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8.7.1932 Erstes Blatt
 
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ar. (58 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Freitag, 8. Juli 1952

Muß der deutsche Wohnungsbau zusammenbrechen?

In dem nachfolgenden Aufsatz fassen wir eine Anzahl Meinungsäußerungen zusam­men, die unser V.-Mitarbeiter bet einer Reihe von Fachstellen für das Bauwesen gesammelt hat.

In dem Durcheinander von Konferenzen, Krisen und wirtschaftlichen Erschütterungen hat die deut­sche Oeffentlichkeit ein Ereignis eigentlich kaum be­merkt. Der deutsche Wohnungsbau ist fast zu­sammengebrochen. Kein anderes Gebiet der öffent­lichen Wirtschaft war noch vor wenigen Iahren so umkämpft, wie der deutsche Wohnungsbau, kaum ein anderes Gebiet der Wirtschaft fand ähnliches Interesse. Noch in den Iahren 1929 und 1930 sandten die Vereinigten Staaten Stu­dien-Kommissionen nach Deutschland, um das deutsche Bauwesen zu studieren. Deutschland be­hauptete mit Stolz von sich, seit Infla­tionsende etwa 16 Milliarden Reichsmark im Wohnungsbau ange­legt zu haben, mehr als die private Aus­landsverschuldung beträgt. Man hatte im Iahre 1927 ein Dauprogramm fertiggestellt, nach dem die Wohnungsnot im Iahre 1935 behoben sein sollte. Es bestand im Iahre 1927 noch ein Grund­bedarf von etwa 550 000 Wohnungen. Hinzu kam, daß durch Lleberalterung, Häuser-Abbruch usw., sowie durch ein Plus an Eheschließungen Iahr für Iahr ein Aeubedarf von 120 000 Wohnungen im Reiche hinzutritt. Durch die jährliche Herstellung von rund 200 000 Reubauwohnungen in Deutsch­land wollte man diesen Reubedorf decken und den durch die Wohnungsnot entstandenen Grundbedarf langsam abdecken. Dieses Programm wurde bis 1930 erfüllt und wir dürfen auf Grund dieser Er-

wie die Privatwirtschaft überhaupt, aus. Iahr für Iahr wurden annähernd zwei Milliarden öffentliche Mittel in das Bauwesen gepumpt, ohneRücksichtauf dieWirtschaftlich- keit der Bauten. Der Mißerfolg jedoch kam schneller, als man glaubte. Indem man die Ren­tabilitätsrücksichten der Wirtschaft hier wie über­all außer acht ließ, schrumpften die Steuererträg­nisse, die man aus der so vergewaltigten Wirtschaft zog, trotz geschickter Handhabung der Steuerschraube, zusammen. Die Mittel der H a u s z i n s st e u e r n, die für den Wohnungs­bau verwandt wurden, sind nicht nur geringer ge­worden, sondern müssen überdies zum überwie­genden Teil für reine Derwaltungszwecke abge­zweigt werden. Der Staat siel gegenüber der Bauwirtschaft von einem Extrem ins andere: Gestern überschüttete er die Wirtschaft mit Bau­geldern, heute sperrt er den Zufluß von öffent­lichen Mitteln für den Daumarkt.

Welches ist bei diesen Vorgängen die schlimmste Sünde wider die privatwirtschaftlichen Grund­gesetze gewesen? DerMangel an Sinn für Rentabilität! Zwei Zahlen erklären hier mehr als eine langatmige Abhandlung: Der In­dex der Baukosten betrug noch vor zwei Iahren 180 Prozent der Friedenskosten, er ist heute auf 110 Prozent gesunken. Solange der Staat unkaufmännisch einfach Gelder hergab, ohne nach dem Ertrag zu fragen, konnten die Daupreise so phantastisch hoch bleiben. In demselben Augen­blick, in dem der Staat sich wieder ausschaltete, und die Privatwirtschaft ihren unerbittlichen Rechenstift an die Baukosten anlegte, sank der In­dex von 180 auf 110 Prozent. Wäre eine solche

Regulierung der Baukosten früher erfolgt, hätte man der privaten Bauwirtschaft eher die Mög­lichkeit einer Aktivität gegeben, so hätte der Woh­nungsbau in einem vernünftigen Ausmaß fortge­führt werden können. Auch die anderen Ursachen, die zum Zusammenbruch führen, die zu kost­spielige Ausführung der Klein-Wohnungen, der Mangel an Kleinst-Wohnungen, entspringen letzthin diesen Gedankengängen einer verstaat­lichten Wirtschaftsführung.

Wichtig ist. aus den Fehlern zu lernen. Das Zuviel staatlicher Einwirkung war ein Fehler. Diesen Irrtum durch einen so gut wie vollständi­gen Rückzug vom Wohnungsbau beheben zu wol­len, hieße, oem ersten Fehler einen zweiten, weit schwereren hinzufügen. Auf der Grundlage der gesenkten Baukosten eine neue, wirtschaft­lichere Form der Zusammenarbeit zwischen Staat und privater Bauwirtschaft zu finden, das ist die Parole, durch die wir einen Zusammen­bruch des Wohnungsbaus verhindern können.

Die flöte des Baugewerbes.

Arbeitslosigkeit und Schwarzarbeit.

Der Baugewerbeverein Sieg-Lahn, Siegen, der sich u. a. über die Kreise Gießen, Wetz­lar Unterlahn, Marburg, Ziegenhain, Kirchhain, Homberg und das Gebiet des ehemaligen Frei­staates Waldeck erstreckt, hielt dieser Tage im Hotel Deutsches Haus" zu Betzdorf feine diesjährige Jahreshauptversammlung unter sehr starker Beteili­gung aus allen Teilen des Verbandsgebietes ab. Im Brennpunkt der Tagesordnung stand die Not des Hoch" und Tiefbaugewerbes. Seit der Krise im Julj 1931 hat der Zufluß an öffentlichen und privaten Baugeldern auf dem Baumarkt so gut. wie vollkommen aufgchört. Es sind selbst für be­gonnene und fertiggestellte Bauten in Aussicht ge­stellte Hypotheken in unzähligen Fällen nicht zur

folge feststellen, daß jeder 6. Deutsche heute in einer Reubauwohnung lebt.

Im Iahre 1931 sank die Reubautätigkeit auf die Hälfte des vorjährigen Umfanges. Im Iahre 1932 kommt das Sinken der Reubauzi^fer dem Zusammenbruch nahe: Die Zahl der in die­sem Iahre gebauten Wohnungen bleibt weit unter der 100 000-Grenze, der, wie aus­geführt wurde, in jedem Iahre eintretende Reu­bedarf von etwa 120 000 Wohnungen wird nicht gedeckt. Die Wohnungsnot, deren Ausmaß man durch eine starke Baupolitik bis auf ein erträg­liches Maß gemildert hatte, muh in absehbarer Zeit wieder unerträglich« Formen annehmen.

Es genügt nicht, diese Tatsachen einfach fest­zustellen. Ihre Hintergründe sind wichtiger und bedeutungsvoller, für jede künftige Wohnungs­baupolitik. Es zeigt sich aus dieser Entwicklung, daß der Zusammenbruch des Wohnungsbaus nicht aus Mangel an Interesse, sondern aus den Fehlern herrührt, die hier gemacht wor­den sind. Man muß diese Fehler beseitigen, wenn ein neuer Aufschwung des Bauwesens in Deutsch­land einsehen soll, das ist die Meinung der Eachresierenlen in den zuständigen Ministerien, das ist auch die Auffassung der großen Daugesellschaf- ten.

Von den 200 000 Wohnungen, die in den Dlüte- jahren des Wohnungsbaus gestellt wurden, sind nur etwa 30 000 ohne staatliche 11 n terstützung gebaut worden. Dieser Vergleich wirft ein Licht aus die Hintergründe des Zusam­menbruchs. Der Wohnungsbau war keine Sache der Privatwirtschaft mehr, sondern wurde eine der Inseln der staatssozialistischen Wirtschaft. Genauer: Der Wohnungsbau wurde Sache der Sozialpolitik. Auf der einen Seite wollte der Staat die Wohnungsnot mildern, auf der anderen Seite wollte man durch eine Be­lebung der Bautätigkeit, in der zu 70 bis 80 Pro­zent Lohne stecken, die Arbeitslosigkeit mildern. Diese Gedanken sind gewiß vernünftig. Rur der Weg, der beschritten wurde, war falsch. Man schaltete alle privatwirtschaftlichen Gesichtspunkte,

Das Äeichsk»Ionial-Mea'»rdenkmal in Bremen.

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Die Einweihung des Ehrenmals, das dem Gedächtnis der in den Kolonialkämpfen gefallenen deutschen Helden geweiht ist, fand im Beisein von Vertretern der Reichs-, Staats- und konfessionellen Behörden sowie zahlreicher Kriegerverbände statt. Im Mittelpunkt stand eine Ansprache des Generals von Let- tow-Vorbeck (auf der Kanzel), der einst die deutschen Kolonialsoldaten in ihrem ruhmreichen Kampfe in Deutsch-Ostafrika führte.

Auszahlung gelangt. Das gesamte Hoch, und Tief­baugewerbe ist seit einem Jahr mit höchstens 20 v. H. seines normalen Bestandes an Bauvorhaben bc- jchäftigt. Die Arbeitslosigkeit der Bauarbeiter be­trägt 80 bis 90 v. H.

Weil in dem Gebiet des Baugewerbeverbandes Sieg-Lahn ein großer Teil von Bauarbeitern wohnt, der bei genügender Beschäftigungsmöglichkeit im westfälischen Industriegebiet und im Rheinland arbeitet, hat das Ueberangebot von Arbeitskräften dazu geführt, daß Schwarzarbeit, Scharwerkarbeit, Pfusch- und Regie-Arbeit in ungeahntem Maße zu­genommen haben.

Der Baugewerbeverband Sieg-Lahn hat in seiner Versammlung eine Entschließung gefaßt, in der er fordert, daß die vom Reichsarbeitsminister mit Wir­kung ab 1.6. 1932 für allgemeinverbindlich erklärten und gegenüber dem früheren Stand erheblich herab­gesetzten Löhne nicht nur bei den tariftreuen Firmen, sondern auch bei jeder Art von Regie- und Eigen­arbeit durchgeführt werden. Er verlangt den staat­lichen Schutz seiner Mitglieder gegen die Unter­bietung mit untertariflicher Lohnzahlung. Des weite­ren erwartet er eine größere Lastensenkung bei den berufsgenossenschaftlichen Ausgaben und wirkungs­vollere Erfassung der Schwarz- und Regiearbeit da­durch, daß Vertrauensmänner des Baugewerbes und der Berufsgenossenschaft eine dauernde Kontrolle aller im Bezirk ausgeführten Arbeiten ausführen. Die Mitglieder wurden angewiesen, der Geschäfts­stelle des Verbandes alle ihnen bekanntwerdenden Fälle von Eigen-, Schwarz- oder sonstigen Arbeiten, die nicht durch anerkannte Bauunternehmer aus­geführt werden, zu melden, damit gegebenenfalls Be­strafung und Heranziehung zu den Beiträgen der Berufsgenoffenfchaft, Krankenkasse, Arbeitslosenver­sicherung u. a. durch den Verband in die Wege geleitet wird. Der Baugewerbeverband macht auch die von anderen baugewerblichen Verbänden bereits verlangte Einschränkung der Gewerbefreiheit zu seiner Forderung. Er verlangt eine Konzefsionierung insoweit, als die Ausübung des Baugeschäftes nur solchen Baugewerbetreibenden genehmigt werden soll, die den Befähigungsnachweis geführt haben.

ZRofenfcfoau in Steinfurth.

Steinfurth, 8. Iuli. Das gesamte Stein- furtfyer Wirtschaftsleben wird durch die Rosen­zucht beherrscht, dieselbe gibt der Gemeinde ein ganz besonderes Gepräge gegenüber anderen Dör­fern. Zäher, nimmermüder Fleiß und Ausdauer haben es vermocht, im Verlauf von etwa 60 Iah­ren, in welchen die Rose hier angebaut wird, die hiesige Zucht aus den bescheidensten Anfängen heraus zu einem der bedeutendsten Anbaugebiete Deutschlands zu entwickeln. Die Rosenfelder Steinfurths zählen mit einer Anbaufläche von zirka 300 Morgen sicher zu den schönsten und reiz­vollsten unseres Vaterlandes. Etwa sieben Mil­lionen Dusch- und Hochstammrosen in 6 bis 800 Sorten und Klassen in allen erdenklichen Farben und Schattierungen geben der Gemarkung in die­sen Wochen ein besonderes reizvolles farben­prächtiges Aussehen, das viele Beschauer auch ge­rade aus dem nahen Weltbad Dad-Rauheim an­lockt.

Rach mehrjähriger Unterbrechung tritt nun in diesem Iahre wiederum auf vielseitigen Wunsch der hiesige Gärtnerveretn vom 16. bis 18. Iuli mit einer Ausstellung von Schnittrosen an die Oeffentlichkeit. Etwa 25- bis 30 000 Rosen der bewährtesten alten und neuen Sorten werden im großen Saalbau Hengst die Besucher erfreuen und allen Liebhabern und Freunden Zeugnis geben von dem hohen Stand der Steinfurther Kulturen. Der gemeinsamen Anstrengung aller hiesigen, etwa 180 im Gärtnerverein zusammen geschlossenen Rosenzüchter wird es zweifellos gelingen, eine Schau zu bieten, welche auch der verwöhntesten Geschmacksrichtung von Liebhabern und Fachleu­ten restlos gerecht wird. Mit Rücksicht auf den zu erwartenden Massenbesuch hat die Leitung des Gärtnerrereins für einen Pendelverkehr nach dem 3 Kilometer entfernten Bad-Rauheim Sorge ge­tragen.

Alte Spielzeugschachtel.

Von Oiemar Moering.

Ich hatte Qlerger, schlimmen Aerger, so wie viele von uns ihn heute erleben mögen. Eine Ar­beit, von der ich mir viel erhofft hatte, war zu­rückgegeben worden, Mühe war umsonst vertan und mein Selbstbewußtsein empfindlich getroffen; ich war überzeugt, daß das Schicksal mich unge­recht behandelt hatte.

Dös« und zerworfen mit der Welt begann ich, in alten Dingen herumzukramen: eine Art po­sitiven Protestes gegen das Leben. Man schließt die Tür vor ihm und beschäftigt sich eine Zeit- lang mit der Vergangenheit, die uns nicht mehx zu quälen vermag, man zieht sich auf eine einiger­maßen anständige Art für ein Weilchen zunick und gewinnt bei der Betrachtung des immerhin schon zurückgelegten Lebensweges sein Selbstvertrauen wieder, lind dabei also fiel mir eine alte Span­schachtel in die Hände.

Ich konnte mich ihrer nicht erinnern, es mußte lange her sein, daß ich sie zum letzten Male ge­sehen hatte. Altes Spielzeug meiner Kindheit glänzte mir lockend entgegen, als ich den Deckel aushob, ein kunterbunter Kram hölzerner Häus­chen, Menschen und Tiere. Zögernd griff ich hin­ein und begann die zierlichen Dinge auf dem Tisch aufzubauen, indem ich mir jedoch noch vorzugau­keln versuchte, nicht mehr als ein historisches In­teresse an ihnen zu nehmen, ergriffen sie mich und ich geriet unversehens ins Spiel mit ihnen. (Sin kleines Dorf wuchs auf, mit rot leuchtenden Dächern, in Gäßchen promenierend« Menschen, bunte Rinder weideten steif und luftig hinter grü­nen Hecken, und so sehr umgarnte mich der Zauber all des kleinen Wesens, daß ich in seiner phantasti­schen Wirklichkeit für Minuten wie verschollen un­terging, abgewandt jeglichem Geschehen der Um­welt.

Eine Entdeckung ließ mich indes unfanft aus dieser Traumversunkenheit wieder in den Tag zu- rüdgleiten, eine Entdeckung von scheinbar nur ge­ringer Bedeutung, wichtig jedoch für mich in die­ser Stunde: wie lächerlich groß waren doch im Vergleich zu ihrer Umgebung diese Spielzeug- Menschen I 3a, und nun schüttelte mich schier das Lachen: waren wir um so viel anders als jene? Machten wir alle uns nicht immer und immer wichtiger als alles außer uns, sah ich in meiner Eekranktheit anders aus als die kleinen Püpp­chen vor mir? Da hatte ich nun mein Spiegel­bild und wurde mir selbst zum SpottI

Indem ich, erheitert über diese ironische Lösung meines Konfliktes mit dem Dasein das Spiel­werk wieder barg, siel mir aber ein Freund mei­ner Kindheit ein, ein alter Schuhmacher, der mir allerdings ein gutes Beispiel gegeben hatte. Doch vergißt man dergleichen und muß alle Klugheit wohl mühselig selbst erwerben. Als ich ihm eines Tages, ich mochte acht Iahre alt sein, Schuhzeug zur Arbeit brachte, gewahrte ich durch den Spalt der halboffenen Tür in feinem Hinterzimmer eine vollständige Liliputlandschaft, kunstvoll gerichtet aus diesem hölzernen Gehäus und Leben, wie ich es später selbst besaß. Ich trat herzu, ohne zu fragen, magisch angezogen von der kleinen Welt, und stand lange davor ganz gefangen von dem drolligen Wunder, bis der Alte mir facht auf die Schulter klopfte:Run, Iung, da hast die ganze Welt, wie sie sich wichtig tut, insonderheit das Menschentier. Wenns dich mal zwickt, späterhin, nimm sie nicht zu ernst, am allerwenigsten dich selbst. Sparst dir viel damit. Da schau" - und er arrangierte mit fünfen Händen einen kleinen Hochzeitszug in den Straßen seines Städtchens - toie du mich hier siehst, bin ich bald so etwas wie der liebe Gott, der Schicksal spielt." lind er kicherte leise in sich hinein, in einer verschlagenen und wiederum gutmütigigen Weise, mir mit den Augen wie in geheimem Einverständnis zublin- zrlnd

3a, so etwas ähnliches wie der liebe Gott war der alte Mann damals wirklich für mich mit feiner Spielzeugwelt, und noch heute erscheint er mir in der Erinnerung wie ein mächtiger Zauberer und Märchengeist. lind vielleicht, so denke ich, wäre es eine gute Sache, auch soweit zu gelangen wie er. Doch dafür müßte man wohl wiederum sehr alt werden und so weise wie ein Kind' Und hierzu hat's freilich noch lange Wege.

Waö der japanische Bauer von dem deutschen gelernt hat.

Wohl in keinem Londe hat die deutsche Land- Wirtschafts-Wissenschaft so Großes geleistet, sind ihre Forschungsergebnisse so weitgehend in die Praxis übertragen worden wie in Japan." So beginnt Theodor Oberländer die Schilderung eines Besuches bei den Bauern Japans, die er in derDeutschen Rundschau" veröffentlicht Gewiß arbeitet der Unter­tan des Mikado vielfach unter ganz andern Be­dingungen als der deutsche Landwirt, aber in einer Hinsicht sind Deutsche und Japaner gleich; beide sind Völker ohne Raum", die daher gezwungen sind,

zur Ernährung der Bevölkerung die Scholle auf das intensivste auszunutzen. Bei den Japanern ist diese Ausnutzung des Bodens noch sehr viel weiter getrieben als bei uns:Man kann einen landwirt­schaftlichen Betrieb in Japan nicht mit einem deut­schen Bauernhof vergleichen; wenn man überhaupt einen Vergleich anwenden will, dann mit einer Er­furter Gemüsegärtnerei. Die Felder sind peinlich sauber gehalten, jedes Unkraut wird mit der Wurzel herausgezogen. Das ist nur dadurch möglich, daß der landwirtschaftliche Betrieb in Japan selten Hektar übersteigt. Etwa 70 o. H. der japanischen Bauern bearbeiten weniger als 1 Hektar, 90 v. H. weniger als 2 Hektar und nur 1 v. H. mehr als 5 Hektar. Diese größeren Betriebe liegen meist im Norden, wo eine Fläche von weniger als 2 Hektar zur Ernährung einer Familie nicht mehr ausreicht." Der Japaner ist bekanntlich ein Genie in der An­eignung fremder Erfindungen; so hat er denn auch die Fortschritte auf dem Gebiet der Landwirtschaft in der ganzen Welt eifrig studiert und besonders sich an Deutschland ein Muster genommen.Japan verdankt uns sehr viel an Erfindungen", sagt der Verfasser,aber in der Art der Anwendung können wir von Japan lernen." Eine Jahrtausende a.te Kultur verbindet sich hier mit den modernsten Er­rungenschaften der landwirtschaftlichen Technik, die im ganzen Land schnell Eingang fanden, schneller als in Deutschland. Jedes Dors in Japan hat einen landwirtschaftlichen Berater, einen studierten Land­wirt, der den Bauern bei der Buchführung hilft und ihnen für alle fachlichen Fragen zur Verfügung steht. Dieser Beratung von oben kommt die Dorfschule von unten entgegen. Japan hat sehr verschiedenes Klima, von südlicher Hitze bis zu gemäßigten Tem­peraturen; es ist ein vulkanisches Gebirgsland, das steil aus dem Meere ragt, und nur 15 v. H. feiner Fläche sind landwirtschaftlich nutzbar. Von diesem kleinen Gebiet lebt eine Bevölkerung von 65 Mil­lionen. Auf dem Quadratkilometer bebauter Fläche wohnen also 969 Menschen, während in Deutschland trotz unserer intensiven Kultur nur 185 Personen auf den Quadratkilometer landwirtschaftlicher Nutz­fläche kommen. Trotz des starken Zuges der Land­bevölkerung in die Stadt, der durch die fortschrei­tende Industrialisierung hervorgerufen ist, ist das Land in Japan außerordentlich dicht bevölkert und keine Maschine vermag die menschliche Arbeitskraft in der Landwirtschaft zu unterbieten ober zu ver­drängen. In den kleinen Betrieben wird daher fast alle Arbeit mit der Hand ausgeführt. Da der Boden so kostbar ist und aus ihm alles herausgehalt wird, was er nur hergibt, sind die Preise außerordentlich hoch. Der Hektar kostet zwischen 20 000 und 60 000

Mark; das ist das 10- bis 30fache des deutschen Durchschnittspreises. In Süd- und Mitteljapan erntet man meist zweimal, erst Weizen oder Gerste, dann Reis. Die Bewässeruna oer Reisfelder ist ge­nossenschaftlich geregelt. Wo fein Reis wächst, herrscht die eine Beet-Gärtnerei. Die Anwendung von Kunstdünger spielt in der japanischen Landwirt- schäft eine große Rolle. Deutschland allein liefert jährlich 250 000 bis 300 000 Tonnen künstlichen Dünger, doch dürste die japanische Stickstoff-Industrie in wenigen Jahren so entwickelt sein, daß sie den eigenen Markt ohne fremde Hilfe versorgen kann. Ställe gibt es nicht im japanischen Bauernhof, land­wirtschaftliche Arbeitstiere fast nur im Norden. Auf dem Boden des Hauses wird die 'ehr einträgliche Seidenraupen-Zucht betrieben, und so wird ein hoher Wert erzeugt, ohne viel Raum !n Anspruch zu nehmen. Japan liefert etwa 60 v. H. der Welterzeu- gung an Rohseide, und trotz der Konkurrenz der Kunstseide steht diese ja noch immer hoch im Preise. Vor dem Hause sind die Maulbeerstraucher ange- pflanzb die zur Fütterung der Seivenwürmer die­nen. Meist liegt neben dem Bauerngehöft ein dichter Bambushain, der dem japanischen Bauern äußerst nützlich ist, denn es gibt wenige Gegenstände des Jnselreiches, an denen nicht irgendein Teil aus Bambus hergestellt ist. Die Seitentriebe der Baum- wurzeln werden, ähnlich wie unser Spargel lief unter der Oberfläche abgeschnitten und liefern ein schmackhaftes Gemüse. Bambusrohr dientzum Haus­bau, zu Zäunen, zum Herstellen von Matten und Gerätschaften aller Art.

Beiffdiriffen.

Di« Olympiade van Los Angeles steht vor der Tür; mit Spannung sieht die ganz« Welt den internationalen Wettkämpfen entgegen. Es ist interessant, einmal die Spuren der Olympischen Spiele zurückzuverfolgen bis zu den Urahnen in Griechenland. Solch einen geschichtlichen Rückblick bietet Kurt Seeger in der neuesten Rümmer der 311 u ft r i r t e n Zeitung (3. 3. Weber, Leip­zig). Er schildert in einem aufschlußreichen Artikel Den Beginn, die Blütezeit und den Verfall der antiken Olympischen Spiele und ihre Reubelebung in der modernen Zeit. Einen Einblick in die Seele des Chinesen gestattet ein Beitrag über chinesische Gärten, den die Verfasserin, Dorothea Hauer, mit reizenden Zeichnungen ausgestattet hat. Dem bei der Geburt umjubelten und früh verstorbenen Sohne Rapoleons I. wurde anläßlich seines 100. Todestages am 22. 3u(i ein reich illustrierter Bei­trag aus der Feder von Dr. Karl Fuchs ge­widmet.