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Dr.56 ffrftes Blatt
182. Jahrgang
Freitag, 12. Februar 1952
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
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Rußland fordert radikale Abrüstung.
Litwinow weist auf den Krieg im fernen Osten und die Gefahr eines neuen Weiibrandes hin. — Scharfe Ablehnung der französischen Vorschläge. - Oie Dölkerbundsarmee für Rußland unmöglich.
Genf, 11. Febr (WTD.) In der heutigen Sitzung der Abrüstungskonferenz sprach als erster Redner der belgische Außenminister HyrnanS.
Der lowjetrussilche Außenkommissar Litwinow hielt dann unter größter Aufmerksamkeit und Spannung des bis auf den letzten Platz gefüllten Saales eine einstündige Rede, in der er den Nachweis führte, daß die bisherigen Sicherheitsverhandlungen des Völkerbundes nur zu einer Verschärfung der internationalen Lage geführt hätten und den Ausbruch des Krieges im fernen Offen nicht hätten verhindern können. Im Rahmen des Völkerbundes fei in den letzten Jahren ein ganzes System von neuen Sicherheitsbürgschaften geschaffen worden.
Die Folge fei, daß die Abrüflungskonferenz unter dem Kanonendonner Im Jemen Offen beginne. Zwei durch Völkerbund und Kclloggpakl gebundene Staaten führten feit fünf Monaten einen erbitterten
Äampi. Der Krieg fei zwar nach den völker- bundsgcsehcn bisher noch nicht offiziell verzeichnet und notariell beglaubigt, aber große Provinzen feien befehl, alle Kampfwaffen feien verwandt und Tote und verwundete feien nach Taufenden zu zahlen. Litwinow fprach sodann die ernste Befürchtung aus, dah der Streit im Fernen Osten nur den Beginn eines neuen Weltkrieges darstelle, weder die internationalen Organisationen und Balte, noch die öffentliche Meinung sowie eine Beschränkung und Herabsetzung der Rüstungen seien imstande, einem Kriege vorzubeugen. L» gebe heute nur einen einzigen Ausweg: Sicherheit gegen den Krieg durch Abschaffung aller Rüstungen
Litwinow ging als erster Redner ausführlich auf die französischen Vorschläge ein, selbstverständlich, um zu einer völligen Ablehnung zu gelangen. Die französischen Vorschläge seien nur eine Kon- Iretifierung des Genfer Protokolls, das den Völkerbund sieben Jahre lang ergebnislos beschäftigt habe. Sich auf dieses Bemühen zu ver- steifen, wurde unter den gegenwärtigen Umständen einen Rückschritt bedeuten, der die Abrüstungsfrage um weitere Jahre oder Jahrzehnte zurückwerfen würde. Ausführlich beschäftigte Litwinow sich mit dem französischen Vorschlag einer internationalen Armee. Wer bürge dafür, daß bei dem Vorhandensein des nationalen Egoismus eine internationale Armee nicht im Interesse dieses oder jenen Staates eingesetzt wird, der sich innerhalb des internationalen Organismus m i t Hilfe von sonderbündnissen, Ententen undAbkommen die Vorherrschaft gesichert habe!
„Ich lasse-, fo sagte Litwinow. ..diese Frage beiseite, ob man von der Sowjetunion verlangen kann, dah sie die Sorge um ihre Sicherheit und einen Teil ihrer Truppen einem internationalen Organismus anoertraue, dessen ungeheuere Mehrheit aus Staaten bestehen würde, die ihr offen s e i n d l i ch g e fl n n t find und die au» Feindschaft keineBeziehungenmitihr unterhalten. Man kann vielmehr erwarten, dah die Arbeiter und Bauern der Sowjetunion glauben, dah die Schaffung einer Internationalen Armee unter den gegenwärtigen Umständen nur eine Bedrohung ihre» Landes bedeuten kann.
Die Sowjetdelegation wird durch diese Tatsachen in ihrer Aeberzeugung gestärkt, dah der cnizige und unfehlbare Weg zur Lösung des Pro- blerns der von ihr empfohlene Weg einer völligen und allgemeinen Abrüstung ist. Die Sowjetdelegation sei jedoch nicht in der alleinigen Absicht hierher gekommen, die Konferenz vor die Alternative zu stellen: Völlige Abrüstung oder nichts. Die Sowjetdelegatwn rverde bereit sein, jeden Vorschlag zu erörtern. der ans eine Herabsetzung der
Rüst ungen ausgehe. Die Sowjetdelegation betrachte den AonventionSentwurs al- vollkommen ungenügend und werde ihren eigenen Plan einer partiellen Rüstung-- Herabsetzung vertreten, den sie jedoch lediglich als eine erste Stoppe zur allgemeinen Abrüstung ansehe.
Die Vorschläge der Sowjctdelegalion für das völlige verbot der aggressiven Rüstungskategorien blieben auch für die jetzige Konferenz in Kraft. Sie umsahlen insbesondere 1. Panzerwagen und schwere weittragende Artillerie: 2. Schisse mit über 10 000 t Wasserverdrängung: 3. Schisssarlillerie mit einem Kaliber von über 12 Zoll: 4. Flugzeugmutterschiffe: 5. Milltärlustsch! se: 6. schwere Bombenflugzeuge, alle lagernden Fliegerbomben und alle durch Luftfahrzeuge zu befördernden Zerstörungsmitlel: 7. alle Apparate und vor-
© e n f. 11. Febr. (XiL) Rachdem sich aus der Debatte ein gewisser Uebcrblid über die Fronten aus der Abrüstungskonserenz ergeben hat, ist für die deutsche Delegation der Augenblick gekommen, mit ihren bereits angekündigten Dorschlägen hervorzutreten. AuS sicherer Quelle verlautet, dah diese Dorschläge Anfang nächster Woche von Botschafter Radvkny in der Dollsitzung aus- führlich erläutert werden. Die Dorschläge ergeben sich inhaltlich selbst auS der bekannten grundsätzlichen Haltung Deutschlands zum Abrüstungsproblem. Sie werden sich aus den ©e- banlengängen aufbauen, die derReichskanz- le t in seiner Rede am Mittwoch vor der Ab- rüstungslonferettz entwickelt hat. und sie -ur praktisch-technischen Anwendung bringen. Die deutsche Abordnung hat bereits den Präsidenten Henderson ersucht, auf die Tagesordnung der nächsten Tage eine diesbezügliche deutsche Erklärung zu setzen.
Die Dorschläge stellen ein umfangreiches Programm dar. daS in einzelnen Punkten die praktischen Dorschläge zu den einzelnen Rüstungskategorien enthält. Sie find grundsätzlich auf die Deutschland imDersailler Dertrag auserlegten Entwaffnungsbestimmungen ausgebaut, enthalten jedoch eine Reihe elastischer Bestimmungen, die eine Berücksichtigung der Interessen der kleineren neutralen Staaten ermöglichen.
L» kann angenommen werden, dah in dem Programm die oollsländigeAbschassung der houplangrissswafsen, insbesondere der Grohkampsjchisfe, Tanks, Unterseeboote, Bombenflugzeuge, Gas- und chemischen Angriffswassen, ge-
Don unserer Berliner Redaktion.
Der .erkrankte" litauische Außenmini- st e r, der erst am 23. Februar sein Krankenzimmer wieder verlassen wollte, sich aber doch sogleich eines Besseren besann und fünf Tage abstrich. ist ganz plötzlich wieder gesundge- worden. Er würde sich ein Verdienst um die Menschheit erwerben, wenn er der Oessentlichkeit mitteille, welcher Ratur eigentlich seine Krank- hell war und mit welchem Allheilmittel ihn feine Aerzte soweit wieder hergestellt haben, dah er sogar den ersten Teil seiner Reise nach ©enf im Auto zurücklegen kann. Wir lürchten allerdings, dah er sich auf dieser Autotour ein neue» Leiden zuzieht und im letzten Augenblick e i n e Absage an den D ö l k e r b u n d s r a t rich. tet, was weiter nicht überraschen würde, da die Politik Kownos ganz darauf abgestellt ist. die Entscheidung über Memel durch alle möglichen Quertreibereien auf die lange Bank ; u schieben und den Rat zu ermüben. Herr ßau- nius braucht sich aber weiter keine Mühe zu geben, wenn er fahrplanmäßig in ©enf ringe- troffen fein wird, bann werden auch im Memel- gebict auf breiter Front vollendete Tatsachen geschaffen sein.
Die Agitation der Groh-Litauer in Memel geht in unoerhüllter Dreistigkeit weiter. Die litauische Agitation stützt sich dabei auf die Organisation eine» Landwirteverbande». der die litauische Minderheit vertritt und defien Propaganda mit ollen Mitteln unterstützt wird. Die Verhetzung der Landbewohner wird hi
richtungen zum Angriff mit chemischen, bakteriologischen oder Brandwerkzeugen. Die Sowjet- bdegation werde die Gleichberechtigung aller Konferenzteilnehmer und gleiche Sicherheit für alle Länder verlangen.
Am Schlüsse seiner Rebe machte Litwinow unter bem Gefichispunkt ber Sicherheit bemerkenswerte Ausführungen über bie politische Lage seines LanbeS. Ruhlanb, erklärte er, bc- findet fich in einer bedrohteren Lage als jedes andere Land Seit 14 Jahren sei eS unerhörten Derleumdungen und Lügenseidzügen ausgesetzt. Bis heute verhehlten eine grobe Anzahl von Staaten ihre Feindseligkeiten gegenüber Ruhland nicht Die Sowjetdelegation werde eine Entschließung in dem Sinne vorlegen, dah daS Ziel der Konferenz nicht anders alS durch eine allgemeine völlige Abrüstung erreicht werden könne.
fordert wird. Ferner wird in dem deutschen Programm die Abschaffung der allgemeinen Dien st pflicht, Herabsetzung de» Rüflungsflan- dev auf ein Mindestmaß, weitgehende Herabsetzung der essektiven Truppen- bestände, Erfassung der ausgebildeten Reserven, wesentliche Einschränkung de» gesamten aktiven und lagernden Kriegsmaterial» vorgeschlagen werden.
In der Frage der Herabsetzung ber hceresausgaben wird grundsätzlich die direkte Methode der Beschränkung der Rüstungen gefordert und die bisher im englisch französischen Abkom- mensentwurf oorasehene Herabsetzung der Rüstungen auf dem Wege der Herabsetzung der hee- resausgaben als völlig ungenügend ob- gelehnt. Ferner wird erklärt, dah die deutsche Regierung grundsätzlich bereit sei, alle Vorschläge auf dem Gebiete der Luftfahrt zu prüfen. Be- ftimmungen politischen Charakters sind in dem Programm nicht enthalten, da der Reichskanzler bereits in seiner Rede vor der Abrüstungskonfe. renz den deutschen Rechtsanspruch auf Gleichberechtigung mit sämtlichen übrigen Mächten in der Abrüstungsfrage oorgebracht hat.
In dem Programm wird ferner auf die Rote, die die deutsche Regierung während der Versailler Verhandlungen im Jahre 1919 den alliierten Mächten übermittelt hat, hingewiesen, in der auf die von den alliierten Mächten übernommene Verpflichtung hingewiesen wird, nach der Abschaffung der allgemeinen Dienstpflicht in Deutschland auch ihrerseits ihr Dienstpflichtsystem zu ändern.
zügelloser Meise beirieben und da» Deutschtum, insbesondere für die wirtschaftliche Jlollage, verantwortlich gemacht.
Diesem Zwecke dienen litauische Volksversamm langen, Zusammenrottung von Arbettslosen, überall kommt eine starke Hetze gegen bas bisherige deutsche Direktorium zum Ausdruck. Es war davon die Rede, dah in diesen Tagen die litauischen schützen aus Kowno anrücken würden, um den Staatsstreich gegen die Autonomie zu vollenden. Die Meldung ist zwar dementiert worden, doch ist kein Zweifel, dah am sog. Unabhängigkeits tage (16. Februar) die litauischen Anhänger einen großen Dernonstrationszug planen, der als der „M arsch a u f M e m e I" ausgerufen wird. Die Staatsbahn gewährt dafür billige Fahrpreise, die deutsche Abwehr wird in jeder Weise unterdrückt, insbesondere sind deutsche Versammlungen verboten ober gesprengt worden.
Die Auflösung des Landtages, dessen starke deutsche Mehrheit den Groß-Litauern unbequem ist, die Absetzung des deutschen Oberbürgermeisters und Oberstaatsanwalts ist ihr Ziel, die Autonomie soll „durch einen Feder st rich b e • feitigt“ werden.
5000 litauische Schützen haben sich dem Kriegs- kommandanten zur Verfügung gestellt: soweit sie Slaaksbedienstete sind, wurden sie für Wachdienst und ähnliche Zwecke in den kritischen Tagen beurlaubt Das Ziel der litauischen Propaganda wird durch eine Unterschriftensammlung propagiert, um mit allen Mitteln bes Terror» wnb ber staatlichen Gr
wall den grohlilauischen Planen seinen Anstrich zu geben, al» ob eine wirkliche volksmehrheil dahinter stünde.
Unter diesen Umständen ist eS selbstverständlich, dah die Erregung an der ost preußischen ©renzc im Wachsen ist und daß vor allem der Schutz der deutschen GtaatSangehör i g c n im Mein cllande gesordert inerben muß. Wenn der Dölkerbunbsrat seiner Aufgabe gewachsen sein will, wird er dafür zu sorgen haben, daß mit bet Großmannssucht ber litauischen Machthaber enbgültig reiner Tisch gemacht wird Mit Kompromissen lassen wir uns biesmal nicht abfpeisen. auch bann nicht, wenn fich der Rat durch inzwischen vollzogene Tatsachen im Memelgebiet becinflusfen lallen und versuchen sollte, dem litauischen Rechlsbtuch mit sachlich inhaltslosen Resolutionen auS bem Wege zu gehen.
Samstag Verhandlung vor dem Rat.
Tic deutschen Forderungen.
Genf, 11. Febr. (WTB.) Der DölkcrbundSrot wird nunmehr am SamStog zu einer Sitzung jufammentreten, um zu bem Memelkonflikt Stellung zu nehmen. Zwilchen bem DölkerbunbSsekrc- tariat und ber deutschen Aborbnung haben am Donnerstag Beratungen über bie Memelsrage stattgesunben. Die Reichsregierung bürste im DölkerbundSrat folgende vier Forderungen an die litauische Regierung stellen:
1. Richligkeitserklärung sämtlicher von ber litauischen Regierung währenb ber letzten Vorgänge in Memel ergriffenen Maßnahmen.
2. Sofortige Absetzung bes von ber litauischen Regierung gewaltsam gebilbeten Direktoriums und Wiebereinfehung beS bisherigen versasfungSmäßigen Direktoriums.
3. Eine amtliche Erklärung ber litauischen Regierung auf strengstes Einhalten der Memelkonvention und bes Memelstatut« für bie Zukunft.
4. Sofortige Absetzung bes Gouverneurs Merkys.
Die litauische Regierung wird im Dölkerbunbsrat ben Stanbpunkt vertreten, bah e i n Rechtsbruch der M e m c I I o n D c n t i o n nicht Dorlicgt unb daß Merkys zu der Absetzung des Direktoriums berechtigt war. Diese Behauptung entbehrt jedoch jeder Rechtsgrundlage, da die Memelkonvention keinerlei Bestimmungen enthält, die dem litauischen Gouverneur des Memelgebietes das Recht einräumen, ben Präsidenten unb bas Direktorium des Memelgebietes abzusetzen.
Keine Handhabe gegen Böttcher.
Äotono, 11. Febr. (£11.) Die Staatsanwaltschaft bes Litauischen Militärgerichts, bas sich auf Antrag bes Gouverneurs mit ber Frage beschäftigte, ob Landeopräsident Böttcher wegen ber inkriminierten Reise nach Berlin wegen LanbeSverrats vor bas Kriegsgericht gestellt werben könne, hat festgestellt, bah baß bis jetzt unterbreitete Material für die Einleitung eines solchen DersahrenS vor bem Kriegsgericht nicht ausreichend sei, da chm keine triftigen Beweise sür Hoch- bzw. Landesverrat zugrunde lägen. ES muß bemerkt werden, daß in litauischen Militärkreisen sowohl daS Dorgehen des Gouverneurs als auch die ganze Entwicklung im Memelgebiet seither mit größter Zurückhaltung beobachtet unb nicht zum geringen Teil mißbilligt wirb. In ber litauischen Bevölkerung hat bie Stimmung gegen Deutschland zugenommen, obwohl bie Zensur ber Prelle Zuruckhal- tung auf er legt. In politischen «reifen Litauen« erklärt man. wenn ber Genfer Rat bie Feststellung treffe, daß bas Dorgehen von Merkys rechts- toibrig sei, baß bann eben nicht nur Böttcher, fonbern auch Merkys gehen muffe. Litauen habe dann jedenfalls die Entfernung Böttchers von seinem Amte erreicht.
Waffenstillstand in Tschapei.
Heute früh erneuter Kamps um Wusung.
Schanghai.ll. Febr. (DTB ) Donk ber Vermittlung des fronzöfifchen Paters Iacquinot, der im Weltkrieg einen Arm in der Schlacht bei Derdun verlor, ist für das ©ebict von Tlchapei ein vierstündiger Waffenstillstand ab* geschlossen worden, der morgen vormittag um acht Uhr beginnt. Dieser Waffenstillstand soll es den chinesischen Frauen und Kindern ermöglichen, Tfchapei zu verlassen unb sich in bie internationale K on zesf i ons z one z» begeben. Pater Iacquinot ist Leiter bes St. Franz- Taver-Kollegiums unb ist auch in führenber Stellung im Freiwilligen-Aorps in Schanghai tätig.
Rach dem üblichen Artillerie- unb Flugzeug- bombarbement trat am Donnerstag mittag zunächst eine völlige Waffenruhe ein. Dies« wurde erst unterbrochen, als bie japanifcheW
Die deutschen Abrüstungsvorschläge.
Ein ins Einzelne gehendes Programm wird in der kommenden Woche der Abrüstungskonferenz vorgelegt.
Vor einem „Marsch auf Memel!"
Starke Deuffchenhehe im Memelgebiet. - Litauische Schühenoerbände werden mobilgemacht. - Der Völkerbund soll vor vollendete Tatsachen gestellt werden.


