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Br. 112 Erster Blatt

182. Jahrgang

Samstag, U. Mai 1952

Erschetnl täglich, außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Dill» - Die Scholle Monat» vtjugrpreit:

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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ThesredaKteur

Dr. Fnebr. Wilh. Lange. Derantwonlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr H.TKnnot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in (Biegen.

Pfingsi-Wunder.

Don Curl Hohe!.

Der verstorbene B r i a n b hat einmal zu Strese». mann gesagt: . Ader Sie haben in Ihrer Politik etwas, was ich die Politik der deutschen Mystik nennen mochte, bas sink» bic Manschen bei Ihnen, bic in der Gegenwart nicht einen solchen Friedcnstraktat haben mochten, weil sie a n i r g c n b etwas Wunderbares glauben, was sich einmal ereignen möchte . "

So belanglos biese Aeußcrung im Zusammenhang der Locarnooerhanblungen sein möge, so interessant wirb sie, wenn man sic isoliert betrachtet. Der kluge Rationalist Brianb, dieser typische politische Psycholog des 19. Jahrhunderts und des Westens, erkannte einen Zug im deutschen Wesen, der ihn fremd berührte, den er mit seinem leichten Spott (bsroerben wollte, den er aber trotz allem in seine Kalkulation einstellte, llnb am Cnbc seiner Tage mag er vielleicht im stillen eingeschen haben, daß an diesemW unbcrglaubcn" mehr daran war, als er je wahrhaben wollte

Warin besteht nun diese deutsche Mystik in der Politik, die denTraktat" des westlichen Friedens ablehnt und dasWunder" erwartet^ Einer unserer selbständigsten und tiefsten deutschen Denker im 19. Jahrhundert, Paul de Lagarde (dessen französischer 'Jlomc angenommen ist!), sagt einmal: Das Deutschland, welches wir lieben und zu sehen begehren, hat nie existiert und wird vielleicht nie existieren Das Ideal ist eben etwas, das zugleich ist und nicht ist. Es ist die im tiefsten Herzen der Menschen leuchtende Sonne, um welche unsere Ge­danken und Strafte, um welche auch alle die Mittel­punkte schwingen, welche unser Leben umkreist, eine Sonne, deren Schein fahl und bleich wird, wenn sie aus den Tiefen der Seelen an das Tageslicht empor- taucht ... Die deutsche Nationalität ist eine Svraft, welche nicht gewogen, geschaut, geleitet, beschrieben werden kann, welche da ist, wann sie wirkt, welche überall da ist, wo in Deutschland etwas wächst und gedeiht. Je mehr einzelne Deutsche das in dem ihnen durch Gott und Anlage gegebenen Materiale schlum­mernde Gottesbild herauszuarbeiten bemüht sind, desto klarer wird uns unser Wesen werden ..."

DieseHerausarbeitung einte Gottesbilbes" im Deutschen ist das ewige P sing st wunder auch in unserer Politik. Politik ist eben nicht eine Sache, die manauf der SXrämcrroaagc des Bestandes" wägen soll, sondern eine aus der liefe des Scclcntums quellende Kunst der Gestaltung und Beschwörung. Heule in der tiefsten Not, zwischen Wesensfeinden und lebensgefährlichen Mißverständ­nissen, suhlt der Deutsche im Grund seiner Seele, daß der in satten Zeiten gedankenlos oielbcrufene Idealis­mus doch eine unerhörte Macht ist. Und so verlangt diese unergründliche deutsche Seele aus tiefster Not ein mystisches Schaubild Deutschlands, das nie war und nie fein wird, das aber b i e H r <yf t im einzel­nen Schwachen zu einer deutschen Leidenschaft auf­flammen läßt, die allein uns in der Mitte der Welt am Leben erhalten kann. Zerrissenheit in der Reli­gion, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, in der Bildung in all dieser Zerreißung muß c i n Mittelpunkt gefunden werden, so spürt heule jeder, der es ehrlich meint, ein Mittelpunkt, der den kreisenden Wirbel zusammenhält. Und dieser Mittel­punkt kann niemals materiell fein, er muß ideal fein, er mußunwirklich" sein, weil er in einer höheren Wirklichkeit gegründet ist.

JenesWunderbare" also, von dem Briand sagte, die seltsamen Deutschen glaubten und hofften, daß es sich einmal ereignen möchte dieses Wunder­bare ist keine Ausnahme und keine Phantasterei der Träumenden, sondern es ist das, was Lagarde in den schicksalsschweren Satz zufammensaßt:Nur aus dem Wege zum ewigen Leben liegt ein Baler- land ..." Und mit bitterer Selbstkritik des Deutschen in der äußerlich machtvollsten Zeit hat er hinzu- gefügt:Geändert hat sich in den letzten Jahren (nach 1871) nur eins: Wir brauchen jo leicht nicht zu besorgen, durch das Ausland in unseren eigenen Geschäften behelligt zu werden. Sonst ist alles beim alten geblieben. Weder haben bic Professoren Ibeali- tät, noch die Landräte bic Anerkennung ber Rechts­ordnung im Staate noch die Kreisrichter geordnete Freiheit, noch die Prefjeagenten und Staatsanwälte Zuneigung zum Staat erzeugt, noch ist durch die Ultramontanen oder dergn Gegner die Religiosität Sewachsen. Was man erreicht hat, ist höchstens der

nfang der Desorganisation

Das war die Selbstkritik des Deutschen im Bis- marrfreidie, die kaum vernommen worden ist, wenn Bismarck selber auch mit Lagarde in Gc dankenaustausch stand. Für uns heute gilt diese Kritik genau noch s o bitter, eher ^erschürft, weil das Nachkr-iegsdeutschland diesen Schwachen keine äußere Unangreifbarkeit entgegen zultellen hatte. Und gerade, weil diese Schwächen immer fühl­barer wurden, erhob sich in dem gepeinigten und entseelten Volke die Sehnsucht nach dem Wunder der Erhebung, nach dem Idealismus der Erweckung. Die Deutschen erlebten dieAnkunft des Glaubens", daß nämlich dasReich Gottes inwendig in uns" ist, und daß cs jeden Tag und jede Stunde gilt, cs in'ber Tat sichtbar zu machen.

Wir wollen uns aber nicht selber täuschen gegen über dieser Sehnsucht und ihrem elementaren Aul bruch: sie ist das Zeichen, sie ist ber Glaube, sie ist noch nicht die Erfüllung. Dieser mystischen Sehnsucht der deutschen Massen gegenüber steht ein erschreckendes Elend der geistigen Berplattung, seeli scheu Nivellierung und Uniformierung. Der Großteil unseres Volkes weiß gar nicht, was gute Bücher, was wirkliche Bildung, was wertvolle Kunst i|t. Dem­gegenüber steht nun die Parteimeinung und der Or- ganifationsörill aller Schattierungen, steht das obe Gleichmaß der modernen Schematisierung, der Zivili­sation. Das Emhettsbuch £u Weihnachten, der Film,

Abschläge aus die Vermögenssteuer.

Berlin, 13. Mai. (ÖIB.) 3n einer Mikkel, lang des Reichsfinanzministeriums heißt es: Die angefünbiglc Verordnung zur 11 n - posfung ber Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer und Grunderwerbsskeuer an die feil 1. Januar 19 31 eingelrelenen Derkruckgänge ist nunmehr ergangen. Sie sieht auf dem Gebiet ber Vermögen» st euer für da» Rechnungsjahr 1932 einen einheitlichen Abschlag von ber Steuer fekbst in Höhe von 20 v. H. de» an sich maßgebenden Steuerbetrugs vor: die Herab­setzung verteilt sich gleichmäßig auf die einzelnen vcrmögenssteuerraten. Auf dem Gebiete ber Erb - schäft» st euer werden in den Fällen, in denen die Steuerschuld im Kalenderjahr 1932 entsteht, die für den Grundbesitz maßgebenden Einheit»- werte um 20 v. h. gesenkt. Ebenso wirb bei ber (Brunberroerbfleuer In den Fällen, in

denen die Steuerschuld im Kalenderjahr 1932 ent­steht und der Linheitswert in Betracht kommt, von einem um 20 o. h. nichtigeren wert au» gegangen.

hinsichtlich der am 20. Mai 1932 fälligen Ber- mögen» ft cuerrate ist u. a. folgende» zu be­achten: wer feinen vermögenssteuerbefchelb bereit» 1931 erhalten hat, erhält keine befonbere neue Mitteilung, sondern hat ohne wei­teres die Vierteljahreszahlung für 1932 um 20 vorn hundert zu kürzen, wer feinen ver- mögen»steuerbescheid in den nächsten lagen noch nicht erhält, kann die an sich am 20. Mai 1932 zu entrichtende Vorauszahlung ohne weiteren Antrag um 20 v. h. kürzen. Ausnahmsweise werden Zuschläge nicht erhoben, wenn die Steuerpflichtigen ihre vermögenssteuerzahlung b I s z u m 2 0. Mal 1932 entrichten.

Große Abrüstungsdebatte im Unterhaus.

Außenminister Simon bestätigt die in Versailles übernommene Verpflichtung zur allgemeinen Abrüstung. - Churchill erklärt sich scharf gegen einen deutsch- französischen ^üstungSauögleich. Frankreich soll derpolizistOsteuropaS bleiben.

London. 13 Mai. (XU. Funkf pruch > 2m Unterhaus entwickelte sich vor der Psingstpause eine große Aussprache über die Abrüstungssrage. Außenminister Simon wies zunächst darauf hin, dafz die Einberufung einer Abrüstungskonferenz schon in den Schriftstücken gefordert worden sei. die bei der Unterzeichnung des Ver­sailler Vertrages ausgetauscht wurden.

Der Versailler Vertrag sehe ganz klar eine a 11 - gemeineRüstungsbegrenzung auch für bie alliierten und assoziierten Mächte vor. nachdem die unterlegenen Mächte diese angenommen hätten. Der Minister verwies weiter auf das völkerbundsstatul, den Llemenceau-Brief und die besonders wichtigen entsprechenden Sähe des Cocarnoabfommcn».

Man würde nichts gewinnen, wenn man den wicht,gen Fragen, wie z. 2. der deutschen Forderung nach Gleichberechtigung und dem französischen Verlangen nach Sicherheit in Genf ausweichen würde, denn diese Fragen feien von grundlegender politischer Bedeutung. Deutschland er­kläre, daß es sich dabei um seine ganze Welt­geltung handele, und Deutschland sei nicht das einzige Land, für das diese Frage wichtig sei. Gegen den französischen Plan einer inter­nationalen Armee wandte Simon ein. daß man dafür einen internationalen Oberbefehls­haber. einen internationalen Generalstab und ein internationales Kabinett haben müßte. Die ein­zelnen Persönlichkeiten seien jedoch nicht inter­national. sondern national. Unter diesen Um­ständen könnte man nicht erwarten, daß irgend­welche Pläne vor dem Beginn der Operationen einer internationalen Armee geheim bleiben, würden.

Simon ging dann auf bic verschiedenen Methoden der Rüstungsbeschrän­kung ein. und zwar auf die quantitative, die qualitative und die von England und einigen anderen »sehr wichtigen Staaten" geforderte kom­binierte Methode. Was die qualitative Abrüstung anlangt, so fei es schwierig, zwischen den Begriffen .Offensivwaffen" und .Defenfiv- waffen" scharf zu unterscheiden.

wenn aber jemand bie qualitative Abrüstung alsvölligen Unsinn" bezeichne, so müsse auf den le i l V des Versailler Vertra­ge» hingewiesen werden, in dem Deutsch­land bestimmte Waffen verboten, andere hingegen gestaltet seien. Die wassen, die damals für Deutschland verboten worden sind, seien aus dem Grunde verboten worden, weil sie unter Umständen z u Offensiven o e r -

dieReportage". Wie fern und hochher tonend klin­gen unter iolchem Gesichtspunkt Lagardes Worte: Jeder Mensch ist einzig in feiner Art, denn er ist bas Resultat eines nie wieder rorfommenben Prozesses einziger Art: barum ist schlechthin jeher Mensch, her geboren wird, her Anlage nach eine Be­reicherung feines Geschlechts und seiner Nation, und darum gibt es für jeden Menschen 5iur eine Bil­dung, die ganz speziell auf ihn berechnet und deren Aufgabe sein muß, aus ihm das zu machen, was irgend aus ihm gemacht werden kann. So gefaßt Ist Bildung eine fortwährende Vermehrung des geistigen Wohlstandes der Nation .. .*

Wir sind weltenweit von diesem schöpferischen In bioihualismus entfernt. Gewiß ist eine Z u jam­me n f a s j u n g notmenbig, im Sinne Moeller van ben Brucks, etwa nach benen tiefgründiger Erkennt­nis gerade PreußenZusammenfassung" im Dem scher, ist. Aber wir dürfen nicht Schematisierung mit dieser schöpferischen Zusammenfanung verwechseln. Denn sonsroersinkt das Pfingstwunder der Erweckung, und die Sehnsucht verebbt inBetrieb". Und nur aus jener deutschen Mystik heraus kann unsere innere und äußere Erhebung kommen: bie Erhebung aus Niederbruch und Materialismus, bic Befreiung aus ßebensenge und Verwirrung, aus politijdjen und

wendet werden könnten. Line Kombinierung der qualitativen mit ber quantitativen Ab­rüstung würbe in Genf von ben meisten Groß­mächten, darunter auch die vereinigten Staa­ten und Italien, vertreten. L» handele sich, er­klärte Simon weiter, nicht um eine technische, sondern um eine immens politisck)e Frage.

Der Führer der Opposition, Landsbury, wies auf ben Widerspruch zwischen den aus der ersten Versammlung der Friedenskonferenz ge­haltenen Veden stber bic,Reue Aera inter­nationaler Beziehungen" undDaS Zusammen­wirken zwischen großen und kleinen Rationen zur Sicherung bes Weltfriedens" und den jetzt vier­zehn Jahre danach noch stattfindenden Ausein­andersetzungen hin. Er nannte Simons Bede eine der e n t t ä u s ch e n d st c n . die er je gehört habe. Simon habe es reichlich klar gemacht, daß riesige Schwierigkeiten, vorhanden leien. Landsbury gab seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die Frage der Abrüstung und des Welt­friedens durch Erörterungen über Rüstungs­beschränkung nicht geregelt werden könne. Die Wirtschaftsbedingungen der Welt, so sagte er, sind die Wurzel fast jeden modernen Krieges gewesen. Was wolle Frankreich, was wolle England mit Sicherheitsmaßnahmen? Gegen wen wollten denn die Staatsmänner die Sicherheit haben? Die ganze Angelegenheit fei völlig verfahren, da man nicht auf dem einfachsten Wege vorgegangen sei. nämlich eine Waffe nach der anderen aus der Sphäre des Rationalismus auf das Gebiet des In­ternationalismus h i n ü b e r z u l e i t e n.

Die Unterhausdebatle schloß mit einer befrem­denden Rebe Lhurchl11s. Dieser erklärte, es gebe im gegenwärtigen Augenblick zahlreiche Quellen politischer und wirtschaftlicher Gefah­ren, und er würde e» bedauern, wenn irgendeine Annäherung militärischer Stärke zwischen Frankreich und Deutschland auf einem Fuß ber Gleichberechtigung, soweit Rüstungen in Betracht kämen, stattfinden würde. Rach einem Hinweis auf Rußland meinte Lhurchill. die kleineren Df,floaten blickten alle auf Frank­reich und das französische Heer als auf eine Art Hauptstütze, und obgleich er selbst gern bie Grundlagen des europäischen Friedens auf einer moralischen Basis ruhen sehen würde, so sei er doch sehr dafür, daß die augen­blickliche Grundlage nicht gestört werde, bis etwas Befriedigenderes an ihre Stelle gefetzt werden könne.

seelischen Banden, bie Ertüchtigung zu neuem Le bensmut unb Glauben.

Zu allcbem aber ist bie Freiheit des Einzelnen, die beutiche Individualität notwendig. Es muß in Deutschland jeder wachsen und gedeihen, zu sich selber kommen und aus sich wirken in der Sülle anders ist keine Deutichheit überhaupt mög­lich. Der Sinn des Psingstwunders deutschen (Blau- bens ist ja, daß all diese einzelnen^Suchenden, seh- nenben, diese Menschen im Hans ^achs-Winkel, von Zeit zu Zeit im Stande der Not von einer Idee gepackt werden unb aus all ihren Winkeln viel­gestaltig und mitunter auch streitbar untereinander zu einem Ziele hinstreben bas aber ist ein Ziel jenseits ber Zeiten, das ist bas Ideal. Wir Deut­schen sind ein im allertiefsten religiös dichtendes Volk, wir sind keine Staatsbauer und Imperialisten, fon bern wir sind die Geistmitte bes Abenblanbes und strahlen die heilige Pfingstflamme ausin alle Welt" unb reben mit vielen Zungen. Aber wenn wir in ber Geschichte zurückblicken. so ist es boch immer basfelbe gewesen, was unsere Besten oerfunbeten: eben ben Sieg ber Innerlichkeit über alles Dumpfe und Schwere. Daß die deust'che Innerlichketi wieder einmal zur Macht werde: das ist der Sinn dieses Pftugstwunders unserer Tage.

pfingsthoffnung.

Der Reichstag ijt diesmal auf über­raschende und außergewöhnliche Weise in die Ferien geschickt worden. Vorgänge, die gewiß des Parlaments unwürdig und vor einer zufchaucnden Tribüne von fremden Diplomaten und ausländischen Korrespondenten besonders beschämend waren, aber mit den zur Debatte stehenden politischen Fragen nicht das geringste zu tun hatten, hat der Reichstaqspräsident Lobe zum Anlaß genommen, um die Sitzung nach mehr­fachen Unterbrechungen aus unbestimmte Zeit zu vertagen, bevor die Tagesordnung erledigt war. Lediglich die Annahme des Schuldentilgungs- qesetzeS konnte noch bewerkstelligt werden und die Mißtrauensanträge gegen dös Gesamtkabinett konnten noch wenige Minuten vor Toresschluß zur Abstimmung gelangen. Sie wurden, wie voraus- zufehen war. mit dreißig Stimmen Mehrheit ab* gelehnt. Alles andere fiel erbarmungslos unter den Tisch Darunter Mißtrauensanträgc gegen die für Osthilke und Zollpolitik verantwortlichen Mi­nister Schlange und Schiele, denen Staats- Partei und Wirtschaftspartei einen Denkzettel geben trollten, wofür sich die Landvolkpartei durch einen Mißtrauensantrag gegen Dietrich zu rächen gedachte. Auch ber deutschnationale An­trag. ebenso wie die Gvttlosenbewegung auch die sozialdemokratischen Freidenker- Vereine auszulöscn, kam nicht mehr zur Er­ledigung. Man wird also sagen können, daß die vorzeitige Vertagung de« Reichstags sowohl den Sozialdemokraten wie dem Zentrum zumindest sehr gelegen kam. Die Fortsetzung der Abstimmungen hätte beide Parteien in eine arge Zwickmühle ge­bracht. Für die Sozialdemokraten wäre eine äußerst peinliche Lage entstanden, hätte man ihnen zumuten müssen, die beiden Agrarminister Schiele und Schlange vor den Folgen eines Mißtrauens­votums zu retten und das Zentrum hätte bei dem Antrag auf Auslösung der Freidenlcrvercine trotz des sreundnachbarlichen Verhältnisses zur So­zialdemokratie wohl kaum Gewehr bei Fuß stehen bleiben können. ohne seine kulturpolitischen Grundsätze zu verleugnen. All diesen drohenden Unannehmlichkeiten wurden beide Parteien durch die vorsorgliche Taktik deS ReschStctqSpräsidenken Lobe enthoben, der eine nicht lolort befolgte Ausweisung von vier nationalsozialistischen 2'b- geordnetcn zum willkommenen Anlaß nahm, fei­nen Platz auf Rimmerwiedersehen zu verlassen. Damit flog die Sitzung aus und dem Aeltestcnrat blieb trotz stürmischer Auseinandersetzungen nichts anderes übrig, als den, Rcichstagspräsidenten die Wiedereinberufung des Reichstags zu überlassen.

Es erübrigt sich im Grunde, auf die wenig rühmlichen Vorgänge einzugehen, die diesen sen­sationellen Abschluß der Psingsttagung desRcichs- tag« verursacht haben. Findet man es auch be­greiflich. daß sich die Rationalsozialisten durch die Anwesenheit eines Mannes im Wattotban, von dem sie sich verleumdet glauben, provoziert fühlen mußten, so werden die folgenden schweren Ausschreitungen doch bamit in keiner Weise ent­schuldigt. Ob der sonst um wirkungsvolle Mittel zur Aufrechterhaltung der parlamentarischen Di­sziplin nicht leicht verlegene Reichstagspräsident Lobe feine andere Möglichkeit hatte finden können, die an den Ausschreitungen Beteiligten festzustellen, als die Polizei ins Haus zu rufen, ist eine andere Frage.-Jedenfalls hat das höchst unerfreuliche Schauspiel einer polizeilichen Razzia im Plenarsiyungssaal des Reichstags dem Rus des Parlaments weiteren Abbruch getan, soweit das überhaupt noch möglich war Dieser ganze Zwischenfall ist um so bedauerlicher, als die Psingsttagung des Reichstages mit einem bemer- kenswerten Wilken zur Sachlichkeit auf allen Seiten des Hauses begonnen hatte. Auch der erste Redner der Rationalsozialisten, der Abge­ordnete Gregor Strasser machte davon keine Ausnahme. Seine grundsätzlichen Ausführungen zur Wirtschaftspolitik fanden größte Beachtung, auch auf der Linken und auf den Bänken der Re­gierung. Besonderes Interesse verdient bic starke Unterstreichung ber sozialistischen Tendenzen in ber von ihm empfohlenen Wirtschaftspolitik. Sie wurden noch besonders betont durch bic gute Zensur, bic er dem Arbeitsbeschasfungsprogramm der Freien Gewerkschaften erteilte, an dem mit- zuarbeiten bic nationalsozialistische Partei durch­aus bereit sei.

Hier wären also bie Voraussetzungen für eine Diskussion gegeben, wie ja überhaupt an Pro­grammen zur Beschaffung von Arbeit gegenwärtig kein Mangel ist. Der Haken liegt stets nur bei der Finanzierung Und was ber Abg. Stratter hierzu zu sagen hatte, mußte, soweit feine Ausfüh­rungen in diesem Punkt klare Pläne erkennen liehen, Bebenken erregen und Zweifel auslöscn, ob ber von ihm empfohlene Weg zusätzlicher Kre- ditschöplung in ber Form einer Bau- unb Sied­lungsbank die Stabilität der Währung ungefähr­det lassen würde. Wenn also auch das national­sozialistische Wirtschaftsprogramm, w>c c«Straffet im Reichstage vorgetragen hat, in sehr wesent­lichen Punkten noch einer sehr genauen Nach­prüfung bedarf, so wird man es doch jedenfalls begrüßen müssen, daß endlich aus dem ot allzu Verschwommenen in Agitationsschriften unb Ver- fammlungsreden etwa« Greifbares fjerauggearbei­tet wurde, mit dem man sich auseinandersetzen kann, llnb wir begrüßen es weiter, daß der Abg Straffer am Schluß feiner Rede den beachtens­werten Versuch machte, eine Drücke der Ver­ständigung zum Kanzler zu schlagen. Diesen Ein' druck konnte auch die folgenbe. im Tone weit schärfere und agreffitx? Rede keines Parteige­nossen G v e r i n g nicht zerstören Auch er er­klärteWir wenden uns ausdrücklich an alle Parteien, die bewußt am Ausbau Deutschlands