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9.7.1932 Erstes Blatt
 
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ltt. 159 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Das Erbe von Langemarck.

Zur Einweihung des Gefallenen-Kriedhofee der deutschen Studenten.

Äugend von Langemarck,

Studenten, Handarbeiter. Bauernenkel deutscher Erde,

Singend gefallen in der Flandernschlacht, Okto- bcr 1914,

Du lebst in uns als Geist, als Tat als Wille, Denn wir sind Söhne, Erben, Schlüsselträger ewig Deines Glaubens, deines Opfers, deiner Liebe.

Da lebst du in uns:

Wo ein Herz pocht: Deutschland!

Und wo die Augen lieben: Deutschland!

Und wo die Lippen beben: Deutschland!

Und wo sich Hände schlingen: Deutschland!

Und wo ein Volk in Not und Qual und Zorn aufschreit

Zum großen, ungeheuer stummen Gotteshimmel: Deutschland! Deutschland!

Laß, Himmel, es in uns erstehn,

Laß, Himmel, uns in ihm vergehn!

Brich unfern Leib als heilig Opferbrot, Nimm unser Blut und segne unfern Tod! Denn wir sind nichts

Und alles ist das Reich!

Do lebst du bei uns, in uns, Geistgewordne, sieghaft vollendete, unsterbliche Äugend von Langemarck!

Morgen, am Sonntag, den 10. Juli, stehen Ver­treter der deutschen Studentenschaft gesenkten Haup­tes vor den endlosen schlichten Gräberreihen des Soldatenfriedhofes von Langemarck. Die beglische Regierung übergibt die Schlüssel zur Pforte und schenkt damit bte|e heilige Erde der Toten, die selbst der Feind ehrt und bewundert, dem deutschen Volke, der deutschen Jugend.

Feierlich wird dieser Tag an den Universitäten im Reich begangen. Der Dichter und Frontkämpfer Josef Magnus Wehner wurde von der Studenten­schaft mit der Fassung einer Ansprache betraut, die zu gleicher Stunde mit gleichem Wortlaut an jeder Hochschule vor Tausenden und Abertausenden junger Männer verlesen werden wird, vor den Erben, den Bewahrern des Geistes jener, die 1914 singend, das Deutschlandlied auf den Lippen, die todumheulten, grausam flachen flandrischen Höhen von Langemarck stürmten. In den Herzen und See­len der Jugend von Langemarck lebte ein über- irdischer, ein unsterblicher, den Tod überwindender Wille: abzuwerfen das Ich, einzugehen in das Wir. Jeder Schritt, den sie dem Feinde entgegen maßen, war ein Schritt für Deutschlands Größe, war eine Welle des uralten Traums vom Reiche der Deut­schen, das nicht an den Grenzen aufhört. In ihren Herzen waren Liebe und Glaube so unfaßbar groß, daß sie über den Tod hinaus und über die bitte­ren Jahre seit Versailles hinweg weiter glühten und nun von neuem durchbrechen in opferwilligster Hingabe tausender junger Menschen aller deutschen Parteien, die auf ihren Lippen und inniger und tapferer in ihren Herzen wieder Süße und Heiligkeit des mythischen Wortes Deutschland! füh-

Tif Toten von Langemarck grüßen im Geiste diese erglühenden jungen deutschen Männer unserer Tage als ihre Söhne und Erben. Und doch sind cs nicht sic in erster Linie, welche die Toten suchten und suchen die dunklen Nächte und grauen Tage hindurch in dieser gnadenlosen Zeit, sondern jene, die verschüttet vom Alltag und beworfen mit dem Fluch der Zwietracht, der Schwäche und Angst, aus Not und Verwirrung heraus nach dem eigenen Ich als letztem Halt greifen. Sie sagen: auf meine Person kommt es an, in mir allein ist Deutschland, und wenn ich mir diene, diene ich allen. Sie tun es in bester Absicht, wenn auch mit Trotz und Hart­näckigkeit, aber sie wissen nicht mehr, daß ein Volk sich nicht selber bauen kann, sondern daß es ge­baut wird von Gott, vor dem auch die Fürsten und Kaiser klein sind. Nicht das Ich, nicht die Existenz des Einzelnen ist wichtig für den Bestand eines Volkes, so nützlich Leistung und Tätigkeit eines selbstbewußten Menschen auch sein mögen son- dern. die Fähigkeit, aufzugehen in einer höheren, überpersönlichen Idee, in sich zu spüren das Rau­schen eines Stromes, der vor den Ahnen durch un­sere Leiber hingeht in die Zukunft und jedes Neu­

geborene schon durchblutet. Dieser Glaube an den Mythus gibt einem Volke Stoßkraft über Jahr­zehnte und Jahrhunderte des Elends hinweg und mehrt die Summe des Guten, das ein Volk der Menschheit zu schenken vermag.

Langemarck ist ein solcher heroische Augenblick in der deutschen Geschichte, wo der Mythus sicht­bar und singend vor Auge und Ohr des deutschen Volkes trat. Im Langemarck von 1914 und in der nationalen Bewegung von heute und morgen schließt sich ein Kreis unmerklich, wenn wir nun von der Trauer über den Tod dieser Jugend zu einem starken gläubigen Ja! und zur Erkenntnis der Notwendigkeit ihres Opfertodes kommen.

In einer Äugend, die sich so weit zu entäußern vermochte, daß sie singend ihr Leben dem Vater­lande darbot, nicht aus nüchterner Disziplin, nicht aus blassem Fatalismus nein, als freudigstes Geschenk und heroisches Los in dieser Äugend und in einer neuen, welche die Schlüssel zum Gei­stesreich dieser Toten überliefert bekommt und sie entgegennimmt, beginnt Sinn und Sendung un-

Von unserem

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Reichenberg, 3uli 1932.

Auch über die deutschen Randgebiete der Tschechoslowakei spülen die Fluten der Arbeitslosigkeit hinweg. Das emsige Volk der Tuchmacher und Glasbläser steht unter dem sich ständig verschärfenden Druck der Welt­wirtschaftskrise, die sich in den großen Webereien und Werkstätten ebenso bemerkbar macht wie in den Hütten der Heimarbeiter. Städte, wie Rei­ch e n b e r g und Gablonz, die einstmals ganzen Arbeiterbataillonen lohnende Beschäftigung gaben, müssen nun finnen und überlegen, ihre Er­werbslosen übev Wasser zu halten. Leicht wird ihnen das nicht gemacht. Die Prager Regierung denkt stets zuerst an die arbeitslos gewordenen Rationaltschcchen. für sie greift der Staat bereit­williger in die Tasche als für die von ihm ebenso erbittert bekämpften wie gehaßten Deutschen. Rur über die Gewerkschaften leistet er einen Zuschuß zu den von diesen Organisationen aus- geworsenen Unter st ützungen. Aber auch hier bedarf es stets heftiger Auseinandersetzungen, um von der Staatsregierung die gesetzlich fest­gelegten Zuwendungen ausgehändigt zu erhalten, die die Gewerkschaften vorher verauslagen, also bei den Danken gegen hohe Verzinsung sich aus­leihen müssen, während es oft Monate dauert, bis sie wieder in den Besitz ihrer Gelder kommen. Auch hier spielt der Haß der Tschechen eine große Rolle, der sich am liebsten über die sich auch auf die deutschen Arbeiter.erstreckende. gesetzliche Für­sorgepflicht hinwegsehen möchte. Rur wäre es falsch, annehmen zu wollen, daß die tschechische Arbeitslosenhilfe sich ungefähr mit den Einrich­tungen im Reiche deckt. 3n der Tschechoslowakei gilt das Genter S y st e m, d. h. die Gewerk­schaften leisten Unterstützung auf Grund der ein­gezahlten Beiträge. Sie erhalten zur Weiter­verteilung noch einen Staatszuschuß hinzu. Aber nicht alle Arbeitslosen sind gewerkschaft­lich organisiert. Groß ist die Zahl derjenigen, die mit dem dürftigen Gemeindesah von ganzen zehn Kronen, also von 1,25 Mk. wöchentlich auskommen müssen. Das ist in der Tat zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Wohl bemühen sich Gemeinden und Burger, durch Rothilfen fort­laufend Gelder flüssig zu machen. Der gute Wille, den Volksgenossen nicht verkommen und verelen­den zu lassen, ist wohl überall vorhanden. Rur sind der Gebefreudigkeit durch die enormen Steuern und die katastrophale Wirtschaftslage äußerst enge Grenzen gezogen!

War es früher noch möglich, einen nicht un­erheblichen Teil der Gemeinde st euern der Wohlfahrt zur Verfügung zu stellen, so ist es

seres Volkes: Führer und Vorbild der Menschheit zu sein, wunderartig, wetterleuchtend, unfaßbar herrlich für Augenblicke im Meer der Zeit Tat und Erfüllung zu werden.

Die Deutsche Studentenschaft ist es, die es sich zur Pflicht gemacht hat, die Ehrenställe Langemarck durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auszubauen und als Pate für immer zu betreuen. Schlicht und doch wuchtig, ganz wie jene Helden waren, so ist die Ehrenstätte Langemarck geschaffen worden. Aus Sandsteinquadern am Eingänge eine Ehrenhalle. In ihr auf Eichentafeln geschnitzt die Namen der Zehntausend, die hier unter Bäumen gebettet liegen. An der Stirnseite der Gräberstätte ein mit Mohn dicht bepflanzter Ehrenraum. Hier stehen noch, neu ausgemauert, drei Betonunterständc, und die hier verlaufene Kampffront wird dargestellt durch eine Linie von 52 Steinsarkophagen, die die In­schriften studentischer Verbindungen und beteiligter Truppenteile tragen. Ein Plattenweg führt an ihnen entlang. Umschlossen wird dieser Ehrenraum von einem breiten Wassergraben. Der Kampf vom November 1914 wird hier versinnbildlicht: nach Oeffnen der Pferschleusen durch die Belgier ver­steinerte die Front.

^--Berichterstatter.

heute der Staat, der seine Ansprüche rücksichtslos geltend macht. Er ist unersättlich, braucht Geld und immer wieder Geld, um seinen kost­spieligen militärischen Reigungen, aber auch seinem Größenwahn namentlich auf kulturpoli­tischem Gebiet nachgehen zu können. Wer hätte in den sudetendeutschen Gebieten etwas gegen gut ausgestattete Schulgebäude einzuwenden, wenn gleiches Recht für alle gälte und vor allem auch für den Bau dieser Schulpaläste sowie anderer Staatsgebäude deutsche Arbeiter herangezogen würden. Wird aber ein Gebäude aus Staats­mitteln, richter gesagt aus den Steuergroschen der Sudetendeutschen aufgeführt, dann sind tsche­chische Architekten, tschechische Lieferanten und tschechische Arbeiter die Rutznießer. Deutsche wer­den unerbittlich zurückgewiesen, selbst wenn sie am Ort wohnen. Dagegen werden Tsche­chen aus entserntesten Gegenden herangeholt. Die Bevorzugung des tschechischen Elementes ist über­haupt ein Kapitel für sich. Jahraus, jahrein wird intensiv daran gearbeitet, die herrschende Schicht der Tschechen in Lohn und Brot zu sehen, ihr die besten Poften einzuräumen und sie vor allem als Vorposten in die deutschen Sprachgebiete ein­zuschieben. An Mitteln, die Deutschstämmigen arbeitslos zu machen und auf die freigewordenen Plätze Tschechen zu sehen, fehlt es der Prager Regierung nicht. Es ging schon gleich nach dem Llmsturz damit los. Die G r e n jto älder und Grenzäcker wurden enteignet. Tschechen dafür in die freigewordenen Försterstellen oder in die geraubten Bauernhöfe gesetzt. Dasselbe gilt für die G r e n z b a u d e n, die vielfach schon tschechisch sind, während um die Wegnahme der noch von Deutschen bewirtschafteten Bauden der Kampf keineswegs ruht. HebetaH ist das gleiche Ziel gesteckt: Verdrängung der Deutschen zugunsten der Tschechen. Städte wie Rei­chenberg kamen ftüher mit dreißig Polizisten aus, heute liegen neunzig tschechische Polizoi- beamte in den Mauern dieser Gemeinde. Selbst­verständlich fehlt es nicht an rein tschechischem Militär, das Familien nach sich gezogen hat, während die eingezogenen Sudetendeutschen in entfernte Winkel der Slowakei gesteckt werden.

Es ist in der Tat interessant zu wissen, wie man in Prag zu Werke geht. Da gibt es e i n Sprachengesetz, das allen in öffentlichen Diensten stehenden Personen vorschreibt, die StaatLsprache, also das Tschechische, zu beherr­schen. Mit Hilfe dieses Gesetzes ist es bereits ge­lungen, Tausende von Sudetendeutschen a b z u- tz a l f t e r n und durch Tschechen zu ersehen. Das gilt namentlich für die Post» und Eisen­bahnbetriebe. Man glaube aber nicht, daß

Kleinkrieg jenseits der Sudeten.

Orchester-Konzert

-es Gießener Konzertvereins.

Werke von Nicolai, Bruch, Grieq und Johann Ltrantz

Das diesjährige Orchester-Konzert (Volkskon- tert) unter Mitwirkung des Gießener Orchester-Vereins gab einen Ausschnitt aus dem Schaffen des 19. Jahrhunderts. Das Programm hatte eine treffende Wahl unter dem vorgenommen, was einem Volkskonzert ange­messen erscheint, und von dem man die Gewißheit bat, daß es in seine Wesenseigenheit auch von weiteren Kreisen völlig erfaßt werden kann.

Otto R i c o l a i, unter den deutschen Musikern wohl einer der letzten Italienfahrer, hatte durch den langen Aufenthalt im Süden viele Elemente italienischer Musik in sich aufgezogen, ohne je- bod) in irgendwelche Abhängigkeit zu verfallen. Vielmehr haben die fremden Eindrücke seinen eigenen Erfindungsstrom gestärkt, und die An­regungen des Südens erfuhren durch ihn eine persönliche Amprägung. Die so gewonnene Leichtigkeit und Durchsichtigkeit im Stil fand ihren schönsten Riederschlag in seiner komischen Oper ..Die lustigen Weiber von Windso r", deren Erfolg der 39jährige Meister infolge Schwindsucht nur um acht Wochen überleben lallte odjon die Ouvertüre läßt jene ausge­wogene Mischung des Kornischen und Romanti­schen erkennen: ein reicher Born musikalischer Erfindung bindet sich mit feiner, fast mozartscher Charakterisierungskunst. Zauberhaftes Raturer­leben kündet die Einleitung der Ouvertüre: das Ganze ist erfüllt von einem ursprünglichen und darum innerlich befreienden Humor. Meisterhaft sind die Jnstrumentalfarben, voll Leichtigkeit, Feinheit und Schlagsicherheit. Schon die ersten Takte ließen aufhorchen, wie die Einleitung der Ouvertüre allmählich aufblühte in' ständigem Wachsen zu fülligem Klang, im Erschließen der lyrisch-romantischen Grundstimmung: mit Dlafti- Kber. säst gebärdenhafter Durchgestaltung des Thematischen in aller Eigenheit bis zum Grotesk- Btzarren, mit feiner Dachgiebigkeit und besonde­

rer Schmiegsamkeit in den ilebergängen, eine feinsinnige Ausschöpfung des Werkes.

Eine gewisse Mittlerstellung in der Geschichte des Violinkonzerts etwa zwischen Felix Mendels­sohn und Johannes Brahms fällt Max Bruch zu. Besonders sein erstes Violinkonzert in 0-Moll (1866: Joseph Joachim gewidmet) ist bis heute ein bevorzugter Liebling der Geiger- weit geblieben: und das mit vollem Recht. Denn es gibt mit seinem bedeutungsvollen musikali­schen Gehalt dem Geiger ein reiches Feld sowohl zu ausdrucksstarkem Spiel wie zur Entfaltung edler Kantilene und regt ihn zur Meisterung technischer Aufgaben an, die aber stets dem Geigerischen konform sind. Eine leichte ®ingäng- lichkeit des melodischen Gutes, fast ans Volks­tümliche grenzend, und eine dem Publikum ent­gegenkommende Verständlichkeit wird diesem Werk auch in kommenden Zeiten feinen Platz sichern.

In Rora E h l e r t (Köln) konnte man unzwei­felhaft eine starke geigerische Begabung feststellen, die in ihrem Studium schon einen sehr beacht­lichen Grad der Vollendung erreicht hat. Ver­heißungsvoll wurden die Cingangsrezitative in ihrer Feierlichkeit erfaßt: von Weihe getragen, voll innerer beseelter Wärme erstand das Adagio, tonschön, modulationsfähig. voll inniger Musikali­tät. Die weitere Entwicklung wird der Künst­lerin noch eine größere Sicherheit, den Durchbruch persönlicher Akzente, bringen. Ihr Ton wird noch an Stärke, Bestimmtheit und Expansion zuneh­men. Das Passagenwerk wird an Plastik gewin­nen und die zeitweilige Ansicherheit im Intonie­ren hoher Töne sich verlieren. Das begleitende Orchester hatte im Mitgehen, Ausgestalten der Grundstimmting und in den Steigerungen der Tuttistellen starken Anteil am Erfolge.

Edward Griegs Musik zu Ibsens .Peer G y n t" hat durch die beiden Suiten auch im Kon­zertsaal Fuß gefaßt. Rarnentlich aber die erste hat obwohl szenisch geschaut, auch losgelost von der Eindruckskraft des Bühnenbildes mit ihrer anschaulichen Bildhaftigkeit für den Komponisten geworben. Griegs Musik kennt kein Ringen mit geistigen Problemen, um so treffender fängt sie das Milieu mit typisch geprägter, stark im Lyn- Ichen wurzelnder Rote cm durch eine originelle Bindung des Harmonischen nut dem Melodischen.

DieM o r g c n ft i m m u n g strahlte leuchtend, farbgefättigt in schillerndem Tonlichtreflex auf mit schönem, sattem Klang.Ases Tod" war stimmungsstark durch gedämpften Streicherklang im Spiegel harmonischer Alteration, der man zeitweilig größere Deutlichkeit gewünscht hätte. Bildhaft wirkteAnitras Tanz", durch sein rhythmisches Kolorit und durch die instrumentale Thematik.In der Halle des Berg­könig s": Ein gigantisches dynamisches Erwach­sen aus dem plastischen Grundmotiv, gipfelnd in klanglicher Ekstase mit starken Akzenten des Schlagzeugs.

Eine ganz andere Welt erschließt sich bei Johann Strauß, dem Jüngeren (fein Vater, Johann Strauß der Aeltere, ist der Komponist des rhyth­misch beschwingten Radetzky-Marsches; einer seiner Nachfahren ist der bekannte Wiener Walzer-Dirigent Johann Strauß). Johann Strauß d. I. wurde der Erfüllet und Vollender des Wiener Walzers zu ver­geistigter, absoluter musikalischer Form. Schwelgende Melodik, biegsam, empfindungsvoll, doch nicht senti­mental, galant, vornehm, in ihrer aristokratischen Haltung ein Abbild von Alt-Oesterreich; dazu ein sprühender, zündender Rhythmus, erfüllt von star­kem, zuckendem Impuls, in der harmonischen Hal­tung über das Volkstumgebundene der Vorgänger hinausführend; charakteristische, pikante Instrumen­tation von bestechendem Reiz, niemals ein über­ladender Orchesterklang, frei von dem Schwulste seiner Nachfolger, rhythmisch gefedert durch pointier­tes Schlagzeug. DerK a i s e r w a l z e r" fesselte die Hörer ebenso im Vorüberziehen der klanglichen Epi­soden der Introduktion wie durch sein poesievoll er­faßtes Entschwinden in der Coda. Die einzelnen Walzer waren voll wienerischer Klangseligkeit; schwel­gend, jauchzend, ziehend, mitreißend. Als krönender Schluß dieF l e d e r m a u s" - 0 u d e r t ü r e voll klanglicher Delikatesse, Grazie und Verve.

Es war eine Freude, zu beobachten, mit welcher inneren Begeisterung das Orchester seinem musika­lischen wie geistigen Führer und Erzieher, Univcr- sitätsmusikdirektor Dr. Stefan Temesvary, in williger Ergebenheit bis zum Letzten folgte und 'M Vergleich zu früheren Aufführungen mit wachsen­den Zähigkeiten seine Ausgaben meisterte. Dr. H.

Samstag, 9. Juli 1932

es genügt, einigermaßen tschechisch sprechen zu können. Die Prüfungskommissionen verlangen eine vollkommene Kenntnis. Wer nicht besteht, ist er­ledigt. er mufft aus seiner Stellung heraus. Reuerdings will man sogar den T a b a k - Warenhändlern, die überall ihre Stände haben, zu Leibe gehen. Sie werden von den Tschechen der Gruppe der Beamten zugezählt, ohne auch nur irgendein Beamtenrecht zu be­sitzen. Weil sie aber die Erzeugniftc der Tabak­regie und die Wertzeichen der Post verkaufen, stehen sie nach tschechischer Ansicht in öffent­lichen Diensten, müssen alfo auch dort tsche­chisch sprechen, wo rund herum nur Deutsche wohnen. So nagt die tschechische Flut an der deutschen Minderheit, die noch immer ihre drei­einhalb Millionen Köpfe zählt, die aber die Tschechen durch eine Politik der Radelstiche, durch übermäßigen Steuerdruck und nicht zuletzt durch die Verfolgung aller politisch mißliebigen Ele­mente mürbe und gefügig zu machen suchen.

Roch hält der Wall der Sudetendeutschen, die in zahllosen Vereinen zufammengefaht sind und in ihrem Kampf um Sprache und Sitte treu Zu­sammenhalten. Aber wie lange wird die Wider­standskraft noch dauern? Rarnentlich in den ge­mischtsprachlichen Gebieten führen die Tschechen den Kampf mit einer unbeschreiblichen Wucht. Hier reiften sie alles an sich, hier bedrängen und bedrücken sie den deutschen Rachbarn, der es walt, seine Kinder in die deutsche Schule zu schicken, der nach wie vor seinen guten deutschen Ramen führt. Gerade in den geschlossenen Sied­lungen drohen aber dem Deutschtum ernste Ge­fahren. Richt zuletzt die unsicheren wirt­schaftlichen Verhältnisse sind es, die sich auf den Rachwuchs zahlenmäßig ungünstig auswirken. Dazu kommt, daß mit Verwaltungs­kniffen aller Art versucht wird, die Zahl der Deutschen künstlich herunterzusehen, um ihnen Schulen und andere kulturelle Einrichtungen weg­nehmen zu können. Döhmisch-Aicha, ein früher fast rein deutscher Ort, ist dafür ein typisches Beispiel. Einstmals lebten die Bürger von den Erträgnissen ihrer Aecker, dann zog so etwas wie Großmannssucht ein. Sie über­ließen ihren landwirtschaftlichen Besitz den um­wohnenden Tschechen, die also Vordringen konn­ten, beschränkten sich auf ihren Stadtbesih, der sich schließlich nicht mehr rentierte, so daß nun auch im Ort selbst die Tschechen Oberwasser ge­wannen. Heute ist das Deutschtum hier eine Minderheit geworden, die erbittert um ihre letzten Schulen kämpfen muß.

Anders sieht es dagegen auf dem Lande aus. Der Bauer versucht, seine Habe zu halten. Auch das wird ihm außerordentlich schwer ge­macht. sinken doch die Erträgnisse seiner Hände Arbeit immer weiter. Heute bekommt er nicht einmal mehr 50 Prozent des Endpreises seiner Erzeugnisse, muß aber steigende' Steuern auf­bringen. Dennoch halten die Landwirte zusam­men. suchen sich gegenseitig zu beraten und in Fachausschüssen moderne landwirtschaftliche Kenntnisse zu vermitteln. So ist es wenigstens möglich gewesen, den Lebensraum des Bauern weibgehendst auszunutzen und einen Produk­tionshöchststand zu erreichen. Zu beklagen ist, baft auch in den deutschen Gebieten die Land­flucht keine unbekannte Erscheinung ist, während in den Gemeinden zahlreiche deutsche Arbeits­lose die Straften bevölkern. Doch der Bauer ist die letzte Hoffnung der Sudeten­deutschen. Solange er auf feiner Scholle bleibt, solange gibt er Handwerkern und Arbeitern Be­schäftigung. Er ist der beste Schutz gegen die Tschechenflut, die auch ihn überspülen möchte, jedoch immer wieder von den ausgezeichneten Selbsthilfeovganisationen zurückebben muß.

Spiclplan der Frankfurter Theater.

Opernhaus. Sonntag, 10. Iuli: Zirkus Aimee. Montag, 11.: Die Zauberflöte. Diens­tag, 12.: Die Magd als Herrin. Der arme Ma­trose. Die spanische Stunde. Mittwoch. 13.: Zirkus Aimöe. Donnerstag, 14.: Irn weißen Röhl. Frei­tag, 15.: Zirkus Aimee. Samstag, 16.: Zirkus Aimee. Sonntag, 17.: Der Freischütz. Im weißen Röhl.

Schauspielhaus. Sonntag, 10. Iuli: Wet­ter veränderlich. Montag, 11.: Des Esels Schat-

Zeitschnften.

Das soeben erschienene Sommerheft des Inselschiffs", der Hauszeitschrift des Insel- Verlages, enthält Novellen, Essays und Gedichte von Albrecht Schaeffer, Felix Braun, Karl Scheffler, Karl Heinrich Waggerl, Rainer Maria Rilke u. a. Franz «choenberner schreibt über den großen englischen Dichter D. H. Lawrence, aus dessen neuem RomanDie ge­fiederte Schlange" eine Probe gegeben wird. 2lus dem seit langem erwarteten, im Herbst erscheinen- den Franzkskus-Buch von Felix Ti mm e r - manns wird ein KapitelDie Gerichtsverhand­lung" mitgeteilt. Die ausführliche Uebersicht am Schlüsse des Heftes unterrichtet über die Tätigkeit des Verlages und die für den Herbst zu erwar­tenden Werke.

Das Iuli-Heft derS ü d d e u t s ch e n M o n a t s- hefte" (München), betitelt sichDer deutsche Sport". Dr. Th. Lemald, der Präsident des Deutschen Reichs­ausschusses für Leibesübungen, bezeichnet als das spezifische Deutsche im Sport die Naturverbunden­heit, wie sie im Berg- und Wanderiport besonders in Erscheinung tritt, und den Mannschaftsgedanken, wie er in den gewaltigen Turnfesten oder dem Massenaufgebot der Staftelläufe gepflegt wird.Zur Geschichte der Leibesübungen" bringt Prof. Dr. M. Vogt (München) wertvolle Beiträge.Nationale und internationale Bedeutung des Sports" heißt der Aufsatz von Reichsinnenminister a. D. Dr. K. Iar- res. Nicht minder wesentlich ist der folgende Aufsatz non Dr. C. Diem, Generalsekretär des Reichsaus­schusses, überDie wirtschaftliche Bedeutung des Sport". Dr. W. Storz lHalle) berichtet über den Deutschen Hochschulsport" von seinen Anfängen bis zum heutigen Stande. Die kommende Richtung sieht der Verfasser im sog. Wehrsport, lieberFrauen- spart" schreibt Inge Braumüller (Berlin), die Welt­meisterin im Hochsprung, und überDie Seele im Sport" Dr. R. W. Schulte, Vorstand der Abteilung für Psychotechnik, Sport und Lebenskultur der Hum- boldt-Hochschule Berlin, lieberSport und Berus" schreibt Reichssportlehrer I. Waitzer (München), W. Hoepfner (Hannover) legt dar, daß körperliche und geistige Sporteignung auch im sog.Maschinen- spart", also Rad- und Motorsahren, Segel- und Motorflug usw., die unerläßliche Vorbedingung wirk­lich sportlich« Leistungen sind.