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Nr. 37 Dritter Blatt gicftener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefsen)Samstag, (3. Februar 1952
Mit Wegener im Grönlandeis.
Dtc 'lleue Aula der Universität war am Don- ner-tagabend b.s auf den letzten Platz besetzt. Die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde und der Deutsch . Oefterre ' ch »fche Alpenverein (Sektion Oberhellen) Patten zu einem Vortragsabend eingelaben. Dr. Ernst Sorge, herzlich begrüßt, sprach über die 6 r - pedition Pros Alfred Wegener« in da- Innere von Grönland, die er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, al» Glaziologe. mit- machte.
Der Vortrag war eine öbrung für We- aener. der bei dieser Expedition bekanntlich den Lod sand. Die Wissenschaft, so sagte der Redner u. a.. verdankt Dr. Wegener viele», die Expedi- tion-teilnehmer verdanken ihm alle« Er war der Führer mit einer Fülle prcttischer Erfahrung. er war der Kämpfer gegen bic Harle Aatur und Vorbild in feder Hinsicht: al- Mensch und Käme- rad gleich einzigartig groß. Seiner klar vorbereitenden Disposition war eS zu verdanken, daß die Expedition auch nach seinem Tode die Arbeit nicht ausgab, sondern das Werk zu Ende führte. Jede« Gebiet, da- die Expedition betrat, war Aeuland, jede Messung von Vedeutung, jede Zahl außerordentlich, gemeßen an den Verhältnissen der bekannten Zonen unserer Erde.
Der Vortragende gliederte seine Ausführungen in drei Teile Er erörterte die wissenschaftliche Arbeit, schilderte die Landschaft und schließlich den Verlauf der Expedition.
Oie wissenschaftliche Arbeit erstreckte sich auf vielerlei Messungen. ES galt, im Dienste der Meteorologie Temperaturen, Feuchtigkeit. Niederschläge. Windstärken. Strah- lungSgradc, den Luftdruck, die Luftbewegung u. a. m. zu messen. Drei große meteorologische Stationen wurden errichtete eine an der Westküste. eine zweite an der Ostküste, und eine dritte — das bedeutet daS außerordentliche und erstmalige — in GiSmitte im Innern Grönlands. Einen Begriff von den Temperaturverhältnissen, unter denen die Wissenschaftler arbeiten muhten, geben einige Zahlen Die maximale Temperatur betrug minus 5,5 Grad EelsiuS. die niedrigste dagegen minus 56 Grad CelsiuS. Ein halbes Jahr lang herrschte eine Temperatur von konstant 41 Grad LelsiuS minu». Die Wissenschaftler waren vor schwerste Ausgaben gestellt. Periodisch auftretende Schnecstürme (bi- zu 20 Sekundenmeter) strapazierten die ExpeditionStcilnehmcr. Der Glaziologe, der Redner dcS Abends, erforschte die Eisdicke, die Bewegung der Gletscher, die Temperaturen in ver ch ebenen EiStiefen. die LiSforma- tionen u.a.m. Durch Echolotung wurde festgestellt, daß das Inlandeis von Grönland eine Starke von 2500 (zweitausendsünfhundert) Meter hat. Die größte Landhohe beträgt 3000 Meter, die Höhe des Lande« in EiSmitte etwa 500 Meter. Dr. Sorge schilderte Grönland alS eine große, mit Eis angefüllte Schüssel.
Grönlands Land und Landschaft zeigte der Redner in schönen Bildern. Grönland umfaßt, nach bekannteren Entfernungen, eine Fläche von Oslo bis Tunis in der Lange und von Frankfurt a. M. bis Krakau in der Breite. Die Stationen Westküste E.smiNe Ostküste lagen je 400 Kilometer voneinander entfernt. Die Expedition nahm trigonometrische Melsungen vor und errforschte die geologischen Formationen. Prächtige Bilder zeigten die Randgebirge in großartigen. pittoresken Formen. Die Forscher Dr. Sorge und ®r Georgi (der Meteorologe) bestiegen einen Berg an der Westküste, der von dem
Bezwinger des Matterhorn», dem Engländer W h i m p e r. für unbestergbar gehalten wurde. DaS Meer und die Fzorde, die Eisberge in vielfältigen Formen, die riesigen Gletscher und daS Vorland mit seinen abgelchlisfenen Hügeln, die vielen vereisten Seen sah man in malerischen und durchaus künstlerischen Bildern Dr. Sorge schilderte sodann die Bewohner Grönland« (insgesamt 16 000), die ESkimoS und die Mischlinge, al» fröhliche, arbeitsame Menschen al» treue Helfer, die beim Wegebau, beim Laftentran»port Vorzügliche» leisteten Aber wenn sie zum Beispiel betm Wegebau einen großen Stein mit vereinten Kräften au» dem Wege geräumt hatten und er kollerte in tollen Sprüngen den Berg hinunter, dann muhten sie, kindlichen Gemütes, erst eine Viertelstunde lachen bi» sie wieder zu arbeiten begannen.
Oie tffpcöifion war gut gerüstet.
Modernste wissenschaflliche Apparate standen der Expedition zur Verfügung, viele Lebensrnittel. Werkzeug. Gebrauch-gegenstände aller Art waren in großen Mengen vorhanden für die Beförderung deS Gepäck» hatte man Hundeschlitten und zwei Propellerschlitten (die aber beide zu Bruch gingen, während die Hundeschi.tlen sich immer alS das zuverlässigere Transportmittel erwiesen). Die Expedition hatte 120 000 Kilogramm Gepäck zu bewegen Die Propellerschlitten machten besondere Schwierigkeiten bei dem Transport in daS Jnlandei«, taten schließlich aber wertvolle Dienste, inmitten einer unendlichen EiSsteppe schulen die Wissenschaftler ein Lager, eine Eisburg, die 1 5 Meter unter der EiSoberfläche lag; 400 Tage verbrachten fle mitten im EiS. Zur 6.«bürg im Inneren de» Landes waren verschiedene Schlittenrcisen notwendig, um alles nötige Material heranzuschaffen Auf der R,ck- sahrt von EiSmitte biS zur Westküste ereilte den Zehrer der Expedition Prof. Wegener das tragische Ende. Er starb — wie, wann was waren die Ursachen seines TodeS? — niemand weiß eS. in grenzenloser Wüste wurde er begraben Eine HilsSexpedition fand nach langem Suchen daS ®rab, daS der Gelährte R a S rn u s s e n dem Führer schuf. RaSmussen nahm, um die wissenschaftlichen Auszeichnungen zu retten, die Tagebücher mit und — kam selbst um. Er wurde bis heute noch nicht gefunden Viel wertvolle« wissenschaftliches Material war mit ihm verloren Eine heroische Leistung vollbrachte Dr. Georgi, der über zwei Monate lang allein in der EiSdurg wohnte, abgeschnitten von aller Welt, die Kameraden im Ungewissen nur wissend, daß die Küstenstation 400 Kilometer entfernt lag. Schwer traf das Schicksal den Mitarbeiter Dr. Löwe. Er erfror sämtliche Zehen (sie mußten ihm in der Gisburg ohne Rarkose mit dem Taschenmesser abgeschnitten werden) und konnte keinerlei wissenschaftliche Arbeit leisten.
Dr. Sorge schilderte schließlich da« Leben in der Eisburg. Ein Leben unter primitivsten Verhältnissen, bei wenig Licht, ohne Heizung, bei ständiger Temperatur von minus 10 Grad Celsius, bei der Arbeit, die stets im Schlaf sack geleistet werden muhte. Er schilderte das Weih- nachtSfest, das gegenseitige Schenken längst gelesener Bücher, und die endliche Rückkehr.
Huldigung für den Führer.
Zum Schluß sprach er noch einmal von dem । toten Führer Wegener habe weitreichende Pläne gehabt, er wollte die zweimalige Durch- I querung de« Lande«. Wegener sei ein Führer | gewesen, der sich nicht im Kommandieren und
Organisieren erschöpfte, sondern immer seine eigene Körper- und Geisteskraft einleotc. selbst seinen Schlitten zog. mit Vorliebe mit feinen zehn Hunden über da» Ei» jagte er war es. der e« serngbrachte, bei 54 Grad Kälte den Knoten, den die wilden Hunde im Geichirrzeug geschaffen hatten mit bloßen Hinden (drei- bi« viermal am Tage) auszulösen. er »cheute keine Mühe und nahm selbst die Eishacke zur Hand, um den Schlitten den Weg zu bahnen So lei er allen ein leuchtendes Beispiel gewesen, ein Führer und Kamerad. ein Mann, der die Wissenschaft mit dem Sport verknüpste und dadurch Leistungen vollbrachte. die einzig daftehen und in 1 einem Werke weiterleben werden. Damit tchloß Dr. Sorge, der junge, nicht allzu kräftig erscheinende Ge- lehrte.
Sein Vortrag war eine lebendige Schilderung der Expedition Er sprach in schlichten Worten von seiner eigenen Arbeit, im Tone der Wert- lchähung und der Hochachtung von den Leistungen seiner Kameraden, und er sprach im Tone herzlichster Verehrung von seinem Führer. Die
vielen Zuhörer dankten ihm mit anhaltendem Beifall Der Abend war ein großes Erlebnis und gleichzeitig eine Offenbarung der Möglichkeiten menlchlicher Kraftentfaltung im Dienste eines hohen Ziele« der Willen'chaft.
Taten für Lamotag, 1.3. Februar.
Sonnenaufgang 7 46 Uhr. Sonnenuntergang: 17.34 Ubr. Tlonbaulganq 9 44 Uhr, Wond- untergang
1419 Stiftung der Universität Rostock
1754 der Diplomat Fürst Tallevrand in Pari- geboren. 1883 Richard Wagner in Venedig gestorben.
Daten für Lonntag. 14. Februar.
Sonnenaufgang 7 44 Uhr. Sonnenuntergang: 1735 Uhr. -- Mondausgang 10.04 Uhr. Monduntergang; 1.23 Uhr
1468 Johannes Gutenberg, der Erfinder der Duchdruckerkunft in Mainz gestorben -- 1779: der englische Seefahrer Farnes Look auf Hawai ermordet
S.Jt.-'fpont
Gpielvereinigung 1900 Gießen.
VfB. Friedberg in Gießen zu Gast.
Am morgigen Sonntag gelangt auf dem Sportplatz an der Liebigshohe daS längst geplante Spiel der Liga der Spiclvereinigung gegen die Ligamannichaft de« VfB. Friedberg zum AuS- trag. Die Blauweißen haben sich einem schweren Gegner verpflichtet. Die Gießener Mann chatten konnten in den bisherigen Kämpfen gegen die Friedberger nur einmal (VfB.) Lorbeeren ernten. Die Friedberger spielen guten Fußball, haben ausgezeichnete Kräfte in ihren Reihen, die Mannschaft ist außerdem TaunuSkrci-meister der gegenwärtigen Saison, und hat die Verbands- spiele in konstanter guter Form hinter sich gebracht. Ss sei daran erinnert, daß eS schon verschiedentlich der VfB. Friedberg war, der den Frankfurter Großvercinen Klassespieler abgab. Man versteht es in Friedberg, jungen RachwuchS heranzuziehen: Echlv, Achart und Möb« Haden in den Frankfurter Mannschaften gute Figur gemacht. Es steht zu erwarten, daß auch die Mannschaft. die morgen den Blauweißen gegenübertritt, ihre ganz bestimmten Qualitäten hat und den 1900cm einen ihrer schwersten Gegner abgeben wird. Aus Grund der Leistungen, die 1930 in der letzten Zeit gezeigt hat, sind die Aussichten auf Sieg nicht überragend groß. Es wird die Aufgabe der Mannschaft sein, sich ehrenvoll zu schlagen. Dem Auftreten der Friedberger sieht man mit großer Spannung entgegen. Die 1900er treten in folgender Aufstellung an: Schmidt: Zeller, Jäckel: Henrich. Langsdorf, Glillch: Lippert, Arnold, Wilhelmi. Heilmann. K. Schmidt.
Die Ligareserve bestreitet am Vormittag ein Ver- bandespiel gegen die 1. Mannschaft von '-Nauborn. Die Gäste find Anwärter auf den Meistertitel ihrer Klasse Das Vorspiel in Nauborn verloren die Gieße- ner überraschend hoch mit 6:1, und sollten für das bevorstehende Spiel darauf bedacht sein, diese'Schnrtc auszuwetzen. Der eigene Platz, der nötige Siegeswille und produktives Spiel sollten die Wege zum Sieg barftcllrn. Die Lehrmannschast empfängt die 1. Mannschaft des FC „Teutonia" Watzenborn- Steinberg auf dem Sportplatz an der Liebigshöhe. Die Teutonen finb Meister der A-Waffe. Die 19<iOer die Meister der B Klasse. Das Vorspiel endete 2:2. Der Ausgang des Kampfes ist völlig offen. Die
Gäste stellen eine der stärksten Mann'chaften, die unsere nähere Umgebung ins Tressen schicken kann.
3ugcnb|plelc.
Die 1. und 2. Jugend bestreiten zwei schwere Wettkämpfe. Die 1. Jugend empfing die vom MB Friedberg. Diefe ist Gruppenmeister und stellt eine schnelle, gut eingespielte Mannschaft, mit hervorragendem technisch in Können, gegen die die 1900er wenig Gbancen haben. Die 2 Jugend fährt zu einem Rückspiel nach Warburg gegen die dortige 1. Jugend der Germanen. Auch hier heißt c«, von Ansang bi« Ende kämpfen. Die Schüler messen ihre Kräfte mit denjenigen au» Muschen- heim. Der Gast ist hier spielerisch noch unbekannt.
VfÄ.-Gießen.
Die Ligarnannfchaft ist am morgigen Sonntag spielfrei. Die x^garcfcioe wird aus dem Platz in Wieseck gegen die 1 Mannschaft de» dortigen Turnverein- antreten. Die Turner stellen eine eifrige Mannschaft Wan erwartet ein schöne« Spiel, da« aber von den Gießenern gewonnen werden mühte. Die 3. Mannschast ist auch spielfrei.
Iugendsplele.
Die 1. Jugend weilt zu Gast bei Germania Marburg und tritt gegen die 1. Jugend des Platz- verein« an. Man darf einen spannenden Kamps erwarten, denn die VfB er sind zur Zeit in guter Form und sollten ihrem gefährlichen Gegner den Sieg nicht leicht werden lassen. Der AuSgang de- Spiele« ist offen. Die 1. Schüler- Mannschaft tritt in Wieseck gegen die dortige 1. Lchülermannschaft an und wirb es nicht leicht haben, einen Sieg zu erringen. Die Wiesecker sind älter, haben mehr Spielerfahrung, sind auch im Spielaufbau besser.
$($. „Teuionia^Wahenborn Steinberg
Am morgigen Sonntag tritt die 1. Mannschaft des FC. „Teutonia" Watzenborn-Steinberg zu einem Rückspiel gegen die 3. Mannschast der Spielocretni- gung 1900 Gießen in Gießen an. Aus den Ausgang des Kampfes darf man gespannt sein. Die Steinberger sind etwas gehandicapt dadurch, daß ber ner letzte Derteibiger ersetzt werben muß. Die 2. Mann schäft spielt gegen bic 1. Mannschaft bes VfR. Lich und hat einen schweren Gegner vor ber Klinge. Die Mannschaft wird sich sehr anftrengen müssen, wenn sie ehrenvoll bestehen mitt.
Äon Geld undüebe.
Vornan von Grete von Goß.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Hall«
11 Fortsetzung Nachdruck verboten
Da« war zum Verzweifeln! Was machte man da? — Ob er sich an Kommerzienrat Munchmeyer wenden sollte? Wieder stieg langsam eine Dlut- welle in sein Gesicht. - Rein! Das ging nicht! Er durfte MünchmeyerS Güte nicht zu stark in Anspruch nehmen. Er ging in Gedanken die Reihe seiner Freunde durch. Da war kein einziger, der über eine so große Summe frei verfügte. — Burda, der ihm damals das Geld zum Spiel geliehen, war nicht mehr in Berlin.
Gisevius räusperte sich.
.Gestatten Sie eine Frage. Herr Tönnie«: Wissen die Ihrigen von dieser Schuld?"
„Olein. Rur ich wußte darum. Für mich hat mein Vater seinerzeit das Geld aufnehmen müssen"
„21ha! Ruit verstehe ich! Es ist Ihnen peinlich, mit den Ihrigen davon zu sprechen?"
„Richt nur das — es wäre entsetzlich! Es darf nicht geschehen. Ich muß zusehen, da« Geld herbeizuschaffen. Ich weiß im Moment zwar nicht, wie."
„Wäre das möglich?" .
„Ich will es mir überlegen. Dtelleicht ließe e« sich machen."
Gisevius versank in Rachdenken. Endlich sagte er:
„Da fällt mir ein: Sie find verwandt mit Doktor Fahrenkrug?"
„Richt verwandt — nur befreundet.
„Ach so! Run. einerlei! Wa« nicht ist. kann ja noch werden."
Hans-Achim, der diese Anspielung unbeachtet ließ, sah Gisevius erwartungsvoll an.
„Also, wie wär « - - Sie bitten Doktor Fahrenkrug darum. Bürgschaft für Sie zu übernehmen? Seine Bürgschaft würde mir vollkommen genügen. Ich glaube, er wird es bestimmt tun. Versuchen Sie jedenfalls Ihr Heil bei ihm."
Hans-Achim versprach es.
„Wie lange geben Sie mir Frist, Herr ®t- sevius?"
„Dazu brauchen Sie doch nicht viel Zelt! Sagen wir. bis zum ersten April."
„Dis dahin sinb nur drei Wochen. — Geben Eie noch zwei B ochon zu."
„Run gut! Wu -ie wollen!"
Er erhob sich, reichte Hans-Achim die Hand und verlieh, von ihm begleitet, die Wohnung.
„Wer war das?" fragte Eva. die Gifeviu« bereingclaffen hatte.
„Ein Bekannter Papas", erwiderte Han«-
Achim, und hatte dabei daS peinliche Gefühl, nicht die Wahrheit zu sprechen...
Am anderen Tage ging Hans-Achim zu Fahrenkrug.
Das Mädchen, das ihn einlieh, sagte: „Herr Doktor ist noch nicht von seinen Krankenbesuchen zurück."
Schon im Begriff, wieder zu gehen, klingelte es an der Tür. Der Doktor erschien.
„Ah. sieh, da. Besuch!" rief Fahrenkrug und streckte Hans-Achim die Hand entgegen. Während er seinen Mantel aus.zog und am Garderobe- ständer aufhing, erkundigte er sich nach Tönnies' Wünschen
„Ich bin gekommen. Sie um eine große Gefälligkeit au bitten, Doktor."
„Es sollte mich freuen, wenn ich sie Ihnen leisten kann", erwiderte Fahrentrug verbindlich, aber der Ausdruck seine« Gesichts wurde um eine Ruance kühler. Er öffnete die Tür zu feinem Arbeitszimmer und ließ Achim vor an gehen.
„Rehmen Sie, bitte, Platz. Herr Tönnie«."
Er rollte einen Seffel neben feinen Schreibtisch. ließ sich in seinen Schreibtischsesfel nieder und sah dann mit forschendem Blick in Hans- Achims Gesicht. Vor diesem Blick schwand Hans- Achints Mut. Er bereute jetzt bereit« seinen Entschluß. Es kostete ihn Uebcnüinbung, von der Sache, die ihn hergeführt, zu sprechen. Aber schließlich gelang c« ihm doch.
„Tja — da« ist nun sehr schlimm", tagte Fahrenkrug, al« Hans-Achim seinen Bericht beendet hatte. „So recht begriffen habe ich die Sache eigentlich noch nicht. Rämlich das nicht, warum Sie allein die Tilgung der Schuld übernehmen wollen? Sie mühte doch au« der Erbmasse getilgt werden."
„Ich sagte Ihnen bereit«, daß mein Vater seinerzeit das Geld ausgenommen hat, um c« mir zu geben. — Ich hatte Schulden."
„Aha! Soso! Ja — dann allerdings!"
Er ließ eine Pause ein treten, während der er nachsinnend vor sich niedersah.
Endlich hob er den Blick zu Hans-Achim und fragte:
.Wie dachten Sie sich denn die Regelung der Schuld?"
„Gisevius gibt mir fünf Jahre Frist. In dieser Zeit, meine ich. sollte es mir wohl gelingen, die Summe abzuzahlen."
Fahrenkrug machte eine wiegende Äopfbcme- gung. Er sagte, indem et die Worte kurz abbackte:
„Ra — hören Sie mal —, das erscheint mir bei dem Einkommen, das Sie in Zukunst haben werden, doch sehr zweifelhaft."
Durch Achim zuckte der Gedanke: Du hättest doch besser daran getan, dich Wünchmeher zu offenbaren.
„Möglich, daß es mir nicht gelingt", gab Hans- Achim zu und erhob sich.
Fahrenkrug änderte sofort feine Haltung.
„Aber, bitte, fo behalten Sie doch Platz. Man muß doch ins Reine kommen. Sie werden begreifen, daß ich mich orientieren muh. Ich bin kein reicher Mann. Was ich besitze, habe ich mir selbst verdienen müssen."
„Ich will Sie nicht an Ihrem Besitz schädigen. Herr Doktor! Ich will auch nicht, dah Sie ein Risiko eingehen."
„Davon kann ja gar nicht die Rede fein, Herr Tönnies. Sie find nicht ohne Vermögen. Sie sind doch Miterbe Ihres väterlichen Haufe«. Ich wäre alfo, wenn ich für Sie Bürgschaft übernähme, durch Ihren Besitzanteil am Hause gesichert."
„Mir steht kein Besitzanteil zu. Korrekter aus- gedrückt: ich beanspruche keinen. Da« Hau« soll meiner Mutter und meiner Schwester gehören. Die geringen Einkünfte, die sie aus ihm beziehen, dürfen nicht gekürzt werden."
Fahrenkrug zuckte mit den Achseln.
„Das ist sehr nobel von Ihnen gedacht, aber nicht praktisch Wenn man selbst in mißlicher Lage ist — verzeihen Sie, daß ich do« erwähne bann verzichtet man nicht auf ein Vermögen. Aber natürlich ist das ganz Ihre Sache.'
Run hatte auch er sich erhoben. Beide standen sich sekundenlang gegenüber.
-Ich habe nicht .Rein!' gesagt, Herr Tönnie«! Ditte, geben Sie mir nur Zeit, in Ruhe über diese Angelegenheit nachzudenken."
„Am fünfzehnten April muß ich Gisevius Bescheid geben , erwiderte Hans-Achim
Fahrenkrug- schmale Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
„Dis dahin sind es noch drei Wochen. In drei Wochen kann viel geschehen."
Er begleitete Hans-Achim hinaus, reichte ihm noch einmal die Hand und sagte.
Also ich werde zusehen, was sich madjeii läßt."
War das nun ein Versprechen? Hans-Achim war sich nicht ganz klar darüber.
Diel Hoffnung, daß Fahrenkrug ihm hellen würde, hatte er nicht Er würde am Ende doch Wünchmeher bitten müssen, ihm zu helfen.
Am Abend dieses Tages holte er Helene Scha- dvw vom Geschäft ab.
Er hatte es lange nicht getan. Helene war sehr erfreut darüber.
„WaS machst du denn?" fragte sie. „Bitte, erzähl' doch, wie eS dir geht. Ich habe dich eine Ewigkeit nicht gesehen Jeden Morgen habe ich mir den Hals nach dir verrenkt, aber dich nicht ein einziges Wal gesehen. Gehst du denn gar nicht mehr ins Kolleg?"
Hans-Achim schlug vor, einen Gang durch den Tiergarten zu machen. Helene toilligtc erfreut ein. Es war »chon so frühlingsmähig schön.
Zwar lag noch Schnee auf den Beeten, und bic Wege waren feucht Man mußte um Schmutz
Pfützen herumgehen, aber im kahlen Gezweig der Sträucher zwitscherten Vögel
„Wie dankbar diese kleinen Tierchen sind", sagte Helene. „Beim ersten Sonnenstrahl vergessen sie. wie schwer sie sich durch den Winter gekämpft."
Hans-Achim nickte.
..3a, wir könnten von Ihnen lernen."
Sie gingen eine 'Weile schweigend dahin, dann erzählte Hans-Achim, daß er fein Studium aufgegeben habe, um Geld zu verdienen.
„Womit willst du Geld verdienen?" fragte Helene. „Ach. Hans-Achim, da« mußt du dir nicht so leicht vorstellen "
„Ich habe bereit» eine Anstellung, Lene"
„Ah. wirllich!" rief sie erfreut, und hielt unwillkürlich ihren Schritt an.
Auch Hans-Achim blieb stehen Beide standen sich gegenüber.
„Wo, Hans-Achim?"
„3n einer Bank "
„In einer Dank?" wiederholte sie Unb bann fügte sie rasch hinzu ..Run verstehe ich: du trittst in die Münchmetzersche Dank ein."
Er bejahte. Ihr Blick glitt von ihm ah. ging in bic Ferne Er hatte auf einmal den Ausdruck unendlicher Traurigkeit.
HanS-Achim ergriff ihre Hand unb fragte: „Freut dich das denn nicht?"
„ Für dich - ja!"
„llnb für dich etwa nicht? fragte Hans-Achim ungeduldig
Sie schüttelte mit dem Kopfe.
„Hein, Achim!" Langsam wandte sie tk*n Blick wieder zu ihm hin, tat) ihn an.
„Du weißt das ja auch", sagte sie leise
„Was soll ich wissen? Ich weih nur, daß ich in Zukunft zweihundert Wart im Monat verdienen werde. Und nach Verlauf von zwei Jahren — dreihundert. DaS ist doch schon eine ganz gute Aussicht! Wan kann doch hoffen..." Erschrocken über seine eigenen Worte, hielt er inne Mar es nicht ein Unrecht, Helene Hoffnung zu machen? Woraus konnte er denn hoffen? Die Summe, die er aufbringen muhte, mochte ja jegliche Hoffnung zunichte. Ich mühte Helene gegenüber aufrichtig sein, dachte er Ich müßte ihr alle« sagen Aber er brachte nicht den Mut dazu auf.
„Gehen wir doch weiter", sagte sie.
„Ja — gehen wir."
Hie sprachen wenig miteinander. Don dem, was werden würde, fiel kein Wort. Sie machten den ganzen langen Weg vom Tiergarten bis in die Grvßbeerenstrahe zu Fuß. betraten zusammen das Haus. Vor der Tönniesfchen Wohnungstür blieben sie einen Augenblick lauschend stehen. - Hans-Achim zog Helene schnell an sich und küßte ihren Mund
„Sei nicht traurig. Lene", flüsterte er ihr „Alles wird gut werden." i Fortsetzung folgt)


