Hoffnung aus KonjunkturVende in England
Optimistische Beurteilung der Weltwirtschastslage in der englischen presse.
London, 7. Sept. (WTB.) „Daily Telegraph" S -reibt: Aus allen Teilen der Welt trafen gestern teldungen von einem zunehmenden Optimismus auf dem Gebiete des Handels ein, was von der Empfindung Zeugnis ablegt, daß endlich eine Wendung zum Besseren eingetreten ist. Das Vertrauen gründet sich hauptsächlich auf die st e t i g e Erholung der Preise für Weizen, Baumwolle, Kautschuk und Metalle. Andere günstige Faktoren sind die guten Nachrichten von der Pariser und der Berliner Börse. Besondere Bedeutung wurde den Erklärungen der Deutschen Bank und der Dresdner Bank beigemessen, denen zufolge der tief st e Punkt der Depression überschritten und eine Aufwärtsbewegung der Geschäftslage zu verzeichnen sei. Alle vorliegenden Berichte klingen äußerst verheißungsvoll.
Der Berliner Äorrefpontent des „Daily Telegraph" sagt: Beinahe über Nacht ist die deutsche Geschäftswelt von der äußersten Tiefe der Niedergeschlagenheit in das volle Sonnenlicht grenzenlosen Vertrauens vorgedrungen. Man hört nicht länger mehr düstere Voraussagen von tarn Bevorstehen
eines „schrecklichsten Winters", der jemals durchgemacht wurde", im Gegenteil, «s herrscht die Erwartung, daß eine Periode, in der es sonst still zuzugehen pflegt, diesmal eine lebhafte G e - schäftstätigkeit bringen wird. Dieser Stimmungsumschwung hat auch auf die breite Masse des Publikums übergegriffen. Die stärkste Anregung .für diese Erscheinung ist natürlich das Wirtschaftsprogramm der Regierung Papen.
Auch in der „Daily Mail" heißt es: Bessere Zei» ten sind im Anzuge. Jeder Tag bringt neue Meldungen über die Wiederbelebung des Handels in vielen Ländern. „Daily Mail" warnt vor einer Ueberspekulation. Die Ansichten über das deutsche Finanzgebaren hätten sich letzthin wesentlich geändert. Heute sei das Vertrauen wieder belebt worden, trotz der politischen Unsicherheit. Die gegenwärtige Lage zeichne sich eher durch das Vertrauen in die deutsche Leistungsfähigkeit als durch eine wesentliche Verbesserung der ,,kr' ischen" Lage aus. Auch der „Daily Expreß" .ft optimistisch, während der „Daily Hera ld" vor Uebertreibungen warnt.
Das Scho der WirtfchastsvrrordmW.
Die Landwirtschaft fordert Ergänzung desWirtschastsplanes
Berlin. 7. Sept (TU. Funkspruch.) Am Frei- tag wird, wie die „Landwirtschaftliche Wochenschau" mitteilt, die Grüne Front dem Reichskanzler die Forderungen und Gesichtspunkte der Landwirtschaft für die Fortsetzung des Wirkschaftsplanes und seine sofortige Ergänzung durch einen zweiten Teil vortragen. Man kann daraus entnehmen, daß dieser zweite Teil, der seit der vorigen Woche dem Reichskabinett zur Erörterung steht, vor Ende dieser Woche nicht abgeschlossen sein wird. Rach der bisherigen Praxis des Reichskanzlers, die großen grundsätzlichen Entscheidungen vor ihrer Verkündung oorzutragen, sollte man erwarten können, daß der Reichskanzler am Montag im Reichstag die näheren Angaben über die Entschlüsse der Reichsregierung zum zweiten Teil des Wirtschaftsplanes machen wird.
Ls handelt sich um die L i n f u h r k o n k i n g e n - tierung, die Zinssenkung und die Umlagerung der Konsumbelastung von den heimischen Erzeugnissen (Zuckersteuer und Schlachtsteuer) auf die ausländischen Erzeugnisse, vor allem Margarine. Ueber die Einzelheiten der Kontingentierung auf Grund der Vorlage des Reichsernährungsministers dürften die Enk- scheidungen erst in einer Kabinettssihung Ende der Woche fallen. Denmentsprechend können noch insgesamt zwei Wochen bis zur Inkraftsetzung der Kontingente vergehen. Erst vor zehn Tagen sei eine Vielzahl von Industriezöllen, rund 200, mit Wirkung vom 6. September ganz erheblich heraufgeseht worden. Die Industrie, durch Handelsverträge nicht gebunden, habe also eben erst wieder eine gewaltige Verstärkung ihres Zollschuhes erfahren, während bei der Landwirtschaft angesichts der handelsverlrags- bindungen nur der weg der Kontingentierung bleibe.
Bedenken des DHV.
Berlin, 7. Sept. Wie der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband mitteilt, hat er am 6. September in einer Pressebcsprechung die Bedenken der Angestelltenschaft hinsichtlich der soeben erschienenen Notverordnung vorgetragen. Der Berband lehnt die Notverordnung auf das
schärfste ab, was ihn aber nicht hindert, objektiv zu würdigen, wenn eine Negierung Maßnahmen zur Belebung der Wirtschaft ergreift und den Wunsch auszusprechen, daß diesen Bestrebungen auch ein Erfolg beschieden ist. Die Eteuerscheine sind ein Zugriff auf künftige Steueraufkommen und praktisch ein Wechsel der jetzigen Negierung, den andere unter Llmständen einlösen müssen. Sie sind Geschenke auf Kosten der Gesamtheit, die, wenn man an eine Konjunkturwende glaubt, man durchaus bejahen kann. Daneben aber treten Geschenke auf Kosten der Arbeitnehmer, besonders die Lohnsenkung bei Neueinstellungen. Diese Lohnsenkung wird mit aller Schärfe abgelehnt, da ein doppelter Anreiz nicht notwendig ist, weil die Lohnsenkung sozial unerträglich und wirtschaftlich gefährlich ist, weil sie die Gefahr einer Jnvestitionskonjunk- tur heraufbefchwört und ein Lohnchaos zur Folge haben wird. Am gefährlichsten aber ist die Generalvollmacht für die Sozialversicherung und das Sozialrecht. Praktisch werden alle Nechtsverhältnisse in den Versicherungen und alle Nechtsansprüche trotz Prämienzahlung aufgehoben. In der Hand einer Negierung, welche sich mit den schärfsten Worten gegen die bisherige Sozialpolitik gewandt hat, die Arbeitslosenversicherung praktisch beseitigte und Entscheidungen fällt, ohne den Sachverstand der Beteiligten zu hören, ist eine solche Blanko- vollmaHk in -Gefahr. Der DH'V. ist! bereit, an Reformen positiv mMzuarbeiten, wenn eine organische Sozialpolitik getrieben wird und an die Stelle der nivellierenden die differenzierende Sozialversicherung tritt mit dem Motto „Jedem das Seine" und nicht allen das Gleiche.
Afa-Bund und AOGB. zum Winschafiöprogramm.
Berlin, 7. Sept. (END.) Nach eingehender Beratung hat der A f a - B u nde s v o rst a n d , wie er mitteilt, zu den wirtfchafts. und sozialpolitischen Maßnahmen der Reichsregierung in einer Entschließung Stellung genommen, in der u. a. ausgeführt wird, daß das Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung grundsätzlich dem Verlangen der Gewerkschaften nach einem Umbau ter Wirtschaft und ausreichender öffentlicher Arbeitsbeschaffung widerspreche. Die Lebenshaltung der deutschen Arbeitnehmer werde durch die Verordnung unerträglich geschmälert und alle sozialpolitischen Errungenschaften der letzten 14 Jahre würden aufs
Gießener Gtadttheater.
„Max und Moritz "
Es war eine etwas verspätete Geburtstagsfeier im Jubiläumsjahr des Mannes von Wiedensahl. Die „Max und Moritz"-Bühne, mit drei Autos auf Gastspielreisen durch die Welt rollend, hatte einen Abstecher nach Gießen gemacht und ließ die berühmten Gestalten aus Wilhelm Buschs volkstümlichstem und erfolgreichstem Bilderbuch vor einer großen Kinderschar gestern nachmittag im Stadttheater leibhaftig erstehen. Leibhaftig: also weder als Schattenspiel noch als Marionettenscherz, sondern mit richtigen Menschen. Die Bearbeitung der bösen Bubenstreiche (von S ch e i b a ch) erscheint ziemlich frei nach Busch und ließ jedenfalls die nicht unbeträchtlichen Schwierigkeiten ahnen, die sich für eine brauchbare Theatersassuna ergaben. Immerhin waren die Grundzüge der dörflichen Abenteuer und die Konturen der Urbilder in wirkungsvoller Realistik bewahrt. Den Gang der Handlung zu erzählen, wird sich erübrigen, da er jedermann (und jedem Kind) bis in die denkwürdigen Einzelheiten bekannt ist. Nach einem Vorspruch des Ansagers begab sich also der erste Streich der Witwe Bolte, und wenn auch kein Spitze sondern ein lebendiger Fox die beklagenswerte Sündenbock-Rolle spielte, so erwies sich doch der Hühnerraub durch den Kamin als ein ausgesprochener Publikumserfolg: während beim Schneider Böck ein überlebensgroßes Bügeleisen, „auf den kalten Leib gebracht", entschieden der Clou war. Lehrer Lämpels Pfeife ging mit einem nachhaltigen Getöse los, und es war ein Segen, daß man die Kleinen zuvor schonungsvoll auf diesen Effekt vorbereitet hatte. Der Höhepunkt des Nachmittags, wenn man nach der Lautstärke im Zuschauerraum urteilen darf, war indessen das Maikäfer-Abenteuer in Onkel Fritzens Bett; eine wahrhaft ohrenbetäubende Angelegenheit, die den ohnehin unbestrittenen Erfolg dieser Kinderoorstel- lung vollends entschied. Der sechste Streich spielte in der Mühle; auf die Ereignisse in der Backstube hatte man— wohl wegen allzu großen technischen Schwierigkeiten — verzichtet. Verblüffend war indessen die nachdrücklich von Buschs Original abweichende Schlußwendung, daß Max und Moritz — nicht nur nidjt gebneten — sogar aus der Mühle ziemlich hell wieder zum Vorschein kommen, auch keineswegs in Körnerform Meister Müllers Federvieh zur Speise dienen, sondern am Leben bleiben und reumütig, wenn auch etwas überraschend, Besserung geloben, womit die Bearbeitung dem wohl fühlbar gewordenen Bedürfnis nach einem moralisch- padagogischen Epilog (auf welchen Busch kaltblütig
verzichtet hatte) entgegenkam. Sämtliche Darsteller, kleine und große, waren mit hingebungsvollem Eifer bei der Sache und fanden sich durch glänzenden Besuch und stürmischen Beifall für ihre Darbietungen belohnt. —
Rechtfertigung der Xanthippe.
I3on Franz W. Lederer.
Xanthippe — das war die Frau, die dem genialen Sokrates das Leben zur Hölle machte, die Frau, deren Namen noch heute ein Schimpfwort ist, deren schlechter Ruf Jahrtausende überteuerte. Aber ist dieser Ruf auch wirtlich berechtigt? War Xanthippe wirklich eine „Xanthippe", wie sie uns aus zahlreichen Anekdoten überliefert ist? Namhafte Ge- lehrte — vor allem die Professoren M a u t h n e r und Zeller — haben sich der Mühe unterzogen, diese Frage wissenschaftlich zu beantworten, und der Erfolg ist verblüffend.
Xanthippe mar eine Waise, ein hübsches, frisches unö sehr unschuldiges Mädchen, dem sein Vater, ein braver Bauer, ein kleines Landbesitztum vererbt hat. Sie kam nach Athen und erregte als Landpo- meränzchen beträchtliches Aufsehen in den hochkulti- vierten, verwöhnten Kreisen. Alkibiades, der Abgott der ötabt, wurde zuerst auf sie aufmerksam und chien einem kleinen Flirt nicht abgeneigt. Erstaun- licherweise aber erhielt er einen durchaus eindeutigen Korb von Xanthippe.
Durch einen Zufall wurde das junge Mädchen in ben Freundeskreis eingeführt, in dessen Mittelpunkt Alpasia, die schöne junge Freundin des Perikles stand. Der Gruppe der Freunde gehörte auch ein auffallend häßlicher, junger Bildhauer an, ein kleiner Mann mit großem Kopf, starrem Haar und dicker Nase, den man Sokrates nannte. Dieser junge Mann bewarb sich aufs heftigste um Aspasia. Sie war in keiner Weise daran interessiert, ihn zu heira- ten, versprach aber, sich aus Freundschaft zu ihm nach einer passenden Frau umzusehen. Ihre Wahl fiel auf Xanthippe. Aspasia wußte dem kleinen Landmädel die Berühmtheit ihres zukünftigen Gatten so geschickt darzustellen, daß es sich in keiner Weise der Vermählung widersetzte. Die Hochzeit wurde in größter Eile gefeiert.
So führte Sokrates denn seine junge Frau heim. Das Haus allerdings, in dem sie wohnen sollte, versetzte sie in Schrecken. Kaum der notwendigste Hausrat, keine Küchengeräte, keine Wäsche — gar nichts. Sie sagte wenig und taufte heimlich das Notwendigste.
„Freust du dich?" fragte sie ihren Mann, wenn sie etwas Neues angeschafft hatte.
schwerste gefährdet. Durch ten Lohn- und Sozialabbau werde die Massenkauftraft weiter gedrosselt. Dementsprechend wird in der Entschließung angekündigt, daß die Maßnahmen der Regierung auf den schärfsten Widerstand der Gewerkschaften stoßen würden. Bemängelt wird u. a. noch, daß statt der Finanzierung eines ausreichenden Arbeitsbeschaffungsprogramms Milliarden aus öffentlichen Mitteln zur Entlastung der privaten Unternehmungen eingesetzt würden, und daß die von den Arbeitnehmern geforderte allgemeine Arbeitszeitverkürzung auf gesetzlicher Grundlage ausgeblieben sei. Die Handelspolitik müsse praktisch zur Abschnürung vom Weltmärkte führen und die Lohnpolitik müsse eine neue starte Schrumpfung des inneren Marktes zum Gefolge haben.
Wie der Vorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbun.des mitteilt, hat er seine anberaumten Besprechungen beauftragt, „energischen Prote st" gegen die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Reichsregierung zu erheben. Diese Maßnahmen werden in der Mitteilung des Gewerkschaftsbundes als „ungeheuerlich" und „arbeiterfeindlich" bezeichnet. Weiter wird angekündigt, daß in den nächsten Tagen der vom Vorstand einberufene BundesausschuF zu den „sozialpolitischen Angriffen gegen die Arbeitnehmer" Stellung nehmen werde.
Ferner soll der Reichsregierung die Forderung oorgetragen werden, daß die deutschen Regierungs- oertreter auf der am 21. September in Genf beginnenden Tagung des Derwaltungsrats des Internationalen Arbeitsamts, in der über den Antrag der italienischen Regierung auf Durchführung der 40-Stunden-Woche entschieden werden soll, sich mit größter Entschiedenheit für die internationale Verständigung über eine allgemeine gesetzliche Einführung der 40-Stunden-Woche einsetzen.
Morgen empsängiHindenburg das Reichsiagsprasidium.
Berlin, 7. Sept. (VDZ.) Der Empfang des Reichstagspräsidiums durch den Reichspräsidenten von Hindenburg wird am Freitag 11.30 LIhr stattfinden. Nachdem der R e i ch s t a g jetzt endgültig für Qlton- tagzu seiner zweiten Sitzung einberufen ist, wird in parlamentarischen Kreisen die Frage erörtert, wie sich nach derRegierungserklärung die Dinge weiter entwickeln werden. Der Reichs- kcmzler hat sich schon bereit erklärt, am Montag seine Programmrede vor dem Reichstag zu halten. Es ist nicht damit zu rechnen, daß nach der Kanzlerrede oder vor den Abstimmungen eine längere Reichstagsvertagung erfolgt, um inzwischen weitere Zeit für Verhandlungen zu gewinnen. Es ist vielmehr beabsichtigt, im Anschluß an die Kanzlerrede oder am Tage darauf sofort mit der großen politischen Aussprache zu beginnen, die bis Ende der Woche dauern wird. Im Anschluß daran sollen dann die entscheidenden Abstimmungen erfolgen. Ob es zu diesen Abstimmungen noch kommen wird, hängt von den Entschließungen der Reichsregierung ab.
Die Verhandlungen zwischen Ratio- nalsvzialisten und Zentrum sollen, toie wir hören, am Donnerstag fortgesetzt werden. Die Koalitionsbesprechungen i n P r e u - ßen werden in engem Zusammenhang mit den Verhandlungen im Reich geführt werden. Aus diesem Grunde hat am Mittwoch eine Aussprache zwischen dem Landtagspräsidenten Kerrl und dem Reichstagspräsidenten Göring stattgefunden. Für den Fall, daß die Verhandlungen zu einem Erfolge führen, ist, wie bereits früher angekündigt, mit einer früheren Einberufung des Preußischen Landtages zu rechnen. Oie Wirtschastsiagung der AGOAp.
München, 7. Sept. (TLl.) Die Wirtschaftstagung im Braunen Hause in München über die Frage der Arbeitsbeschaffung wurde am Dienstag fortgesetzt. Die Stellungnahme des Nationalsozialismus zur Autarkie setzte Reichstagsabgeordneter Dr. Albrecht dahin auseinander, daß Deutschland nicht einführen sollte,
„Im Gegenteil", erwiderte Sokrates und öerließ das Haus, um zu philosophieren. Er war ein Weiser und konnte aus grundsätzlichen Erwägungen nur die Wahrheit sagen.
Nichts gegen Sokrates — ein Privatleben, hat nichts mit der geistigen Schöpfung eines Menschen zu tun. Aber Xanthippe lernte bald die von ihrem Gatten so sehr gepflegte — „Gesprächsform".
Daß sie ansonst nichts lernte und daß sie ihn nicht verstand — es ist das Schicksal vieler genialer Geister gewesen, keine ihnen geistig ebenbürtigen Partnerinnen gefunden zu haben. Ist es die Schuld der Frauen?
Und war Xanthippe nicht oft im Recht? Er war ja schließlich Bildhauer von Beruf — denn mit der Philosophie war schon damals kaum etwas zu verdienen. Aber seit dem Tode des Perikles hatte er keinen einzigen Auftrag mehr bekommen. Ja, er hielt es nicht für nötig zu arbeiten. Xanthippe hatte bereits ihr kleines Landgut verkauft. Eines Tages faßte sie sich ein Herz und stellte ihn zur Rede. Die Selbstachtung müsse doch schon einen Mann zur Arbeit treiben. Nur Götter und Vagabunden könnten es sich leisten, zu faulenzen...
„Mein Kind", erwiderte Sokrates, „es gibt zwei Arten von Bildhauern. Die einen schmeicheln ihren Auftraggebern, die andern dienen der Kunst um der Kunst willen. Zu dem ersteren bin ich mir zu schade, mit dem zweiten verdiene ich kein Geld. Also beschäftige ich mich lieber mit Philosophie..."
„Werden denn nicht immer Bildhauer gebraucht, die Grabsteine meißeln?" fragte Xanthippe in ter Unschuld ihres Herzens.
„Ja", sagte Sokrates, „allerdings ..." und oer- ließ das Haus.
Darin war er groß. Und der Freundeskreis nahm ihn mit offenen Armen auf. Bei der üppigen Tafel der Aspasia sprach man von hohen und schönen Dingen und hörte den großen Sokrates reden. Xanthippe machte ihm Vorstellungen ob dieses Lebenswandels und der Vernachlässigung, die sie durch ihn erfuhr. Was half es? Gar nichts. Und überdies steckte er fein Geld auch noch in ein Schwindelunternehmen, und von da an durfte sie mit Finanzfragen überhaupt nicht mehr an ihn herantreten. „Trivialitäten", sagte er angewidert.
Als er gestorben war, verließ Xanthippe mit ihrem Söhnchen Athen und erzog ihn fern ter verderblichen Stadt auf dem Lande. Ihre letzten Worte, die sie auf dem Totenbett zu ihrem Sohn sprach, waren: „Dein Vater war der beste Mann..."
Soweit diese kleine Rechtfertigung einer bekannten ... unbekannten Frau mit denkbar schlechtem Ruf. Die Dolksjustiz würde weniger Fehlurteile fällen, |
was im Lande selbst erzeugt und hergestellt werden könne. Abg. Feder forderte, daß die Außenhandelspolitik im Sinne der Stärkung deS Binnenmarktes gestaltet werden müsse. Diplomingenieur Wirth sprach über die Bedeutung der Erdölgewinnung und trat den Nachweis an, daß Deutschland voraussichtlich weitgehend in der Lage sein werde, Oel für seinen Bedarf selbst zu erzeugen. Oberingenieur Schmideka m p f forderte eine das Interesse der Volkswirtschaft wahrende Gesetzgebung den Llrstoffen gegenüber. In einem Dortrag über Wasserst o f f n u tz u n g und Wasserstoffwirtschaft betonte Dr. Lawaczekdie Notwendigkeit, die Grundstoffbewirtschaftung vom Staate erfassen zu lassen. Weitere Vorträge bezogen sich auf Meliorationen und Siedlung, auf das Kapitel Staatsaufträge und Privatwirtschaft. Am Mittwoch wird die Tagung geschlossen.
Finanzausschuß ves Hessischen Landtags.
Darmstadt.7. Sept. Der Finanzausschuß des Hessischen Landtages behandelte heute zunächst einen nationalsozialistischen Antrag, der die Einstellung desRegierungsorgans. der„DarmstädterZeitung", fordert. Don den Vertretern der Regierung sowie des Zentrums und der Sozialdemokraten wurde betont, daß jede Negierung ein Presseorgan besitzen müsse, in dem ihre Auffassimgen zum Ausdruck gebracht würden. Auch die nationalsozialistischen Landesregierungen verfügten über eigene Regierungsblätter. Gegen Sozialdemokraten und Zentrum fand der nationalsozialistische Antrag Annahme. Für den Fall jedoch, daß sich im Plenum keine Mehrheit für die Einstellung der Zeitung findet oder die Regierung den Ginstellungsbeschluh nicht ausführen sollte — das Regierungsorgan erhält keinen Staatszuschuß — soll auf Antrag Dr. Niepothi die Zeitung den Abgeordneten ko st en- los zugestellt werden. Dieser Antrag fand einstimmige Annahme.
In einer Regierungsvorlage wird zum weiteren Ausbau des Materialprüfungsamtes bei der Technischen Hochschule in Darmstadt aus früheren Bewilligungen ein weiterer Betrag von 15 000 Mark angefordert, der mit den Stimmen der Nationalsozialisten und des Zentrums, bei Stimmenthaltung der Sozialdemokraten und Kommunisten, genehmigt wird.
In der früheren Exerzierhalle auf dem Exerzierplatz in Darmstadt soll ein Wasserbau- tecynisches Institut der Technischen Hochschule eingerichtet werden, wofür Ersparnisse beim Umbau der alten 115er-Kaserne für Zwecke. der Hochschule und Stiftungen von Freunden der Technischen Hochschule verwendet werden sollen. Reu angefordert wird ein Kredit bis zu 60000 Mark. Don den Vertretern der Regierung wurde die dringende Notwendigkeit des Ausbaues dieses Wassertechnischen Institutes für die Technische Hochschule betont. Lediglich die Vertreter des Zentrums stimmten für den Antrag, während Nationalsozialisten und Sozialdemokraten sich der Stimme enthielten. Don nationalsozialistischer Seite wurde betont, die Technische Hochschule müsse sich in dieser Zeit mit den ihr zur Verfügung stehenden Einrichtungen begnügen.
In Anträgen der Sozialdemokraten und des Zentrums werden Vorstellungen bei der Reichsregierung verlangt, um eine Aenderung und namentlich eine Herabsetzung der Grunderwerbs st euer bei Feldbereinigungen zu erreichen. Die Regierung ist der Auffassung, daß hierfür allein der Reichsfinanzminister zuständig ist. Der Ausschuß ermächtigt jedoch die Regierung einstimmig, bis zur Entscheidung der Reichsregierung den staatlivchen AnteilderGrund- erwerbssteuer aus Antrag zu erlas- s e n. Eine entsprechende Erklärung soll dem Reichsfinanzministerium zugeleitet werden, um eine Klärung der Rechtsfrage herbeizuführen.
Auf eine Anfrage, ob die Einführung der Schlachtsteuer in Hessen bevorstehe, wurde von Regierungsseite erklärt, daß ein Beschluß der Regierung noch nicht vorliege.
wenn sie sich über die wahren Umstände unterrichten würde.
Unit für Xanthippe — das heißt, für den Typus jjraü, den wir mit diesem Namen bezeichnen — müssen wir uns jetzt einen anderen Namen suchen.
Grausiges Forscherschicksal im Ltrwald.
Eine Tragödie im südamerikanischen Llrwald hat ein junger Nordamerikaner Harold Foard erlebt, der jetzt nach Hause zurückgekehrt ist. Im vergangenen Herbst war er von Peru aus, wo er arbeitete, zusammen mit einem Freunde Thomas Walsh aufgebrochen, um unbekannte Gebiete in Ecuador zu durchforschen und nach Gold zu suchen, das sich in der Nähe eines Dorfes namens Monzon finden sollte. Die beiden fuhren in einem Kanu den Huallaga-Fluß hinunter. Eines Tages gerieten sie in eine Wirbelströmung, das gebrechliche Doot wurde gegen einen Felsen geschleudert und zerschmettert, wobei der größte Teil ihrer Vorräte verloren ging. Nachdem sie das Wenige, was ihnen geblieben war, auf den Rücken geladen hatten, suchten sie sich einen Weg durch den Llrwald $u bahnen. Walsh wurde in der furchtbaren Hitze infolge des Hungers und der Anstrengungen immer schwächer. Sieben Tage lang waren sie ohne Nahrung. Dann glückte es Foard, einen kleinen Vogel zu schießen, den er dem freunde zurückließ, während er sich selbst auf machte um weitere Nahrung zu suchen. „Als ich nach dem Lager zurückkehrte", so berichtet er, a9r2^a!^ am ^odcn. Zuerst glaubte ich, daß er schliefe. Als er aber auf meinen Ruf nicht antwortete, erkannte ich daß er sehr krank war. Er starb nach wenigen Minuten. Ich blieb noch 3tDCl ai? dieser Stelle und grub mit mei-
. €’’cr ein flaches Grab aus: in dieses legte ich meinen Freund und schleppte mich dann weiter in der Hoffnung, ein Dorf zu finden. Ich besaß nur noch eine Patrone, und um diese zu be- wahren verzichtete ich auf jede Nahrung. Aber schließlich wurde ich so hungrig, daß ich es nicht langer aushalten konnte, und so verwendete ich meinen letzten Schuß darauf, auf einen kleinen UJogel SU schießen, das einzige Wild, das ich ent- teckte Aber in meiner Schwäche fehlte ich. Zwei Stunden, nachdem ich so meine letzte Patrone vergeudet hatte, lief mir ein Reh über den Weg. Ich wurde schließlich bewußtlos. Ich erinnere mich an nichts mehr, bis ich in der Hütte eine- eingeborenen Jägers aufwachte. Er war auf der
des Wildes gewesen, das ich erblickt hatte, sah mich und rettete mich."


