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Ur.UO Zweites Blatt
Tiehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Aus der Provinzialhaupistaöt.
Dietzen, den 12. Mai 1932.
Oer Speisezettel im Zrühjahr.
Don Dr. Wolfgang Schmidt, Aschaffenburg.
Wenn die Hausfrau im Frühjahr von den Einkäufen heimgeht, dann follten in ihrer Markt- laiche nicht die ersten Sendboten fehlen in Gc> ftolt von frischen Gemüsen und Salaten Auch die minderbemittelte Bevölkerung, die sich schwer ent- j schlichen kann, „nur für Grünzeug" Geld auszu- j geben, sollte auf die Bereicherung des Speisezettels nicht verzichten, wenn sie Gelegenheit hat, cuS der Stadt herauSzukommen und an Weg-- rainen, in Bächlein und auf Feldern allerhand gesunde. billige und schmackhafte Dinge zu sammeln, wie die ersten Triebe des Löwenzahns, der Salat und feine» Gemüse gibt, ferner Kresse und Feldsalat. Die ersten Triebe der Brennessel können alS Spinatersay Verwendung finden, solche des Köpfens (Hopfenspargel) als Salat. Wer ein kleines Gärtchen sein eigen nennt, oder cS in I Pacht hat. wird nicht verfehlen, auch Frühgemüse. Äadicschen. Lauch und ähnliches rechtzeitig zu bauen und damit seine Tafel zu bereichern.
Der Markt bietet allerlei grüne Kräuter als Zutaten für eine „FrühjahrSsuppe": bald kommen Spinal, dann Salate aller Art. Radieschen und Rettiche zum Berkaus. Der Spargel folgt nach, und für die Hausfrau ist die schlimme Zeit der Frage ..waS koche ich nur heute?" dann zu Ende.
Schon im Mittelalter, als man noch nicht wuhte, i«h das Blattgrün der Pflanzen dem Blut- 'orbstoff des Menschen so verwandt und deshalb lir die Ernährung so wichtig ist, hat man „Früh, ehrskuren" diätetischer Art gemacht. Die Fasten» T«it der Kirche mit dem Fleischverbot wies die Menschen auf den Benutz von frischen Gemüsen hin und hatte damit auch eine hygienische Be- iicutung.
Jetzt wissen wir, datz die Vitamine gerade in der Kost der letzten Wintermonate am meisten fehlen, in einer Zeit in der unser Organismus durch Umbau der Körperzellen besonders bcan- ! spracht ist Darum sind wir auch zu Beginn des Frühjahrs so müd und so schlapp. Wenn wir iwn in dieser Zeit unseren Speisezettel dahingehend berichtigen, baff1 wir viel frisches Gemüse, viel grüne Salate zu unS nehmen, dann kommen wir bestimmt besser über diese kritische Zeit hin- tocg. Gins noch richtig zubereitet müssen diese -orten Vaturkinder werden, wenn sie nützen sollen. Kein stundenlanges Kochen, kein Wegschütten der Brühe, das ist barbarisch und unhygienisch zugleich Mil ein wenig Geduld wird jede Hausfrau ct dahin bringen, richtig zu kochen und. wenn such nicht jeden Tag. so doch mehrmals in der Bloche ein Frühlingsgericht aus den Tisch zu bringen, ohne datz dos Haushaltsgeld zu seyr darunter leidet.
Kein freiwilliger Arbeitsdienst
I in Gießen?
Während in zahlreichen Orten der Provinz Oberhcsscn der freiwillige Arbeitsdienst zur allgemeinen Zufriedenheit der De- rölkerung schon seit langem im Gange ist und läglich immer neue Meldungen über die 3nan- Wfpruchnahme dieser Beschäftigungsmöglichkeit an
weiteren Plätzen vorliegen. ist eS in Dietzen bis jetzt noch immer nicht gelungen, den guten Ge- donken des freiwilligen Arbeitsdienstes in die Tat umzusetzen Der Werbe- und SommelauS- 'chuß der Gietzener Winternvthilfe hatte zwar Ichon anfangs Februar einstimmig einen Antrag angenommen, durch den die Stadtverwal- I u n g oufgesordert wurde, der freiwilligen Ar»
Vornan von Gert Gothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Hall».
13 Fortsetzung. Vachdruck verboten 1
.Schlutz also! Endgültig Schlutz! Da ist nichts nrehr zu ändern. AnSbrück schweigt sich so beharr- l ch aus. weil er Lisa nicht noch mehr blotzstellen ,Drill. Ich könnte heulen, datz man diesem hoch- k anständigen Kerl nun in Zukunft fremd sein soll."
Tiefsinnig starrte er au Boden. In Traute regte Dich plötzlich ein Gefühl für die Schwester. Sie ficnb auf und sagte trotzig:
.Dos war ja schon immer so. Der Mann darf t.drn ui* lassen, was er will. Kommt es einmal ans Licht, daän lacht man über die Frau und gönnt es ihr noch obendrein. Geht aber die Frau auch nur cincn^Lchritt vom Wege ab. dann richten ach aller Augen auf sie. Sie ist für immer ein chwarzes Schaf und wird verachtet. Was wird gStfa denn schon getan hoben? Er gibt ja auch nur Abneigung an und datz er ihre Launen nicht mehr ingcr ertragen könne. Es wäre doch immerhin nüglid), datz der Herr Doktor von sich aus gern frei sein möchte, weil er eine andere kennengelernt fat?"
Sprachlos sah Rittergutsbesitzer von Polzen- jhagen seine Frau an. Eine ganze Weile brauchte x, ehe er Worte fand. Dann aber wetterte er loS:
.I sieh mal an. meine kleine Krabbe. Run Darüber werden wir uns gelegentlich mal eingehend unterhalten, wenn toir allein in unferm alten, schönen Polzenhagen sein werden. Denke )u nur ja nicht etwa, datz du ähnliche Mätzchen nachcn kannst. Ich lasse in dieser Hinsicht genau wenig mit mir spatzen wie Ansbrück. Besinn |)id> lieber beizeiten!"
Traute von Polzenhagen schwieg Sie wußte, iatz es nicht ratsam war. ihn jetzt zu reizen Pa bei sah er gerade in seinem ruhigen Zorn sehr gut aus.
Frau von'Massow erhob sich
.Ich werde mich um den Kaffee kümmern" Traute legte den Arm um die Mutter: .Aber ich helfe dir. Muttchen"
Ernst von Polzenhagen lächelte spöttisch. Aha, ! Ktaute entfloh der Gewitterschwüle!
Die Generalswitwe sagte leise:
■ .Ich werde hier die Wohnung auflösen Ich ille Frau brauche diesen großen Hausstand nicht. Pann komme ich auch sehr gut mit meiner Pension aus und entlasse die zwei Mädchen Eine Auf- IOrtung tut es auch. Ich bitte dich, vorläufig a'.chts an mich zu zahlen lieber Ernst."
»Ja, Mama, ich hätte aber tatsächlich sehr gern..." .
Oer „soziale" Kurs der Reichsbahn.
Kein Entgegenkommen bei den Gommei-urlaubskaeten der Reichsbahn.
Der Derkehrsbund Oberhessen hatte, wie von unS berichtet, in feiner diesjährigen Hauptversammlung am 2. Wai einstimmig eine Entschließung angenommen, die von der ReichSbahnver- waltung eine Aenderung der Be ft immun g e n über die Sommer-Urlaubs- f a r t e n forderte. Es wurde verlangt, datz diese Karten nicht erst bei einer Entfernung von mindestens 200 Kilometer gelten, sondern schon von 50 Kilometer ab zur Verfügung stehen sollten, ferner datz die Rückfahrt mit diesen Karten nicht erst vom 11., sondern bereits vom vierten Tage ab möglich fein sollte. Diese Entschließung wurde vom Vorstand des Derkehrsbundes Oberhessen der Reichsbahn-Hauptverwaltung in Berlin und der Reichsbahndirektion Frankfurt a M. sofort zur Kenntnis gebracht und damit die vom Hessischen Derkehrsverbanö in Darmstadt unternommenen gleichen Schritte unterstützt
. Leider sind diese Bemühungen der beiden hessischen Derkehrsorganisationen — denen sich gleichartige Forderungen aus anderen Teilen des Reiches zugesellt hatten — erfolglos geblieben. DieReichsbahnverwaltung hat bei dicsenWünschen, die den wohlverstandenen Interessen der breitesten Bevölkerungsschichten und auch der Reichsbahnverwaltung selbst entsprechen das erforder
liche Entgegenkommen nicht bekundet. Die Reichsbahn-Hauptverwaltung hat die erbetenen Erleichterungen glatt und kurz a b g c I e b n t und. wie wir erfahren dem Verkehrsbund Oberhesfen in einem Schreiben vom 9. Mai folgendes nutge- teilt:
Die Bedingungen unter denen die Fahrpreisermäßigung gewährt werden soll, sin- unter sorgfältiger Abwägung sowohl der Interessen der Reifenden wie derjenigen der Reichsbahn eingehend erwogen worden Insbesondere kann
l.die Fahrpreisermäßigung n'cht schon vor dem l.Iuni d. I. ringe fuhrt,
2. keine größere Ermäßigung als 20 v H. gewährt.
3. die Mindestentfemung von 200 Kilometer nicht verkürzt und
4. die Rückreise nicht schon vor dem elften Gel- tungstage der Sommerurlaubskarte zugelassen werden"
Für diese sehr bedauerliche Entscheidung der ReichSbahn-Hauptverwaltung werden weiteste Bevölkerungskreise. - insbesondere die Leute mit geringen Geldmitteln und mit kurzer Feriendauer, sicherlich kein Verständnis aufbringen
beitsdienst auch hier durchzuführen. Bis jetzt ist aber noch nichts bekannt geworden, datz von der Stadt aus in dieser Sache etwas geschehen wird. Die guten Erfahrungen, die man an anderen Orten mit dem freiwilligen Arbeitsdienst schon zur Genüge gemacht hat. dürften e» angebracht erscheinen lassen, datz man nun endlich auch in Gießen zur Tat schreitet. Hoffentlich werden wir recht bald über entsprechende Maßnahmen der Stadtverwaltung berichten können.
Bornotizcn.
— Tageskalender für Donnerstag. Obertzefsifche Gesellschaft für Natur- und Heilkunde: 20.15 Uhr, Hövsoal des Botanischen Instituts (Brand- platz), Sitzung. — Verein Volkshochschule: 20 Uhr, Universität. Hörsaal 33 Mitgliederversammlung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Seitenspringer". — Astorio-Lichtspiele, Seltersweg: „(Eine Woche unter Apachen" unb^Die kokette Frau" — Wiesecker Lichtspiele: „3m Westen nichts Neues".
— Aus dem S t a d 11he a t e r b u r e a u wird uns geschrieben: Morgen, Freitag, 13. Mai, erste Wiederholung des erfolgreichen Rachkriegs- schaufpielS von Hermann Sudermann „Die Entscheidung der Lissa Hart". Die Vorstellung gilt als 30. Vorstellung im Freitag-Abonnement zu gewöhnlichen Preisen. Beginn 20 Uhr, Ende gegen 22.30 Uhr. Spielleitung Peter Fasso11. — Sonntag, 15. Mai, als Fremdenvorftellung zu kleinen Preisen die „Fausf-Inszenierung des Intendanten Dr. Rolf P r a s ch.
’• Senkung der Pflegegeldsatze in den Gießener Universitätskliniken. Der hessische Minister für Kultus und Bildungswesen hat im Einvernehmen mit dem Finanzminister die Pflegegeldsätze für die Kranken in den Universitätskliniken in Gießen auf Grund des inzwischen einge- tretenen Preisabbaues mit Wirkung ootp 10. Mai ab ermäßigt. Für die Kranken III. Klaffe betragen sie 3,80 RM. täglich, während für 11. Klasse 6,50 bis R RM.. für I. Klasse 10,— bis 22,— RM. erhoben werden. Die Nebenleistungen werden besonders be-
„Das weiß ich ja. lieber Sohn. Doch laß es nur sein! Wenn ich einmal leichtsinnig gewesen bin und nicht auskomme, dann wende ich mich bestimmt an dich, das verspreche ich dir."
„Gut, Mama. Aber nicht vergessen, ilnb du kommst doch jedeS Jahr zu uns in die Sommerfrische. Vielleicht----hm!"
Sie sahen sich in die Augen und verstanden sich.
Frau von Massow sagte leise:
„Mache es dir bequem, Ernst, und rauche ein bißchen. Wir kommen bald zurück."
Er nickte. „Werde ich tun, Mama. Danke sehr für deine gütige Raucherlaubnis."
Die Damen gingen hinaus
Ernst von Polzenhagen brannte sich eine Zigarette an und rauchte mit Genuß. Er hatte es tatsächlich schon vermißt. Rebenbei vertrieb er sich die Zeit damit, den Kanarienvogel zu ärgern, indem er den Finger durch die Stäbe des Käfigs steckte und seine Freude daran hatte, wie der Vogel erbost pickte.
Auf einmal hörte er das Rauschen eines seidenen Frauenkleides. Gr wandte sich um.
Seine Schwägerin Lisa! Wahrhaftig, er hatte sie nicht einmal hereinkommen hören. Diese schleichenden, katzenartigen Schritte konnte er nicht leiden.
Er legte die Zigarette weg.
.Du willst mich sprechen, Lisa?"
Sie legte beide Hände auf feinen Arm:
.Ernst, was -- hat Rudolf gesagt?"
„Tja, Kind, da ist Hopsen und Malz verloren. Finde dich lieber mit der Tatsache ab. sonst wirst du nämlich bloh noch unglücklich. Es stimmt eben wieder einmal: Bei allem, was du tust, bedenke das Ende! Run ertrag es auch! Du hast doch auch erst nicht daran gedacht, daß du Rudolf auf keinen Fall eindühen möchtest."
Lisa sah ihn an:
„Du hättest ihn zwingen, ihn irgendwie packen müssen. Aber ich habe ja niemand. Riem and!"
Gr lächelte gutmütig auf sie herab:
„Doktor Ansbrück zu was zwingen? Kind, wie wenig du den Mann kennst, trotzdem er so lange der deine war Zwingen! Das Wort kannst du in bezug auf diesen Mann nicht anwenden. Hätte ich schon getan, wenn es möglich gewesen wäre. Sag mir lieber mal ganz offen, was eigentlich los war zwischen euch?"
Lisa senkte den Kops, wandte sich ab.
.Ich kann es dir nicht fagen, Emst."
„Schön! Dann sei zufrieden, wie es ist."
Lisa wandte sich ihm wieder zu. Uni> jetzt lag es wie Verzweiflung in ihren Augen:
.Emst, Mama sieht mich an. als sei ich allein schuld an Papas Tode. Ich halte es hier nicht aus. Darf tch mit nach Polzenhagen kommen?"
„Für immer?“
„Rein! Rur so lange, bis ich irgendeinen Entschluß gefaßt habe."
„Gewiß, Lisa. Du bist in Polzenhagen will-
rechnet. Für die Krankenkassen ufw. sind diese auf 1,20 RM täglich gesenkt worden. Naßere Auskunft erteilt die Verwaltung der Universitätskliniken in Gießen.
* * Die Gießener Geldinstitute geben in unserem heutigen Anzeigenteil bekannt, daß ihre Geschäftsräume und Kassen am Samstag, 14. Mai, für jeglichen Verkehr geschlossen sind.
*' (Ein DDA.-Sonderzug zur Psingst - fahrt nach Elbing, mit dem viele VDA. (Verein für bas Deutschtum im Ausland) • Mitglieder aus Hessen nach Ostpreußen fahren, trifft heute um 15.29 Uhr auf dem Bahnhof. Gießen ein und wird 15.33 Uhr seine Fahrt fortsetzen. Der Sonder zug, den in Gießen 33 Fahrtcilnehmer besteigen werden, fährt über Berlin nach Stettin, von wo aus die Reise mit dem Dampfer über die Ostsee nach Pillau und dann durch das Frische Haff bis Elbing fortgesetzt wird.
• • D i e 8. A D A C. - Re i ch s f a h r t passiert morgen Gießen. Wie die Geschäftsstelle des 2hito- und Motorrad-Club e. V. Gießen, Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs, uns mitteilt, passieren die Teilnehmer der X. ADAC - Reichssahrt morgen. Freitag, gegen 14 bis 16 Uhr aus Richtung Wetzlar kommend folgende Straßen unserer Stadt: Frankfurter Straße, Westanloge, Südanlagc, Ostanlage, Marburger Straße. Diese 8. ADAC.-Reichsfahrt soll der Förderung des Motorsportes und der Motortouristik dienen und wird als Zuverlässigkeitssahrt mit eingeschalteten Son- dcrprüfungen dnrchgefuhrt. Die gesamte Strecke beträgt 1862,4 Kilometer und ist in 5 Fahrtagen eingeteilt. Heber 90 Wagen und Motorräder werden sich an dieser Fahrt beteiligen
" Die Wiedereinrichtung gekündigter Fernsprechanschlüsse ist von der Reichspostverwaltung wesentlich erleichtert worden Durch eine Verordnung vom 19. März ist. wie die Oberpostdirektion Darmstadt uns heute mitteilt, folgendes angeordnet: Wird die Wieder- einrichtung von Fernsprecheinrichtungen innerhalb eines Jahres nach der Aushebung beantragt. so wird auf die erneute Zahlung des
kommen. Aber wirst du zunächst nicht hier nötig sein? Du wirst doch Verschiedenes mit deinem Anwalt zu besprechen haben? Auch wenn du nicht persönlich vor Gericht zu erscheinen gedenkst?"
„Ja, das ist wohl wahr Da muh ich eben vorläufig bleiben. Don Polzenhagen bis hierher ist es viel zu weit, um jedesmal fahren zu können, wenn ich hier gebraucht werde."
Sie sah elend aus. Hatte eigentlich gar nichts an sich von der schönen, lebensprühenden Lisa, die sie immer gewesen. Cs fiel ihm jetzt erst aus.
„Schaust miserabel aus. Einer Riesendummheit braucht man aber noch lange nicht eine zweite hinzuzufügen Sorg also jetzt erst einmal für deine Gesundheit und komm mit nach Polzenhagen. Geh jeden Morgen in die Schneeluft hinaus! Gewinne der Ratur ihre besten Seiten ab, und dann wirst du wohl auch wieder vernünftig toerben!"
„Ich danke dir, Emst. Vielleicht läßt sich die Angelegenheit mit — mit der Scheidung noch etwas hinausschieben?"
„Ree! Aber cs geht sowieso nicht so schnell. Ich werde Ansbrück verständigen, daß ich dich mit nach Polzenhagen nehme, und dann wird er sich schon danach richten."
Da nickte sie. ilnb sie suhr mit.
Von ber Bahnstation — ein ganzes Stuck hinter Stettin — klingelte bann ber Gutsschlitten mit ihnen über die ebene Straße. Ganz grell-weiß schien die Sonne, und Wild kam langsam hintereinander an das Dors heran, durch das man eben fuhr.
Ein anderer Schlitten kam vorüber. Ein riesiger blonder Mann saß darin. Fröhlich rief er einen Gruß herüber, während seine Hand spielend die Rappen zügelte.
Emst von Polzenhagen erwiderte den Gruß. Die Damen nickten.
„Der ßübcrih! Großartiger Kerl! Was der in kurzem aus seiner von seinem Onkel geerbten Klitsche gemacht hat! An solch einen herunter- gewirtschasteten Kasten, wie es ber Delchower Hof war. würde ich mich nicht gern heranmachen. Man sieht da im Anfang kaum nur den allergeringsten Erfolg. Ra. er har es aber geschafft. Ünb feine Frau schneidert sich ihre Kleider selbst Die zwei passen wirklich zueinander Sie haben beide Lebensart."
Emst von Polzenhagen sagte es eifrig und lobend.
Traute sah ihren Mann wieder so merkwürdig an. Er dachte Was hat sie denn eigentlich? Er zerbrach sich ein Weilchen den Kops, dann lieh er das Grübeln fein. Ich werde es schon noch erfahren, dachte er gemütlich.
Aber er erfuhr es nicht. Eine Woche war nun schon vergangen, seit Lisa hier in Polzenhagen weilte. Sie befolgte tatsächlich den Rat des Schwagers und ging täglich ins Freie. Sehr lange, einsame Spaziemänge unternahm sie, und es gefiel ihr sogar. Wenn sie dann müde nnb
Donnerstag, (2. Mai 1952
Apparatbe:tragS und aus die laufenben Gebühren für bic Zwischenzeit verzichtet, wenn die Kündigung nachweislich infolge wirtschaftlicher Rottage ausgesprochen worden ist. Jedem Teilnehmer wird die Vergünstigung für jede Einrichtung nur einmal gewährt. Die Vergünstigung mutz beantragt werden
• • Völlig unbeteiligt Auf Wunsch teilen wir mit, daß die Schausteltersamilien Schmidt und Schwarz an den Vorgängen vor der bedauerlichen Bluital am Montagabend Ecke Bahn- hofstraße-Reustadt und auch an der Tat selbst völlig unbeteiligt sind.
•• Schaufen st crcinbruch Der Polizeibericht meldet: In der letzten "stacht, kurz nach 3 Uhr, wurden zwei Schausensierscheiben des Herren Kon- fektionsgeschastes Kohler (Settersweg) mit etwa 30 X 20 cm großen Steinen eingcworsen und die ausgelegten Anzüge und Mantel gestohlen Cs han- beit sich um einen Kammgarnanzug (mittelgrau), einen Sportanzug (Marke „Opcco"), einen hellgrau gestreiften Rock, einen Marengomantel (Fischgrätenmuster, Marke „Aqua-Toco"), einen Gabardine- Mantel (hellfarbig, Marke Aqualile), einen Gabardine. Mantel (schwefelsarbig, Marke „Coruscus"), einen Gabardine Mantel (modefarbig, Marke „Aqualana"), einen Gabardine-Mantel (hellfarbig), einen Batist- Mantel (hellfarbig, Marke „Eres"), einen Reise- Mantel (hellgrau) und einen Oelseiden-Mantel (Marke „Nibelungenhaut"), im Gesamtwerte von etwas über 600 Mark. Es kommen als Täter drei, möglicherweise auch vier Männer in Frage, von denen der eine mit einem dunklen Mantel, vermutlich Gummimantel, und Patschkappe bekleidet war. Zum Wegtransport des Diebesguts benutzten die Täter einen Personenkraftwagen, den sie vorher mittels Einbruchs aus der Garage des Fabrikanten Wilhelm Po p p e in der Rodthohl entwendet hatten. Beim Einwerfen der Scheiben ließen die Tater den Motor des Wagens mit höchster Tourenzahl laufen, um das Scheibengeklirr zu übertönen. Einer der Tater saß im Notsitz und nahm die Kleidungsstücke in (Empfang. Bei dem Wagen handelt es sich um einen zweisitzigen Wanderer Wagen, 10/50 PS, von graubeiger Farbe, der nach soeben eingegangener Mitteilung in Bürgel (Kreis Marburg) herrenlos ausgesunden wurde. Von den Tätern und Kleidern fehlt noch jede Spur.
Große Strafkammer Gießen.
• Gießen, 10. Mai. Unter Ausschluß ber Oeffentlichkcit wurde gegen einen ßanbtoitl wegen Sittlichkeitsverbrechens verhanbelt- Er war vorn Bezirksschösfengericht zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worben, weil er sich an einer .Geisteskranken vergangen hatte. Dagegen.verfolgte er Berufung. Das Urteil würbe aufgehoben Rach ber mündlichen ilrfciläbegtünbung konnte ihm nicht nachgewiesen werben, baß er den GeisteSzuftanb des Mäbchens gekannt hatte. Er wohnt nicht im gleichen Ort. und nach dem amtsärztlichen Gutachten, wie auch nach ben Zeugenaussagen ist bem Mäbchen seine Geistesverfassung nicht ohne weiteres anzumerken: namentlich an bem in Frage kommenben Tag hat es. wie sich aus ben Zeugenaussagen ergab, einen normalen Ginbruck gemacht. Es mußte daher Freisprechung erfolgen.
Die Berufungsverhanblung gegen einen ftäbti- schen Beamten, der wegen Amtsvergehens zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worben war, mußte vertagt werben, weil ber Angeklagte noch gerichtsärztlicher Begutachtung schwer erkrankt und nicht wegefähig ist.
Zum Schlutz stanb noch eine Verhandlung vor ber Kleinen Strafkammer an. Die Sache würbe vertagt, weil ein im gleichen Ort wie ber Angeklagte wohnender Schöffe sich für befangen erklärte unb bei ber vorgerückten Zeit nicht mehr Ersatz zu beschaffen war.
hungrig heimkam. bann war es ein so wohliges Gefühl, sich in bem großen, gemütlichen Wohnzimmer an ben riesigen weißen Kachelofen zu setzen. Die Mamsell rückte bann ein Tischchen mit bem Frühstück heran, unb es schmeckte alles ganz besonders gut. Der rosige Schinken, die gute Leberwurst unb bic weichen Eier nebst gotbgelbcr Buttzer unb frischem Landbrot. Dazu ein Glas warme Milch! Wirklich, die auserlesensten Delikatessen wären nicht besser gewesen.
Traute saß bann meist im Stuhl unb hanb- arbeitete irgend etwas Manchmal ging sie auch mit, unb sie frühstückten zusammen. Ernst von Polzenhagen stapfie irgendwo draußen mit feinem Inspektor umher, unb sie besprachen die Frühjahrsbestellung
Rach unb nach aber fand Lisa baS Leben in dem alten Gutshause entsetzlich langweilig. Sie bohrte an bet' Schwester herum, man möge boch mal ein kleines Fest geben. Jetzt im Winter würbe boch kaum einer von ben Rachbarn absagen. Jetzt hatten sie doch alle Zeitz
Traute zuckte die Schultern.
„Ich werde mich hüten, davon anzufangen. Ich bin froh, wenn Emst so gemütlich hier bei mir bleibt und nicht mehr so oft in die Stadt fährt"
Als sie es gesagt hatte, bereute sie es Cs war ihr, als habe sie den Gatten vor der Schwester herabgesetzt, und zweitens — huschte nicht um Lisas Mund ein leiles. triumphierendes Lächeln?
Seit dem Skandal in Lisas Ehe war eine Umwandlung in Traute Dargegangen Sie wußte plötzlich, daß es etwas Köstliches für sie zu verlieren gab, wenn sie sich nicht änderte unb Ernst weiterhin solche Szenen ausfuhrte, tote sie es bisher manchmal getan. Sie liebte ihren Mann! Liebte ihn mit jeder Faser ihres Herzens und hatte so lange Zeit dazu gebraucht, um das endlich zu erkennen.
Unb nun machte sie sich auch plötzlich Gedanken über die vielen Ausflüge ihres Gatten in die Stadt, die er immer mit dem tollen Birkenstedt unternommen. Birkenstedt war Junggeselle, und er war eigentlich im ganzen Umkreis als ein lockerer Vogel verschrien, wenn er auch sonst überall gern gesehen wurde
Traute konnte bas plötzlich nicht mehr begreifen, wie sie es hatte zulassen können, baß Ernst mit Birkenstebt so freunbkchaftlich verkehrte. Mit ihm in bie Stabt fuhr!
Trautes Herz klopfte ängstlich. Wenn ihr Mann sie in schlechter Gesellschaft betrogen hätte? Die junge Frau fühlte ihr Herz immer noch wild und unruhig klopfen. Dabei aber sah sie den lauernden Blick Lisas. Und da sagte sie:
„Ich bin glücklich mit Emst. Du brauchst nicht zu denken, daß irgend etwas zwischen uns ift. Aber vielleicht hat mir gerade der Riß in deiner Ehe gezeigt, wie sehr ich mich werde ändern müssen."
(Fortsetzung folgt)


