Ausgabe 
10.9.1932 Frühausgabe
 
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fet Vielleicht erkläre es sich Daraus, daß die französischen Behörden in den Archiven den Da­men Dcrubmann nicht finden könnten. Daubmann soll übrigens verlangt haben, daß man ihn un­ter deutschem oder neutralem Schutz und freiem Geleit nach Constantine reisen lasse. Er könne dann genau zeigen, wo er sich während der 16 Jahre aufgehalten habe.

Schwere Keffelexplosion in Tleuyork.

Bisher 38 ?ote, etwa 100 Verletzte.

Reuyork, 9. Sept. (IDIB.) Bei einer Kessel- explosion auf einem Arbeilsboot auf dem Last- River in der Reuyork - Stadl wurden etwa 2 0 Personen gelötet 60 Personen sind noch vermißt 100 wurden verletzt Auf dem Unglücks- boot befanden sich im Augenblick der Katastrophe etwa 2 0 0 Arbeiter. Sofort nach der Explosion die Detonation war weithin hörbar eilten Polizeiboote und andere Fahrzeuge, insbesondere Rettungsboote, zur Anglücksstelle. 3m Laufe von zwei Stunden gelang es, 3 7 Leichen z u ber­gen, 50 Personen werden noch vermißt. Aast alle geretteten Fahrgäste derObservation" haben Ver­letzungen baoongetragen. Das Fährboot ist durch die Explosion, die sich in der Rühe der vier Piers ereignete, in Stücke gerissen. Das verunglückte Schiff ist der DampferO b s e r v a t l o n, der von der Stadtverwaltung zur Beförderung von Ar­beitern von und nach Rikers Island am East-River, wo zur Zeit die städtische Strafanstalt gebaut wird, gecharlet war. Augenzeugen, die vom Afer des Stadtteiles Bronx und von Rikers 3sland aus die Katastrophe beobachteten, erklärten, daß sie plötzlich aus derObservation" eine Rauchwolke auf­schießen sahen. Als der Rauch sich verzogen halte, war das Schiff verschwunden, und man sah die im Wasser um ihr Leben kämpfenden 2Ten- schen. Die Ursache der Katastrophe ist bis zur Stunde ungeklärt. Bei dem Bau der städtischen Strafanstalt auf Rikers 3sland wurden etwa 700 Arbeiter beschäftigt

*

Die folgenschwere Explosion ereignete sich fast an derselben Stelle, an der vor 28 Jahren der Dampfer General S l o c u m" brennend unterging. Die Berichte der UeberlebendeN geben ein grauenhaftes Bild. Zahlreiche Arbeiter wurden hoch i n d i e L u f t geschleudert und stürzten in die Tiefe mitten hinein in Schiffstrümmer und um ihr Leben kämp­fende Menschen. Ueberdies hatte sich das siedende Wasser des Kessels in den Strom ergossen, so daß die Schwimmenden schwere Verbrühungen er­litten. Einer, der aus dem Wasser auftauchte, wurde von einem herabfallenden Mann getroffen und ver­sank ein zweites Mal. Ein Augenzeuge will gesehen haben, daß der Kessel des Fährbootes wie eine Ra­kete in die Luft schoß. Ein Mann wurde in einem hohen Bogen weit über den Fluß geschleudert und in das Fenster einer Kraftstation, die etwa 50 Meter vom Ufer entfernt ist, hineingeworfen.

Die Zahl der bei der Katastrophe auf dem Fähr­bootObferDation" im Neuyorker Hasen ums Leben Gekommenen hat sich, einer späteren Meldung zufolge auf 38 erhöht. Einige der Ueberlebenben sind der Ansicht, daß die Katastrophe nicht durch eine Kesselexplosion, son­dern durch eine andere Explosion mittschiffs ver­ursacht worden ist. Die Wirkung der Explosion war so stark, so berichten Augenzeugen, daß mehrere Menschen über 100 Meter weit auf die Dächer der benachbarten Gebäude geschleudert wurden, wo man sie später tot auffand.

Aus öfter Welt.

Feuersbrunst in einer Papierfabrik.

3n 'Malmedh brach 4n der Papierfabrik Steinbach eine gewaltige Feuersbrunst aus, die mehrere Lager bis auf die Grundmauern zer-

Orgie der Einfalt.

Von Georg Miihlen-Schulte.

Im Bureau des Wohlfahrtsamts. Am Tisch des Beamten steht ein Mann in fadenscheiniger Klei­dung-, er ist hager, hat abstehende Ohren und weiße Haare, von denen ihm einige Strähnen tief in die niedrige Stirn fallen. Niemand wird diesen Men­schen verdächtigen, eine geistige Leuchte von beson­derer Brennkraft zu sein. Höchstens konnte man auf den Vergleich mit einem Nachtlicht kommen.

Auf einer Bank im Hintergrund sitzt ein zweiter Klient. Er ist klein, hat rotes Haar und dunkle, etwas verkniffene Pupillen. Dieser Mann ist zwei- sellos gewitzt und hat eine schnelle Auffassung. Wenn es eine Seelenwanderung gibt, dann könnte man annehmen, daß seine Psyche früher im Körper eines Fuchses beheimatet war. Er verfolgt aufmerksam die Verhandlungen zwischen seinem Vordermann und dem Sekretär. Ab und zu läßt er ein diskretes Kichern hören.

Dies ist das Zwiegespräch zwischen dem Allen und dem Beamten:

Ich komme wegen Zähne."

Wegen Zähne?"

Ja. Die Sache ist so: Meine Schwester ist Schnei­derin. Sie näht auf einem Gut in der Uckermark, und in der Zwischenzeit muß ich hier die Blumen begießen. Die Blumen stehen draußen auf einem Brett vor dem Fenster. Es sind Pelargonien. Lauter Pelargonien. Bloß eine Pflanze ist darunter, die kenne ich nicht. Sie blüht gelb und riecht wie Pfeffer. Ich bin unschuldig daran, Herr Amtsvor­stand, denn ich habe die Blumen nicht gepflanzt. Ich habe immer zu meiner Schwester gesagt: Hertha, wenn du Samen kaufen willst, dann geh' zu einem Gärtner; aber sie hört ja nicht. Wissen Sie, wo sie den Samen her hat?"

Nein. Ist mir auch ganz gleichgültig. Mich inter­essiert nur, wie Sie Ihre Bitte um ein neues Gebiß begründen."

Aus 'm Milchgeschäft hat sie den Samen. Lächer­lich, was?"

Ich sage Ihnen doch, daß mir das ganz egal ist. Wieso brauchen Sie ein neues Gebiß?"

Darauf komme ich ja jetzt, Herr Amtsvorstand. Also unter den Pelargonien war eine Blume, die roch nach Pfeffer. Ich kam ihr bloß mal so ganz flüchtig mit der Nase zu nahe, sofort mußte ich niesen. Können Sie sich das vorstellen?"

Natürlich. Aber sprechen Sie doch endlich von dem Gebiß. Was ist damit?"

Mit dem Gebiß? Na also, das ist mir raus­geflogen beim Niesen. Es ist auf die Straße gefallen. Im selben Augenblick kommt ein Lieferauto vorbei

störte. Der Brand brach vormittags in einem 100 Meter langen Lagerraum der Fabrik aus und dehnte sich so rasch aus, daß in etwa zehn Minuten der Lagerraum vollständig vernichtet war. Das Feuer griff weiter auf acht bis neun Lagerräume über, die gleichfalls ein Raub der Flammen wurden, darunter auch ein zweistöckiges Gebäude, in dem sich m o - dernste Papierverarbeitungsma­schinen befanden. Außerdem sind ungeheuere Mengen Rohstoffe und Fertigwaren dem Feuer zum Opfer gefallen. Der Schaden soll in die Millionen gehen. Lediglich der Eupener Wehr, die trotz 40 Kilometer Entfernung zuerst am Brandherd eintraf, ist es zu verdanken, daß das Feuer sich nicht weiter ausdehnen konnte.

Die Papierfabrik Steinbach ist nicht allein die größte Papierfabrik Belgiens, son­dern auch eine der bedeutendsten des europäischen Festlandes. Man nimmt an, daß das Feuer i n - folge Selb st entzünd un g entstanden ist.

Raubüberfall auf einen Geldbriefträger.

In Düsseldorf wurde in einem Hause in der Königs-Allee auf einen Geldbriefträger ein Raub- üb er sali verübt. Der Täter hatte sichindasHaus eingeschlichen, schlug den Geldbriefträger beim Eintreten nieder und beraubte ihn seines Geldes. Der UeberfaUene erlitt schwere Verletzungen am Kopf. Der Töter konnte noch nicht festgenom- men werden.

keit die volle Verantwortung für seinen Be­zirk trägt. Cs handelt sich hier nicht darum, daß das Laienelement zugunsten des Derwaltungs- beamten von der Mitwirkung an der Verwaltung ausgeschaltet werden soll, sondern um eine stär­kere Hervorhebung der persönlichen Verantwortung.

Soll dieser Wurf, den die preußische Staats­regierung mit der Derwaltungsreform gewagt hat, gelingen, ist allerdings eine unbedingte Vor­aussetzung. Als Landräte, Regierungs- und Ober­präsidenten müssen Männer dem Staat dienen, die umfassende Sachkenntnis besitzen, sich lediglich als Diener des Staats fühlen und ihre persönlichen, weltanschaulichen und politischen Auffassungen dem Staatsinteresse unterordnen. Solche Männer stehen heute be­reits in großer Zahl an leitenden Posten im preußischen Staat. Viele Beamte, die solche Vor­aussetzungen erfüllen, sind auch in den letzten Jahren aufRebengleise" abgeschobrn worden. Reben dem Beamten, der für seine dienstliche Laufbahn die abgeschlossene Hochschul­bildung mitbringt, wird es Aufgabe der Staatsregierung sein, auch Kräfte für leitende Stellungen nutzbar zu machen, welche ihre Lauf­bahn in der sogenannten mittleren Karriere begonnen haben. Besondere Ver­antwortung trägt in unruhigen Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, der Beamte der Polizei in allen Zweigen. An.leitenden Stellen der Poli­zeiverwaltung, insbesondere auch in der Zentral­instanz, wird in erster Linie der geschulte Verwaltungsbeamte stehen müssen.

Oberster Grundsatz für die gesamte Beamten- politif wenn ich dieses ominöse Wort einmal gebrauchen soll muß sein, dieFähigkeil entscheidet, nicht das Parteibuch. 3d) verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, daß auch die parlamentarischen Minister der letzten 14 3ahre manche Posten in ihrer Verwaltung gern mit anderen Persönlichkeiten beseht hätten, wenn sie nicht unterdemDruckderPar- leien der jeweils regierenden Koalitionen allzuoft hätten nachgeben und von den Par­teiführern präsentierte Personen in Beamten­stellungen hätten unterbringen müssen.

_ Heber die Besetzung von Staatsämtern wird künftig allein von den zuständigenMi- nistern und nicht mehr in den Wandelgängen und Restaurationsräumen der Parlamente ent­schieden. Die Ressortminister tragen auch für diese wie für alle ihre Maßnahmen die Verantwor­tung. Sie fann ihnen von niemanden abgenom­men werden. Darum müssen sie auch Herr ihrer Entschlüsse sein. Die politische Zurückhaltung des Beamten ist eine Taktfrage. Von ihm wird nicht eineHaltung er­wartet, die auch aus der Sorge vor Maßrege­lung jegliches Bekenntnis zu einer politischen oder weltanschaulichen Richtung vermeidet. Eine ehr­liche politische Heberzeugung soll einem Beamten niemals zum Vorwurf gemacht werden, wenn er im Dienst seine Pflicht erfüllt und sachlich und überparteilich seines Amtes wal­te t. Das deutsche Volk muh sich darauf verlassen können, daß sich jeder Beamte, an welcher Stelle er auch steht, im Sinne der Verfassung, die er beschworen hat, als Diener des Staats­ganzen und nicht einer Partei fühlt.

Die Reformen bedeuten einen Anfang und gleichzeitig die Voraussetzung für die weiteren Maßnahmen. Der nächste weitere Schritt wird in der Vereinfachung der preußischen Zentralinstanz liegen. Wenn es gelingt, die Zusammenarbeit von Reich und Preußen zu erhalten und weiter auszubauen, kann gerade in den Berliner Ressorts vielDop- pelarbeit vermieden werden; vor allem haben wir alle kein Geld für Ausgaben, die nur aus einem Gegeneinanderarbeiten zwischen Preußen und Reich entstehen. Die Ver­einfachung in der preußischen Zentralinstanz ist nicht von der Einleitung der Reichsreform ab­hängig, auch hier können schon jetzt entsprechende Maßnahmen getroffen werden. Sie werden in Kürze folgen.

Jawohl, Herr Amtsvorstand! Dürfte ich mir viel­leicht einen Vorschlag gestatten?"

Schießen Sie los!"

Ich mochte die Angelegenheit nochmal in Ruhe mit meiner Frau besprechen. Ich denke mir, man darf die Sache mit dem Trapez nicht über's Knie brechen. Ich bin ein alter Mann...'

Sie sind ein alter Idiot! Machen Sie, daß Sie rauskommen!"

Jawohl, Herr Amtsoorstand!"

Der weißhaarige Mann zieht sich auf Zehnspitzen nach der Tür zurück. Im Vorbeigehen wirft er einen wütenden Blick auf den Rothaarigen. Der Rot- haariae lächelt spöttisch und überlegen. Als sich die Tür hinter dem Alten geschlossen hat, erhebt er sich elastisch und kommt an den Tisch des Beamten herüber.

Der Beamte hat ein buntes Tuch aus der Tasche gezogen; er wischt sich Stirn und Genick damit. Halblaut brummt er:

Sowas von Dämlichkeit hat die Welt noch nicht gesehnt"

Sie haben Recht, Herr Amtsvorstand!" pflichtet der Rothaarige bei.Es war wirklich ein starkes Stück. Dafür werden Sie aber mit mir gar feine Schwierigkeiten haben."

Ra, dann wollen wir mal sehen", meint der Beamte freundlich.Was wünschen Sie denn?"

Ich mochte höflichst um eine Brille gebeten haben."

Eine Brille. Was sind Sie von Beruf?" f Aushilfsschlittschuhanschnaller auf der-

felb-en Bahn wie der alte Mann da eben. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben, Herr Amtsoorstand, ich schnalle die Schlittschuhe mit den Zähnen an; außerdem suche ich mir jetzt eine neue Stellung, als £rape3fünftler, mitm Kopp nach unten!"

Hier fällt der Sekretär bewußtlos vom Stuhl.

Oie Schlange mit -em Glasauge.

3m Londoner Zoologischen Garten, gibt es eine Schlange, die ein Glasauge besitzt. Das ist nicht etwa ein schlechter Witz, sondern eine Tatsache. Die Schlange es handelt sich um ein besonders schönes Exemplar einer Boa Constrictor aus Madagaskar erlitt vor einigen Jahren bei der Häutung eine fo schwere Verletzung des einen Auges, daß dieses von einem Tierarzt völlig entfernt werden mußte. Da der Anblick der einäugigen Schlange aber dem Publikum nicht sehr zusagte, entschloß man sich, der Boa ein regelrechtes Glasauge einzusetzen, das fit seitdem unbehindert trägt. Nur bei der alljährlichen Häutung muß das Auge herausgenommen werden, weil die neu entstehende Haut zunächst zu weich tft, um das Auge umschließen zu können.

DieVerwaltungsresorminpreußen

Or.Bracht erläutert dieMaßnahmen und Absichten derKommissarischenRegierung.

Berlin, 9.Sept. (WTB.) Reichskommissar Dr. Bracht sprach heute abend in der Stunde der Reichs­regierung über alle deutschen Sender zur Verwal­tungsreform in Preußen. Gegenüber dem Einwurf, ob die gegenwärtige Zeit der Not der richtige Zeit­punkt für eine Reform der preußischen Staatsver­waltung sei, erklärte der Reichskommissar: Die Re­formen werden gewiß nicht für den Tag geschaffen, sondern auf eine lange, lange Zukunft. Aber das kann ich mit Fug und Recht sagen: Wird der Ent­schluß nicht gleich gefaßt, dann bleibt es erneut bei den Vorbereitungen, die wieder jahrelang in den Schreibtischen der Ministe­rien liegenbleiben. Es gehört schon zur geschicht­lichen Tradition Preußens, daß große Derwaltungs- reformen nur in Notzeiten durchgeführt wur­den. Die Verwaltungsgrundlagen für den preußi­schen Staat sind unter äußer st enfinan- Stellen Schwierigkeiten geschaffen wor­den. Friedrich Wilhelm I. war es, der mit rücksichtsloser Strenge jede Korruption bekämpfte und ein Beamtentum schuf, das diepreußischen Beamten" weit über Deutschlands Grenzen hinaus zum Sinnbild für unbestechliche Pflichttreue und Hingabe an den Dienst für das Gemeinwohl wer­den ließ. Als der Freiherr vom Stein seine Reformen begann, war der größte Teil des preußi- lschen Staatsgebiets vom Feind besetzt, und doch gebührt gerade der Stein-Hardenbergschen Re­form, die den gesamten preußischen Verwaltungs­aufbau bis in die Gegenwart hinein bestimmt hat, ein wesentlicher Anteil an der Befreiung und dem Wiederaufstieg Preußens.

Lines darf ich aber gegenüber den Kritikern der neuen Verwaltungsreform feststellen: Die Sparsamkeit der öffentlichen Hand will zwar jeder, aber am liebsten dort, wo sie einen selbst nicht trifft. Diesen felbst- oerständlichen Wunsch allen zu erfüllen, ist mir leider nicht möglich, wenn wir mit der Spar­samkeit im preußischen Staat Lrnft nadjen sollen, dann können einzelne Härten nicht ver­mieden werden. 3ch glaube aber, daß auch diejenigen, die davon betroffen sind, bald ein­sehen werden, daß nicht Willkür, sondern sachliche Rotwendigkeit unsere Ent­scheidungen bestimmt haben.

Die Erleichterungen, die die Reformen bringen sollen, werden natürlich dem einzelnen gegenüber nicht sofort in Erscheinung treten können. Das, worauf es jetzt ankommt, das ist die Schaffung der Grundlagen für die Vereinfachung des gesamten preußischen Staatsapparats.

Die beiden Gebiete der Reform, die bis jetzt durch- geführt worden sind die Auflösung von 60 Amts­gerichten und 58 Landkreisen, sowie die organisato­rische Neuordnung der allgemeinen Landesverwal­tung sind nur ein Teilgebiet der großen Reform an Haupt und Gliedern, die in Reich, Ländern und Gemeinden durchgeführt wer­den muß. Die Reform der Selbstverwaltung in Ver­bindung mit einer Reform des Finanzausgleichs

und fährt über das Gebiß weg. Es war ein Wagen mit Gurkenfässern darauf. Ich habe mich sofort an den .Reichsverband der Gurkenzüchter' gewandt und Ersatz für das Gebiß gefordert. Sie können sich nicht denken, Herr Amtsvorstand, was das für eine Ge­sellschaft ist."

Wieso?"

Na, sie haben mir geantwortet, für Gebisse kämen sie nicht auf; sie seien bloß für Gurken zuständig. Wenn mir zum Beispiel die Gurke kaputtgefahren worden wäre, hätten sie mir mit Vergnügen eine andere dafür gegeben. Das haben mir die Leute geschrieben. Was halten Sie davon, Herr Amtsvor- stand?"

Nichts Besonderes! Wir wollen nun mal sehen, ob wir Ihnen helfen können. Sie wollen ein neues Gebiß haben, nicht wahr?"

Ja, bitte schon!"

,Hm! Was sind Sie von Beruf?"

Schlittschuhanschnaller."

Du meine Güte, konnten Sie sich denn nichts anderes aussuchen?"

Vielleicht, Herr Amtsvorstand! Aber ich habe mir gesagt, als Schlittschuhanschnaller habe ich den größ­ten Teil des Jahres keine Konkurrenz zu fürchten. Sehn Sie mal, angenommen, ich hätte auf Rechts­anwalt studiert, oder ich wäre Fabrikbesitzer ge­worden ..."

Na, das wollen wir mal beiseite lassen! Sie sind also Schlittschuhanschnaller. Da muß ich Ihnen leider eröffnen, daß das Wohlfahrtsamt kein neues Gebiß für Sie kaufen kann."

Warum denn nicht?"

Weil wir Zahnersatz nur in sogenannten produk­tiven Fällen gewähren, das heißt bei Leuten, die ihres Gebisses zum Lebenserwerb unter keinen Um­ständen entraten können. Verstehen Sie das?"

Nein."

Na, sehn Sie mal, zum Schlittschuhanschnallen brauchen Sie doch keine Zähne, nicht wahr?"

So? Und wenn mir jemand eine Mark gibt, und ich will mal darauf beißen, um zu sehen, ob sie echt ist?"

Das gehört nicht hierher."

Oder wenn ich Maren pfeifen will, er soll mir mal 'n Grog bringen?'1

Was hat denn das mit dem Gebiß zu tun?"

Allerhand, Herr Amtsvorstand! Pfeifen Sie mal, wenn Sie keinen Zahn im Maul haben! Wissen Sie, wie sich das anhört, wenn Sie so was machen? Als ob ein Teekessel pfeift."

Lassen Sie die Anspielungen, und kommen Sie zur Sache! Die Bestimmungen verlangen, daß Sie den Zahnersatz unmittelbar zur Ausübung Ihres Berufs nötig gaben. Und das trifft bei Ihnen nicht

bleibt als eine dringende Aufgabe der Gegenwart bestehen.

Die Einziehung von Kreisen und Amtsgerichten ist in erster Linie eine Sparmaßnahme. Die Auf­lösung ganzer Behörden schafft gründliche und bleibende Ersparnisse, denn es hat kei­nen Ziveck, jetzt in der Rot Abstriche an Einzel­ausgaben zu machen, die bei der nächsten besten Gelegenheit töieder aufleben. Wir haben dafür ge­sorgt, daß die in den aufgelösten Aemtern frei- werdenden Beamten und Angestell­ten so weit als möglich bei anderen Be­hörden untergebracht werden. Das tonnte trotz dem Bemühen, unmittelbare Ersparnisse zu erzielen, verantwortet werden, da sich die Maß- ncchmen ja nicht nur auf personellem Gebiet aus­wirken. Eine wesentliche Ersparnis liegt vielmehr im Wegfall der sachlichen Ausgaben selbständiger Behörden, deren Ausga­ben auch von der benachbarten Behörde m i t er­ledigt werden foimen. Der neue Etat wird überall bereits ein Bild von dem Hmfang dieser Ersparnisse geben.

Die Reform der allgemeinen Landesverwaltung ist eine unmittelbare Ersparnis von Ausgaben und im Zusammenhang damit eine möglichst weitgehende Dekonzentration in den verwal- tungsaufgaben, d. h. die Erledigung von Linzel- fäUen ohne grundlegende Bedeutung soweit als möglich im örtlich zuständigen Bezirk.

Cs ist jetzt möglich, viele Entscheidungen, die bisher nur bei der Dezirksregierung getroffen werden konnten, weil nur dort ein Heberblick über die verschiedenen Staatsbehörden möglich war, an die Kreisbehörde abzugeben. Damit wird eine Instanz gespart und Doppel- arbeit gleich von Anfang an ausgeschal­tet. Das Schwergewicht der allgemeinen Lan­desverwaltung ist auf die Regierungspräsidenten gelegt worden. Der Oberpräsident soll künftig von jeder Detailarbeit der Verwaltung befreit und für seine eigentliche Aufgabe frei gemacht werden, nämlich der Vertrauensmann der Staats­regierung für die ganze Provinz zu fein, der die besonderen Interessen seines Gebiets zu vertre­ten hat.

Zu der Aufhebung der kollegialen Verfassung des Prooinzialschulkollegiums

muh ich noch eine Erläuterung geben: Diese Kol­legialverfassung beruht auf dem Gedanken, das) eine von mehreren Personen gemeinsam getrof­fene Entscheidung den verschiedenen In­teressen besser gerecht werden könne, als die Entscheidung eines einzelnen Deantten. In Kol­legien, die nicht die volle Verantwortung vor dem gesamten Verwaltungsbezirk tragen, wer­den, wie auch die Praxis gezeigt hat, je nach ihrer Besetzung parteipolitische Gesichts­punkte bei Entscheidungen eher hervor treten, als wenn an der Spitze einer Behörde ein Mann steht, der als Ernzelpersönlich-

zu. Sie schnallen doch die Schlittschuhe nicht mit den Zähnen an, nicht wahr?"

Nein."

!Na, dann können wir Ihnen auch kein neues Gebiß kaufen."

Erlauben Sie mal, Herr Amtsvorstand, wie können Sie denn von mir verlangen, daß ich die Schlittschuhe mit den Zähnen anschnalle?"

Das verlange ich ja gar nicht."

Na ja, nicht so direkt, aber ich merke doch, was gespielt wird. Ich würde ihnen ja auch gern den Gefallen tun und die Schlittschuhe mit den Zähnen anschnallen. Man macht ja, was man kann. Aber, sehn Sie mal, ich bin ein alter Mann, und nun geht das nicht mehr so mit dem Bücken ..."

Aber, lieber Freund, begreifen Sie denn nicht?!"

Ja, natürlich, alles! Aber nun überlegen Sie doch mal: Da sitzt meinetwegen eine Dame, und ich soll ihr die Schlittschuhe anschnallen, und nun komme ich mit meinen Zähnen an. Na, da denkt doch die Frau, 'ich will ihr in die Wade beißen, und schreit: ,Uebersall!'. Stimmt's?"

Mensch, Sie sind ja ein... Ich meine, Sie ver­stehen immer noch nicht, woraus es ankommt. Passen Sie mal auf, ich will Ihnen mal an einem anderen Beispiel klar machen, welche Voraussetzungen ge­geben sein müssen, damit das Wohlfahrtsamt zur Hilfe bereit ist. Denken Sie sich. Sie wären ein Zahnathlet..

Ein Zahnathlet?"

Ja. Da hängen Sie also an einem Trapez, mit dem Kopf nach unten, und zwischen den Zähnen haben Sie..."

... Augenblick, Herr Amtsvorstand! Augenblick, bitte! Ich halte das nicht aus!"

Was halten Sie nicht aus?"

Mit'm Kopf nach unten an dem Trapez, Herr Amtsvorstand, ich bin doch fein Maikäfer!"

Wer ich nenne Ihnen doch bloß ein Beispiel: Sie hängen mit dem Kopf nach unten an dem Trapez, mit den Zähnen halten Sie ein zweites Trapez..."

Herr Amtsvorstand, haben Sie doch ein Ein­sehen! Mir kommt ja das ganze Frühstück hoch. Kann ich denn nicht wenigstens sitzen auf dem Trapez?"

»Nein, Sie hängen nach unten!"

»Nach unten! Mit dem Kopf nach unten, daß mir der Hausschlüssel aus der Tasche fällt und das Stempelbuch! Herr Amtsvorstand, nehmen Sie Rück­sicht! Ich leide doch schon, wenn ich ganz ruhig stehe, immer unter der aufsteigenden Hitze. ,Konrad', sagt meine Frau immer, ,Konrad, du siehst schon wieder aus wie ein Feuermelder!'"

Das ist mir wurscht, verstanden?"