte in stärkster Aufstellung mit: Brambach; Zei-
„Er hat doch feine Sonntage", warf Suse ein, errötete und senkte den Kopf vor dem vorwurfsvollen Blick der Mutter. Sie erinnerte sich, daß er an jedem der letzten Feiertage bis in die Rächt geschafft hatte.
Das Mädchen brachte die Suppe und Frau von Recklinhausen empfand es dankbar, daß ihre Äelteste sie jeder Konversation enthob, indem sie von heiteren Zwischenfällen bei ihrem Examen erzählte. Zwischenhinein flogen ihre Gedanken zu Hans Iürgens Brief, der jetzt in dem Geheimfach ihres Schreibtisches versperrt lag.
So verschieden waren ihre Töchter geartet! So verschieden! Harrs Iürgen hatte einen Trugschluß getan, als er glaubte, nun wären alle Bedingungen erfüllt, die ihr den Weg zu einem neuen Glück freigaben.
Dieter Malnow saß in die Ecke eines drittklassigen Schnellzugwagens gedrückt und preßte den Kopf gegen das gelbgefaserte Holz der Wandung. Ihm gegenüber saßen drei Mitreisende mit übernächtigen Gesichtern und halb offenem, schnarchendem Munde.
Rur eine Viertelstunde schlafen können, dachte er. Rur eine Viertelstunde. Er schloß die Augen und zwang seine Gedanken zur Ruhe. Es glückte kaum für den Bruchteil einer Minute, dann fielen sie wieder über ihn her, rissen ihm die Lider auf und machten, daß ihm der Schweiß über Brust und Rücken rann. •
„Wie soll das nun werden? Wie denn?" zermarterte er sein Gehirn. Die Rachricht, die er heute erhalten hatte, zerstörte alles, was er in den verflossenen Iahren mit Mühe aufgebaut, zerschlug alles, was er an Plänen mit sich herumgetragen hatte.
„Ich kann sie nicht zu mir nehmen", erwog er. „Unmöglich! Ich muß sehen, daß ich sie irgendwo unterbringe, in einer Pension oder so." Obwohl ringsum kein Auge offenstand und alles in tiefem Schlafe lag, deckte er doch die Hände über das Gesicht, um die Tränen zu verbergen, die ihm haltlos über die Wangen kollerten.
Er hatte geglaubt, er liebe sie nicht mehr, es gäbe keinerlei Band mehr zwischen ihnen. Sieben Jahre lang hatte er das geglaubt. Er hatte keinen ihrer Briese beantwortet, nicht ein einziges Mal in dieser langen Zeit war eine Zeile von ihm zu ihr gewandert. Immer wieder hatte sie versucht, den Weg zu seinem Herzen zu finden, zu dem Herzen, das unter Groll und Unversöhn- lichkeit verschüttet lag.
Und nun kam ihr Dries mit der Mitteilung, daß ihr Mann, der Kunstmaler Reinkert, plötzlich gestorben war. Und wieder, wie schon so viele Male, richtete sie die Frage an ihn:
«Kommst du nun endlich zu deiner Mutter, mein Sohn?"
„3a! Ich komme! Ich komme'!" dachte er, von Verzweiflung geschüttelt. Er stellte sich vor, wie er sie finden würde, die Frau, die für ihn dev Inbegriff alles Heiligen gewesen war, bis zu dem Tage, da er vor ihr auf den Knien gelegen und sie beschworen hatte, keine zweite Ehe einzugehen, um feinet», ihres einzigen Sohnes willen.
Er war damals einundzwanzig Jahre gewesen und hatte sie kurzweg aufgefordert, zu wählen zwischen diesem Manne und ihm. Unb sie, das Einzige, was er besessen hatte, war Deinkerts Weib geworden. Am Tage vor ihrer Hochzeit hatte er heimlich das Haus verlassen und beschlossen, seinen ferneren Lebensweg allein zu gehen.
Wie es ihr immer wieder geglückt war, in den Besitz seiner jeweiligen Adresse zu gelangen, war ihm ein Rätsel. Ob er hier oder dort in Stellung war, überall erreichten ihn ihre Briefe.
Wie sie wohl aussehen mochte? Krank? Vom Leben zermürbt und ausgesogen? — Aber sie hatte es ja selbst gewollt! Und doch! Er gehörte nun einmal zu ihr. Und sie zu ihm; die Frau, der er das Leben verdankte.
„Mutter,," Einer der Mitreisenden fuhr auf, so hatte er es hinausgeschluchzt. Er lieh den Kopf tief auf die Brust herabsinken und täuschte schweres Träumen vor. Als fein Gegenüber die Augen wieder schloß, ließ er die seinen wieder in das Dunkel gleiten. Um zehn Uhr mußte der Zug in München sein. Es blieben ihm bis zur Rückfahrt nur vier Stunden. Aber sie sollte wenigstens seinen guten Willen sehen. Jetzt, da der andere tot war, bekannte er sich wieder zu ihr, wollte ihr wieder der Sohn fein, nach dem sie all die Jahre verlangt hatte.
Draußen, über dem Gelände, das der Zug durchschnitt, lag der Schein des Vollmondes. Von den Zäunen herüber winkten die weißen Gesichter der Holderbüsche.
Warum war er denn so plötzlich gestorben, der andere? Es war alles so schön und friedlich gewesen! So viele Jahre hatte er gebraucht, um zur Ruhe zu kommen, und nun war alles wieder wund gerissen, das fast vernarbt war.
Er schrak zusammen, als an einer Kurve das Fenster in den Spalt glitt und ihm die Racht- luft kühl um die Stirn streichelte. Er lehnte den Kops gegen den braunen Rahmen und ließ den Wind durch das dunkle Haar fliegen. Ob sie sich sehr verändert hatte? Wie war sie hübsch gewesen, trotz der vierzig Jahre, die sie damals zählte. Nie hatte sie etwas darüber geschrieben, wie ihre Ehe sich gestaltet hatte. Nichts von Freude, aber auch nichts von dem zu ertragenden Leid war in den Briefen gestanden. Sie hatten sich alle nur auf ihn bezogen und mit einem Bitten um fein Kommen geendet.
ler, Jäckel; Henrich Langsdorf, Glitsch; Lippert, Arnold, Wilhelm!, Heilmann und Kurt Schmidt.
Zwei Systeme standen sich gegenüber. 1900 bevor- zugte die flache Kombination, während der Platz- oerein Wetzlar-Niedcr-Girmes reichlich hoch spielte und dadurch das Spiel offen hielt. Bis zum Seitenwechsel gelang dies auch. Beiderseits wurden beste Gelegenheiten, zum Torerfolg zu kommen, verpaßt, allzuviel Bälle landeten im Aus. Das Spiel war deshalb nicht flüssig genug. Gießen geriet vor sei. nem Heiligtum hin und wieder auch in Bedrängnis, da die Läufer durch zu schwaches Abspiel manchen Ball an die flinken Gegner verloren, auch die Außenstürmer nicht immer richtig standen.
Nach der Pause kamen die Blauweißen in Fahrt und damit auch zu Treffern. Der Linksaußen flankte und Wilhelm! lenkte durch Kopfball ein. Dann schoß Heilmann flach in die rechte Ecke. Ein überaus wuchtiger Flachschuß Wilhelmis prallte, vom Torwart zurück. Heilmann schoß nach schnellem Start vollends ein. Kurz vor Schluß erhöhte Arnold aus einem Freistoß zum 4:0 für Gießen.
Gegen Spielende kam es noch zu unliebsamen Zwischenfällen zwischen dem Spielleiter Busch-Butzbach und dem Gastgeber Nieder-Girmes, an denen der Schiedsrichter nicht ganz schuldlos war. Der Sieg der Gießener war auf Grund der reiferen Spielweise verdient. Nieder-Girmes hatte seine besten Leute im rechten Läufer und im Torwart.
Die Ligareserve fertigte auf dem- Sportplatz an der Liebigshöhe Schottens 1. Elf mit 4:2 Treffern ab. Schon nach einer halben Stunde führte 1900 mit 4:0. Die Mannschaft fiel aber bann immer mehr und mehr auseinander und ließ genau noch einmal soviel der sichersten Chancen aus. Die Gäste waren glücklicher und holten nach dem Wechsel 2 Treffer auf, während die Blauweißen leer ausgingen.
Die Lehrmannschaft spielte vormittags in Gießen gegen Daubringens 1. Elf, trotz großer Ueberlegen» yeit im Feldspiel, nur unentschieden 0:0. Das Spiel war viel zu hart für ein Gesellschaftsspiel.
Die 4. Mannschaft kehrte von Werdorfs 1. mit einer 5:1-Niederlage zurück. Der schußschwache Gießener Angriff verlor das Spiel. (Halbzeit 3:0 für Werdorf.)
Die 5. Mannschaft holte gegen Schottens 2. auch nur ein Unentschieden heraus, denn auch hier versagte die Stürmerreihe. Bei der Pause führte 1900 mit 1:0.
Westdeutsche Bezirks-Endspiele.
Schalke 04 in großer Form.
Im Gebiet des Westdeutschen Spiel-Verbande- wurden am Sonntag die Entscheidungsspiele zur Ermittlung der Bezirksmeister fortgesetzt.
Im Ruhrbezirk sind Schalke 04, Schwarz- Weiß Essen und ©ermdnia Bochum an den Entscheidungsspielen beteiligt. Der erste Gang führte am Sonntag in Bochum vor 20 000 Zuschauern Schalke 04 und Germania Bochum zusammen. Schalke befand sich in prächtiger Verfassung und siegte leicht mit 7:0. Sämtliche Treffer fielen bereits vor der Pause.
Im Niederrheinbezirk kam es zwischen den beiden Gruppenmeistern Meidericher Spielverein und FV. 08 Duisburg zum ersten Gang. Der vorjährige Bezirksmeister Meiderich siegte klar mit 4:0 und er ist auch Favorit für den zweiten Gang.
Eine Überraschung gab es im Bezirk Westfalen. Die Sp.-Vg. Herten, die am Vorsonntag gegen die Hammer Sp.-Vg. den sensationellen 8:0-Sieg erzielt hatte, lag diesmal gegen Hamm mit 0:2 im Hintertreffen.
Auch im Bezirk Südwestfalen ist ein Entscheidungsspiel notwendig geworden, da das entscheidende Spiel zwischen Hüsten 09 und Jahn Werdohl beim Stande von 2:2 abgebrochen werden mußte.
Der Bezirk Berg/M art ermittelte am Sonntag seinen letzten Endspielteilnehmer. Schwarz-Weiß Barmen besiegte Tura Barmen mit nicht weniger als 11:0. Zusammen mit Fortuna Düsseldorf und VfL. Denrath bestreitet der Sieger jetzt die Endkämpfe.
Wenn sie glücklich gewesen wäre, dachte er, dann hätte sie nicht so sehnsüchtig nach mir verlangt. Dann wäre ihr Dasein restlos ausgefüttt gewesen von dem Manne, dem sie sich zu eigen gegeben hatte. Also mußte sie doch wohl etwas entbehrt haben.
Am Rande, der den Nachthimmel dunkel um- zeichnete, schoben sich lichte Flächen hoch. Ab und zu zitterte ein Scheinwerfer über die dunkle Ebene, die der Zug durchraste. Die Wagen schaukelten merklich unter verzweigtem Schienen- gcfträngc. Er erhob sich mit tauben Füßen und ödem Kopf, nahm seinen Hut aus dem Gepäcknetz und schlüpfte in seinen Mantel. Keine Handtasche, keinen Schirm, nichts hatte er mitgenommen. Wozu auch? Man würde bis zur Abfahrt doch nicht zu Bette gehen, sondern alles das miteinander besprechen, was eben besprochen werden muhte.
Er verspürte etwas wie Angst, eine Beklemmung, die ihm den Herzschlag verlangsamte. Immer wieder suchte er sich vorzustellen, wie sie aussehen mochte! Alt! Grau! Wie alle Frauen, die das Leben müde gemacht, wie alle, die es enttäuscht hatte.
Er war, als die Wagen hielten, der erste, der über das Trittbrett stieg. Unter der Menge der Wartenden suchte er nach ihrem Gesicht. Sie ist nicht gekommen, dachte er. Vielleicht hat sie mein Telegramm noch nicht erhalten. Aber er wußte ja, wo sie wohnte.
Eine weiße Haube, wie sie die Darmherzigen Schwestern trugen, wirkte wie ein Schneefleck zwischen all den Mühen und Hüten. „Herr Dieter Malnow!" hörte er dicht neben sich sagen.
Es riß ihn herum.
„Meine Mutter?" fragte er tonlos. Die Angst preßte ihm die Kehle zusammen.
„Die gnädige Frau konnte augenblicklich nicht abkommen", erklärte die Pflegerin rasch und flüsterte dem Kinde, das an ‘ ihrer Seite ging, leise etwas ins Ohr.
Eine kleine, schmale Mädchenhand hob sich, zwei blaue Augen suchten in scheuer Bangnis zu Malnow empor: „Die Mama sehnt sich so sehr nach dir, lieber Dieter."
Ein Strom eisiger Kälte ergoß sich über ihn. Er fühlte sich in Wirbeln gedreht. Noch immer hing die Kinderhand in der Luft. Er wollte fragen und suchte hilflos nach dem Gesicht der Schwester.
„Das Dorli", lächelte diese. „Ich habe noch einige Telegramme zu besorgen, Herr Malnow. Würden Sie die Güte haben, am Rordausgang auf mich zu warten? Ihre kleine Schwester bitte ich einstweilen Ihrer Obhut anvertrauen zu dürfen."
(Fortsetzung folgt.)


