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9.9.1932 Erstes Blatt
 
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Zreitag, 9. September 1932

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefien)

Nr. 2(2 Zweiter Blatt

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den S. September 1932.

Aufhebung des Stadttheater-Mttwoch Abonnements.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die Intendanz des Stadttheaters Gießen führt in der kommenden Spielzeit 1932 33 eine schon länger beabsichtigte Neuerung em: Aushebung des Mittwoch-Spielta­ges und dafür Dorstellung am Sams- t a g Diese Umlegung wird durch die Unrentabi­lität des Mittwoch-Abonnements nunmehr zur zwingenden Notwendigkeit. Während die Abon­nentenzahl am Dienstag und Freitag in den letz­ten Iahren nur einen geringen Rückgang zeigte, wirkte sich die Krisenzeit, die wir durchleben, auf das Mittwoch-Abonnement, das vonjeher die klein st e Abonnentenzahl aufwies . in immer bedrohlicherer Weise aus. Zu seiner Stär­kung beschloß daher die Intendanz in der vergan­genen Spielzeit, das Mittwoch-Abonnement u. a. durch Berücksichtigung des Dorstellungsbeginns und Einführung der Sonntagsfahrkarte für die Theaterbesucher als ausgesprochenes Fremden­abonnement einzuführen. Aber gerade die aus­wärtigen Theaterbesucher, für die diese Aenderung hauptsächlich ins Auge gefaßt war, ließen im Stich, da ausgerechnet das Mittwoch-Abonnement gegenüber Zunahme der beiden anderen Tages­abonnements einen Rückgang von über 35Prozentan Frequenz gegenüber der vorjäh­rigen Splelzeit 1930/31 aufwies.

Erfahrungsgemäß ist der Samstag der beste Theatertag innerhalb der Woche. Deshalb hat die Intendanz beschlossen, in der kommenden Spielzeit den Versuch der Umlegung des Mitt­woch-Abonnements auf den Samstag in Gießen einzuführen, um den Abgang der Abonnenten an diesem Tage durch einen regen Kassenverkauf ous- AUgleichen, was am Mittwoch niemals erreicht wer­den kann und konnte. Die Intendanz glaubt in der Annahme nicht fehl zu gehen, daß diese Gründe die Mittwoch-Abonnenten von der Notwendigkeit dieser Umlegung überzeugen werden, die zur Sicherung der Gießener Bühne und seiner 25jäh- rigen Iubiläumsspielzeit wesentlich mit bei­trägt. Die bisherigen Mittwoch-Abonnenten wer­den gebeten, der Kasse umgehend etwaige Wünsche hinsichtlich der Verlegung des Abonnements von , Mittwoch auf Samstag mitzuteilen.

Gartenbau Ausstellung in derTurnhalle

Anläßlich seines 2 0 j ä fjrigen Bestehens veranstaltet der hiesige Obst- und Garten­bauverein am Samstag und Sonntag eine Gartenbauausstellung. Sie umfaßt zunächst die besten älteren, neuen und neuesten Dahlien, Do­sen, Gladiolen und andere Florblumen. Besonders interessant verspricht die Ausstellung von Zim­merpflanzen, selbstgezogenen Gemüsen und trotz des schlechten Obstjahres auch die Obstausstellung zu werden. Die besten Leistungen werden mit Preisen bedacht. Die Behörden haben ihre Mit­wirkung zugesagt. Näheres ist aus dem heutigen Anzeigenteil ersichtlich.

Oie Arbeitsmarktlage in Hessen und Hessen-Nassau.

Ueber die Arbeitsmarktlage in Hessen und Hessen-Nassau berichtet das Landesarbeits­amt Hessen in Frankfurt a. M.: Die Gesamt­zahl der bei den Arbeitsämtern des Bezirks des Landesarbeitsamts Hessen gemeldeten Arbeit­suchenden hat am 31. August 308 926 betragen, davon sind 49 490 weibliche Personen. Gegenüber

dem Stand von Monatsmitte mit 316 663 Ar­beitsuchenden (51311 weibliche) ist also eine Ver­minderung um 7739 2,4 v. H. eingetreten. Dieser Rückgang kann jedoch worauf auch die meisten Arbeitsämter Hinweisen nicht als eine Besserung der Arbeitsmarktlage angesehen wer­den: vielmehr sind die Abgänge hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß ein großer Teil der aus der Unterstützung Ausgesteuerten oder wegen mangelnder Hilfsbedürftigkeit Ausgeschiedenen sowie viele nach den neuen Grundsätzen von den Arbeitsämtern nicht mehr als Wohlfahrtser­werbslose anerkannte Arbeitslose die Arbeits» amtet nicht weiter in Anspruch nehmen.

In der Landwirtschaft, in der Dasaltindustrie, im Portefeuillegewerbe und in der Schuhindustrie beruht die Abnahme der Arbeitsuchenden aber vorwiegend auf einer leichten wirtschaftlichen Be­lebung. In der Dasaltindustrie sind Einstellungen besonders infolge des Arbeitsbeschafsungspro- gramms der Reichsregierung erfolgt. In Unter­stützung haben sich am 31. August insgesamt 101 358 Personen befunden (34 302 in der Ar­beitslosenversicherung und 67 056 in der Krisen­fürsorge). Ganz erheblich gewachsen ist die Zahl der im freiwilligen Arbeitsdienst Beschäftigten, und Mar nach dem vorläufigen Ergebnis der Zählung vom 31. August auf rund 19 000, das ist eine Zunahme gegenüber dem Stand vom 30. Iuli (rund 14 400) um 32 v. H. Unter den verfügbaren Arbeitsuchenden haben sich nach dem vorläufigen Ergebnis der Zählung vom 31. August 115 976 von den Arbeitsämtern anerkannte Wohlfahrtserwerbslose befunden, und zwar 104 876 Männer und 11 100 Frauen.

KeineRekordernte" in Deutschland.

Die Landwirtschaftskammer für Hessen teilt mit:

In den letzten Wochen wurden des öfteren Mitteilungen veröffentlicht, wonach angeblich Deutschland in diesem Iahr eine Rekord­ernte zu verzeichnen habe. Häufig werden über günstige Teilergebnisse der Ernte be­richtet, die jedoch keineswegs verallge­meinert werden können. Infolge der starken Niederschläge im Iuni und Juli in weiten Bezirken des Reiches und auch des Hessenlandes sind nicht unerhebliche Schäden aufge­treten. Das Getreide kam zum Teil schon vor der Blüte zum Lagern. Es ist einwandfrei fest- gestellt, daß im engsten Bezirk ganz erhebliche Unterschiede in der Ernte solchen Getreides aus­getreten sind, das frühzeitig gelagert hat: wäh­rend aus einem in der Nähe befindlichen Acker kein Lager aufgetreten war und das Ernte­ergebnis günstig ausfiel. Außerhalb Hessens sind insbesondere in Ostpreußen und Pommern, ferner in Nieder- und Ober-Schlesien erheb­liche Ertragsminderungen festzustellen.

Bornotizen.

TogeskalenderfürFreitag. DfB. 08: 21 Uhr, im Dereinsheim, Monatsversammlung. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Peter Boß, der Mil­lionendieb".

** Sonderzug zur Edertalsperre. Am Sonntag, 11. September, verkehrt von Friedberg aus über Gießen ein Sonderzug der Reichsbahn nach Waldeck zum Besuch der Edertalsperre. Die Fahrpreise für diesen Zug sind um die Hälfte er= mäßigt. Abfahrt des Zuges in Friedberg 6.50 Uhr. Der Zug hält dann noch zum Einsteigen in Bad- Rauheim, Butzbach, Gießen und Lollar. In Gießen I ist für die Hin- und Rückfahrt Anschluß aus Rich­

tung Nidda und Wetzlar. Abfahrt in Gießen um 7.35 Uhr. Der Sonderzug ist bereits um 9.51 Uhr in Buhlen und um 10 Uhr in Waldeck. Die Sonder- zugreisenden werden von Führern kostenlos sach­kundig geführt. Auf der Rückfahrt (Waldeck ab 15 Uhr) ist in Bad Wildungen ein 3^stündiger Aufenthalt vorgesehen. Abfahrt in Bad Wildungen 19 Uhr. Ankunft in Gießen 21.07 Uhr, Friedberg 21.51 Uhr.

Auslösung der Zentral-Waren­vermittlungs-Genossenschaft. Dieser Tage fand hier im Hotel F a u l st i ch die letzte Ge­neralversammlung der Zentral-Warenvermitt- lungs-Gcnosscnsc^st für Konsumwaren statt. Nachdem die Verwaltung bereits schon früher die Liquidation der Genossenschaft beschlossen hatte, sollte sich nun auch die Generalversamm- lung entschließen. Den Geschäftsbericht erstattete Geschäftsführer Rodenhausen, und den Re­visionsbericht Derbandsrevisor Iolk, Gießen. Die Bilanz wurde genehmigt und dem Vorstand und Aufsichtsrat Entlastung erteilt. Einstimmig wurde dann von der Generalversammlung der Beschluß gefaßt, daß der Geschäftsbetrieb der Warenvermittlungsgenossenschaft an die Land­wirtschaftliche Hauptgenossenschaft in Frankfurt am Main übergehen soll. Die ZentraUvarenver- mittlungsgenossenschast löst sich auf. Der Ge­schäftsbetrieb wird wie bisher weitergeführt und bleibt in Gießen: die organisatorische und finan­zielle Leitung geschieht von der landwirtschaft­lichen Hauptgenossenfchaft Frankfurt aus. Durch die Uebergabe des Geschäftsbetriebes der bisheri­gen Zentralwarcnvermittlungsgenossenschaf t an die Landwirtschaftliche Hauptgenossenschaft des länd­lichen Genossenschaftsverbandes, erwartet man eine noch bessere Förderung der dem Ländlichen Genossenschaftsverband angeschlossenen Klcinvcr- kaufsstellen, um so mehr, da jetzt alle Genossen­schaften bedient werden können, was früher nicht der Fall war. Als Gäste nahmen an der Ge­neralversammlung Generalsekretär Beck vom Ländlichen GenossenschaftsverbandRaiffeisen" | c. D. Frankfurt, Direktor Flei ne rt von der Landwirtschaftlichen Hauptgenossenfchaft, und Di­rektor Iolk von der Genossenschaftlichen Zen­tralkasse teil. Letzterer hielt abschließend einen Vortrag überFragen des genossenschaftlichen Geldverkehrs", wobei er auch über die vor kur­zem in Berlin geführten Verhandlungen mit der Preuhenkasse, die Zinssenkung oetreffend, berich­tete. Die Zentralwarenvermittlungsgenossenschaft Gießen bestand feit einigen Jahren und hatte sich gut entwickelt. Sie hatte den Zweck, für einen großen Teil der Genossenschaften von Oberhessen und des Kreises Wetzlar, die Kleinverkaufs­stellen eingerichtet hatten, die Waren im Einkauf zu vermitteln. Ueber 30 Genosfenschasten wur­den von der Genossenschaft versorgt. Durch die nunmehrige Zusammenlegung ist ein weiterer Ausbau möglich.

Die Reichsbahndirektion Mainz bleibt.

WSN. Mainz, 8. Sept. In diesen Tagen wurden Gerüchte laut, die von der Versetzung des Mainzer Reichsbahndirektionspräsidenten Lochte nach Altona und einer im Zusammen­hang mit dieser Versetzung stehenden Auflo - f u ng derReichsbahndirektionMainz wissen wollten. Wie von zuständiger Stelle der Hauptverwaltung der Reichsbahn-Gesellschast hierzu erklärt wird, trifft es zu, daß wahrschein­lich eine Versetzung des Mainzer Reichsbahn- direktionspräsidenten nach Altona in gleicher Eigenschaft erfolgen wird. Die endgültige Ent­scheidung über diese Personalfrage trifft der Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahngesell- schaft in einer Sitzung, die Ende September statt­findet. Wenn im Zusammenhang mit dieser be­vorstehenden Versetzung des Präsidenten der

Reichsbahndirektion Mainz Gerüchte über eine bevorstehende oder beabsichtigte Auslösung der Reichsbahndirektion Mainz und ihre Zusammen- legung mit einem benachbarten Reichsbahndirek­tionsbezirk aufgetaucht sind, so erklärt sowohl die Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahnge­sellschaft als auch die hessische Gesandtschaft, daß diese Gerüchte jeder tatsäch­lichen Grundlage entbehren. Die Reichsoahnhauptverwaltung erklärt ausdrücklich, daß sie einen Qlbbau der Reichsbahndirektton Mainz nicht beabsichtigt.

(Starkenburg.

WSN Darmstadt, 7. Sept. Im Scnsfclder Weg besitzen Arbeiter und Erwerbslose eine Klein- gartcnanlagc, in der auch zahlreiches Kleinvieh ge­halten wird. Groß war jetzt der Aerger, als ein Kleingärtner morgens feststellen mußte, daß e i n Fuchs ihm in der Nacht 18 Hühner und zwei Tauben totgebisfen hatte. Im Verein mit dem Iagdpächter ging man dem roten Räuber zu Leibe. Ein Lockhuhn eines anderen Kleingärtners mußte fein Leben lassen, bis der Fuchs in die ,lalle ging. Als man die Falle morgens revidierte, hatte er sich bereits einen eingeklemmten Fuß f a ft durchgebiffen, um wieder lvszukommen.

Die Christlichen Metallarbeiter gegen die Wirtschastsverordnung.

WEN. Darmstadt, 8. Sept. In Darmstadt tagte am Mittwoch eine Konferenz der Führer des Christlichen Metallarbeiterverbandes deS Rhein-Main-Nahegebietes, die sich mit der neuen Notverordnung zur Ankurbelung der Wirtschaft beschäftigte. In einer Entschließung wird gesagt, daß der Christliche Metallarbeiterverband bereits im Iahre 1930 ourchführbare Vorschläge zur Uebertoinbung der Wirtschaftskrise gemacht habe. Diese Vorschläge gehen davon aus. daß das gesamte Volk zu einem Notopfer herangezogen werden solle. Im Ge­gensatz zu diesen Vorschlägen fordere die Not­verordnung ausschließlich Opfer von der Arbei­terschaft. Die Arbeiterschaft sei aber nicht ge­willt, dauernd einseitige Opfer zu bringen und lehne die neue Notverordnung als unerträglich ab. Die Volksvertretung und der Reichspräsident werden aufgefordert, die Ausführung der Not­verordnung zu unterlassen.

Cm Zeichen der Zeit!

WSN. Groß-Gerau, 8. Sept. Bei der schulärztlichen Untersuchung der Kinder der hie­sigen Volksschule wurde festgestellt, daß etwa 25 Prozent der Knaben und etwa 30 Prozent der Mädchen, die zu Ostern aus der Schule zu entlassen sind, nur bedingt berufss ähig sind. Allgemein hat sich der Gesundheits­zustand der Schulkinder verschlech­tert: er spiegelt die schwere wirtschaftliche Not weiter Kreise wieder.

Wettervoraussage *

Allgemeiner Barometeranstieg über Europa hat einerseits im Osten hohen Druck aufgebaut, andererseits das Tief über den britischen Inseln wesentlich abgeflacht. Somit Has die Warmluft bei uns bisher nur Bewölkung verursacht, ohne daß dabei wesentliche Niederschläge auftraten. Wenn auch die britische Störung keinen stärkeren Einfluß mehr bekommt, so ist eine beständige Wetterlage doch nicht zu erwarten, zumal sich ein neues Fallgebiet im Raume von Island heranbewegt.

Aussichten für Samstag: Bewölkt und aufheiternd ohne erhebliche Niederschläge, im ganzen milder.

Lufttemperaturen am 20. September: mittags 20,2 Grad Celsius, abends 15,4 Grad.

WM NMWS

Roman von Hertha Fricke

Urheberrechtsschuh: Verlag Oskar Meister, Werdau 17. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Da kam ein Brief von Exzellenz, daß sie ihre Witwenpension ihrem Bruder zur Verfügung gestellt habe, weil dieser recht knapp fei. ?)cr Landwirtschaft ginge es schlecht. Selbstverständ­lich habe der Bruder ihr dafür eine Hypoth^ eingetragen. Es sei dem guten Onkel scheinbar sehr gegen den Strich gegangen, daß Eva-Marie nicht in die Verbindung mit Dem vermögenden Herrn von Bork gewilligt habe. Er habe da wohl einige Hoffnungen verloren. Sie habe ihrem Bruder nun versprochen, min­destens ein Iahr bei ihm zu bleiben und ihm ihre monatliche Pension zur Verfügung zu stellen. Dafür sei sie wohl aufgehoben und ver,orgt. Er habe sich auch sehr freundlich bereit £.r aV Eva-Marie jederzeit besuchsweise gern aufzuneh- men. Seit sie nun damals auf Rügen die reizend liebenswürdige Frau Andresen kennengelernt habe, finde sie es für ein junges Mädchen gar nicht schlecht, sich auf solche Weise in Der Well umzusehen. Die Kusinen hätten Eva-Marie auch beneidet, da Onkel Hans ihnen aus pekuniären Gründen jede auch noch so kleine Reise Derjagen müsse. Sie bedauerte noch einmal von Herzen den Tod der lieben Frau Renate und wünschte Eva- Marie bald einen wieder so vorzüglichen Platz. Zuerst sei sie wohl noch unabkömmlich der kleinen mutterlosen Tochter wegen. Bei Gelegenheit.ollte Eva-Marie doch auch einmal nach der Wohnung und den Mietern sehen. Vielleicht fei spater Gelegenheit, die Wohnung nach Potsdam zu vertauschen. Sie fühle sich doch nie mehr wohl in Berlin und sehne sich nach einem stilleren Platz. Sie werde ja nun auch älter! Uno im schönen, alten Potsdam seien noch io viele Be­kannte von ihr. Solche Briefe schrieb Mama öfter. Dinge, die weit in Der T^ne oder weit in der Vergangenheit lagen, beschäftigten ihren Geist. So wie man bei den Teestunden plauderte. Don Dingen, die in der Luft schwebten, und die vielleicht niemals realisiert wurden. Wunsche, die ebenso schnell wieder verflogen, wie sie ta­rnen. Eventualitäten, mit Deren Ernst man gar nicht rechnete.Kleine Mama! dachte Eva- Marie.Es ist wohl gut, Daß Du auf Groß- Kubitz bist unD in Die Wolken hinaus träumen kaiinst, Denn für Das praktische Leben bist Du nicht geeignet!" Wie gut, Daß Onkel Hans sie brauchte! So war sie nicht überflüssig Dort, fonDern em nützlicher Gast. Eva-Marie war zufr^Den, Die Mama so gut unter 'acht zu wissen. Sie wollte

nun zuallererst ihr Versprechen einlösen unD Dann aufs neue eine Stellung suchen. Nach Groß-Kubitz zu fahren, kam erst später in Betracht. Onkel Hans würbe seine Enttäuschung zeigen, Die Mama taufenD Möglichkeiten für eine neue Stellung be­sprechen, Die illusorisch waren. Die Kusinen wür- Den ihr erzählen, wie langweilig es so jahraus, jahrein in Groß-Kubitz sei, unD wie mehr sie Eva-Marie um ihre Reise beneiDeten. Alles überflüssig! 3a, die eine Kusine hatte sogar Die Frage fertigbekommen, ob die Dame sie gar nicht im Testament bedacht hätte! Eva-Marie lächelte müde. Das war ihnen wichtig! Lauter äußere kleinliche Dinge! Wie sehr sie Der AbschieD von Frau Renate geschmerzt hatte, Die ihr wie eine Schwester nahegestanDen, für Die sie, Eva- Marie, wie eine treue Schwester gesorgt unD ge­bangt hatte, Davon begriffen Die Groh-Kubiher gar nichts, höchstens Die kleine Mama, Die Re­nate in Saßnitz kennengelernt.

Eva-Marie hatte sich von Herrn AnDresen verabschiedet, kurz nach Der Einäscherung Frau Renates. Sie besuchte Klein-Gerti noch einmal in ihrer Pension und nahm sie mit auf einen kleinen Spaziergang im Tiergarten, der in einer Konditorei endete. Gerti war noch sehr nieder­gedrückt durch Den ToD ihrersüßen Mutti", Wie sie Die Verstorbene mit feuchten Augen nannte, aber gleich Darauf erzählte sie nach KinDerart von Drolligen Dingen, Die in Der Pension passiert waren, auch Davon, Daß Der gute Papa ihr ein Fahrrad versprochen habe, und daß sie mit ihm in den Ferien verreisen

würde.

Eva-Marie lenkte des Kindes Sinn auf andere Dinge und versprach Gerti, sie öfters zu be­suchen, so oft, wie sie in Berlin war.

Eva-Marie hatte sich für einen Monat em keines möbliertes Zimmer genommen, um em Unterkommen zu haben, bis sich irgend etwas ent- schieden hatte. Im Hause Andresen mochte sie nicht bleiben, trotzdem ihr dort Wohnung und Verpflegung bis zum Kündigungstermin zur Ver­fügung gestanden hätte. Aber sie dachte Des Tages an Dem sie Herrn» AnDresen ausDrucklich aefragt batte, ob sie in seinen Diensten stanDe ober in Denen seiner Frau. Damals war es ihr angenehm, Daß sie von Rechts wegen nichts mit ihm AU tun hatte. Nun war Dies ausschlaggebenD,

3üe leine Stunbe mehr blieb. Zur Gesell­schaft dieser Hausdame fühlle sie sich auch nicht 9<sÄimmer, das sie bei einet älteren Same □e mietet hatte, war ganz nett und freundlich. Eva-Marie revidierte ihre Garderobe und machte sick reisefertig. In Dem Kuvert, obenauf in jenem Kästchen, laA DreihunDert Mark, Die Renate für die Reise zu Klaus Behrens bestimmt hatte. La-Matte war froh, daß Dies GelD Da war, beim ihre Barschaft war nicht groß. Hatte Renate

auch bamals auf Rügen für hübsche (Sommer­lleiber gesorgt, so war Doch an Wäsche und Schuhwerk manches zu ersetzen gewesen. Auch ein guter Koffer war nottoenDig getoorDcn, unD bann hatte Eva-Marie es sich nicht versagen können, ben arm geworbenen Damen ihrer Kreise hier und da auszuhelfen. Sie gab ihre Ersparnisse auf eine Dank, ihre Sachen ihrer sehr anständig aussehenden Wirtin in Verwahrung und reifte mit dem Handköfferchen, in dem das silberne Geheimnis, wie Renate Andresen die kleine Schmucktruhe genannt hatte, sich befand.

Es war eine lange trübe Herbstfahrt. Regen vor ben Wagenfenstern, die Landschaft in grau. Und ihr Ziel so ungewiß! Bremen war weit. Don Berlin aus dies schriftlich zu erledigen, war nicht gut möglich. Erstens mußte sie des Mannes Adresse wissen, und dann war es Renates Wunsch gewesen, daß sie es ihm selbst bringen sollte, es ihm möglichst so zu geben, daß ihm keine Unannehmlichkeiten seitens der jungen Frau werden konnten.

Wenn man die Stadt weiß, in Der ein Mensch wohnt, muh man ihn doch wohl finden können!" dachte Eva-Marie und sah Den rinnenden Regen­tropfen am Fenster nach, bis sie der Eintönig­keit müde wurde und einschlief.

Spät am Abend kam sie an. Es war kalt und stürmisch in Der alten schönen WeserstaDt. Die ein­förmige Ebene, Durch Die sie gekommen war, hatte sie nicht interessieren können. Sie beschloß aber, sich Die Stadt Der alten Erzbischöfe anzusehen, sobald sie sich ihres Auftrages entledigt hatte. Das B.-' hosshotel schien ihr gut und bequem zum Ab .gen. Sie befreite sich vom Reisestaub und setzte sich in Den freunDlichen Restaurations­raum. Sie unD trank etwas unD ließ sich Dann das Adreßbuch geben. Das war Doch Der ein­fachste Weg.

Behrens, Klaus, Kapitänleutnant a. D.", ftanD Dort wirklich, das war er! Holler Allee. Eva- Marie notierte sich Straße unD Hausnummer und überlegte, wie sie ihn am besten treffen könnte. Ohne weiteres in Die Wohnung zu gehen, schien ihr nicht richtig. Cs würbe boch eigentüm­lich wirken, wenn sie als junge Dame nach Dem Herrn fragte unD nicht nach Der Dame. Cs war auch nicht ausgeschlossen, Daß Die Dame des Hauses ihr die Tür offnen würde und fragen, was sie von ihm wolle.

So nahm sie Denn DaS Briefpapier Des Hotels unD schrieb:

Sehr geehrter Herr Kapitanleuttrant!

Ich bin von Berlin gekommen, um Ihnen zu sagen, Daß Frau Renate Andresen gestorben ist Sie hat mir von Ihnen gesprochen, und ich soll Ihnen von ihr erzählen, die nun nicht mehr auf dieser Erde ist und doch, solange sie lebte, in Treue Ihrer gedacht hat. Ich gab ihr das Versprechen, Sie zu suchen und Ihnen

eine kleine, silberne Truhe zu bringen, Deren Inhalt nur für Sic bestimmt ist, Darum bin ich hier und bitte Sie, entweder zu mir in Dies Hotel zu kommen und mir durch den Ueberbringer die Stunde angeben zu wollen, ober mir sagen zu lassen, wann und wo ich Sie sonst sehen kann.

Hochachtungsvoll Eva-Marie von Diemen."

Beruhigt legte sie sich schlafen. Cs schien alle- so einfach und leicht, und ermüdet von der lan­gen Fahrt, schlief sie tief und gut die ganze Nacht.

14.

Es war spät, als Eva-Marie in ihrem Hotel­zimmer erwachte. Die Regenwolken hatte ein rascher Wind verjagt, und der Himmel stand klar. Sie freute sich darüber, kleidete sich rasch an und frühstückte. Der Kellner besorgte einen Boten für ihren Brief, und sie wartete gespannt auf Antwort. Es dauerte recht lange, Denn die Holler Allee war weit. Sie versuchte sich Die Wartezeit mit Den Zeitungen zu vertreiben, aber eine gewisse Unruhe ließ sie mehr zum Fenster hinausschauen, als in Die Blätter. EnDlich sah sie Die rote Mütze Des Boten. Sie ging ihm bis in Den Hausflur entgegen. Aber Der Mann be­dauerte, daß er Den Herrn Kapitänleutnant nicht selbst habe sprechen.können. Er sei vor längerer Zeit als erster Schiffsoffizier Des NordDeutschen LloyD nach Southampton gefahren unD kehre erst in einigen Wochen zurück. Der Brief würDe ihm uneröffnet nachgesanDt toerDen. Eine alte Dame habe ihn angenommen.

Eva-Marie saß wie vor Den Kops geschlagen. Was nun? Sollte sie die Sachen aufs unge­wisse wieder mitnehmen? Das Nach'enDen der­selben würde die größten Zollschwierigkeiten ma­chen. Zudem war es wohl schwer, seine Ausland­adresse zu erfahren. Es konnte verlorengehen.

Sie saß und sann und grübelte. Sie wollte und mußte einen vernünftigen Weg finden, ihm Re­nates Vermächtnis zuzustellen. Wenn sie Den silbernen Kasten wieder nach Berlin mitnähme, wußte sie auch nicht wohin Damit. Sie mußte boch wieder eine Stellung annehmen, und wußte heute noch nicht, in was für ein Haus sie käme und ob es sichere Gewähr bot, baß ihr diese kleine Kostbarkeit nicht verlorengehen konnte. So kam sie endlich auf ben Gedanken, das anver­traute Gut im Tresor einer Bremer Bank ver­wahren zu lassen. Kam Klaus Behrens dann viel­leicht nach Berlin, so konnte sie ihm die Tresor­schlüssel Dort aus händigen, mußte sie wieder hier­her, so war es ebenso einfach. Durch den "Brief würde Klaus Behrens ja von ihr erfahren, sie mußte ihm nur noch Gelegenheit geben, daß er an sie schreiben konnte, sobald er zurückkam. r

(Fortsetzung folgt),