Von Geld ilndÄckk.
Vornan von Greie von Gaß.
Copyright by Martin Feuchtwcmger, Halle
31. Sortierung. Nachdruck verbaten.
Er hob feine Hand zur Stirn, preßte sie für einen Moment dagegen.
„Ach ja — das hätte ich fast vergessen: Von dir erwartet sie, daß du die Scheidungsklage gegen sie einreichst."
„So, so", sagte Hans-Achim. „Nun, jetzt werde ich meine Zeit nicht damit verlieren, denn es gibt Wichtigeres für mich zu tun."
Münchmeyer sah zu ihm auf. Zum ersten Male spürte er, daß Hans-Achim seinem Herzen näherstand als Rose. Der Gedanke, daß er ihn nun auch verlieren sollte, löste einen heftigen Zorn auf Rose in ihm aus.
„Eine Kanaille ist sie — eine kleine Kanaille, die man ruhig laufen lassen muß."
„Ich denke nicht daran, sie aufzuhalten, Papa."
„Vein?" fragte er unsicher. Und dann klagte er: „Es ist gräßlich, daß ich das sagen muß: Ich bin über ihr Fortgehen auch nicht im mindesten unglücklich. Ich sage dir, in dem Moment, als ich erfuhr, was sie mir angetan, haßte ich sie — haßte ich sie wie meinen erbittertsten Feind."
Er stützte die Ellenbogen auf die Schreibtischplatte. preßte sich die Handballen in die Augen.
Hans-Achim lieh ihn sekundenlang gewähren, dann mahnte er:
„Papa, nur nicht die Verven verlieren, die brauchen wir jetzt."
Münchmever hob das Gesicht aus den Händen.
„Da hast du recht. Aber was werden wir nun anfangen?"
„Erstmal Geld beschaffen."
„Hm — wie das?"
„Deinen Besitz beleihen, verkaufen — einerlei, nur Geld beschaffen. Davon, daß wir hier fitzen und stöhnen, wird nichts besser. Gehen wir"'
Sie machten beide eine Wanderung durchs Haus. Wie Schatzgräber suchten sie nach Werten. Noch am selben Tage erschien ein Kunsthändler, den Hans-Achim aufgesucht, in der Villa und kaufte einige wertvolle Gemälde und Skulpturen. Eine ansehnliche Summe kam dafür ein.
„So nur weiter", sagte Münchmeyer, „dann schaffen wir's am Ende. Es ist noch viel davon vorhanden. Unnützer Kram, ohne den wir beide uns behelfen können!"
In wenigen Tagen befand sich kein einziger Kunstgegenstand mehr im Münchmeyerschen House, kein echter Perser. Aber was dafür einkam, reichte nur dazu hin, um den Zusammenbruch aufzuschieben, nicht abzuwenden.
„Du muht Kapital aufs Haus aufnehmen", riet Hans-Achim. „Damit wirst du dich so einigermaßen halten."
„Ich will's versuchen", entgegnete Münchmeyer.
Geldleute wurden aufgesucht. Verhandlungen eingeleitet, die nicht zum Abschluß kamen. Eine halbe Million auf ein Haus in der Hitzigstrahe zu leihen, war fein Risiko. Aber wo fand man den, der so viel in bar besah?
Heber diesem Suchen nach diesem einen gingen Wochen hin. Diele Wochen, die aus einer Reihe qualvoll schwerer Tage geworden. Durch eine Hölle von Angst und Verzweiflung war man in diesen Wochen gegangen. Und sie schien noch immer kein Ende zu haben.
Man nahm Anläufe zu aussichtsreichen Unternehmungen, blieb in diesen stecken, weil man Mißtrauen begegnete.
„Menschen ohne Geld mißtraut man stets", behauptete Münchmeyer. „Wozu quälen wir uns noch? Das Unglück, das auf dem Wege zu mir ist, holten wir nicht mehr auf. Meine Kräfte find jetzt auch erschöpft. Lassen wir doch alles gehen, wie es will. Gehe ich vollends unter — wer fragt danach? Ich habe keinen Menschen, den mein Schicksal auch nur so viel berührt." Er schnippte mit Daumen und Zeigefinger.
Hans-Achim antwortete nicht. Und Münchmeyer schämte sich, daß er das gesagt. Das roch nach Sentimentalität. Pfui Teufel! Was mochte Hons-Achim von ihm denken? Blut stieg ihm ins Gesicht.
„Eine niederträchtige Geschichte ist das, daß man ständig auf Mißtrauen stößt", sagte er, wie um den Eindruck des zuletzt Gesagten zu verwischen. „Was kann man nur noch tun, um seine Redlichkeit zu beweisen? Mehr als alles hergeben, was man hat, kann man doch nicht..."
„Das allerdings nicht — aber arbeiten müssen wir unverdrossen."
Hans-Achim verbiß sich mit Zähigkeit darin: Man muh über alle Schwierigkeiten hinwegkom- men, auch über Mißtrauen, das einem gelegentlich gezeigt wird. Gräßlich ist das natürlich, und man möchte mit Fäusten dagegen angehenI Aber das geht nicht! Die Zähne muh man zusammenbeißen. Und arbeiten muh man, arbeiten.
Eines Tages, als er noch Schluß der Dank heimkam, empfing ihn die Braun mit der (Nachricht, daß seine Mutter auf ihn warte.
„ Frau Geheimrat wartet im Wohnzimmer. Ich habe sie da hineingeführt, weil das doch der einzige wohnliche Raum im Hause ist."
Aus ihren Worten klang deutlich der Vorwurf: Ihr habt das Haus verwüstet, leer geplündert, daß man nicht einmal mehr einen Gast hinein* lassen kann.
Hans-Achim lächelte.
Gr ging ins Wohnzimmer.
„Guten Tag, Mama? Wie gut von dir, daß du zu mir gekommen bist."
Er kühte ihre Hand.
„Ich bringe dir eine erfreuliche Rach richt, Hans-Achim. Friedrich wollte sie dir telephonisch übermitteln; aber ich ließ es nicht zu, aus Egoismus, Hans-Achim, weil ich sehen will, wie du dich freust."
„Was ist es denn, Mama?"
Er hielt ihre Hand fest. Sie sah mit strahlenden Augen, die sich plötzlich mit Tränen füllten, zu ihm auf.
„Ich komme fben aus der Freisinger Straße. Eva ist heute mittag von Zwillingen entbunden."
Mit bebender Stimme hatte sie ihre Mitteilung gemacht, und nun weinte sie an Hans-Achims Halse: sie schien es ganz vergessen zu hoben, sich an der Freüde Hans-Achims, die vorläufig auch
noch gar nicht vorhanden war, zu weiden. Er strich über der Mutter zuckende Schulter.
„Warum bist du so aufgeregt, Mama? Geht es Eva nicht gut?“
„Doch — sehr gut! Sie ist fo unbeschreiblich glücklich."
„Ra also! Dann wollen wir es doch auch sein, Mama."
Er löste ihre Arme von seinem Halse und sah ihr ins Gesicht.
„Gott, so lange habe ich dich nicht gesehen — Eva nicht und nichts — nichts von euch gehört. Es ist unverantwortlich von mir, daß ich mich nicht um euch gekümmert habe."
„Mache dir keine Vorwürfe, Hans-Achim, ich hätte ja auch schon früher zu dir kommen können. Gin paarmal habe ich versucht, dich telephonisch zu erreichen — aber jedesmal vergebens. Heute erfuhr ich, daß Rose verreist ist. Wann wird sie wiederkommen?"
„Gar nicht, Mama! Rose hat sich von mir getrennt.“
„Getrennt? — Wio soll ich das verstehen?"
„Sie hat mich ersucht, die Scheidungsklage einzureichen."
Die Mutter sah ihn mit großem, fragendem Blick an.
„Ich verstehe nicht, daß du danach noch hier im Hause bist?"
Ein bitteres Lächeln war in seinen Mundwinkeln.
„Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich nach einer anderen Wohnung umzusehen — ich bin hier auch noch nicht abkömmlich."
Er führte die Mutter zum Sofa.
„Setzen wir uns, Mama, und wenn es dir recht ist, sprechen wir nicht weiter über diese unerfreulichen Dinge. Erzähle mir, bitte, von Eva!"
„Später, Hans-Achim! Jetzt mußt du von dir erzählen. Ich kann es dir nicht ersparen. Wie kommt es denn, daß du noch immer hier bist, trotzdem Rose fort ist. Du sagtest vorhin: du seist noch nicht abkömmlich. Wie soll ich das verstehen?"
„Papa Münchmeyer hat mich nötig. Es geht ihm eben nicht glänzend."
„Ach! — Ja, das dachte ich mir schon. Als ich heute dieses Haus betrat, ist mir ausgefallen, daß es anders in ihm aussah wie einst. — Ihr habt Personal entlassen?"
„Die Diener. Papa Münchmeyer unb ich brauchen keine. Wir finden, daß die alte Braun und ein Dienstmädchen für den Haushalt genügen. Es ist uns so viel gemütlicher."
Sie sah ihn von der Seite an.
„Ra, hör mal, da muh es aber sehr trübe bei euch aussehen, denn daß Münchmeyer seine Diener nur deshalb entlassen hat, weil er es gemütlicher ohne Diener findet, das glaube ich nicht. Ebensogut könnte ich glauben, er hat feine Kunst- schätze und Teppiche aus dem Grunde verkauft, weil sie ihm lästig waren."
Hans-Achim sah einen Augenblick vor sich nieder; dann gestand er: „Er hat fie verkaufen müssen, um geschäftliche Verluste zu decken."
Sie schüttelte mit dem Kopfe.
„Herrgott, wie schade — diese herrlichen Sachen! Es war gewiß schwer für ihn, sich von ihnen zu trennen.“
„Das ist mir nicht ausgefallen, Mama - ich glaube es auch nicht. Weißt du, ob ein Mann in einem Augenblick, wo es um Sein und Richtsein geht, nach so etwas fragt? Ich kann es mir nicht denken.“
„Um Sein und Richtsein?" wiederholte fie fragend.
Und nun muhte Hans-Achim erzählen, ganz ausführlich.
Sie tupfte mit ihrem Taschentuch die Augen ab.
„Was meinst du? Schreibe ich Münchmeyer ein paar Zeilen?"
„Tue es! Es würde ihn gewiß freuen."
„Aber was soll ich als Vorwand nehmen?" Sie sah ihn fragend an.
„Das freudige Familienereignis.“
„Und die Millionenerbschaft der Schadows —" „Was denn, Mama — ist die denn sicher?" „Ach Gott, davon weiht du auch nichts? Die kommt ja in allernächster Zeit zur Auszahlung —■ I im ganzen acht Millionen Dollar. Taube hat bereits durch das amerikanische Konsulat einen Vorschuh darauf erhalten."
„Das ist ja großartig! Freut mich für Friedrich und Eva. Was werden sie denn anfangen mit all dem Geld?"
„Das fragt sich Friedrich auch. Eva ist dafür, ein Gut zu kaufen. Du sollst es ihnen verwalten."
Er lächelte.
„Run, sie wird einen besseren Verwalter finden als mich. Und all ihr Geld fömte»4ie doch nicht in ein Gut stecken?"
„Rein, natürlich nicht! Friedrich äußerte gestern die Absicht, sich bei dir und Münchmeyer Rat zu holen, wie das Geld am besten anzulegen sei."
Hans-Achim sprang auf.
„Du, Mama, das schreibe Münchmeyer — das x wird ihn freuen. Und Friedrich überrede, daß er sich wirklich an ihn wenden soll; bann kommt alles wieder ins richtige Gleis."
Die Klingel schrillte durchs Haus.
Ottilie horchte erschrocken auf.
„Münchmeyer kommt doch nicht etwa?"
Hans-Achim ging zur Ti^r, öffnete sie einen Spalt breit und horchte hinaus.
„Er kommt, Mama! Aber bitte, nicht ausreihen! Ich will ihn auf deinen Besuch öorbereiten. Ihr sprecht euch gleich aus — das wird besser fein als schreiben!"
„Ach, Hans-Achim! Ich weiß nicht, das kommt mir doch sehr überraschend."
Sie errötete wie ein junges Mädchen.
„Warte nur ab, Mama, es wird alles gut gehen. Ich schicke ihn dir."
Er verlieh das Zimmer.
Ottilie sah ihm nach, die Hand auf ihr wild klopfendes Herz gepreßt*
Daß Ottilie Tönnies in fein Haus gekommen war, überraschte Münchmeyer freudig und peinlich zugleich.
Zum ersten Male wurde ihm bewußt, daß die Veränderungen, die sich in seinem Hause vollzogen hatten, beschämend für ihn waren. Sie zeugten von seiner Untüchtigkeit — von seinem Leichtsinn. Blut stieg ihm in die Stirn, als er sich über Ottilies Hand neigte.
(Fortsetzung folgt)
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