Jahre steht nun an der Spitze deS Reiches ein Mann, der sich als Treuhänder des ganzen Volkes fühlt. Weit davon entfernt, einem wirklichen Erfolge auch nur irgendwie nahe zu kommen, ist es den Nationalsozialisten lediglich gelungen, einen Teil der Düsterbergwähler für Hitler an die Wahlurne zu treiben. Die Persönlichkeiten der sogenannten „Rationalen Opposition", die Hindenburg nicht wählen wollten, weil ihm auch die Sozialdemokratie ihre Stimme gab, dürfen nun die tröstliche Gewißheit haben, daß sie m i t e i n i g e n hunderttausend Kommunisten für Hitler gemeinsam zur Wahlurne gegangen sind. Was die Rationalsozialisten gewonnen haben, das ist nur ein Leihbesitz. Die eigentliche Originalwählerzahl der National- sozialisten hat keine Vermehrung erfahren. Die Rationalsozialisten sind anderGrenzeihrer Ausdehnungsmöglichkeiten angelangt, sie haben darüber hinaus nichts mehr zu gewinnen. Die Welle steht und kann nur noch zurückfluten.
Die „Kölnische Volkszeitung" (Zentr.) erklärt, trotz des Zuwachses der Hitlerftimmen fei der Abstand Hitlers von Hindenburg so bedeutend, daß unbedenklich behauotet werden könne, der Sieg Hindenburgs sei die Absage Deutschlands an den Radikalismus. Wenn nun Hindenburg der endgültige Sieger sei, so dürfe auch unbedenklich behauptet werden, daß wir in Brüning den Organisator der Sieges zu sehen hat- ten. Die Stimmenzahl für den Marschall sei importieren^ aber es sei doch schade, daß sie nicht noch höher gesteigert werden konnte.
Die Linke
Der „Vorwärts" (soz.) stellt fest: Der Foschis- mus ist nach den Spielregeln der Demokratie, auf die er sich selber so gerne beruft, regelrecht geschlagen. Hitler ist um einige Hunderttausend unter der Stimmenzahl geblieben, die er für sich erwarten mußte. Das deutsche Volk hat mit einer überwältigenden Mehrheit — 63,2 gegen 36,8 v. H. — eine schwarzweißrote Hakenkreuzregierung abgelehnt. Die Aussichten der Rechten, im Preußischen Landtag zur Herrschaft zu kommen, sind durch die Nieder- läge der KPD. sehr verschlechtert und wahrscheinlich vernichtet worden.
Hitler zum Wahlausgang.
London, 11. April. (TU.) Adolf Hitler erklärte in einer Unterredung mit dem Sonderkorrespondenten des „Daily Expreß": Wir haben einen großen Sieg errungen. Trotz des Verbots meiner Zeitungen und meiner Rundfunkansprache habe ich zwei Millionen Stimmen gewonnen. 3d) hatte nur meine eigene Stimme, um all die Verleumdungen zurückzuweisen, die von den zehn mich bekämpfenden Parteien begangen wurden. Ich schreibe diesen Triumph voll und ganz der Tatsache zu, daß ich nicht vor meiner scheinbaren Riederlage im ersten Wahlgang kapitulierte. Ich will bekennen, daß meine Wahltruppen nach dem ersten Wahlang zuerst mutlos waren. Das alles wurde durch meinen Wahlfeldzug mit dem Flugzeug hinweggefegt. Dadurch wurde wieder neues Vertrauen erweckt und dieses hat uns zu diesem Sieg geführt. Ich werde nun wieder mit dem Kampf beginnen bei den Parlamentswahlen in Preußen und Vayern. Ich werde fortfahren wie ich begonnen habe. Ich werde a n g r e i f e n , angreifen und nochmals angreifen. Schließlich sagte Hitler, daß der starke Rückgang der kommunistischen Stimmen nach ihm vorliegenden Berichten darauf zurückzuführen sei, daß Moskau den Kommunisten befohlen habe, für Hindenburg zu ftimmen. Das gehe klar daraus hervor, daß Hindenburg etwa eine Million Stimmen gewonnen und die Äommuniften dieselbe Zahl verloren haben. Er sei vollkommen sicher, daß kein Kommunist für ihn gestimmt habe.
Oie Luther-Attentäter vor dem Vernehmungsrichter.
Berlin, 11.April. (ENB.) Die polizeilichen Ermittlungen zu dem Anschlag Dr. Max R o o s e n s und seines Mitarbeiters Werner Kertscher auf den Reichsbankpräsidenten Dr. Luther sind abgeschlossen. Fest steht, daß Roofen und Kertscher
Das Glockenmuseum vonLaucha.
Von Egon Larsen.
Glocken wandeln von Apolda nach Laucha, durch den schönsten Thüringer Frühling; sie folgen keinem säumigen Schüler, wie in Goethes Gedicht, sondern dem Ruf des klugen Dürgermeisters Lub- MI, der richtig erkannt hat, daß man heutzutage zur Verwaltung auch des kleinsten Städtchens außer amtlicher Tüchtigkeit noch etwas braucht — nämlich gute Ideen.
Ein Iubiläum Lauchas wird geschickt aktualisiert. 1731 brannte das ganze Städtchen ab, nur fünfzehn Häuser von zweihundertvierzig blieben stehen. Und das schlimmste war — der Kirchturm samt Glocke war zerstört; was ist aber ein Gemeinwesen ohne Glocke?
Da kam der Glockengießer Meister Ulrich des Weges daher, sah die Rot der Stadt und versprach Hilfe. Eine Glocke sollte gegossen werden, aber die zerstörte Stadt konnte dem Meister kein Gießhaus zur Verfügung stellen. Da machte sich der Meister Ulrich daran, die Glocke unter freiem Himmel zu gießen, mitten auf dem Marktplatz. In einer schönen Frühlingsnacht — es war um diese Jahreszeit vor genau zwei Iahrhunderten — standen die Lauchaer Bürger in stummer Erregung rund um den Marktplatz, auf dem Meister Ulrich mit seinen Gesellen hantierte, bis flammend und zischend das heiße Metall durch den Giehkanal in die festgemauerte Form floß.
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Dem Meister Ulrich gefiel es in der kleinen, Stadt an der Unstrut, er baute sich eine Werkstatt und goß Glocken für viele Kirchen des ganzen Abendlandes. Seine Söhne und Enkel und Urenkel setzten fein Werk fort. Bis zum Iahre 1911 hat die Gießerei Ulrich fünftausend Glocken ge- gvssen. Dann kaufte die größte Glockengießerei der Welt, Franz Schilling Söhne im benachbarten Apolda, das alte Giehhaus und verlegte die Fabrikation in die Apoldaer Werkstätten. Laucha hatte aufgehört, die „Glockengießerstadt" zu sein.
Ein Zufall erinnerte den Bürgermeister Lubkoll an das zweihundertjährige Iubiläum der Lauchaer Glocken. Da kam einer und wollte eine Tankstelle aufmachen, mit Autoreparatur, wie sich das für einen Erholungsort gehört. Und die Stelle, die er für seinen Plan ausgewählt hatte, war gerade die
allein an dem Attentat beteiligt waren. Roofen und Kertscher werden dem Vernehmungs- richter im Polizeipräsidium zugeführt.
Im „Völkischen Beobachter" wird seitens der Reichsparteileitung der NSDAP, er- klärt, daß die beiden Attentäter Kertscher und Dr. Roofen niemalsMitgliederderNSDAP. gewesen seien.
Das Urteil
im Scheringer-Prozeß.
Leipzig, 11. April. (WTD.) Der I V. Strafsenat des Reichsgerichts verkündete heute mittag im Scheringer-Prozeß folgendes Urteil: Der Angeklagte wird wegen eines fortgesetzten Verbrechens der Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit einem fortgesetzten Vergehen gegen das Republikschuhgesetz zu einer
Festungshaft st rase von zwei Iahren sechs Monaten verurteilt. Sechs Monate der erlittenen Untersuchungshaft werden ihm voll angerechnet. In der Urteilsbegründung erklärte der Vorsitzende, daß der sogenannte literarische Hochverrat, wie er Scheringer zur Last gelegt werde, nach den bestehenden Strafvorschriften zu bestrafen sei. Revolution sei eine widerrechtliche gewaltsame Umgestaltung der bestehenden Staatsverfassung. Der Angeklagte habe sich als ein Feind des bestehendes Staates gezeigt. Gr habe Aufstand, Umsturz, Bürgerkrieg, Kämpf gegen Religion und Kirche, Illegalität, Diktatur der Arbeiter und Dauern gepredigt. Die Mittel, die er hierzu empfiehlt, seien zwar zum großen Teil recht ungeeignet und naiv, aber vielleicht gerade deshalb staatsgefährlich und gemeingefährlich. Es sei selbstverständlich, daß das Gericht an der kommunistischen Einstellung des Angeklagten keinen Anstoß genommen habe.
Oie Abrüstungskonferenz nimmt ihre Arbeiten wieder auf.
Amerika fordert Abschaffung
-er Angriffswaffen.
Genf, 11. April. (TU.) Die Abrüstungskonferenz begann ihre Arbeiten Montag nachmittag im Haupt- ausschuß mit einer Eröffnungsrede des Präsidenten Henderson. Henderson schlug vor, jetzt unverzüglich in die Verhandlungen über sämtliche im Artikel 1 des Abkommensentwurss zusammenhängenden Fragen einzutreten und die Verhandlungen ununterbrochen bis zur Klärung der Hauptfragen durchzu- führen.
Der amerikanische Botschafter G i b s o n legte sodann der Abrüstungskonferenz einen neuen Abrüstungsvorschlag seiner Regierung vor. Der Hauptausschuß solle unverzüglich beschließen:
1. Die Hauptangriffswasfen, schwere Artillerie, Tanks und chemische Waffen als solche abzuschaffen.
2. Der Landabrüstungsausscbuß wird beauftragt, einen Plan über die Klassifizierung der Geschütze mit Kalibern über 155 mm und der Tanks sowie der Gaswaffe aufzustellen.
3. Die Staaten verpflichten sich, diese Angriffs- Waffen im Kriegsfälle nicht zu benutzen.
4. Der politische Ausschuß wird beauftragt, die endgültige Entschließung auszuarbeiten und dem Hauptausschuß binnen einer Woche zur Durchberatung vorzulegen.
Gibson unterstrich, daß das Problem der Sicherheit im Mittelpunkt der Abrüstungsverhandlungen stünde. Obwohl das amerikanische Volk bisher Sym- pathie für den Sicherheitsgedanken gehabt habe, fei jedoch die amerikanische Regierung zu der lieber- zeugung gekommen, daß eine Lösung des Abrüstungsproblems nur auf dem Wege der Lösung der Sicherheitsfrage zu erreichen sei. Der Weltkrieg habe gezeigt, daß alle V e r • teidigungsmaßnahmen, insbesondere Festungsgürtel, gegenüber den schweren An- griffswafsen wehrlos seien. Durch die Abschaffung der Ängriffswaffe würden die Verteidigungsmaßnahmen wieder ihre wahre Bedeutung gewinnen und damit in den Völkern e i n Gefühl der Sicherheit geschaffen werden. Gibson betonte ferner, daß die Abschaffung der Angriffswaffen eine wesentliche Verminderung der Heereshaushalte ermöglichen würde. Zum Schluß verlangte Gibson mit großem Nachdruck, daß als erster entscheidender Schritt für die allgemeine Abrüstung die Abrüstungskonferenz die vollständige Abschaffung der schweren Artgriffswaffen beschließe, da hierin der Schlüssel zur Lösung des gesamten Abrüstungs- Problems läge.
England stimmt zu.
Der Vorschlag der amerikanischen Regierung führte zu einer ausgedehnten grundsätzlichen Aussprache. Der englische Außenminister Simon erklärte vollständige Uebereinftimmung der englischen Regierung mit den Vorschlägen der amerikanischen Regierung. Die Abrüstungskonferenz stehe damit vor einem endgültigenund prak
tischen Vorschlag. Die englische Regierung hege den dringenden Wunsch, daß sämtliche Regierungen endgültig die schweren Landangriffswafsen aufgeben. Die Folge einer Annahme der amerikanischen Vorschläge wäre ein entscheidender Schritt auf dem Wege der allgemeinen Abrüstung.
Die deutsche Ausfaffung.
Nur ein erster Schritt.
Botschafter Nadolny erklärte: Die deutsche Regierung lege entscheidenden Wert auf die Feststellung, daß ein befriedigendes Ergebnis der Ab- rüstungskonferenz niemals in einer Ab - grenzung, sondern nur in einer entscheidenden Herabsetzung der Rüstungen erblickt werden könne. Die deutsche Abordnung halte es für ihre Pflicht, jetzt bereits die Aufmerksamkeit des Haupt- ausschusjes darauf zu lenken, daß der Artikel 1 des Abkommensentwurfes eindeutig den Sinn des Artikels des Völkerbundspaktes auf wesentliche Herabsetzungen der Rüstungen entsprechen müsse. Die Thefe der amerikanischen Regierung, Sicherheit durch Abschaffung der Angriffswaffen zu schaffen, stehe i n voller Uebereinftimmung mit dem deutschen Standpunkt. Die deutsche Abord- nuna schließe sich weitgehend dem amerikanischen Vorschlag unter der Voraussetzung an, daß dieses nur einen ersten Schritt zur allgemeinen Abrüstung bedeute. Wen der amerikanische Vorschlag das einzige Ergebnis der Abrüstungskonferenz darstellen würde, so würde die Welt mit Recht mit einer derartigen Lösung n Ich t zufrieden sein. Die deutsche Regierung werde sich nicht mit einer Lösung des Abrüstungsproblems zufriedengeben, die sich lediglich auf die Abschaffung der Angriffswaffen beschränke.
Tardieus Gegenstoß.
Frankreich verlangt gleichzeitige Beratung der Flottenfrage.
Der erwartete Gegenstoß von französischer Seife gegen die neuen amerikanischen Abrüstungsvor- fchläge erfolgte in einer von Tardieu abgegebenen Erklärung, der zwar die Sympathien der französischen Regierung für die amerikanischen Vorschläge betonte, sie jedoch als ungenügend erklärte, da sie lediglich Landwaffen berücksichtigten und keinerlei Kontroll- und Sanktions- maß nahmen enthielten. Tardieu erklärte mit großem Rachdruck, er lehne eine Linzelbehandlung der amerikanischen Vorschläge ab. Die französische Regierung vertrete den Standpunkt der gegenseitigen Abhängigkeit aller Waffengattungen. Frankreich sei ein großes Kolonialland, habe weitgehende Flotteninterefsen und verlange daher auch gleichzeitige Re- handlung der Flottenfrage. Tardieu forderte, daß die amerikanischen Vorschläge nicht, wie vorgeschlagen, sofort zur Durchberatung gelangten, sondern gemeinsam mit den in gleicher Richtung
liegenden Vorschlägen, insbesondere den französischen Vorschlägen auf Schaffung einer internationalen Streitmacht des Völkerbundes beharr beit würden.
Der Vorstoß rief unverzüglich den Vertrete« der italienischen Regierung, General Eabare l l o, auf den Plan, der die volle Zustimmung der italienischen Regierung zu den amerikanischen Vorschlägen erklärte und auf die kürzlich eingereichte neue italienische Abrüstungsdenk- schrift an die Konferenz hinwies. Der Haupt- ausschuß beschloß, die amerikanischen Vorschläge gemeinsam mit sämtlichen in gleicher Richtung liegenden Anträgen z u n ä ch st im Präsidium zur Verhandlung zu stellen. Der Hauptausschuß wird jetzt in zwei Sitzungen täglich die Hauptaussprache über sämtliche grundsätzliche Anträge der Abrüstung weiter fortsehen und tritt am Dienstagfrüh zu einer neuen Sitzung zusammen.
Die Vorschläge der amerikanischen Regierung sind in weiten Konferenzkreisen mit größter Genugtuung als ein erster entscheidender Schritt zur Behandlung praktischer Abrüstungsfragen begrüßt worden und fanden auch auf deutscher Seite warme Unterstützung. Dagegen wird der Versuch Tardieus, eine Behandlung der amerikanischen Vorschläge unmöglich zu machen, und die Verbindung mit den französischen Sicherheitsvorschlägen herzustellen, allgemein dahin bewertet, daß die französische Regierung die ihr äußer st unbeq uemen amerikanischen Vorschläge, insbesondere durch die Einbeziehung der für die amerikanische Regierung unannehmbaren Kontroll- ünd Sank- tionsmaßnahmen zu Fall zu bringen sucht.
Kein beschränktes Uniform« verbot zulässig.
Erfolgreiche nationalsozialistische Beschwerde.
D e r l i n, 11. April. (TU.) Der Oberpräsident der Rheinprovinz hatte für die Rheinprovinz gegen die NSDAP, einschließlich der SA. ein Uniformverbot angeordnet. Die RSDAP. legte dagegen Beschwerde ein, weil sie in dem Erlaß des Oberpräsidenten der Rheinprovinz einen Verstoß gegen Artikel 109 der Reichsverfassung, nach dem alle Deutschen vor dem Gesetz gleich seien, erblickte. Der dritte Strafsenat des Reichsgerichts hat dieser Beschwerde der RSDAP. stattgegeben und erklärt, daß der § 8 der Notverordnung des Reichspräsidenten vom 28. März 1931, auf Grund welcher Verordnung das Verbot des Oberpräsidenten der Rheinprovinz erfolgt sei, nach seinem Wortlaut dahin ausgelegt.werden müsse, daß er nur zu einem einheitlichen, allgemeinen sich gleichmäßig gegen alle politischen Vereinigungen richtenden Vorgehen ermächtige. Nichts deute in dieser Notverordnung darauf hin, daß eine Handhabung zum Einschreiten gegen eine einzelne po - litischeVereinigung geschafft werden solle. Die Verordnung sei vielmehr von dem Gesetze getragen, der allgemeinen politischen Befriedung zu dienen und zu diesem Zwecke die Uniform politischer Vereinigungen aus der Oefsentlichkeit, insbesondere von der Straße, verschwinden zu lassen. Aus der Verordnung kann zweifellos die Ermächtigung zum Erlaß eines allgemeinen Uniformverbots entnommen werden. Die Ermächtigung dürfe sich aber niemals gegen eine einzelne Parteiorganisation oder politische Vereinigung richten. Gin derartig einseitiges Verbot, wie es hier in der Rheinprovinz geschehen sei, finde in dieser Notverordnung keine rechtliche Grundlage.
Der Memelkonflikt kommt vor den Haager Gerichtshof.
Haag, 11. April. (WTD.) Die Regierungen von Großbritannien, Frankreich, Italien und Ia- pan haben heute durch Vermittlung ihrer hiesigen Gesandtschaften den Memelkonflikt beim Ständigen Internationalen Gerichtshof anhängig gemacht. Sie haben dies in Form einer gegen die litauische Regierung gerichteten Klage getan, die sich
an der das alte Gießhaus stand. Aber es wurde nichts daraus. Die Tankstelle mutzte auf einem anderen Fleck eröffnet werden, denn der Bürgermeister hatte eine gute Idee: das Gietzhaus umzuwandeln in das erfte Glockenmuseum der Welt.
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Die Herren Schilling in Apolda waren begeistert, schenkten der Gemeinde das Haus und versprachen, das Museum schnellstens einzurichten. Im Mai wird es eingeweiht werden.
2llles, was zum Handwerk der Glockengieherei gehört, wird so bleiben, wie es vor 20 Iahren stehen gelassen wurde: der alte Gietzofen, die kleinen und groben gönnen. Und nun wandeln die Glocken von Apolda nach Laucha. Da sind große, mit weihevollen Inschriften: „Schütz uns, Herr, vor Kriegesnot, Segne unser täglich Brot, Hilf uns ehren dein Gebot", und auch kleine, sorgsam abgestimmt zum zierlichen Glockenspiel. Da wird das Werden der Glocke gezeigt: wie der „Kern" aufgebaut, mit einer Lehmschicht bedeckt wird, wie die Verzierungen und Inschriften aus Wachs aufmodelliert werden; wie diese „falsche Glocke" mit dem „Mantel" umgeben und die Form geeßrannt wird; wie die Lehmschicht abgeschlagen wird, damit der Hohlraum zwischen Kern und Glocke entsteht, in den das flüssige Metall sich seinen Weg bahnen soll; wie die Glockenformen dann festgemauert werden in Gießgruben, zu denen vom Gietzofen aus Kanäle führen; und wie dann endlich der große Augenblick kommt, da das Abstichloch des Flammofens geöffnet wird.
Historisches Material wird alles Wissenswerte zeigen: die älteste Glocke, die man bisher gefunden hat; sie ist dreitausend Iahre alt und stammt aus Babylon. Das Vorderasiatische Museum in Berlin bewahrt sie auf. Dann die erste große Dronzeglocke, die mit ihren 53 000 Kilo Gewicht in Peking hängt; die erste christliche Glocke aus der Kirche zu Iggensbach in Oberbayern; und die größte Glocke der Welt, die im Kreml zu Moskau steht. Bei der Montage stürzte sie ab und durchschlug den Turm bis zum Kellergeschoß. 1837, 100 Iahre nach diesem Unfall, grub man sie wieder aus und stellte sie auf einen Sockel, daneben das große Stück, das aus dem Glockenmantel ab- sprang. Sie ist 7 Meter hoch und wiegt eine Diertelmillion Kilogramm ...
Man muß kein Romantiker sein, um den schwin
genden Klang der Glocken, mitten in Stadtlärm und Alltagsgeräusch, wohltuend und stärkend zu empfinden, wie ein tönendes Stück Ewigkeit, das da war, als wir noch nicht lebten, und sein wird, wenn wir nicht mehr fein werden.
Tonfilm: „Mädchen in Uniform* *.
Dieser erste Gemeinschaftsfilm der Deutschen Film- Gemeinschaft G. m. b. H. wurde nach dem Schauspiel „Gestern und heute" von Cbrista W i n s l o e gedreht und ist auf eine originelle Weise dadurch ausgezeichnet, daß die Besetzung aus lauter weiblichen Rollen besteht. Die Handlung spielt in einem Mäd- chenstift, das als eine Art von Kadettenanstalt für Backfische eingerichtet ist. Die preußische Stadt Potsdam mit ihrer friderizianischen Tradition gibt stil- mäßig und gewissermaßen symbolisch die Umwelt zu dieser pädagogischen Provinz, und das berühmte Glockenspiel bildet mit seiner strengen Melodie „Heb immer Treu und Redlichkeit" sozusagen das musikalische Leitmotiv zu den filmischen Vorgängen, die zunächst auf eine ausführliche und sehr deutliche Milieuschilderung hinauslaufen, dann aber sich zu einem ernsthaften und ernstgemeinten dramatischen Konflikt zuspitzen: zwischen dem mißverstandenen Geist oder Ungeist, der in der Anstalt herrscht und von der Oberin repräsentiert wird — und dem natürlichen Gefühl der Jugend, der Humanität und einer verstehenden und liebevollen Erziehung. Aus dem Verhältnis einer kleinen, schwärmerischen Novize zu einer jungen und innerlich vornehmen Lehrerin entbrennt eine Revolte im Erziehungsheim, die nur knapp und im letzten Augenblick an einem verhängnisvollen Aktschluß vorübergesteuert wird. — Ein interessanter und großenteils gelungener Film, der einmal neue und eigene Wege zu gehen versucht; nur ist im Gesamteindruck eine gewisse Schwankung zwischen harmlos-idyllischem Lustspielhumor und der schon aggressiv wirkenden Satire nicht völlig ausgeglichen. Die Regie von Leontine Sagon arbeitet mit sicherem Blick füt filmische Möglichkeiten und zeigt eine geschickte Verteilung von Massenauftritten und Einzelszenen. Aus der umfänglichen Besetzung: Hertha Thiele, eine neu- entdeckte, frische, junge Begabung, die durch diesen Film recht bekannt geworden ist. (In der Berliner „Egmont"-Aufführung hat man sie daraufhin, allerdings mit minderem Erfolg, als Klärchen herausgestellt.) Die beste Leistung: Dorothea Wieck (Frü
v. Bernburg), sehr sympathische Erscheinung von nobler Spielhaltung, vorzüglich geeignet für diese Rolle. Ferner: Ellen Schwanneke (Ilse) und Emilie U n b a (Oberin). — Der Film —leider läßt die Uebertragung stellenweise zu wünschen übrig — läuft seit gestern im Lichtspielhaus; er hatte allenthalben Erfolg und dürfte auch bei uns Anklang finden. —r—
Zeitschriften.
— „Kun st wart." (Verlag G. D. W. Call- weh, München.) 'Das Aprilheft gibt u. a. einen klaren Ueberblick über die unheilvollen Verstrickungen der „Internationalen politischen Verschuldung", um ein deutliches Bild des Weges der deutschen Reparationszahlungen zu entwerfen. Das russische bolschewistische Problem in bezug auf Europa bildet das Thema des in diesem Hefte zu Ende geführten „Russischen Tagebuchs" von Peregrinus. Weiter enthält das Heft fesselnde Ausführungen über „Indische Dersenkungspraxis" von Herbert Nette. Ein Romanfragment „Lorenz Lammerdien" von Emil Strauß und „Hymnen an Deutschland" von Gertrud von le Fort bilden den literarischen Teil; den künstlerischen: Zeichnungen und Holzschnitte von Wilhelm Busch zusammen mit einer Würdigung des großen Humoristen zu seinem 100. Geburtstage.
— Mutter und Kind, Zeitschrift für Ernährung, Pflege und Erziehung des Kindes. Verlag Elwin Staude, Osterwieck am Harz. Vierteljährlich (3 Hefte) 1,65 Mk. einschließlich Porto. — Im Aprilheft plaudert u. a. Lenl Rahlfs-Wentz über „Gedanken einer Mutter, während sie ihr Kind stillt". Iosef Schmidt mahnt in seinem Artikel „Laßt dem Kinde seine Kindheit" alle Eltern 'das Kind nicht zu früh mit Dingen zu quälen, denen es noch kein Interesse entgegenbringt, nur um mit ihrem „gescheiten" Kind Eindruck zu machen. Weiter folgen zwei ausgezeichnete Beiträge über das „Troclenbettchen". Rektor Pause berichtet über „Praktisches für unsere Lernanfänger". Es schließen sich weitere Beiträge wie „Zur 50jährigen Wiederkehr der Entdeckung des Tuberkelbazillus durch Robert Koch", „Friedrich Frö- bei und die Mütter", „Das Haus für die durchreisende Iugend", „Ein Ohrumschlag", „Ein Flug- zeugmodell für fünf Groschen" an, die z. T. wieder reich bebildert find.


