llr. 2UKvühaussabe
182. ZahrgMg
Donnerstag, 8. September 1952
Erfchernl täglich, außer Sonntags und Feiertags, vrilagen: Di« Illustriert« Gießener Familien blätter Heimat im Bild • Die Scholle
Monatr-Vezugspreir:
Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr.. , -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt.
Hernsprechanschlüss« anter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Hieben.
Postscheckkonto:
Frankfurt am Main 11686.
MehenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Vrv6 vnd Verlag: VrLhl'fche Univer^iair-Vuch. und Steinöruderei B. Lange in Sieden. Schriftlettung und Seschästrstelle: Zchulftraße 7.
Annahme oon Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für ( mm höhe für Anzeigen oon 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Ns» hlameanjeigen von 70 mm Breite 35 Neichspfennig, Platzoorschrist 20°, mehr.
Chefredakteur.
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.Tbyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen
Randnoten.
„Englische Flieger über Sylt!" Diesmal handelt es sich nicht um eine Annahme, um einer Lustschutzübung den entsprechenden Auftrieb zu geben. Diesmal haben wir es mit einer vollendeten Tatsache zu tun, die während des Krieges unsere Küstenverteidigung zu verdoppelter Anstrengung angefeuert hätte, die aber heute lediglich zur Kenntnis genommen werden kann, wenn auch mit reichlich gemischten Gefühlen, weil aus dem unerwarteten Erscheinen englischer Kriegsslug- zeuge über deutschem Gebiet wir erneut an unsere militärische Ohnmacht und an das Fehlen einer aktiven Luftabwehr erinnert werden. Es bleibt sich gleich, ob die Flieger mit dem bestimmten Ziel, Sylt zu erreichen, ihren Heimathafen verlassen haben oder ob sie auf einem Flug nach Dänemark oder Skandinavien von ihrem Wege abgeirrt sind. Für uns ist es von ausschlaggebender Bedeutung, daß die Engländer genau so wie die Franzosen vor einigen Monaten unbemerkt die deutsche Küste erreichen konnten. Was für das Küstengebiet gilt, gilt erst recht für das übrige jedem feindlichen Fliegerangriff ausgelieferte Deutschland: unsere Nachbarn können ungestört und unbehindert ihre Geschwader bis tief nach Deutschland hineinfliegen lassen, es gibt keine ausreichenden Alarmoorrichtungen, es gibt keine Abwehrgeschütze und keine Schutzstaffeln. Was wir bisher auf dem Gebiete des Luftschutzes uns aufgebaut haben, reicht bei weitem nicht aus, um wenigstens die Bevölkerung einigermaßen vor Bomben und Gasschwaden zu sichern. Der englische Fliegerbesuch ist für uns eine erneute Mahnung, nun endlich daran zu gehen, den Grenzschutz auszubauen und ohne Rücksicht auf den Versailler Vertrau und das Mißbehagen anderer Nationen Militärstieger heranzubilden und Flakbatterien anzufertigen.
Die Flicgerbesuche können natürlich zu dem Zweck erfolgt sein, uns einzuschüchtern, uns vor allem vor Augen zu führen, was man unter Umständen unseren Gleichberechtigungwünschen entgegenzusetzen vermag. Engländer und Franzosen haben aber vielleicht ein wesentlich größeres Interesse an diesen Flügen. Die Franzosen haben gezeigt, daß ihre Bombengeschwader leistungsfähig genug finlr die recht erhebliche Strecke zwifchen Calais und Borkum zurückzulegen, also im Ernstfälle auch oon Calais aus bis tief in d i e englischen Industriereviere hinein vorzustoßen. Und umgekehrt wird man sich im französischen Kricgsministerium sagen müssen, daß der Flug nach Sylt eine demonstrative Antwort auf den Vorstoß nach Borkum ist. Denn auch die Engländer haben gezeigt, daß der Aktionsradius ihrer Kriegsmaschinen so erheblich ist, um mit Leichtigkeit bis Paris und bar^iber hinaus gelangen zu können. Wir nehmen an, daß die Heeresleitungen beider Staaten aus diesen Flügen die entsprechenden Konsequenzen ziehen und unverzüglich dafür sorgen werden, daß ihr gegenseitiger Luftschutz und Sicherungsdienst noch weiter verbessert wird, und daß man sich neue Bombengeschwader und Kampfflugzeuge zulegt, um für alle Eventualitäten gerüstet zu fein. Daß von den beiden neuerdings wieder durch ein besonderes Uebereinkommen enger verbundenen Staaten der eine dem andern mißtraut, zeigen die Flottenverschiebungen und die Verbesserungen an den Küstenbefestigungen. Wir sind zwar die sog. „Unbeteiligten", befinden uns aber doch nicht so weit vom Schuß, um weiter die Hände in den Schoß legen zu können. Für uns ist der Fliegeralarm von Sylt ein Alarm, an unsere eigene S i ch e r h e i t zu denken.
Ein altes Sprichwort sagt, daß immer erst yt- mcrnd vorangchen muß und ein Beispiel zu geben hat, bevor die anderen folgen. 21 n der B ö r s e war es diesmal genau so. Seit 3ahren patten wir keine derartig feste Dörsenwoche, wie in Öen ersten Septembertagen. Der Funke, der die Börse entzündete, war zwar die Papensche Sonntags- rede in Münster, aber ohne den mutigen Toran t r i 11 deramerikanischenEffekten- markte hätte fu) d e hiesige Kaufwelle kaum entwickelt. 3n Reuyork zollte die Finanzw^t mit ihren sprunghaften Kurssteigerungen dem Bemühen Hoovers, mit einem 2lufwand von Biesenkräften (finanzieller und wirtschaftspolitischer Arider Krise zu Leibe zu gehen, eindeutige Anerken- nung. Ehe das gigantische Aktionsprogramm der deutschen Regierung bekannt wurde, ließen sich die deutschen Börsen von QImerifa nicht einfach ins Schlepptau nehmen. Es fehlte ihnen die Ueberzeugung der inneren Berechtigung eines vorbehaltlosen 2lnschlusses an die amerikanischen Kurskorrekturen. Das Beispiel 2lmerikas schlug aber durch, als man dann aus dem Munde des Reichskanzlers die unserer eigenen Wirtschaft zu verschreibende Erholungskur lennenlernte. Einzelheiten spielten für die Börse keine Rolle. Wan sah nur einen Kern: das endlich energische Borgehen unter Beschreitung neuer Wege und Betonung des Grundsatzes, das; die Wiedererweckung privatwirtschaftlicher Initiative oberster Grundsatz der weiteren Regierungsarbeiten sein werde.
Private Initiative! Das ist es, was der Welt und Deutschland feit Jahren gefehlt hat. Nie wären sonst jene Krankheitserscheinungen am Wirtschaftskörper eingetreten, die in der Geschichte unserer Epoche einzigartig dastehen! Gestört wurde die Arbeit der Kaufleute immer wieder durch rauhe staat- licye Eingriffe. Wenn sich jetzt der Staat dazu bekennt, diese Fehler auszumerzen und die von ihm gelegten Fesseln der Privatwirtschaft schrittweise abzunehmen, so mußte das ein allgemeines Aufatmen Hervorrufen An der Börse als dem berühmten Barometer der Wirtschaft fand diese Stimmung ihren deutlichsten Ausdruck. Den Umschwung in der staatlichen Wirtschaftsgesinnung haben die Effektenmärkte damit quittiert, daß nach ihrer Meinung nun auch
Deutschland wird auf Genf vertröstet.
Frankreich sucht direkten Verhandlungen über die deutsche Wehrdentschrist auszuweichen.
England wünscht sich herauszuhalten
London, 7. Sept. (211.) 3m Hinblick auf Pariser Berichte, di« eine kollektive 21 n t * wort der am englisch-französischen B e r - trauensabkommen beteiligten Mächte auf die deutsche Forderung nach Rüstungsgleichbercch- tigung voraussagen, wird in London betont, daß die englische Regierung zwar von französischer und deutscher Seite tMllständig über die Entwicklung auf dem Laufenden gehalten worden sei, daß sie aber an den Verhandlungen zur Zeit nicht beteiligt sei. Offensichtlich würde man es in den Kreisen der englischen Regierung sehr begrüßen, wenn es gelänge, die deutsch-sranzöU- schem Derhandbvngen baldmöglichst in Fluß zu bringen, so daß schon vor dem Zusammentritt des allgemeinen Bureaus der Abrüstungskonfe- renz eine gewisse Klärung erzielt wird. Reuter betont, daß die Voraussagen in der französischen Presse über die vermutlichen Richtlinien der französischen 2lntwort auf die deutsche Erklärung über die Rüstungsgleichberechtigung verfrüht seien. Es werden wahrscheinlich noch fünf Tage ve rgehen, bevor eine Antwort abgesandt werden kann. Die allgemeine Stimmung in Paris sei die, daß die deutsche Forderung eher in Genf anstatt in Form eines nur an Paris gerichteten Ersuchens hätte aufgeworfen werden sollen. Die Drohung, an der Wiederaufnahme der Abrüstungskonferenz nicht teilzunehmen, würde als unlogisch betrachtet. ..Star" schreibt: Die Haltung Frankreichs und Englands ist angesichts der Worte des Versailler Vertrags von ernster moralischer Bedeutung. Beide haben den 2krtrag Deutschland aufgezw un- gen, das sich aus Protest kaum rühren konnte. Sie haben ein feier liches Versprechen gegeben, die Abrüstung herbeizuführen. Wo aber sind auch nur Anzeichen dafür vorhanden? Eine weitere QBeigerung Englands und Frankreichs, ihr 2krsprechen zu erfüllen, wird Deutschland keineswegs friedfamer machen.
Guter Eindruck in Rom.
Die Meinung der faschistischen Preise.
Rom, 7. Sept. (TU.) Die faschistische Presse gibt der deutschen Stellungnahme zur Abrüstungsfrage breiten Raum, ohne jedoch aus ihrer bisherigen Zurückhaltung herauszutreten. Die Erklärung des
Paris, 7. Sept. (WTD.) Unter dem Vorsitz HerriotS hat heute nachmttag ein Sa« bine11srat stattgefunden. Die amtliche Mitteilung darüber besagt lediglich, daß Herriot in seiner Eigenschaft als Außenminister den Kabinettsrat über die lausenden außenpolitischen Fragen unterrichtet habe. Wie Havas mitteilt, hat Ministerpräsident Herriot den Entwurf der Rote verlesen, den er als Antwort auf die deutsche Denkschrift in der Frage der Rüstungsgleichberechtigung vorbereitet hat. Dieser Text werde endgültig erst nach dem Ministerrat angenommen werden, der wahrscheinlich am Freitag stattfindet, und wenn die englische Rc- g i c r u n g dem Ministerpräsidenten ihre Ansicht über diese Frage zur Kenntnis gebracht haben wird.
Die Rote werde eine Prüfung der juristischen und politischen Probleme enthalten, die durch das deutsche Schriftstück auf gerollt wurden. Die Rüstungsmöglichkeiten Deutschlands seien durch den 2krfaiUer Vertrag festgesetzt. Dieser 2kr» trag sehe nur eine allgemeine Beschränkung der Rüstungen vor, aber enthalte keine Bestimmungen im Hinblick auf jene Rüstungs- Vermehrung, die Deutschland fordere. Es stehe weder Frankreich noch Deutschland zu, die Klauseln des 2krsailler 2krtrages zu ändern- allein d i e Unterzeichner dieses Vertrags hätten diese Macht. Aber die für eine solche Revision notwendigen 2krhandlungen könnten nach den Bestimmungen des 2krtrag8 selbst zu einer Herabsetzung der Rü st ungen nur führen, wenn man für die interessierten Mächte auf das Mindestmaß Rücksicht nehme, das mit ihrer nationalen Sicherheit und mit der Durchführung der durch eine gemeinsame Aktion ihnen auferlegten internationalen Verpflichtungen vereinbar fei. 3n einer besseren Organisierung des Friedens könne sich schließlich die Lösung des durch die Reichsregierung aufgerollten Problems finden lassen.
Der „Malin" glaubt in der Lage zu sein, weitere Angaben über den vermutlichen 3nhalt der französischen Antwort machen zu können. 2Benn sich Die deutschen Forderungen darauf beschränkten, eine Aenderung der M i l i t ä r st a t u t e n vorzunehmen, so habe die Reichsregierung die Möglichkeit, ihre diesbezüglichen Vorschläge i n Gens zu unterbreiten, dies jedoch unter der Bedingung, daß die Umänderung der Statuten keine Erhöhung der Effektivbestände nach sich ziehe. Der Wortlaut des Qkrfailler 2kr- träges sei gerade in diesem Punkt klar und unzweideutig. 2Denn Deutschland Gleichberechtigung in der Rüstungsfrage auf dem niedrigsten Stand, d. h. in Ucbcreinftimmung mit dem möglichen Ergebnis der Abrüstungskonferenz fordere, so werde die Reichsregierung gut daran tun, die positiven Auswirkungen der Abrüstungskonferenz abzuwarten. 3n der französischen Antwort, so betont das Blatt weiter, werde die französische Regierung ferner zum Ausdruck bringen, daß die deutschen Forderungen aus Gründen der 2krnunft und in ilebereinftimmung mit den internationalen Verträgen niemals Gegenstand direkter und ausschließlicher Verhandlungen zwischenPa- ris und Berlin sein könnte.
Nervosität in Paris.
Paris, 7. Sept. (TU.) In politischen Streifen herrscht nach den letzten Erklärungen des Reichs- wchrminiflers und des Reichsaußenministers ft a r k e I Nervosität, die man damit zu bemänteln sucht, daß man von einer „wachsenden deutschen Neroosi- |
bundsmitglied genieße Deutschland in Genf selbst die gleichen Rechte wie die übrigen Mitgliederstaaten. Das bedeute jedoch keineswegs. daß dadurch die Ungleichheiten aulgc- hoben seien, die der Friedensvcrt.ag und andere bestehende Abkommen Deutschland aufcrlegtcn.
Das „3 du mal des Döbats" fordert Ministerpräsident Herriot auf, zu der Erklärung des Reichsaußenministers Stellung zu nehmen, in der es heißt, daß in Gen) vereinbart worden sei. demnächst deutsch-französische 2krl;anblu:igen über die Eleichberechtigungsf rage aufzu:.e»mcn. Und wenn die Reichsregierung mit dieser Behauptung Recht habe, dann müsse man die Frage stellen, warum und wodurch die französischen Minister veranlaßt worden seien, sich in derartigeGe- heimverhandlungen einzulassen. Die Reichsregierung nehme ihre Zuflucht zu einem wahrhaftigen Erpressungsmanöver. Das „3ournal" schreibt u. a., daß die deutsche Offensive den Beweis dafür liefere, daß die Deutschen fest entschlossen seien, den 2krsailler Friedensvertrag zu zerstören.
tät" spricht und die Zuspitzung der Lage mit den deutschen innerpolitifchen Verhältnissen erklären will. Anderseits wird jedoch zugegeben, daß man jetzt vor entscheidenden und ausschlaggebenden Enlscheidun- g e n stehe. An der „rücksichtslosen Entschlossenheit" der Reichsregierung sei kaum zu zweifeln. Auf der anderen Seite betont man ebenso hartnäckig, daß Frankreich von seiner einmal eingenommenen Haltung nicht abwcichcn könne.
Der „Temps" schreibt u. a.. daß die französische Regierung nur ihre Pflicht getan habe, als sie die übrigen interessierten Mächte von dem 3nhalt der deutschen Denkschrift in Kenntnis setzte. Das Locarnoabkommen gestatte es nicht, politische Fragen von allgemeiner Bedeutung geheimzuhalten und nur zwischen zwei Staaten vertraulich zu behandeln. Wenn man das deutsche Resume eingehend prüfe, dann gewinne man den falschen Eindruck, als ob Deutschland schon dadurch das Recht auf Gleichberechtigung erworben habe, daß es dem Völkerbund angehöre. Dieser Grundirrtum_ entwerte die ganze deutsche These. 2lls Völker-
Reichaußenministers wird von einigen Blättern, wie z. B. dem „Popolo di Roma", als notwendige Klärung gegenüber der alarmierenden Haltung der französischen Presse bezeichnet. Auch die Erklärungen des Reichswehrministers von Schleicher werden stark in den Vordergrund gerückt. Der Berliner Korrespondent des amtlichen „G i o r n a l e d' I t a l i a" unterstreicht die ungeheuere Arbeit, die der deutsche Reichskanzler in so kurzer Zeit geleistet habe. Noch nie habe eine deutsche Regierung soviel Initiative und soviel Ent- schlofsenheit gezeigt, sowohl im Ausland wie auch im Inland. Man könne sagen, daß es keine politische Frage von einiger Bedeutung für Deutschland gebe, die nicht in der kurzen Spanne der letzten Wochen in Angriff genommen worden fei. Im Inneren die Verwaltungsreform, die bereits praktisch den absurden Dualismus zwischen Preußen und Reich gelöst habe. Das dornige Problem der Abrüstung oder besser der Angleichung Deutschlands an die Großmächte sei unerwartet und energisch von Minister v. Schleicher gestellt worden. Der erste Schlag sei stark und entschieden gewesen und habe unzweifelhaft die Lage Deutschlands gebessert. Wie man sehe, wolle die Regierung v. Papen dem Volk und dem Parlamentarismus beweisen, was in kurzer Zeit ein sicherer und entschlossener Wille im Interesse des Landes tun könne.
3ur tfeberflkgung her Sylter Befestigungsanlagen.
London, 7. Sept. (TU.) Zur Ueberfliegung der Sylter Befestigungsanlagen durch englische Militärflieger wird im Luftministerium erläuternd mitgeteilt, daß es sich um den Flug von drei Maschinen zur englischen Ausstellung in Kopenhagen handele. Das Lust- ministerium habe keine Rachricht von einem Flug über Deutschland und wisse nicht, warum die Flugzeuge diesen Kurs genommen hätten. Angesichts der guten Beziehungen zwischen der englischen und der deutschen Fliegerei, die noch in Öen letzten Tagen während der großen Heston- 2kranstaltung schlagend zum Ausdruck gekommen sei, hofft man in englischen Fliegerkreisen, daß der 2k>rfall, wenn überhaupt diplomatische Vorstellungen notwendig würden, in freundschaftlicher Weise geregelt werde.
eine Ablösung des bisherigen grenzenlosen Pessimis- mus gerechtfertigt fei. Hilfestellung wird dabei nicht nur von der — schon erwähnten — Neuyorker Bör>c, sondern auch durch das Anziehen der internationalen Rohstoffpreise geleistet, das immer als Vorzeichen einer konjunkturellen Erholung gilt.
Wenn in der Mitte dieser Woche die Aufwärts- beroegung in der Burgstraße etwas ruhigere Formen anzunehmen scheint so kann das nur als gesund angesehen werden. Vorerst leben wir nur in der Hoffnung auf eine wirtschaftliche Besserung, und wenn diese etwa ausbleiben sollte, so wäre der Rückschlag an der Börse um so kräftiger und unerwünschter, je weiter die Hausse vorwartsgetrie- ben wäre. Ein Blick auf den Kurszettel ergibt bereits ansehnliche Erholungen, oft um mehr als die Hälfte, teilweise um über das Doppelte des Kurswertes Wenn die Börse nach dieser ersten Segeifte- rungswelle die Lehre zöge, etwas leiser zu treten und abzuwarten, bis die übrigen Truppenteile der Wirtschaft nachgekommen sind so wurde das nur dafür sprechen, daß sie ihre Führeraufgabe richtig verstanden hätte. Es bedarf eben des Zu,ammen- wirkens aller, um einen wirklichen Umschwung, einen Uebergang von der Depression in den Aufstieg herbeizuführen und uns nicht nur eine Weile von Hoffnungen leben zu lassen.
3n Lancashire. also imZentrumdereng. lischen Textil - 3ndustrie, haben rund 200 000 Weber die Arbeit niedergelegt. Ob das den Beginn eines allgemeinen Streiks für die Textilindustrie bedeutet, ob dieser Streik sich, wie im Frühjahr 1926. vorübergehend und zur Unterstützung, zu einem Generalstreik auswettet. läßt sich
noch nicht übersehen. 3n einem Lande, in dem die Arbeitslosigkeit verhältnismäßig ebenso groß ist wie in Deutschland, hat an und für sich das Streilfieber keine Aussicht, um sich zu greifen. Es kommt weiter hinzu daß die Lohnpolitik in England zwar zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbänden geregelt wird, daß es aber noch kein Schlichtungs- verfahren gibt, daß beide Teile der 2krantwor- tung enthebt. Wenn zunächst die Weber, von ihren Gewerkschaften geführt, doch in den Streik getreten sind, so ist die unmittelbare Ursache nicht in der Lohnfrage zu suchen. Die Unternehmer in Lancashire wollen die Löhne um 2.9 Schilling in der Woche herabsetzen, was nicht grundsätzlich den Widerspruch der Arbeiter und Gewerkschaften gefunden hat. Die englischen Gewerkschaften haben in Rotzeiten noch immer ein Verständnis dafür aufgebracht, daß die Löhne nicht nach einem rohen Schema bemessen werden dürfen, daß vielmehr auch auf die internationale Marktlage Rücksicht zu nehmen ist.
Die Ausfuhr von Textilerzeugnissen alter Art hat im ersten Halbjahr 1932 die Ausfuhr in der gleichen Zeit des Dorjahwes mengen- und wertmäßig überstiegen. Sie ist für einzelne Erzeugnisse sogar höher gewesen, als im ersten Halbjahr 1930, was an sich zeigt, daß die Preisgabe des Goldstandards nicht für die ganze englische Wirtschaft von Rachteil gewesen ist. 3edenfalls geht es der englischen Textilindustrie. die mit ihren Erzeugnissen im Außenhandel an erster Stelle steht, durchaus nicht so schlecht, wie den Textilindustrien anderer Cänber. Daß die Unternehmer trotzdem noch einen Abbau der Löhne fordern, läßt den Schluß zu. daß England den CBkttbeiperb auf
den Auslandmärkten, wenn möglich, noch steigern will. Die Gewerkschaften haben auch nicht die Absicht gezeigt, einen Strich durch die Rechnung zu machen, aber sie forderten, daß die Unternehmer vor Regelung aller Streitfragen dreitausend aus- gesperrte 2Beber wieder einstellen sollen. Das haben die Unternehmer abgelehnt, so daß an diesem Streitfall eigentlich der Streik ausgebrochen ist, nicht aber unmittelbar wegen der Lohnfrage.
Wenn die Weber streiken, so werden die Spinner freiwillig oder unfreiwillig folgen, was ursprünglich auch in der Takttk der Gewerkschaften gelegen hat. Es kann sein, daß in wenigen Tagen der Streik in Lancashire 400 000 bis 500 000 Textilarbeiter erfaßt, was ausreicht, um eine der wichtigsten Industrien in England vorübergehend außer Wettbewerb zu setzen. England hat seit De- ginn dieses 3ahres auch die Einfuhr von Textilrohstoffen stark gesteigert, so daß anzunehmen ist, daß erhebliche Vorräte an Fertigwaren vorhanden sind. Die Ausfuhr von Textilerzeugnissen braucht also zunächst nicht nachzulassen, aber wenn der Streik lange dauert, so wird auch hier ein Um» schwung eintreten.
Der englische Ministerpräsident Ramsah Mac - d o n a l d hat bisher keine Reigung gezeigt, sich in den Streitfall einzumischen, was damit begründet wird, daß er die Entwicklung abwarten will. 2fi>er auch die Gewerkschaften verfolgen sehr aufmerksam die Vorgänge, um zu verhindern, daß der Lohnkampf in Lancashire das Signal für ähnliche Kämpfe wird. Auch die Gewerkschaften haben in England heute nur zu verlieren, aber nichts zu gewinnen.


