Ausgabe 
11.8.1932 Frühausgabe
 
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Große Strafkammer Gießen.

Gießen, 9. Aug. Ein auswärts wohnender Kraftfahrer stand in nichtöffentlicher Sitzung un­ter der Anklage, an einem 10jährigen Mädchen unzüchtige Handlungen vorgenommen zu haben. Trotz seines hartnäckigen Leugnens hielt das Ge­richt den Angeklagten im Sinne der Anklage für überführt und verurteilte ihn in Anbetracht seines rohen, brutalen Verhaltens dem Kinde gegen­über zu 1 .Jahr 3 Mona ten Gefängnis. Dem Angeklagten, der schon mehrere Wochen sich in Llntersuchungshaft befindet, wurde von der Un­tersuchungshaft auf die erkannte Strafe nichts an­gerechnet.

Große Oevisenschiebung aufgeklärt.

WSN. Kassel, 10. Aug. Der Devisen- überwachungsstelle beim Landes­finanzamt Kassel ist, wie erst jetzt bekannt wird, vor einiger Zeit die Aufklärung einer großen Devisenschiebung gelungen. Zwei Kaufleute aus Leipzig hatten sich eine 21jährige Stenotypistin aus Leipzig engagiert, mit der sie zunächst eine Reise in die Schweiz antraten. Dort wurden in größtem Ausmaß deut­sche Wertpapiere angekauft, die dann nach Deutschland eingeschmuggelt wurden. Ge­meinsam traten die drei Personen darauf eine "Rundreise durch zahlreiche deutsche Großstädte an, in denen sie die in der Schweiz aufgekauften Wertpapiere an den Mann zu bringen suchten. 3n jeder Stadt wurde das junge Mädchen, wohlweislich mit Ausweispapieren versehen, in ein Privatbankhaus geschickt, um dort die Wertpapiere zu verkaufen. Da es sich um marktgängige Papiere handelte, wurden sie auch zumeist verkauft. Die erlösten Geld­beträge wurden von den vor dem Bankhaus wartenden beiden Kaufleuten sofort in Empfang genommen. Die Kaufleute reisten dann sofort weiter, während das junge Mädchen noch ein oder mehrere Tage in der betreffenden Stadt verblieb, um nicht durch die plötzliche Ab­reise aufzufallen. In Kassel hatte die Bande das gleiche Manöver durchgeführt. Dem Bank­haus, das die Wertpapiere angetauft hatte, waren jedoch nachträglich Bedenken ge­kommen, und als die benachrichtigte Devisen- überwachungsstelle eingriff, traf sie nur noch das junge Mädchen an, das sofort in Haft genommen wurde. Den eigentlichen Devisen­schiebern ist es aber gelungen, nach der Schweiz zu entkommen. Ihre Personalien stehen fest, aber die Schweiz liefert in derartigen Fällen bekanntlich nicht aus. Hinsichtlich des Ümfangs der Schiebungen der Erlös der Wertpapiere ist in deutscher Währung auch ins Ausland geschafft worden ist man bis jetzt nur auf die Angaben der verhafteten Gehilfin der Devisenschieber angewiesen. Danach dürften die ins Ausland verschobenen Beträge weit über 100 000 Mark betragen.

mit der Post beförderten Briefsendungen nur ge­ringfügig« oder schwache Entwertungszeichen, oft­mals nur Striche ober schwärzliche Flecken tragen, weil sie beim Abstempeln in der Eile nicht voll getroffen worden sind. Selbstverständlich ist es verboten unb auch straffällig, solche un­vollständig entwerteten Feimarken, nachdem sie von den Umschlägen abgelöst worden sind, noch­mals zur Freimachung anderer Postsendungen zu benutzen. Trotzdem geschieht dies in der falschen Voraussetzung, der Betrug würde nicht bemerkt. In den meisten Fällen werden diese Gebühren- hinterziehungen aber bei den Postanstalten, die an­gewiesen sind, hierauf besonders zu achten,^.ent­deckt: gegen die Absender wird dann von" der oberen Postbehörde die dafür in dem Postgesetz vorgesehene Geldstrafe verhängt. Allem Anschein nach werden derartige schwach entwertete Frei» marken auch vielfach in betrügerischer Absicht als Ersah für Kleingeld in Verkehr gebracht. Darum tut jebermann, bet sich Unannehmlichkeiten er­sparen will, gut, Freimarken, bie er nicht selbst am Postschalter gekauft hat, vor ihrer Verwen­dung genau zu betrachten. Bei verdächtigen Wahrnehmungen, insbesondere auch beim Fehlen des Klebstoffes auf der Rückseite empfiehlt sich eine Anfrage über ihre Gültigleit am Postschalter."

* Großes Militärkonzert. Die Ar­beitsgemeinschaft der Militär- und Regiments­vereine veranstaltet am kommenden Sonntag, 15.30 älhr, im Restaurant Liebigshöhe ein großes Militärkonzert, das von der Kapelle des hiesigen Bataillons unter der Leitung von Obermusik­meister Krause ausgeführt wird.

Der 21 u f g a n g der Hühnerjagd wurde, entsprechend einer Anordnung des Innen­ministers, auf Montag, 29. August festgesetzt.

Hessischer Handwerker- und Ge­werbetag in Ingelheim. Am 3. und 4. September (Samstag und Sonntag) findet die diesjährige Tagung in Ingelheim statt. Mehrere Hundert Handwerker werden zu dieser Veran­staltung erwartet. Die Tagung wird zu den Zeit­ereignissen im allgemeinen und zu den besonderen Belangen des Handwerks und Gewerbes in Hessen im besonderen Stellung nehmen. Am Sonntag findet ein Winzerfest mit historischem Festzuo statt.

** Zwei billige Sonderfahrten an die See! Um dem Wunsche Der Ferienreisenden nach billigen Fahrten zu entsprechen, veran­staltet die Hamburg-Amerika Linie zwei sehr preiswerte Sonderfahrten an die See. Beide Fahrten beginnen am Samstag, dem 13. August und enden am Samstag, dem 20. August 1932. Die Teilnehmer werden ab Frankfurt a. M. in einem bequemen Sonderzug nach Hamburg und auch wieder nach Frankfurt a. M. zurückbefördert. Die Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. bewil­ligt eine Sonderzugermähigung von 50 Prozent. Ab Hamburg werden zwei hochinteressante Rei­sen geboten. Das Programm der einen Fahrt schließt eine Hochseefahrt mit dem großen Ueber- see-Motorschisf .Et. LouiS" ein, die von Ham­burg übet Cuxhaven, Helgoland, dem Skagerrak­schlachtfeld an die norwegische Küste und zurück nach Cuxhaven führt. Anschließend an diese Hoch- seesahrt verbringen die Teilnehmer noch zwei Tage im Nordseebad Cuxhaven. Rundfahrten und Führungen in Hamburg sind ebenfalls vor­gesehen. Der Preis dieser Fahrt ab Frankfurt am Main beträgt nur 128,50 Mark, worin Fahrtkosten, Derpfleguna, Uebernachtung, Rund­fahrten usw. eingeschlossen sind. Die zweite Reise ist eine HamburgHelgoland-Fahrt, eben­falls mit Badeaufenthalt in Cuxhaven zu dem Preis von nur 97,50 Mark. Auch diese Fahrt bietet eine Fülle deS Interessanten und verspricht schöne Erlebnisse. Teilnehmerkarten sind erhält­lich durch Hamburg-Amerika Linie, Gießen, Sel- tersweg 89.

** Keine entwerteten Freimarken verwenden! Von der Oberpostdirek- tion Darmstadt wird mitgeteilt: .Es kommt ab und zu vor, daß einzelne Freimarken auf den

Klus der Proviazialhauptstadt.

Gießen, den 11. August 1932.

Alkohol für Herzkranke?

Äon Dr. p. Wötffel

Bei abgeschwächter Herztätigkeit hat man es nur zu oft mit (Storungen nicht allein des Herzens, son­dern auch der übrigen Mreislauforgane zu tun, so namentlich der Nieren, der lieber, der Lunge, des Blutes, der Haut und des Nervensystems. Die Er­scheinungen dieses Zustandes, den der Arzt Kreislauf- insuffienz nennt, standen jetzt nach einem Bericht des Professors Dr. Ludwig iüraunm einer Wiener klinischen Zeitschrift im Mittelpunkt neuer For­schungen, als deren Ergebnis eine Reihe bemertens- werter Erkenntnisse verbucht werden dürfen, die von den früheren21n|d)auungen zum Teil nicht unroefent- lich ubweichen. So ist beispielsweife durch die experi­mentellen Untersuchungen gerade für die Falle ob- geschwächter Herztätigkeit der große Wert des Alko- Hols festgestellt worden.

Es hat sich gezeigt, daß bei Anwendung genau be­messener Alkoholgaben das Blut aus den Eingewei- den des Bauchraumes mehr und mehr zurückgedrängt wurde, wodurch sich eine wesentlich günstigere Blut- Verteilung ergab, Einflüsse, die insbesondere auch den Durchblutungsfunktionen im Gehirn dem (Stoff­wechsel und in gleicher Weife den Drüsen zugute kamen. Selbst in diesen Fällen, da früher vielfach die strenge Enthaltsamkeit vom Alkohol angeraten wurde, Hot sich die Verabfolgung von Alkohol gesundheitlich ganz vorzüglich bewährt, er kann sogar die Aufgabe einer Arznei übernehmen, vorausgesetzt allerdings, daß sich der Patient streng an die ärztlichen Anwei­sungen halt.

Dem Alkoholiker werben damit natürlich nicht irgendwelche Konzessionen gemacht, denn es kann auch heute nicht im geringsten zweifelhaft fein, daß äleberschreiwng der zulässigen Grenzen un­bedingt schädlich sein mühten. Ein Anlaß jedoch, dem Kranken den Alkohol grundsätzlich zu versa­gen, besteht nicht mehr. Dor allem kann der Wein Wunder wirken, aber auch gegen einen bescheide­nen Diergenuß ist nicht- einzuwenden.

Besonders ossensichtlich waren die guten Wir­kungen deS Alkohols namentlich auch bei gewis­sen pathologischen Zuständen. Die herabgesetzte Herz- und Atmungstätigkeit ließ sich durch kleine Alkoholgaben steigern, und zwar zeigte sich der günstige Einsluß immer sehr schnell. Der Puls, der oft kaum noch zu fühlen war, wurde durch klein« Weinmengrn im Zeiträume weniger Minu­ten ganz wesentlich angeregt, die Gesichtsblässe ging im gleichen Zeiträume zurück, und auch bie Atmung, bie sich ootbem kaum noch wahrnehmen ließ, war halb wieder in Ordnung. Bei den glei­chen Versuchen sind ferner die guten Wirkungen von Kaffee und Tee von neuem festgestellt wor­den.

Auch die alte Auffassung über die FlüssigkeitS- zusuhr bei KreiSlaufinsussizienz bedarf nach dem neueren AntersuchungsergebniS einer gewissen Re­vision. Im allgemeinen darf gesagt werden, daß man bisher in der Beschränkung der Flüssigkeits­zufuhr manchmal viel weiter ging, als eS wirklich nottut Zu großen Beengungen der FlüssigkeitS- zufuhr muh namentlich bei denjenigen Herzleiden­den widersprochen werden, die gleichzeitig mit Vieren- und Gichtbeschwerden zu tun haben. Ge­rade ihnen widerstrebt «ine zu starke Beschränkung der FlüssigkeitSmenge besonders. Freilich darf auch hier die Erleichterung keinesfalls zu einem Mißbrauch führen.

Anbedingt nachteilig sind bei herabgeminderter Herz- und KreiSlauftätigkeit, selbst bei Störungen geringeren Grabes, blähende, fette "Nahrungsmit­tel, desgleichen recht saure unb recht süße Speisen. Für bie Kochsalzzufuhr gilt nach wie vor das Ge­bot bet Einschränkung, unb zwar wie man jetzt be­sonders erkannt hat, selbst dann, wenn die Nieren noch vollständig intakt sind. Bei Störungen höhe­ren GradeS sind vor allem Milchkuren in Ver­bindung mit kleinen Gaben von Gemüse, Zwieback und Kett angebracht.

Oie Arbeitsmarktlage in Hessen und Hessen-Nassau.

WSN. Frankfurt a. M., 10. Aug. Die Zahl der Arbeitsuchenden im Bezirk des Lanbesarbeits- amteS Hessen ist nach der letzten Zählung am 30. Juli um rund 4 500 auf 315 700 zu­rückgegangen. Dieser Rückgang ist aber nicht als eine Besserung des Arbeitsmarktes zu werten, da et überwiegend auf das Fvrtbleiben einer größeren Anzahl noch arbeitsloser Arbeitsuchen­den vom Arbeitsmarkt zurückzuführen ist, denen nach der Notverordnung vom 14. Juni 1932 die Anterstühung wegen 2kmeinung der Hilfsbedürf- tigteit entzogen werden mußte. Aus dem gleichen Grunde bat auch die Zahl der Hauptunter- stühungsempfänger in den beiden Anterstühungs- arten diesmal erheblich stärker ab genommen als zuvor, und zwar ist die Zahl der Hauptunter­stützungsempfänger in der Arbeitslosenunter­stützung um 5422 (in der ersten Iulihälfte um 3060) auf 36 952, unb bie Zahl der Hauptunter­stützungsempfänger in der Ärifenfürforge um 8417 (2755) auf 71 975 gesunken.

Eine leichte Belebung hat der Arbeits­markt immerhin noch in der Landwirtschaft in­folge der Erntearbeiten, im Nah­rungsmittelgewerbe, das für bi« Konservenverar­beitung eine größere Anzahl Arbeitskräfte, vor­wiegend weibliche, aufnahm und in einzelnen Zweigen der Metallindustrie erfahren. Die Qlb- nahme in den übrigen Derufsgruppen ist über­wiegend aus dem obenerwähnten Grunde oder wie im Gastwirtsgewerbe, durch vorübergehende kurz­fristige Arbeitsaufnahme wir z. D. in Frankfurt am Main anläßlich des Sängerbundesfestes er­folgt. Im Bekleidungsgewerbe ist die Zahl der Arbeitsuchenden geftiegen. Don den 315 700 Ar­beitsuchenden erhielten 11,7 Prozent Arbeitslosen-, 22,8 Prozent Krisenunterstützung und 127 652 oder 40,4 Prozent Wohlsahrtsunterstühung.

Im sreiwilligenArbeitSdienst waren am 30. Juli rund 14 400 Personen beschäftigt, das sind 4,6 Prozent der Arbeitsuchenden. Im Laufe des Monats ist demnach die Zahl der Ar­beitsdienst willigen um rund 3100 = 21,8 Prozent gestiegen. Die restlichen, nicht unterstützten Arbeitsuchenden (rund 20 Pro­zent) sind z. T. nicht arbeitslos, z. T. befinden sie sich in der Wartezeit ober verfolgen ihre An­sprüche noch im Spruchverfahren.

Sm Dr. Semsms schreib! Liebesbriefe.

Sin Briefsteller aus gemütlichen Zeiten.

Mehr als hundert Jahre ist es her, daß Dr. Theodor H c i n s i u s, Sprachforscher und Li­terarhistoriker, seinen berühmten Briefsteller her­ausgab. Man pflegt zu sagen: alle Seiten seien im Menschlichen einander ähnlich. Nun man Werse einen Blick in diesen Briefsteller, der noch vor dreißig Jahren neu aufgelegt wurde, und man wird erkennen, daß sich inzwischen die Welt verändert hat wie durch ein unge­heure- Erdbeben. Nach keinem einzigen dieser Driesvorbilder könnte heute geschrieben werden, ohne daß der Empfänger den Absender für geistesgestört hielte.

Rührend die Anweisungen, die der Herr Doktor vor den einzelnen Briefgruppen seinen Lesern gibt, lieber die Liebe zum Beispiel sagt er: »Liebe ist ein Gefühl des Menschen, welches sich nicht immer beherrschen läßt... Die kei­mende Liebe läßt sich noch schmerzlos unter­drücken, die heftig emporgeschossene... kann nur unter Qualen aus dem Herzen gerissen werden... Alle, auch brieflich« Ausartungen strafen sich selbst." Dann beginnt er mit seinen Dries- ratschlägen. Man stelle sich vor, ein Junger Mann schriebe im Jahre 1932 N r. 3 0 1: »Brief eines jungen Mannes an eine ältere Frau": ...3a, ich bete Sie an!... Ich weiß alles, was Sie mir sagen können. Sie werden mir einen Dorwurf daraus machen, zehn 3ahre nach Ihnen geboren zu sein!

Sie denkt ja gar nicht daran! 3m Gegenteil, sie ist äußerst geschmeichelt! Gibt es in Europa noch ein junges Mädchen, das Nr. 312, die Ablehnende Antwort aus eine Be­werbung" schreiben dürfte?:

Geehrter Herr!... Mein Alter erlaubt mir nicht, so handeln zu dürfen, wie es mir gefällt; in meinen Eltern sind mir von der Natur Führer verliehen, «benen ich in allen Dingen, die meine Person betreffen, folgen muß ..

Hier muß man sich allerdings fragen, ob Herr Dr. Heinsius nicht die jungen Mädchen seiner Epoche verklärt gesehen hat, unb nicht nur sie, sondern die ganze Menschheit. Wäre es sonst möglich, daß dieRückantwort eines reichen Mannes an ein armes Mädchen" (Nr. 313) so lautet:

... 3ch schätze den Reichtum nur insofern, als er Imstande sein wird, Ihne.i das Leben ange­nehm zu machen... Ich werd« es Ihnen_ be­weisen, daß Aeberfluh an dem, was man Glücks­güter zu nennen pflegt, nicht dahin führen soll, uin durch ileberfättigung das eheliche Glück zu trüben..."

Wie er sich wegen seines Reichtums entschul­digen muß! And so geht es weiter! Die jungen

Mädchen sind Engel, die Bewerber Götter. Son­derbar ist Nr. 305:An ein junges Mädchen, baS bet Eh« entsagen und sich in die Einsam­keit zurückziehen will"

Ihr winkt der verliebte Freier mit der Dries- taschc, um sie von ihrem Entschluß abzubringen:

...Ich habe ein Einkommen von 800 Thalern unb bie Aussicht auf ein kleine- "Vermögen... sagen Eie ein Wort und Sie werden mich zu Ihren Füßen liegen sehen, durch­drungen von Freude, Lebens- und Liebeslust..."

Ob sie widerstehen konnte?

Köstlich sind bie Formulare für Mahn­briefe. Der Herausgeber sendet ihnen toicber ein paar einleitend« Zeilen voraus, die aller­dings merkwürdig aktuell sind:Einen guten Erinnerungsbrief zu schreiben, hat viel für sich. Denn leicht dreht der Schuldner den Spieß um, wenn jener zu grob ungefaßt wird... wird klag­bar ... und der... Gläubiger hat noch Äpftcn, Versäumnisse und andere Verdrießlichkeiten." Die Vorlagen atmen daher eine Höflichkeit, die wohl nur noch in alten Briefstellern existiert.

Nr. 319, dieErinnerung an einen angesehenen Mann wegen Tilgung einer Schuld".

...Ohne Zweifel haben Sie meine Rechnung vorn letzten Monat (Vierteljahr, Jahr) verlegt oder vergessen, und ich erlaube mir daher. Sie daran zu erinnern...

Oder Nr. 326,M ahnbrief nach bereits läng st überreichter Rechnun g". ,... Die Berichtigung bis dahin erwarte ich nach vier Jahren (!) umso eher, als ich, wenn ich mich sollte übergangen sehen, zu Maßregeln greifen müßte, die für Eie gewiß nur unangenehm wären..

Nach vier Jahren! Hat es um 1820 wirklich Leute gegeben, die denWiederholten Mahn­brief" absandten, Schuldner, die darauf reagier­ten?

Nr. 328 lautet im Auszug:... Sie sollten be­denken, daß ich in gegenwärtiger Zeit mein Geld sehr nothwendig brauche... Es giebt wohl Verhältnisse, in welchen man mit seinem Schuld­ner einige Nachsicht haben muß, allein, dies fin­det bei Ihnen gar nicht statt...

Das klingt ja einigermaßen aktuell; aber sonst gibt der Gelehrte für jede Lebenslage Briefrat­schläge, die uns anmuten, als kämen sie aus einem Roman; das heißt: das Geben der damaligen Zeit ist uns ein Roman geworden. Unb noch dazu ein romantischer und altmodischer. Kann man sich denken, baß etwa um 1999 unser Geben so still und unwirklich erscheinen wird, ein ver­schollener, weltabgewandter Roman? P. E.

Buntes

Ein Becher für 16000 Mark.

Ein einfacher Porzellanbecher mit Silberrand unb Silberfuß und einem schön verzierten Sllberdeckel von 16 Zentimeter Höhe brachte auf einer 23er- fteigerung bei Sotheby's in London bie hohe Summe von über 16 000 Mark in beutsHem Gelb. Der Preis erklärt sich daraus, daß es sich hier um ein überaus seltenes Stück handelt, dem nur wenige ähnliche Kostbarkeiten an die Seite gestellt werden können. Das Porzellan ist alt-chinesisch unb flammt aus der Ming-Dynastie. In früheren Zeiten wur­den solche seltenen Porzellanstücke in Würdigung ihrer besonderen Schönheit und Seltenheit von einem zeitgenössischen Edel schmied gefaßt und mit einem schönen Deckel versehen. Da das Silber das Londoner Werkzeichen von 1569 trägt, ist damit be­wiesen, daß es sich um ein Porzellan handelt, bas aus noch früherer Zeit stammen muß. Der hohe Preis würbe von e'nem bekannten englischen Sammler chinesischen Porzellans, Sir Perceval Davib, angelegt.

Autosorgen in Berlin.

Wer heute als Frember nach Berlin kommt, der tut gut daran, einen weiten Umweg um aller Ber­liner Autobroschken zu machen, denn wenn er leicht- finnig genug sein sollte, ein solches Gefährt zu be­nutzen, so macht er sich strafbar. Jawohl: strafbar! Und bas ist so gekommen: In ber Reichshauptstabt gibt es zu viele Autotaxen. Sie verstopfen einerseits bie Hauptverkehrsstraßen, unb außerdem ist bas Angebot so groß, daß kein Droschkenunternehmer mehr auf seine Rechnung kommt. Das Berliner Polizcipräsibium hat daher in weiser Erkenntnis der Sachlage dafür gesorgt, baß immer nur ein Teil aller verfügbaren Autobroschken gleichzeitig fahren barf, unb um eine Kontrolle bieser Anordnung zu ermöglichen unb ihre reibungslose Durchführung zu sichern, finb bie Berliner Taxen mit geometrischen Figuren bemalt worben, bie in ihrer Mitte ben Stempel bes Polizeipräsibiums tragen. Ein Teil ber Droschken hat einen Kreis, ein anberer ein Dreieck, ein dritter ein Quadrat. Unb es bürfen zu im vc.- aus bestimmten Zeiten immer nur biejenigen Taxen fahren, bie eines bi ei er Zeichen führen.

Dies« recht kluge Anorbnung wäre nun gut und schön gewesen, wenn nicht irgendein Ingenieur vor einiger Zeit einmal auf den Gedanken gekommen wäre, bie gleichen geometrischen Figuren als Mar­kenzeichen für seine Wagen eintragen zu lassen. Unb um sich für alle Zeiten biefe Ibee offentunbig zu sichern, bebiente er sich eines kleinen Tricks. Er ver­anlaßte einen Freunb, seinen Wagen ebenfalls mit einem Dreieck auszustatten unb verklagte ihn dann wegen Mißbraucks bes von ihm eingetragenen Zei­chens. Das Gericht urteilte so, wie es bas von para- graphenwegen mußte: es oertünbete, daß niemanb anders das Recht habe, biefe geometrischen Marken- Zeichen nachzuahmen, unb es oebrohte ben Freund unb auch jeben Fahrgast eines unrechtmäßig mit

Eine Familie nach dem Genuß von Pilzen erkrankt.

WSN. Dillenburg, 10. August. Nach bem Genuß von Pilzen ist in ber benachbarten Gemeinde Hartenrod die sechsköpfige Familie des Hütten- arbeiters Ludwig P f e i f f e r an Vergiftungserschei- nungen erkrankt. Während bas Befinben ber vier Kinber, bie bie Pilze im Walde gesucht haben, be- denklich ist, bestehl bei bem Ehepaar keine Lebens- gefahr. Bei ben Pilzen soll es sich um eine Ver­wechslung mit Pfifferlingen hanbeln.

Allerlei.

einem solchen Zeichen versehenen Wagens mit einer Oelbftrafe.

So konnte es geschehen, daß in ben letzten Tagen harmlose Autobroschkenkutscher im Auftrage bes In­genieurs angehalten unb zur Angabe ihrer Perso­nalien gezwungen wurden, weil sie sichstrafbar" gemacht halten. Freilich hak das Berliner Polizei­präsidium diesem Unfug sehr schnell wieder ein Ende bereitet. Es Hal verkündet, daß ber streitbare Inge- nieur nicht bas Recht habe, unbeteiligte Fahrgäste zu behelligen. Wenn er wirklich meine, baß er be­rechtigt sei, von ben Droschkenbesitzern für ben Ge­brauchseines" Musters eine Enlschäbigung zu ver­langen, so bürfe er sich allenfalls mit den einzelnen Besitzern gerichtlich auseinanbersetzen. Unb bas wirb er infolge ber nicht unbeträchtlichen Kosten eines solchen Vorgehens vermutlich schön bleiben lassen...

Oie Tomate und die französische Revolution.

Die Tomate ist in den letzten Jahren immer mehr zu einer Art Dolksnahrung geworden, und eS ist eigentlich merkwürdig, daß diese wohl­schmeckende Frucht so lange gebraucht hat, bevor sie sich bei uns einbürgerte. Ist sie doch in Eu­ropa schon früher eingeführt worden als die Kartoffel und der Tabak, mit denen sie den exo­tischen älrsprung teilt, von denen sie aber an Be­liebtheit weit überflügelt wurde. Wie Alban Voigt in einem geschichtlichen Aufsatz desGärt­nerei-Fachblattes" ausführt, wird die Tomate be­reits von dem berühmten Schweizer Botaniker Conrad Gesner in seinem 1561 erschienenen Werk Horti Germaniae erwähnt und befand sich schon damals in deutschen Gärten, freilich als eine sel­tene Zierpflanze. Ein anderer Gelehrter aus je­ner Frühzeit der modernen Botanik, Caspar Bauhin, gibt ihr in seinem 1622 veröffentlichten Pflanzen-Katalog" den NamenTumathe Amc- ricanorum". Nach England kam die Tomate im Jahre 1572, wurde aber auch dort nur als Kuriosität in den Gärten gezogen und erlangte keine Bedeutung als Nutzpflanze. Man bevor­zugte dann später die Tomate als Zierpflanze und als solche wird sie 1767 von der großen fran­zösischen Gärtnerei von Dilmvrin-Andrieuse ver­zeichnet. Neben so vielen anderen Dingen, die die französische Revolution in die Welt brachte, hat sie auch den Anbau der Tomate als Gemüse zu­erst gefördert. Die Marseiller, die stets eine feine Zunge hatten, kannten schon vorher den trefflichen Geschmack der Tomate, und sie waren es, die wäh­rend der Revolution diese Frucht nach Pari- brachten. Sie fand hier stürmische Nachfrage und wurde bald so beliebt, daß man nun auch in Nord­frankreich den Anbau der Tomate in größerem Maßstab burd) führte. Von Frankreich aus hat sie dann ihren Siegeszug durch die Welt ange­treten, ist aber noch lange ein teurer Leckerbissen gewesen.

Zwei Altersrentner gewinnen je 10 000 Mark.

WSN. Mainz, 10. August. Bei ber am 5. unb 6, August ftattgefunbenen Ziehung ber Goethe - lotterte fiel ber erste Hauptgewinn mit 20 000 Mark auf bie Losnummer 261580. Die glücklichen Gewinner finb zwei Allersrenlner von hier, welche bas Glückslos mit je 50 Pfennigen er- ftanben haben unb nun je 10 000 Mark in bar er­hallen.

Verantwortlich für Politik: I. D.: Ernst Blumschein.