Aus aller Welt.
X. Internationaler Psychologenkongreh in Kopenhagen.
Dieser Tage wurde in Kopenhagen in Anwesen- heit des dänischen Königs der X. Internationale Psychologenkongreh feierlich eröffnet, der mit etwa 150 Vorträgen und Symposien eine ganze Woche ausfüllte. Harald H ö f f d i n g, unter dessen Ehrenpräsidentschaft der Kongreß stehen sollte, hat diese Tagung nicht mehr erlebt. Das Programm 1 pieaelt deutlich die gegenwärtige Lage der wissen- chaftlichen Psychologie. Mit Befriedigung konnten ich die deutschen Vertreter bestätigen lassen, daß die deutsche Psychologie, wie einst zu den Zeiten eines Wilhelm W u n d t, dessen 100. Geburtstages der Präsident des Kongresses ehrend gedachte, die Führung zu übernehmen berufen fei. Von den deutschen Psychologen sprachen u. a. Katz (Rostock), Giese (Stuttgart), Köhler (Berlin), Sander (Gießen), Stern (Hamburg), V o l k e l t (Leipzig). Der nächste Kongreß wird 1936 in Madrid stattfinden.
Die kindesmihhandlung in Waldenburg.
lieber die scheußlichen Mißhandlungen, deren der 11jährige Sohn Werner des verhafteten früheren kommunistischen Landtagsabgeordneten Schulz ausgesetzt war, gibt die Waldenburger Polizei einen amtlichen Bericht, in dem es heißt: Schulz hat seinen Sohn mit einem starken Stock die Mittelknochen der rechten Hand und den Ellenknochen am rechten Unterarm zerschlagen. Mit diesen gebrochenen Knöcheln mußte der Junge ohne ärztliche Hilfe umherlaufen. Die Folge davon ist, daß die Hand dauernd e n t st e l l t und nicht voll gebrauchsfähig sein wird. Der ganze Körper des Kindes war mit Blutunterlaufen und zeigte an vielen Stellen mit Schorf bedeckte Wunden. Der Unterleib war durch die Mißhandlungen dunkel- blau angelaufen. Am Schädel befinden sich ebenfalls zwei Verletzungen.. Das Gesicht war von Schlägen stark geschwollen. Im linken Auge war ein Bluterguß. Die Ermittlungen nach dem zweiten Sohn Horst schweben noch.
Lin Arzt In der Sprechstunde erschossen.
3n Halle wurde dieser Tage der Facharzt Dr. med. Boes in seinem Sprechzimmer von einem Patienten niedergeschossen. Der Arzt wurde noch lebend in die Klinik gebracht, wo er jedoch kurz daraus v e r st a r b. Die Mordtat, der der 66jährige Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten Dr. med. Heinrich Boes zum Opfer fiel, ist noch völlig ungeklärt. Dr. B, der vor sieben Äah ren von ferner Frau geschieden worden war, widmete sich fast nur seiner Praxis und hielt auch Sonntags regelmäßig Sprechstunden ab. Lieber den Hergang der Lat konnte bisher folgendes ermittelt werden: Ein junger Mann, der die Sprechstunde besuchte, traf im Wartezimmer zwei junge Mädchen an, von denen das «ine bereits vom Arzt abgefertigt war. Trotzdem blieben die beiden Mädchen noch im Wartezimmer. Nachdem der junge Mairn vom Arzt behandelt worden war, traf er am Ausgang des Wartezimmers einen etwa 42jährigen Marrn, der sofort in das Sprechzimmer ging. Wenig später hörte er mehrere Schüsse fallen und gleich darauf verließen die beiden jungen Mädchen und der ältere Mann fluchtartig das Haus. Don dem jungen Marrn wurde sofort die Polizei alarmiert, die Dr. D. sterbend auf dem Fußboden liegend fand. Der Lieberfallene war von drei Schüssen getroffen worden. Don dem Täter fehlt bisher jede Spur.
Zu dem bisher rätselhaften Arztmord wird noch bekannt, daß Dr. Boes in großem Umfange in und außerhalb von Halle als Darlehensgeber auftrat. Einzelne Darlehensnehmer sollen Beträge bis zu 20 000 Mark von ihm erhalten haben. Dabei soll Dr. Boes bei der Eintreibung von Zinsen und Rückzahlungen in erbarmungsloser Weise
vorgegangen sein. Es wird daher vermutet, daß es sich bei dem Mörder um einen durch Boes zur Verzweiflung getriebenen Schuld- n e r handelt. Die Polizei hat inzwischen die beiden jungen Mädchen ermittelt, die zur Zeit der Tat im Wartezimmer anwesend waren. Es wurde festgestellt, daß die Tat von dem Unbekannten allein ausgeführt wurde.
Spinale Kinderlähmung auf Rügen.
3n Putbus auf Rügen wurde ein Fall von spinaler Kinderlähmung festgestellt. Lim ein weiteres Llmsichgreifen vieler Kinderkrankheit zu verhindern, wurden sämtliche Schulen auf Rügen bis zum 1. Oktober geschlossen.
Lin Amerikaner ohne Beine durchschwimmt den Kanal.
Der Amerikaner Z i b e l m a n n, ein Mann ohne Deine, hat bei St. Margaret in der Rähe von Dover die Durchschwimmung der Calais-Meerenge begönnern Dieser Mann hat die Eigentümlichkeit, beim Schwimmen una u f- hörlich zu rauchen. Er hat also einen guten Dorrat Zigarren mitgenommen. Er wird von einem Schlepper und einem Ruderboot begleitet.
Die Lxplosion im Hafen von Reuyork.
Rach den letzten Meldungen über das Unglück, von dem das Fährboot „Observation" im Hafen von Reu- york betroffen wurde, sind dabei 39 Menschen getötet worden. 58 Fahrtteilnehmer wurden schwer verletzt; viele von ihnen dürften kaum mit dem Leben davonkommen. Zahlreiche lieber» lebende sind der Meinung, daß die Explosion auf die Ueberalterung der Heizung s anlagen.
Gießen, den 10. September 1932.
Kommt der Bari wieder?
Es ist interessant, einmal ein altes Photographie- album — die Ahnengalerie des kleinen Mannes — mit den vergilbten Lichtbildern längst verstorbener Großväter und Urgroßväter zu durchblättern. „An ihren Bärten könnt ihr sie erkennen", die Generationen nämlich. Da gibt es eine Reihe von Bildern mit völlig glattrasierten Gesichtern, dann wieder andere, bei denen das Antlitz fast unter der Fülle umrahmenden Backen- und Vollbartes verschwindet.
Stets ist die Barttracht der Ausdruck einer gewissen Zeitepoche gewesen, oftmals beeinflußt durch hervorragende Persönlichkeiten. Wer erinnert sich nicht an den wallenden Bart des Turnvaters Jahn. Ihm, dem Vorkämpfer für Deutschlands Freiheit und Einheit, eiferten seine Anhänger nach, der Vollbart galt jahrzehntelang als „deutsche Mode", und bei den Demagogenoerfolgungen der Metternichschen Zeit galt schon das Tragen eines Bartes als „höchst verdächtig".
Ein Schimmer der Romantik liegt über der Tracht des wallenden Männerbartes. Würde die Mode sich bei uns wieder durchsetzen: — und so manche Anzeichen sprechen dafür —, dann würde dies sicher auf unsere Lebensgewohnheiten einen einschneidenden Einfluß ausüben. Ein langer Bart zwingt unbewußt zu einem gesetzteren Benehmen. Kann man sich einen 100-Meter-Läufer, einen Wettschwimmer mit wallendem Dollbart vorstellen? Gerade in Sportkreisen dürfte der Bart voraussichtlich auf starken Widerstand stoßen.
Roch iffs ja allerdings nicht so weit — noch erregt ein Mann mit einem „Fußsack" Aufsehen. Aber ähnlich wie starke Strömungen vorhanden sind, die die heutige Kleidung des Mannes von Grund aus reformieren wollen, so kann eines Tages ganz plötz-
die bereits 24 Jahre lang in Gebrauch waren, zurück- ' zuführen ist. Der 24 Jahre alte Kapitän des Unglücksbootes ist so schwer verletzt, daß er bisher noch nicht verhört werden konnte; sein Vater, der als Steuermann auf dem Boote Dienst tat, befindet sich unter den Toten.
Entschädigungslose Enteignung der spanischen Großgrundbesitzer.
Madrid, 9.Sept. (TU.) Die Nationalversammlung nahm in der Nacht zum Freitag ein Er- gänzungsgesetz zur Agrarreform an, es bestimmt, daß sämtliche Landgüter der ehemaligen Granden von Spanien entschädigungslos enteig- n e t werden. Ministerpräsident Azana führte aus, daß es sich um eine revolutionäre Maßnahme handele, die zum Wohl der Republik nötig sei. Spanien müsse von Grund auf neu aufge ° baut werden, und so sei es nicht zu vermeiden, daß so und sooiele darunter leiden mühten. Doch sei auch zu bedenken, daß die gleichen Leute früher die Republikaner hätten leiden lassen.
Die Opposition, die schärfsten Protest einlegte, ist zahlenmäßig viel zu schwach, um etwas ausrichten zu können. Die sich im allgemeinen in gemäßigten Grenzen bewegende Agrarreform hat somit urplötzlich einen scharf revolutionären Charak - t e r erhalten, um so mehr, als kürzlich erst beschlossen wurde, daß die Landgüter der Putschteilnehmer entschädigungslos enteignet werden. Jetzt werden auch die Güter solcher Personen vom Staate übernommen, denen keinerlei feindliche Haltung gegen die Republik nachgewiesen zu werden braucht. Man setzt nur voraus, daß sie selbstverständlich feindlich gesinnt seien. Veranlassung zu der neuen Gesetzesbestimmung ist der Putsch des General Sanjurjo.
lich auch eine andere Barttracht auftauchen. Die ersten Ansätze hierzu sind schon vorhanden. Man sieht immer mehr Schnurrbärte auftauchen. Sa gewöhnt man sich allmählich wieder an die Tatsache, daß die Natur dem Manne als Zeichen seiner Würde einen Bart mitgegeben hat, den dieser — einer Madelaune folgend — in gegenwärtigen Zeiten nur gering achtet und einfach als lästige Beigabe dem Schermesser überantwortet.
Jeder Mann tut daher gut, sich in Gedanken heute bereits einmal vorzustellen, wie er mit einem schön gekräuselten Vollbart aussehen würde.
BornoNzcn.
— Tageska lender für S ams tag: Obst- und Gartenbauverein, 16 bis 19 Llhr, Turnhalle am Oswaldsgarten, Gartenbau-Ausstellung. — Wandervogel „Höhenflug", 20 Llhr, Cafä Leiv, Konzert- und Theaterabend. — R. d. Z., 20.30 Llhr, „Aquarium", Monats-Dersammlung. — Kavallerie-Derein, 20.30 Llhr. Zusammenkunft, „Hessischer Hof". — Lichtspielhaus, Dahnhofstraße, „Peter Doh, der MiUionendieb".
— Tageskalender für Sonntag: Obst- und Gartenbau-Derein, 9 bis 19 Llhr, Turnhalle am Oswaldsgarten, Gartenbau-Ausstellung. — Männer-Turnverein, ab 8 Llhr, DfD. - Waldsportplah, II. kreisoffene leichtathletische Wettkämpfe. — Dauerscher Gesangverein, ab 16 Llhr, „Liebigshöhe", Sommerfest. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, 11.15 Llhr, „3n 80 Minuten um die Welt"; ab 15 Llhr,„Emil und die Detektive" und „Der Schuß im Tonfilm- Atelier".
— „Der Schuß im L i ch t s i l m - A t e l i e r." Im Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, gelangt am Sonntag unter dem Titel „Der Schuh im Tonfilm-Atelier" ein Film zur Aufführung, der dem | Publikum Gelegenheit gibt, einen Einblick in
Aus der Provinzialhauptstadt.
toflies NmWs
Vornan von Hertha Fricke
LirheberrechtSschutz: Verlag OSkar Meister, Werdau 18. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Eva schrieb noch einen Brief an ihn, in dem Sie ihre Berliner Adresse angab, damit er ihr seine Rückkunft melden konnte, und sandte diesen mit der Ditte um Rachsendung an den Rorddeutschen Lloyd. Nachdem sie nun das Kästchen in die Bremer Bank gebracht und nur den schönen, kleinen Ring an sich genommen hatte, den Frau Renate ihr als Andenken hinterlassen hatte, machte sie sich auf den Weg in die alte Hansestadt. Sie besuchte den berühmten Roland, die Ufer der Weser, die Brücken und alten Straßen und war trotz ihres Mißerfolges ganz ruhig und zufrieden. Dom Meere her trieb salzige Luft und tat ihr wohl. So verging ihr der Tag.
Nachdem sie sich die Stadt, ihre Besonderheiten und Baudenkmäler angesehen hatte, um die Reise nicht ganz umsonst gemacht zu haben, fuhr' sie zurück nach Berlin. Die alte Dame, bei der Eva- Marie in Berlin Wohnung genommen hatte, wußte von einer blinden, reichen Baronin Oertzen in 'Berlin W, die solch ein junges Mädchen aus guter Familie wünschte, die gut vorlesen und musizieren könnte. Sie hatte versprochen, inzwischen einmal zu hören, ob die Stellung noch zu haben sei. Früher hatte Eva noch Quft gehabt, als Dolontärin in einer Kunsthandlung einzutreten, aber nun hatte sie wohl andere Wünsche und Hoffnungen, Heinrich Andresen, der so liebe, treue Briefe schrieb, dieser prächtige Mensch mit dem sonnigen Wesen und klugen Verstand! Er würde doch ganz beftimmt kommen und ihr Herz und Hand bieten, sobald die äußeren Der- hältnisse sich für ihn entsprechend gestaltet hatten.
„Die Zeiten sind zu schwer, Eva-Marie, und er ist zu gewissenhaft. Er wird dir nicht eher nähertteten, als er dir wirklich etwas zu bieten hat. Wie sollte er sonst bei Exzellenz-Mama um dich werben! Dann kommt er aber ganz gewiß mit dem goldenen Ringlein!" hatte Renate ge-
Vinen Augenblick hatte Eva-Marie gedacht, Dr. Heinrich Andresen in Hamburg auf der Reise zu treffen. Dann aber ließ sie den Gedanken an ein Wiedersehen fallen. Entweder hätte sie ihm eine Unwahrheit sagen müssen, weshalb fie plötzlich hier war, ober sie hätte Renate daS Wort gebrochen und ihr Geheimnis verraten. Beides wollte sie nicht. Denn Renate hatte doch gebeten, daß ihr Schwager Heinrich nicht erfahren sollte, wie schlecht fein Bruder gehandelt hatte. Er liebte doch diesen Bruder, der
fein einziger Verwandter war. Und Eva-Marie wollte ihm erst recht den Schmerz ersparen. Mit dem ruhigen Gefühl, alles nach Möglichkeit geordnet zu haben, und der Zuversicht, daß jener Klaus Behrens sich melten würde, sobald daS Schiff nach Bremen zurückgekehrt war, fuhr sie nach Berlin zurück. Sie freute sich darauf, Briefe vorzufinden von der Mama und von ihm, von Heinrich Andresen. Die waren so erfrischend, weil sie stets herzlich und voll froher Hoffnung waren.
So fuhr Eva-Marie von Diemen ruhig und ohne Furcht vor der Zukunft wieder zurück. Denn hinter aller dieser Unsicherheit des jetzigen Lebens stand wie eine schöne Verheißung Dr. Heinrich Andresen mit seiner Treue. Sie wußte, wie lieb er sie hatte, und wie er sich darauf freute, so weit zu sein, daß er ein eigenes Nest bauen konnte. Was Eva-Marie nicht zwischen den Zeilen seiner Briefe las, das hatte Renate ihr erzählt.
Spät am Abend kam Eva-Marie auf dem Bahnhof an. Sie nahm noch ein Brötchen und ein GlaS Tee in einem Aschinger und fuhr gleich mit der elektrischen Bahn in ihre kleine Pension. Die Dame öffnete ihr.
„Guten Abend, Frau Amtsgerichtsrat! 3ch bin wieder da und herzlich müde!" begrüßte sie die Dame freundlich.
Aber diese machte ein sehr reserviertes Gesicht. „So, Sie sind wieder da! Man hat Sie gesucht!" Die Dame war merkwürdig unruhig, schloß eilig Eva-Maries Zimmer auf und lief nach ihrem Mantel.
„Wer hat mich gesucht?" fragte das junge Mädchen erstaunt.
„Nun, nun — er wird wohl wiederkommen!" antwortete hastig die Frau Amtsgerichtsrat. „3ch komme gleich wieder. 3ch gehe nur mal zum Kaufmann!"
Wie ein Pfeil schoß die lange, dünne Person aus der Tür. Eva-Marie hörte den Schlüssel umdrehen, sie griff an die Tür. Richtig, sie war eingeschlossen! Warum bloß? Die alte Dame schien konfus. Sie hatte auch Eva-Marie so merkwürdig angesehen, fast furchtsam. Nun, sie würde wohl wiederkommen. Eva-Marie kannte sie ja noch ganz wenig. Vielleicht hatte sie Sonderheiten. Ruhig ging Eva-Marie in ihr kleines Zimmer, wusch sich, zog sich um und packte dann ihren kleinen Koffer aus. Auf die kleine Kommode legte sie eine hübsche Weißstickereidecke, setzte die Bilder ihrer Eltern darauf, sowie eins von Renate, auS deren gesunden Tagen, und eine hübsche kleine Gelegenheitsphotographie, die auf einem Spaziergang mit Dr. Heinrich gemacht wurde in Sanssouci auf der Terrasse. Sie hatte sich einen wunderhübschen Rahmen gekauft und hatte ihre Freude daran. Sie hielt es in der Hand und betrachtete «S lächelnd, des. köstlichen
Sommerta^eS gedenkend, den sie damals mit ihiy verlebte.
Da horte sie Stimmen vom Flur. Die Korridortür wurde geöffnet, und es klopfte hart an ihre Tür. Sie rief verwundert: „Herein bitte!"
3hre Wirtin stand im Flur mit einem merkwürdigen, fast ttiumphierenden Blick. Dor ihr ein Mann in Uniform.
Was in aller Welt bedeutet das?
„Sind Sie Fräulein von Diemen?" fragte der Mann mit harter Stimme.
Eva-Marie sah ihn ruhig an. „3awohl, Eva- Marie von Diemen!"
„Sie sind verhaftet!" sagte der Mann und zeigte seinen Ausweis. „Folgen Sie mir! Die Sachen des Fräuleins werde ich nachher durchsuchen!" setzte er noch, zu der 'Betmieterin gewendet, hinzu.
Das junge Mädchen stand starr vor Schreck. „Sie wollen mich verhaften?" fragte sie verständnislos. „Warum? — Was soll ich getan haben? — Das ist wohl ein 3rrtum?“
„Rein, es ist kein 3rrtum! Wenn Sie wirklich nicht wissen sollten warum, so wird es 3hnen bald klar genug werden. 3eht haben Sie ohne Weigerung zu folgen!" Der Mann wurde immer schärfet.
Da zog Eva-Marie todblaß ihren Mantel an, setzte ihre einfache graue Tuch mühe auf und ging mit dem Beamten.
„3a, man weiß manchmal nicht, wen man auf* nimmt, wenn man gezwungen ist, zu vermieten!" zeterte die Amtsgerichtsrätin zu dem Polizisten. Der nickte nur. Ein anderer Beamter kam ihnen auf der Treppe entgegen.
„Sie wissen Bescheid!" sagte der erste. „Beschlagnahmen Sie alle Wertsachen und das Schriftliche, was irgend zur Klarstellung dienen kann."
Unten vor dem Hause stand der bekannte grün« Wagen. Strahenjugend und neugierige Vorübergehende versammelten sich um ihn. Häßliche Bemerkungen wurden laut, als des jungen Mädchens vornehme Erscheinung neben dem Beamten aus der Tür trat.
Der Wagen schloß sich. Eva-Marie atmete auf, als sie der gaffenden Menge entronnen war, und doch, dieser furchtbare Wagen! All dies Schreckliche!
„Sagen Sie mir doch wenigsten-, wessen beschuldigt man mich?" bat sie den gleichmütig dreinschauenden Beamten.
„Na, nu schlägt es dreizehn!" antwortet« der Mann und schüttelte den Kopf. „So dumm hat noch^ keine mich gefragt, die hier drin spazieren-
„Machen Sie doch nicht solche Redensarten", sagte gequält Eva-Marie, „es ist doch keine Beranlaffung zum Scherzen! 3ch werde verhaftet und weiß nicht einmal toaruml"
filmtechnisches und -künstlerisches Schaffen zu gewähren. 3n den Hauptrollen der fesselnden Handlung sieht man Gerda Maurus und Harry Frank. Außerdem wird ein lustiger Film „Emil und der Detektiv" gezeigt. Nähere- ist aus der heutigen Anzeige ersichtlich.
*
** E i nb räch e. In der vergangenen Nacht wurde in der Gastwirtschaft Becker, im Wiesecker Weg, eimE inb rud) verübt. Den Dieben fiel eine Anzahl Zigarren und Zigaretten in die Hände. — Aus einem Garten auf dem Ludwigsplatz wurde aus einem Stall ein weißes Kaninchen und von einem im Fahrradunterstellraum der Gewerblichen Fortbildungsschule untergebrachtem Fahrrad eine Boschlampe entwendet.
** Der Alice-Schul verein wird auch in diesem Winter sein« wohlbekannten Kurse abhalten. Die Kurse gewähren eine gründliche Ausbildung in allen hauswirtschaftlichen Beschäftigungen. Näheres ist aus der heutigen Anzeige ersichtlich.
•• Der Wanderverein „Bu nb bet Lahnfreunde" unternahm am Sonntag eine Wanderung nach Bersrod mit anschließendem Kartoffelbratfest. Etwa 80 Teilnehmer marschierten über den Philosophcnwald, die Fiedlersmühle in Richtung Bersrod nach dem 3agdhaus Weidmannsruh. Prachtvolle Ausblicke erfreuten an dem klaren Herbstmorgen das Auge. Herrlichster Sonnenschein lag über dem Land. Am Endziel begann auf der Waldwiese vor dem 3agdhaus Weidmannsruh ein lebhaftes Treiben. Der stets eifrig bemühte Wandermeister holte bei der Ankunft der hungrigen Wanderschar die letzten gebratenen Kartoffeln aus der Asche. Lustige Spiele und frohe Lieder des Frauenchors wechselten miteinander ab bis die sinkende Sonne zum Aufbruch mahnte. Befriedigt marschierten die Teilnehmer nach dem Bahnhof Reiskirchen. Die Heimreise wurde per Bahn angetreten.
* Dom Deutschen Eigenheim-Der- band e. D. werden wir um die Aufnahme der folgenden Zeilen gebeten: Der Deutsche Cigenheim- bauverband e. D. mit dem Sih in Wernigerode, und der Geschäftsstelle für Hessen und Hessen- Nassau in Darmstadt, Neckarstrahe 3, steht im Begriffe, auch in Ober Hessen seine ersten Bauten durchzuführen. Cs kommen vor allem kleine Einfamilienhäuser in Frage, bereit Belastung auch für die bescheidensten Einnahmen tragbar sein sollen, da sie keinesfalls höher als der bisherige Mietaufwand in Altwohnungen liegen. Alle Bauausführungen werden als Reichsheimstätten auf Grund des Reichsheimstättengesetzes vorgenom- men. Die wesentlichsten Gesichtspunkte sind dabei, daß die RÄchsheimstätte von allen Gebühren, wie Dermessungskosten, Bau stempel- und Hypothekeneintragungskosten usw. befreit ist und daß niemals aus einem persönlichen Schuldverhältnis des Heimstättenbesitzers oder seiner Familie eine Zwangsversteigerung des Hauses stattfinden kann. Dagegen ist der Besitzer verpflichtet, im Der- äuherungsfalle leinen höheren Verkaufspreis zu fordern, als der derzeitige Herstellungwert beträgt. Für die Bauplätze ist durchweg städtisches Gelände, das im Erbbaurecht zur Verfügung gestellt wird, vorgesehen, «s können aber auch andere Plätze in Frage kommen, sofern die Lag« derselben nach den Bauordnungsvorschriften für jenes Stadtviertel die Errichtung derartiger Häuser zuläßt. Don ausschlaggebender Bedeutung ist die Finanzierung. Hier werden vom Derband erststellige und zweitstellige Hypotheken in Höhe bis zu 70 Prozent des Bauobjektwertes beschafft Don Bedeutung ist ferner die Möglichkeit einer Selbsthilfe am 'Bau, jeder, der selbst oder durch Angehörige, während der Bauzeit täglich ^Mitarbeiten kann, wird in die Lage verseht, durch seine Arbeitsleistung fehlendes Eigenkapital zum Bau beizutragen. Dadurch kann die Summe des erforderlichen Eigenkapitals, das an sich wenigstens 30 Prozent der Baukosten betragen soll, erheblich gesenkt werden. Ganz ohne Cigenkapital
„Na, denn kann ich 3hn«n ja ein bißchen daran denken helfen! Sie waren doch Gesellschafterin bei der Frau Andresen in Dahlem!"
„Gewiß, daS war ich!" sagte Eva-Marie.
„Na, und da ist das ja «in bißchen komisch, daß die Dame mit einmal plötzlich tot ist, wo die Pflegeschwester mal einen einzigen Abend ausgeht. Lind dann findet fie die Flasche leer, wo ein paar Tropfen zuviel schon genug sind, und außerdem fehlt der Schmuckkasten mit Geld, Brillantringe und weih Gott was noch all!“
„Schwester Elisabeth hat das getan!" Eva- Marie sank todblaß in sich zusammen.
„Na, sehen Sie! — Nu besinnen Sie sich! DaS ist immer so!" sagte gleichmütig der Mann, nahm sein Taschenmesser heraus und putzte sich die Nägel. „Na, wir sind gleich da! Heute abend müssen Sie schon mal bei Tanten schlafen gehen. Aber morgen früh werden Sie ja schon gleich vernommen. Dann können Sie ja ihre Llnschuld äußern!"
Eva-Marie schwieg. Sie mochte mit dem Mann, bem das Derbrechen etwas Alltägliches war, das absolut zu seinem Beruf gehörte, nicht mehr sprechen. Er glaubte sie offenbar schuldig, weil er nichts anderes gewöhnt war, und jedes Wort, das er sprach, verletzte sie tief.
Der Wagen hielt. Der Mann hieß fie kurz aussteigen und führte sie in das graue, schreckliche Haus, das sie selten in ihrem Leben und nur von ferne und von außen gesehen hatte — nie ohne Grauen vor all dem Bösen, was dort wohnte, und mit tiefem Mitleid für die, welche dort ein Leben ohne Licht und Freude führen muhten, unglücklich durch eigene Schuld.
Nun wurde fie selbst dahinein gebracht, verwickelt und gefangen in «in Netz von Zufälligketten, die gegen sie sprachen, geschickt ausgenutzt durch den wahnsinnigen Haß dieser Schwester Elisabeth, vielleicht auch selbst von dieser geglaubt, weil in ihrer Seele soviel Mißtrauen, soviel Heimtücke wohnte, daß sie selbst solcher Dinge fähig war. Wie oft hatte Heinrich Andresen von der Gehässigkeit, der Armseligkeit dieser Frauenseele gesprochen, nun fiel Eva- Marie vielleicht zum Opfer, da sie ihr entronnen glaubte.
Düster war die Gefängniszelle, in die der Mann Eva-Marie führte. Nur durch die schmalen, vergitterten Fenster blitzte ein kleiner Stern. Trostlos seht« sich das arme Mädchen auf den einzigen Stuhl an den rohen Holz tisch, legte den blonden Kopf auf di« Arme und weinte bitterlich.
Mit dumpfem Geräusch fiel die Tür inS Schloß. Die Schritte des Beamten verhallten auf dem Flur. Eva-Marie von Diemen war allein für die erst« der langen schlaflosen Nächte unschuldiger Gefangenschaft.
.(Fortsetzung folgt), .


