Ausgabe 
8.8.1932 Erstes Blatt
 
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ten. Dor allem aber füllt ins Gewicht, daß die kleineren Städte gerade für die Amtsgerichte vielfach besondere finanzielle Opfer gebracht haben durch Herstellung von Ge­richtsgebäuden oder Dienstwohnungen oder durch Unterbringung der Amtsgerichte in städtischen Gebäuden für eine geringe Miete, weil der Ber- kebr der Gesamtbevölkerung des Gerichtsbezirks mit dem Amtsgericht den gewerblichen und kauf­männischen Interessen ihrer Bürger zugute kam.

Es ist daher offensichtlich, daß die Aufhebung des Amtsgerichts oder des Landratsomtes in einer kleinen Stadt, die unter den vorgenannten Notständen besonders zu leiden hat und durch Aufnahme von Darlehen für die Herstellung der genannten Bauten und durch Einrichtung von höheren Schulen für die Beamten dauernde finan­zielle Verpflichtungen übernommen hat, viel­fach zu einer Wirtschaftskatastrophe führen muh, weil sie auf der einen Seite von Liesen La st en nicht befreit werden kann, während auf der anderen Seite ihre Steuer­kraft weiter ruiniert wird durch den Ab­gang von Beamten und Rechtsanwälten und durch die Erschütterung des städtischen Erwerbsle­bens, das zum Teil in ihren Absahintcressen auf die Beamtenschaft und den Verkehr der Gesamt- bevölkörung des Gerichtsbezirks bzw. Kreisbezirks mit dem Amtsgericht und Landratsamt angewie­sen war. Dazu kommt die weitere Gefahr, dah die Verlegung des Aintsgerichts oder Landrats­amtes die Verlegung anderer Lokal­behörden nach sich zieht (Katasteramt und staatliche Kreisbehörden wie Hochbauamt, Kreis­schulrat, Kreisarzt, Kreisveterinärarzt) und da­durch eine völlige Finanzkatastrophe herbeiführt.

Aus diesen Gesichtspunkten wird die angeordnete Auflösung von Amtsgerichten und Landkreisen in zahlreichen Fällen von der Bevölkerung der be­troffenen kleinen Städte als ungerecht und unwirtschaftlich empfunden, weil sie in genauester Kenntnis der örtlichen und nachbarlichen Verhältnisse davon überzeugt ist, daß sich die fis- /alischen Ersparnisse infolge der Umzugskosten, Pen- sionen, Abfindungen, Neu- und Anbauten fiskali­scher Gebäude auf ein Mindestmaß beschränken wer­den, während unersetzliche Werte der betroffenen Stadt zerstört werden und der Bevölkerung Mehr­kosten und Zeitverluste entstehen, weil sie in ein­zelnen Fällen nicht einmal in einem Tage das Amtsgericht oder das Landratsamt zu erreichen ver­mag. Eine besondere Erbitterung wird sich in den Grenzbezirken geltend machen, die bei den genaan- ten Aufhebungen in Einzelfällen ebenfalls nicht ge­schont worden sind, obwohl dadurch ein unwieder­herstellbarer nationaler Schaden entstehen würde.

Aus allen diesen Gründen erscheint es un­erläßlich, die Durchführung der genannten Ver­ordnungen noch hinauszuschieben, bis durch eine Besichtigung an Ort und Stelle und durch ausreichende Anhörung der örtlich interessierten Behörden- und Wirtschaftskörper festgestellt ist, ob und inwieweit die geplanten Mahnahmen in chrer Gesamtauswirkung erhebliche Ersparnisse ermöglichen und zugleich für die Gesamtheit er­träglich sind. Insbesondere wird sich die Nach­prüfung auch auf den Sitz der Land­kreise erstrecken müssen, wobei wir mit beson­derem Nachdruck die grundsätzliche Forderung wiederholen müssen, daß der Sitz eines Land­kreises nur in zwingenden Ausnahmefällen aus dem Landkreise in eine kreisfreie Stadt verlegt werden darf. Ferner wird es sich empfehlen, in denjenigen Fällen, in denen eine Aufhebung der Amtsgerichte unvermeidlich ist, die dadurch ent­stehenden Nachteile für das betroffene Gebiet dadurch zu mildern, dah in diesen Gebieten aus­wärtige Gerichtstage eingeführt wer­den, und dah die Grundbuch-Abteilung an Ort und Stelle verbleibt, weil die Belassung dieser für den örtlichen Grundbesitz und die Stadtverwaltung besonders wichtigen Ge­richtsabteilung örtlich zumeist von besonderem Interesse ist.

Arbeitsgemeinschaft -er Heimaiver« bände Oberheffen - Lahngau - Oillkreis.

Der Vorstand desVerbandesdercheimat- vereine im Dillkreis und der Arbeits- ausfchußOberhefsen-Lahngau des hef- fischen Volksbundes haben in einer Sitzung in Gießen beschlossen, in eine Arbeitsgemein­schaft einzutreten zur Wahrung der kulturellen

und wirtschaftlichen Interessen ihres Gebiets ein­schließlich derjenigen Fragen, welche bei der künf­tigen Reichsreform in der Landfcha.ft Rheinfranken zur Wahrung der Belange der hessischen und nassauischen Gebiete austreten.

Generalstreik

im belgischen Bergbau.

Brüssel, 7. Aug. (2H.) Auf einer außer­ordentlichen Dertreterversammlung der belgischen sozialistischen Bergarbeitergewerlschaft in Brüssel wurde am Sonntag nach stürmischer Aussprache der Generalstreik für den Bergbau und die verwandten Betriebe be­schlossen. Der Streik dürfte sich ab Montag a u f dos gesamte belgische Kohlenrevier erstrecken. An dem Streik werden sich 170 000 Arbeiter beteiligen. Die Bewegung als solche dauert bereits seit einem Monat an. Sie war von vornherein der Führung der Sozialisten entglitten und fast völlig unter den Einfluß radikaler Ele­mente, vor allem der Kommunisten, geraten. Bon der Regierung wurde den Arbeitern das Anerbieten gemacht, die unteren Löhne nach Wiederaufnahme der Arbeit zu überprüfen. Die­sem Vorschlag hat die Vertreterversammlung mit der Forderung einer sofortigen Erhöhung der Löhne in den unteren Tarif- klassen und einer Neuregelung des Ar­beit sabkom mens für den Bergbau beant­wortet. Danach sollten in Zukunft die Löhne aus­schließlich nach der Lebenshaltungs­ri ch t g a h l berechnet werden und nicht mehr wie bisher nach einer Richtzahl, die auch gleich­zeitig den Kohlenpreis berücksichtigte. In­zwischen wird von kommunistischer Seite im ge­samten Grubengebiet weitergehetzt. Mit Rücksicht auf die Ausdehnung des Streiks wird die Ne­gierung sofort umfangreiche militärische Maßnahmen treffen.

Aus aller Welt.

Trauergottesdienst für die Toten derJtiobe.

In der Berliner Alten Garnisonkirche fand eine Gedächtnisfeier für b i e Toten des SchulschiffesNiobe" statt. Die alt« Sol- datenkirche hatte Trauerschmuck angelegt. Von der Empore herab hing die Flagge der Reichsmarine unter Trauerflor und vor dem Altar standen die Abordnungen der Marinevereine mit umflorten Fahnen. AlsDertreter des Reichspräsidenten war der Chef der Marineleitung, Admiral Dr. h. c. Raede r, erschienen: neben ihm hatte der Chef der Heeres­leitung, General von Hammer st ein, Platz ge­nommen. Die Marineleitung war fast vollzählig an­wesend, auch viele Offiziere der alten Marine, unter ihnen Admiral von Schröder und Frcaatten- kapitän a. D. Scheibe. Ferner zahlreiche Offiziere der Reichswehr, der Gruppenkommandeur General Haffe, der Stadtkommandant von Berlin und Of­fiziere der Berliner Schutzpolizei. Nach einem Trauermarsch, gespielt von dem Musikchor des Wachtregiments Berlin, verlas Feldprobst D. Schlegel die Namen der 69 Seeleute, Unteroffi­ziers- und Offiziersanwärter, Sanitäts- und Aus­bildungsoffiziere, die am 26. Juli in den Wellen des Fehmarn-Belts den Tod gefunden haben. Er legte feiner Predigt Verse aus dem Römerbrief zugrunde und spendete Trost den Angehörigen der Seeleute, die in treuer Pflichterfüllung für ihr Vaterland starben. Mit einem Gebet für die Toten und die Ge­retteten des stolzen Schulschiffes und dem gemein­samen GesangLaßt Kraft mich erwerben in Herz und in Hand, zu leben und zu sterben fürs heil'ge Vaterland" sand der Trauergottesdienst sein Ende.

Der 21. Deutsche Feuerwehrtag in Karlsruhe.

Der 21. DeutscheFeuerwehrtagin Karls­ruhe erreichte seinen Höhepunkt mit einer großen Schau- und Angriffsübung auf dem Strefemann-Platz und dem F e st z u g der 15 000 Feuerwehrmänner aus allen Teilen des Reichs. Be­sonders stark waren die Pfalz, Württemberg, Baden, das rechtsrheinische Bayern und Hessen vertreten. Lebhafte Zurufe empfingen auch die Delegationen aus Oesterreich, der Schweiz und der Tschechoflowa- kei. sowie unsere Brüder aus dem Saargebiet, aus Ost- und Westpreußen und aus Schlesien. Als die Spitze des Zuges am Rathaus anlangte, wurde still-

gestanden undHelm ab" kommandiert. Unter dem Geläute sämtlicher Kirchenglocken verharrte man in stillem Gedenken an öie Toten des Welt­kriegs. Dann wurde der Vorbeimarsch fortgesetzt, der von Präsident Ecker (München) abgenommen wurde. Der Abend des Haupttages brachte eine große Festveranstaltung mit Konzert auswärtiger Feuerwehrkapellen unter Mitwirkung von Karls­ruher Gesangvereinen in Verbindung mit dem Großen Zapfenstreich aller Musikkapellen. An Reichspräsident v. Hindenburg wurde ein Hul­digungstelegramm gesandt. Der nächste Deutsche Feuerwehrtag findet 1937 in Danzig statt.

Die Grundeigentümer-Tagung in Hamburg.

Nach der Hauptversammlung spielten im wei­teren Verlauf des Programms des 5 3. Zen­tralverbandstages der Deutschen Haus- und Grundbesitzervereine in Hamburg vornehmlich gesellschaftliche Veranstal­tungen eine Rolle. Den Höhepunkt bildete eine Festaufführung derZauberflöte" im Hamburger Stadttheater. Auch erfolgte eine Dismarckehrung am Denkmal auf der Elbhöhe am Hafen. Ferner fand im Rahmen der Gesamttagung eine Sitzung der Vereinigung deutscher Haus- und Grund­besitzer-Versicherungsgesellschaften statt, in der zur Schaffung einer Gefahrengemeinschaft bzw. einer Vereinigung zum Austausch von Gerichts­urteilen und Spezialuntersuchungen auf dem Ge­biet des Versicherungswesens aufgefordert wurde.

3m Weizenfeld ermordet aufgefunden.

Auf ter Feldmark Hinterbollhagen bei Bad Doberan (Mecklenburg) wurde beim Mähen eines Weizenfeldes eine weiblicheLeiche aufgefun­den. Die Tote wurde von ter Gerichtskommission als die feit dem 3. Iuli vermißte Apotheker­gehilfin Elli Schröder, die zuletzt in der Neubuckower Apotheke beschäftigt war, identifi­ziert. Die Untersuchung wird erschwert durch den älmstand, dah seit der Tat bereits fünf Wochen verstrichen sind. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß das Mädchen ermordet wurde, nachdem ein Sittlichkeitsverbrechen an ihm verübt worden war. Für die Ermittlung des Täters hat der Oter- staatsanwalt in Rostock eine Belohnung von 1000 Mk. ausgesetzt.

von Gronau bei der deutschen Kolonie in Milwaukee.

Nachdem ter deutsche Flieger Wolfgang von Gronau mit seiner Besatzung bei dem bekannten

Großindustriellen Henrh Ford zu Gast gewesen war, setzte derGrönlandwal" seinen Flug nach Milwaukee fort, wo der Ozeanflieger der deutschen Kolonie einen Besuch zugesagt hatte. Die Landung des Flugzeuges war für die Kolonie ein Erlebnis. Die Deutschen hatten es sich nicht neh­men lassen, ihren Landsleuten einen festli­chen Empfang zu bereiten. Die Begeisterung war außerortentlich groß. Da der Zug während der Geschäftszeit durch das Geschäftsviertel ter Stadt führte, waren alle Bürofenster beseht: zahl­reiche Telephonbücher, Adreßbücher usw. wurden von den begeisterten Zuschauerinnen und Zuschau­ern zerfetzt und als Konfetti auf die Straße ge­worfen.

Wirbelsturm und Wolkenbruch über Rordbulgarien.

Ausgedehnte Gebiete Nordbu'gariens wurden von einem Wirbelsturm heimgesucht, der von einem Wolkenbruch und Hagel- schlag begleitet war. Obwohl das Ünwetter nur zehn Minuten dauerte, ist ter Schaden außerordentlich hoch. Die Felder sind ver­wüstet und viele Häuser schwer beschädigt worden. Besonders starke Verwüstungen wurden in dem Dorfe Nowoselo bei Schummen angerichtet. Sieben Menschen sind beim Hereinbrechen des Hochwassers ertrunken. Zahlreiche Einwoh­ner wurden verwundet. Ein großer Viehbestand ist vernichtet. Infolge ter schweren Unwetter, die in ten letzten Tagen über Bulgarien hin­weggegangen sind, müssen 152 Dörfer staatliche H"i'lfe in Anspruch nehmen, da die Ernte zer­stört ist.

Aulounfall im Gebirge.

Wie aus Innsbruck gemeldet wird, ist in der gefürchteten Haarnadelkurve am Zirler Berg ein reichsdeutsches Postauto aus Augs­burg über d i e Kurve hinausgefahren. Dabei riß es verschiedene Wegweiser und zwei starke Bäume um, kam aber dann glücklicherweise zum Stehen. Im Auto befanden sich außer dem Lenker 28 Personen, sämtlich aus Augsburg, von denen 12 durch Glassplitter, Hautabschürfungen usw. leicht verletzt wurden. Ins Spital brauchte niemand gebracht zu werden. Der Lenker war die steile Straße mit ter zweiten Uebersetzung herabgefahren, wollte dann die erste einschalten, die aber nicht richtig funk­tionierte. Durch die Geistesgegenwart des Führers wurde ein größeres ilnglüd verhindert.

Aus der provinzialhaupistadi.

Gießen, ten 6. August 1932.

Abwartende Haltung auf dem kaufmännischen Stellenmarkt.

Wie die Kaufmännische Stellenvermittlung des Deutschnationalen Handlungsge- hilfen-Derbandes mitteilt, läßt sich die Lage auf dem kaufmännischen Stellenmarkt am besten mit den Wortenvorsichtsvolles Abwar­ten" kennzeichnen. Als Folge ter politischen Not­verordnungen und des scharfen Wahlkampfes üb­ten die älnternehmer große Zurückhaltung in ter Erteilung von Besetzungsaufträgen. Die Behör­den forderten für die Durchführung des Wahl- geschäftes nur wenige Kräfte an. In der Mehr­zahl stellten die Parteien ihre Wahlhelfer aus den Reihen ihrer eigenen erwerbslosen Mitglie­der. Für die Saison-Schluß-Verkäufe wurden we­gen der starken Schrumpfung der Kaufkraft nur wenige Aushilfskräfte eingestellt.

In Nordwestdeutschland war der Dewerberzu- gang geringer als im Vormonat. In Ostdeutsch­land hielt er die Höhe des Vormonats, während in Mittel-, Süd- und Westdeutschland eine kleine Steigerung' zu verzeich­nen war, verursacht durch weitere Stillegungen und Einschränkungen. Die schon im Iuni beobach­tete Stagnation tes Dewerberzuganges hat trotz­dem angebalten, zumal auch in vielen Gebieten bereits ausgesprochene Kündigungen zurückgezo­gen oder auf einen späteren Termin verschoben wurden. Etwas Saisonbelebung zeigte sich in der Fahrradindustrie Nordwestdeutschlands und über­all in der Gemüse- und Fruchtkonservenindustrie. Danzig hat immer mehr unter ter Konkurrenz des Gdinger Hafens zu leiden. In Breslau und Schle­

sien fanden noch, wenn auch vermindert, Stille­gungen und Massenkündigungen statt. Im sächsi­schen und mitteldeutschen Industriegebiet ist die Arbeitsmarktlage schlecht, auch in Süd- und Westdeutschland. Im Saargebiet werden in stär­kerem Maße als bisher ten Nicht-Saarländern die Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen ent­zogen, um die freiwertenden Arbeitsplätze saar­ländischen Erwerbslosen vorzubehalkem In West­deutschland neigen sich die kürzer befristeten Russenaufträge ihrem Ente zu. Neue Entlassun­gen werten daher befürchtet. Die Beschäftigung im Bergbau ist gering. Trotz Sommerpreisen hat der Kohlenhandel keine nennenswerte Beschäfti- gungssteigerung erfahren. Don gutem Geschäft wird aus der Abzeichen- und Knopfindustrie tes Lüdenscheider Gebietes als Folge der Aufhebung tes Uniformierte te8 berichtet.

Der Eingang von Vermittlungsaufträgen und die Desehungsaufträge gingen wegen ter erwähn­ten innerpolitischen Verhältnisse etwas zurück. Es bleibt zu hoffen, daß nunmehr eine Klärung ter politischen Verhältnisse zu einer Entfaltung der hier und da beobachteten Belebungsanzeichen führt.

Vornoti,;cn.

Tageskalender für Montag: Licht­spielhaus Bahnhofstraße:Die Mutter ter Kom­pagnie".

** Weltspartag am 29. Oktober. Der alljährlich stattfindende Weltspartag fällt in die­sem Iahr auf ten 29. Oktober. An diesem Tage wird in der ganzen Welt auf die unersetzliche Be­deutung der Sparkapitalbildung für jede Volks­wirtschaft besonders hingewiesen. Die Einrichtung

Das heimliche Tal.

Von Rudolf G. Dinding.

Es ist ein kleines Tal ein einfaches Wiesen- tal in einem deutschen Mittelgebirge. Die Wiese zieht sich im Grunde hin und wird von einem Dach gewässert, der weiter oben entspringt, wo sich die ruhigen Leiber zweier Berge berühren. Hier in ter Wiese ist er schon munter und kräftig und redet in die Stille. Wälder, von Bergen nietersteigend, säumen das Tal auf beiten Sei­ten. und auf ter einen führt am oberen Rand tes Grundes ein wackerer, etwas steiniger Weg talab, fast eine Straße, auf der es sich gut aus- schreiten läßt, wenn man ab und zu wegen einiger von den Regengüssen blohgewaschener öteinbroden einen größeren Schritt macht. Im oberen Tal begleitet ein lang hinge streck ter ehr­würdiger Berg ein alter ruhender König von einem Berge das Tal mit seinen Ausläufern weithin und drängt den Bach in ter Wiese zeitweilig sanft auf die gegenüberliegende Seite.

Eine unbeschreibliche Einfachheit ist hier die Herrscherin: eine biblische Einfachheit als ob die Natur eine biblische Geschichte erzähle. Keine Menschenwohnung hat sich in dem Tal angebaut, noch hätte sie irgendwo Raum. Es füllt sich ganz selbst aus und hat niemanden aufgefordert, in seine Vollkommenheit einzudringen.

Zwar gehen Menschen ten Weg hinauf und hinab, und zur Heuzeit kann man tes morgens ein paar Männer die Sense durch das üppige triefende Gras schwingen sehen, und am Abend wirft ein Mädchen das Heu in der sinkenden Sonne zum letztenmal mit weitausgreifendem Dechen um. Ater sie verschwinden alte, Wan­derer und Mähder, wie sie gekommen waren, und das Bereich bleibt dem heraustretenden Wild und den regungslosen Bergen.

Als ich ein Kind war, war das Tal sehr groß, weil ich sehr klein war. Ietzt ist es geringer an Ausdehnung, ater seine Einfachheit ist immer üleich groß. Nie habe ich mehr entdeckt noch hat es mir mehr gezeigt als die wenigen großen Elemente, die es ausfüllen und recht eigentlich wlsmachen. Doch nichts erweckt den Eindruck von Einsamkeit und Verlassenheit oder von Geheim- dort nur alles sehr selbständig und selbsterfüllt, wie vollgesogen von seiner eigenen Kraft, m der es beruht.

Seine größte Kraft aber hat das Tal bei sinkendem Tage. Dann vollbringt es zu seiner Stunde ein Wunder: es öffnet seinen Schoß un­mittelbar in ten Horizont. Denn obgleich es sich ziemlich hoch im Gebirge hinzieht, scheint es doch schon von weitern in ten Rand der Welt münden zu wollen, der sich dort weit über einer unend­lichen, sonnenübergossenen Ebene in den Abend erstreckt. Wenn man den Weg talab geht, sanft begleitet Schritt für Schritt von den schwingenden starken Wäldern zur Seite, gebt man geraden Wegs in die älnendlichkeit.

älnd während er abwärts schreitet mit grö­ßeren Schritten, die Aeste im Rhythmus seines Ganges sich neigen und die Berge sich hinter ihm höher emporheben, wächst dem Menschen aus dem Tale etwas wie eine leichte Kraft zu eine Kraft, die den Boten fester fühlen läßt unter den Füßen, als ob er ihn abstohen müßte, während er doch nur in jedem Tritte unmerk- lich freier ausgreift. Dort wo das Tal hineilt, wohin sein Schoß sich öffnet, sinkt die Sonne. Ein leuchtendes Tor von Gewölk steht weit ab, ein leichter rätselhafter Wind, ter den Wald nicht anrührt, faßt mich im Rücken. Leicht, ohne Gewicht, beglänzt, das Auge voll Licht, unauf­haltsam schreite ich talab geradewegs ins Feuer.

Dann ist's von neuem der Gang durch mein Tal der verschwiegene Gang durch das heim­liche Tal

Hand in Hand mit dem Wind der in den Abend weht, Aug in Aug mit der Sonn, die fern zur Ruhe geht, lauschend mit halbem Ohr auf dich, du heller Bach schreit ich mein Tal hinab einer Entfernten nach.

Antrittsbesuch inLellachich.

Von Hans Riebau.

Hennekofel ist nicht nur der Erbe des Onkels Jo­nathan aus Chikago und damit reich: Nein, Henne- kofel, blond, lang und dick, ist auch ein netter Kerl; ein Mann, der Ideen hat, ein Herz, einen richtigen Charakter und sogar den Mut, in seinem Acht- Zylinder Leute mitzunehmen, die im Begriff sind.

I ihr Fahrrad zu versetzen. Trotzdem aber hat Henne- kofel einen Fehler. Er trägt Anzüge von Bvrison & Co., aber seine Fingernägel sind nicht ganz sauber. Er hat einen la hocheleganten Chauffeur und wohnt in einer Villa am Bottow-See. Aber er hat weder in der Nachbarvilla Besuch gemacht, noch hält er es für nötig, die Damen zu grüßen, die in eben dieser Villa wohnen. Er hat die junge Komtesse Liliom, Tochter des Grafen Jsry aus Jellachich in Ungarn kennengelernt. Aber er küßt ihr weder die Hand noch sagt erKomteß" oder auch nurGnäd'ges Fräu­lein" zu ihr. Sondern einfach:Na, Fräulein? Woll'n wir 'n düfchen segeln?"

Die Komteß Liliom, wie das ja manchmal so ist, schlägt vor Entzücken die Hände zusammen über diese steinzeitlich-oitalen Manieren. Sie hat genug von krummen Rücken und Süßholzgeraspel, sagt sie, und da sie reich ist, und der Hennekofel noch reicher, weiß sie: das zärtliche Flimmern in seinen Augen gilt nicht der Erbin und nicht der Aristokratin, sondern ihr, dem Fräulein Liliom aus Jellachich.

Unter diesen Umständen dauert es nicht lange, Und sie sind verlobt, der lange blonde Hennekofel und die kleine braune Komteß. Und am dritten August soll, nicht etwa in Jellachich, versteht sich, sondern in Berlin, die Hochzeit sein. Mesalliancen werden außerhalb der Landesgrenzen geschlossen.

Die Freunde staunen. Auch ich staune.

Wie ist das möglich?" fragte ich Hennekofel.Daß ihr euch liebt, daß ihr euch heiraten wollt: schön, das verstehen wir. Dah der alte Graf im Hinblick auf den verstorbenen Onkel Jonathan über deine bürgerliche Herkunft hinwegsieht auch gut. Aber daß er, der Sproß eines uralten Aristokraten­geschlechts, dir seine Tochter gibt, nachdem du dich persönlich der Familie oorgestellt hast, das, lieber Hennekogel, verstehe ich nicht. Hast du dich denn in Jellachich so zusammenreißen können?"

Jedenfalls ist alles in bester Ordnung", murmelte Hennekofel.Der Graf und die Gräfin, die Vettern und Basen, Generäle und Hofdamen waren entzückt von mir. Kein Mensch hat gewagt, gegen die Hochzeit Einspruch zu erheben."

Donnerwetter", lachte ich,ist der Einfluß der Komteß auf dich schon so stark, daß--"

Blödsinn", unterbrach Hennekofel und strich sich das Haar aus der Stirn,glaubst du denn, ich wäre selbst in Jellachich gewesen? Ich habe meinen Chauf­feur hingeschickt."

Zeitschriften,

Die Süddeutschen Monatshefte (Mün­chen) widmen ihr neuestes Sonderheft dem Thema Weissagungen". Selbstverständlich befaßt sich diese ernste Zeitschrift nicht mit all dem Humbug, der gerade in unserer Zeit auf diesem Gebiete ver­breitet wird, auch nicht mit astrologischen Voraus­sagen, sondern lediglich mit dem wichtigsten ernsten Material. Auf diese Weise gelingt es ihr, ein ebenso geheimnisvolles wie packendes Kapitel der Geistes­geschichte für viele zu erhellen, ja vielleicht sogar manchen Geistern heute gerade in diesem Punkte Halt und Richtung zu geben. Besonders interessiert das Kapitel über den Weltkrieg und Deutschlands Zukunft, das Eduard Stemplinger schreibt. Den stärksten Eindruck machen hier die Weissagungen desSehers vom Böhmerwald", des Mühl-Hiasl im Bayerischen Wald, gegen Ende des 18. Jahr- hunderts.Nicht nur Eisenbahn und Dampfschiff und den Weltkrieg sagte er voraus, sondern auch Einzel- heiten der Zeit nach dem Kriege, so z. B. der In­flation:Nach dem Krieg meint man, Ruh ist, ist aber feine. Die hohen Herren sitzen beisammen und machen Steuern aus. 's Geld wird keinen Wert mehr haben, um zweihundert Gulden wird man keinen Laib Brot kriegen: es wird aber keine Hungersnot sein. Das Geld wird zu Eisen um ein Goldstück kann man einen Bauernhof kaufen. Die Leut' werden in der Luft fliegen wie die Sögel..." Joseph Bernhart beschließt das inter­essante Heft mit einer Betrachtung über das Pro­phetische, in der er den gerade für untere Zeit so notwendigen Trennungsstrich zwischen Sehertum und Wahrsagerei zieht.

Sochschulnackn'chteu.

Ministerialdirektor Werner Richter, Berlin, der von seinem Posten als Leiter der Hochschulangelegen­heiten im Unterrichtsministerium zurücktritt ist zum ordentlichen Professor für deutsche Philologie an dev Berliner Universität ernannt worden. Damit ist ter dritte germanistische Lehrstuhl in Berlin neben Petersen und Hübner nach langer Zeit wieder besetzt.

Der Lehrstuhl für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Universität Berlin an Stelle des oerftorbe* nen Professors G. Arndt ist dem ordentlichen Pro­fessor Dr. Walter Frieboes in Rostock ange­boten worden