sehen vermochten, so sei jetzt wenigstens zu fordern, dah die bestehenden Vorschriften gegen diesen blutigen Unfug schärfer angewendet würden, als bisher. Die neuen Mahregeln kämen spät, aber hoffentlich nicht zu spät. Sie stellten einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Absichten dar, aber sie würden Wohl ausreichen.
Das Zentrum.
Die „Germania" kritisiert ebenfalls die zögernde Haltung der Regierung und meint, es sei schwer, sich zu vergegenwärtigen, wieviel Vertrauen in die Autorität des Rechtsschutzes, den ein Ordnungsstaat gewährleisten müsse, in dieser kurzen Spanne Zeit, in der der Terror wütete, verloren gegangen sei. Das sei für den Staat, seine Ordnung und Gemeinschaftsidee ein nie mehr voll einzuholender Verlust. Man werde den Gedanken nicht los, dah für die Verzögerung der jetzt unerläßlichen Maßnahmen politische Erwägungen mitbestimmend gewesen feien, die keine Rolle spielen durften, wo die Autorität des Staates und des Rechtes in Gefahr gewesen sei.
Oie Linke.
Das „Berliner Tageblatt" ist der Ansicht, daß es zunächst sehr viel darauf ankomme, dah das neue Recht mit voller Schärfe und Gerechtigkeit gegen diejenigen angewendet werde, die die Verantwortung für die Terrorakte der letzten Woche trügen.
Die „Voss. Z tg." fordert, dah die Anwendung der neuen Bestimmungen wirklich unvoreingenommen gegen jeden Rechtsbrecher erfolgen müsse, welchen Symbolen er auch anhängen möge. Die bisherigen Gesetze seien keineswegs schlecht gewesen: worüber man sich beklagen müsse, sei ihre mangelhafte Anwendung gewesen. Das Blatt erinnert in diesem Zusammenhang an die Aufhebung des Uniformverbotes und macht der Reichsregierung Vorwürfe wegen ihres nur schrittweisen, zögernden Vorgehens.
Der „Vorwärts" sagt: Wenn man die amtliche Erläuterung der noch nicht veröffentlichten Notverordnung ansieht, hat man den Eindruck, daß hier ein großer Aufwand schmählich vertan wird, ohne dah durch alle diese scharfen und schärfsten Maßnahmen irgendwie der normale Zustand wiederhergestellt würde, wie er vor der gewaltsamen Entfernung der verfassungsmäßigen Preuhenregierung bestand.
Neue Attentate in Schlesien.
Breslau, 10. Aug. (WTD. Funkspruch.) In Reuhendorf wurde heute früh das Gemeindebureau beschossen, desgleichen wurden einige Schüsse in die Wohnung der im Gemeindehaus wohnenden Witwe eines Rektors abgegeben. Auf bas Haus des Konsumvereins in Kuhnern bei Striegau wurden heute nacht mehrere Schüsse abgefeuert. In die Filiale des Konsumvereins in Görlitz wurde heute nacht eine Eierhandgranate geworfen. In mehreren Orten der Umgebung wurden die Schaufenster an Konsumvereinsniederlagen zertrümmert. In L a u b a n wurde vor dem Arbeitsamt eine Stielhandgranate zur Explosion gebracht. In Renzig wurde gegen Mitternacht in die Wohnung eines Reichsbannerführers ein Sprengkörper geworfen. Der Reichsbanner- sührer wurde leicht verletzt. In das Gewerk- schaftsburcau in Renzig wurde ein Sprengkörper geschleudert, der aber nicht explodierte. In R e i - chenbach wurden in das Schlafzimmer eines Mitgliedes der Eisernen Front heute früh drei Schüsse abgegeben, die jedoch niemand trafen. Auf die SÄ.-Schule in R e u d o r f bei Friedland wurden in der vergangenen Rächt 10 Pistolenschüsse abgegeben. Personen wurden nicht verletzt. In Friedland wurden ferner fünf Pistolenschüsse auf die Fensterscheibe eines Kaufyauses abgegeben.
Norddeutschland.
Der gestrige Polizeibericht in R o st o ck teilt mit: Der der NSDAP, angehörende landwirtschaftliche Arbeiter Willi Fröhling wurde, als er sich an seine Arbeitsstelle in Dummersdorf begeben wollte, von zahlreichen Reichsbannerleuten überfallen und io schwer verletzt, daß er in die Chirurgische Klinik in Rostock gebracht werden mußte. Die Gendarmerie
Oie Bismarck-Zigarre.
Don Gustav W. Eberlein, ^om.
Wer in Rom einen Bleistift zu kaufen in die cartoleria geht, wird von der Signorina mit leicht belehrendem Augenaufschlag gefragt:
„Ja, wollen Sie einen Bleistift oder einen Faber?" Das deutsche Fabrikat nimmt eine solche Vorzugsstellung ein, daß es zur Gattungsbezeichnung geworden ist. Zwischen Fischlaich und Kaviar oll ja auch ein Unterschied fein.
Dem verschiedenen Geschmack Rechnung tragend, hat sich der pizzicagnolo auf ausländische Spezialitäten eingestellt. Die Deutschen zum Beispiel behaupten, wie ohne Dackel so auch nicht ohne Sauerkraut und Schwarzbrot auskommen zu können. Für den ersteren, dieses Fabelwesen mit den krummen Beinen, die jeweils zur HcUfte einen Heiterkeitsausbruch, zur Hälfte einen Sturm der Entrüstung erregen, weil man glaubt daß die Barbaren den jungen Tieren absichtlich die Glieder brechen, so wie die Chinesen die Frauenfüße und die Jaap'ner die Bäumchen verunstalten, gibt es im Italienischen nicht einmal eine richtige Bezeichnung. Man heißt den ausländischen Spleen einfach bassotto, das ist „ganz niedrig". Das „krauti“ wird aus dem Elsaß eingeführt, und das Schwarzbrot, von dem man an- nimmt, es fei eine medizinische Entgleisung oder aber ein Zeichen, daß es Deutschland jetzt wieder so schlecht gehe wie in den Hungerjahren des Krieges^ — müssen südtiroler Bäcker eigens für die paar Rom- deutschen Herstellen.
Dazu kommt nun der saure Hering.
„Gewiß, mein Herr, haben wir. Wünschen Sie einen Bismarck oder einen Rollmosch?"
Mops, nein, daran würde jede romanische Zunge zerbrechen.
1 Bismarck, prego!
Als der Radiokasten das politische deutsche Elend ausgespien hatte, im Ausland hört sich das besonders traurig an, und wir in der deutschen birreria saßen, an buntgedeckten Tischen mit Stalzstangen daraus, eine herzeinschmeichelnde Heimatangelegenheit, glauben Sie mir, und irgendeiner still vor sich hinsagte, einen großen Mann sollten wir halt hieder haben, be- stellte ich in mechanischer Gedankenverbindung:
1 Bismarck, prego!
Sehr wohl, Signore, subito.
Rach auffallend langer Zeit kam der Pikkolo und
nahm die Reichsbannerleute G r i e f h a n und Langschwager aus Dummersdorf, die an dem Ueberfall beteiligt waren, fest.
Aus einem fahrenden Auto wurde gestern früh in Stettin, wie die Polizei berichtet, kurz vor 3 Uhr auf das Verlagshaus des sozialdemokratischen „Dolksboten" eine Dynamitbombe geschleudert, durch die die großen Schaufensterscheiben, die Ein- gangstür und zahlreiche Einrichtungsgegenstände der Geschäftsstelle, sowie zahlreiche Schaufensterscheiben in den umliegenden Häusern zerstört wurden. Personen sind glücklicherweise nicht zu Schaden gekommen. Ueber die Täter läßt sich zurzeit noch nichts genaues sagen, da die politische Polizei noch mit der Aufklärung des Falles beschäftigt ist.
In der Angelegenheit des Sprengstoffanschlags auf die Kieler Synagoge find, wie die Polizei mit« teilt, bisher vier Personen festgenommen worden. In der Wohnung eines Angeschuldigten wurde eine mit Sprengstoff gefüllte Stielhandgranate und eine Pistole mit zehn scharfen Patronen gefunden.
Bombenanschlag in Elbing.
Elbing, 10. Aug. (WTD. Funkspruch.) Auf das Verlagshaus der sozialdemokratischen „FreienPresse" wurde heute früh ein Bombenanschlag verübt. Es entstand Sachschaden.
Westdeutschland.
Die Kölner Polizei teilt mit: Am Montagnachmittag wurde durch die Landeskriminalpolizeistelle Köln mit Unterstützung der Schutzpolizei eine Waffensuche in den als Rotwohnungen eingerichteten Baracken auf dem ehemaligen Militärlager in W a h n vorgenommen. Gefunden wurden einige Stichwaffen. Am Dienstagfrüh wurden sechs Rationalsozialisten festgenommen, weil sie in der Iabachstraße in Köln Fußgänger nach Waffen durchsuchten. Einer der Fe st genommenen war im Besitze einer geladenen Pistole.
Wie die Polizei in Dortmund mitteilt, wurden Dienstagnacht aus einem Kraftwagen, an
dem die Lichter ausgelöscht waren, auf mehrere vor einer Wirtschaft in der Heiligegartenstraße stehende Personen vier bis fünf Schüsse abgegeben. Der 28jährige Arbeiter Engelbert Rentner wurde von einer dieser Kugeln lebensgefährlich verletzt. Der Angeschossene trug die Uniform des „Kampfbundes gegen den Faschismus" mit der dazu gehörigen roten Armbinde.
München.
Die Polizeidirektion in München berichtet: Am Montagabend hatten sich Angehörige der nationalsozialistischen SS. und SA. im Gasthof Weihen- ftcphan an der Fürstenrieder Straße versammelt. Angeblich auf die Nachricht, daß von dem sog. Obdachlosenblock an der Landsberger Straße aus ein Angriff von politischen Gegnern auf die Wirtschaft Weihenftephan vorbereitet werde, rückten die Nationalsozialisten in einer Stärke von 60 bis 70 Mann mit Zaunlatten bewaffnet gegen den Obdachlosenblock vor. Bei ihrer Annäherung wurden aus einem Fenster des Blocks mehrere Schüsse abgegeben. Herbeieilenden Polizeibeamten, sowie dem rasch erschienenen Ueberfallkommando gelang es, die Nationalsozialisten in ihr Parteilokal zurückzudrängen, bevor es zu Ausschreitungen kam. In der Wirtschaft wurden die Namen der Beteiligten festgestellt und einige Hieb- und Stichwaffen beschlagnahmt. Strafanzeige ist erstattet. Am Abend des Montag wurde in dem Parteilokal der SA. und SS. im Larnpl-Garten in Her Jägerstraße eine polizeiliche Durchsuchung nach Waffen vorgenommen. Es konnte eine Anzahl von Schuß- und Schlagwaffen beschlagnahmt werden. Die Eigentümer der Waffen hatten sich dieser bei dem polizeilichen Einschreiten bereits entledigt gehabt. Im Zusammenhang mit den in der Nacht vom 3. auf den 4. August in München verübten Terrorakten wurden von der Polizeidirektion München sechs Nationalsozialisten feftgenom- men und dem Ermittlungsrichter zur Haftfragelösung übergeben.
WaSsagidasAuslands-euischium?
Oie Vorgänge in Deutschland im Spiegel der Welt.
Bon unserer Berliner Redaktion.
Bei der Zentrale des Vereins für das Deutschtum im Ausland sowie bei den anderen großen auslandsdeutschen Verbänden laufen alle Fäden zusammen, die unsere Ausländsdeutschen mit dem Mutterlands verbinden. Und in diesem Mittelpunkte des Auslandsdeutschtums erlebt man in diesen Wochen und Monaten wieder einmal die Festigkeit dieser Verbindung, die in einem geradezu erschütternden Bekenntnis des Auslandsdeutschtums zu seinem mit letzter Kraft ringenden Heimatlande zum Ausdruck kommt. Ueber das Bekenntnis hinaus aber haben die zahllosen deutschen Stimmen, die über die Grenzen her, über den Ozean und die Wälle fremder Sprachen zu uns dringen, noch eine besondere Bedeutung: Sie zeigen uns ein wohlmeinendes aus der Ferne gesehenes Spiegelbild der deutschen Verhältnisse. Was 60 Millionen Reichsdeutsche denken, das wissen wir. Welche Stellung aber nehmen jene 40 Millionen Deutsche ein, die außerhalb der Reichsgrenzen leben und keine Stimme haben?
„GMesdennbeiSuchnochdrot?"
Bei einer allgemeinen Prüfung der Briefe, die an die Zentralstellen gelangen, fällt eines sofort auf- Die unerhörte Angst um Deutschland, die größer ist als im Inland. Manchmal beruht sie sichtlich auf falschen Rachrichten. „Habt Ihr denn überhaupt noch Brot im Lande?" oder: „Wird in Deutschland jeder politisch Mißliebige verhaftet?" Besonders merkwürdig berührt es, wenn eine Deutsche aus La Paz (Bolivien) schreibt: „Wir zittern hier sehr um Euer Schicksal. Bei uns gibt es zwar dauernd Revolution und Krieg, aber es ist doch noch ziemlich ruhig." Diese Briefe, die in ungeahnter Zahl wiederkehren, beruhen auf der Tatsache, daß ein großer Teil der Weltpresse diesseits und jenseits des Ozeans
über Deutschland geradezu phantastische Vorstellungen erweckt. In Südamerika wurde von größeren Blättern tatsächlich von einer „Landsknechtsarmee" berichtet, „die mit ein paar Generälen an der Spitze Deutschland terrorisiere". Ein solch gefährlicher Unsinn zeigt, daß man in Deutschland immer noch eines versäumt: Die Aufklärung der Welt über die deutschen Zustände und das deutsche Wollen. Iene Millionen Deutschen, die von sich aus keine Verbindung mit dem Mutterlande Herstellen können, werden durch solche Phantasienachrichten schwer beunruhigt. Es kam so weit, daß in den kritischen Tagen des 3ult einige Deutsche aus Südslawien telegraphierten, ob es noch möglich wäre, zum Reichsheer durchzustohen, um an der Riederwerfung der Revolten teilzunehmen.
„Deutschland braucht M'nner."
Reben diesen Deutschen, die sich auf Grund tendenziöser und falscher Berichterstattung in schwerste Sorge und Unruhe befinden, gibt es jedoch Millionen Ausländsdeutsche, die die Dinge klarer sehen, als wir es vielleicht tun. Besonoers nachdenklich macht ein Brief mehrerer deutscher Siedler aus dem Staate Santa Catharina in Brasilien, die dort, ebenso wie die anderen 150 000 deutschen Siedler in Brasilien den Urwald gerodet und das Land urbar gemacht haben. Sie schreiben vom Ar - beitsdienst, zu dem jeder junge Deutsche jerangezogcn werden müßte und berichten, wie ie dort im Urwald aus kränklichen Städtern gesunde, kräftige Männer gemacht haben, die ich im Urwald duvchkämpfen und darüber Deutschland nicht vergessen haben. Die felsenfeste Ueberzeugung, daß Deutschland in sich genug eigene Kraft habe und nur geweckt
präsentierte auf weißem Teller — eine Zigarre: Ecco il Bismarck!
Wenn er schon Schwimmendes mit Rauchendem verwechsle, sagte ich, so wisse er doch, daß ich eine bestimmte Marke habe, Cavour. Das sei aber eine andere Sorte, die da.
Mille scuse, ja, aber er habe geglaubt — ich sei ja immer für Besonderes — und heute sei doch zum erstenmal der Bismarck erschienen, il sigaro Bismarck!
Und so war es.
Männer, die rauchen müssen, haben es in Italien nicht leicht. Die Monopoloerwaltung ist nicht „für verwöhnte Gaumen". Noch vor wenigen Jahren wagte sich selten ein Fremder in die Höhlen, über denen zu lesen stand „sale e tabacchi“, was mit „Tabaksaal" zu übersetzen naheliegt, aber „Salz und Tabake" heißt. Darauf fallen die solchermaßen entgleisten Sprachkundigen in die zweite Ueberraschung: Wieso Salz? Nun, das ist auch ein Monopol und wird nach der Staatsverwaltung unersorschlichem Ratschluß zusammen mit Zigarren und Zigaretten gebandelt. Es gibt seltsame Dinge, die der Mensch zusammenfügt, man soll darüber nicht streiten. In Frankreich lieft man oft „Caf6 et Coiffeur“.
Ueber Zigaretten und eigentümlichen Wurzeln mit einer Schere dazwischen, hängt ein wildromantischer Kessel, in dem aber nicht Polenta gekocht, sonder das Rohsalz abgewogen wird. Die Kundschaft braucht infolgedessen nicht die nämliche zu sein wie bei einem feinen Zigarrengeschäft Unter den Linden. Selbstverständlich kann man auch Briefmarken haben und gewöhnlich ist das Staatliche noch mit einer privaten Stehbar verbunden, wo der riesige Espressokessel wallet und siedet und brauset und zischt.
Was damit Forstwirtschaft und sittsamer Haushalt zu tun haben. Wurzeln und Schere? Sehr einfach. Der Eingeborene raucht nur seine „Toskana", das sind wurzelhast und lebensgefährlich aussehende Gebilde, die man in der Mitte durchschneidet, Schere liegt auf, um sie in zwei Stücken zu rauchen. Mit rührender Liebe wird die Trennungsoperation von den Kennern vorgenommen und auch nach der Ueberzeugung eingewachsener Romdeutscher gibt es keine bessere Zigarre. Neulinge wirst sie allerdings um. Daher hat des Staates löbliche Fürsorge noch für ein anderes Fabrikat gesorgt, das zwar ungenießbar, aber billig und vor allem in Form einer richtiaen Zigarre gehalten ist. Drittens gibt es, für snobistische Raucher, die Virginia oder Ävana, und
zwar in einer vornehm geglätteten und einer urwüchsigen Volksausgabe.
Der Umschwung kam mit dem neuen Italien. Ob nun Mussolini bei seiner Reise nach Berlin die Läden gesehen hat, in denen nur Tabake verkauft werden, Zigarren und Zigaretten, nicht ein Kilo Salz, gleichviel, in Rom tauchte jedenfalls ein besonders konzessioniertes, ähnlich eingerichtetes Geschäft auf, das neben Rauchwaren nur noch Briefmarken und Stempelpapier führt. Damit nicht genug, es wurde für die Leute, die es haben, eine Zigarre mit Bauchbinde kreiert, muß man schon sagen, und zu 2,50 Lire angeboten. Mit zweifelnder Hochachtung schlägt der Toskanaraucher einen Bogen darum, aber die Fremden, die nun einmal mehr auf Aufmachung als auf Gehalt geben, sollen sie tatsächlich ab und zu erstanden haben. Cavour heißt sie.
*
Krisis. Fremdenschwund. Wer tätigt noch den Er- werb einer ausländischen, mit unheimlichen Zöllen auf schwindelnde Preishöhen hinaufgehobenen Henry Clay? Wer wagt sich noch an Cavour, der übrigens neben seinen geschichtsnotorifchen Vorzügen auch gewisse schlechte, in die Fabrikation übergegangene Eigenschaften hatte?
Es mußte ein Mittelding geschaffen werden. Eine Zigarre, die nicht mehr kostet als 1,50 Lire, dabei etwas gleichsieht, eine hübsche Verpackung und einen guten Namen hat.
So entstand Bismarck.
Er ist natürlich nicht so groß wie Cavour, hat auch keinen Orden um die Brust geschlungen, über die Qualitäten der beiden Staatsmänner wollen wir nicht diskutieren. Genug, er ist da. Er lebt wie Goethe in Rom, neben Mussolini leuchtet sein markanter Schädel aus den Schaufenstern, nein, um nicht zu übertreiben: aus dem Schaufenster. Und ich fange an, ihn zu schätzen. Man kann sich in diesen honorarschwündigen Zeiten nicht immer gleich einen Cavour leisten. Ich finde sogar, er hat etwas Heimatliches an sich, das Deckblatt (der Schachtel) ziert eine Ansicht von Mannheim, es ist etwas so ehrlich Deutsches um ihn, und daher kann man ihm nicht böse sein, wenn man zuweilen auf eine gewisse Härte und Holzigkeit stößt. In diesem Augenblick zum Beispiel, wo ich gerade ein neues Blatt in die Schreibmaschine spannen will, wird er so zurückhaltend und bockbeinig, daß ich ihm keinen guten Zug mehr ab gewinnen kann und — Männer, die rauchen müssen, haben es nicht leicht — gezwungen bin, die diplomatischen Beziehungen und damit dieses Feuilleton abzubrechen.
zu werden brauche, um stark zu werden, ist tm Auslandsdeutschtum überall zu finden. Und seit Iahren schon kommen die gleichen Briefe: „Iedes notleidende Land in Europa hat, zu seinem Segen, einen oder mehrere starke Männer gefunden, die es führten. Weshalb findet Deutschland keine starken Männer? Und so hat man auch die Maßnahmen des Kabinetts, die eine starke Geste und die Ueberzeugung eigener Kraft in sich trugen, im Ausland auf deutscher Seite vielleicht besser verstanden als im Inland. Und diejenigen, die eine feste klare Einstellung zu Deutschland haben, liehen sich auch durch Alarmnachrichten nicht verblüffen, sondern harren in Ruhe der Dinge, die da kommen sollen.
Erstaunlich ist es, in welch kurzer Zeit sich der General von Schleicher eine Popularität bei zahlreichen Ausländsdeutschen erobert hat, die ihn zwar noch nicht neben Hindenburg, aber doch in seine Rähe stellen. Aber auch die Persönlichkeit Brünings findet gerade beim nationalen Auslandsdeutschtum stärkere Achtung als vielleicht in unseren nationalen Kreisen. Den Kabinettskampf zwischen Brüning und Schleicher wertet man als den Kampf zweier Männer um die Führung, die beide Persönlichkeiten find, aber das Ziel der Befreiung Deutschlands auf verschiedenen Wegen erstreben. In einem Briefe heißt es: „Brüning, Schleicher und Hitler, — Deutschland kann keinen von ihnen entbehren."
Diese 40 Millionen Deutsche im Auslande empfinden unser Schicksal als ihr eigenes Schicksal. Sie wünschen und erstreben den ständigen Gedankenaustausch, einen viel stärkeren Zusammenhang mit dem Mutterlande, als er heute besteht. Die Reichsregierung und jeder einzelne hat eine heilige Pflicht, diesen größten Schatz deutscher Kultur und Gesinnung lebendig zu erhalten.
Einspruch gegen das Lübecker Ealmette-Llrteil.
Wegen angeblicher Geisteskrankheit des Prozeß-Vorsitzenden.
Die Berliner „B. Z. am Mittag" meldet unter der Ueberschrift „Calmette-Dorsrhender schon während der Verhandlung geisteskrank?" folgendes:
Mit einer ungeheuerlich anmutenden Begründung haben die Verteidiger der Hauptangeklagten des Calmette-Prozesses gegen die Verurteilung ihrer Mandanten Revision eingelegt. Rechtsanwalt Hoffmann, der Verteidiger A l t st a e d t s , von dem ein Teil der Revifionsbegründung stammt, bittet, das Cal- mette-Urteil deshalb aufzuheben, weil der Verdacht bestehe, daß Amtsgerichtsrat Wibel, der Vorsitzende des Calmette-Prozesses, schon während der Verhandlung geisteskran-k gewesen sei. Das Gericht sei wegen der anzunehmenden Geisteskrankheit des Vorsitzenden nicht ordnungsgemäß beseht gewesen, und aus diesem formalen Grund müsse der Prozeß noch einmal verhandelt werden. Die Revisionsbegründung Dr. Hoffmanns enthält für die behauptete Geisteskrankheit des Calmette-Vor- sihenden eine Anzahl von Einzelheiten, die noch genau nachgeprüft werden müssen.
Auf diese ungeheuerliche Wendung des Calmette-Prozesses konnte niemand, der der Verhandlung gefolgt war, gefaßt sein. Für die These der Verteidigung scheint, wie die „D. Z." weiter berichtet, nach dem bekannt gewordenen Material zunächst nur der Umstand zu sprechen, daß sich Amtsgerichtsrat Wibel tatsächlich in einer Rervenheilanstalt befindet. Dieses Sanatorium hat Amtsgerichtsrat Wibel kurz nach der Beendigung des Calmette-Prozesses aufgesucht. Wie es hieß, ging er wegen der „tiefe n G e m ü t s d e p r e s s i o n" in die Heilanstalt, die ihn wegen des Schicksals von Professor D e h ck e befallen hatte.
•
Zu der Meldung über die Revisionsbegründung gegen das Calmette-Urteil durch Rechtsanwalt Hoffmann wird aus Lübeck gemeldet, dah sich
Zeitschriften.
— Mutter und Kind, Zeitschrift für Ernährung, Pflege und Erziehung des Kindes. Verlag Clwin Staude, Osterwieck a. H. Vierteljährlich (3 Hefte) 1,65 Mk. - Das Augustheft wird eingeleitet durch eine Plauderei „Was ich den Fürsorgearzt immer wieder sagen hörte". Frage und Antwort werden jede junge Mutter interessieren. Cs folgen lehrreiche Abhandlungen über: „Vorgeburtliche Erziehung" von Dr. Göllner und „Ist Keuchhusten abkürzbar?" von Dr. med. Erna Lublinsky. Auch die übrigen Beiträge — z. B. „Schöne und unschöne Kindermoden", „Vom Wert der Rohkost in der Kinderernährung", „Die Macht der Liebenswürdigkeit", „Mutter und Kind im Arbeitslosenhaushalt", „Kindersprache", „Wie unsere Dreijährige das Brüderchen erwartet" — werden dazu beitragen, der Zeitschrift neue Freunde zu gewinnen.
Hochschulnachrichten.
Die Deutsche Kommission für geistige Zusammenarbei t hat in Berlin ihren Vorstand neugewählt. Prof. Max Planck, der berühmte Physiker und Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der die Geschäfte des Vorsitzenden schon seit dem Tode Adolf von Harnacks geführt hat, wurde zum Vorsitzenden gewählt. Ferner wurden in den Vorstand gewählt: Dr. Krüß, der Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek: Professor Heinrich Konen, der Bonner Physiker: Professor Gerhard Roden- ? a L? * :,^er President des Archäologischen Instituts des Deutschen Reichs: Geheimrat W a e tz o l d t der Generaldirektor der Staatlichen Museen Preußens: r^r .frühere preußische Kultusminister Professor Dr. n. c. Becker; der Verleger Dr. Friedr. Olden- v "1.6' Vorsitzender des Buchhändler-Börsenvereins,' der Berliner Theologe Adolf Deißmann; Prälat Professor Schreiber in Münster.
. Walter Wrede, Sekretär am Deutschen Ar- a)aologischen Institut in Athen, hat den an ihn ergangenen Rus auf den Lehrstuhl der Archäologie nn der Universität Königsberg als Nachfolger von Bernhard Schweitzer abgelehnt.
Die durch den Tod von Professor Hehn frei geworbene ordentliche Professur für alttestamentliche Exe- ge|e und biblisch.orientalische Sprachen an der Universität Würzburg wurde Professor Friedrich stummer an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Freising angeboten.


