Ausgabe 
8.9.1932 Erstes Blatt
 
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Mtes SemWis

Vornan von Hertha Fricke

Urheberrechtsschutz: Dlrlag Oskar Meister, Werdau 16. Fortsetzung Nachdruck verboten.

2a, das ist hübsch!" antwortete Renate. Sie nahm die sorgsam abg«zählt« Medizin und legte sich wieder hin.Gib mir die Hand!" bat sie.

Eva-Marie nahm die magere Hand in die ihre, machte es der Kranken bequem und sang mit leiser Stimme, Renates Lippen formten die Worte, trotzdem ihre Augen geschlossen waren.

Wo die Sterne uns so nahe sind,

dunkler Rachen, bring tnich hin geschwind."

Als Eva-Marie geendet hatte, schlief die kranke Frau schon wieder, aber der Puls flat­terte wie ein gefangener Vogel. Eva-Marie fühlte es und ängstigte sich, sie wagte aber nicht die Hand loszulassen, um die Schlafende nicht zu erschrecken. Sonst wäre sie zum Telephon ge­laufen, um den Arzt zu rufen. Endlich nahm sie doch die Hand leise fort und ging zur Klingel. Das Dienstmädchen stand wahrscheinlich auf der Strohe bei ihrem Schatz. Niemand kam. Eva- Marie telephonierte selbst an den Arzt. Sie bekam die Antwort, dah der Herr Geheimrat gerufen sei, aber sofort benachrichtigt werden sollte.

Da nahm Eva-Marie wieder leise die matte Hand in die ihre und blieb am Bett.

Eine Stunde verging. Der Arzt war noch nicht da, aber die Oper muhte bald zu Ende sein und Schwester Elisabeth bald zurückkommen. Eva- Marie sehnte die ihr sonst so wenig angenehme Person herbei. Aber sie kam nicht! Der Zeiger schlich, die Schwester war noch immer nicht da.

Aengstlich beobachtete Eva-Marie Renates blasses Gesicht. Der Puls ging immer leiser, jetzt zuckte er nur noch. Eva-Marie wuhte nicht, was sie tun sollte. Da fiel ihr ein, dah Renate erlöst sei von tausend Qualen des Körpers und der Seele, wenn sie still einschlafen könnte, wenn sie ans andere Ufer kommen könnte in jenes selige Land, in dem sie den Geliebten wieder- zufinden hoffte, um den man sie hier auf dieser Erde so schmählich betrogen hatte. Alles Erdenleid kam ihr so kurz vor, und der selige Friede, der dahinterlag, so lang, so schön. .

Schlaf wohl, liebe Renate!" flüsterte sie in­nig. Da ging ein Schatten über das süße Frauen­gesicht. Renate war tot. Langsam wurde die Hand, die in der Rechten Eva-Maries lag, kalt und starr. Da faltete Eva-Marie Renates kalte Hände und tat ein leises Gebet.

Die Uhr schlug laut die elfte Stunde. Eva- Marie dachte an das Leben voll Sehnsucht, das da hinübevgegangen war, und ihr Versprechen stand

plötzlich vor ihr wie eine grohe, heilige Pflicht. Sie muhte dem Klaus Behrens Renates Ver­mächtnis bringen. Sie nahm die Kette mit dem silbernen Schliissel von der Brust der Entschlafe­nen. Da fiel etwas. Eva-Marie hatte mit dem weiten Aermel ihres Morgenkleides die Flasche mit dem Schlafmittel vom Rachttischchen gestohen. Der Glasstöpsel hatte sich beim Fallen gelöst, und die Medizin war ausgelaufen. Sie hob das Fläschchen auf und setzte es achtlos auf den Waschtisch, ging mit dem Schlüssel an den kleinen, weihen Schreibtisch im Gartenzimmer und nahm die schmale, silberne Schmucktruhe an sich. Sie war eine Hand breit und ein« Hand lang.

Solch kleines Ding!" dachte Eva-Marie und betrachtete das kleine Kunstwerk traurig.Und es enthält doch eines ganzen Frauenlebens Schick­sal!" Sie nahm den dünnen, weihseidenen Schal, den sie um den Hals trug, wickelte das Kästchen hinein und trug es hinüber in ihr Zimmer. Den silbernen Schlüssel hatte sie in den Kasten des Rachitisches an Renates Bett getan.

Als sie über den Korridor gehen wollte, prallte sie an eine Gestalt in dunklem Mantel an. Er­schrocken sah sie auf, da sie keine Tür hatte gehen hören. Es war Schwester Elisabeth, die sie von oben bis unten betrachtete.

Warum erschrecken Sie so, Fräulein?" fragte diese scharf.

Ich hatte weder eine Tür noch Schritte ge­hört!" antwortete Eva-Marie verstört.

In einem Hause, wo Kranke sind, pflegt man Türen leise zuzumachen und anständig auszutre­ten!" sagte die Pflegerin in hählichem Ton.

Ich hatte niemand hier vermutet!" erwiderte Eva-Marie.

Es ist manchmal jemand da, wenn man allein zu sein glaubt!" antwortete bissig die Kranken­schwester.

Da hob Eva-Marie den feuchten Blick zu ihr empor.Oh, Schwester Elisabeth! Es ist nicht Zeit zu bösen Worten, sonst mühte ich Sie zurechtweisen! Ich tue nichts, was das Licht zu scheuen hätte! Frau Renate ist vor einer halben Stunde sanft eingeschlafen. Ganz sanft! Einen Augenblick, ich komme gleich wieder und erzähle Ihnen alles, wie alles war!" Das Mädchen ging rasch in ihr Zimmer, schloh die kleine Truhe mit dem unschuldigen Geheimnis von Renates Rechtfertigung in ihren Lederkoffer, zog sich ein schlichtes schwarzes Kleid an und kehrte in das Sterbezimmer zurück.

Da stand Schwester Elisabeth und hielt mit prüfendem Blick die kleine Flasche an das Licht.

Die Flasche fiel herunter", erklärte Eva- Marie.Ich war ungeschickt!"

So? Ich hatte noch gar nicht gefragt!" sagte die Schwester. Eva-Maries Herz empörte sich gegen diese Frau, die kalt und höhnisch blieb auch an diesem Totenbett.

Die Hausglocke ging, und das Mädchen mel­dete den Arzt.

Frau Andresen ist heute nacht gestorben!" sagte Eva-Marie, als er ihr die Hand reichte.

Ich hatte es eigentlich erwartet", sagte er.

Ich eigentlich nicht", meinte Schwester Elisa­beth.Sonst würde ich nicht von der Güte des Herrn Andresen Gebrauch gemacht haben, eine Oper zu hören! Ich fand die gnädige Frau den Umständen nach ganz wohl, als ich ging! Als ich zurückkam, sand' ich, nun, ich fand sie tot, und merkwürdigerweise die Flasche mit Morphium halb leer!"

Sie war heruntergefallen", sagte Eva-Marie.

Schon gut, liebes Fräulein!" tröstete der Ge­heimrat.Sic waren allein bei ihr?"

Ja!" antwortete Eva-Marie.Ich habe mich schon gestern abend über die grohe Schwäche geängstigt und dies auch Herrn Andresen mit­geteilt, ehe er ging. Aber Renate war ganz ruhig und zufrieden. Sie sprach wenig und wollte sogar noch ein Lied hören!"

Taten Sie ihr den Willen, Kind?" fragte der alte Herr gütig.

3a, hier an ihrem Bett", sagte Eva-Marie.

Lind dabei schlief sie ein? Der Geheimrat sah Eva-Marie unendlich wohlwollend in das hübsche Gesicht.

3a", antwortete Eva-Marie.Ganz ohne Schmerz und Kampf."

Welch schöner Tod", sagte der alte Herr weich.

Sie hatten ihr wohl noch Morphiumtropfen gegeben? 3ch möchte nicht Arzt sein, wenn es kein Morphium gäbe!"

3ch gab ihr zehn Tropfen in Himbeersaft", berichtete Eva-Marie.Aber sie hatte schon vor­her ein wenig geschlummert!"

Die Flasche war halbleer!" betonte Schwester Elisabeth.

3ch weih nicht, was Sie veranlaht, an Fräu­lein von Diemens Worten zu zweifeln!" sagte der Arzt scharf.Die Flasche ist heruntergefallen. Wo, mein liebes Kind?" wandte er sich an das junge Mädchen.

Dahin, hier!" zeigte Eva-Marie. Auf dem Hellen Smyrnavorleger war ein dunkler Fleck.

Ra, also", sagte der Geheimrat.3hre Worte enthielten einen scheußlichen Verdacht, Schwester Elisabeth, der durch nichts berechtigt ist! Frau Andresen und Fräulein von Diemen waren innig befreundet. Herr Dr. Andresen hat mir noch bei seinem Weggang davon erzählt. Lind er bekun­dete mir eine grohe Hochachtung vor dieser jungen Dame! Wenn Fräulein von Diemen wirk­lich ein paar Tropfen mehr gegeben hätte, wäre es auch kein Unglück! Wir wollen unsere arme Frau Renate glücklich preisen, dah sie erlöst ist! Und ohne den gefürchteten Schmerz und Kampf. 3hres Lebens Llhr war abgelaufen!" Er trat noch einmal an das Sterbelager, hob die Augen­

lider der Toten und strich dann weich darüber hin. Geben Sie mir ein Blatt Papier, gnädiges Fräulein! 3ch will den Totenschein für das Standesamt schreiben."

Eva-Marie nahm den Schlüssel aus dem Racht- tischschub und holte ein Weihes Blatt Papier aus Renates Schreibtisch.

Dann kam Karl Andresen nach Hause. Der Arzt teilte ihm den Tod seiner Gattin mit. Eva- Marie zog sich zurück, nachdem sie ihm kurz Über die letzten Minuten berichtet hatte. Erst in der Einsamkeit ihres Zimmers fand sie die wohl­tuenden Tränen.

Wie war Renates Tod doch so sanft und schön gewesen, und wie hckhlich Schwester Elisabeths Benehmen nachher! Wie gut, dah der gute, liebe Geheimrat noch gekommen war!

Was würde nun werden?

Wohin kam sie, Eva-Marie, nun? Wie sehnte sie sich nach ihrer Mutter.

13.

Als Eva-Marie am anderen Morgen auf- wach t«, dachte sie an das silberne Kästchen und an ihre Reise zu Klaus Behrens. Ob sie dem guten, alten Geheimrat davon erzählte? Aber nein, das durfte sie ja nicht! Sie hatte Renate ihr Wort gegeben, niemand, niemand durste davon erfahren, als Klaus. Sie kam ja nun auch fort von dieser unheimlichen Person! Rur das Be­gräbnis muhte sie abwarten! Solange wollte sie sich der kleinen Gerti annehmen.

Renate wurde eingeäschert. Es ging alles so unbemerkt, feit die Tote aus dem Hause ge­bracht war. Eine kurze Trauerseier in der Ka­pelle des Krematoriums war der letzte, weh­mütige Eindruck, den Eva-Marie von ihrem Auf­enthalt im Hause Andresens mitnahm. Heinrich Andresen hatte nicht kommen können. Eine schwere Epidemie war in den Heilanstalten ausgebro- d)<>n, und kein Arzt konnte abkommen. Es war auch nicht erwünscht, um keine Krankheitskeime weiterzuverschleppen. Dr. Andresen schrieb an seinen Bruder und Eva-Marie, und fügte sich. Eva-Marie dankte ihm kurz und freundlich und schrieb ihm, dah sie das Haus Andresen nun verlassen mühte. Die kleine Gerti wäre in ihre Pension zurückgekehrt. Schwester Elisabeth habe sich seinem Bruder als Hausdame angeboten, und dieser habe sie angenommen. Sobald sie, Eva-Marie, wisse, wo sie selbst bliebe, würde sie ihm schreiben. Vorderhand wollte sie eine Reise machen und dann nach Groh-Kubitz zu ihren Verwandten, vielleicht auch eine verhei­ratet« Freundin für kurze Tage besuchen.

Sie las den Brief noch einmal durch und war zufrieden. So konnte sie -reisen, sie sagte leine Unwahrheit, sie wollte ja zu ihrer Mama. Schon weil sie mit ihr von Renate sprechen wollte.

(Fortsetzung folgt.)

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