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Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 10. August 1932.
Prof. Or. Surfer 60 Jahre alt.
Am heutigen 10. August kann der Direktor des Physiologischen Instituts unserer Landesuniversität, Prof. Dr. D ü r k e r. in voller Frisch« feinen 60. Geburtstag begehen. Der Jubilar stammt aus Zweibrücken (Rheinpfalz). Aach be- errdetem Schulbesuch studierte er auf den Uni» versitäten Tübingen, Heidelberg und Berlin, sein medizinisches Staatsexamen legte er an der Universität Tübingen ab. Dort habilitierte er sich im März 1901 für das Fach der Physiologie. Am 19. August 1904 erfolgt« sein« Ernennung zum außerordentlichen Professor an der Universität Tübingen. Als ordentlicher Professor und Direktor des Physiologischen Instituts kam er am 1. April 1917 nach Gießen, wo er seither eine für die Lehre und Forschung seines Fachgebiets sehr fruchtbare Tätigkeit entfaltete.
Das rastlose Streben Pros. B ü r k e r s nach immer neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Physiologie und die eindrucksvolle Lehrart dieses hervorragenden Mitglieds unseres akademischen Lehrkörpers haben vielen Medizinern im Verlaufe ihres Studiums, aber auch in Fortbildungskursen und im Fachschrifttum viel wertvolles Rüstzeug in die Hand gegeben. Die medizinische Wissenschaft in ihrer Gesamtheit ist durch seine 'Arbeiten und die von ihm empfohlenen Methoden in vielfältiger Weise bereichert worden. Aber damit 'ließ sich der Gelehrte, dessen vornehmstes Streben dahin geht, durch seine Wissenschaft immer mehr Helfer der leidenden Menschheit zu werden, nicht genügen. In uneigennütziger Weise, unter bewußtem Verzicht aus manche Stunde der Ruhe und Erholung nach angestrengter Arbeit im Institut und im Lehrsaal, ja fogar an Sonntagvormittagcn, übermittelte er sein reiches Wissen und seinen Rat in volkstümlichen Vorträgen an ein* immer größer werdende Hörergemcinde aus allen Kreisen der Gießener Bürgerschaft. Durch seine populärwissenschaftlichen Vorträge, die er auf Wunsch der Gießener Hochschulgesellschaft mehrfach auch in anderen Städten hielt, hat er der Bevölkerung und zugleich der Förderung der Volksgesundheit wertvolle Dienste geleistet, aber auch der physiologischen Wissenschaft gedient, für die er in immer breiteren Volksschichten Interesse weckte und viele Freunde warb. Jahrelang hatte das Wirken des geschätzten Physiologen mit vielerlei äußeren Hemmnissen zu ringen. Wer sich erinnert, wie unzulänglich für seine Arbeiten und deren hohe Zielsetzung die Räume im früheren Physiologischen Institut in der Senckenbergstraße waren, wie bekümmert er darüber blieb, aber dennoch unverdrossen weiter arbeitete und seinen Forscherdrang nicht lähmen ließ, und wie gern und wie eifrig er trotz aller damaligen Behinderungen Einblick in sein Arbeitsfeld gab — wir hatten wiederholt im alten und auch im neuen Institut Gelegenheit dazu —, der kann ermessen, wieviel Entsagung der heutige Jubilar damals bei seinem Wirken im Dienste der Wissenschaft auf sich nahm. Dann kam aber auch für sein rastloses Streben ein Tag der Freude und der stolzen Genugtuung, als am 18. Februar 1928 das ganz nach feinen Vorschlägen errichtete neue Physiologische Institut in der Friedrichstraße ihm für sein ferneres Wirken feierlich vom Staate übergeben wurde. Dieses Institut ist sein großes Werk, sein besonders hohes Verdienst um unsere Landes- Universität, für die diese neue Stätte der Forschung und der Lehre ein hervorragender Aktivposten ist. Und in dieser geräumigen wissenschaftlichen Werkstatt konnte sich der Arbeitseifer und Forscherdrang Bürkers nun so umfassend entfalten, rote er es sich immer gewünscht hatte, ihm zur freu- dioen Genugtuung und der Menschheit zum Segen.
Di« Alma mater Ludoviciana bewies dem 2ubi- bilar wiederholt, welch hohes Maß von Wertschätzung sie ihm schuldig ist. U. a. stand er vom 1. Oft. 1925 bis 30. Sept. 1926 als Rektor an der Spitze der Universität, bei Kursen der Ludoviciana über den Bereich der Studentenschaft hinaus sicherte man sich seine geschätzte Krast, und erst vor wenigen Wochen wurde er von der Dete- rinärmedizinischen Fakultät gelegentlich des 100- jährigen Bestehens, der veterinärmedizinischen Doktorpromotion an unserer Universität zum Dr. med. vet. h. c. ernannt. Aber auch in breiten Schichten der Bürgerschaft bringt man dem verdienstvollen Gelehrten und liebenswürdigen, allezeit gefälligen Menschen Bürker herzliche Sympathie und aufrichtige Dankbarkeit für sein gemeinnütziges Wirken entgegen. Daß dem Jubilar noch viele Jahre reichgesegneten Schaffens beschieden sein möchten, wird an seinem heutigen 60. Geburtstage der Wunsch vieler sein, die Professor Bürker als Wissenschaftler und Hochschullehrer, wie auch als Menschen kennen und schätzen.
Mein Herr!
Ich habe die richtige Krau für Sie!
Frage einmal einen Mann nach den Eigenschaften, die er bei einer Frau erwartet oder vorausseht. Du wirst in den meisten Fällen als erstes hören:
„Dor allem muh sie hübsch fein!“
Als zweites hörst du dann seine Wünsche und die Ansprüche, die er an ihre Figur oder Haarfarbe stellt, und wenn er die Liste so ziemlich aufgezählt hat. kannst du versichert sein, daß es irgendwo heißt:
„Und selbstverständlich muh sie auch Talent zum Kochen haben.“
Er bedenkt nicht, daß die Schönheit unserer Tage in den meisten Fällen künstlich ist, daß jedes Gänschen kochen lernen kann, und — was heute das Wichtigste ist — mit einem Büchsenöffner umzugehen versteht.
Er bedenkt aber nicht das Allerwichtigste:
Ist sie die Frau, zu der es ihn zieht, wenn Kopf oder Herz irgendein Weh haben? Ist sie die Frau, der er seine Sorgen mitteilen und seine Fehler bekennen will? Ist sie die Frau, die ihn von allen andern Frauen lösen und befreien kann? Die ihm das Gefühl der Sicherheit und Selbstachtung beizubringen vermag? Die in dem Wirrwarr fast jeden männlichen Charakters die guten Seiten erkennt und aus dem Brodeln von männlicher Eigenliebe, knabenhaftem Trotz, sprunghafter Entschlüsse und leichten Berlehtseins das Gute, Sanfte und Rotwendige zu wecken und zu pflegen versteht? Die Frau, die von seinen. Können, seiner Güte und seinem Wert überzeugt ist und die vor allem an ihn glaubt?
Ist sie die Frau, die das Salz und den Pfeffer in richtigem Maß in die Suppe seines Lebens zu streuen vermag, wobei sie beachten muh, ob es sich um Frühlings-, Königin- oder häuslich- gewohnte Erbsen-Suppe handelt?
Die seine Pläne und Hoffnungen versteht, die auf seine geschäftlichen Dinge eingeht, und sich
Mühe gibt, sie zu erfassen und mit ihm gemeinsam zu beraten? Ist sie vor allem die Frau, die ihn versteht?
Ist sie die Frau, in deren Gesellschaft die kleinen Dinge des Alltags auf die Dauer nicht nur erträglich, sondern angenehm werden? Mit der er gern vom Haus fortgeht und ebenso gern mit ihr wieder nach Haus zurückkehrt, mit der er wortlos, ohne Langeweile zu empfinden, be.sammen sitzen kann, einen Sonnenuntergang betrachten, gemeinsame Freuden und Empfindungen haben kann?
Ist sie die Frau, die ihn begeistert anspornt, zu der es ihn immer wieder zieht, die sein treuer Kamerad, seine Frau, seine Geliebte, sein Weib, sein mütterlicher Sorgenbrecher und immer jugendlicher Freudebringer ist?
Dann sage getrost zu ihm: Mein Herr! Ich habe die richtige Frau für Eie!“ M. A.
Erntevorschätzung in Hessen.
WSR. Darmstadt, 9. Aug. Die gestern veröffentlichten Zahlen über die voraussichtliche Getreideernte in Hessen stützen sich aus die Beurteilung nach dem Stand von Ende Juli 1932. Durch die seitdem eingetretenen Unwetterschäden und die Verzögerung und Erschwerung in der Einbringung der Ernte haben sich die Aussichten für die Getreideernte, die zum großen Teil ja noch im Gange ist, ungünstiger gestaltet, als man zur Zeit der Vornahme der Ernteschätzungen an» nehmen konnte.
** Kreisamt und Polizeiamt am Verfassungstag geschlossen. Wie uns von den zuständigen Stellen mitgeteilt wird, sind die Diensträume des hiesigen Kreisamtes wie auch die des Polizeiamtes für den allgemeinen Publikumsverkehr am Derfassungstage, 11. August, geschlossen. Lediglich bei der Polizei können in der Zeit von 11 bis 12 Uhr dringende Angelegenheiten Erledigung finden.
•* Reichsbahnzugverkehr am Verfass u n g s t a g. Vom Bahnhof Gießen wird uns mit geteilt: Bei der Reichsbahn verkehren die Reisezüge am 11. August wie an Werktagen. Pz. 712 Bad-Rauheim—Friedberg, Abfahrt 18.15 Uhr, Ankunft 18.21 Uhr verkehrt nicht. Pz. 713 Frankfurt a. M.—Gießen, Abfahrt um 22.00 Uhr, Ankunft um 23.56 Uhr verkehrt nur bis Friedberg. P. 771 Frankfurt a. M.—Gießen, Abfahrt um 23.51 Uhr. Ankunft um 1.32 Uhr verkehrt nur bis Bad-Rauheim. Die Sonntagszüge 769 Frankfurt a. M.— Gießen, Abfahrt um 8.16 Uhr, Ankunft um 9.50 Uhr und 770 Gießen— Frankfurt a. TR., Abfahrt um 21.04 Uhr, Ankunft um 22.23 Uhr, verkehren nicht. Die P. 786 Gießen—Lang-Göns, Abfahrt um 18.43 Uhr, Ankunft um 18.56 Uhr und P. 725 Friedberg—Gießen, Abfahrt um 6.38 Uhr, Ankunft um 7.25 Uhr, werden gefahren. Auf den übrigen Strecken verkehren di« Züge ebenfalls wie werktags.
Stadtratssitzung in Friedberg.
WSR. Friedberg, 9. Aug. Bei früheren Stadtratssichungen gelang es der Verwaltung nicht, «ine Angleichung der Grund- und Gebäude st euer an den Landesdurchschnittssatz. zu erzielen. Das Kreisamt gab aus diesem Anlaß der Stadtverwaltung zu verstehen, daß die Stadt Friedberg wegen der nach Ansicht der Aufsichtsbehörde nicht genügenden Ausschöpfung der Steuerquellen aufReichs-und Staatszuschüsse keinen Anspruch mehr habe. Diese Erklärung und die Ankündigung des Bürgermeisters, daß bei einer erneuten Ablehnung der Angleichung der Grund- und Gebäudesteuer an den Landesdurchschnittssah die Stadt mit einer Zwangsverwaltung in finanzieller Hinsicht bis zum 1. April nächsten Jahres zu rechnen habe, veranlaßte die gestrige Stadtratssitzung zur Bewilligung der Steuerer- Höhung mit 16 gegen eine Stimme bei vier Enthaltungen. Eine Senkung anderer Steuern komme für die Verwaltung nicht in Frage.
Keine Vermittlung bei Stillhaltegeldern
Berlin, 9. August. Das Reichsbank Direktorium hat dem deutschen Industrie- und Handelstag folgendes mitgeteilt: „Aus Anfragen, die von Interessenten für Stillhaltegelder an die Reichsbank gerichtet werden, ist vielfach zu entnehmen, daß Vermittler mit Behauptungen, die nicht den Tatsachen entsprechen, und Versprechungen, die sie nicht halten können. Kreditsuchende zur Unterzeichnung von Aufträgen zu bewegen versuchen, aus denen auch für den Fall des Richt- zuftandekornmens des betreffenden Kreditgeschäftes der Unterzeichner für Provisionen und andere Spesen verpflichtet bleibt. Die Rcichsbank weist darauf hin, daß ihr jede gewerbsmäßige Ver- mittlertätigteit bei der Umwandlung von Dalutenvorschüssen in langfristige Anlagen unerwünscht i st und sie mit Vermittlern nicht in Verbindung tritt. Die Reichsbank macht ihre Genehmigung eines Umschuldungsantragcs aus diesem Grunde ausdrücklich von der Abgabe einer Erklärung sämtlicher Beteiligter abhängig, daß Pro- visiionen, ein Damnum oder ähnliche Vergütungen nicht gezahlt werden.
Um zwecklose Kosten und Provisionszahlungen zu vermeiden, empfiehlt es sich, daß der deutsche Interessent sich mit ausländischen Gläubigerbanken, zu denen im allgemeinen alle größeren Firmen gehören, zwecks Gewährung eines Darlehens in Verbindung setzt. Die Bekanntgabe von Namen ausländischer Gläubigerbanken ist durch die Bestimmung des deutschen Kreditabkommens von 1932 untersagt, nach denen sämtliche durch die Sachbearbeitung zur Kenntnis der Reichsbank gelangenden Tatsachen vertraulich behandelt werden müssen. Die mitunter vertretene Ansicht, daß eine Zuweisung von Stillhaltegeldern oder eine Nachweisung von ausländischen Banken, die Kredite nach Deutschland gegeben haben, durch die Reichsbank erfolgt, beruht auf einem Irrtum.
Die Ziffer 10 des genannten Abkommens sieht für die Umwandlung ungesicherter Barvorschüsse nur Anlagen in Reichsmark vor. Es besteht aber die Möglichkeit, außerhalb dieser Bestimmungen ein Darlehen mit der Verpflichtung zur Rückzahlung in ausländischer Währung aufzunehmen. Bei derartigen Umschuldungen muß sich die Laufzeit, die bei Reichsmark-Darlehen fünf Jahre beträgt, auf mindestens acht Jahre erstrecken. Der Zinssatz darf 6 v. H. bei Krediten bis zu sechs Jahren, 6,5 o. H. bei solchen bis zu neun Jahren und 7 v. H. bei länger laufenden Krediten nicht übersteigen. Besonders zck erwähnen ist noch, daß eine doppelte Sicherung des Darlehens, z. B. durch Bürgschaft und Hypothek, nicht zulässig ist. Die Sicherheiten müssen bei uns für die Dauer des Darlehns hinterlegt werden."
Im ßafe der Lebenskünstler.
Auswanderer-Schicksale in Brasilien.
Don H. Schlomann, ZRio de Janeiro.
Ein kleines Caf6 im Zentrum Sao Paulos in Brasilien. Tagsüber Schauplatz bunt« st en Völkergewimmels, zumeist Syrer und Araber. Eine Art Welthandelsplah. Alle Welt handelt da. Es ist die B ö r s e d e s kleinen Mannes. MUlionengesehäste werden besprochen, Luftgeschäfte, die im Verkauf einer Zahnpasta oder eines Gläschens mit »echt türkischem Honig“ endigen.
Hier soU auch jener berühmte, fast sagenhaft gewordene Verkauf einesStraßenbahn- w a g en s vor sich gegangen fein, das Schauspiel einer Betrugsspezialität, die in den verschiedensten Variationen noch heute immer wieder auf» taucht.
Kommt da eines schönen Tages ein „Capira“, so eine Art Bauer, aus dem Innern des Landes, von den Verlockungen der Großstadt angezogen und gerät in dieses Cafe. Kann natürlich weder lesen noch schreiben, kommt aber mit dicker 'Brieftasche und klagt sein Leid: „Wie man denn sein Geld am besten hier anlegen könne — so, um eine gute ständige Einnahmequelle zu haben.“
Einer weiß Rat. „Ich selbst hab so eine. Sehen Sie da die Straßenbahnen, die vorüberfahren? Zwei davon sind mein Eigentum", sagt er stolz. „Da gerade die rote dort, Rümmer 713, todsichere Sache! Brauche nur abends in den Wagenschuppen zu gehen und die Tageseinnahme abzuholen.“ — Ob er auch einen Wagen kaufen könne? -1-
Rein, das ginge nicht, sagt der Gauner, die Stadt habe schon alle vergeben, natürlich, bei so einer Sache! Aber wenn er so sehr darum bitte, selbstverständlich nur aus Gefälligkeit — würde er ihm seinen über lassen.
Rach einigem Handeln erhält der Capira gegen Zahlung von 20 Contos (10 000 Mark) eine wunderschön gestempelte Bescheini gung, daß der Straßenbahnwagen Rümmer 713 in seinen Besitz über gegangen ist.
Der weitere Verlauf der Tragikomödie nimmt im Wagenschuppen seinen Anfang und endet schließlich auf dem Polizeirevier, wo man dem guten Mann vergeblich klarzumachen sucht, daß er einem Betrug zum Opfer gefallen sei. Es bleibt für ihn unfaßbar, daß man etwas verkaufen könne, was man gar nicht besitzt.
Doch zurück zum Cafe. Gegen Abend hat sich sein Aussehen völlig verändert. Die Kaffeetassen haben Diergläsern Platz gemacht, und «in Grammophon spielt unentwegt: „Ein rheinisches Mädche n beim rheinischen Wein . . .“
Es ist der Treffpunkt der Deutschen, die. wie man hier so schön sagt, „Amerika noch nicht .gern ach f h a b e n". Die Lebenskünstler, von denen kein Mensch weih, wovon sie leben: nicht einmal sie selbst. Aber sie leben immerhin. Ab und zu rafft sich einer auf und versucht, Geld zu machen. Beginnt einen schwunghaften Handel mit Krawatten oder Füllfederhaltern. Es geht aufwärts. Das Cafe hat ihn verloren. Reue Gesichter tauchen auf, neue Millionärskandidaten, die ihr letztes Hemd für ein Essen ausgeben.
Der einzige dort, der so etwas wie einen Beruf hat, ist Leon, der Maler. Gr koloriert Photographien, allerdings in höchster Vollendung. Aber da seine brasilianischen Kunden ihn nur ehrfurchtsvoll „Herr Professor" titulieren, glaubt er schließlich selbst, der Vorläufer einer neuen Kunst zu sein. Immerhin ist «r in diesem Lokal — da er der einzige ist, der von Zeit zu Zeit Geld besitzt — die wichtigst« Persönlichkeit. An dem Abend, als ich ihn fennenlemte, verlieh gerade ein ziemlich abgerissen aussehendes Individuum seinen Tisch.
„Wer ist denn das?", fragte ich neugierig.
„Die alte Geschichte", sagte Leon, .kommt vor sechs Monaten von drüben mit all seinen Ersparnissen, einem ganz netten Sümmchen. Ich gebe ihm den guten Rat, all sein Geld wieder nach drüben zu schicken oder so lange herrlich und in Freuden zu leben, bis kein Pfennig mehr davon da ist. Denn bevor einer nicht mal ganz „down“ gewesen ist, bringt er es ja hier doch zu nichts. Er will natürlich nicht hören, kaust sich im Innern ein Stückchen Land und beginnt im Schweih« seines Angesichts, Kaffee anzubauen. Der Boden ist nichts wert, die Arbeiter betrügen ihn von oben bis unten. Er steckt immer mehr Geld hinein, und schließlich mutz er froh fein, den ganzen Schwindel für einen Preis loszuweroen, der für nicht viel mehr als einer Fahrkarte nach Sao Paulo reicht.
Kennen Sie Professor F.? Heute ein reicher Mann. ViUa, Auto und wer weih was noch. Dem ist es auch mal so gegangen. Sitzt eines schönen Tages hier, weder Professor noch Geld. Aber hat eine Idee. Läßt sich einen langen schönen Vollbart wachsen, pumpt sich ein bißchen was zusammen und macht ein psychoanalytisches Beratungsinstitut auf. Den Leuten, di« in Scharen herbeiströmen, wird ein gut ge» mischterExtrakt ausCouö, Freud und Bibelsprüchen serviert, und siehe da. sie sind mit dem Genossenen höchst zufrieden. Seine Vergangenheit? Die Vergangenheit spielt nur solange eine Rolle, als man kein Geld besihL Und da gilt jeder Cingewanderte zumindest als ehemaliger Raubmörder.
Was wurde von Dr. K. nicht aUes erzählt! Er habe in einem berühmten Prozeß drüben eine mehr als zweifelhafte Rolle gespielt. Der kümmert sich den Teufel um das Gerede. Erwirbt, kein Mensch weiß wie, die Erlaubnis, sich als Rechtsanwalt niederzulassen. Zuerst Winkeladvokat schlimmster Sorte, verdient aber viel Geld. Lind heute weiß kein Mensch mehr was von seiner „Vergangenheit'. Sie sagen. Sie hätten zufällig nichts verbrochen. Dann gebe ich Ihnen den guten Rat: bilden Sie sich wenigstens selbst ein. Sie hätten es. Sie müssen bei jedem und allem denken lernen: Ihr könnt mir denDuckel run ter ru tscheu ! Anders werden Sie hier nie weiterkommen.“ Also sprach Leon und fügte — wie mir schien, etwas wehmütig — hinzu: , Falls es Sie interessiert, und eigentlich sollte es Sie interessieren: der nächste Dampfer nach Europa fährt übermorgen von Santos ab.“
Buntes Allerlei.
Generalsturm gegen Fliegen undMücken
Die wasserreiche Umgebung Berlins bringt es mit sich, daß es in der Sommerzeit dort von Fliegen und Mücken wimmelt. Es soll jetzt endlich etwas Energisches dagegen getan werden. Die gesamte Bevölkerung der Umgegend Berlins wird zum Kampf gegen die unerwünschten Nutznießer der Wockenendbewegung mobilisiert. Die Bewohner der Dörfer, die aus den Berliner Wochenendgästen große wirtschaftliche Vorteil« ziehen, befürchten, daß der Berliner seine Freude an den Wochenendausflügen verliert, wenn er den Gastwirten sein Geld und den Mücken sein Blut lassen muß. Bisher wußten sich die Mücken in diesem Konkurrenzkampf noch immer zu behaupten. Jetzt werden Brutzerstörungstrupps gebildet, die mit Petroleum, mit Gas und anderen Mitteln gegen die Mückenschwärme vorgehen sollen. Ob es helfen wird? Der Kurort Klosterneuburg in Oesterreich hat im vergangenen Winter auch mit ungeheurem Aufwand von Petroleum die Mückenpest beseitigen wollen. Als die Mückenzeit kam, stellte sich jedoch heraus, daß aller Aufwand nutzlos vertan war. Denn es gab in diesem Jahr weder in Klosterneuburg, noch sonstwo in Oesterreich Mücken, es wurde ein mückenloser Sommer, wie er ab und zu vorkommt.
Sensationsprozeß in Miami.
Das Gericht in Miami (Florida) ist gegenwärtig der Schauplatz eines Sensationsprozesses, der die ganze englisch-amerikanische Welt in Spannung hält. Der britisch« Fliegerhauptmann William Lancaster ist angeklagt, den amerikanischen Journalisten Hayden-Clarke ermordet zu haben. Lancaster bestreitet jede Schuld. Im Mittelpunkt des Dramas steht die australisch« Fliegerin Iessie Keith Miller, die auch in dem Prozeß als einzige Zeugin auftritt. Die Fliegerin Miller war bis zum Jahre 1931 mit einem Australier verheiratet. Als Frau Miller sich dem Flugsport zuwendete, ging die Che in die Brüche. Ihr Mann untersagte ihr das Fliegen, sie beantragte daraufhin die Scheidung, und die Eh« wurde im Rovember 1931 getrennt. Sie hat dann noch mehrere große Flüge unternommen, die ihre Geldmittel verschlangen, und sich dann in Miami niedergelassen. Schon im Jahre 1927 hatte sie mit H^arcptmann Lancaster einen gemeinsamen Flug unternommen. Die beiden verliebten sich ineinander und nach Frau Millers Scheidung bewohnten sie gemeinsam ein Landhaus in Miami. In dem Landhaus wohnte auch der Journalist Hayden Clarke. Es steht fest, daß Frau Miller auch mit Clarke Beziehungen unterhielt. 2m April d. 2. muhte Lancaster eine Reise nach Mexiko unternehmen. Während seiner Abwesenheit kam Frau Miller mit Clarke überein, zu heiraten. Sie teilten dem abwesenden Hauptmann Lancaster ihre Absicht schriftlich mit Lancaster telegraphierte zurück, daß sie mit der Heirat bis zu seiner Rückkehr warten sollten. Arn 20. April kam Lancaster spät abends in Miami an. Er begab sich sofort in das Zimmer des Landhauses, in dem er und Clarke gemeinsam zu schlafen pflegten. Am andern Morgen wurde Clarke m i t mehreren Schußwunden aufgefunden.
Man schaffte ihn sofort ins Krankenhaus, dort starb er, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. 2m Zimmer fand man einen Brief, der mit Schreibmaschine geschrieben war. Der Brief trug die Unterfdjrift Clarkes und enthielt die Mitteilung, daß er wegen wirtschaftlicher Rot aus dem Leben scheiden wolle.
Die nähere Untersuchung ergab jedoch Verdachtsmomente bafür, daß Clarkes Abschiedsbrief gefälscht war. Hauptmann Lancaster geriet als Erster in den Verdacht, Clarke ermordet zu haben. Er muhte in der Voruntersuchung auch zugeben, dah er Clarkes Abschiedsbrief gefälscht hatte, leugnete aber im übrigen jede Beteiligung an der Mordtat. Di« Fliegerin Miller sagte vor Gericht aus, dah sie ursprünglich die Absicht hatte, sich selbst des Mordes an Clarke zu bezichtigen, um Hauptmann Lancaster die Untersuchungshaft und die furchtbare Anllage wegen Mordes zu ersparen. Sie erflärte, überzeugt zu sein, dah Clarke Selbstmord verübt hat, da er schon einmal ihr gegenüber Selbstmordabsichten geäußert und sie sogar gedrängt habe, gemeinsam mit ihm in den Tod zu gehen.
Ein interessanter Shakespeare-Fund.
Ein bedeutsamer Shakespeare-Fund ist. wie auS Rom berichtet wird, soeben dem Professor der englischen Literatur an der UniDerfität von Florenz, Gian Giordano O r f in i, in der ersten Folio-Ausgabe der Bibliothek zu Padua gelungen. Hier erkannte er in dem von der Forschung bisher übersehenen und in dem Katalog von Sir Sidney Lee als „frühe handschriftliche Rotizen von einem in den Stücken auftretenden Theaterdirektor“ abgetanen Folio aus der Schrift und dem Charakter der Rotizen eine „zeitgenössische“ genaue Abschrift. Die handschriftlich vorgenommenen Eintragungen finden sich in drei Shakespea- reschen Dramen: „Mah für Maß", „Macbeth" und „Wintermärchen“. Sie enthalten die 'Kamen und die Anfangsbuchstaben von verschollenen Schauspielern, die iirber Frühzeit von Shakespeares Ruhm in seinen Stücken aufgetreten sind. Man ersieht auch aus diesen Auszeichnungen, daß die Dramen des Dichters schon sehr früh arg für die Bühne zugeschnitten wurden, da hier ganze Szenen, Teile von Szenen, Versgruppen und einzelne Ausdrücke ausgelassen wurden. Besonders fielen auch schon damals, um dem Geschmack mancher Hörer entgegenzukommen, derbe Wendungen und Schwüre dem Zensor zum Opfer. Einige Verse vor dem Auftreten eines Schauspielers sind „Wamungszeichen" für ihn eingetragen. damit er rechtzeitig auf sein eigentliches Stichwort aufmerksam wird. An diesen Stellen finden sich die Ramen der Schauspieler. Ebenso sind Hinweise für Bühnengeräusche und Farbeneffekte und ein Verzeichnis der Dühnenrequisiten an verschiedenen Stellen eingetragen. Unter den letzteren findet sich in der Hexenszene des „Macbeth“ ein wichtiges Gerät, das heute bei keiner ..Macbeth“-Aussührung fehlen darf, das aber in dem gedruckten Folio nicht enthalten ist: der Hexenkessel. Professor Orsini bereitet eine Ausgabe seines Shakespeare-Fundes vor, die auch di« Rotizen und Listen enthalten soll.


