Ausgabe 
11.11.1932 Erstes Blatt
 
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von Reichs wegen erforderlich sind, in das Schema der Etatskürzungen läßt die zur Ver­fügung stehenden Mittel unter das Maß des­jenigen sinken, bei dem sie noch produktiv sind. Wir sind uns sehr wohl bewußt, daß die Lage der Reichsfinanzen die äußerste Einschränkung und die größte Sparsamkeit erfordert. Allein wir glauben dem Verlangen Ausdruck geben zu dürfen, daß nicht nur das jetzt Verbliebene grundsätzlich vor weiteren Kürzun­gen bewahrt bleibt, sondern daß eine nach sachlichen Erwägungen bemessene A u f w e r t u n g der Beträge stattfindet, die die notwendigste Förderung der Forschung in der Tätigkeit der Rotgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft wir der Arbeit in den Forschungsinstituten der Kai- fer-Wilhelm-Gesellschaft sichert.

So bitten wir Eure Exzellenz ehrfurchtsvoll, Ihre Hilfe und Ihren Beistand nicht zu versagen in einem Augenblick, wo es darum geht, die wissenschaftliche Forschung am Leben zu erhalten, die von jeher eine Stärke Deutschlands gebildet hat, und in der bisher deutscher Geist vor an­deren Völkern glänzte.

Oer Zoll Sioffregen in Oldenburg.

Eutin, 11. Nov. (TU.) Bürgermeister Stoff­regen erhielt am Donnerstagnachmittag von dem oldenburgischen Staatsministerium die telegraphische Bestätigung, daß seine Zurdisposition­stellung, die vom Regierungspräsidenten Böhm- ker verfügt war, a u f g e ho be n sei. Er sei damit wieder vorbehaltlos in fein A m t ein­gesetzt. Wenig später wurde dem Bürgermeister eine Verfügung des Regierungspräsi­denten zugestellt, wonach er bis auf wei­teres beurlaubt sei und ihm aufgegeben wird, sich jeder Dienstausübung zu enthalten. Bürger­meister Stoffregen hat gegen die neuerliche Ver­fügung des Regierungspräsidenten sofort telegra­phisch Beschwerde beim Staatsministe­rium erhoben.

England erwartet einen Anstieg.

Baldwin auf dem Guild Hall-Bankett des Lordmayors.

London, 9. Rov. (WTB.) In der Guild- Hall fand heute abend mit dem üblichen histori­schen Zeremoniell das Iahresbankett anläßlich der Amtsübernahme des neuen Lord­mayors (Bürgermeisters) von London statt. Daran nahmen die Mitglieder des briti­schen Kabinetts mit Ausnahme des Premier­ministers teil, die Missionschefs der auswärtigen Regierungen, darunter der neue deutsche Bot­schafter v. H o e s ch, und die Führer des politi­schen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens Englands.

Baldwin vertrat Macdonald, der aus Ge­sundheitsrücksichten abgesagt hatte. In seinem Trinkspruch wies er auf die kritische Lage hin,

die zur Zeit des letzten Lordmahors in ganz I Europa herrschte. Das erste Stadium der I Schwierigkeiten sei durch das Lausanner Ab - | kommen überwunden worden. Dieser Vertrag habe ein großes Hindernis für die Verbesserung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen der europäischen Staaten beseitigt. Es ziele auf die endgültige Beseitigung allerRe- Parationszahlungen hin und seine Unter* zeichnung sei der erste voläufige Schritt zur Lösung einer Krise gewesen, die sogar jetzt noch den Welthandel lähme. Es sei wichtig, erklärte Baldwin, daß das Lausanner Abkommen rati­fiziert und daß das begonnene Werk zu Ende geführt werde.

Die englische Regierung sei fest entschlossen, alle ihre Verpflichtungen einzuhalten, die sie im V?l- kerbundsstatut eingegangen sei und den Völker­bund bei seiner Arbeit für die Aufrechterhaltung des Friedens und der Förderung der allgemeinen Wohlfahrt zu unterstützen. Schließlich zollte Bald­win seinen Dank dem französischen Ministerpräsi­denten Herriot dafür, daß er gesagt habe, er werde es niemals wagen, an der Unterstützung Englands zu zweifeln. Baldwin sprach die Hoff­nung aus, daß die Weltwirtschaftskonferenz den­selben Erfolg wie Lausanne und Ottawa haben werde. Ein Scheitern der Weltwirtschaftskonferenz würde eine Katastrophe bedeuten. Der englische Handel sei bedeutend besser als vor zwölf Monaten. Die Z o l l w a f f e habe die Möglichkeiten für England verbessert, feinen Han­del auf den ausländischen Märkten auszudehnen, aber die Zollwaffe sei immer noch ein Versuch. Die englische Regierung habe stets betont, daß sie zwar der Industrie helfen wolle, daß diese aber selbst an ihrer Verbesserung und an der Er­möglichung ihrer Konkurrenzfähigkeit mitarbeiten müsse. England habe ein äußerst schwieriges Jahr hinter sich. Die Anzeichen von besseren Zeiten seien noch nicht ganz klar zu sehen. Aber er glaube, daß sie sich schon am Horizont abzeich­neten. Die Engländer würden den Mut und die Kraft haben, sie festzuhalten.

Schwere Unruhen in Reykjavik.

Reykjavik, 10. Rov. In der isländischen Hauptstadt haben sich schwere Unruhen vor dem Rathaus ereignet. Die Stadtverordnetenver­sammlung hatte Lohnkürzungen vorgenommen. Da­gegen protestierten Sozialdemokraten und Kommu­nisten, die in das Versammlungslokal eingedrungen waren und sich mit allen möglichen Sachen bewaff­net hatten. Die Polizei geriet mit den Kommunisten und Sozialdemokraten in eine regelrechte Schlä­gerei, wobei es auf beiden Seiten Verwundete gab. Auf der Straße setzte sich der Kampf fort. Die Stadtverordnetenversammlung lehnte es ab, die Lohnkürzung zurückzunehmen. Man erwartet den Ausbruch eines Generalstreiks. Die Hälfte der Reykjaviker Polizei ist bei der Prügelei verwundet worden. Es handelt sich um 28 Poli­zisten.

Aus aller Welt.

Derwandernde Berg. Ein schweizerisches Dors bedroht.

Derwandernde Berg im Kanton Gla­rus, der Kilchenstock, ist in den letzten Nächten wieder in stärkere Bewegung geraten Die Bewoh­ner von Linthal und Umgebung wurden durch mächtige Felsabstürze aus dem Schlafe ge­schreckt. Alarmsirenen ertönten, und Scheinwerfer erleuchteten die Nacht, um den Einwohnern den Weg zu weisen. Als die Nebel verschwanden, wurde festgestellt, daß die oberste Bergkuppe in nördlicher und in südlicher Richtung in einem Ausmaß von etwa 30 000 Kubikmeter abgebrochen ist. Der Hochwald ist auf weite Strecken zusammenge­schlagen.

Illegale Erwerbslosen-Selbsthilfe.

Der Magistrat in Tha le (Harz) hatte einen Antrag der Erwerbslosen auf Ueberlassung von Brennstoff abgelehnt. Darauf stellten die Er­werbslosen dem Magistrat ein Ultimatum, in dem sie ankündigten, daß, falls nicht bis zu e nein bestimmten Zeitpunkt das verlangte Brennmaterial bewilligt würde, ein G e m e i n d e- wald abgeholzt werden würde. Der An­kündigung folgte die Tat: Etwa 100 Erwerbs­lose zogen in den Gemeindewald und begannen mit dem Abholzen der Bäume. Als die Polizei eintraf, waren bereits 25 starke Bäume umgelegt. Der Rädelsführer, ein Kommunist, wurde ver­haftet. Gegen 30 weitere Personen wird das Verfahren wegen Landfriedensbruchs ein­geleitet werden. Rach diesem Vorfall kam es in der Stadt mehrfach zu Ansammlungen, die aber bald wieder zerstreut werden konnten.

Urteil im Raubmordprozeß Waldow.

Das Große Iugendschöffengericht in Berlin verurteilte den 17jährigen Ernst W a l 9 o w , der am 2. Mai d. I. das Hausbesitzerehepaar Baars mit einem Beil erschlagen und beraubt und der wahrscheinlich auch einen Raubüberfall auf dieFilmschauspie* lerin Lilian Harvey geplant hatte, wegen Mordes und schweren Raubes zu der für «inen Jugendlichen gesetzlich zulässigen Höchststrafe von 10 Jahren Gefängnis.

Revolverattentat auf einen Landgerichtsdirektor.

In einer der letzten Nächte ist «in Revolver- an schlag auf den Landgerichtsdirektor Kasten- dl e ck in Lüneburg verübt worden. Als er in sei­nem Arbeitszimmer nachts am Schreibtisch saß, um noch Akten für eine bevorstehende Schöffengerichts­verhandlung zu studieren, wurden plötzlich in sein Zimmer zwei Schüsse abgegeben.' Kastendieck wurde jedoch nicht getroffen. Da Landgerichtsdirek­tor Kastendieck in der letzten Zeit politische Pro­zesse geführt hat, darf auf einen Racheakt oder einen politischen Anschlag geschlossen werden.

Im Hungerstreik gestorben.

Der 72jährige Landwirt Martin Wölke aus Treppendorf bei Lübben hatte, wie erinnerlich, am 8. Oktober d. I. den Amtsgerichtsrat T i l k im Lüb­bener Amtsgericht erschossen. Der Mörder wurde noch an demselben Tage nach dem Unter­suchungsgefängnis in Kottbus übergeführt. Hier hat er ohne Angabe von Gründen fett fast drei Wochen jede Nahrungsaufnahme oerwei- I e r t, fo daß er vor einigen Tagen in das Ge- ängnisla^rett gebracht werden mußte. Alle Ver- uche, ihm gewaltsam Nahrung zuzuführen, scheiter­ten an seinem hartnäckigen Widerstand. Sein star­ker körperlicher Kräfteverfall brachte nun auch eine Herzschwäche mit sich, an deren Folgen der Mörder in einer der vergangenen Nächte gestorben ist.

Derurleille Devisenschieber.

Das Schnellschöffengericht Berlin fällte in den großen Deoisenprozessen Weber, Frei- ser, Arndt und Genossen folgendes Urteil: Der Kaufmann Hermann Weber wird wegen vorsätz­lichen Devisenvergehens und wegen Beihilfe zu einem Jahr Gefängnis und 8000 Mk. Geld­strafe verurteilt, der Holländer Abraham Trom­pet t e r wegen des gleichen Vergehens zu einem Jahr Gefängnis und 10 000 Mk. Geldstrafe, der Bankier Markus F r e i f e r wegen des gleichen Ver­gehens zu sechs Monaten Gefängnis und 5 000 Mk. sowie wegen fahrlässigen Devisenvergehens zu einer Geldstrafe von 40 000 Mk. Arndt erhalt gleichfalls sechs Monate Gefängnis und 1000 Mk, Geldstrafe. Von den übrigen sieben Angeklagten wurden zwei freigesprochen, die anderen erhielten Ge­fängnisstrafen von drei bis sechs Monaten und Geldstrafen von 300 bis 1000 Mark.

Rätselhafter Mord in Leipzig.

In einer der vergangenen Rächte wurde der 33 Jahre alte Autovertreter Willi Sonnen- k a l b in Leipzig-Wahren mit Schlag- und Stich- verletzungcn am Kopf tot aufgefunden. Bei einer Polizeistreife meldete sich der Führer eines Lieferkraftwagens und teilte mit, daß er und der Vertreter bei einer Probefahrt von einem Unbekannten überfallen und be­schossen worden seien. Dabei sei ihm eine Brieftasche mit 6400 Mark Bargeld abhanden gekommen. Die Polizei nahm sofort die Ermitt­lungen auf. Im Laufe der Untersuchung richtete sich der Verdacht gegen den Führer des Kraft­wagens, der festgenommen wurde. Er war in der Leipziger Verkaufsstelle der Daimler-Denz-Werke vorstellig geworden und wollte einen Lieferkraft­wagen kaufen. Der Vertreter der Verkaufsstelle unternahm darauf mit dem angeblich Kauflustigen eine Probefahrt. Zwischen dem Mörder und seinem Opfer muß ein schwerer Kampf stattge­funden haben. Der Verhaftete hat dabei einen Steckschuß in den Oberschenkel davongetragen. Die Mordwaffe konnte noch nicht gefunden werden.

Mysteriöser Hochstapler-Prozeß in Freiburg.

Unter stärkstem Andrang des Publikums hat in Freiburg der Prozeß gegen den inter­nationalen Hochstapler und päpstlichen Grafen Colloredo begonnen. Der erste Ver- handlungstag diente der Aufhellung der außer­ordentlich mysteriösen Persönlichkeit des Ange­klagten, der von dem berühmten Geschlecht der Burkhardinger abzustammen behauptet, die schon im 10. Jahrhundert eine historische Rolle gespielt haben. Colloredos Aussagen, die er durch zahl­lose Dokumente zu belegen bestrebt ist, dienen aber mehr der Verschleierung als der Enthül­lung seiner Person. Fest steht lediglich seine Adoption durch einen reichsunmittelbaren Gra­fen Colloredo und seine Ernennung zum päst- lichen Grafen und päpstlichen Geheimkämmerer. Unter Tränen gibt er an, vom Heiligen Stuhl die Genehmigung erhalten zu haben, überall den Grafentitel zu führen. Im Vatikan sei er für Deutschland und Oesterreich im Kriege diploma­tisch tätig gewesen. Zur Zeit seiner Verhaf­tung befand sich Colloredo in bedrängten Ver­mögensverhältnissen. Der Angeklagte will aber große Außenstände, u. a. Millionenbeträge aus einem Erbschaftsvertrag, der 27 Erben des ehe­maligen Sultans Abdul Hamid, des letzten Herr- schcrs der Türkei, umfaßt, zu beanspruchen haben. Im Augenblick der Verhaftung stand der Ange­klagte vor dem Abschluß eines Waffen­schiebungsgeschäftes von Mittelsmännern

der schweizerischen Regierung mit dem Vize- konig Feisal vom Irak, der für den Irak 20 000 ausrangierte Gewehre der schweizerischen Armee mit Munition kaufen wollte. Colloredos Pro­vision hätte bei diesem Geschäft 300 000 Francs betragen. Außerdem, so erklärte Colloredo, hätte er von seiner ersten Frau, einer amerikanischen Millionärin, jede beliebige Summe erhalten können, wenn er feine jetzige Frau verlassen und seiner Tochter aus erster Ehe den Grafentitel verschaffen würde.

Heber 1000 Todesopfer des Orkans auf Kuba?

Bei dem Orkan auf Kuba sollen nach den in Reuyork eingetroffenen Meldungen mehr als 1 0 0 0 Menschen das Leben ein- gebüßt haben. Besonders stark ist die Provinz

Puerto Principe heimgesucht worden, wo na­mentlich die Städte Santa Cruz del Suo Ca- maguey verwüstet wurden. Da die schützenden Dämme brachen, ergossen sich die Fluten in die Stadt Santa Cruz. Glücklicherweise gelang es den meisten Einwohnern, sich in Sicherheit zu bringen. Im Hafen sind viele Schiffe gesun- k e n. Größer als in Santa Cruz ist die Zahl der Toten in Camaguey. Der Schaden ist in beiden Städten bedeutend. Viele Häuser bilden nur noch einen Trümmerhaufen. Die Verbindungen sind unterbrochen. Der Orkan, der allenthalben gewaltigen Schaden verursachte, hat die halbe Bananenernte auf I amaita vernichtet. In der Monte-Regro-Ba i wurde eine Eisenbahnlinie von einer Springflut zerstört.

Aus der provinzialhauptstadt

** Bilder vom Eisenbahnunglück in Saasen. Im Schaukasten desGießener Anzei­gers sind gegenwärtig einige photographische Auf­nahmen von dem Eisenbahnunglück, das sich gestern im Bahnhof Saasen ereignete, zur Schau gestellt. Die Bilder zeigen die beiden Lokomotiven, die nit den Stirnseiten zueinanderstehen, ferner den völlig zerstörten Güterwagen.

** Antroposophische Gesellschaft. Im Hörsaal 45 der Universität veranstaltete der Zweig Gießen der Antroposophischen Gesellschaft am Mittwoch einen Vortragsabend. Dr. jur. Ro­man Boos (Basel) sprach über das Thema Wirtschaft und Währung in den Sozialwissen- fchoften Rudolf Steiners". Die Wirtschaft der Gegenwart sei, so führte der Redner u. a. aus, ohne Geld nicht denkbar. Durch das Geld sei der einzelne nicht mit dem einzelnen, sondern mit der Gesellschaft verbunden. Geldwirtschaft an sich sei aber nicht realwertmäßig bestimmt. Durch das Geld sei die Zahl in die Wirtschaft gekommen; die Zahl bedeute aber nichts Konkretes. Das Geld sei nicht etwas, sondern bedeute nur etwas, sei gegenüber den handgreiflichen Dingen eine Abstraktion. Die Wirtschaft befinde sich in einem Zustand der Aggregation, und das Geld sei eine draußen herumlaufende Logik. Man könne mit ihm Fehler begehen, das bedeute dann die Krise. Dieser Krise gegenüber dürften wir nicht nur Beobachter oder Kritiker sein. Rudolf Steiner lehne eine Wissenschaft ab, die nur beobachte. Die Gestaltung der Wirtschaft sei nicht ein Wissens-, sondern ein Willensproblem. Zwar müsse ge­handelt werden aus der Erkenntnis heraus, und aus der Erkenntnis müsse sich das Ziel ergeben. Die Kräfte gelte es aber in klare Bahnen zu lenken. Zu diesem Zwecke müsse man hineinwach- sen in die soziologische Form der Gegenwart. Im weiteren Verlauf des Vortrages ging der Vortragende auf die geschichtliche Entwicklung unserer Wirtschaft ein. Der europäische Kontinent habe sich im Laufe der Entwicklung anders ein* stellen müssen, als England aus seiner geo* graphischeu Lage heraus instinktiv zu wirtschaften gezwungen war. Auf dem Kontinent konnte sich westlicher Liberalismus nicht halten. Der Konti­nent müsse eine andere Dichtung suchen. Vor allem müsse der Mensch als einzelner wieder ernster genommen werden, als es bisher geschah; es dürfe nicht alles nur beziffer- und bezahlbar sein

Gießen, den 11. Rovember 1932.

Oie alten Leute.

Jeden Tag um die gleiche Stunde und an der gleichen Stelle begegnen mir auf dem Wege zum Büro zwei alte Leute. Er ist ein wenig korpulent, sie desgleichen. Er hält den Kopf etwas vornüber, genau wie sie. Er Wt den Schirm auf eine beson­dere Weise, wie es eigentlich auch nur sie tut. Und er hat einen Zug um den Mund, der bei ihr genau so wiederkehrt, wie die Falten in ihren Augen­winkeln eine überraschende Aehnlichkeit mit den seinen haben.

Die beiden haben sich angeglichen. Die Jahre, das Zusammenleben, haben sie so gemacht. Früher, vor fünfzig Jahren, mögen es zwei frische, junge Men­schenkinder gewesen sein, so wie man damals frisch und jung verstand. Jedes war ein Stück für sich, jedes kam aus einem anderen Kreise, hatte seine eigenen, ein wenig schablonisierten Ansichten und dann begann das gemeinsame Leben, die Ehe. Sie nwr was man landläufigeine gute" nennt. Man ging gemeinsam aus, hatte dieselben Neigungen, den gleichen Geschmack in Bezug auf die Vergnü­gungen des Herzens und des Magens, man las die gleichen Bücher und da man sich im Grunde über alle Dinge einig war, sprach man auch nach und nach immer weniger miteinander. Man lief ein Leben lang nebeneinander her und wurde zuletzt, was man heute ist: ein altes Ehepaar.

Der eine Teil sieht aus wie der andere. Und man muß es ohne Spott sagen, auch das Hündchen, das das alte Paar mit sich umherführt, hat sich in ähn­licher Weise entwickelt. Es ist auch schon feine drei­zehn runden Jahre alt; für einen Hund ein be­trächtliches Alter. Und in diesen Jahren hat man sich gegenseitig aufeinander eingestellt. Herrchen oder Frauchen weiß genau, was Hündchen will, und Hündchen weiß, wenn Herrchen oder Frauchen etwas fehlt. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen zwischen den Dreien.

Manche lächeln über solche Menschen. Aber wenn sie uns fragen:Habt Ihr ein so gutes Leben ge­führt wie wir? So ruhig? So glücklich?" Nein, das Wort glücklich werden sie nicht in den Mund nehmen. Denn sie wissen nicht, daß sie in ihrer Enge glücklich sind. Sie sind es nur ... E. E.

Dreh gestohlen und vor dem Orte geschlachtet.

Die Landeskriminalpolizeistelle Gießen teilt mit: In der letzten Nacht wurde bei dem Landwirt Otto Groß in Lardenbach bei Grünberg einge­brochen. Die Täter holten ein Rind aus dem Stalle heraus, das sie durch den Ort bis vor das Dorf führten, wo sie es schlachteten. Ferner wurden von den gleichen Tätern in einem anderen Hause in Lardenbach 20 Hühner und einige Kaninchen ge­stohlen, die anscheinend ebenfalls vor dem Orte ge­schlachtet wurden. Nach diesen Diebstählen und der Schlachterei machten sich die Täter aus dem Staube. Allem Anschein nach haben sie zum Fortschaffen der Diebesbeute ein Auto benutzt. Die polizeilichen Er­mittlungen sind im Gange.

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag. Stadt­theater: 20 bis 22.15 Uhr,Der Raub der Sabine- rinnen". Oberhessischer Kunstoerein, Turmhaus am Brandolatz: 15 bis 17 Uhr, Ausstellung. Münchner KünstlerbundIsar,Einhorn: 10 bis 19 Uhr, große Kunstausstellung. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Eine Stunde mit dir. Astoria- Lichtspiele, Seltersweg:Die Geheimnisse des Zirkus Jordan undSein letztes Edelweiß.

DieComedianHarmonists inGie- ßen. Aus dem Dtadttheaterbureau wird uns geschrieben: Mit einem abwechslungsreichen Ge­sangsprogramm absolvieren die bekannten Sän­ger morgen 20 Llhr ihr einmaliges Gastspiel im Stadttheater. Die Veranstaltung ist außer Abon­

nement. Ende 22 Uhr. Die Theaterkasse macht nochmals aufmerksam, daß wegen der starken Nachfrage vorbestellte Karten unbedingt bis heule während der Kassenstunden abgeholt sein müssen, da ab morgen über nicht abgeholte Karten ander­weitig verfügt wird. Von auswärtigen Theater­besuchern vorbestellte Karten bleiben bis eine viertel Stunde vor Beginn der Veranstaltung re­serviert.

Der Ges angvereinHeiterkeit" Gießen veranstaltet am Sonntag, 13. Rovem- brr, 15.30 älhr in der Reuen Aula der ilni- versrtät sein diesjähriges Konzert unter Mit­wirkung des gesamten Musiklorps des hiesigen Reichswehrbataillons. Die Leitung des Orche­sters liegt in Händen von Obermusikmeister Krauße, Chorleiter ist Herr Wilhelm S ch ä t t* le r. Räheres ist aus der heutigem Anzeige ersichtlich.

Eine M ä rchendarbietung veranstaltet der Bund Königin Luise am nächsten Sonn­tagnachmittag und Sonntagabend im Saale des Hotels Schütz. Frau Grete S t e i n e ck e wird ihren kleinen und großen Zuhörern durch reizende Märchenerzählungen frohe Stunden bereiten. Aus anderen Städten, in denen Frau Steinecke in der gleichen Weife wirkte, liegen Berichte mit lobender Anerkennung vor. Der Besuch der Veranstaltung kann nur empfohlen werden. Man beachte die heu­tige Anzeige.

OieArbeitsmarktlageinOberyessen

Leichte Verschlechterung im Oktober.

Das Arbeitsamt Gießen teilt in seinem Bericht über die Gestaltung des Arbeitsmark­tes in Oberhessen im Oktober folgendes mit:

Im Derichtsmonat hat der oberhessische Ar- beitsmarkt eine leichte Verschlechterung erfahren. Die Arbeitsuchendenzahl ist von 14 597 des Vormonats auf 15 082 gestiegen und liegt um 2208 höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Das Ansteigen der Arbeilsuchendenzahl ist in erster Linie auf das Arbeitslosmelden von Landwirtföhnen und Handwerker­föhnen zurückzuführen, die sich für den Frei­willigen Arbeitsdienst oormerken lassen.

Dies erklärt sich auch schon daraus, daß die Zahl der Arbeitslosen von 12134 auf 11913 gesunken ist. Im Vorjahr betrug die A r b e i t s* losenzahl 11 814. Daß der Zustrom von Ar­beitsuchenden nicht in erster Linie saison­bedingt ist, zeigt, daß im Monat Oktober der Zugang um Arbeitsgesuche 3301 betrug, gegen­über 2567 des Vormonats und 4073 des Vor­jahres; somit ist der Zugang um rund 700 zurückgeblieben. Der Abgang an Arbeitsgesuchen betrug 2390, gegenüber 2638 des Vormonats und 2034 des Vorjahres; somit ist der Abgang um rund 240 niedriger als im Vormonat, aber um rund 360 höher als zur gleichen Zeit des Vor­jahres. Von ihren früheren Arbeitgebern nament­lich angefordeN wurden 143 Personen, gegenüber 11 des Vormonats und 230 des Vorjahres. In

Arbeit vermittelt wurden 459 Personen, gegen­über 486 des Vormonats und 963 des Vorjahres.

Das Arbeilsbefchafsungsprogramm der Reichs­regierung und die Maßnahmen zur Belebung der wirtschaft haben sich auch in unserem Bezirk ausgewirkt, wir konnten feslstcllen, daß etwa 700 Personen auf Grund der vorerwähnten Maßnahmen mehr in Arbeit kommen konnten.

Die Zahl der Arbeitslosenunterstützungsempfän­ger betrug am Ende der Derichtszeit 1439, gegen­über 1665 des Vormonats und 4131 des Vor­jahres. Krisenfürsorge bezogen 2442 Personen, gegenüber 2871 des Vormonats und 4780 des Vorjahres. Anerkannte Wohlfahrtsempfänger zählten wir im Berichtszeitraum 3141, gegenüber 3069 des Vormonats; eine Vergleichzahl zum Vorjahre liegt nicht vor. Im freiwilligen Arbeitsdienst waren 4031 Arbeitsdienst- willige b'schästigt. Rotstandsarbeiten verrichteten 2365 Personen, und zwar 599 Arbeitslosenunter* stützungsempfärg r, 1633 Krse urlerstühu gsemp* fänger und 111 Wohlfahrtsunterstützte. Kurz- arbeiterunterstühung erhielten 246 Personen, und zwar verteilen sich diese auf folgende Betriebe: 1 Zahnfabrik, 7 Tabakfabr.ken, 4 Meta'b'abriken, 1 Clektrofabrik, 1 Hornwarenfabrik, 1 Druckerei, 1 Weberei, 1 Färberei und 1 Sägewerksbetrieb.

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Weiße Zähne: Chlorodont

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