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ITr. 213 Kvüftausgabe 182.Jahrgang Samstag, H.September 1952
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Hindenburg empfängt am Dienstag die Parteiführer
Zentrum und Nationalsozialisten werden dem Reichspräsidenten die Auffassung der Reichstagsmehrheit vortragen.
Das Programm der kommenden Woche.
Vor Donnerstag keine Entscheidung.
Berlin, 9. Sept. (TU. Junffpr.) Der Reichspräsident hat den Reichslagspräsidenlen Göring wissen lassen, daß er bereit ist, Dienstag um 12 Uhr zwei Vertreter der NSDAP., zweivertreterdesZentrums und einen Vertreterder Bayrischen Volkspartei in Gegenwart des Reichskanzlers zu empfangen, um ihre Auffassung zur politischen Lage ent- gegenzunehmen. — wie der parlamenlsdienst der Telegraphen-Union hierzu erfahrt, rechnet man im Reichstag damit, daß unter diesen Umständen die Aussprache über die Regierungserklärung voraussichtlich am TNitlwoch- nachmittag beginnen können wird. An dem Zeitpunkt der Regierungserklärung, der bekanntlich für Montag, 15 Uhr, festgesetzt ist, hat sich nichts geändert.
Zuversicht im Lager der Parteien.
Die Besprechungen gehen weiter.
L e r l i n, 9. Sept. (VDZ.) Am Freitagabend sand im Reichstag eine Besprechung zwischen Abgeordneten des Zentrums, der Bayerischen Dolkspartei und der Aationalsozialisten statt, in der zu dem Ausgang des Empfangs beim Reichspräsidenten Stellung genommen wurde. Die wirtschaftlichen Verhandlungen zwischen den drei Parteien werden in den nächsten Tagen fortgesetzt. 3n Kreisen der beteiligten Parteien sieht inan der weiteren Entwicklung mit Zuversicht entgegen. Man glaubt, daß die Aussprache beim Reichspräsidenten doch nicht vergeblich gewesen sei. In Kreisen der genannten Parteien wird vielfach auf eine Stelle in der „DAZ." hingewiesen, die heute früh davor warnte, die Unruhe einer Reichstagsauflösung und von Reuwahlen heraufzubeschwören, bevor alle Möglichkeiten erschöpft sind. Diese Stimme wird als ein Ausfluß von Strömungen auf- gefaßt, die neuerdings in einem Teil der Wirtschaft zu finden sein sollen, und deren Grund man vor allem mit in der Befürchtung sicht, daß der kommende Wahlkampf den sozialpolitischen Konflikt scharf in den Vordergrund rücken wird und damit einen stark antikapitalistischen Charakter bekommen würde. Wieweit diese Auffassungen richtig sind, läßt sich in diesem Augenblick um so schwerer beurteilen, als vieles, was gesprochen und gesagt wird, taktischen Motiven entspringt. Die deutschnationale Auffassung. DicErklärungcn dec-Vizepräsidentenitzracf.
Berlin, 9.'Sept. (VDZ.) Die deutschnationale Pressestelle gibt mit Rücksicht auf die verschiedenen Veröffentlichungen über den Besuch des Reichstags- Präsidiums beim Reichspräsidenten den Bericht bekannt, den der deutschnationale Vizepräsident Graes in der Sitzung der deutschnationalen Reichstagssraktion darüber erstattete. Danach hielt nach der Vorstellung der nationalsozialistische Reichstagspräsident Göring eine Ansprache, in der er betonte, daß im Reichstag eine arbeitsfähige parlamentarische Mehrheit sei, daß der Reichstag sich nicht ausschalten lassen wolle und daß er als Reichstagspräsident sich gegen die Gerüchte, daß der Reichspräsident diese Ausschaltung beabsichtige, zur Wehr setzen müsse. Er habe den einstimmigen Auftrag des Reichstags, dies zum Ausdruck zu bringen.
Der deutschnationale Vizepräsident Graes widersprach diesen Aeußerungen auf das schärfste. Er führte aus, daß das Reichstagspräsidium nicht befugt sei, dem Staatsoberhaupt politische Vor- schlage zu machen oder gar Ratschläge zu erteilen. Das Präsidium sei keine politische Körperschaft und durchaus in seiner Meinungsbildung absolut nicht einheillich. Graes betonte, daß d i e Einsetzung eines wirklich von den Parteien unabhängiges Kabinetts ein Fortschritt sei, demgegenüber der Rückfall in den Parlamentarismus und in das Koalitionsspiel, wie es die Nationalsozialisten und das Zentrum erstrebten einen absoluten Rückschritt bedeuten würde. Hierüber sei sich der größte Teil des Volkes einschließlich weiter Kreise der Nationalsozialisten einig. Die Rücksicht auf die Stetigkeit der politischen Entwicklung und auf die Autorität des Staatsoberhauptes verbiete es, einen Kurswechsel in der Regierungsführung vorzunehmen, selbst für diejenigen, die nicht mit allen Maßnahmen des Kabinetts o. Papen im Reich und in Preußen einverstanden sind.
Protest der rheinischen Landwirtschaft.
Köln, 9. Sept. (TLI.) Der Hauptvorstand der Vereinigung des Rheinischen Bau- ernvereins und des Rheinischen Landbundes hat zum Wirtschaftsplan der Reichsregierung eine Entschließung angenommen, in der betont wird, daß die Rettung von Wirtschaft und Ratton nur möglich sei durch die Wieder-
herstellung der landwirtschaftlichen Rentabilität. Mit Bedauern habe die rheinische Landwirtschaft feststellen müssen, daß in der Verordnung vom 4. September wirkungsvolle Maßnahmen zur Rettung der Landwirtschaft, insbesondere der Deredelungswirtschaft, durch LI m st e l l u n g der Handelspolitik auf das Kontingentsystem sowie durchgreifende Maßnahmen zur wirkungsvollen Zins- und Lastensenkung nicht enthalten feien. Ferner fehlten die Maßnahmen zur Umlage- rung der Konsumbelastung vom heimischen auf das ausländische Produkt, so in erster Linie die Ermäßigung der Zuckersteuer und der LI msatz steuer für die Erzeugnisse der bäuerlichen Wirtschaft sowie der Fortfall der Schlachtsteuer. Professor Cassel untersucht das
Papen-Programm.
Stockholm, 9. Sept. (TU.) Der weltbekannte Ichwedifche-Nationalökonom, Prof. Gustaf Cassel, stellt im „Soenska Dagbladet" eine eingehende Untersuchung über das Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung an. In der Einleitung schreibt er u. a.: „Natürlich kann man sich Einzelheiten gegenüber im Zweifel fühlen und das ganze mutet als ein gewagter Eingriff in den normalen Gang des Wirtschaftslebens an.
Doch die Lage in Deutschland ist alles andere als normal. In einem Lande, das mehr als 5 Millionen Arbeitslose hat, ist man eben zu regelrechten Kraftmaßnahmen gezwungen, um aus dem Sumpf herauszukommen. Es gibt keinerlei Ersah- rungen, wie man eine solche Lage behandeln soll. Man muß daher etwas wagen, wenn es einen Sanierungsplan gibt. Das jetzt vorgelegte Regie- rungsprogramm unterscheidet s i ch jedoch wesentlich von der unübersehbaren Masse vollkommen hoffnungsloser Konstruktionen, die in Deutschland täglich vorgelegt werden mit dem Anspruch, eine Lösung der Wirtschaftsprobleme darzustellen." '
Prof. Cassel geht dann ausführlich auf das System der St euergutscheine ein, sowie auf die Art, wie diese Papiere in Barmittel umgesetzt werden sollen. Es sei eine große Stärke des vorliegenden Programms, daß die Anschaffung der Mittel im voraus stark begrenzt sei. Cassel stellt weiter fest, daß bei der enormen Arbeitslosigkeit in Deutschland und bei dem geringen Beschäftigungsgrad des Apparates die Auswirkung einer kräftigen Produktionserhöhung ungewöhnlich gut fei. Wenn die erwartete Besserung der Weltwirtschaftslage eintrete, so müsse das Papen-Programm ein wirklich wertvolles Mittel sein, um endlich Deutschlands produktive Arbeit wieder in Gang zu bringen.
Reichsregierung alles getan werden müßte, um eine Entscheidung im Sinne der politischen und wirtschaftspolitischen Vernunft herbeizuführen."
Der sozialdemokratische „Vorwärts" glaubt aus der Haltung der Nationalsozialisten schließen zu sollen, daß um eines Erfolges der Verhandlungen mit dem Zentrum willen die nationalsozialistische Führung auch eine weitere Tolerierung der Regierung Papen auf sich nehmen würde. — Der deutschnationale „L o k a l a n z e i g e r" meint, wenn Nationalsozialisten und Zentrum sich eine Frist für weitere Verhandlungen untereinander und für den Versuch eines neuen Vorstoßes beim Reichs- Präsidenten schaffen sollten, dann würde das zunächst die Vertagung des Reichstags auf vielleicht unbestimmte Zeit, praktisch aber die Duldung des Kabinetts von Papen durch den Reichstag für die Dauer der Vertagung bedeuten. — Die „D A Z." meint dagegen, in offiziellen Kreisen herrsche genau, wie in den letzten Tagen absolut die Meinung vor, daß nur noch di e Reichstagsauflösung übrig bleibe. Neue Besprechungen mit der NSDAP, seien durch die Münchner Hitlerredc unmöglich geworden. — Die „Berliner Börsenzeitun/' führt das Ge- rücht, wonach im Falle einer längeren Reichstags- Vertagung sehr bald mit einem dem Wunsche der Nationalsozialisten entsprechenden Kanzlerwech. s e l zu rechnen sei, auf den Wunsch des Zentrums zurück, die Nationalsozialisten für eine Vertagung und somit für weitere Verhandlung zu zwingen. Das Gerücht entbehre jedoch jeglicher Grundlage.
Oie Entlassungen bei der Reichsbahn.
Aussprache beim Rcichsverkehrsminister.
Berlin, 9. Sept. (WTB. Funkspruch.) Der Reichsverkehrsminister empfing heute die Vertreter der Eisenbahnergewerkschaften, um mit ihnen, ihren Wünschen entsprechend, die Frage der Entlassung von Eisenbahnbeamte n zu besprechen. Der Minister erklärte, daß er die Rotwendigkeit der Entlassungen sehr bedauere, und daß er über Wege zur Milderung mit der Deutschen Reichsbahngesellschaft bereits seit längerer Zeit verhandele. Der Beschluß, Arbeiter zu entlassen, sei von der Reichsbahn angesichts der Finanzlage schon anfangs des Sommers, also erhebliche Zeit vor der Entstehung des Wirtschaftsprogramms, gefaßt worden. Die Reichsbahn werde nunmehr durch die ihr aus den Steuergutscheinen zufliehenden Mittel in den Stand gesetzt, zurückgestellte Arbeiten wieder aus- zunehmen, sie würde dabei auch Oberbauarbeiten a u ssühren lassen, bei denen ein nicht unerheblicher Teil der zur Entlassung vorgesehenen Leute über den 1. Oktober hinaus beschäftigt werden könnten. Die Beratungen seien noch nicht abgeschlossen und würden fortgesetzt. — Die Gewerkschaften vertraten die Auffassung, daß durch anderweitige Regelung der Arbeitszeit im Betrieb insbesondere durch die Einlegung von Feierschichten die Entlassungen weiter eingeschränkt werden könnten. Der Reichsverkehrsminister sagte zu, diese Frage im Benehmen mit der Deutschen Reichsbahngesellschaft sofort zu prüfen.
Oie Landkreisreform vor dem Staatsrat.
Berlin, 9. Sept. (WTB.) Das Plenum des -3 t a a t s r a t € s verhandelte heute über die Verordnung über die Vereinheitlichung der Landkreise. Der Staatsrat erhob einstimmig mit Ausnahme der Kommunistischen Partei die Auf- fassung zum Beschluß, daß eine Neugliederung der Landkreise durch Zusammenlegung und Aufteilung zweckmäßig war, um Ersparnisse zu erzielen. Er halt es anderseits für erforderlich, daß eine schleunige Nachprüfung der Verordnung dahin erfolgen müsse, inwieweit die vorgebrachten Beschwerden der verschiedenen Bevölkerungskreise berechtigt seien, und ob und inwieweit ihnen abgeholfen werden könne. Der Vertreter der Staatsregierung erklärte, daß die durch Zusammenlegung und Neuglie- derung erzielten Ersparnisse nicht so unerheb- lich seien, wie sie vielfach hingestellt werden. Allein bei der staatlichen landrätlichen Verwaltung, deren Kosten im ganzen 18 Millionen Mark betrugen, werde der Betrag von 1 Million Mark ge- spart. Der Schwerpunkt der Ersparnisse liege jedoch bei der Kreiskommunalverwaltung. Hier betrügen die Ersparnisse sicher e i n Vielfaches der Summe, die bei der staatlichen landrätlichen Verwaltung erspart werde, also viele Millionen. Die Regierung sei durchaus bereit, besondere Härten, die sich aus der Grenzziehung im einzelnen ergeben, im Rahmen der durch die Reform erstrebten Ziele auszugleichen.
Oer Fall Oaubmann.
Taubmann will nach Constantine.
Freiburg. 9. Sept. (ERB.) Die .Freiburger Tagespost" bespricht im Anschluß an die Veröffentlichung der französischen Rote in einem Kommentar nochmals eingehend den Fall Daubmann und wiederholt die Versicherung Daubmanns, daß er nicht eher ruhen werde bis die Wahrheit seiner Angaben behördlicherseits allgemein anerkannt ist. Das Blatt bringt eine Aeußerung Daubmanns, die besagt, daß Daubmann in Constantine nie feinen Rainen gehört habe, sondern nur unter einer Rümmer gesuhlt worden
kann eine Aeichsiagsanslösnns vermieden werden?
Don unserer Berliner Redaktton.
S. Berlin, 9. Sept. Die Llnterhaltung der Herren vom neuen Reichstagspräsidium hat zwar nur 20 Minuten gedauert. Aber trotzdem es zu einem etwas peinlichen Zwischenspiel kam, weil die Meinungsverschiedenheiten im Präsidium vor dem Staatsoberhaupt in Erscheinung traten, hat sich Herr Göring mit seiner politischen Absicht doch bis zu einem gewissen Grade durchsetzen können. Zu dem, was er sagen wollte und worin er bei Herrn Esser und Herrn Rauch Llnterstützung fand, brauchte es ja nicht vieler Worte. Es handelte sich für chn um die Feststellung an entscheidender Stelle, daß nach seiner Meinung eine Zusammenarbeit zwischen Reichspräsident und Reichstag mit einer arbeitsfähigen Mehrheit gegeben sei. Es handelte sich für ihn auch noch darum, den Reichspräsidenten vor der Entscheidung zu einem Empfang der Parteiführer zu bewegen. \
Wie weit die Meinung des Herrn Göring in den Tatsachen begründet ist, darüber sind die Auffassungen trotz der inzwischen erfolgten parteiamtlichen Kundgebungen geteilt. Aber der Reichspräsident scheint nach wie vor alle verfassungsmäßigen Möglichkeiten ausschöpfen zu wollen. Es ist offenkundig allen Beteiligten nicht ganz wohl bei dem Gedanken, daß das deutsche Volk zum fünften Male in diesemZahr zum Wahlkampf aufgerufen werden soll. Riemand hat die Sicherheit, daß er in dieser erneuten Feuerprobe etwas gewinnen könnte. Zeder muh mit der Möglichkeit rechnen, daß seine politische Situation in den Wahlen unter
Rätselraten der presse.
Berlin. 9. Sept. (TLI.) Zn den Berliner Blättern kommt zum Ausdruck, daß sich trotz der gestrigen gemeinsamen Mitteilung der Rational- sozialisten und des Zentrums sowie der Ausfüh. rungen des Abgeordneten Zoos nach dem Empfang des Reichstagspräsidiums beim Reichspräsidenten an der bisherigen Lage nichts geändert habe. Der nationalsozialistische „Angriff" verwahrt sich gegen die Llnterstellung, daß die RSDAP. heute vielleicht nicht mehr abgeneigt sei, das anzunehmen, was sie am 13. August ausgeschlagen habe. Eine „Aotlö- s u n g" , die die Auflösung des Reichstages vermeiden könnte, wäre für die RSDAP. nur infotoeit tragbar, als ihr dabei das gegeben werde, was ihr auf Grund der Verfassung zukomme und was das Volk mit Recht fordern könne. Daß in dieser Richtung noch aussichtsreiche Verhandlungen von der Gegenseite an- gebahnt werden könnten, würde eine gewisse Verlangsamung der Abwicklung der Verhandlungen im Reichstag ermöglichen.
Die Rationalsozialistische Parteikorrespondenz schreibt u. a.: Der Besuch des Reichstagspräsidiums beim Reichspräsidenten habe die Auffassung der RSDAP. über die innerpolitische Lage nicht nur bestätigt, sondern noch unterstrichen. Zwar habe die Vorstellung im Reichspräsidentenpalais keinerlei unmittelbar entscheid end e Ereig . nisse gebracht, aber die Begleitumstände, unter denen dieser Besuch erfolgte, und wie er sich abspielte, dürfte den nicht gerade erhebenden Eindruck, den die RSDAP. von den unmög- lichen Regierungsmethoden des derzeitigen Präsidialkabinetts habe, auch solchen weiteren Kreisen des deutschen Volkes zum
Llmständen entscheidend geschwächt wird- Lind nicht zuletzt sind es die sachlichen Rotwendigkeiten der praktischen Politik und Wirtschaft, die unter der LInruhe und Rervosität eines Wahlkampfes zu leiden hätten.
Die Rede des Abgeordneten Zoos, in der die Auffassungen des Zentrums in dieser politischen Krise erstmals ausführlich Umrissen wurden, ist in der Hauptsache von sachlichen Argumenten getragen. Aber erst wenn dem Reichspräsidenten die Lieberzeugung beigebracht werden kann, daß er wirklich einer parlamentarischen Mehrheit gegenübersteht, die den Anspruch erheben kann, eine Arbeitsgemeinschaft von innerer Wahrhaftigkeit zu sein, eine Arbeitsgemeinschaft auch, die die Handlungsfreiheit der Regierung nicht im einzelnen einengen will, erst dann könnte der Reichspräsident die LI m b i I - düng der Regierung in dem Sinne erwägen, daß sie einer neuen Zusammensetzung in gleicher Weise fein Vertrauen wie dasjenige einer parlamentarifchen Mehrheit genießt.
Auf dieses Ziel arbeitet das Zentrum hin: eine neue Präsidial-Regierung, die auch getragen wäre von einer parlamentarischen Mehrheit und darum auch von dem Vertrauen einer Volksmehrheit. Daß eine solche Lösung der Fortdauer der politischen LInruhe und der Auspeitschung der politischen Leidenschaften in einen neuen Wahlkampf vorzuziehen wäre, darin sind sich alle verantwortungsbewußten politischen Kreise einig. Der Reichspräsident wird, wenn er die Führer der Parteien empfängt, sie auf Herz und Vieren prüfen, ob sie ihm eine ernsthafte Arbeitsgemeinschaft anbieten können.
Bewußtsein gebracht haben, die bisher weniger klar hinter die in der Oefsentlichkeit zur Schau getragene Fassade dieses „Systems von Vorgestern" gesehen hätten. Die traurige Rolle, die der deutschnationale Vizepräsident Graes gespielt habe, sei vom Reichstagspräsidenten selbst und seinen übrigen Stellvertretern hinreichend gekennzeichnet worden, als die Anmaßun g einer bedeutungslosen Splittergruppe, deren einziger höchst zweifelhafter Vorzug es sei, allein hinter der vom gesamten Volke abgelehnten Regierung von Papen zu stehen. Welche . .tscheidung auch der Reichspräsident treffen toeiue, die RSDAP. habe in den letzten Tagen keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie jederzeit entschlossen fei, mit dem Volke inu> für das Volk zu k am b f en. Riemand solle ftq) einer Täuschung darüber hingeben, wie dieser Kampf ausgehe.
Zn der „Germania" wird u. a. geschrieben: Wenn die politische Entwicklung in der Dahn fortschreiten sollte, wie sie durch die Haltung der Reichsregierung gekennzeichnet sei, dann werde es kaum zu verhindern sein, daß sie mit einer Auflösung des Reichstags .und mit einem neuen Wahlkampf enden werde. Es hänge alles an einem überaus dünnen Faden, der im Augenblick vielleicht mehr zum Reißen als zum Halten bestimmt zu fein scheine. „Wir haben vor den Gefahren", so schreibt die „Germania", „die eine Entladung des großen Konfliktes dem deutschen Volke po- littsch und wirtschaftlich zu bringen verspricht, unausgesetzt gewarnt und können diese War- nungen auch in dieser Stunde nur mit vermehrtem Rachdruck wiederholen. Der Einsatz ist zu groß, als daß nicht auch von feiten der


