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Cr. 155 Erste; Blatt

182. Jahrgang

Samstag, U. Juni 1952

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Lausanne.

Mitte der nächsten Woche wird in Lausanne an den Ufern des Genfer Sees, wenige Kilometer vom Sitz des Völkerbundes und der Abrüstungskon- fercnz, die neue TriAutkonserenz zusammentreten. Die wievielte eigentlich, seitdem das Diktat von Der- sailles das wirtschaftliche Chaos nur vergrößert hat, in dem der Weltkrieg die Völker zuruckließ? In Lausanne soll nun darüber verhandelt werden, was nach Ablauf des Hoovermoratoriums geschehen soll. Sehr viel Zeit bleibt nicht mehr dafür, denn das Hoooermoratorium ist ja bis zum l.Iuli befristet und wenn auch niemand in der Welt mehr ernsthaft an eine Wiederaufnahme der deutschen Tributzah- lungen glaubt, so steht doch noch keineswegs fest, ob man für diese Erkenntnis schon in Lausanne eine brauchbare Formel finden wird. Mit anderen Wor­ten, es ist mehr als unwahrscheinlich, daß die in Lausanne versammelten Staatsmänner den Mut haben, auf die verzwickte FrageWie sog ich's meinem Volke?" die erlösende Antwort zu finden, nachdem fast dreizehn Jahre hindurch das ebenso zugkräftige wie billige Schlagwortle Boche payera tout" die Reparations. und Kriegsschuldenpolitik be­herrscht hat. Das nach den Kammcrwahlen abgetre­tene französische Kabinett Tardieu hat, wie schon sein Vorgänger, das Kabinett Laval, alles getan, um sich um diese höchst unbequeme Antwort herum­zudrücken. Es hat immer wieder und leider mit Er­folg, versucht, die entscheidende Aussprache über das Tributproblem zu verschleppen.'Keine der vielen Zu­sammenkünfte der europäischen und amerikanischen Staatsmänner, die seit dem Brief Hindenburgs an den Präsidenten Hoover stattgefunden haben, sind über kurzfristige Provisorien hinausgekommen, und es hieße falsche Illusionen nähren, wollte man den Glauben wecken, als ob von Lausanne nun wirklich endgültige und tiefgreifende Entscheidungen erwartet werden könnten.

Die neue Tributkonserenz geht für die wichtigsten Rollen in gänzlich neuer Besetzung über die Bühne. Nur England und Italien, die beide auf eine end- oültige Bereinigung des Tributproblems hinsteuern, sind durch die gleichen Staatsmänner wie auf den früheren Konferenzen vertreten, England durch Macdonald, den Premierminister der National­regierung und seinen Staatssekretär des Auswär­tigen, den Liberalen Sir John Simon, Italien durch den faschistischen Außenminister G r a n d i, der erst vor wenigen Tagen mit ebenso klugen wie mutigen Worten die Reoisionsanspriiche seines Landes gegenüber der in Versailles geschaffenen Machtoerteilung scharf präzisiert hat. Die beiden Hauptkontrahenten jedoch, Deutschland und Frank- reich, haben neuen Männern die Vertretung ihrer Interessen auf der Konferenz in Lausanne anoer­traut. Was diese im Schilde, haben, ist noch nicht einmal in Umrissen deutlich geworden. Der deutsche Standpunkt ist zuletzt festgelegt worden durch das klare und entschiedeneNein", das Reichskanzler Dr. Brüning bei wiederholten Malen und in voller Oeffentlichkeit jeder Forderung auf Wiederaufnahme der deutschen Tributzahlungen entgegengestellt hatte. Der Reichskanzler hatte dabei das ganze deutsche Volk hinter sich, so zersplittert und uneins auch sonst seine Meinung in den meisten inner- wie außenpoli­tischen Fragen sein mochte. Don dieser Plattform wird also auch keiner seiner Nachfolger obweichen können will er nicht von einem einhelligen (Ent- rüftungsfturm der öffentlichen Meinung seines Lan- des hinweggefegt werden. So ist auch nicht anzu­nehmen daß das neue Kabinett Papen, obgleich feine Regierungserklärung in diesem Punkt nicht gerade klar und bestimmt lautete, in der Reparationspolitik ein anderes Ziel im Auge haben wird, wenn auch der Weg dahin von dem von Dr. Brüning verfolgten Kurse im einzelnen obweichen mag. Diesen Kurs vermag man aus den spärlichen Aeußerungen der neuen Männer bisher noch nicht klar zu erkennen. Der Reichskanzler v. Pa pen, der Mitglied des deutsch französischen Studienkomitees war gilt als überzeugter Anhänger der politischen Auffassung, daß die europäische Wirtschaftskrtsis nur durch eine Zusammenarbeit mit Frankreich behoben werden kann. Das setzt natürlich eine pofttische Der- ständigung beider Volker voraus. Der umgekehrte Weg kann nicht zum Erfolg fuhren dafür ist der beste Beweis der bei dem Berliner Besuch Lavals und Briands im vergangenen Sommer gemachte, aber gänzlich mißglückte Versuch durch wirtschaft­liche Zusammenarbeit eine politische Annäherung zu bewirken, lieber einen unverbindlichen Gedanken- austausch ist man niemals zu greifbaren Ergeb- nissen gekommen, denn wirtschaftliche Zusammen­arbeit ist besonders während einer alles zerrüttenden Krisis ohne gegenfeitiae» Vertrauen undenwar und dieses wieder etzt die Ausräumung der großen poli­tischen Fragen voraus, die zwischen beiden Volkern

Im Grunde werden ähnliche Gedankengänge auch Dr. Brüning vorgeschwebt haben er glaubte nur wohl noch den eklatanten Mißerfolgen seiner Unter- Handlungen mit Laval und Tardieu dos Z'- em-r Verständigung mit Frankreich nicht ohne die ver mittelnde Hilfe anderer Mächte erreichen zukonnem Die Front, die sich zwischen Deutschland, den beiden angelsächsischen Mächten und Italien seit dem ver- gangenen Sommer gebildet hot, hat denn auch tat- ?äd)Hd) Frankreich in eine moralische Isolierung ge­zwungen aus der jetzt E) er r i o t ber neue fielt« der französischen Außenpolitik, mit ollen Mitteln herausstrebt. Wir werden spater voraus Zuruckkom- müllen Hier ist al o dem neuen Kurse Des Reichskanzlers v. Popen zweifellos wirkungsvoll uorqearbeftet worden. Wie weit ber, neue ÄÄ "eV"uf Änner es^aXs*Sit "ist °noch nich^deutsich.

hat bei seinem Abschiedsbesuch in London unter

Macdonalds Wochenende in Paris.

Französisch-englische Vorbesprechungen für die Konferenz von Lausanne.

Der Willkomm der preffe.

Paris, 10. Juni. (TU.) Der bevorstehende B e - such des englischen Ministerpräsiden- ten Macdonald wird auch weiterhin in der französischen Presse lebhaft begrüßt. DieEre Nou- velle" ist der Aussassung, daß die Abneigung, die der englische Ministerpräsident bisher stets für Ver­handlungen mit Frankreich auf französischem Boden gezeigt habe, in erster Linie durch den Wort­laut der Regierungserklärung über­wunden worden sei. Aus der anderen Seite ver­danke Frankreich die Aenderung an der bisherigen Haltung Macdonalds aber auch den politischen Ereignissen in Deutschland, die England sicherlich die Augen geöffnet hatten. Die aStepu- blique", das Organ des linken Flügels der Radikal- fozialiften und insbesondere des gegenwärtigen Mi­nisters für öffentliche Arbeiten, Daladter, spricht sich im Zusammenhang mit den bevorstehenden großen Konferenzen für ein weitgehendes Entgegenkommen Frankreichs gegen­über den deutschen Forderungen aus. lieber den Militarismus hinweg, der augenblicklich Herr in Deutschland sei, dürfe man das Elend des deutschen Volkes nicht vergeßen. Um den Krieg ein für allemal auszuschalten, müsse man so­wohl seiner Unfähigkeit, die Repara­tionszahlungen zu lei st en, wie auch ver­schiedenen gerechtfertigten Forderungen bezüglich des Danziger Korridors und der Kolonien Rechnung tragen. Bei tfen bevorstehenden englisch- französischen Besprechungen werde es sich nicht um die Wiederherstellung der altenEntente cordiale handeln, sondern lediglich um einen gegen­seitigen Gedankenaustausch, den die augenblickliche Lage dringend notwendig mache.

Einige Blätter bleiben skeptisch hinsichtlich ver Möglichkeiten einer Einigung Frankreichs und Englands. So fragtJournal", was Macdonald eigentlich beabsichtige. Aus englischen Presse- außerungen. namentlich nach der Einstellung der Times", müsse man glauben, daß die Unter­redung Macdonald-Herrivt unter dem Zeichen stehe, was man eine freundschaftliche Losl agung nennen könne.Echo de Paris" ist ebenfalls skeptisch und besorgt.Peuple" beruft sich auf das Manifest der Gewerkschafts­internationale und erklärt, dast angesichts der Weltwirtschaftskrise es sich nicht darum handeln könne, eine provisorische Lösung zu finden, son­dern daß eine endgültige Repara- tionsregelung getroffen werden müsse. Englands plan für Lausanne. Für giundsatzlichc Streichung der Tribute.

London, 10. Juni. (TU.) Im Hinblick auf die zahlreichen Mutmaßungen über die Politik, die Eng­land aus der Lausanner Konferenz einschlagen wird, wird von der Regierung mitgeteilt, daß eine a m t- 1 iche Erklärung hierüber erst bei Beginn der Lausanner Konferenz erfolgen werde. Die englische Regierung halte an ihrer Forde-

Hinweis auf eine Besprechung mit Dr. Brüning die Kontinuität der deutschen Außenpolitik besonders unterstrichen und damit bei der englischen Presse Zustimmung gesunden. Es wäre aber auch denkbar, daß Freiherr von Neurath, der als Botschafter in Rom und London die inneren Nöte und Sorgen beider Länder an der OucUe tennengclcrnl hat, in vermutlich richtiger Einschätzung des gegenwärtigen Krästeverhältnisies in Europa, Die beiden Machte England und Italien allein ohne die Vereinigten Staaten nicht als hinreichende Verbündete in einem diplomatischen Spiel gegen Frankreich betrachtet. Wie sehr dies Gefühl in Rom und London selbst vorherrscht, haben wir ja im letzten Jahre wieder­hol, erfahren müssen, wenn Deutschland von beiden immer wieder auf eine direkte Auseinandersetzung mit Frankreich hingcwiesen wurde, für die man lediglich seine Vermittlung anbei.

Dies Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit wird noch bestärkt durch die seit der gänzlich fehlgeschla­genen Europareise des Staatssekretärs Slimson noch erheblich verstärkte Abneigung A m e r i k a s gegen irgendwelche Einmischung in die europäischen Dinge. Je stärker in den 'Bereinigten Staaten selber die wirtschaftlichen Schwierigkeiten wachsen, je rigoroser die Sparmaßnahmen, Gehaltsabstriche und Steuer- erhöhungen werden, mit deren Hilfe das Defizit im Bundeshaushalt ausgeglichen werden muß, um so weniger kann eine amerikanische Regierung ihrem Volke den Verzicht auf die (Eintreibung der Kriegs- schulden zumuten, besonders wenn es auf der^Hand liegt daß Die Schuldner trotz ihrer Bitte auf edjul- denstreichung immer noch Milliarden übrig haben, um für einen neuen Krieg zu rüften. Das ist der sehr klare Standpunkt der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staaten und an ihm wird sich vor erst kaum etwas ändern lasten. Möglich, daß ein neugewählter Präsident daß Hoover wieder- kommt, ist mehr als fiaglich wieder fre^re Hand bekommt, aber das ist eine unsichere Rechnung. Wir werden uns jedenfalls damit abfinden musten, daß Amerika, wie ja eben erst wieder das staats- Departement erklärt hat, mit der ganzen Repara- tionsgefchichte nichts zu ichaften Haden will

Das ist für unsere Politik m Lausanne sehr wich- tia. denn Frankreich ziell immer wieder daraus hin _ Unb die andern an den Reparationen interessier­ten Mächte sind nur zu sehr geneigt, aus nahe-

rung der völligen Streichung der Tri­bute und Kriegsschulden fest und dieses Ziel werde die Richtlinie für das Verhalten der eng- tischen Abordnung sein. Es werde von den Be­sprechungen in Paris zwischen Macdonald und Herriol abhängen, ob und inwieweit eine Aenderung der englischen Ziele not­wendig werde und welche Formen diese annehmen werden Der Gedanke einer gemeinsamen e u ropäischen Front gegenüber Amerika liege, wie vielleicht aus verhandlungstaktischen Grün­den angedeutet wird, nicht im Rahmen der jetzigen Absichten der englischen Regierung.

Times" sagt, jetzt sei die Zeit gekommen, wo das Ende der Re p a r a t i o n S z a h - lungen ins Blickfeld gerückt werden müsse. Wenn das in diesem Monat noch nicht erreicht werden könne, so könne wenigstens betont wer­den. daß grundsätzlich eine Streichung

ins 21 uge zu fassen sei, es könne ver Appa- rat geschaffen werden, ver die Deendigung ver Reparationen mit der Beendigung der anderen inter staatlichen Schulden zusammenfallen lasse. Völlige und un­mittelbare Streichung würde weder durch- führbarnoch im 21 u g e n b 11 d moralisch wiewirtschaftlich wünschenswert sein. QInbereHeil# aber erwarte England nicht irgend­welche weitere Zahlungen von Deutschland. Der Premierminister müßte daher in der Lage fein, Den Weg zu weiten. Die englische Regierung könnte z. V. ihre Vereitwilligkeit erklären, ein jedes Land, das seinen Anspruch auf Repara­tionen von Deutschland aufgibt, von seinen Zah­lungsverpflichtungen England gegenüber zu ent­binden. Eine solche Erklärung wäre wichfiger als andere (Bürgen.

Morgen Empfang der süddeutschen Gtaatschefs beim Reichspräsidenten.

Berlin, 10. Juni. (WTB.) Der Herr Reich». Präsident hat den Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten der Länder Bayern, Würt­temberg und Baden auf die telegraphisch an ihn gerichtete Bitte um (Empfang geantwortet, daß er gern bereit sei, die Herren zu der gewünsch­ten gemeinsamen Besprechung zu emp­fangen, und zwar in Gegenwart de» Reichs­kanzlers. Als Zeitpunkt hierfür hat der Herr Reichspräsident Sonntag, den 12. Juni, 11 Uhr, fest­gesetzt.

Die Bitte der süddeutschen Staatspräsidenten um einen (Empfang beim Reichspräsidenten wird in der roürttembergifdjen Presse verschieden beurteilt. Das S tuttgarter Neue iagblatt" und die W ürttemberger Zeitung" (beide demokra­

tisch) billigen diesen Schritt und nennen ihn durch­aus verständlich, berechtigt und vom süddeutschen Standpunkt aus begrüßenswert. DieSüd­deutsche Zeitung" (deutschntl). Der6chwä- bische Tier fair" (Deutsche Volkspartei) und der NS.-K u r i e r" (nationalsozialistisch- verhalten sich aber entschiedend ablehnend dagegen In diesen drei Zeitungen wird betont, daß der Schritt völlig unnötig sei, daß der württcmbergische Staatspräsident als Vorsitzender eines geschästssüh- renben Ministeriums nicht in der Lage sei, im No­men Württembergs zu sprechen, und daß es zweifel­haft sei, ob cr als ein durch die politischen Vorgänge verärgerter Zentrumsmann überhaupt die wahre Stimmung im Schwabenland kenne. DerN.-S Kurier" kündigt noch besonders an, daß das Vorgehen von Dr. Bolz im Landtag ein dramatisches Nachspiel haben werde.

Eine Progremmrede des Reichskanzlers.

Oer Sinn des Regierungswechsels.

Berlin, 11.Juni. (WTB. Funkspruch.) Auf der Vollversammlung des Deutschen Landwirtschafts, tags führte Reichskanzler von Popen in einer Ansprache u. a. aus: In einer der entscheidungs- vollsten Stunden der Nachkriegsentwicklung hat der Herr Reichspräsident mich zu Dem Amt des Reichs­kanzlers berufen und ich lege Wert darauf zu be­tonen, daß die Bildung der neuen Regierung wenig zu tun hat mit dem gewohnten üblichen Wechsel parlamentarischer Kabinette, sondern daß es sich hier

liegenden Gründen in Die gleiche Kerbe zu hauen, Reparationen unD KriegsschulDen miteinanDer zu uerbinDcn, bei Der eben geschilderten Abneigung Amerikas gegen jeDe Schuldenstreichung eine für uns höchst gefährliche Taktik. Die Schulden, auf deren Rückzahlung Amerika besteht, sind während Dj?5 Krieges entstanden aus tatsächlichen Leistungen der Vereinigten Staaten an ihre späteren Verbün­deten (Anleihen, Materiallieferungen) die Reparatio­nen Dagegen, Die man Deutschland im Versailler Diktat auferlcgt hat, haben rein politischen Charak­ter und sind, soweit sie dem Wiederaufbau der zer- störten Gebiete in Nordfrankreich und Belgien und der Wiedergutmachung sonstiger Kriegsschäden Die­nen sollten, längst mehr als reichlich abgegolten worDen. Sie stehen mit Den alliierten Kriegsschul­den in keinerlei Zusammenhang und entbehren heute nach den von Deutschland bis zum Hoover-Moroto- rium gemachten Auswendungen jeder materiellen und moralischen Begründung. Dieser fundamentale Unterschied Darf auch in Lausanne nicht verwischt werden. Denn jeDe Verkuppelung beiDer Probleme sie ist leiber in Der öffentlichen Meinung schon viel zu sehr eingenistet schiebt uns zwilchen Ame­rika unD seine Schuldner, eine Lage, aus Der es nur schwer einen Ausweg geben würde. Wir müssen also, nachdem wir Die Reparationszahlungen tat- sachlich eingestellt haben unD erklärt hoben, roeDer fähig noch willens zu fein, sie wieder aufzunehmen, auch formell vom Voungplan loskommen. Wie wird sich dazu Frankreich in Lausanne stellen?

Das neue französische Kabinett Herriot hat nicht die breite Basis in der Kammer, Die noch Dem 'Wahlsieg Der Linken natürlich gewesen wäre. Es setzt sich fast ausschließlich aus Radikalsozialiften zusammen aus Dem engeren Freundeskreis des Mi­nisterpräsidenten und kann nur auf die bedingte Unterstützung der Sozialisten rechnen, während die Tardieu-Gruppe sich gespalten hat und Tardieu selber in Die Opposition gegangen ist, nachdem es ihm nicht gelungen mar, leinen Nachfolger außen­politisch festzulegen. Herriot hat es mit großem Ge­schick verstanden, sich in ollem Die HänDe freizuholten. Es kann angenommen werden, daß er aus zwingen- Den finanziellen Gründen sowohl, wie auch, um Den Sozialisten entgegenzukommen, sich zu einer gewissen Einschränkung der Rustungsausgaben ent­schließen wird, womit allerdings uns nicht geholfen

um Die Dokumentierung einer grunD- faßlich neuen Richtung Der Staate- f ü 1) r u n g selbstverständlich im Rahmen der Reichsoerfassung handelt. Die unerhörte geistige und materielle Not des Deutschen Volkes verlangt eine Coslöfuna Der Regierungsfüh­rung aus Den Fesseln ^arteigebunbe- nen Denkens unD parteipolitischer Doktrinen. Sie verlangt eine Zusammen­fassung aller Kräfte zur Wiedergesundung

wird, solange Die vorhanDene Ungleichheit Der Rüstungen unocränDert bestehen bleibt. Aber Diese Geste soll ihm auch Amerika unD England gegen­über die ersten Schritte aus der doch peinlich emp­fundenen Isolierung erleichtern. Für Lausanne hat Herriot offenbar keinen festen Plan, er 'erneuerte zwar in seiner Regierungserklärung vor ber Kam- mer die durch stete Wiederholung nicht richtiger werdende traditionelle Sicherheitsthese und sprach ebenso wie alle seine Vorgänger von den unver­äußerlichen Rechten Frankreichs und der Achtung vor Den Verträgen, aber er vermiet» jeDe Anspielung auf Den Kurswechsel in DeutschlonD und verzichtete auch auf Die (Erinnerung an die Entente cordiale mit England, die früher aus larbicus Mund den Briten nicht angenehm in den Ohren klang. Herriot strich in allem Den neuen Kurs Des liberalen, gut europäisch Denfenben Frankreichs heraus unb hatte bie Genugtuung, boh ber Erfolg biefer flugen Zu- rückholtung nicht auf sich warten ließ. In ber Lon- boncr Presse würbe ihm bereitwillig herzliche An­erkennung für seine Mäßigung gefpenbet, Die seit TarDieus Brüskierungen stark oerDüfterte Atmo- fpbäre beginnt sich zu lichten und als erstes (Er­gebnis Der neuen Taktik kann Herriot Macdonald und Simon zum Wochenendbesuch in Paris be­grüben.

So geht Frankreich in einer erheblich verbesserten moralischen Position noch Lausanne Wie weit sich diese nun am Konferenztisch selber zu irgend etwas Greifbarem auswerten lassen wird, muß dahin­gestellt bleiben. Die Engländer wünschen zweifellos, trotz ber Kürze ber Zeit, einen ernsthaften Versuch zu machen, zu einer Generalbereinigung des Tribut­problems zu kommen, schon um für die auf Lau- sänne folgende, auch von Amerika beschickte Welt- wirtlchaftskonferen; in London von Der Polstik her Den Rücken frei zu haben. Wie weit diese Bemühun­gen MacdonalDs, die soweit sie unsere ganz ein- Deutig umschriebenen Interessen zu förDern geeignet sind, sicherlich die wärmste Unterstützung Der deut­schen Delegation finden werden, von (Erfolg gekrönt sein werden, wie weit Die weltpolitische Situation unD Die auch in Frankreich spürbar werbende Wirt- schaftskrisis Herriot zu Entgegenkommen veranlassen werden und welche Gegenforderungen er uns dafür präsentieren wird, das alles müssen die nächsten Tage uns lehren.