Voranschlagsberatung im Gießener Kreistag.
Am Samstagnachmittag trat der Kreistag des Kreises Gießen im hiesigen Regie- rungsgebäude zu seiner diesjährigen ordentlichen Tagung zusammen, in deren Mittelpunkt die Beratung des Kreis-Haushaltsdoran- schlag 's für das Rj. 1 9 3 2 stand. Zu der Sitzung waren sämtliche 30 Kreistagsmitglieder erschienen.
Der Vorsitzende, Oberregierungsrat Ritzel, widmete zunächst den verstorbenen Kreistagsabg. R u d l o f f, Trais-Horloif, und Klöß, Treis a. d. Lda., ehrende Worte des Gedenkens, die das Haus stehend anhorte, ferner teilte er mit, daß der 2lbg. Lepper, Gießen (Komm.), sein Mandat niedergelegt hat. Sodann wurden als neue Kreistogsabgeordnete für die Verstorbenen Frau Bier, Staufenberg (SPD.) und Herr Somme r l a d, Beuern (SPD.), als Rachfolger von Lepper Herr Hildebrand, Wiesecl (KPD.), eingeführt und verpflichtet.
Anschließend wurden die Rechnung der K r e i s k a s s e , nach dem Bericht des Kreis- tagsabgeordneten Bürgermeister Müller, Bellersheim, und der Perwaltungsbricht des Kreisausschusfes für 1930 genehmigt.
Oie Voranschlagsberaiung
wurde von Oberregierungsrat Ritzel u. a. mit der Mitteilung eingeleitet, daß nach einer am Freitag eingegangenen Verfügung des Ministeriums der Reichssteueranteil des Kreises sich über die im Voranschlag bereits vorgesehene Kürzung hinaus um weitere 5300 Mk. ver- ringert, deren Ausgleich aus dem Reservefonds erfolgen soll. 3m Verlaufe der Etatberatung beschloß der Kreistag demgemäß.
Kreiszuschuß
für das Gießener Siadtiheaier.
Für das Gießener Stadttheater, das nicht nur der Stadt, sondern auch dem Kreise Gießen und der ganzen Provinz Oberhessen zugute ■ komme, sei im Voranschlag wieder ein Kreis- zuschuh von 3000 Mark, wie im Vorjahre, vorgesehen, damit auch vom Kreis aus geholfen . werde, die Schließung des Theaters zu vermei- >. den. Auch der Kreistag fei verpflichtet, dafür zu formen,, daß eine so gute Einrichtung wie das Gießener Stadttheater über diese Rotzeit hinübergerettet werde. Leider sei diese 'Beihilfe nicht ein» stimmig bewilligt worden.
4 Eine interessante Statistik.
der
1927 v. S). 67,00 11,18 21,82
1932 vH- 58,49 10,94 30,57
1913 o. $)■ 15,25
5,14 79,61
Soziale Fürsorge
| Allgem. Verwaltung Sonstige Zwecke
■< in den Voranschlägen in starker Weise nach I sozialen Seite hin.
Ein gutes Zinanzgeschäst.
Der Redner gab sodann das Ergebnis einer statistischen Gegenüberstellung der Kreis - Bo ranschläge von 1913, 1927 Mund 1932 bekannt. Rach dieser Ermittelung ent- L fielen von der jeweiligen Gesamtsumme des Dor- ■ anschlägs auf die
Das Anwachsen der Kosten für die Allgemeine B Verwaltung sei durch die Auswirkungen der prat- ■ tischen Sozialpolitik bedingt, in den 79,61 o. H. für 8 „Sonstige Zwecke" des Jahres 1913 seien die Kosten E des Strahenwesens, das damals noch dem Kreise ■ oblag, enthalten. Im ganzen gehe die Entwicklung
Für die Dermögensrechnung habe die Verwaltung durch günstige Verwertung von Pfandbriefen ein gutes Geschäft gemacht, durch das eine alte Schuld des Kreises abgetragen wurde, eine Zinsenersparnis von 800 Mark und außerdem noch ein Kursgewinn von 6000 Mark zu Gunsten des Kreises zu verzeichnen war.
Nach diesen einleitenden Bemerkungen des Vorsitzenden beschäftigte man sich in der Spezial- d e b a 11 e zunächst mit dem
Zuschuß für das GießenerStadttheater.
Kreistagsabg. Huber- Großen-Buseck (deutschn.) beantragte, den Zuschuß von 3000 Mark zu st r e t - ch e n. Die Kreistagsabgeordneten Klein, Klein- Linden (Landbund), und Hildebrand, Wieseck (KPD.), unterstützten diesen Streichungsantrag. Die Kreistagsabgeordneten Hornberger, Gießen (SPD.), S ch u d t, Gießen (DVP.), Seht, Großen- Linden (SPD.), und Oberregierungsrat Ritzel sprachen sich gegen die Streichung und entschieden fürdieBewilligungdesZuschusses aus. Der Antrag Huber auf Streichung des Zuschusses wurde mit 20 gegen 11 Stimmen abgelehnt, wodurch die 3000 Mark automatisch bewilligt waren.
Ein Appell an den Staat.
Bei Stimmenthaltung der Land- bund-Fraktion wurde mit allen übrigen Stimmen der nachstehende Antrag S ch u d t, Gießen, Schelni, Lollar, Wagner, Geilshausen, L e m p, Gießen, Von E i f f, Grünberg, Dr. Lcop. Katz, Gießen, und Adolph Schmidt, Gießen, angenommen:
„Die Unterzeichneten beantragen, die Kreisverwaltung wolle sich mit aller Energie bei den zuständigen Stellen (Ministerium usw.) dafür einsehen, daß dem Theater der Stadt Gießen ermöglicht wird, während der Sommermonate im Kurtheater zu Bad-Rau- Heim zu spielen gegen vollen Ersah der Ankosten, und weiter dafür, daß der Staatszuschuh an die Stadt Gießen für das Stadttheater entsprechend (Mainz und Darmstadt) und angemessen erhöht wird.
Davon, daß beiden Wünschen entsprochen wird, hängt die Fortführung des Stadttheaters ab. Durch die Schließung würden die Schauspieler unb Arbeiter arbeitslos und damit anderen Stellen neue soziale Ausgaben entstehen.
Das Ansehen und die 3nteressen der Uni* versitäts stadt Gießen erfordern aber das Weiterbestehen des Stadttheaters mit seinen anerkannt ausgezeichneten Leistungen.
Gegen die Leistungen des lehtjährigen Kurtheaters in Bad-Rauheim sind zahlreiche Proteste bei der Kurdirektion eingegangen. Für das Bad würde es außerdem eine wesentliche Verringerung der Unkosten bedeuten — bei gleichen, wenn nicht besseren Leistungen —, wenn das Personal des Gießener Theaters in Dad-Rauheim spielt.
Der Kreis Gießen und die ganze Provinz haben ein Interesse daran, daß die Fortführung des Stadttheaters gesichert wird. (Gastspiele in Alsfeld, Lich, Grünberg, Heuchelheim, Grotzen-Lin- dcn.)"
Keine neuen Ausgaben ohne gleichzeitige greifbare Deckung!
Auf Antrcm des Vorsitzenden, Oberregierungsrat Ritzel, beschloß der Kreistag mit allen Stimmen gegen die des Kommunisten, Anträge auf Erhöhung oder Neueinstellung von Ausgaben nur dann zur Beratung und Abstimmung zuzulassen, wenn die Antragsteller gleichzeitig auch die Deckungsmittel im Nahmen der Zuständigkeit des Kreistages Vorschlägen und diese Mehr- oder Neu-Ausgaben selbst zu bewilligen bereit sind.
Oie Tagegelder.
Eine längere Aussprache entspann sich über die Höhe der Tagesgeldsätze für die Mitglieder des Kreisausschusses bzw. des Kreistages. Schließlich wurde mit allen Stimmen gegen die des Kommunisten beschlossen, es bei den bereits von 12 auf 9 Mark für Auswärtige und von 8 auf 6 Mark für Gießener Abgeordnete freiwillig ermäßigten Sätzen zu belassen und später sich den neu festzusetzenden Provinzsätzen anzuschließen.
Oie Beihilfe
für Elternrenten-Empfänger.
Auf Antrag der Fraktion der SPD. wurde beschlossen, die von 2000 im Vorjahre aus 1000 Mark für 1932 gekürzte Position „Fürsorge für Eltern-
rentenernpfänger" wieder auf 2000 Mark zu erhöhen und mit der Mehrausgabe von 1000 Mark den Reservefonds zu belasten.
Ein Notruf an Staat und Reich.
Auf Antrag des Kreistagsabg. Bürgermeister Müller (Bellersheim) wurde bei der Position „Zuschüsse an leistungsschwache Gemeinden" e inst i m m i g folgende Entschließung angenommen:
Entschließung.
„Der Kreistag des Kreises Gießen lenkt die Aufmerksamkeit der Staats- und Reichsregierung auf die ins Unerträgliche gestiegene Notlage der Gemeinden, die nicht mehr fähig sind, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Die Belastung der Gemeindehaushalte mit den Kosten der 'Wohlfahrtserwerbslosen hat die gesamte Struktur der Gemeinderechnungen derart verändert, daß kaum noch Möglichkeiten verbleiben, andere wichtige Aufgaben zu finanzieren, daß vielmehr hinter die Fürsorge für das Schicksal der Wohlfahrtserwerbslosen alles andere, selbst die Erfüllung selbstverständlicher Verpflichtungen, wie die Leistung der Beiträge an die Hauptstaatskasse für Schulstellen, Beförsterungsbcitrüge usw., ferner die Zinsleistungen für Kapitalschulden der Gemeinden zurückgetreten sind. Trotzdem ist es den Gemeinden vielfach nicht möglich, die notwendigsten Mittel zur Bestreitung der auf ihnen wuchtenden Wohlfahrts- lasten aufzubringen. Rechtsgültige Entscheidungen, in denen Wohlfahrtserwerbslosen im Rahmen ihrer Not und auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen Wohlfahrtsunterstützungen zugesprochen sind, tonnen aus Mangel an Mitteln in der Gemeindekasse nicht vollzogen werden.
Einige Beispiele beweisen vergleichsweise, in welchem Umfange heute die Wohlfahrtslasten auf die Gemeindefinanzen drücken:
Aufwendungen für Wohlfahrlslaslen in den Rj. 1913 und 1931.
Wieseck: Rj.1913: Umlagen 50 000 Mk.; Wohl- fahrtslasten 3600 Mk.; die Wohlfahrtslasten betrugen also 7 v. H. der Umlagen. — Rj. 1931: Umlagen 63 400 Mk., Sondersteuern 19 600 Mk., Reichssteuern 27 700 Mk., insgesamt 110 700 Mk.; Wohl- fahrtslasten 58 200 Mark; die Wohlfahrtslasten betragen also 52,5 v. H. der Umlagen.
Watzenborn.Steinberg: Rj. 1913: Umlagen 27 400 Mk.; Wohlfahrtslasten 960 Mk.; die Wohlfahrtslasten betrugen also 3,5 v. H. der Umlagen. — Rj. 1931: Umlagen 37 000 Mk, Sondersteuern 10 780 Mk., Reichssteuern 10 200 Mk., insgesamt 57 980 Mk.; Wohlfahrtslasten 46 800 Mk.; die Wohlfahrtslasten betragen also 80 v. H. der Umlagen.
G a r b e n t e i ch: Rj. 1913: Umlagen 13 500 Mk.; Wohlfahrtslasten 170 Mk.; die Wohlfahrtslasten be- trugen also 1,26 o. H. der Umlagen. — Rj. 1931: Umlagen 19 700 Mark, Sondersteuern 4870 Mark, Reichssteuern 4400 Mark, insgesamt 28 970 Mark; Wohlfahrtslasten 16 400 Mk.; die Wohlfahrtslasten betragen also 56,6 v. H. der Umlagen.
Treis a. d. L u m d a: Rj. 1913: Umlagen 14 600 Mark; Wohlfahrtslasten 250 Mk.; die Wohlfahrts- lasten betrugen also 1,7 o. H. der Umlagen. — Rj. 1931: Umlagen 10 000 Mk., Sondersteuern 2500 Mk., Reichssteuern 6400 Mk., insgesamt 18 900 Mk.; Wohlfahrtslasten 27 300 Mk.; die Wohlfahrtslasten übersteigen die Steuereinnahmen um 8200 Mark.
Hausen: Rj. 1913: Umlagen 7000 Mk.; Wohl- fahrtslasten 100 Mk.; die Wohlfahrtslasten betrugen also 1,4 v. H. der Umlagen. — Rj. 1931: Umlagen 9400 Mk., Sondersteuern 900 Mk., Reichssteuern 2700 Mk., insgesamt 13 000 Mk.; Wohlfahrtslasten 8000 Mk.; die Wohlfahrtslasten betragen also 61,5 d. H. der Umlagen.
Trohe: Rj. 1913: Umlagen 2500 Mk.; Wohl- fahrtslasten 40 Mk.; die Wohlfahrtslasten betrugen also 0,6 v. H. der Umlagen. — Rj. 1931: Umlagen 3050 Mk., Sondersteuern 800 Mk., Reichssteuern 1250 Mk., insgesamt 5100 Mk.; Wohlfahrtslasten 6500 Mk.; die Wohlfahrtslasten übersteigen die Steuereinnahmen um 1400 Mark.
Oie einsamste Insel der Welt.
Das Eiland der Gesunden.
Hart am Todesrand ging diesmal die Fahrt vorbei, die die Besatzung des „Carlisle", bestimmt den Bewohnern der einsamsten Insel der Welt, Tristan da Cunha (im Südatlantischen Ozean), nach zweieinhalb Jahren vollkommener Abgeschlossenheit wieder Botschaft und Gaben unbekannter Freunde zu bringen, überstanden hat. Rach monatelangem Schweigen kommt jetzt die Kunde von ihrem glücklich vollführten Quiftrag. Eine Landung an der Küste der QuestBai war infolge der wildbewegten See unmöglich. Aber die Kühnheit der Bewohner des Eilands trotzte in leichtgebauten Booten dem entfesselten Element, und ihrem Wagemut gelang es, die ersehnten Gäste in Sandy Point, dem einzigen außerhalb der QuestBai noch in Frage kommenden Hasen an der vulkanischen Steilküste, glücklich auszuschiffen. Don hier galt es aber noch einen Marsch von 14 Kilometer zur Siedlung zurück- zulegen, der durch eine die Straße sperrende herabgestürzte Lawine beträchtlich erschwert wurde. Mit um so größerer Freude wurden die Ankömmlinge von den zurückgebliebenen Inselbewohnern begrüßt. Unter den Besuchern befand sich der anglikanische Bischof von St. Helena, zu dessen Kivchensprengel Tristan da Cunha gehört, zwei Aerzte und Zahnärzte aus Kapland, sowie einige Radio-Ingenieure, die die Bedingungen zur Errichtung einer drahtlosen Station auf dem Eiland untersuchten. Die Versuche fielen sehr befriedigend aus, man hörte deutlich alle europäischen Stationen, und so dürfte der seit Jahren gehegte Plan zur Errichtung einer meteorologischen Beobachtungsstelle auf der Insel nun vielleicht doch verwirklicht werden.
Aeberraschend gut war der gesundheitliche Zustand, besonders die tadellose Beschaffenheit der Zähne der Änselbevöllerung. Dr. Moore, der Präsident der zahnärztlichen Vereinigung der Kap- kolonie, stellte bei 156 vorgenommenen Kiefer- untersuchungen fest, daß bei 131 kein hohler Zahn, keinerlei eitrige Entzündungen oder sonstige Zahnerkrankungen vorhanden waren. Der ältesteMann auf der Insel, der mehr als 70jährige Samuel Swain, wies ein tadelloses, vollständiges Gebiß auf. Diese Tatsache mußte für die Aerzte um so überraschender sein, als die Lebensgewohnheiten der Insulaner allen sonst für die Zahnhygiene unerläßlich scheinenden Grundsätzen zuwiderlaufen So kennen sie Zahnbürsten überhaupt nicht, und entgegen der Ansicht, daß zur Gesunderhaltung der Zähne ihre Hebung an harter Rahrung not
wendig sei, besteht ihr Speisezettel fast nur aus Kartoffeln, Fischen, Milchspeisen und Eiern. Fleischkost bleibt ausschließlich den Feiertagen Vorbehalten. Auch kennen sie keine gemischte Küche, sondern nähren sich einen Tag nur von Kartoffeln ohne Salz, den nächsten bloß von Eiern, den dritten von Fischen. Diese spartanische Lebensweise hat sich ausgezeichnet bewährt, und die De- völkerungszahl ist in den letzten 25 Jahren von 66 auf 162 gestiegen, die fast alle auf Tristan da Cunha geboren sind. Obwohl die Ansiedler seit dem letzten Schiffsbesuch vor zweieinhalb Jahren ganz auf sich gestellt waren, haben sie {einerlei Mangel gelitten, da die Kartoffelernten und der Fischfang günstig waren. Auch fanden sie auf der Äachbarinsel etwa 5000 Pinguin E er jährlich und reichlich angetriebenes Holz. Wie glücklich sich die Bewohner, die eine große Familie bilden, in ihrer Einsamkeit fühlen, beweist die Tatsache, daß der Vorschlag der Regierung, sie in der Kap- kolonie anzusiedeln, auf entschiedene Ablehnung stieß. Ja selbst die Aussicht, daß in Zukunft die seltenen Besuche und Gaben vielleicht ausbleiben würden, konnte sie in ihrem Entschlüsse nicht wankend machen. Tom Rogers, ein 60jähriger Inselbewohner, der im Jahre 1930 von dem dänischen Kapitän Knut Andersen nach Kapland gebracht worden war, und jetzt mit der „Carlisle" wieder zurückkehrte, gab seiner durch Vergleich mit der Lebensweise auf dem Festland gewonnenen Ansicht mit den Worten Ausdruck: „Die Rahrung auf der Insel ist besser, sie erhält den Menschen geschmeidig. In der Stadt gibt es Lärm, Hast, schwere Kleidung und viele Gerichte. Man kann auf diese Weise nicht alt werden. E. D.
Geschichten von Mark Twain.
Aus bett Erinnerungen seiner Tochter.
Mark Twain, der zunächst nur als ein genialer Spaßmacher vom amerikanischen Publikum aufgefaßt wurde, ist seitdem zu einer immer mächtigeren Gestalt aufgewachsen. Man hat hinter der lustigen Grimasse seines Humors die Größe seiner Weltanschauung entdeckt, und man hat erkannt, daß gerade seine humorvollen Schilderungen des amerikanischen Lebens, seine „Lausbuben".Dücher von Tom Sawyer und Huckleberrh Finn, zu den Meisterwerken der Weltliteratur gehören. Die Mark-Twain-Forschung hat in alle Tiefen und Abgründe dieses scheinbar so Hellen und glatten Lebens geleuchtet und uns seine Persönlichkeit in ihrer Güte und ihrer Schwäche näher gebracht. Seit dem grundlegenden Werk von Albert Dige-
low Paine ist aber fein so wichtiger Beitrag zur Lebensgeschichte Mark Twains erschienen wie das Buch „Mein Vater: Mark Twain" von seiner Tochter Clara Clemens. Gewiß steht die Verfasserin ihrem Helden zu nahe, um ihn ganz objektiv zu werten, aber sie hat sich darum auch gar nicht bemüht, sondern schildert den Vater so, wie er sich ihr aus ihren Iugeirderinnerungen darstellt, als einen stets liebevollen und etwas zerstreuten Papa, der einen Brief vom Weihnachtsmann für seine drei kleinen Mädchen schreibt, stets in weißer Kleidung, die er so liebte, im Spiel mit feinen Katzen, leicht aufbrausend, doch bald wieder zärtlich, unbeschreiblich leichtgläubig und unkritisch, der aus allen seinen gesellschaftlichen Ün- glücksfällen durch seine Frau und später durch seine aufmerksame Tochter gerettet wird. Das ist Mark Twain, wie er leibt und lebt, stets zu einem Spaß bereit, über sich selbst lachmd und mit größter Begeisterung Geschichten verfassend, die dann vor dem Familiengericht in Grund und Boden zensiert werden. Cs ist, als wenn sich der Leser im Haushalt von Mr. Samuel Clemens befände und Mark Twain selbst chn in seine Werkstatt schauen ließe.
Besonders aus den Driesen an seine Frau erfahren wir, wie schwer ihm häufig feine kurzen Geschichten wurden, die so leicht hingeschrieben erscheinen. „Ich versuche, eine Kurzgeschichte auszudenken", heißt es da z. B. „Ich habe den Schlußsatz bereits vollkommen fertig, und er ist gut und kräftig, aber ich habe noch nicht das Geringste von der übrigen Geschichte; ich weiß nicht, wo sie spielt, 7wch wovon sie handelt." Oder in einem andern Brief: „Gestern habe ich den ganzen Tag an einem Entwurf für eine Geschichte gearbeitet. Ich habe den ganzen Plan niedergeschrieben, zwei Seiten im Rotizbuch, und es war ein sehr befriedigendes Stück Tagesarbeit. Ich machte mich um 2 Ahr nachmittags daran und um 6.30 Ahr hatte ich 2500 Worte geschrieben. Ich las es mir durch und hatte kaum eine Verbesserung daran zu machen; es war ganz so, wie ich es wünschte, obwohl so schnell hin- geschrieben..." Mark Twain hatte die Gewohnheit, nach dem Frühstück in seinem Arbeitsraum zu verschwinden, der von dem übrigen Hause getrennt war, manchmal ein anderswo gemietetes Zimmer oder ein kleines Sommerhaus im Garten; von dort kehrte er erst am Abend zurück, wenn das Tagewerk vollbracht war. Mit Essen hielt er sich erst nicht lange auf, sondern nahm sich nur etwas Proviant mit. So schreibt er an feine Frau: „Ich nehme nur noch eine Mahlzeit am Tage und möchte auch diese aufgeben, wenn du es erlauben würdest. Sie bestcht aus vier
Die Schicksalsverbundenheit des deutschen Volkes und die Gefährdung der Gemeinden erfordern dringend, daß eine Aenderung, die eine wirkliche Entlastung der Gemeinden bringt, umgehend erfolgt. Dabei ist sich der Kreistag klar darüber, daß diese Entlastung nicht so sehr durch den Staat, als durch das Reich geschehen muß. Die Zusammenfassung der Aufwendungen für die Wohlfahrtserwerbslosen und eine andere gerechtere Verteilung unter ftärffter Beteiligungdes Reichs kann nicht mehr umgangen werden. Sie ist dringend notwendig im Interesse der Lebensfähigkeit der deutschen Gemeinden und der Sicherstellung des Unterstützungsaufwands der Erwerbslosen.
Der Kreistag des Kreises Gießen richtet an die hessische Staatsregierung und die deut- sche Reichsregierung den dringenden Appell, olles zu tun, um die Gemeinden vor dem Zusammenbruch zu bewahren."
Freiwillige Sanitäiskolonne Lich.
Nach langer Aussprache wird auf Antrag der Kreistagsabg. Schiefer st ein und Schön (Lich) der Freiwilligen Sanitätskolonne in L i ch angesichts ihrer Bedeutung für einen weiteren Umkreis und im Hinblick auf die Ausgaben für die Anschaffung eines Krankentransportautos eine Kreisbeihilfe von 100 Mark bewilligt, die aus dem Reservefonds gedeckt werden- soll.
Innere Mission und Krüppelfürsorge.
Einem Antrag des Abg. S ch u d t (Gießen) entsprechend wurden die im neuen Voranschlag gestrichenen Sonderbeiträge an den Hesst Landesoer- ein für Innere Mission (150 Mark) und an den Hess. Fürsorgeverein für Krüppel (200 Mark) gegen die Stimme des Kommunisten bewilligt. Deckung aus dem Reservefonds.
Ablehnung des Boranschags durch Landbund und KPO.
In der Gesamtabstimmung lehnten die Fraktion des Landbundes und der Kommu - n ist den Voranschlag ab, der gegen 11 Stimmen dieser Opposition angenommen wurde. Der Voranschlag schließt in Einnahme und Ausgabe mit 858 748 Mark ab. Der Sonderooranschlag des Kreis- fürforgeamtes und des Jugendamtes erfordert in Ausgabe 371 220 Mark, in Einnahme bringt er 146 084 Mark, mithin war ein Fehlbettag von 225 136 Mark durch Bewilligung zu decken.
Kreistagsabg. Klein (Klein-Linden) ersuchte im Namen der Landbund-Fraktion den Kreisausschuß, er möge prüfen, ob die Ausschlagsätze für die Kreisum lagen nicht noch um 10 Prozent gesenkt werden können. Die Beibehaltung der vor- lährigen Ausschlagsätze, die eine Erleichterung der Last der Steuerzahler verhindere, sei für den Landbund der Grund zur Etatablehnung gewesen.
Oberregierungsrat Ritztzl bemerkte, die Aus- schlagssätze seien für das Rj. 1932 noch einmal in der vorjährigen Höhe angenommen worden, weil eine Neuordnung unter Zugrundelegung der gesetz- lich vorgeschriebenen Einheitsbewertung jetzt noch nicht möglich sei, da die Finanzämter mit den entsprechenden Vorarbeiten noch lange, vielleicht vor Herbst, nicht fertig wären und deswegen auf Antrag der hessischen Regierung vom Reichsfinanzminister für das Rj. 1932 noch einmal der bisherige Modus zugelassen worden sei.
Der Kreisausschuß wurde ermächtigt, die Verteilung der Ausschlagsätze in der gleichen Weise wie seither vorzunehmen dergestalt daß eine Mehrbelastung von Land und Stadt nicht stattfindet.
Zum Schluß wurde noch einer kleineren Neuordnung der Kreis-Hunde st euer zugestimmt.
Daten für Montag, 11. April.
Sonnenaufgang 5.40 Uhr, Sonnenuntergang 19.13 Uhr. — Mondaufgang 7.29 Uhr, Monduntergang 0.33 Uhr.
1806: der Dichter Anastasius Grün (Anton Alexan- der Graf von Auersperg) in Laibach geboren; — 1825: der Sozialist Ferdinand Lassalle in Breslau geboren; — 1921: Kaiserin Augusta Viktoria in Haus Doorn in Holland gestorben.
gekochten Eiern und Kaffee. Ich nehme eine Menge Salz und streue schwarzen Pfeffer darauf, bis die Eier ganz schmutzig sind; dann geben sie Feuer und Energie und schmecken nach cttoaS.“ Mark Twains unglücklichste Zeiten sind, abgesehen von denen, die durch den Tod geliebter Menschen überschattet wurden, diejenigen, in denen der Gelderwerb ihm keine 'Zeit ließ, seinen Gedanken und Entwürfen nachzuhängen. Er (lebte es, hoch bezahlt zu werden, und . zeigte voll Stolz einen großen Scheck an der Frühstückstnsel herum. Aber er war stets bereit,'fein Geld für "irgendeinen phantastischen Plan hinzugeben, und haßte im Grunde das Geld als den Bringer alles Aebels. Er liebte seine Arbeit um der Arbeit willen und schreibt einmal: „Arbeit ist die lieblichste Erholung in dieser Welt, und wem die Natur die Gabe verliehen hat, sie zu lieben, der ist gefeit gegen Sorge und Kummer." Aus unzähligen Zügen dieses Buches seiner Tochter leuchtet uns die Philosophie Mark Twains entgegen, die zwar die Menschen verachtete, aber die Menschheit liebte, die das Wort von der besten aller möglichen Wellen zurückwies, aber das Leben liebte und unermüdlich strebte, es zu verbessern. Wenn ein störrischer Esel ihn über seinen Kopf hinüber abwarf, dann sagte er, er wäre „dem Esel mehr verbunden denn je zuvor, weil er seinen Racheakt mit so viel Heiterkell und Anmut ausgeführt und dadurch bewiesen habe, daß das Tier übermenschlich sei." Pries er damit den Esel oder kritisierte er damit den Menschen? Es gibt vielleicht keine bezeichnendere Geschichte unter den unzähligen Mark-Twain-Anek- doten als den Bericht von der ehrwürdigen alten Same, die beim Abschied zu ihm sagte: „Wie muß Gott Sie lieben!" Worauf der Dichter erwiderte: „Ich hoffe es", aber als er die Tür hinter ihr geschlossen hatte, mit einem listi- gen Zwinkern seiner Augen hinzusehte: „Ich vermute, daß sie nichts von unfern gespannten Beziehungen gehört hat."
Sochschulnachnchten.
Professor Dr Helmut Rühl, der mit Beginn des Sommersemesters 1932 den neu errichteten Lehrstuhl für deutsches Bürgerliches Recht in Göttingen übernehmen sollte, ist in Paris g e- storben. Don seinen Schriften nennen wir als Hauptwerk „Eigentumsvorbehalt und Abzahlungsgeschäft", ferner: „Einschränkung oder Verbesserung deS Zeugenbeweises?" und „Reformbestrebungen auf dem ©ejbiet des zivilprozessualen Deweisver- fahrens".


