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Vornan von J. Gchneider-Foerstl.
Urheber-Rechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau.
27. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Lautlos klappte die schwere Haustür ins Schloß. 3tx der nächsten Seitenstraße war Margrets Wohnung. Margret wartete, bis Suse im Bett tag, beugte sich noch einmal über sie, löschte das Licht und strich ihr das blonde Haar zurück.
„Nun schlaf aber auch, mein Kleines! Morgen früh, sobald es geht, komme ich nach dir zu sehen. — Muß ich mich sorgen, daß du etwas Unvernünftiges tust, während ich weg bin?"
Suse verneinte.
Einige Minuten später kam Margret noch einmal die Treppe herauf, öffnete leise die Türe und schlich nach dem Lager an der Wand. Befriedigt nickte sie und schloß wieder hinter sich ab. Tie Schwester war bereits eingeschlafen.
Mit eiligem Schritt ging sie wieder zu ihrer Pflicht zu Doktor Wander zurück. Als sie bei ihm eintrat, lag ein frauenhaft glückliches Lächeln auf ihrem Antlitz.
Wanders Stellvertreter, der frühmorgens gekommen war, um Margret abzulösen, neigte sich über den Kollegen und beglückwünschte ihn, daß alles so glimpflich abgegangen war. Graf Kletten ließe stündlich anfragen, ob sein Befinden zu Befürchtungen Anlaß gäbe, berichtete er. „Sie haben ein fabelhaftes Glück gehabt, HerrKollege." Mit diesen Worten nahm er ihm den Verband ab, um ihn geübt wieder zu erneuern.
„War heute nacht nicht Fräulein von Recklin- hausen bei mir?" Wander versuchte seinerStimme einen gleichmütigen Ton zu geben, was zur Not gelang. .
„Ganz richtig!" pflichtete der andere bei. „Wir hgtten zwei Blinddarmoperationen auszuführcn. Es war sonst niemand frei. Ich bitte Sie, mir es nicht als Gleichgültigkeit auszulegen, daß ich nicht selbst die Nachtwache bei Ihnen übernommen habe."
„Durchaus nicht!" beeilte sich Wander zu sagen und lächelte belustigt, als er sich vorstellte, welch entsetztes Gesicht sic wahrscheinlich gemacht hatte, als sie vernahm, daß sie dazu verurteilt war, mit ihm allein die Nacht in seiner Wohnung zu verbringen. Jedenfalls hatte sie der Umstand, daß er so hilflos dalag, getröstet! Er glaubte sich sogar erinnern zu können, daß er sie hatte bitten müssen, ihm einen Trunk Wasser zu bringen, weil er sonst verdurstet wäre. — Nun, man konnte sich ja den Anschein geben, als ob man von dem allen nichts mehr wüßte, oder auch nur kurzweg sagen: „Ich habe von meinem Stellvertreter gehört, daß Sie sich um mich bemühten. Meinen
ergebensten Dank, Fräulein Kollegin. Es war nett von Ihnen, daß Sie sich so weit zu überwinden vermochten, dem verhaßten Menschen Samariterdienste zu tun."
Gegen Mittag kam Swensen und vermochte zuerst vor Erregung kein Wort zu sagen. „Du — muht verzeihen, Hans! Ich befand mich in einem Irrtum", brachte er endlich hervor und umklammerte dessen Hand.
„Um so besser!" erwiderte Wander.
„Wenn ich dich nicht in den Pavillon gelotst hätte,' wäre es nicht passiert!" klagte sich Swensen an.
„Dafür vielleicht etwas um so Schlimmeres!" tröstete Wander. „Seh dich ein wenig zu mir, mein Lieber!--Wie geht es deiner Frau?"
„Lenore ist bei ihr!" sagte er kleinlaut.
„Das heiße ich Charitas üben! — So müßte sich eigentlich die wahre Liebe zeigen, nicht? Das Wesen, dem Böses zugefügt wurde, opfert sich nun für die andere, der sic es eigentlich zu verdanken hat, daß sie so schweres Leid erfahren muhte. Du bist trotz alledem beneidenswert, Fred. Dich lieben zwei Frauen! Mich nicht einmal eine einzige."
Der Künstler bemerkte, daß der Freund noch zu sehr geschwächt war, um eine längere Unterhaltung führen zu können und verabschiedete sich von ihm.
Fünf Tage später stand Doktor Wander bereits wieder an seinem Posten und hatte die Leitung der Klinik wieder in seine Hände genommen.
Margret hatte nur ein Achselzucken gehabt, als er ihr seinen Dank für die genossene Pflege aussprach: „Das war selbstverständlich", sagte sie gleichmütig, und Wander ärgerte sich gründlich, daß sie dabei so kühl an ihm vorüber sah.
„Nun erst recht!" dachte er trotzig. Er hatte sich's nun einmal in den Kopf gesetzt, daß sie sein Weib wurde. Seine Nerven waren noch so erregt, daß er sich Gewalt antun muhte, sich zu beherrschen.
Als er Margret in einem der Gänge traf, während drinnen im Saal ein Kind einen Herzkrampf erlitten hatte, schrie er sie an: „Was haben Sie denn gemacht? — Wahrscheinlich etwas verordnet, was ungünstig auf den Kleinen wirkte. — Sie müssen sich besser vorsehen. — Das grenzt schon an Gewissenlosigkeit." f
Es war das erstemal. daß er ein Erschrecken in ihren Augen gewahrte. „Gewissenlosigkeit?" sagte sie ungläubig nach.
„Jawohl!" versteifte er sich und fühlte, wie er die Herrschaft über sich selbst verlor. „Warum sind Sie denn Aerztin geworden, wenn Sie nur ein Gehirn haben und kein Herz? Mit dem Der- stand allein ist der Menschheit nicht gedient. Damit können Sie meinetwegen Ihre Kälber zu
Haufe füttern, aber keinen Kranken gesund machen."
Unsanft flog die Türe des Aerztezimmers hinter ihn, zu. Ah, das hatte wohlgetan! Mochte sie jetzt draußen stehen und sich die Rüge durch den Kopf gehen lassen. Ihm hatte es eine ungeheure Erleichterung gebracht. Dis zum l.Iuni war sie vertraglich an die Klinik gebunden. Warte nur, meine Taube! Dich lehre ich noch, dich unterzuordnen und mich zu lieben!
Er muhte lachen! Ob es gerade so, wie er es machte, die rechte Art war, Liebe bei einer Frau zu erzwingen? — Nun ja, man würde ja sehen! Auskneifen konnte sie nicht. Der Vertrag war eine Kette, die sie vorläufig an das Zusammensein mit ihm band.
Als er nach einer Weile in den Saal trat, stand sie am Bett des Knaben, der den Herzkrampf gehabt hatte und sprach tröstend auf ihn ein.
„Es geht wieder gut?! — Ja, mein Junge?" sagte er freundlich, indem er sie etwas zur Seite schob. ..Du muht nun alles ganz brav tun, was das Fräulein Doktor von dir will. Sie hat die kleinen Kinder sehr lieb. Aber nur solche, die ganz nett und gehorsam sind. — Morgen bringe ich dir eine Tafel Schokolade, wenn ich höre, daß du schön folgsam gewesen bist."
Margret sah ihm mit aufeinandergeprehten Lippen nach, wie er von Bett zu Bett ging und für jedes der Kleinen ein gütiges Wort hatte. Cs wäre Suse zu göpnen gewesen, dah sie ihn auch einmal von der Seite kennen gelernt hätte, wie er sich vorhin drauhen im Korridor gezeigt hatte. Ohne Zweifel hätte die Schwester Furcht vor ihm ergriffen und sie wäre davongelaufen. Aber bei ihr bewirkte er damit nur das Gegenteil.
Nun blieb sie gerade! — Jawohl! Er sollte sehen, daß sie sich nicht vor ihm fürchtete. Die Rüge, welche er ihr erteilt hatte, mochte vielleicht nicht ohne Grund gewesen sein. Die Tropien waren möglicherweise für den Organismus des Knaben etwas zu stark. Aber das Blut stieg ihr doch neuerdings ins Gesicht, als sie seine Worte in sich nachklingcn hörte: „Warum sind Sie denn Aerztin geworden, wenn Sie nur ein Gehirn haben und kein Herz?--Damit können Sie
Ihre Kälber zu Hause füttern, aber keinen Kranken gesund machen."
Dah er so grob werden könnte, hätte sie nicht für möglich gehalten, Und dabei war sie eine ganze volle Nacht mit ihm in seiner Wohnung gewesen, hatte ihn in seinem Fieberdurst getränkt und ihm das Haupt gehalten, als er es selbst nicht zu heben vermochte. — „Eine eigenartige Weise, seine Dankbarkeit zu bezeigen!" dachte sie verbittert.
„Das nächste Mal lasse ich ihn dürsten!" erwog sie, und das Lächeln, das dabei ungewollt in ihre
Augen trat, löschte das Häßliche seiner Worte beinahe aus.
Die ging, um ihren Mantel aus dem AeiHte- zimmer zu holen und fand dort Wander erschöpft in einem Stuhl liegen. Fünf Tage waren doch immerhin etwas zu wenig zur Genesung nach dem gehabten Wundfieber.
„Sie hätten sich noch eine Woche länger schonen sollen", meinte sie gleichmütig, schlüpfte in ihren Mantel und drückte den kleinen Hut auf das kurzgeschnittene Haar. „Soll ich Doktor Selb benachrichtigen, dah er Sie heute nachmittag vertritt!"
„Nein!" kam es barsch zurück.
„So hat es aber doch auch keinen Zweck", mahnte sie. «Das fühlen Sie doch selbst!"
„Was fühle ich selbst?" fragte er mihiranisch.
„Dah es so keinen Sinn hat!" meinte sie etwas verlegen, denn sein Blick war spöttisch auf sie gerichtet. „Kurieren Sie sich erst richtig <rt8l — Sie sind doch kurze Zeit entbehrlich!"
Sie bih sich auf die Lippen, als sie sein gereiztes Lachen hörte. „Sie verstehen es, Hiebe zurückzugeben, Fräulein von Rccklinhausen. — — Ich bin entbehrlich! Natürlich! Als ob ich das nicht selber wüßte! Für Sie in erster Linie, nicht wahr? Cs wäre ^Ihnen wohl eine große Genugtuung gewesen, wenn die Kugel Klettens etwas besser getroffen hätte.--Dann hätten
Sie mich für immer los gehabt."
Das war niederträchtig! Das erstemal seit den Tagen ihrer Kindheit schimmerten Margrets Augen in Tränen. „Sie gehen darauf aus, mir das Hiersein zu verleiden und mich in einer Weise zu beleidigen, die ich ehrlos nenne. Ab morgen betrachte ich mich meines Dienstes enthoben. Tun Sie, was Sie wollen! Ich sehe keinen Schritt mehr in die Klinik, so lange Sie Chefarzt sind."
Mit einem leisen Ruf des Schreckens glitt sie gegen die Türe. Die Arme hingen ihr wie gelähmt am Körper, als er jetzt auf sie zukam. Das Leuchten feiner noch fiebernden Augen versetzte sie in Angst.
„Seien Sie vernünftig!" bat sie. „Wir sind beide etwas zu weit gegangen und ich habe Sie vielleicht durch meine Worte--gereizt--
habe--“
Ihr Mund verstummte. Seine Lippen auf die ihren pressend, schob er mit der freien Linken den Riegel der Türe zu. Seine Kraft war die eines Riefen. Dann plötzlich ein Nachlassen, als ob eine unsichtbare Macht sie jäh zerbreche. Sic fühlte, wie er sie frei ließ, wie seine Arme zuckten, sah, wie sein Körper sich neigte und schwer zu Boden fiel. — — *
„Mar—gret!" —
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