Ausgabe 
7.9.1932 Erstes Blatt
 
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Donnerstags oo Zi/,Ubrnalvmittak!.

Nr. 210 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffenj Mittwoch, 7. September 1952

Aus der Wett des Ulms.

Berliner Filmpremieren.

Schuß im Morgengrauen." -Quick."

Heberrafcht geht der Blick des Zuschauers mit fccr Kamera vorwärts durch Alleen, die im Däm­merlicht des Morgens sriedlich liegen: noch scher, neu sie zu schlafen. Da rasen Autos durch diese schönen Straßen, ein Schuh knallt im Morgen, grauen man weih, hier hat sich ein Verbrechen ereignet, dos kaltblütig errechnet und vorderer, tet war. Ein Auto sährt wie torkelnd durch die Allee, es scheint führerlos zu sein: richtig, da prallt es gegen einen Daum. Ausl Was ist ge. schehen?

3a, es läht sich zunächst noch nicht viel fest, stellen. Ein Mann ist erschossen worden, und die Polizei weih bald, dah es ihr Spitzel Müller VI. ist. Warum ober gerade der? Lassen sich nicht aus seinem Tode Schlüsse aus die Täter ziehen? Ge­wiß. die Polizei kommt bald dahinter, dah eine Bande von Iuwelendieben am Werk gewesen ist. Müller muh viel Material gegen sie ausgetrieben haben, sonst hätten die Diebe nicht gemordet. Lind bald wird klar, wer der Anstifter, der Mörder ist es fehlt nur eine Kleinigkeit, die, wie man dem Verdächtigten den Mord nachweist. Es soll hier lieber nicht erzählt werden, wie die Aufklärungs- arbeit geleistet wird und wie sie svrtschreitet, wie es zu jener furchtbaren Schießerei kam, die der Tonfilm auf gefährlich realistische Art heraus­bringt. Wir wollen keine Spannung vorwegneh­men. Aber wir dürfen doch wohl sagen, daß mit demSchuß im Morgengrauen" ein De- tettivfilm entstanden ist, geladen voll Spannung und Erregung, voll Lebensechtheit und voll Der» brecherromantik, voll Tempo und voll Logik.

Alfred Z e i s l e r, der Regisseur des Films, scheint diesen Film aus dem Handgelenk gemacht zu haben so voller Bewegung ist er, voll Eile, voll Dorwärtsdrängen. Aber der Kenner weih, wie schwer gerade dieser beschwingte Ablauf zu er- zielen ist, wie unendlich viel Mühe jeder Meter Filmstreifen macht, wenn er mit Spannung und Energie geladen sein soll. Run, Zeisler hat sich diese Arbeit gemacht und darf mit seinem Werke zufrieden sein. Wie geschickt ist die neuartige und hervorragende Photomontage von Ber­lin in diesen Kriminalfilm hineingearbeitet, wäh­rend man doch sonst derartige Bilder bei aller Schönheit meist nur als retardierendes Moment kennt! Hier gehören sie zum Entwicklungsgang des Films, und das ist ein Beweis dafür, wie stark Zeisler die Aufgabe empfindet, die er sich gestellt hat. Den Feucrkainpf ein schon beliebtes Re­quisit des Tonfilms macht er zu einem Erleb­nis, ohne daß der Zuhörer dabei die Hemmung des Llnwahrhaften oder Liebertriebenen empfin- dct. Aber lassen wir das Sezieren:Schuß im Morgengrauen" will gesehen werden, und nicht nur allein von den Freunden des Kriminalfilms.

Ein hervorragendes Schauspielermaterial ist für diesen neuesten Tonfilm von her Hfa eingesetzt worden. 3m Mittelpunkt steht Theodor L o o s und schon weih man, wie stark und wirklichkeits- cd-.t seine Leistung sein muh. Dann Hermann Spoelmans als Kriminalkommissar mit ech- teil humorigen Zügen, mit einer Vitalität, der man jeden Erfolg zutraut: er wirkt außerordentlich sympathisch, ebenso wie Karl Ludwig D i e h l, der h er mit bewuht knappen Mitteln eine sehr große, die größte Wirkung erzielt. Aber wenn rr' I schon Leistung gegen Leistung einmal ab- r 'n darf das bezwingendste Spiel liefert c ; r fierte, Verbrecher, Säufer, Unmensch das alles hat er mit fast dämonischer Kraft ge- zri ' net md verwirklicht. Unheimlich wirkt sein« L 'hing wie schon einmal im TonfilmM".

Mit zwei ihrer besten Ramen startete die U a den Tonfilm ..Quick'. Hans Albers und Lilian Harvey- eine etwas unge­wöhnliche Zusammenstellung, über die sich die Fr- unde des Kinos schon lange den Kopf ic* 1 * * örochen haben. Vielleicht ein Wagnis, aber baß man den Versuch, für Lilian Harvey einen neuen Partner zu finden, durchgefuhrt hat. ist sc'' n eine Freude. Die Rolle des Clowns Quick vermochte auch für Hans Albers eine Steige- rung zu bringen, die er selbst sich am dringend^

sten gewünscht hat. 3nQuick" darf Albers end­lich mehr als nur derSieger" oder der Drauf­gänger" sein: Gr kann in der Doppelrolle des Clowns überzeugend dartun, dah er sich mit einer einseitigen Auffassung seines schauspielerischen Vermögens durchaus nicht zu begnügen gedenkt. Weil er mit schwarz lackierter Perücke, mit völlig überschminktem Gesicht, mit prunkendem Clowns- gewand kaum noch an den Albers erinnert, der sonst so siegreich über die Leinwand tobt, darf er dem Publikum sein Können vermitteln, das entschieden größer ist, als seine Widersacher ihm zugeben wollen. Die Fabel dieses Films aus der Pommer-Produktion, von Hans Müller nach einem Lustspiel neu bearbeitet, ist einfach: sie er­hält erst Farbe und Leben durch die Regie Siod- m a k s . der es glänzend versteht, ein luxuriöses Sanatorium mit den 3nsassen zu füllen, die man wahrhaftig dort findet. Die junge kapriziöse Frau Eva (Lilian H a r v e y) will im Grunde genommen nur ihre Langeweile kuriert haben, und daß dabei ein Quick viel heilsamer wirken kann als Moorbad und Schweigekur. wird jeder begreifen, der für sich langweilende Frauen Verständnis aufbringt. Li­

lian Harvey: das ist die rechte Vertreterin in die­ser Rolle, wir wissen ja. daß sie nicht nur blonde unschuldsvolle Mädchen spielen kann, sondern viel Charme und daS nötige Maß an Koketterie mit­bringt. um eine verwöhnte Frau darzustellen. 3hr Gegenspieler Albers müßte dagegen eigentlich hart und forciert wirken, aber erfreulicherweise' ist das vermieden worden Man kann eher sagen, daß sich diese Koppelung außerordentlich wirnain gestaltete.

Mit guten Chargenspielern hat Eiodmak seinen neuen Tonfilm vervollständigt. Paul Hörbi­ger, dieser immer wirksame Schauspieler ohne LIebertreibung, versagte auch hier nicht. Paul Westermeyer gibt eine gutmütig vertrottelte Rebenfigur. Willi Stettner kann sich nach Lust und Laune als nur komisch zu nehmender Dichterling austoben, und Käthe Haack erfreut wie immer ihre Freunde. Selbstverständlich mußte He y m a n n . der Hauskomponist der Hfa, seinen Teil für den Film liefern, er komponierte das Lied des Quick, das Hans Albers auf seine be­sondere Art vorträgt. Das Publikum quittierte bei der Uraufführung mit starkem Beifall. A.

Kulturfilm heute und morgen.

Vorurteile und Probleme. Oer Film als DollsbildungSmittel. Trickfilm, Zeitlupe und Zeitraffer.

Don A. K. von Hübbenel.

gi 'big und mannigfaltig, wie in bildlicher Hinsicht. Jedenfalls in der Wahrnehmung durch unsere Sinne. Diese Beobachtung kann man ost genug auch im praktischen Leben machen: So werden wir z.B. alle unsere Bekannten sofort unterscheiden, wenn wir sic sehen: wir verwechseln jedoch häufig ihre Stimmen am Telephon. Musik können wir nur genießen, wenn ihre Melodien und Harmonien unserem Emp­finden geläufig ind, und Sprachlaute formen fich nur dann zu bif erenzierten Lauten und Begriffen, wenn wir sie ver tehen. Damit sind der Verwendung von Driginallautcn im Kulturfilm enge Schranken gesetzt. Bei Aufnahmen exotischer Volksfeste mit Musik und Gesang oder aus dem Leben des Ur­walds wird der Gesamteindruck natürlich erst durch den dazugehörigen Ton abgerundet und lebendig ergänzt, aber sogar solche Szenen müssen in ihrer akustischen Eintönigkeit, die in schroffem (9c- gensatz zur bildlichen Vielfalt stehen kann, auf die Dauer ermüden.

Neben der Aufnahme von Naturlauten gibt der Tonfilm die Möglichkeit, den für einen Kulturfilm nun einmal unerläßlichen erläuternden Text statt wie bisher in gedruckten Zwischentiteln als syn­chronisierten Begleitvortrag oder auch in Dialogform wiederzugeben. Auf diese Weise läßt sich natürlich mehr Wissenswertes sagen, ohne lang­atmig und schwer verständlich zu werden. Allerdings fragt es sich, ob es zweckmäßig ist, die Titellosigkeit im tönenden Kulturfilm allzu konsequent durchzu- fuhren. Die meisten Menschen haben ein über­wiegend visuelles Gedächtnis und fassen Gelesenes viel leichter und nachhaltiger auf, als Gehörtes. Zu­mal unbekannte, schwierige Worte, etwa exotische Städtenamen, prägen sich in Schriftform viel leich­ter und besser ein, als beim Hören in einer oft nicht einmal genug deutlichen Aussprache. Daß ein Be­gleitvortrag, auch wenn man auf Dialog und die zumindest

zweifelhafte Methode einer Rahmenhandlung verzichtet, nicht unbedingt nüchtern und langweilig sein muß, hat beispielsweise Bengt Berg gezeigt. Es wäre übrigens eine dankbare Aufgabe, die Vor­träge, die der Forscher zu seinen FilmenA b u Marküb ' undDie letzten Adler" hielt, tonfilmisch festzuhalten und damit diesen prächtigen Kulturfilmen eine viel größere Verbreitung zu geben, als es in Stummfilmzeiten möglich war. Wie dramatisch und spannend man einen Kulturfilm auf­bauen kann, bewies wohl am deutlichsten der Rus­senfilmTurksib", der vom Bau der Turkestan- Sibirischen Eisenbahn handelte.

Nachdruck verboten.

Der Film, heute der Tonfilm, ist zu einem Sui- turfaltor von ungeheurer Bedeutung geworden, er ist aus dem Leben der Gegenwart nicht mehr hinwegzudenken. Sein Einfluß erschöpft sich keineswegs darin, daß er im Unterhaltungs­programm weiter Volksschichten den breitesten Raum einnimmt, seine Macht als Mittel der Aufklärung, Belehrung, aber auch Verhetzung ist nur mit der Macht der Presse zu vergleichen. Aber wenn die Anerkennung des Films als des größten inter­nationalen Kulturmittlers der Gegenwart auch immer weiter fortschreitet,

der eigentliche Kulturfilm

hat in unserem Bewußtsein und in der praktischen Auswirkung noch lange nicht den Platz eingenom­men, der ihm auf Grund seiner unerschöpflichen Möglichkeiten und der unvergleichlichen Intensität und Allgemeinoerftändlichkeit seiner Darstellung ge­bührt. Kein anderes Lehr- oder Nachrichtenmittel vermag Weltwissen und Weltgeschehen in so anschau­licher, leichtfaßlicher und eindringlicher Form zu ver­mitteln wie der Film. Der moderne Kulturfilm hat sich aus den primitiven kurzen Landschaftsfilmen entwickelt, die vor Jahren neben den amerikanischen Grotesken einen unvermeidlichen Bestandteil des Vorprogramms in jedem Kinotheater bildeten und kaum etwas anderes darstellten, als eine Ansamm­lung von mehr oder weniger hübschen Ansichts­postkarten. Die drückende Langeweile, die diese Landschaftsfilme gewöhnlich ausströmten, hat anfänglich die ganze Idee des Kulturfilms in Ver­ruf gebracht, und es hat jahrelanger Arbeit bedurft, um das Vorurteil zu überwinden und die Masse der Kinobesucher für den Kulturfilm zu inter­essieren.

Seit dem Aufkommen des Tonfilms hat auch der Kulturfilm seine äußere Form geändert. Bis dahin wurde der notwendige erklärende Text in Zwischen­titeln verarbeitet, die oft recht langatmig ausfielen, jetzt dagegen hat der Dramaturg in dieser Hinsicht freiere Hand bekommen, es stehen ihm mehr Mög­lichkeiten offen, die (Erläuterungen abwechslungsreich und lebendig zu gestalten.

Die Aufnahme derOriginallaute

ist allerdings nicht immer der gangbarste Weg. Ab­gesehen davon, daß sich viele Vorgänge, die im Kulturfilm behandelt werden, völlig geräusch-

l o s abspielen, auch einen Reisefilm könnte man

nicht durchweg mit Originalgeräuschen illustrieren.

Das Weltgeschehen ist akustisch lange nicht so er-

W eich den Knimalsgraphen erfand.

Zum 40 Geburtslage M de Ischen Films

Don Max (Slladanorvsky

Die deutsche Filmindustrie feierte kürzlich ein interessantes Jubiläum: den 40. Ge­burtstag des deutschen Films- Vor 40 Jahren nämlich vollendete der heute noch lebende Berliner Erfinder Max Sklada- n o w s k y den ersten Filmaufnahmeapparat der Welt. 3m nachfolgenden erzählt der - leider viel zu wenig bekannte Erfinder selbst, wie fetne Erfindung zustanderam. Wenn ich berichten soll, wie ich den Kinemato- graphen erfand, so muß ich dazu bis zum 18. Rv- vember 1879 zurückgehen. An diesem Tage hielt mein Vater zum ersten Male einen wisfenschah- l che c Bo trag in der damcl genBerlirer öl?ra in Berlin, in der Friedrichstraße, dem heutigen Apollo-Theater, bei dem ich den Projektions- a p p a r a t bediente, der die zum Vortrag nötigen B.lder riesengroß entwarf. Von diesem Tage an verfolgte mich die Sehnsucht, diesen starren Pro- jclt onsbildern Leben einzuhauchen.

Aus meiner Kinderzeit besaß ich noch ein Spiel- zeug, das sogenannte Lebensrad, eine große Papptrommel mit seitlichen Einschnitten, durch d 2 man gezeichnete Bildstreifen erblickte, die vc_.cn annahmen, sobald die Trommel schnell gedreht wurde. Sinnend sah ich oft vor diesem Spielzeug, und mir kam der Gedanke, dah hier der Weg sei, den ich weiter zu beschreiten hätte.

Ende der achtziger 3ahre des vorigen 3ahr- Hunderts hatte ich durch Zufall einen Kodak in d e Hände bekommen, der mit einer Filmspule für photographische Aufnahmen geladen war. Mit diesem Material hielt ich es für möglich, mein Ziel zu erreichen und machte mich an die Arbeit. Da inzwischen der Herbst herangekommen war, mußte ich meinen Vater auf seinen Vor­tragsreisen begleiten, die im Monat März des folgenden 3ahres ihr Ende fanden. Dann hatte ich zuerst für Reuherstellung der Projektions­

bilder zu sorgen, und in meiner freien Zeit machte

ich mich fortgesetzt an die Lösung meiner Aufgabe.

Zuerst h es. einen Aufnahme-Apparat

herzustellen, der bisher unbekannt war, denn für

den Rcgativfilm muhte ein intermittierender

Mechanismus geschaffen werden, der das Film­band ruckmähig abzog, und während des kurzen Stillstandes zur photographischen Aufnahme be­reit war- Da mir keine Barmittel zur Verfügung standen, muhte ich mit meiner Hande Arbeit und den einfachsten Werkzeugen diesen Apparat schaf­fen. der im 3ahre 1892 für die Erstaufnahmen bereit war- Das Objektiv an diesem noch heute existierenden Aufnahme-Apparat war sehr einsach und kostete 3 Mk., ich konnte also wegen seiner geringen Lichtstärke nicht genügend Auf» nahmen innerhalb einer Sekunde machen. Als ich eine gut gelungene Serienaufnahme von un­gefähr 48 Einzelbildern innerhalb sechs Sekunden fertiggebrachl hatte, kopierte ich diese Bilder auf Zelloidinpapier, schnitt sie auseinander, legte sie der Reihenfolge nach übereinander, blätterte sie schnell durch, und hatte die Wiedergabe des Lebens in natürlicher Folge vor mir. Für mich war also die lebende Photographie im 3ahre 1 892 erfunden. .

Olun hieb es. diesen Apparat und auch einen Projektionsapparat mit gleicharbeitendem, inter­mittierend wirkendem Mechanismus in Präzi­sionsarbeit Herstellen zu lassen, aber daran ha- verte es Ich besah n'cht daS Geld dazu. Freunde oder Bekannte tonnten nicht helfen, selbst reiche Leute drehten mir den Rücken.

Der Projektions-Apparat ergab sich aus meiner Erfindung des Aufnahme-Apparates denn der intermittierende Mechanismus der das Filni- band bei der Aufnahme fortschaltete, war auch an diesem Dersuchs-Projektions-Apparat der wichtigste Gegenstand. Da meme ersten. «Seinen, aufnahmen nur sechs bis acht Bilder h ' Sekunde hatten, war das Flimmern bei '° dah -ch ,°°°i | Apparate nebeneinander aufstellte, die abwech- die Bilder entwarfen, worauf das Flim­mern verschwand.

3m 3uli des 3ahres 1895, als ich mehrere Serien fertig hatte, unternahm ich mit dem Appa­rat Probedarstellungen in dem Saal in Pankow, Berliner (Strafte 27, in dem sich heute ein großes Kino befindet.

Eines Tages fuhren vor diesem Etablissement die beiden Direktoren vomWintergarten", die Herren Dorn und Baron, vor, die davon ge­hört hatten, daft ich etwasReues" probiere, sahen sich die Darstellungen an und engagierten mich sofort für den Monat Rovember für den Wintergarten", mit der Vertragsklausel, daft ich vorher meinenBiofco p" genannten Appa­rat nicht öffentlich darstellen dürfe, Hnd so ge­schah es. daft die erste öffentliche Dar­stellung eines Kinematographendurch mich am 1. Rovember 1895, imWintergarten" zu Berlin, stattfinden konnte.

Oer Tonfilm bekommt neue Stimmen.

So sehr auch der Tonfilm gegenüber feinen ersten Anfängen schon vervollkommnet ist, so lassen die meisten Apparaturen doch noch viel zu wünschen übrig, und man hat geschäht, daß im Durchschnitt die Kinos bisher nur etwa die Hälfte der Tonwerte bei der ursprünglichen Auf­nahme ausnuhen. Ein bedeutender Fortschritt auf diesem Gebiet wird nun von dem General­direktor der amerikanischen Western Electric-Ge- sellschaft. 3. E. O t ter son. in einem Filmblatt angekündigt. Otterson steht heute an der Spitz« der amerikanischen Film-3ndustrie, denn er ist der Vertreter der großen elektrischen Organi­sation die den Siegeszug des Tonfilms möglich gemacht hat. Er stellt die Macht hinter bem Thron von Hollywood dar. Rach einer großen Anzahl von Versuchen mit der Hebertragung von Musik auf telephonischem Wege ist man so­weit gekommen, daß die Darbietungen des be­rühmtesten amerikanischen Orchesters, der Sym­phoniker von Philadelphia, von ihrem Konzert­saal nach einer Anzahl von anderen weithin im Lande verstreuten Sälen so getreu übermittelt werden formten, daß es selbst für das feinste

Die deutsche Kulturfilmproduktion wird heute in der ganzen Welt als führend anerkannt.

Der deutsche Kulturfilm hat sich die verschiedensten Gebiete wissenschaftlicher Forschung erobert und mit echt deutscher Gründlichkeit ganze Arbeit geleistet. Filme wieTanzendes Holz".Sichtbar­machung der Luft", den dramatischen Kampf des kleinen Mungo mit der giftigen Brillenschlange möchte man immer wieder sehen. Und immer mehr erweist es sich, daß cs überhaupt kein Gebiet gibt, das einer Behandlung durch den Film nicht zu­gänglich wäre. Der Kulturfilm ist schon heute aus dem Vorprogramm der regulären Kinos in Vor- tragssäle und den Lehrplan von Schulen und Universitäten gedrungen. Aber vor­läufig noch in viel zu geringem Maße. Wie inter- effant läßt sich der geographische Unterricht gestal­ten, wenn einem der Film die fremden Länder mit ihren Menschen, ihrer Fauna und Flora lebendig vor Augen führt! Wie klar und verständlich werden komplizierte physikalische und chemische Vorgänge, wenn der Filmtrick ihre Geheimnisse enthüllt! Wie offenbart sich die Seele der Natur, wenn der tote Buchstabe und die unbewegte Zeichnung dem photographischen Leben selbst weicht, wenn man sehen kann, wie sich eine Blüte entfallet, wie sich eine Zelle teilt, wie sich ein Organismus bildet. Wie wächst und schärft sich das Verständnis für dos Welt­geschehen, für Eigenart und Psychologie fremder Völker, wenn man sie in ihrer Heimat beobachten kann! Es gibt kaum ein Lehrmittel, das zur Ver­breitung einer wahren Volksbildung geeigneter wäre, als der Film. Bisher hat sich eigentlich nur die medizinische Wissenschaft der Hilfe des Films in größerem Umfange bemächtigt. Das otubienobjeft ist hier der lebendige Mensch, man kann deshalb nicht, wie etwa in der Chemie ober Physik, nach Belieben Experimente anstellen und wiederholen. Der Film ermöglicht es, seltene Krank- heiten oder Krankheitsfälle zu fixieren unb jeder­zeit oorzuführen, oder etwa von berühmten Chirur­gen vorgenommene Operationen Hunderten von Zu­schauern mit unübertrefflicher Deutlichkeit zu zeigen. Darüber hinaus gibt es ein Gebiet mibizinisch- biologischer Forschung, bem der Film überhaupt ganz neue Möglichkeiten eröffnet hat: bie Mikro- b i o l o g i e. Ein unschätzbarer Helfer für ben For­scher ist hier vor allem

der Zeitraffer,

ber otunben unb Tage bauernbe Vorgänge auf eine Zeitspanne von wenigen Minuten zusammenrasst unb deshalb ihre Bewegung beutlid) erkennen läßt. Mit Hilfe bes Zeitraffer Films kann man z. B. den Prozeß der Teilung einer Zelle in allen Phasen zusammenhängend beobachten, ober bie Entwicklung eines Gewebes verfolgen, eiroa das Eindringen ber schöblichen Krebszellen in ein bis dahin gesundes Gewebe. Ganz neue Einblicke in bie mikroskopische Welt vermittelt auch bie Zeitlupe, burch welche bie Bewegungen verlangsamt werben. Auf diese Weise gelang es, bie Fortbewegung winziger In­fusorien. bie durch eine Wellenbewegung vom Flim­merhärchen geschieht, genau zu studieren, was ohne Hilfe des Zeitlupen-Films infolge ber ungeheueren Schnelligkeit der Flimmerbewegung gar nicht mög­lich war. Auch in der, Physik haben Zeitlupe unb Zeitraffer schon neue Erkenntnisse geliefert. So würben z. B. befonbere Zeitlupen-Kameras kon­struiert, bie

30 000 unb mehr Bilder He Sekunde

aufnehmen können, so baß ber Flug eines Geschosses, eine elektrische Entlobung usw. bei ber Vor­führung als langsamer Vorgang erscheint unb bem Stubium zugänglich wirb.

Großaufnahme unb Trick, Zeitlupe unb Zeitraffer unb jetzt auch das Mikrophon, sind bie Hilfsmittel, die es ermöglichen, bas ganze Weltgeschehen unb Weltwifsen, über das wir verfügen, stets reprobuk- tion&bereit auf ben geschmeidigen Zelluloibstreifen zu bannen. Unb es erscheint durchaus nicht unwahr­scheinlich, baß in einigen Jahren ber Anschau­ungsunterricht burch den Film ben glei­chen Raum beanspruchen wirb, wie bas Lernen aus Büchern unb Vorlesungen.

Ohr unmöglich ist, die Wiedergabe von dem Original zu unterscheiden.Eine solche Wieder­gabe von Musik ist das 3deal, das wir auch für den Tonfilm erstreben", erklärte Otterson. Wir haben es zwar noch nicht ganz erreicht, aber die neuesten Tonfilm-Apparaturen, die jetzt in Hollywood benutzt werden, kommen diesem höchsten Ziele doch schon recht nahe. Diele arneri- kcmische Kinos Huben schon diese Vervollkomm­nung eingeführt und die akustischen Eigenschaften ihrer Säle so verbessert, daß die neue Tonfülle wirksam zur Geltung kommt. Wie häufig kam bisher der Tadel, den man gegen die Stimme eines Darstellers oder einer Darstellerin rich­tete, auf Rechnung der Wiedergabe, die ganz unzulänglich war. Run hat der Tonfilm neue Stimmen bekommen, und man wird staunen, wie die alten Lieblinge dadurch neue und stärkere Persönlichkeiten gewinnen."

Eine andere Reu hei t, die im amerikanischen Kino eingeführt wird, ist die Heber tragung von Opern oder Dramen, die zu gleicher Zeit pan­tomimisch auf der Bühne dargestellt werden. 3n England hat man kürzlich einen ähnlichen Versuch gemacht, als die Rolle des Don 3ose inCarmen", die in Madrid von dem berühmten Sänger Michele Fleta gelungen und nach dem Orpheus-Kino in der englischen Hauptstadt über­tragen wurde, dort von dem Pantomimen A. M. O t h e r zugleich verkörpert wurde. Ganz tadel­lose Hebertragangen gelingen aber bisher nur auf dem Landweg und nur mit Hilfe der Tele­phon- und Telegraphenleitunaen, weil die draht­lose Hebertragung zu starken Störungen ausgesetzt ist. Es wird binnen kurzem möglich sein, Muster- Aufführungen von einer großen Bühne nach Hunderten von Theatern zu übertragen, und um tne körperliche Anschauung zu ermöglichen, die im Rundfunk fehlt, können -anrornimliche Vorstellungen veranstaltet werden, durch die die Hebertragung eine viel plastischere Wirkung aus- üben wird. Solche Hebertragungen sind in den Vereinigten Staat en bereits vorzüglich ge­lungen. fb.