Ausgabe 
13.10.1932 Frühausgabe
 
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Die Sprachstörungen im Kndesalier.

Was müssen die Eltern über Stammeln und Stottern wissen?

Don privdtbo^ent Or. A. Herrmann, llniversiläis-Ohrenklinik Gießen.

Stammel« und Stottern find die häufigsten Sprachstörungen im Kindesalter. 3m Vvlks- munde werden diese beiden Störungen oft für dasselbe gehalten. Sie sind es aber nicht. Unter Stammeln verstehen wir die Unfähigkeit, be­stimmte Laute und Lautverbindungen richtig zu bilden.

Ein Beispiel: Dos Kleinkind sagttomm statt komm,tutut" statt Kuckuck. Cs ersetzt also den Gaumenlaut K durch den Zungenlaut T Das liegt im allgemeinen daran, daß die Zungenlaute (d, t) und die Lippenlaute (b, w, p, f, m) leichter gebildet werden, als die hinteren Verschlußlaute 7g, k). Darum ist der erste Sprachschatz des Kleinkindes oft Maina, Papa, tata. Man hat sich diese Tatsache so erNärt, dah die Muskeln der Lippen und der vorderen Teile der Zunge und der Wange durch das Saugen beim Saugakt kräftiger entwickelt werden und dem Sprech- mechanismus eher gehorchen. So werden be­sonders gern die schwerer zu bildenden Der- schluhloute g und k durch leichtere Laute, be­sonders d und t, erseht. 3n den ersten drei Jah­ren der Sprachentwicklung bezeichnen wir dieses Vertauschen verschiedener Buchstaben als physio­logisches Stammeln. Es ist zu dieser Zeit normal. Jedes Kind stammelt in diesem Alter. Bleibt das Stanuneln aber noch im 4. bis 6. Lebensjahr bestehen und verschwindet es nicht, so ist es nicht mehr normal, d. h. physiologisch, sondern krankhaft. Gelegentlich sind auch die Mütter an länger besteherck>en Stammelfehlern schuld. Dur zu oft kann man hören, dah eine liebevolle Mutter mit ihrem Kinde spielend sich derKin­dersprache" bedient, indem sie ihm beispielsweise zuruft:tomm mal her" und anderes mehr. Das Kind mit seinem großen Nachahmungstrieb ahmt die Mutter nach. So wird das Stammeln bis­weilen von Eltern und Angehörigen direkt ge­fördert.

Meist werden nur wenige Laute gestammelt, ihre größere Zahl aber richtig gebildet. Es gibt auch schwerere Fälle. Manchmal wird fast jeder Laut durch einen anderen ersetzt.

Beispiel:Pulle" statt blau.Kneige" statt Kreide. 3e mehr Laute und Silben durch andere ersetzt werden, desto unverständlicher wird die Sprache. Ganz hochgradiges Stammeln, bei dem außer den Vokalen vielleicht nur ein Mitlaut, z. B. t oder d gebildet wird, bezeichnet man als Hvttentvttismus. Bei geistig gesunden Kindern

ist dieser Grad von Störung jedoch relativ selten.

Eine besonders häufige Form des Stammelns stellt dos Lispeln dar. Darunter wird die fehlerhafte Bildung des S mit seinen Abarten (ß, st, z, sch) verstanden. Das Lispeln kann funk­tionell oder organisch bedingt sein. Das funktio­nelle Lispeln entsteht durch falsche Lage der Zunge bei der Bildung des S-Lautes. Die Ur- sachen für dieses sogenannteAnstößen der Zunge" können vielfältig fein. (Z. D. auch Schwer- Hörigkeit.) Wir kennen ein Lispeln, bei dem die Zunge zwischen die Zahnreihen geschoben wird. Dos ist die gewöhnliche Form dieses Sprach­fehlers. Besonders häßlich ist das seitliche Lispeln. Hierbei wird die Luft nicht an der Schneide der oberen Schneidezähnc herausgepreht, sondern entweicht seitlich. Cs gibt noch mehrere Arten von Lispelfehlern, von denen nur noch das nasale S erwähnt werden soll. Hier entweicht bei der S-Bildung die Luft durch die Dase und erzeugt ein schnarchendes, fauchendes Geräusch.

Unter organisch bedingtem Lispeln verstehen wir die fehlerhafte S-Mldung, die durch Veränderungen am Zahnsystem heroorgerufen wird. (Ueberbiß, Un­terbiß, fehlende Schneidezähne, Kieferbildungs­störungen usw.). Schwerere Störungen der Sprache im Sinne des Stammelns entstehen auch durch Mißbildungen, wie Hasenscharten, Gaumenspalten und Wolfsrachen. Je nach dem Grad der Entwick­lungsfehler wird auch die Bildung der verschieden­sten Laute gestört sein.

Die Behandlung des Stammlers ist meist er­folgreich, sie muß nur sachgemäß sein. Die Beseiti- S hochgradiger Störungen macht bisweilen dem dem Pädagogen und den Eltern Schwierig­keiten. Doch auch hier führt die Behandlung bei einiger Geduld meist zum Ziel, so daß das Fort­kommen dieser Kinder in der Schule gesichert ist.

Beim Stammeln infolge organischen Leidens (Zahnstellungsfehlern, Gaumenspalten, Wolfsrachen) muß dieses zunächst beseitigt werden. Erst dann wird der Spracharzt erfolgreiche Arbeit leisten können.

Bei der Einschulung sind statistisch etwa 20 bis 24 Prozent der Kinder noch sprachunfertig, d. h. mehr oder minder mit Stammelfehlern belastet, die aber durch geeignete Behandlung verschwinden.

Die Lispelfehler, aber auch die übrigen Stammelfehler werden am zweckmäßigsten vor der Einschulung, oder in den ersten Schuljahren, wenn die Kinder etwas aufmerksamer geworden sind, der Behandlung zugeführt. (Schluß folgt.)

Aus der provinzialhaupistadt.

Gießen, den 13. Oktober 1932.

Laßt die Jugend ins Theäler gehen!

Don Prof. Otto Anthes

Was soll aus der deutschen Kunst werden, wenn unsere Jugend dem Theater fernbleibt, wenn die Eltern dieser Jugend den Wert nicht erkennen, den das deutsche Theater als Vermittlerin echter Kunst zu bieten hat!

Diele wird es unter uns Alten geben, die das Gedächtnis ihres ersten Theaterbesuches als einzig­artiges Erlebnis in sich bewahren. Meine Groß­mutter, bei der ich die Ferien verbrachte, hatte fid) nach langem Hin und Her bereitgefunden, mich ein­mal auf ihr Abonnementsbillett (so sagte man da­mals) ins Hoftheater gehen zu lassen. Nur die Wahl des passenden Stückes machte noch Schwierig­keiten. Schließlich einigte man sich aufDie Mühle im Wiener Wald". Als ich dann aber drinn war, hatte sich eine Spielplanänderung in letzter Stunde nötig gemacht, und es gab MozartsDon Juan". Mir aber steht dieser Theaterbesuch, dem so bald kein anderer folgte, noch heute in der Erinnerung wie ein großer, einsamer Stern in weiter dunkler Nacht. Ich verstand so gut wie nichts von Wesen und Zusammenhängen des Vorganges, der sich auf der Bühne begab. Aber ein unnennbares Etwas rührte zum erstenmal an meine Seele: wenn ich bis dahin wohl sehen gelernt hatte, nun hatte ich zum erstenmal geschaut; wenn ich schon oft Musik gehört hatte, nun war zum erstenmal mein Herz mit erklungen.

Ich zweifle nicht daran, daß viele diesesroman­tische" Erlebnis des ersten Theaterabends belächeln und sagen werden, die heutige Jugend habe andere und wichtigere Erlebnisse zu buchen. Mer ich weiß auch, daß in den Eindrücken jenes Abends alle Grundbestandteile meiner nachmaligen Bildung schon vorhanden waren. Es ist sicher, daß die Ju­gend von heute mehr sieht und mehr hört, als wir in frühen Tagen. Auch daß die mehr denkt, will ich gern zugestehen. Ob sie mehr erlebt, hängt ganz davon ab, ob sich an ihr irgendwie derselbe Vor­gang vo"zieht. der mit jenem ersten Theaterabend in mir seinen Anfang nahm.

Jedes wahre Erleben ist nichts anderes als ein Nachschaffen, das selbsttätige schöpferische Erzeugen eines Weltbildes in feinem eigenen Innern. Nicht ein Vollgestopftsein mit Kenntnissen irgendwelcher Art bedeutet Bildung, auch nicht die Fülle der 9BeIb kenntnis allein, sondern bildend tätig und schöpferisch zu sein, geistig die Dinge der Welt zu erfaßen, das ist Bildung.

Der Weg zu dieser geistigen Erfassung der Welt, zur Bildung im besten Sinne des Wortes, führt über das Erlebnis künstlerischer Darbietungen. Mehr als je bedarf unsere Jugend der geheimnisvollen Anleitung, die die Kunst gewährt. Die Anleitung zur Kunst ist zugleich eine Ableitung ein Abhalten von oberflächlichen, charatterzerstörenoen Vergnügungen. Wehe, wenn unsere Jugend der Oberflächlichkeit verfällt!

Diese Einsicht sollte es jedem zur Pflicht machen, der Heranwachsenden Generation das Erlebnis echter Kunst zu erschließen. Deshalb laßtdieIu ° gend ins Theater gehen! Dann tut ihr Dienst an der J'gend und zugleich Dienst am Theater. Denn nm wenn es gelingt, die Jugend für das Theater zu gewinnen, ist Gewähr geboten, daß unsere deutsche Kultur erhalten bleibt. Darum: Laßt die Jugend ins Theater gehen!

lOOjafore Hessisches Oberkonsistorium (Landeskirchenamt.)

Am 15. Oktober sind eS hundert Jahre, feit* -em das damalige Großherzogliche Oberkon'isto- riuim in Wirksamkeit getreten ist. 3m Zusammen- Hang mit der 1832 vorgenommenen Neuorgani­sation der gesamten Staatsverwaltung wurden ouch die drei Provinzialkirchenbehörden, nämlich

der Evangelische Kirchen- und Schulrat in Darm­stadt, der in Gießen und der Kirchenrat in Mainz aufgehoben und an ihre Stelle eine Zen­tralbehörde für das ganze Hessenland gesetzt, die dem Ministerium unterstellt war. Eine größere Selbständigkeit erlangte dieses sog. Oberkonsisto- riumt durch die erste evangelische Kirchenverfas­sung von 1874: es wurde die höchste kirchliche Behörde, durch die der Landesfürst das ihm als Summus episcopus zustehende Kirchenregi­ment unmittelbar ausübte, mußte sich aber an­dererseits den Hinzutritt des Landessynodal­ausschusses für bestimmte Dienstgeschäfte gefal­len lassen (sog. erweitertes Oberkonsistorium). Die durch den Wegfall des landesherrlichen Kirchenregiments im Jahre 1918 nötig gewordene neue Verfassung der Hessischen Landeskirche be­zeichnet als den Trager aller landeskirchlichen Rechte den Landeskirchentag, der sie ausübt durch die von ihm gebildete Kirchenregierung und das dieser verantwortliche Landeskirchenamt. Dieses Landeskirchenamt ist somit als oberste kirchliche Verwaltungsbehörde an die Stelle des früheren Oberkonsistoriums getreten und darf sich als seinen Nachfolger betrachten. Wie wir hören, wird das Amt in einer kleinen internen Feier seiner nunmehr hundertjährigen Geschichte ge­denken.

Großer Sieg Gießener Schützen.

Zum vierten Male nacheinander verbandsmeister dec ..hassia".

Die Krie ger kameradschaftHassia" veranstaltete am Sonntag in Mainz-Kostheim das diesjährige Verbands - Meifterschafts- schießen. Die besten Gruppen der hessischen Schützen waren dazu erschienen.

Die Klein-Käliber-Schießabteilung des Krieger- Vereins Gießen war wieder mit einer Alt- schützen gruppe (Heinrich Appel, Willi G e ° org, Wilhelm H a i n b a ch und Georg S ch i l - ling), und einer I u ng f ch ü tz e ng r u p p e (Erich Kinkel, Karl M o o tz, Rud. Reiber und Willi Schilling jr.) vertreten.

Beide Mannschaften konnten auch in diesem Jahre wieder die Derbandsmeisterschaften erringen, so daß die Altschützengruppe vier Jahre, die Jungschützen­gruppe 2 Jahre hintereinander die Meisterschaften schossen. Daß ein großer Sieg errungen wurde, ist zu verstehen, wenn man bedenkt, daß 148 Alt- schützengrupppen und 79 Jungschützenaruppen, jede Gruppe vier Mann stark, an den Ausscheidungs- schießen im Bezirk, in der Provinz und zuletzt am Schlußschießen teilgenommen haben. Die Mann- schäften erhielten goldene Meisterschaftsmedaillen, die Jungschützen außerdem noch den Wanderpreis, der van der Klein-Kaliberschießabteilung des Krie- gervereins Gießen auch schon zum zweiten Male nach Gießen gebracht wurde.

Die Altschützen erreichten 558 Ringe, 34 Ringe Vorsprung vor dem 2. Sieger, Kriegeroer­ei n ' Dieburg. Die Jaingschützen erzielten 498 Ringe 43 Ringe Vorsprung vor dem 2. Sieger.

In 'der Einzelbewertung stehen: Wilhelm H a i n b a ch an 3., Gg. S ch i l l i n g an 4. und W. Georg an 5; die Jungschützen Willi Sch illing an 2., Rudolf Reiber an 4. und Karl Mootz an 5 Stelle.

Die Altschützengruppe tritt nun in den Wettbe- »erb um die Bundesmeisterschaft im Deutschen Kysshäuserbund.

Bornotizen.

_ Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Anläßlich der Tagung des ärztlichen Fortbildungskurses der Hessischen Landesuniversität gelangt morgen, Freitag, als 2. Vorstellung im Freitag-Abonnement unter Mitwirkung des Orchestervereins Gießen Goethes TrauerspielEgmont" in der Besetzung der Erst­ausführung in Szene. Spielleitung hat der 3n*

tenbant; musikalische Leitung: Universitäts­musikdirektor Dr. Temesvary. Anfang 19.30, Ende 22.30 Uhr. Samstag, 15- Oktober, Wie­derholung derEgmonf'-Aufführung als Schuler- Vorstellung zu Schülerpreisen. Beginn: 15 45 Uhr. Die Fremdenvorstellung am Sonntag, 16. Ok­tober, bringt eine einmalige Aufführung der berühmten Hessischen Lokalposse:Der Datterich" von Niebergall. Mit dieser einmaligen Auf­führung das Werk/geht nicht durchs Abonne­ment! wird der Zyklus hessischer Dramatiker eröffnet. Spielleitung und Hauptrolle: Heinrich Hub. Ermäßigte Preise! Beginn: 18-00, Ende: gegen 21.30 Uhr. Ebenfalls am Sonntag, um 22.00 Uhr, erstmalig einNacht-Kabarett", zu­sammengesetzt aus Mitgliedern des Ensembles- DerBunte Abend" bringt ein reichhaltiges Programm an Gesang, Musik und Tanz; eine Vortragsfolge, die in nichts einem Abendpro­gramm eines großstädtischen Unternehmens nach­steht und von gediegener, künstlerischer Qualität ist. Das Gießener Theaterpublikum hat dabei Gelegenheit, unsereNeuen" in eigenen Spezial­ausgaben kennenzulernen. Das Programm wickelt sich unter der künstlerischen Leitung von Heinrich Hub, der auch die Ansage übernimmt, und Karl V o l ck ab. Kapellmeister M o e l hat die musikalische Leitung- Ballettmeister Ewald B ä u l k e und Frau bestreiten den tänzerischen Teil der Darbietungen- Den musikalischen Nah­men bildet ein eigenes Jazzband-Orchester. Ganz kleine Preise.

*

** Anmeldungen zur Jmmatrikula- t i o n. Von der Pressestelle der Universität Gie­ßen wird uns mitgeteilt; Anmeldungen zur Im­matrikulation werden in der Zeit vom 17. Oktober bis 12. November auf dem Universitäts-Sekre­tariat, Bismarckstraße 22 (Zimmer 14), 2. Stock angenommen. Studierende, die bereits in Gießen immatrikuliert sind und ihre Studien hier fortsehen wollen, haben sich in der gleichen Zeit zur Abstem­pelung der Studentenkarte zu melden.

** (Sin Vortrag von Pfarrer D. Fritsch, Ruppertsburg, über das Thema Erziehung dec Kinder zum Gebet", der am näch­sten Freitag im Johannessaal stattfinden sollte, muß wie man uns mitteilt wegen Ver­hinderung des Redners auf Freitag, 21. Oktober, verlegt werden. Nähere Mitteilungen folgen im Anzeigenteil.

** Rücker st attung von nicht abgefah­renen Fahrkarten. Bei der Erstattung von Beträgen für nicht abgefahrene Fahrkarten ist es von dem reisenden Publikum als eine gewisse Härte empfunden worden, daß Beträge unter 50 Pf. nicht zurückoergütet werden. Namentlich berührte dies eigenartig, wenn die nicht abgefahrene Strecke etwa 40 Pf. kostete. Nun soll in dem Rückerstat- tungsverfahren eine Verbesserung erfolgen. Wie der Gewerkschaftliche Pressedienst von der Reichsvereini­gung der Reisenden und Vertreter im Gewerkfchgfts- bunb der Angestellten erfährt, ist bei der Reichs­bahn eine Aenderung der bisherigen Vorschriften bereits eingeleitet worden, fo daß in einiger Zeit von allen beteiligten Dienststellen auch geringere Beträge als 50 Pf., also bis 20 Pf. im allgemei­nen, erstattet werden sollen. Den Reichsbahn-Ver­kehrsämtern ist schon aufgegeben worden, von jetzt an hiernach zu verfahren und gegebenenfalls auch weniger als 20 Pf. zurückzuzahlen, sofern der Fahr­gast einen Rechtsanspruch auf die Erstattung hat und auf Auszahlung besteht.

Keine Wintersportkarten der Reichsbahn. In einigen Zeitungen wurde be­hauptet, die Reichsbahnhauptverwaltung werde im kommenden Winter Wintersportsahrkarten aus­geben. Wie wir aus Kreisen der Reichsbahn- hauptverwaltung erfahren, ist dort von derartigen Plänen nichts bekannt.

Buntes Allerlei.

Romantische Jagd auf ^inberbiebe.

Der Viehdieb ist in früherer Zeit eine beliebte Figur der Romanschreiber gewesen. Dann aber verschwand er aus der Dichtung wie aus der Wirklichkeit, und erst in diesen schwierigen Zeiten tritt er wieder auf. Aus England wird berichtet, daß die Diebstähle von Schafherden dort in letzter Zeit außerordentlich zugenommen haben, und noch schlimmer ist es in Argentinien, wo die Rinder­diebe früher unter den gewaltigen Herden großen Schaden anrichteten. Infolge der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit zahlreicher erfahrener Cowboys ist der Viehraub, der dort fast völlig verschwunden war, plötzlich zu neuer Blüte ge­diehen. Besonders in den weiten Pampas des Sü­dens und in der Nähe der chilenischen Grenze treiben viele Räuberbanden ihr Wesen. Ihre Ta­ten werden ihnen durch die Sparmaßnahmen der Regierung erleichtert, die die Zahl der Polizei­truppen im Lande sehr verringert hat. Ein argen­tinischer Gendarm hat gegenwärtig Hunderte von Quadratkilometern unter seiner Aufsicht, und es gibt Gebiete, in denen das ganze Jahr hindurch fein Hüter der Ordnung gesehen wird. Die Be­wohner dieser Gegenden haben sich daher zu Schuhbanden" zusammengeschlvssen. Auf die Kunde von Vieh-Diebstählen bewaffnen sich die jungen Leute, die zu einem solchen Trupp gehören, mit ihren Gewehren, besteigen ihre schnellsten Pferde und nehmen die Verfolgung auf. Das ist keine leichte Arbeit, denn die Rinderdiebe sind er­fahrene Pampas-Reiter, die bei dem geringsten Anzeichen eines Angriffs im tollsten Galopp da- voniagen. DieSchutzbanden" haben sich daher ein schlaues Verfahren zur Lleberlistung chrer Feinde ausgedacht. Wenn sie einer Räuberbande auf der Spur sind, dann verwischen sie ihre eige­nen Spuren im Sand sorgfältig und lassen eine kleine Rinderherde, die als Köder dient, scheinbar unbewacht weiden. Geduldig warten sie, bis die Räuberanbeihen". Das Erscheinen eines ein­zigen Reiters am Horizont, der in der Nacht als Kundschafter ausgesandt wird, treibt sie in ihr Versteck. Wenn der Kundschafter nichts Gefähr­liches bemerkt, dann bringt er die ganze Bande herbei, die die Herde umringen und forttreiben. Ihre Verfolger warten ruhig, bis die Diebe die Herde auf Öen Trab gebracht haben, und dann brechen sie mit gellenden Racherusen hervor und rasen hinter den andern her, indem sie ihre Flin­ten abfeuern. Die Räuber sind in rascher Flucht durch die Rinder gehemmt, die vor ihnen her lau­fen. Sie müssen um die Herde herumreiten, und das gelingt ihnen meist nicht, so dah sie gefaßt werden. Die nächste Polizeistation wird vielleicht ein paar Wochen später von der Gefangennahme der Räuber benachrichtigt, aber sehr viel häufiger sind die einzigen Spuren, die man von diesen Maßnahmen des Selbstschutzes findet, hier und da ein Skelett, das in der Pampas bleicht, oder ein herrenloser Mustang, der sich in vollem Geschirr halb wild einer Herde von wilden Pferden an- schließt...

Snjeproflroj - ein Wunderwerk der Wasserkraft.

Europas größtes Kraftwerk wirb bem Betrieb übergeben.

Don Hanü Ammer.

In diesen Tagen, wenn die erste Turbine im riesenhaften Maschinenhaus beginnen wird sich zu drehen, wenn die erste Kilowattstunde Elektrizi­tät hinausgesendet wird in ein Riesenwirrwarr von elektrischen Drähten und Anschlüssen, wird Europa nicht nur um eine der größten Fabriken reicher fein, sondern auch die Maschinengläubigen der ganzen Welt werdsen einen neyen Wallfahrtsort zur Verfügung haben, an dem es gewiß sehr viel zu bewundern gibt.

In der südrussischen Steppe, nicht weit von dem Ort, an dem Gogols Kosakenlegenden von Taras Dulba gespielt haben, nicht weit vom Standort der berühmten Potemkinschen Dörfer, ist aus einem kleinen Städtchen, das früher , Zarhzin hieß, ein Riesenkomplex ge­worden, eine Großstadt, die von Menschen, und eine Riesenstadt, die von Maschinen bewohnt wird. 3n knapp fünf Jahren hat sich diese phänomenale Veränderung vollzogen. Hundert­tausende aus aller Herren Ländern, nicht nur Russen, sondern zahlreiche Deutsche und Ameri­kaner, haben bei der Geburt dieses großen Industriezentrums der Sowjet­union mitgewirkt. Zwei Monate vor dem formellen Ablauf des ersten Fünfjahresplanes steht hier alles blitzblank und fertig in der herbstlichen Sonne da. Die Russen haben es sich nicht nehmen lassen, den offiziellen Ein- Weihungstermin auf den 1. Mai, den Festtag der internationalen Arbeiterschaft, zu verlegen. Da aber das Werk erst jetzt dem Betrieb über­geben werden konnte, steht man nicht an, die Eröffnung Dnjeprostrojs nun zum zweiten Male zu feiern.

Was ist der Sinn dieses Riesenwerkes? Unter allen Hauptbemühungen der russischen In­dustrie stand das Schlagwort von der Elektri­fizierung seit Jahren an erster Stelle. Man versprach sich durch die Versorgung großer Teile dieses Riesenlandes mit elektrischem Strom nicht nur den entscheidenden Fortschritt der Technik, sondern auch einen ungeheuren kul­turellen Sprung von der Rückständigkeit des früheren russischen Provinzlebens in die mo­dernste Gegenwart des Sowjet-Staates. Poli­tisch wurde damit ebenfalls die Festigung und Popularisierung der Sowjetherrschaft auch in den südlichen Provinzen angestrebt. Soweit man bis jetzt sehen kann, dürften diese Ziele m der nächsten Zukunft erreicht werden. Dnjeprostro, wird vielleicht für spätere Zeiten als einer der wichtigsten Marksteine in der Geschichte Sowjet» rußlonds einen besonderen Platz beanspruchen dürfen. , _

GS drängt sich die 'Frage aus: wenn die Ge- samtelektrifizierung Rußlands noch, wie gegen­wärtig, stark im Rückstand ist, wohin dann nut dem vielen Strom? Zunächst gedenkt man diese unermeßliche Kraftquelle für die unmittelbare Umgebung auSzunuhen, für die Fabrikstadt näm­lich, die rings um Dnjeprostroj entstanden ist, für das sogenannteDni« Pry- Kombinat".

Dieses Kombinat besteht aus einer Kokerei, die 1,3 Millionen Tonnen Trockenkoks im Jahr pro­duziert, ferner au£ einem Hüttenwerk, dessen vier Hochöfen im Jahre über eine Million Tonnen Roheisen erzeugen, außerdem aus einem Ferro»Legierungswerk, einem Stahlwerk, einem Aluminiumwerk, Zement- und Schamotte­fabriken, chemischen Fabriken, Maschinenfabriken und einem umfangreichen arbeitswissenschaftlichen Institut. Die diesem Riesenkomplex angegliederte Stadt ist auf 100 000 Einwohner berech­net. Schon während der Bauzeit des Kraftwerkes wohnten annähernd ebenso viele Arbei­ter in Stalingrad, wie diese Stadt neuerdings heißt. Sollte aber das gesamte Kombinat voll­ständig arbeiten, dann ist es nicht ausgeschlossen, daß sich der Umfang dieser Stadt bald beträcht­lich vermehrt. Neben dem Kusnetzki-Kombinat im Don<^ decken entstand also hier das größte In­dustriezentrum Räteruhlands.

Dnjeprostroj ist also nur ein Teil aber was für einer! Die Staumauer, 750 Meter lang, 60 Meter hoch, 40 Meter dick, ist schon kilometer­weit vom flachen Lande her zu sehen. Das Elektri­zitätswerk daneben, das größte Europas, wirkt dagegen klein und zwerghaft. Und die Russen, die sich sehr schnell an Kalkulationen mit sechs - und siebenstelligen Zahlen gewöhnt haben, bezeu­gen diesem Koloß gegenüber kaum noch ihre Ehrfurcht. Seit einigen Monaten ist bereits im Wolgagebiet ein Ötaubanim in Angriff genommen worden, der über doppelt so groß sein soll. Die hier erzeugte Elektrizität soll trn Rah­men des zweiten Fünfjahresplanes dazu ausreichen, ein Fünftel der gesamten russi­schen Eisenbahnen zu elektrifizieren, von der an- gegliederten Industrie ganz zu schweigen. Eben­falls liegt ein gleich gigantischer Plan für ein Wasserwerk in Sibirien vor allerdings bis jetzt nur auf dem Papier.

Wer hat nun dieses Riesenwerk in knapp fünf Jahren vollbracht? Die Verflechtung der Na­tionen, die daran Anteil hatten, ist wohl einzig­artig in der gesamten Jndustriegeschichte. Der Plan ging natürlich von der russischen Plan- wirtschaftskvmmission aus, der erste Entwurf stammte von dem russischen Professor Alexandrow, der amerikanische Ingenieur Cooper führte, in harter Konkurrenz mit deut­schen Firmen, denen er schließlich das Nachsehen gab, den Hauptteil der Arbeit durch, und heute ist wiederum ein Russe, der Ingenieur Win­ter, Chefkonstrukteur des Wasserwerkes und technischer Leiter für die nächste Zukunft von Dnjeprostroj. Wenn man schließlich noch die Le­gionen deutscher und amerikanischer Arbeiter be­denkt, die zusammen mit ihren russischen Kol­legen geholfen haben, den Bau zu vollenden, bann steht man vielleicht zum erstenmal vor einer wahrhaft internationalen Schöpfung der Industrie, die ihren Charakter im Dienste der russischen Allgemeinheit gewiß nicht ver­lieren wird...