»MM,AM!"
Roman von Gert Rothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Hall«.
12. Fortsetzung. Nachdruck verboten I
Sie kannte ja den vollen Ernst der Sachlage. Aus diesem Grunde versuchte sie nicht mehr, 'Rudolf umzustimmen. Sie mußte ihm ja noch dankbar* fein, wenn er über alles andere schwieg und noch die Hälfte der Schuld auf sich nahm. Froh mußte sie darüber sein. Jawohl! Denn wenn ihr Vater und ihr Schwager wüßten, wie es sich in Wahrheit verhielt, was sie sich hatte zuschulden kommen lassem, dann waren ihr hier wie dort die Türen verschlossen. '
„Du wirst ihn noch einmal aufsuchen, Lisa?" fragte der Vater mitten in ihre jagenden Gedanken hinein.
Lisa stand auf: gequält sagte sic:
„Ich kann es nicht, Vater. Rudolf würde mich die schwelle seines Hauses auch gar nicht mehr überschreiten lassen. Zu Schwerwiegendes ist geschehen." .
Die Faust des alten Herrn sauste auf die Tischplatte nieder.
„Schwerwiegendes? Was ist eigentlich passiert? He? Sind vielleicht ganz andere Gründe sür Rudolf vorhanden, und er nennt sie nur nicht? Eben, weil er ein durch und durch vornehmer Mensch ist? Nimm dich in acht, Lisa! Ich werde Rudolf fragen. Jetzt werde ich ihn auf Ehrenwort fragen. Da muh er mir antworten. Er wird — -----"
General von Massow-Friedingen sank plötzlich vornüber. Mit einem lauten Angstschrei kniete seine Frau neben ihm nieder. Er lallte unverständliche Worte, wollte ihr etwas sagen und konnte es nicht. Die Zunge war gelähmt. Ruch die ganze linke Körperseite. Mit Hilfe des Mädchens legte Frau von Massow den Gatten auf das Ruhebett. Ein anklagcnder Blick traf die Tochter, die soeben das Zimmer verließ.
Still setzte sich die alte Dame neben.das Lager und streichelte die Hände ihres Mannes. Run war es eingetroffen, was der Hausarzt schon immer befürchtet hatte.
Ein Schlaganfall! Gott sei Dank nicht tödlich!
Dieser Gedanke brachte für den Augenblick Trost. Aber im Laufe der nächsten Viertelstunde, in der sie das Eintreffen des Arztes herbeisehnte, dachte sie doch an das, was ihr die nächste Zeit bringen würde. Die arme Frau, die während ihrer Ehe immer nur den Willen des Gatten hatte anerkennen müssen, zitterte vor einem langen Krankenlager. Er, der schon jetzt stets an allem
nörgelte, sie quälte. 'Völlig unbewußt, das stand fest. Aber doch quälte er sie.
Wie sollte das werden, wenn er womöglich nicht wieder gesund wurde? Richt mehr nach Polzenhagen auf die Jagd gehen konnte, von wo er immer wie neu belebt zurückgekommen war?
Frau von Massow faltete die Hände.
„Mach's gut, Vater im Himmel!"
Und der liebe Gott machte es gut!.
Er ließ den alten Offizier noch am Rachmittag still und friedlich einschlafen für immer.
Außer sich vor Schmerz und Trauer warf sich seine Frau über ihn. Sie wußte jetzt nur das eine: daß sie immer eine schwache Mutter gewesen war. Daß die Töchter heute tüchtige Hausfrauen sein könnten, wenn sie tatkräftiger gewesen wäre. Doch der Mann war im Dienst aufgegangen. Als sie ihn am notwendigsten daheim gebraucht hätten, stand er jahrelang in eiserner Pflichterfüllung im Felde. IInb sie war immer eine schwache nachgiebige Mutter gewesen.
Ihr waren die beiden Mädel bald genug über den Kopf gewachsen, und sie wagte es nicht, dem Gatten etwas vorzuklagen, ihn um sein Eingreifen zu bitten, weil er immer gleich so jähzornig und aufbrausend gewesen war. So war alles gegangen, wie es eben lies. Sic hatte im Gegenteil vor dem Gatten vieles vertuscht, was er unbedingt hätte wissen müssen.
So war es eben gekommen!«
Und nun fühlte sich die schwache Frau schuldig bis in das Innerste ihres Seins.
Stumm und starr stand Lisa am Lager ihres Vaters. Ihr war, als stürze ringsum alles zusammen. Als stehe sie zuletzt nur noch auf den Trümmern, verlassen und einsam.
Zur Beerdigung kamen Ernst von Polzenhagen und die zierliche kleine Traute. Er stand wie ein hoher, kerniger Baum neben der kleinen dunkelhaarigen Frau. Traute warf sich aufgelöst in die Arme der Mutter. Mit der Schwester wechselte sie kaum einige Worte. Die Mutter hatte ihr geschrieben, daß der Vater und Lisa einen Streit gehabt hätten. Lisa sei daheim: sie wolle sich von ihrem Manne trennen.
Run wußte Traute jedenfalls gleich von vornherein, wie sie sich zu verhalten hatte. Lisa stand wie eine Geächtete abseits, bem\ sogar die Mutter, wenn sie auch mit ihr sprach, blieb kalt und zurückhaltend gegen sie.
Ernst von Polzenhagen tat die Schwägerin leid. Er sagte zu ihr:
„Gott, wenn jeder gleich den Schlag kriegte, wenn er sich mal aufregt! Das war dem guten Papa so bestimmt. Aber Mama und Traute muß man heute gehen lassen. Morgen werde ich ein Wörtchen reden. Du kommst jetzt hierher an meine Seite, und da bleibst du, bis alles vorüber ist. Kommt denn — hm! — ach so — hm?"
„Wie ich Rudolf Ansbrück kenne, wird er kommen."
Ganz tonlos hatte Lisa es gesagt.
Er nickte ihr zu und sprach mit ihr freundlich und verwandtschaftlich.
Gerade, als man anfing, ringsum zu tuscheln, weshalb denn der andere Schwiegersohn wohl noch immer nicht erschien, kam er!
Groß, breitschultrig, mit seinem schönen, bronze- farbenen Gesicht und den großen grauen Augen war er sofort Gegenstand allgemeinen Interesses.
Tante Gundel flüsterte Tante Sabine ins Ohr:
„Mich soll eine Maus beißen, wenn hier alles stimmt. Ansbrück hat etwas gegen Lisa. Glaub mir, Sabine, er hat was gegen sie."
Da Tante Sabine sich noch sehr gut besann, wie die zwei übermütigen Mädchen ihres Vetters ihr einmal während der Sommerfrische in He- ringsdorf einen unerhörten Schabernack gespielt hatten, so hätte sie es der Lisa schon gegönnt, wenn ein kleiner Krach in ihre Ehe gekommen wäre.
Im Trauerzug ging dann Doktor Ansbrück mit ruhiger Selbstverständlichkeit neben Lisa.
Dennoch!
Eine Eiskälte umgab ihn, mit der die allgemeine Trauerstimmung nichts zu tun hatte.
Und Tante Gundel zwickte Tante Sabine in den Arm.
„Hah, und es stimmt doch nicht!"
Rach der Beerdigung ging Doktor Ansbrück noch mit zu seiner Schwiegermutter. Er konnte einfach nicht anders. Die neugierigen Blicke ringsum zwangen ihn dazu. Und dann hatte auch Schwager Ernst von Polzenhagen sich freundschaftlich bei ihm eingehängt. Er hatte irgendein Thema angeschnitten, und RudolfAnsbrück dachte:
„Als ob ich es nicht wüßte, um was es dir zu tun ist, du lieber, alter Kerl, du. Aber da läßt sich leider nichts mehr cinrenken. Richts, gar nichts." ♦
Er saß dann mit ihm Wohnzimmer des Mas- sowschen Haushalts. Lisa war nicht mit anwesend. Ihr Schwager hatte sie einfach auf ihr Zimmer geschickt.
Traute und ihre Mutter saßen im Erker. Ernst von Polzenhagen räusperte sich erst ein bißchen, fuhr sich mit der Hand durch sein dickes Blondhaar und meinte dann schließlich:
„Also wir wissen» ja alle vier, worum es sich handelt, Schwager. Lisa muh sich miserabel aufgeführt haben, daß du sie nun nicht mehr als deine Frau haben willst. Aber trotzdem möchte ich dich heute fragen: Gibt es wirklich nichts, was dich wieder versöhnen könnte?"
„Rein! Es gibt nichts!"
„'Aha! Dann ist's was Ehrenrühriges, und ich gebe dir recht. Run, das ist deine Sache. Ueber diesen Punkt hat jeder eine ganz bestimmte Ansicht, Rudolf. Wahrscheinlich hab' ich aber dieselbe
wie du, wenn mit das mal .passieren sollte. Run möchten wir gleich noch feststellen, daß von nun an ich für Mama hier sorgeü werde. Und für Lisa wird's mit reichen. Du hast keinerlei Veranlassung, dich damit zu befassen. Ich möchte es auch nicht, nachdem du dich von uns durch eine Trennung losgesagt haben wirst. Im übrigen bleib' ich dein Freund. Ich ehre deine Gründe, wenn ich sie auch nur ahnen kann und nichts Bestimmtes weiß. Du wirst gedacht haben, ich will dir zureden — ich denke nicht daran. Weils nichts nützen würde und zweitens nicht mal gut wäre. Ich wollte nur mal alles recht hübsch klarstellen. Mir tut Lisa auch leid. Sie war von jeher solch verdrehte Person. Sie hat immer gedacht, die ganze Welt müsse vor ihr knien. Man hat ihr gewiß auch genug Schmeicheleien gesagt, und sie ist eben übermütig geworden."
Doktor Ansbrück sah zu Boden.
Traute dachte: Wie konnte sie auch nur das Geringste tun, um diesen Mann zu verletzen?
Doktor Ansbrück hob den Kopf, sah den Schwager ernst an.
„Gut! Sorge für Mama, sollte es dich bedrücken, wenn ich cs tue. Lisas. Rente aber werde ich zahlen. Fünfhundert Mark monatlich, solange sie 'lebt und sich nicht wieder verheiratet. Rach genauer Ueberlegung bin ich zu dem Schluß gekommen, diese Rente nicht höhe«- zu bemessen. Da es sich hier um einen Fall handelt, der in hundert Fällen ebenso gehandhabt wird — ich meine, das ist doch oft so, daß der Mann der Frau noch eine Rente aussetzt, auch wenn er absolut zu nichts verpflichtet ist —, so wollen wir es dabei belassen. Ich muß nun wohl gehen. Es hätte keinen Zweck. Ich werde es niemals sagen, was zwischen Lisa und mir steht. Auf die Ehetrennung aber muß ich bestehen. Es tut mir selbst leid, daß es so kommen mußte. Darf ich mich verabschieden?"
Doktor Ansbrück küßte den Damen die Hand. Man sprach noch einige freundliche. Worte, und dann ging er. Schwager Polzenhagen begleitete ihn hinaus.
„Dein Fall gibt mir zu denken. Ich werde höllisch aufpassen. Aber ich habe mir für die nächsten Wochen eine Radikalkur vorgenommen. Ich denke, daß sie bei Traute anschlagcn wird."
Sie reichten sich mit festem Druck bw Hand. Und Ernst von Polzenhagen sah dem Schwager noch lange nach, als der so aufrecht über die verschneite Straße schritt. Seinen Wagen schien er heimgeschickt zu haben, denn er ging zu Fuß.
Ernst von Polzenhagen ging ins Zimmer zu den Damen zurück. Hier setzte er sich in den alten hohen Lehnstuhl des verstorbenen Generals, was er im Augenblick nicht mal wußte, welche Tatsache aber Frau von Massow-Friedingen schmerzlich berührte.
(Fortsetzung folgt.)
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