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182. Jahrgang
Zreitag.U. November 1932
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General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil i.D. Th.Kümmel sämtlich in Gießen.
Aeue Initiative Englands in der Frage der deutschen Gleichberechtigung.
(Simon kündet Vorschläge für eine auch Deutschland umfassende Abrüstungskonvention an. — Als Gegenleistung wird das Ostlocarno erwartet -Eine schwere Zumutung für Deutschland.
London, 10. Qlob. (WTB.) Im Unterhaus sand heute die mit großer Spannuntz erwartete außenpolitische Debatte statt. Major Attlee brachte einen Antrag der Ärbeiteroppo- sition ein. Die Abrüstungskonferenz mache keine Fortschritte. So habe sich des ganzen Landes eine tiefe Enttäuschung bemächtigt. Die englische Regierung müsse der Konserenzeine entschiedene Führung geben. Die Antwort des Staatssekretärs auf die deutsche Forderung sei höchst unglücklich, es treffe nicht zu, daß die Forderung in einem ungeeigneten Augenblick vorgebracht worden sei. Jedermann erkenne an, daß England grundsätzlich Deutschland die Gleichbe- rechtigung nicht verweigern könne. Allerdings sei fraglich, ob Gleichheit Abrüstung oder Ausrüstung bedeuten werde.
Öer Staatssekretär des Aeußern Sir Zahn Sjmon
erklärte, die Gleichberechtigung, wie sie die ge- gentoärtige deutsche Regierung verstehe und aus- lege, bedeute die Frage der erlaubten Waffen und die Frage der Reorganisa- 1 Hon der deutschen Streitkräf te. Eine Zusammenkunft von Angesicht zu Angesicht sei nach wie vor nötig, um eine Grundlage zu finden, auf der Deutschland zur Konferenz in Ehren zurückkehren könne. Der ftanzösische Plan stelle eine entschiedene Bemühung dar, dem deutschen Anspruch auf Gleichberechtigung zu entsprechen. In Deutschland sei der Plan so ausgelegt worden, daß die Klauseln des Versailler Vertrages nicht sakrosankt seien. Der Vorschlag der Richt» angrisfs Pakte europäischer Ratio ne n , die wegen ihrer nächsten Rachbarschaft miteinander in starkem Maste gewissen gemeinsame n Risiken ausgesetzt seien, erscheine ihm d e r Zustimmung Englands würdig. Die । Vorschläge verlangten von England nicht, irgend- ' welche weiteren Verbindlichkeiten über die hinaus einzugehen, die es auf Grund der Völkerbunds- sahung und des Locarnovertrages eingegangen ist.
Dann verlas Simon eine Erklärung, in der es u. a. heißt: Mit bezug auf die Regelung i der Schwierigkeiten, die sich aus der deutschen Gleichberechtigungssorderung ergeben, regt die britische Regierung an, daß Hand in Hand mit einem fairen Entgegenkommen gegenüber dem An pruch Deutschlands auf © e chberechtigung d i e 1 europäischen Staaten s i ch in einer feierlichen Zusicherung vereinen sollten. daß sie unter keinen Timständen versuchen werden, irgendwelche gegenwärtigen oder künftigen Schwierigkeiten unter sich durch Rückgriff auf Gewalt zu lösen. Die Anerkennung des moralischen Rechtes Deutschlands auf Gleichheit der Behandlung mit anderen Rationen , brächte für Deutschland u. a. die Annahme dieser : entsprechenden Verpflichtung mit sich.
Bezüglich des deutschen Anspruchs auf Gleichberechtigung müssen drei große Punkte erwogen werden. Erstens die Frage, ob die Beschränkung der deutschen Rüstungen in dem gleichen Dokument ausgedrückt werden sollte, wie die Beschränkung der Rüstungen anderer Rationen. Ich glaube, daß die Beschränkung der deutschen Rüstungen in derselben Abrüstungskonvention enthalten sein sollte. Das bedeutet, daß d i e Artikel in Teil V des Versailler Vertrages, die gegenwärtig Deutschlands Waffen und Streitmächte beschränke, anher Kraft gesetzt werden. — Der zweite Punkt betrifft die Dauer der Konvention. wir sind der Ansicht, daß die neu ausgedrückten Beschränkungen für Deutschland d i e gleiche Zeit dauern sollen und den gleichen Methoden der Revision unterliegen sollen, wie diejenigen anderer Länder. Ls würde tei. j praktische Politik sein, wenn irgend jemand versuchen sollte, eine dauernde Vorschrift für eine große Ration zu machen/während sie für sich selbst und ihr Volk nur eine beschränkte Periode der wirkksamkett forderten. — Der dritte Punkt betrifft das Problem der Gleichberechtigung in der Frage der Kriegsmaterialien. Deutschland hat erklärt, es habe keine Absicht, aufzurüsten, sondern wünsche lediglich, daß grundsätzlich die Art der Rüstungen, die anderen Ländern gestattet ist, nicht ihm selbst verboten sei. wenn Gleichberechtigung eingeräumt werden soll, dann muh dieses Prinzip anerkannt werden. England ist bereit, seine Bereitwilligkeit zu erklären, im Zusammenhang mit den anderen Mitgliedern der Abrüstungskonferenz darauf zu sehen, daß dieser Grundsatz in d i e neue Konvention einbezogen wird. Durch welche Mittel und in welchen Etappen
dieser Grundsatz angewandt werden kann, muh Gegenstand von Aussprachen in Genf fein. Ls ist absolut notwendig, daß Deutschland an diesen Diskussionen feilnimmt.
In der Zwischenzeit wolle er für die Regierung folgende zwei Punkte klärmachen: 1. Das Ziel der Abrüstungskonferenz sei, ein Maximum positiver A b r ü st u n g zu erreichen, auf das man sich allgemein einigen könne und nicht im Namen der Gleichberechtigung Zunahmen in der bewaffneten Stärke zu autorisieren. Zweitens könne die volle Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichheit praktischerweise nicht auf einmal erreicht werden. Sein Ziel sei, Deutschland zur Abrüstungskonferenz zurückzubringen. Er hoffe, Ende der Woche in Genf zu sein; denn die Abrüstungskonferenz müßte so früh wie irgend möglich Gelegenheit erhalten, zu erfahren, welche Methoden und Verfahren die britische Regierung zur Ausarbeitung des französischen Planes Vorschläge.
Im Verlaufe der Debatte erklärte Sir Austin Chamberlain, er möchte die deutsche Regierung, die deutschen Parteien und vor allem das deutsche Volk auffordern, denen zu helfen, die ih..en zu Reifen versuchten. Er und viele andere in England und anderen Ländern seien erstaunt und beunruhigt durch Aeußerungen und Handlungen von Leuten, deren Stellung in Deutschland es unmöglich mache, sie nicht zu beachten. Was wir in ihren Reden und in ihrer Politik sehen wollen, ist loyale Annahme ihrer vertraglichen Verpflichtungen. Wir fordern von ihnen nicht, daß sie die Hoffnung aufgeben sollen, die mir selbst in umgekehrten Verhältnissen nicht aufgeben würden. Verträge können nur durch Uebereinfunft geändert werden.
Das Ostlocarno.
Kür das Zugeständnis der deutschen Gleichbrrecht-gung.
London, 10. Noo. (WTV. Funkspruch.) Wie Reuter aus Parlamentskreisen hört, geht der britische Vorschlag dahin, unter keinen Umständen zur Gewalt zu greifen. Die Besorgnis, die vor allem hinsichtlich der Probleme der deui- schen O st grenzen in so vielen Teilen Europas herrsche, sei besonders in den englischen Vorschlägen berücksichtigt worden. Es sei zweifelhaft, ob einige Verträge, denen Großbritannien nicht beigetreten ist, Deutschland ausreidjenb verpflichten, wegen seiner Ostgrenzen nicht zur Gewalt zu greifen. Hauptzweck sei nunmehr eine eindeutige Beteuerung dieses Standpunktes anstatt auf Präambeln von Verträgen zurückzugreifen, die vielleicht nicht völlig klar seien. Mit einer einfachen Erklärung über Deutschlands Grenzverhaltnisse und mit der Deutschland zugestandenen Gleichberechtigung hoffe man, den Geist der Nervosität und der Erbitterung in der deutschen Öffentlichkeit zu verdrängen und eine ruhigere Auffassung zu stärken. Kurz gesagt: man müsse Deutschland zuerst gerechte Behandlung zuteil werden lassen, von der es gegenwärtig noch nichts merke. Dann müsse man von ihm Gewähr dafür verlangen, daß es solches Entgegenkommen nicht ausnütze, um den Frieden Europas zu stören. Die vordringliche Frage sei jetzt natürlich, welche Aussichten der britische Plan hinsichtlich einer Wiede rteälnahme Deutschlands an der Abrüstungskonferenz biete. Zunächst würden darüber Verhandlungen zwischen Simons und dem neuen deutschen Botschafter in London aufgenommen werden.
Sie ilnruben in Gens.
Die Hintergründe der Krawatte.
Ein sozialistisch-kommunistischer Putschversuch.
Gens, 10. Rov. (ERB. Eigene Meldung.) Die blutigen Zwischenfälle, die sich in der vergangenen Rächt hier ereigneten, haben ihren tieferen ©rund in der ungeheueren Spannung, die seit längerer Zeit latent zwischen den bürgerlichen Gruppen und .der sozia- listisch-kommunistischen Bewegung in Genf besteht. Die Riederlage, die kürzlich die sozialistisch-kommunistische Bewegung in einer von ihnen beantragten Volksabstimmung über. Steuerbefreiung aller Einkommen unter 700(r Franken erlitten hat und die Angriffe, die der Abg. R ic ole in letzter Zeit in immer stärkerem (Maße in dem Arbeiterblatt „Travail" gegen die Verwaltung und das Bürgertum richtete, hatten eine Gegenströmung hervorgerufen, die schließlich zur Einberufung einer großen öffentlichen Vers ammlung unter Führung der konservativ-bürgerlichen Bewegung, der Union Rationale am Mittwochabend führte. Ricole hatte zunächst an die Behörden die Aufforderung gerichtet, diese Versammlung nicht zuzulassen, eine Olufforbcning, der der Staatsrat nicht nachkommen zu können glaubte. Die Veröffentlichungen des „Travail" in den letzten Lagen ließen keinen Zweifel mehr
darüber, daß die unter Führung Ricoles stehende Bewegung entschlossen war, entweder das Zustandekommen bir Versammlung der Union Rationale zu verhindern, oder Gegendemonstrationen zu veranstalten^
Die IHorgenbläffer veröffentlichten dementsprechende genaue Anweisungen R i - coles an seine Anhänger. Ls wurden gestern nachmittag in aller (Eile noch Trillerpfeifen verteilt, und die Manifestanten wurden aufgefordert, sich mit Pfeffertüten auszurüsten, um die Polizei an der Aufrechterhaltung der Ordnung gegebenenfalls zu hindern.
Die Behörden hatten rechtzeitig Vorsorge getroffen, um allen Eventualitäten begegnen zu können. Außer einem g r o ß em Aufgebot von P o 1 i z i st c n, das schon sehr früh Absperrmaßnahmen vornahm, wurden 600 Mann aus der Rekruten- schule in Lausanne nach Genf geführt. Während die von der Union Nationale einberufene Versammlung ohne größere Zwischenfälle verlief, entwickelten sich auf der Straße vor Beginn der Versammlung gr ö ß e r e Tumulte. Der anarchistische Führer T r o n ch e t hielt auf den Schultern seiner Kameraden eine Ansprache, m der er erklärte, der Faschismus hole zu einem Schlag gegen die Genfer Arbeiterschaft aus.
Line ungeheure (Erregung entstand unter den Teilnehmern der Gegenkundgebung, als R i -
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Blick auf die herrlich am Genfer See gelegene „Stadt des Friedens
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c o I e, der offizielle Führer der Genfer Sozialisten, in den Straßen erschien. (Er wurde mit einem ungeheuren Beifall empfangen. Ricole hielt eine Ansprache, worin er erklärte, daß d i e Stunde sür die Revolution geschlagen habe. (Er forderte die Massen auf, nicht von der Straße zu weichen.
Rach der Rede Ricoles wurde der zur Absperrung aufgestellte Polizeikordon in immer stärkerem Maße bedrängt. Verschiedene Polizeibeamte wurden verletzt. Als die Lage für die Polizei immer bedrohlicher wurde, forderte der Polizeikommandant Verstärkungen an. Als sich herausstellte, daß die Polizei gegen die Menge machtlos war, gab der Genfer Staatsrat dem Kommanhanten der Rekrutenschule den Befehl, mit der Truppe zur Entlastung der machtlos gewordenen Polizei einzuschreiten. Der Kommandant ließ die 1. Kompanie ausrücken. Die Truppen hatten jedoch die größte Mühe, sich ihren Weg durch die Straßen zu bahnen. Soldaten und Offiziere wurden von der Menge beschimpft und angegriffen, einzelne mit Gummiknüppeln mißhandelt, andere durch Rlesscr- stiche verletzt. Den Soldaten wurden Gewehre und Stahlhelme entrissen und auf dem Pflaster zertrümmert. Auch ein leichtes Maschinengewehr wurde den Soldaten entrissen und demoliert. Die Kompanie wurde schließlich von der Menge gegen das Ausstellungsgebäude zurück- gedrängt.
Angesichts der drohenden Haltung ließ der kommandierende - Major ankündigen, daß er schießen lasse, wenn sich die Demonstranten nicht zurückziehen würden. Als auch dies ftuchtlos blieb, lieh ec laden. Die Menge ging jedoch nicht zurück, sondern bedrohte die Truppe mehr und mehr, so daß der Kommandant schließlich Befehl gab, auf die Füße der Demanstranten eine Salve ab- j u g e b e n. Die Menge rückte nach den ersten Schüssen noch weiter vor. zog sich dann aber fluchtartig zurück, als einige von ihr getroffen wurden.
Als die 3. Kompanie der 1. zur Hilfe eilte, wurden von den umliegenden Dächern etwa ein halbes Dutzend Schüsse auf sie abgegeben. Die zahlreichen Toten und Verletzten wurden in die umliegenden Cafes und Speisehäuser gebracht und teilweise auf die Tische und Billards gebettet. Die Genfer Behörden organisierten fofbrt einen umfangreichen Sani t ä ts d i e n st. Die Toten und Verletzten wurden sodann in das Kantonal-Krankenhaus gebracht. Die Kundgebungen der Massen dauerten jedoch noch bis in die frühen Mor- g e n st u n d e n an. Gruppen von Sozialisten und Kommunisten durchzogen bis in die späte Rächt und die frühen Morgenstunden unter Gesang der Internationale die Straßen. Die Polizei batte unterdessen die gesamte Feuerwehr mobilisiert, die bei ihrem-Erscheinen überall von den Massen mit wüstem Geschrei begrüßt wurde, ohne daß jedoch die Versuche der Menge, die Feuerwehrwagen zu besetzen, gelangen.
DerSaupträdelssiihrer oerhastel.
Tic Genfer Garnison unter Waffen. Vorerst kein Generastreti.
Genf, 10. Rov. (TU.) Der Führer der Sozialisten. Ricole, der Hauptverantwortliche für die blutigen Vorgänge der vergangenen Rächt, ist am Donnerstagvormittag verhaftet worden. Ricole, der sich gerade im Bad befand, leistete heftigen Wider st and und erging sich in schweren Schmähungen der Genfer Regierung. Er wird der Gefährdung der Staatssicherheit und der Aufforderung zum Aufruhr beschuldigt. Die Verhaftung erfolgte trotz der Tatsache, daß Ricole im Rationalrat ist und damit die Immunität des parlamentarischen Abgeordneten genießen müßte. Man erwartet, daß die Schweizer Behörden mit größter Schärfe gegen die Anführer und Haupt- verantwortlichen der blutigen Ereignisse vorgehen werden, da derartige Vorkommnisse das Ansehen der Schweiz und insbesondere die Stellung Genfs als internationale Konferenzstadt schwer gefährden. Auf Anordnung des Bundesrates bleibt die gesamte Genfer Garnison vorläufig unter Waffen, um für den Fall neuer Unruhen sofort eingesetzt werden zu können.
Am Donnerstagvormittag herrschte in Gens vollständige Ruhe. Die Bevölkerung ist über die gestrigen Ereignisse tief beunruhigt. Man befürchtet, daß es zu Kundgebungen vor dem Gefängnis kommen wird, in dem der Sozialistenführer Ricole gefangen gehalten wird. Reue Verhaftungen sind nicht mehr erfolgt. Es ist bisher noch nicht gelungen, der kommunistischen Führer habhaft zu werden. Es bestätigt sich, daß hier — im Gegensatz zu anderen Ländern — zum erstenmal ein gemeinsames Vorgehen zwischen Kommunisten und Sozialisten stattgefunden hat. Die komnru- nistischen und sozialistischen Massen sind von den gleichen Anführern geführt worden.
In der Sitzung der Schweizer Sozialistenführer ist am Donnerstag nach stundenlanger Aussprache beschlossen worden, den Samstag, an dem die Beerdigung der Genfer Todesovser stattfindet, als einen Trauertag zu erklären. Der Arbeiterschaft soll es freigestellt bleiben, die Arbeit während der Beerdigung einzu- stellen oder weiterzuarbeiten. Zu der Frage des Generalstreiks haben die sozialistischen Füh-


