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Jedermann.
Von Hans Mebau.
Federmann hat eine kleine Geflügelfarm.
„Wie bist du eigentlich zufrieden?" fragt Mücke. „Rentiert sich das Geschäft?"
„Rentieren?" zuckt Federmann die Achsel, „im Gegenteil. Die ganze Sache war ein Reinfall. Die Hühner sangen immer ausgerechnet dann an zu legen, wenn die Eier billig werden."
*
Mittags hat Federmann sein Handgepäck abgegeben. Abends will er es wieder holen.
„Was war es denn?" fragt der Mann am Schalter.
„Ein schwarzer lederner Handkoffer", sagt Federmann.
Der Mann fängt an'zu suchen. Sämtliche ledernen Handkoffer sieht er nach, vergleicht die Nummern, chiebt sie zurück. Endlich kommt er mit einem großen Paket in braunem Packpapier. „Ist es das?" ragt er.
„Jawohl", nickt Federmann.
„Aber das ist doch kein schwarzer lederner Handkoffer!" grollt der Mann.
„Was wissen Sie davon!", sagt Jedermann und guckt das Paket an, „ich habe ihn doch selbst eingewickelt."
„Merkwürdig", sagt Horniebel „Doktor Schott ist doch ein junger moderner Arzt. Aber er benutzt mit Vorliebe die Heilmittel unserer Väter. Mir hat er zum Beispiel Blutegel verordnet."
„Mir auch", sagt Federmann. „Aber ich finde, sie schmecken scheußlich."
*
„Gestern abend", erzählt Federmann, „war ich eingeladen. Aber um acht Uhr hatte das Bügelinstitut die Hosen noch nicht geschickt, und ich mußte warten."
„Hm, hm", nickt Mücke, „lange?"
„Natürlich", sagt Federmann. „Ich trage doch zum Smokipg keine kurzen." *
Jedermann hat, zum zweiten Frühstück schon, Burgunder getrunken. Burgunder am frühen Morgen steigt zu Kopf. Und als Jedermann in seinen Wagen steigt und losfährt, dauert es nicht lange, und er stößt mit einem Wagen des Ueberfallkom- mandos zusammen. Der Anprall ist so stark, daß der Schupochauffeur von seinem Sitz bis auf die Straße
fliegt. Langsam steht er auf, nimmt die Dienstmütze vom Pflast.er und guckt Jedermann an.
„Donnerwetter", sagt Jedermann, „auch Burgunder getrunken?"
*
jedermann geht in die Buchhandlung. „Ich habe gestern einen Briefsteller bei Ihnen gekauft", sagt er. „Sie müssen ihn zurücknehmen."
„Aber weshalb denn?" fragt der Verkäufer. „Sind Sie nicht zufrieden?"
„Nein", schüttelt Jedermann den Kopf und schlägt den Briefsteller auf. „Sehen Sie hier zum Beispiel: .Teuerste Elfriede! Wie oft habe ich in der letzten Nacht Deinen Namen vor mich hin gesprochen. Wie oft habe ich gegen die Wand geschrien: Elfriede!!'"
„Ja, und — " fragt der Buchhändler, als Jedermann schweigt.
„Sie heißt doch", sogt Jedermann und klappt das Buch zu, „sie heißt doch Dagmar."
*
Jedermann ist eingeladen. Die Hausfrau stellt den Lautsprecher an. Ein Tenor schmettert das „Friede- rike"-Lied: .Mädchen, mein Mädchen ...'
„Eigentlich doch ein fabelhaftes Lied!" sagt der Hausherr.
„Kein Wunder", zuckt Jedermann die Achsel, „Goethe —"
* .
„Du", sagt Mücke, „ich habe gehört, du hast dir einen ausrangierten Eisenbahnwagen dritter Klasse als Wochenendhaus gekauft. Stimmt das?"
„Jawohl", nickt Jedermann, „das stimmt."
„Na, und •—?" fragt Mücke weiter, „bist du zufrieden?"
„Im Gegenteil", zuckt Jedermann die Achsel. „Es war ein Reinfall. Stell' dir vor: Die Reichsbahn hat mir ausgerechnet einen Nichtraucher-Wagen geliefert!"
Japanische Puppen-Wunder.
Es sind keine gewöhnlichen Spielpuppen, die jetzt zum erstenmal in der Geschichte Japans ihr Heimatland verlassen haben und in einer reizvollen Ausstellung in London zu sehen sind: eine jede von ihnen hat eine besondere Rolle in ihrem Lande gespielt, hat eine reiche Vergangenheit hinter sich. Diele von ihnen find Erbstücke, die sich, sorgsam gehütet, von der Mutter auf die Tochter, die sie am Tage der Hochzeit erhält, forterben. Oftmals kann man die verschiedenen Heiraten in einer alten .Familie aus den Kränzen am Ge
wände einer solchen Puppe ablesen. Das Fest der Puppe ist der größte Freudentag im Leben der japanischen Kinder. Es wird alljährlich am 3. März begangen. An diesem Tage werden dann die Puppen in allen Familien hervorgeholt, auf mit rotem Tuch bekleideten Gesimsen ausgestellt stnd reich mit Opfergaben, bestehend aus Wein, Reis und Süßigkeiten bedacht. Läe kleine Tochter des Hauses darf an diesem Tage die Gastgeberin spielen. Manches interessante Stück hat nun feijj nen Weg in die fremde Ürnwelt dieser Ausstellung gefunden. Da sieht man eine den ersten Kaiser von Japan, Jimmu Tenno, der 650 v. Ehr. herrschte .darstellende Puppe. Die Gestalt mit ihrem goldenen Schwert quer über den Knien und dem heiligen Halsband aus altem Jadestein zeichnet sich durch außerordentliche Realistik aus. Eine japnaische Hofszene zeigt den Kaiser und die Kaiserin, umgeben von ihrem Hofstaat. Sie tragen juwelengeschmückte Kronen und ihre Gesichter aus lackiertem Holz sind voll lebendigen Ausdrucks . Unter den vielen anziehenden Ausstellungsgegenstände nfallen winzige Orangen- und Kirschenbäume, die Sinnbilder des Himmels und der Erde, große Papierlaternen, schwarze, lackierte Tragsessel mit scharlachroten. Dächern und seltsamem Gepäck auf, das aus auf Stangen getragenen ^sten besteht: das Innere ist äußerst geheimnisvoll, ein In- und Durcheinander von Schubladen und Klappen. Dann gibt es hier winzige Schminkkästchen, die die Farbe zur Erzeugung der beiden schwarzen Flecken auf der Stirn, des königlichen Hoheitszeichens, enthalten. Manche der Spielsachen sind so winzig, daß man ein starkes VergrL ßerungsglas braucht, um sie genau betrachten zu können, wie dies etwa bei dem 12 Millimeter großen Knallgewehr oder dem Zauberschiff notwendig ist. Diel Bewunderung erregt auch eine entzückende, blaugekleidete kleine Figur, die einen großen Goldfisch hochhält. Dies ist eine in Japan besonders beliebte Gestalt, die einen Drunnengott darstellt. Mit ihr wetteifert in der Gunst des Publikums ein kleiner Tänzer, dessen Beruf es ist, die bösen Geister eines Hauses zu vertreiben, was ihm mit dem vergnügten Klingeln seiner Glöckchen sicher gelingt. R- M.
Zeitschriften.
— „Die Kun st" vereinigt mit „Deutsche Kunst und Dekoration" (Verlag I. Bruckmann, Mün- chen) bringt in ihrem neuen Heft Frauenbildnisse aus 75 Jahren, deren Auswahl nach dem Gesichtspunkt getroffen wurde, den zeitlichen Wandel seeli
schen Ausdrucks im deutschen Frauenbildnis festzustellen. Diese Frauenbildnisse von Adolf von Menzel bis Willy Iaeckel können bei allen Gradunterschieden in der Qualität des Künstlerischen übereinstimmend angenommen werden/ Wie deutlich trägt z. H. Habermanns Mutter köstliche Reife und einen lieber- schuß seelischer Kraft, die Güte und Wohlwollen ausstrahlen und Willy Iaeckels Bildnis seiner Frau, ein modernes Frauenbildnis in bestem Sinne, das Sorgenvolle, Wache, Hinhorchende, das man als symbolhaften Ausdruck der geistigen Entwicklung der Frau in den letzten Jahrzehnten bezeichnen kann. Die Wohnungskunst ist vertreten durch Ansichten eines Landhauses am Scharmützelsee, das allen modernen praktischen Anforderungen hinsichtlich des angenehmen Wohnens und vereinfachten Haushaltbetriebs entspricht Lichtkultur im modernen Wohn- raum wird fachmännisch besprochen, Musterwohnungen in einem Wiener Hochhaus, neues Kunstgewerbe, darunter Handwebereien, Silberarbeiten, Keramiken und kleine Möbel wie Truhen, Vitrinen sowie neue Schmuckstücke werden im kunsthandwerklichen Teil gezeigt.
— Der „Kunstwort" gibt unter dem neuen Titel eben das zweite Heft des 46. Jahrgangs aus. „Deutsche Zeitschrift" (Callwey, München) Auch das neue Heft zeigt mit seinem reichen aktuellen Inhalt, daß die Zeitschrift ihre Bemühung um dos gesamte Geistesleben der Ration, von einem völlig unabhängigen Standort aus erfolgreich fortführt. Hermann Herrigel befaßt sich mit der Frage der Hochschulreform, indem er zunächst alle unmöglichen Ansprüche und Erwartungen beiseite schiebt und sich auf die tatsächliche Problematik des älniversitätswesens einläßt. Carl Linfert betrachtet die Gesamtleistung Max Slevogts und die Wirkung, die von ihm ausging, der Maler A. Kremer die große Ausstellung in Denedig, indem er ein Fazit über den Gesamtstand der heutigen europäischen Malerei zieht. Fritz Endres würdigt das Werk Gerhart Hauptmanns, dessen Vorzüge und Mängel sinnbildlich sind für das wilhelminische Zeitalter, und betont mit Recht das Positive an seinem Lebenswerk. Petzet setzt seine Filmkritik fort, wobei er diesmal auf die unerfreulichen Auseinandersetzungen zwischen Theaterbesitz und Derleih eingeht und Interessantes über den Geschmack des Publikums mitteilt. Das Heft enthält Bilder von Slevogt und Rethel und eine klassische Erzählung des englischen Dichters Thomas Hardy.
Hindenburgs Auftrag an den Reichskanzler
Oie Fühlungnahme mit den Parteiführern und Länderregierungen beginnt sofort.
Die amtliche Mitteilung.
Berlin, 10. Koo. (TU.) Amtlich wird mil- geteilt: „Reichspräsident von Hindenburg nahm heute (Donnerstag) den Vortrag des Reichskanzlers von Popen über die Auffassung des Kabinetts zur innerpolitischen Lage entgegen. Der Herr Reichspräsident betonte, daß er an dem der Bildung der Regierung von Popen zugrundeliegenden Gedanken einer nationalen Konzentration auch weiterhin fest halte. Dementsprechend beauftragte er den Reichskanzler, in Besprechungen mit den Führern der einzelnen in Frage kommenden Parteien festzustellen, ob und inwieweit sie gewillt seien, die Regierung in der Durchführung des in Angriff genommenen politischen und wirtschaftlichen Programms zu unterstützen."
wie das Wolff-Bureau in Ergänzung bet amtlichen Mitteilung erfährt, werden die Besprechungen mit den Parteien um die Wochenwende
aus großen Menschenmenge, die vor und in der Verschalle Aufstellung genommen hatte, begrüßte Führer und Besatzung des so erfolgreichen Flussschiffes. Als erster hieß der württem- bergische Wirtschaftsminister Dr. Maier im Rainen der württembergischen Regierung die Flieger herzlich willkommen. Des weiteren überbrachte Bürgermeister Schnitzler von Friedrichshafen die Glückwünsche der Stadt. Dr. Claude Dornier hieß dann als ßeiter der Dornier- Werke die Flieger seinerseits willkommen und sprach Führer und Mannschaft seine Anerkennung für ihre fliegerische Glanzleistung aus. Von Gronau dankte für sich und seine Begleiter für den eindrucksvollen Empfang', auf heimatlichem Boden.
von Schlammkohlenmafsen verschüttet.
Auf der Zeche „Unfer Fritz" in Wanne-Eickel hatten sich in früher Morgenstunde mehrere Personen mit Handkarren zur Schlammkohlenhalde begeben, um dort Schlammkohle zu stehlen. Plötzlich brachen von der unterwühlten Halde von oben größere Mengen Schlammkohle 'herab, die fünf Pers onen Begruben. Zechenarbeiter und Feuerwehr konnten sämtliche Personen Befreien. Bei einem Mann war der Tod schon eingetreten, feine Frau und ein weiterer Mann erlagen im Krankenhaus ihren Verletzungen.
Mord in der Sennhütte.
In dem an der bayerisch-österreichischen Grenze liegenden Gebirgsort Unten stellte sich, von Gewissensbissen gefoltert, ein Dienstknecht der Gendarmerie mit der Angabe, daß er vor einem I a hr auf der Loferer Alm in den Loferer Steinbergen eine in anderen Umständen befindliche Sennerin, mit der er «in Liebesverhältnis hatte, erschlagen habe. Er hatte dann die Sennhütte angezündet, um den Anschein zu erwecken, daß der Blitz eingeschlagen habe. Die Hütte war damals mit dem Vieh verbrannt. Die Sennerin wurde tot aufgefunden.
Zwölf Todesopfer eines Brandunglücks in ein ent Schweizer heim für geistesschwache Kinder.
Am Donnerstag brach um 5 Uhr in der Erziehungsanstalt Bühl bei Wädenswil am Züricher See, in der geistesschwache Kinder und Zöglinge untergebracht sind, Großfeuer aus. Von den großen Gebäuden an der Straße sind die beiden etwa vierstöckigen Hauptgebäude v o l l - ständig niedergebrannt. Die laut jammernden und verstörten Kinder konnten durch die Feuerwehr über die Baitone gerettet werden. Sie wurden von dem Leiter des Heims, nach dem in der Nähe gelegenen Bürgerheim gebracht. Man ver- | mutet, daß der Brand durch Schadhaftwerden der
beginnen. Ein genauer Termin aber sieht bisher ebensowenig fest, wie der kreis der in Frage kommenden Parteien. Das ist im einzelnen dem Kanzler überlassen worden. Das politische Programm, das die Grundlage der Besprechungen bilden soll, erstreckt sich in erster Linie auf die Verfassungsreform, die neben den großen wirtschaftlichen Fragen in der nächsten Zeit das Hauptproblem fein wird.
Die Besprechungen mit den Regierungschefs der Länder beginnen morgen nachmittag zunächst mit einer gemeinsamen Besprechung des Reichskanzlers mit den Vertretern von Bayern, Württemberg, Baden und Sachsen. Ls war von vornherein nicht in Aussicht genommen, eine gemeinsame Konferenz aller Ländervertreter abzuhalten, vielmehr nur mit Bayern, Württemberg und Baden eine solche Besprechung verabredet. Dann ist noch Sachsen hinzu- gefommen. Die Vertreter der übrigen Länder werden, soweit sie den Wunsch haben, vom Kanzler einzeln empfangen.
Zentralheizung entstanden ist. Gegen 10 Uhr vormittags sand man bei den Aufräumungsarbeiten im Schutt zunächst drei völlig verkohlte Mädchenleichen und später nochmals weitere vier. Nachmittags wurden unter den Schuttmassen die Leichen von den noch vermißten fünf Kindern gesunden. Die meisten von ihnen waren im oberen Stockwerk untergebracht. Sie hatten sich aus Angst vor dem Feuer unter die Decken versteckt, so daß sie ypn der Feuerwehr, die trotz der Gefahr, immer wieder vorging, nicht ausgefunden werden konnten. Die Rettung der schwachsinnigen Kinder und Zöglinge gestaltete sich sehr schwierig. Die Kinder leisteten derartigen Widerstand, daß zum Herausziehen eines einzigen Kindes vielfach zwei Feuerwehrleute benötigt wurden. Insgesamt beherbergte die Anstalt etwa 30 Kinder. Auch ein junges 16jähriges Dienstmädchen, das sich aus dem Flammenmeer nicht retten konnte, ist unter den Opfern.
Lin Auto mit vier Jnfaffen im kleinen Belt versunken^
Aus der dänischen Insel F u e n e n wurde zwischen Middelsard und Fredericia aus dem Kleinen Belt ein' Auto geborgen, das feit et to a 1 4X$ agen vermißt wurde. Der Wagen war von Herning in Südwest-Jütland mit dem Ziel Freuen abgefahren. Die vier Insassen wurden tot aus dem Auto geborgen.
Geldraub in einem Wiesbadener Postamt.
Dieser Tage wurde einem Lehrmädchen, welches in der Postanstalt auf dem Bismarckring in Wiesbaden einen größeren Geldbetrag einzahlcn wollte, vor dem Schalter ein Teil des Geldes in Höhe von 230 Mk. entrissen. Dem Täter ist es gelungen, mit der Deute zu entkommen.
vier Gasarbeiter verunglückt.
Dieser Tage waren vier Arbeiter der Städtischen Werke in Stettin in einem vier Meter tiefen Schacht beschäftigt. Plötzlich ertönten aus dem Schacht Hilferufe. Vorübergehende konnten zwei Arbeiter im bewußtlosen Zustande aus dem Schacht 'herausztehen. Die anderen beiden Arbeiter, die auf der Sohle des Schachtes lagen, konnten erst von der Feuerwehr geborgen werden. Im Krankenhaus sind zwei der Verunglückten inzwischen gestorben, und zwar die Arbeiter Otto L st d t k e und Georg Heye. Dick beiden anderen Arbeiter, Gebhard Kroll und Karl Lüdtke, der Vater des Gestorbenen, konnten ins Leben zurückgerufen werden. Der Unfall ist wahrscheinlich dadurch entstanden, daß aus einem undicht geworden Rohr Gas aus- strömte.
rer keine direkte Stellung genommen, jedoch geht aus den bisherigen Beschlüssen hervor, daß z u n ä ch ft nicht die Absicht besteht, den Generalstreik zu erklären.
Maßnahmen des Bundesrats
Mehrere Regimenter alarmbereit.
z Bafel, 10. Rov. (Täl.) Der schweizerische B u n d e s r a t hat sich am Donnerstagnachmittag eingehrnd mit den Vorgängen zu Gens und Lausanne befaßt. Darüber wird folgende Mitteilung ausgegeben: „Der Bundesrat hat in seiner außerordentlichen Sitzung von heute die schmerzlichen Vorfälle in Genf besprochen. Er hat Kenntnis genommen von der Mitteilung der Genfer Regierung, daß sie am Freitagvormittag das Genfer Infanterie-Regiment und ein Genferisches Landwehrbataillon aufbieten werde. Die Truppen, denen die Aufrechterhaltung der Ordnung anvertraut ist, werden als im aktiven Dienst stehend betrachtet. Der Bundesrat hat davon Kenntnis genommen, daß das Eidgenössische Militärdepartement eine Llntersuchung für Militär- justiz angeordnet hat, um genau festzustellen, unter welchen älm ständen die Truppen gestern bei den Vorfällen in Genf eingegriffen haben./ — Der Bundesrat hat ferner beschlossen, das Dragoner-Regiment II alarmbereist zu stellen. Die Regierung des Kantons Bern hat Alarmbereitschaft der ®e = birgsinfanterie-Brigade IX und der Kavallerie-Brigade II astgeordnet. Der Staatsrat des Kanton Waadt (Lausanne) hat das Artillerie-Bataillon 3 und das Kavallerie-Bataillon in Alarmbereit
schaft sehen lassen. ^Ferner hat er eine Verfügung erlassen, durch die Versammlungen mit revolutionärem Charakter sowie Ansammlungen auf öffentlichen Straßen und Plätzen verboten werden.
Hoch immer starkeveunruhigung.
Bern, 9. Rov. (TU.) In den großen Schweizer Städten Bern, Basoll, Zürich und Lausanne herrscht unter der Bevölkerung größte Beunruhigung. Die Behörden wollen jedoch zunächst abwarten, welche Haltung die Sozialisten und die Arbeiterschaft einnimmt. Die Genfer bürgerliche Presse schiebt dem sozialistischen Führer R i c o I e die Verantwortung der blutigen Opfer der letzten Rächt zu und stellt ausdrücklich fest, daß die ersten Angriffe von den Massen auf die Soldaten ausgegangen seien. Die Soldaten seien zuerst in brutalster Weise mißhandelt worden. Die Truppen hätten erst nckch mehrmaliger Warnung das Feuer eröffnet. Dagegen veröffentlicht das Genfer sozialistische Arbeiterblatt „Le Tra- v a i I“ einen Aufruf des leitenden sozialistischen Komitees an die Arbeiterklasse zu einem sofortigen schärf st enProte st gegen die Haltung der Truppen. Das Komitee betont seine vollständige Übereinstimmung mit dem Vorgehen der Genfer Arbeiterklasse gegen die korrumpierte Bürgerschaft und erklärt, daß die leitenden Parteiinstanzen un- verzüglich zusammengetreten seien, um den Arbeiterorganisationen die notwendigen Anweisungen für ein allgemeines Vorgehen der Verteidigung zu geben.
Im Laufe dech Rachmittags sind neue Truppenverstärkungen aus Bern nach Genf beordert worden.
Aus aller Wett.
Die Nobelpreise 1932 für Literatur und Chemie.
Der literarische Nobelpreis für 1932 wurde von der Schwedischen Akademie dem bekannten englischen Schriftsteller John Galsworthy zugesprochen. Galsworthy, der 65 Jahre alt ist, stand bereits seit mehreren Jahren aus der Bor-
John Galsworthy.
schlagsliste, so daß feine Auszeichnung in Schweden nicht als Ueberraschung angesehen wird. Fast alle seine Werke sind auch in das Schwedische übersetzt worden. Galsworthy gehört zu den meistgelesenen englischen Schriftstellern. Weltberühmt ist feine „Forsyte Saga". Sie bringt die Schilderung einer Familie durch Generationen hindurch und ist ein Epos des wohlhabenden englifchm Bürgertums im viktorianischen Zeitalter. John Galsworthy selbst stammt aus einer solchen alten Familie — die Gals- worthys lassen sich in Devonshire bis ins 9. Jahrhundert zurückoerfolgen.
Der Nobelpreis für Chemie ist von der Schwedischen Akademie ber Wissenschaften dem amerikanischen Forscher Dr. Irwin L a n g m u i r zu- gesprochen. Er ist bekannt geworden durch seine
Untersuchungen über die Elektronen-Ausstrahlung glühender Körper und durch die Erfindung der Halbwattlampe. Langmuir ist 51 Jahre alt und lebt in Nordamerika.
Die Schwedische Akademie der Wissenschaften hat ferner beschlossen, die beiden Nobelpreise für Physik nicht zu verteilen. Der Preis für 1931 wird dem Reservefonds zugeführt und der für 1932 für das nächste Jahr zurückgestellt.
Zum ersten Male seit einer ganzen Reihe von Jahren ist keiner der Nobelpreise an Deutschland gefallen. Mit Ausnahme des Friedens-Nobelpreiies, beffen Verteilung vom norwegischen Storting beschlossen wird, find nunmehr alle diesjährigen, Preise verliehen. Die feierliche Überreichung durch König Gustav von Schweden findet am 10. Dezember, dem Todestage des Senators Alfred Nobel, in Stockholm statt.
Die Beisetzung Gertrud Bindernagels.
Auf dem Friedhof an der Heerstraße, auf dem schon eine Reihe von bekannten Musikkünstlern. unter ihnen Konrad A n s o r g e und Leo Schütze n d o r f, zur letzten Ruhe gebettet liegen, wurde dieser Tage die Opernsängerin Gertrud Bindernagel beigesetzt. Unter den Trauergästen bemerkte man Vertreter der Behörden, der Berliner Bühnen, des Rundfunks und der Berufsverbände. Diele Hunderte Berliner hatten sich eingefunden, um der toten Sängerin, an deren hoher Kunst sie sich erfreuen durften, ihren letzten stillen Dank abxuftatten. Rachdem der Geistliche der Toten als Menschen und Künstlerin gedacht hatte, sprach Intendant Ebert von der Städtischen Oper, zugleich für das Stadttheater Mannheim, an deren Bühne die Künstlerin viele Jahre gesungen hatte. Tlnter den Klängen des „Pilger- chors'^ aus „Tannhäuser" wurde der Sarg dann zu Grabe getragen, wo viele kostbare Kränze und auch Blumenspenden unbekannter Anhänger der Heimgegangenen Künstlerin niedergelegt worden waren. ,
Gronaus (Empfang in Friedrichshafen.
Rach glücklich beendetem Weltflug ist der deutsche Flieger Wdlsgang v. Gronau, wie bereits gemeldet, von der Flugwerft in Altenrhein kommend, in Manzell gelandet. Sirenengeheul, Böllerschüsse und der Jubel einer über


