Ausgabe 
7.9.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

** Unfall bei der Arbeit. Gestern gegen 19 Uhr ereignete sich auf dem Unioersitätssportplatz, auf dem gegenwärtig Planierungsarbeiten vorge­nommen werden, ein Unfall. Der etwa 22jährige Ar­beiter Willy Becker, Gießen, Kaplansgasse 25, ge­riet zwischen zwei Kippwagen und erlitt dabei einen komplizierten Unterschenkelbruch am rechten Bein. Der Verunglückte wurde sofort durch die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz nach der Thirur- gischen Klinik gebracht.

** Straßensperrung, mitgeteilt vom Oberhessischen Automobil-Club E. V. (2L v. D.). Gießen: Die Strecke HartmannshainGedern im Zuge der Straße Hersfel^Selters wird vom 8. September 1932 ab für jeglichen Verkehr ge­sperrt. Die Umleitung erfolgt: Richtung Hart- mannshainGedern über VolkartshainOber­seemen, Richtung Schotten über Eichelsachsen Glashütten bzw» VurthardsSichenhausen.

Gießen, den 7. September 1932.

Oer Mensch und das Weiter.

,Ob e- wohl morgen regnen wird?" Großvater spürt es nämlich schon in den Deinen, und das hat noch immer gestimmt." Dieser alte DolkS- alaube von der Wetteremvfindlichkeit alter Leute ist von der ernsten Wissenschaft noch vor wenigen Jahrzehnten angezweifelt worden. Heute wissen wir es besser und haben festgestellt, daß, wie die belebte Ratur überhaupt, so auch der Mensch in hohem Maße vom Wetter abhängig ist.

Da ist zunächst unser« Stimmung. Dlauer Him­mel und strahlender Sonnenschein machen uns froh, Regenwetter verdirbt uns die Laune. Der Früh­ling verleiht unserem Geiste neue Schwingen, läßt unser Kraftgefühl wachsen. Aehnliche Be­obachtungen, die den Einfluß des Wetters aus den gesunden Menschen daptun. ließen sich leicht auch für alle übrigen Jahreszeiten erbringen.

Allein nicht nur auf den gesunden Menschen haben Wetter unb Klima einen deutlich erkenn­baren Einfluß, sondern auch eine Anzahl von Krankheiten treten mit Vorliebe und in größe­rer Zahl fast stets nur zu bestimmten Jahres­zeiten auf, so z. D. die Kinderlähmung in den Monaten August und September, Grippe und Er­kältungskrankheiten besonders im Dezember und Januar. Alte Leute sind im März besonders ge­fährdet uff.

Sicherlich kommen für manche sog. .Saison- Krankheiten" in erster Linie natürlich eine Reihe anderer Faktoren in Betracht, aber für viele Krankheitszustände ist ein gewisser, mitbestimmen­der Einfluß der Witterung heute doch nicht mehr abAuIeugnen.

Daß nicht nur im Ablauf des Jahre- Wetter­schwankungen den Gesunden und Kranken beein­flussen, sondern daß dies auch schon durch den Wechsel von Tag und Rächt geschieht, haben neueste älntersuchungen von Prof. Hagentorn in Kowno gezeigt. Dieser Forscher beobachtete, daß den Menschen ihr letztes Stündlein meist ge­gen 4 Uhr morgens oder 12 Uhr mittags schlägt. Die Häufigkeit der Geburten zur Rachtzeit ist sicherlich auch kein Zufall.

Worin liegt hier das große Geheimnis der Ratur? Man hat schon immer vermutet, daß in allen oben erwähnten Fällen luftelektrische Er­scheinungen eine wichtige Rolle spielen könnten. Tatsächlich konnte Hagentorn feststellen, daß zu den von ihm als häufigsten Sterbestunden des Menschen gefundenen Zeiten die Luft die größte elektrische Leitfähigkeit besitzt. Und wenn auch sicherlich neben diesen luftelektrischen Erscheinun­gen noch eine Reihe anderer wetterbestimmender Faktoren wie Luftdruckwirkung, Temperatur und Feuchtigkeit der Luft u. a. m. für diese Abhängig­keit unseres Lebens und Sterbens, unseres Gesunö- feins und Krankseins in Frage kommt, so ist doch« mit diesen Feststellungen der Schleier des Geheim­nisses schon ein wenig gelüftet. Wie Hagen­torn vermutet, dürfte die elektrische Leitfähigkeit der Lust ähnlich wie auf den Menschen auch auf die verschiedenen Bakterien und Krankheitserreger einwirken können. Hat doch schon jede Hausfrau z. D. das Sauerwerden der Milch bei Gewitterluft beobachtet. Auch das Kommen und Gehen von Epidemien, die wechselnde Schwere bestimmter In­fektionskrankheiten (Scharlach, Diphtherie) lassen sich vielleicht so in gewissem Umsange erklären.

Mit alledem dürfte der Wissenschaft ein neues, interessantes Forschungsgebiet erschlossen fein, das nicht nur alte Volkserfahrungen zu bestätigen und auszudeuten vermag, sondern auch neue, für die Erhaltung der Gesundheit und für die Verhütung und Bekämpfung von Krankheiten aller Art wich­tige Erkenntnisse zu bringen verspricht. DKGS.

Gerüchte um die Tomate.

Von dcr Landwirtschaftskammer Hessen wird mitgeteilt:

Gerüchte, die irgendwo auftauchen und die Ge­müt: r der Menschen beunruhigen, hat es zu allen Zeiten gegeben. Keiner weih, wo sie Herkommen, keiner weiß, ob auch nur ein Tüpfelchen Wahrheit daran ist. So geht feit einiger Zeit auch das Ge­rücht um, der Genuß von Tomaten könne Krebs­erkrankungen Hervorrufen oder stehe doch in irgendeinem Zusammenhang mit dieser Geißel dor Menschheit. Das deutsche Zentral-Komitee zur Erforschung und Bekämpfung der Krebs­krankheit hat sich mit der Frage beschäftigt, ob dor Genuß von Tomaten tatsächlih in ursächlichem Zusammenhänge mit der Entstehung von Krebs gebracht werden dürfe. Zur Beruhigung ängst­licher Gemüter fei festgestellt, daß die neuesten wissenschaftlichen Forschungen für diese Annahme auch nicht den geringsten Anhaltspunkt erbracht haben. 3m Gegenteil: alle Erfahrungen und die segensreichen Wirkungen des Tomatensaftes in der Säuglingspflege sprechen direkt gegen solche Beziehungen. Der Ausschuß des Zentral-Komi- tces kam nach eingehender Besprechung zu der Ueberzeugung, daß kein Grund vorliege, den Tomatengenuß für Krebsentstehung verantwort­lich zu machen. Es sei daher niemand berechtigt, vor der Verwendung dieser wohlschmeckenden und nahrhaften Frucht zu warnen.

Tödlicher Motorradunfall.

Vor einigen Tagen nach Einbruch der Dunkelheit ereignete sich auf der Straße zwischen Klein-Linden und Dutenhofen ein Motorradunfall, dem der 39jährige Friedrich Lenz aus Allendorf (Lahn zum Opfer fiel. Der Motorradfahrer kam auf bisher ungeklärte Weife zu Fall und erlitt dabei einen schweren S ch ä d e l b r u ch , der seine sofortige Ueberführung durch die Freiwillige Sanitätskolonne Gießen in die Chirurgisch Klinik notwendig machte. Im Laufe des gestrigen Tages erlag der bedauerns­werte Mann feinen Verletzungen.

" Sonntags-Rückfahrkarten nach Groß-Gerau. 3n Groß-Gerau findet in der Zeit vom 10. bis 12. September ein Herbstmarkt, verbunden mit einer Ausstellung für die hei­mische Industrie, Landwirtschaft und das Gewerbe tatt. Außerdem tagt am 11. September die Hes- ische Presse in Groß-Gerau. Zu den Veranstal­tungen können Sonntags-Rückfahrkarten von allen Orten im Umkreis von 100 Kilometer um Groß- Gerau, und darüber hinaus von allen auf hessi- chem Gebiet gelegenen Bahnhöfen nach Groß- Gerau ausgegeben werden. Die Karten gelten vom 10. September, 12 Uhr. bis 12. September, 24 Uhr, zu welchem Zeitpunkt die Rückfahrt an­getreten sein muß.

(Straffammer Gießen.

Gießen, 6. Sept. Ein junger Maurer aus Ruppertenrod hatte bei einer Geschäftsfahrt mit dem Kraftwagen seines Großvaters in betrun­kenem Zustand einen Radfahrer überfahren und derart verletzt, daß diesem die Milz entfernt werden mußte. Tas Unglück war dadurch ge- chehen, daß er nach dem Ueberholen eines an­deren Autos auf der linken Straßenseite weiter- fuhr und den ihm entgegenkommenden Radfahrer überrannte. Seine Berufung wurde xurückgewie- fen; eS behält bei der vom Bezirksschöfsengevicht Gießen verhängten Strafe sein Bewenden. Das Urteil wurde auch insoweit bestätigt, als der ebenfalls betrunkene Mitfahrer freigesprochen worden war. Das Gericht entschied auch heute, daß er seiner Stellung nach keinen Einfluß auf die Lenkung des Autos hatte.

Ebenfalls zurückgewiesen Wirde die Berufung eines Kraftfahrers, der wegen fahrlässiger Tö­tung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wor­den war. Ec hatte als Lenker eines Ferntrans- Ports einen Dauernwagen überholt und war zu rasch wieder nach rechts eingebogen: hierdurch war der neben dem Fuhrwerk gehende Führer von dem an dem Hauptwagen hängenden Wagen erfaßt und getötet worden. Strafmildernd kam in Betracht, daß es sich um einen ordentlichen Mann handelte, der durch die anstrengende "Be­rufsarbeit übermüdet war.

Freigesprochen von der Anklage der Verlei­tung zum Meineid wurde ein Gastwirt. Eine Zeugin behauptete zwar, er habe sie zu verleiten gesucht, in einer Gerichtsverhandlung wider besseres Wissen zu beschwören, die gegen ihn erhobene Anklage wegenHeber kneipens" der Gäste sei unbegründet: sie machte aber einen derart unzuverlässigen und unglaubhaften Ein­druck, daß der Vertreter der Staatsanwaltschaft selbst Freisprechung beantragte.

Ein Bücherrevisor verfolgte Berufung gegen zwei Urteile des Bezirksschöffengerichts, durch die er wegen Rückfallbetrugs zu sechs Monaten und wegen Beleidigung eines Staatsanwalts zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt worden war. Gr hatte mit dem Versprechen alsbaldiger Be­zahlung sich ein Fahrrad erschwindelt, obwohl er mittellos und bereits zum Offenbarungseid ge­laden war: gegen den Staatsanwalt hatte er in einer Deschwerdeschrift schwere und unbegründete Vorwürfe erhoben. Die Hauptverhandlung heute hatte wieder das gleiche Ergebnis: die Berufun­gen wurden zurückgewiesen.

Amtsgericht Gießen.

Der Chauffeur Lepper, der zur Zeit m Qlümberg weilt und auf seinen Antrag vom Er­scheinen in der Hauptverhandlung entbunden wurde, hat sich seinerzeit durch eine Veröffent­lichung in demGießener Echo", das sich als Rachrichtenblatt der Werktätigen in Gießen und Umgegend" bezeichnete, unter Tu, Rümmer 6, 3. Jahrgang, einer außerordentlich schweren öf­fentlichen Beleidigung und Kreditgefährdung einer hiesigen Firma bzw. ihres Inhabers, schuldig ge­macht, indem er darin in durchaus underanlaßter Weise bei dem hiesigen Stadtvorstand anfragte, ob es wahr sei, daß die Firma D. durch fingierte Aufträge die Stadt um mehrere tausend Mark geschädigt habe und ob der Stadtvorstand bereit fei, deshalb eine Untersuchung einzuleiten, in der auch die Arbeiterschaft vertreten fein müsse. An der in Frageform aufgestellten Behauptung war kein wahres Wort, und der beleidigte Allein­inhaber der genannten Firma, E. D., erhob da­her Privatklage. In dem ersten Verhandlungs­termin wurde dem Beschuldigten trotz der Schwere der Beleidigung Gelegenheit gegeben, einer ge­richtlichen Bestrafung durch einen Vergleich zu ent­gehen. Dieser ging dahin, daß der Beschuldigte dieDeleidigung unter dem Ausdruck des Bedauerns zurücknahm, da von den diesbezüglichen Behauptungen nicht das Geringste wahr sei. Er verpflichtete sich ferner zu geeigneten Veröffentlichungen des Ver­gleichs imEcho", imGießener Anzeiger" und derOberhessischen Volkszeitung", übernahm auch alle Kosten. Der Vergleich sollte hinfällig sein, sobald der Beschuldigte seinen Verpflichtungen nicht nachkomme. Dies hat er nicht getan, und es wurde daher neuer Verhandlungstermin an- beraumt, die mit seiner Verurteilung zu zwei Wochen Gefängnis endete. Der Beleidigte ist auch befugt, das Urteil binnen zwei Wochen auf Kosten des Beschuldigten imGießener An­zeiger" zu veröffentlichen.

Drei Chinesen, angeblich Kaufleute, die bei ihrer Festnahme erklärten, ihren Lebensunterhalt durch Hausieren zu verdienen, hatten es als Aus­länder Dcrfäumt, sich bei der Polizei recht­zeitig anzumelden. Sie trugen auch feine Pässe bei sich, konnten aber eines Paßveraehens nicht überführt werden, da sie unwiderlegbar angaben, ihre Pässe befänden sich bei anderen Behörden. CEegen Übertretung der hessischen Verordnung über die Meldepflicht der Ausländer vom 12. Aug. 1921 erhielten sie Geldstrafen von je 20 Mark. Ein vierter Chinese hatte zwar einen Daß bei sich, der aber abgelaufen war. Wegen Derge^ns gegen § 1 Ziff. 1 der Verordnung über die Bestrafung von Zuwiderhandlungen gegen die Pahvorschriften vom 26. April 1923 wurde er in eine Gefängnisstrafe von einerWoche genommen. Alle Strafen wurden durch die er­littene Untersuchungshaft als bezahlt, bzw. ver­büßt angesehen.

Großes Arbeiisdienstwerl bei Großen-Linden.

Großen - Linden, 6. Sept. Seit 3. Mai steht eine Freiwillige Arbeitskolonne von etwa 50 Mann an der Chaussierung der durch staatlichen und Gemeindewald führenden Ranzenschneise. Der erst« Bauabschnitt ift jetzt zu Ende gegangen. Da­

mit ist in 18 Wochen eine von jedem Vorüber­gehenden als gut anerkannte Arbeit geschaffen worden. Runmehr hat das Landesarbeitsamt Hessen den zweiten Bauabschnitt genehmigt, so daß weitere 50 Mann auf 15 Wochen eingesetzt werden formen. Träger der Arbeit sind das Forstamt Schiffenberg, das die technische Leitung hat, und die Gemeinde Großen-Linden. Der Iungdeutsche Orden ist Träger des Dienstes. Leider hat das Landesarbeitsamt die tägliche Vergütung für die Arbeitswilligen auf 1,60 Mark angesetzt, während es bei dem 1. Abschnitt den Höchstsatz von 2Mk. bewilligt hatte.

Bundestreffen des HeffenbundeS in Friedberg.

WSR. Friedberg, 5. Sept. Am kommenden Samstag und Sonntag, 10. und 11. September, findet hier das Dundestrefsen des Hessenbundes, der größten evangelisch-kirchlichen Jugendorga­nisation in Hessen, statt. Schon rein äußerlich wird das Tressen mit schätzungsweise 2 00 0 Teilnehmern, Jugendlichen aus allen Tei­len Hessens, und mit seinen verschiedenen Ver­anstaltungen, wie Fackelzug, durch die altertüm­liche Stadt, Kurrendesingen, Festgottesdienst, Kundgebung auf der Kaiserstrahe, Masfentreiben auf derSeewiese" usw. eindrucksvoll genug wer- den. Sein besonderes Gepräge erhält es aber als Kundgebung für die evangelische Sache und evangelische Jugend überhaupt, wodurch es eine über eine halb interne Vereinsangelegenheit weit hinausgehende Bedeutung erhält. Die kirch

lichen Behörden betonen diesen Charakter der Tagung auch durch ihr in Aussicht gestelltes Erscheinen: e- soll dieses Bundesttessen unter dem Zeichen des Eichenkreuzes gerade der Gegenwart eine Mahnung sein, sich auf die tiefsten Quellen aller Kraft zu besinnen, deutsche Art im Grund des Kreuzes wurzeln zu lassen und so, jenseits aller Parteien, getrieben vom Bewußtsein letzter Verantwor­tung und getragen von der immerwährenden Bereitschaft zum Dienst an jedem, der seiner bedarf, für das Reue zu wirken, das sich an- bahnen will und die Rot und Ausweglosigkeit des Augenblicks beendet.

OerOffenbacherJrauenmordaufgeNäri

WSR. Offenbach a. M.. 6. Sept. Wie daS Polizeiamt mitteilt, ist es den gemeinsamen Be­mühungen der Ermittlungsbehörden gelungen, den Mord an der Frau Kreutzer am 13. Januar dieses Jahres restlos aufzuklSren. Zwei bereits vor längerer Zeit Verhaftete haben nach anfänglichem hartnäckigem Leugnen nunmehr die Tat eingestanden. Es handelt sich um den 24jährigen Klempner Hansmann und den gleichaltrigen Musiker Distler, beide aus Offen­bach. Frau Kreutzer war in ihrer, Wohnung überfallen, von den Tätern an Händen und Füßen gefesselt und mit einem Handtuch er­drosselt worden. Den Mördern fielen damals 1000 Mk. in die Hände.______________

Verantwortlich für Lokales, Provinz, Sport und Wirtschaft i. V.: S). L. Neuner.

Eine Wanderung auf der^Hohenfiraß^ von Büdingen nach Fulda.

Don p. Meß, Tübingen.

Es ist ein Erlebnis von eigenartigem Reiz, auf den großen Straßen einer vergangenen Zeit zu wandern. Viele Stunden ist hier der Wanderer auf sich selbst angewiesen: durch mächtige Wälder, über einsame Höhen und Halden, auf Umwegen an Dör­fern und Höfen vorbei führt ihn der Weg feinem Ziel entgegen.

Am Herrnhaag bei Büdingen einem geschicht­lich und baugeschichtlich interessanten Orte er­reicht man die Höhe, auf welcher die .Höhe­st r e" nach Osten verläuft. Die ehemals breite Straße ist heute an dieser Stelle nur noch als schmaler Feldweg erhalten. Im Büdinger Wald Dem ehemaligen Bannforst ist sie größtenteils in ihrer alten Breite erhalten geblieben. Uralte Eichen und Buchen säumen den Weg. Hie und da bieten sich prachtvolle Fernblicke in die umliegenden

?r. An steilen Hängen blühen seltene Wald- icn, und auf den Wiesen am stillen Waldsee

,en stattliche Hirsche friedlich neben dem mähen­den Landmann. Westlich von dem Dorfe Waldens- berg verläßt dieHohesttaße" den Büdinger Wald und trifft zwischen den Dörfern Waldensberg und Leisenwald auf die Landstraße. Während man auf der schmalen Straße, die von Autos nur selten be­fahren wird, dem Dorfe Leisenwald zuschreitet, ge­nießt man eine prachtvolle Fernsicht auf die bewal­deten Höhen des Vogelsberges. Am Eingang des Dorfes Leisenwald zeugen die großen Rundholz- Hallen von dem bedeutenden Jahrmarkt, der hier schon seit Jahrhunderten am dritten Pfingsttage ab- gehalten wird und auch heute seine Zugkraft noch nicht eingebüßt hat.

Den Hauptteil des Dorfes läßt man zur Linken liegen, biegt am Backhaus rechts ab und befindet sich bald wieder auf der Höhe, die wieder eine herr­liche Fernsicht gestattet. Schmucke Dörfchen mit meist einstöckigen Holzhäusern, aus dunklen Holz­balken mit hellen Gefachen und roten Dachziegeln, überragt vom Glockenturm des schlichten Kirchleins, kuscheln sich friedlich in die Wellen eines gesegneten Landes. Nach etwa einstündigem Marsche erreicht man Hitzkirchen. Die trutzige Wehrkirche mit ihrem imposanten Turm, der jahrhundertelang gleichzeitig als Glocken- und Wehrturm diente, ragt weithin sichtbar in die Lande. Nächst einer alten Mühle mit einem großen unterschlächtigen Wasserrad überschrei­tet man an einer Furt die Bracht und befindet sich bald wieder auf der Höhe in einer echten Sögels- berglandschaft. Die Straße von Höfen nach Hetters­roth wird überschritten und in schöner Einsamkeit geht es stundenlang auf prachtvollem Waldweg nordöstlich bis Fischborn. Unter der alten Dorflinde am Friedhöfe bietet sich Gelegenheit zur Rast und Umschau. Man sieht es dem bescheidenen Vogels­berg-Dörfchen nicht an, daß hier ein mid)tiger Le­bensnerv der Großstadt Frankfurt ansetzt; die Frankfurter Wasserleitung. Eine Besichtigung der interessanten Quellkammern kann sehr empfohlen werden.

Prachtvoll ist die Fernsicht, die man von der Höhe östlich von Fischborn nach Süden und Osten hin genießt. Man überschreitet hier die neue Bahn­linie von Birstein nach Hartmannshain. Leider ist aber an dieser Stelle die ,Hohestraße" durch Bahn­bau und Feldbereinigung zerstört worden. Strecken- weise folgt der neue Bahnkörper dem Verlaufe der alten Straße, die erst wieder nördlich von dem BergeSteinrödern" bei Ober-Reichenbach als solche zu erkennen ist. Auch in der Waldgemarkung Am hohen Roth" und in der Feldgemarkung Rad­mühl hat man den Verlauf der alten Straße ge­ändert. AmHelgenstock" bei Radmühl bietet sich Gelegenheit zu einem umfassenden Rundblick. Das Dorf selbst ist deshalb interessant, weil es durch die preußisch-hessische Grenze in zwei Teile geteilt wird, wovon jeder Teil, bei etwa 100 bis 150 Einwoh­nern, seine eigene Verwaltung und Schule hat. Don Radmühl aus verläuft dieHohestraße" in fast ge­rader Richtung nordöstlich bis Reichlos. Auf der Strecke von der StraßengabelAm Fuchsloch" bei Radmühl bis zur Kreuzung mit der Straße von Nieder-Moos nach Freien-Steinau ist sie unver­ändert erhalten geblieben. Als ein mit weicher Grasnarbe bewachsener Weg, von zabllosen Basalt- finblingen und hohen Heckenrainen flankiert, zieht sie sich über die Höhen dahin. Man wird nicht müde, die herrlichen Ausblicke in das Salztal, nach den Mooser Teichen oder bis zur Herchenhainer Höhe und zum Taufstein zu bewundern. Nach Ueberschrei» tung der Straße von Nieder-Moos nach Freien­steinau verläuft die .Hohestraße" durch eine Lich­tung am Scheuerwald vorbei. Unbeschreiblich schon ist das Bild beim Austritt aus dem Wald. Im Vor- dergrund das leicht bewegte Wasser des großen Reichloser Teiches, dahinter, sanft ansteigend aus- gedehnte Weideflächen mit buntscheckigem Vogels- berger Vieh, und oben am Horizont das schmucke Dörfchen im schönsten heimischen Charakter. Hinter Reichlos verläuft die .Hohestraße" am Ziegelteich und dem Reichloser Wald vorbei. Die Straße führt auf dis Höhe der Bornheide, am Buckenhof vorbei.

überquert am Neuhofer Forst die Straße von Brandlos nach Hauswurz und bringt nun nach Osten in den mächtigen (Siefeier Forst ein.

Stundenlang geht es nun auf der alten Straße durch den Gieseler Forst dem Ziel entgegen. Um diesen Wald richtig zu erleben, muß man ihn ohne Führer mit drohenden Gewitterwolken im Rücken durchwandern, muß seststellen, daß die Karten nicht stimmen, die Schrecken eines Irrweges und eines Nachtlagers im dunklen Wald vor Augen haben. Dann erscheint dem Wanderer nach bangen Stunden am Ausgange des Gieseler Forstes wie eine Fata Morgana das Bild der türmerreichen Bischofsstadt Fulda in greifbarer Nähe. Die Bewohner des Dorf- chcns Giesel findet man im Hochsommer größtenteils im Gieseler Forst bei derSchwarzbeerenernte".

Don Giesel aus geht der Marsch durch ein lieb- liches Tal über Niederrode und Sickels nach Fulda. Der Eindruck, den man von den näheren Höhen aus von der barocken Stadt gewinnt, ist überwäl­tigend Die Türme des herrlichen Domes, der Michaelskirche, der Benediktiner-Nonnenkirche, der Franziskanerkirche am Frauenberge, der Stadtpfarr- kirche u. a. grüßen den Wanderer und lassen schon aus der Ferne erkennen, welche Schätze von Sehens­würdigkeiten der Bewunderung harren.

Zweitägige Westerwaldwanderung.

1. Tag:

Rieder-Dresselndorf Salzburger stopf Lrbach Hachenburg.

Diese überaus lohnende Wanderung führt uns am ersten Tag über den Hohen Westerwald, am zweiten durch die Kroppacher Schweiz. Als Aus­gangspunkt wählen wir zweckmäßig Nieder-Dres- felnborf, eine Station der GießenKölner Strecke. Von hier wandern wir auf guter Landstraße über Liebenscheid nach Neukirch (628 Meter) den höchst- bcwohnten Ort des Gebirges. Unterwegs kommen wir an großen, mit unzähligen Basaltblöcken ver­sehenen Viehweiden vorbei, die von dem kleinen, aber kräftigen Westerwälder Rindvieh belebt sind. Auch die für das Gebirge charakteristischen Schutz­gehege, breite Tannenhccken, welche die hochgelege­nen Dörfer gegen rauhe Winde und Schneestürme schützen, finden wir hier. In kurzem Anstieg er- reichen wir von Neukirch den zweithöchsten Berg des Westerwalds, den Salzburger Kopf (654 Me- ter), von dessen Plateau sich eine großartige Fern­sicht auf Taunus, Eifel, Hunsrück, Siebengebirge usw. bietet. Blaue Striche leiten uns von hier über die echten Westerwalddörfer Hos und Bach mit typischen Bauernhäusern nach dem als Som­merfrische rühmlichst bekannten, reizvoll gelegenen Marienberg. Nach einer Erholungspause in einem der guten Gasthäuser gehen wir nunmehr blauen Dreiecken nach über Zinheim, Hardt und die Hardter Mühle nach Erbach, wo wir die impo­sante, 260 Meter lange, 32 Meter hohe Eisenbahn- brücke bewundern können. Von hier benutzen wir die Bahn, die uns in einer Viertelstunde nach dem Endziel des ersten Tages, dem anmutig gelegenen, von einem mächtigen Schloß bekrönten Hachenburg, der Gartenstadt des Westerwalds, brinat. Wir neh­men in einem der sauberen Gasthäuser Quartier und besichtigen noch das schöne Städtchen mit man­cherlei Sehenswürdigkeiten, vor allem das Schloß mit dem prächtigen, wohlgepflegten Schloßgarten.

2. Tag:

Hachenburg stloster THarienffalt kroppacher Schweiz Wissen.

Am andern Morgen wandern wir zunächst nach dem herrlich im Nistertal gelegenen Kloster Ma- rienstatt, einer uralten Cisterzienserabtei, einem der schönsten Punkte des Westerwalds. Nach der Be- sichtigung folgen wir der vom Westerwaldverein angelegten Wanderstrecke 4a, die uns jetzt in das romantische Nistertal, die sog. Kroppacher Schwei) führt. Don einem vorspringenden Felsen bietet sich noch ein prächtiger Blick auf die Klosteranlage: weiter geht cs der Großen Nister abwärts. In vielfachen Krümmungen bald unten am Bach, der einigemale überschritten wird, bald hoch über dem Tal geht der Weg, immer neue reizvolle Land- schaftsbilder gewährend. Wir durchwandern die stillen Dörfchen Heimborn, Hartenberg, Ehrlich und Stein, die wie eingeklemmt an hohen Felsen lie­gen. Kurz hinter Stein liegt etwas abseits die Spitzelei, ein wunderschöner Aussichtspunkt hoch über der Nister, den wir nicht versäumen dürfen. Das Zeichen führt uns weiter über den Stauten» köpf nach Bürbach und von da vorwiegend durch Wald nach unserem Endziel Wissen a. d. Sieg (Station der KölnGießener Bahn). Wanderzeit am ersten und zweiten Tag je 5)4 Stunden.