Nr. 157 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 7. Juli 1932
Die amerikanischen Weltflieger in Berlin.
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Karte der Strecke, die sich die beiden amerikanischen Fliegeroffiziere Griffin und Mattern gewählt haben, um auf ihr den Rekord zu brechen, den ihre Landsleute Post und Gatty mit dem Flug um die Welt in acht Tagen aufgestellt haben.
Das Flugzeug der amerikanischen Weltflieger Griffin und Mattern, das am Mittwochvormittag um 10.30 Uhr mit östlichem Kurs über Nord-Irland gesichtet wurde, passierte um 15.15 Uhr den Flugplatz von Hannover und landete gestern um 17.42 Uhr auf dem Tempelhofer Flugplatz in Berlin. 'Man hatte dort die beiden Flieger schon früher erwartet, doch mußten sie unterwegs einem Gewitter ausweichen, was eine Verzögerung der Landung herbeiführte. Zum Empfang der Ozeanflieger waren u. a. der amerikanische Botschafter S a ck e t t, Ministerialrat Wegert als Vertreter des Reichsverkehrsministeriums und Stadtbaurat Adler von der Stadt Berlin erschienen.
Als die „Progress of Century“ („Fortschritt des Jahrhunderts"), die Maschine der amerikanischen Weltflieger landete, wurde sie sogleich von Pressevertretern umringt, die den Piloten begeistert zujubelten.. Beide Flieger machten einen außerordentlich frischen Eindruck. Mattern und Griffin sind die Ersten, die in direktem Fluge von Amerika, und zwar von Harbour Grace, Berlin in einer G e - somtslugzeit von 18/ Stunden erreicht haben und damit 3/ Stunden weniger brauchten als Post und Gatty, deren Rekord für den Weltflug
sie schlagen wollen. Griffin erzählte, sie hätten über dem Atlantik außerordentlich schlechtes Wette r gehabt, das sie bisweilen gezwungen habe, bis auf 5 Meter über die Wasseroberfläche herunter- zugehen. Auf die Frage, wann sie weiterfliegen wollten, antworteten sie, sie wollten möglichst bald nach Moskau starten. Zunächst wollten sie aber etwas zu trinken haben. Dieser Wunsch wurde ihnen auch auf dem Rollfeld sogleich mit mehreren Glas Bier erfüllt. Die Flieger mußten noch dem Kreuzfeuer der Kameraleute standhalten, wobei Griffin zunächst nicht mitmachen wollte, da er meinte, er fei zu schmutzig, sich photographieren zu lassen.
Griffin mutzte die Hilfe eines Arztes in Anspruch nehmen, weil ihm eine Ader im Auge geplatzt war. Inzwischen waren die Tanks mit etwa 2000 Liter Brennstoff aufgefüllt worden. Die Flieger ließen im Flughafenpostamt einigeHun- d e r t B r i e f e . die schon in Reuhork abgestempelt waren, mit deutschen Marken versehen und abstempeln, da diese Post bei ihrer Rückkehr nach Amerika die Stempel aller Zwischenlandeplahe tragen soll. Die Weltflieger hatten mit ihrem Weiterflug bis zum Einbruch der Dunkelheit gewartet, weil dann die Rachtbefeuerung auf der Strecke Berlin-Königsberg ihnen den Weg zeigt.
Aus der Provmriatbauptstai)»
G i e ß e n, den 7. Juli 1932.
Ein Schönheitsfehler auf dem Neuen Friedhof.
Auf dem Reuen Friedhof, der im allgemeinen ein sehr gepflegtes Aussehen zeigt und dadurch der Friedhofsverwaltung das Zeugnis sorgsamster Arbeit gibt, befindet sich eine Gräberfläche, die dringend der Berbesserung bedarf. Es handelt sich um den Geländestreifen an dem früheren Gefangenen-Gräberfeld mit dem großen Gedenkstein. Dort ist es dringend erforderlich, daß endlich der überaus üppige Gras- und Unkrautwuchs beseitigt wird, der diesem Teile der Ruhestätte das Aussehen einer schlechtgepflegten Wiese gibt, deren sich «in Landmann schämen müßte. Hoffentlich wird dieser Aebelstand schleunigst behoben. Wenn etwa für die an und für sich geringfügige Arbeit kein« Geldmittel vorhanden fein sollten, so
erinnere man sich doch einmal der Einrichtung des freiwilligen Arbeitsdienstes, von der man bisher in unserer Stadt ohnehin sehr wenig wahrnehmen kann.
Sonderfahrten der Hapag.
Die Hamburg-Amerika-Linie veranstaltet vom 11. bis 15. Juli eine Sonderfahrt in das Jung- fraugebiet und an den Vierwaldstättersee. Die Fahrt führt von Frankfurt über Freiburgs-Basel—Bern—Thun nach Interlaken Die Ausflüge erfolgen mit Thunerfeedampfer. Vorgesehen sind die Besichtigung der berühmten Beatus- Höhlen ein ganztäaiaer Ausflug über Lauterbrunnen (Trümmelbachfalle) zur Wengeralp nach Kl.- Scheidegg am Fuße der Alpenriefen: Eiger, Mönch, Jungfrau, sowie ein Spaziergang zum Eigerglet- scher. Bei genügender Beteiligung erfolgt von Kl.- Scheidegg aus die Fahri zu bedeutend ermäßigten Preisen bis zur höchsten Alpenstation „Jungfraujoch". Die Rückfahrt erfolgt über Grindelwald nach Interlaken—Brienz—DJleir innen—Brünigpaß nach Luzern am Vierwaldstättersee—Basel und wieder
nach Frankfurt. Die Rückfahrt von Luzern kann auch innerhalb 45 Tagen angetreten werden. Gesamtpreis einschl. Eisenbahnfahrt, volle Verpflegung, Kurtaxe und Bedienungsgelder, Ausflug auf den Thunerfee und nach Lauterbrunnen 84,90 Mark.
Eine weitere billige Fahrt findet vom 11. dis 14.3uli nach Helgoland statt. Der Sonderzug fährt von Gießen nach Hamburg, dann erfolgt Beförderung zu den Landungsbrücken in St. Pauli und Einschiffen auf dem Schnelldampfer „Kaiser" über Blankenese—Cuxhaven nach Helgoland. Die Rückreise erfolgt wieder auf dem Dampfer „Kaiser" nach Hamburg und von dort mit Schnellzug nach Gießen. Der Gesamtpreis stellt sich auf 69' Mark einschließlich Eisenbahnfahrt 3. Klasse nach Hamburg und zurück, Dampferfahrt Hamburg—Helgo- land und zurück, Unterkunft und Verpflegung. Näheres ist aus dem heutigen Anzeigenteil ersichtlich.
Gictzencr Wochcnmarktpreisc.
* Gießen, 7. Juli. Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Süßrahmbutter 120 Pf., Landbutter 110 bis 120, Kochbutter 90 bis 100, Matte 25 bis 30, Wirsing 10, Weißkraut 12, Spinat 15, Römischkohl 10 bis 12, Zwiebeln 15, Dohnen 40 bis 45, Erbsen 18 bis 20,
Spargel 30 bis 50, Tomaten 35 bis 45,
Rhabarber 8 bis 10, Pilze 50, Kirschen 40 bis 45 Kartoffeln (alte) 5 (pro Zentner 4,80 Mk.),
Kartoffeln (neue) 8 bis 10, Dörrobst 30 bis 35, Aepfel (ausländische) 50 bis 60, Heidelbeeren 40, Stachelbeeren 20. Johannisbeeren 25 bis 30, Erdbeeren 35 bis 50, Pfirsiche 55 bis 70, Honig 40 bis 45. Suppenhühner 70 bis 80, junge Hähne 80 bis 90 Pfennig pro Pfund: Tauben 50 bis 70, Eier 8, Käse 5 bis 10, Blumenkohl 30 bis 60, Salat 8 bis 10, Salatgurken 25 bis 35, Oberkohlrabi 10 bis 12, Rettich 10 bis 12 Pfennig pro Stück: Radieschen 8 bis 10, gelbe Rüben 10 bis 12 Pf.
** Nach rohem Obst kein Wasser trinken! Schon häufig ist betont worden, daß man nach dem Genuß von rohem Obst kein Wasser trinken soll. In Altgriesheim hat diese Unsitte jetzt wieder ein Opfer gefordert. Dort verstarb plötzlich eine 27jährige Kontoristin, und es wurde vermutet, daß sie keines natürlichen Todes gestorben fei. Dienstag erfolgte auf dem Friedhof in Höchst die Sektion der Leiche. Die Obduktion ergab als Todesursache einen schweren Magen- und Darmkatarrh. Dieser war darauf zurückzuführen, daß die Kontoristin eine sehr reichliche Portion Erdbeeren genossen und gleich danach Wasser getrunken hatte. Als sie dann furchtbare Schmerzen bekam, nahm sie Phanodorm, ohne daß ihr dies Hilfe bringen konnte.
Forderungen der süddeutschen Landwirtschaft.
Das Ergebnis einer gemeinsamen Landwirischastskammer-Beraiung.
D a r m ft a b t, 6. Juli. (WSN.) Die Tagung der süd- und südwestdeutschen Landwirtschafts, karnrnern, die am 1. Juli in Darmstadt statt- fanb, stand unter dem Zeichen der Notlage der Landwirtschaft, die infolge des gewaltigen Preissturzes, vornehmlich bei den Erzeugnissen der Veredelungswirtschaft, in Süd- und Südwestdeutsch- land sich außerordentlich verschlechtert hat. Die anwesenden Vertreter der Landwirtschastskammern erstatteten fast gleichlautende Berichte über schwierige Verhältnisse in den landwirtschaftlichen Betrieben, wie auch in den Organisationen, Körperschaften und Genossenschaften der Landwirtschaft.
Scharfen Protest fand zunächst die Beseitigung der Umsatz st «uerfreigrenze, deren Wiedereinführung mit Rücksicht auf die ungünstige Lage der Veredelungswirtschaft gefordert wurde. Außerdem wurde die
herabsehung des llmsahsteuersahev
einheitlich auf 0,85 v. H. für alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse verlangt. Nach Auffassung der süddeut- schen Landwirtschastskammern müssen auch die bäuerlichen Betriebe unter . derartigen neuen Belastungen langsam, aber sicher zusammenbrechen.
Auf dem Gebiete der Handelspolitik forderten die beteiligten Kammern als Richtschnur für die Zukunft in erster Linie die
Stärkung des Binnenmarktes
unter Zurückstellung einseitiger Exportinteresfen. Für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse ist neben einem ausreichenden und lückenlosen Zollschutz ein Kontingentiersystem für Auslandserzeugnisse nach dem Vorbild Frankreichs, Hollands und der Schweiz einzuführen, unter Umständen auch Konzession ierung des Außenhandels. Das Meistbegünstigungs- system ist zu beseitigen. Sämtliche Zollbindungen für die Erzeugnisse der Land- und Forstwirtschaft, sowie des Wein-, Obst- und Gartenbaues sind, soweit sie jegliches Entgegenkommen gegenüber der
inländischen Landwirtschaft unmöglich machen, zu lösen. Erforderlich sind außer Ausgleichs- zölle gegenüber den Ländern mit unterwertigcr Valuta, wirksam« Anwendung des Obertarifs, Verbesserung und Verfeinerung der Devisenzuteilung zwecks
Einschränkung überflüssiger Einfuhr,
vor allem wirksame Maßnahmen zum Schutze der Veredelungswirtschaft und der Forstwirtschaft.
Bei der etwaigen Bildung eines einheitlichen Wirtschaftsraumes der Donauländer unter Einbeziehung Deutschlands dürfen die Interessen der deutschen und insbesondere der süd- und südwestdeutschen Landwirtschaft und Forstwirtschaft, einschließlich des Wein-, Obst- und Gemüsebaues, nicht vernachlässigt werden für einzelne Erzeugnisse, die einen Veredelungszwang oorfehen.
Ein weiterer Antrag betraf die Notwendigkeit beschleunigter und auch für die bäuerliche Landwirtschaft durchführbarer Maßnahmen zur
Finanzierung der kommenden Ernte.
Bezüglich der Pachtpreisgestaltung in Süd- und Sudwestdeutschland ist nach Auffassurg der beteiligten Landwirtschaftskammer ein von gegenseitigem Verständnis getragenes Zusammenarbeiten von Pächtern und Verpächtern anzustreben, und Auseinandersetzunden vor den Pachteinigungsämtern sind nach Möglichkeit zu vermeiden.
Die beteiligten Kammern fordern sodann die Uebernahme der durch Preußen in Frankfurt a. TL eingerichteten Forschungsstelle für I a n g f r i fti g e Wettervorhersagen auf das Reich, um der gesamten deutschen Landwirtschaft diese Berichte zugänglich zu machen. Außerdem befaßten sich Die beteiligten Kammern noch mit einzelnen Fragen des Bildungs- und Priifung?wesens auf den verschiedensten Gebieten der Landwirtschaft, da die Landwirtschaft als Urerzeugerin sich ihren maßgeblichen Einfluß sichern und erhalten muß.
905 MM Mkl.
Original-Nomon von Anny von panhuys.
Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig.
1 (Sorih Nachdruck verboteni
„Warum soll das nicht mein Ernst sein? Es ist doch ganz gleich, als was man sich zeigt, wenn man nur was kann. Du selbst hast voriges Jahr an meinem Geburtstag herzlich über mich gelacht. Warum sollen andere nicht auch über mich lachen, wenn die armen Blinden noch dazu einen Vorteil davon haben?"
Er gab nachdenklich zu: „Eigentlich hast du ja recht, Lil. Aber weißt du, so im ersten Augenblick kam mir die Idee beinahe ein bißchen toll vor. Rur im ersten Augenblick, jetzt finde ich sie schon eigenartig und nett.“
„Ra, siehst du!" lächelte sie schnell zufrieden. „Hebrigens erging es ja Vati nicht besser damit, dem muhte ich erst ’ne lange Rede schwingen, bis er sich erwärmte. Mit dir wurde ich schneUer einig.“
Er dachte, dazu gehörte nicht viel, daß Lil mit ihm einig wurde. Er fand ja eigentlich alles gut und richtig, was sie tat. Er hatte sie schon lieb gehabt in Knabentagen. Das kleine blonde Mädel- chen hatte es ihm angetan in jenem Moment, als es ihm, dem um acht Jahre älteren, das ungeschickte weiche Mäulchen auf die Wange gedrückt und barm gekräht hatte: Hab dis lieb, dohe Mann!
Elf Jahre war er damals und Lil drei. Er war damals stolz darauf gewesen, daß sie ihn für einen doßen Mann (großen Mann) hielt, und die rührend weichen Lippen der Kleinen hatten jenes ganA eigene Gefühl von Zärtlichkeit in ihm geweckt, das er längst richtig zu benennen wußte. Damals schon wurde in ihm die Liebe zu Lil geboren, die nun groß geworden und ihn ganz erfüllte.
Doch kein Wort hatte er je davon zu Lil gesprochen, aber er glaubte sicher zu wissen, seine Liebe wurde von ihr erwidert. Er fühlte, Lil würde seine Frau werden, eines Tages kam die Aussprache ganz von selbst.
Sie plauderten über allerlei, und als sie über die neue Mainbrück« gingen hinüber nachSachsen» Hausen, sagte Lil: „Ich möchte nirgends anderswo leben als in Frankfurt." Sie wandte sich und ihr Blick umfing das Bild der unter einer leichten Schneehülle liegenden Ufer. „Ein bißchen herum« schlendern möchte ich schon in der Welt, aber immer wieder heimkehren und hier zu Hause sein. Weißt du, ich glaube, wenn ich wo anders leben wüßte, ich würde mich krank sehnen nach unserem Main und dem Dom, nach dem alten Romerplatz
und unserer buntbelebten Hauptwache. Heber- Haupt nach allem, was zu Frankfurt gehört. Geht es dir auch so Werner?"
Er nickte: „Ja, Lil, es geht mir auch so. Daheim ist daheim! Ünb wir beide haben es ja auch bisher gut gehabt in Frankfurt. Man wünscht sich wohl nur aus dem Heimatsort fort, wenn man dort Kummer und Sorge erlebt hat." Er lächelte sie an. „Lil, dein Himmel hier ist immer ganz blau und wolkenlos gewesen."
Heber ihr feines Gesicht flog ein Schatten. „Meine Mutter starb zu früh."
Er nickte wieder.
„Allerdings, Lil, aber viele Kinder verlieren ihre Mütter und merken den Verlust herber als du, weil sie mit der Mutter oft das einzige Wesen verlieren, das sie liebt und sich um sie kümmert. Dein Vater liebt dich aber über alles!"
Lils Gesicht war schon wieder hell.
„Es i!st wundervoll, so recht von Herzen geliebt zu werden."
Er blieb unwillkürlich stehen und faßte nach ihrem Arm, sie dadurch zwingend, auch stehen zu bleiben. Die Drücke war um diese Zeit nicht besonders belebt, und die wenigen Vorübergehenden achteten nicht auf die beiden Menschen, die am Drückengeländer standen und scheinbar voll Aufmerksamkeit ins Wasser schauten? Ins Wasser schauten? Rein, so kam es nur den Vorübergehenden vor. In Wirklichkeit interessierte die 'beiden in diesen Minuten der träge dahin- fliehende Main gar nicht, denn Werner Sturm hatte Lils Worte wiederholt: „Es ist wundervoll, so recht von Herzen geliebt zu werden!" Er hatte dann hinzugesetzt: „Liebe kannst du ja so über- viel haben, Lil, wenn du willst. Ich wüßte mir nichts Schöneres auf der Welt, Mädel, als dir von meiner Liebe zu sprechen. Ein großes Füllhorn von Liebe möchte ich über dich ausschütten."
Lil hatte gewußt, Werner liebte sie, etwas ganz Selbstverständliches war es ihr bisher gewesen. Etwas, über das man kein Wort verlieren braucht. Sie hatte sich im Geist später immer als feine Frau gesehen, und sie wußte auch, der Vater und Werners Mutter hielten das wohl für etwas Selbstverständliches. Aber nun Werner davon sprach, schien ihr das bisher Selbstverständliche überraschend. Sie fühlte, wie sich jähe Glut in ihre Wangen ergoß, und sie machte einen unbeholfenen Ansatz, etwas zu sagen. Aber sie kam über ein paar unverständliche Laute nicht hinaus, das Herz klopfte ihr bis zum Halse.
Sein scharf geschnittener Mund lächelte weich. „Kleine Lil, hat es dir die Stimme verschlagen, weil ich dir von meiner Liebe erzählte? Kleine Lil, es rutschte mir so heraus, ich dachte kurz zuvor noch nicht daran, davon zu reden. Aber einmal muß ich's dir doch sagen, und vorhin, als du meintest, es wäre wundervoll, so recht von Herzen geliebt zu werden, konnte ich nicht mehr
für mich behalten, was wir ohnedies ja beide wissen. Wir haben uns doch beide lieb, Lil, nicht wahr?"
Seine braunen, ernsten Augen lagen warm und innig auf dem feinen Mädchengesicht.
Lil atmete bedrückt. Sie hatte nicht geahnt, daß es so überwältigend beglückend war, sich von Werner sagen zu lassen, er liebte sie. Ganz leise, gaiu zaghaft erwiderte die sonst so beredte Lil: „Ich habe dich auch sehr lieb. Werner, über alle Maßen habe ich dich lieb."
Er sah in die Augen, die feucht schimmerten vor Ergriffenheit, und nahm ihren Arm.
„Komm, Mädelchen, ich weih drüben in Sachsenhausen eine kleine Konditorei, in der gibt es verschwiegene Eckchen. Da gehn wir hin und reden von unserer Liebe."
Sie konnte schon wieder lachen.
„Und Apfelkuchen und Schlagsahne essen wir dazu und Mohrenköpfe. Fein wird das!"
Sie wanderten vergnügt ihrem Ziele zu und saßen ein reichliches Stündchen in dem stillen Winkel der kleinen Konditorei, sprachen von ihrer Liebe, und als sich die frühe Winterdämmerung nieberfenfte, spazierten sie durch allerlei totstille Straßen und küßten sich. Lil hatte ihre Freundin Lotti vergessen und Werner Sturm seine Patienten.
Als Lil nach Hause kam, war ihr Vater noch nicht von der Dank zurück. Sie erwartete ihn fieberhaft. Endlich horte sie seine Stimme unten in der Halle, laut mit dem Diener sprechen. Sie lief ihm entgegen, zog ihn in sein Zimmer, lachte und jauchzte: „Vati, heute haben Werner und ich uns gesagt, daß wir uns lieben."
Eduard Körner legte die Arme um das schmale kleine Figürchen der Tochter.
„Daß ihr zwei zueinanderfinden würdet, das stand ja schon lange fest und wird niemand besonders überraschen. Werner ist auch mir lieb, mein Kind, ich weiß, du wirst es gut bei ihm haben." Er küßte die Tochter, zog sie fester in seine Arme. „Werde recht glücklich mit ihm, mein Mädelchen, meine geliebte kleine Lil, denn dein Glück ist auch das meine.“
Ungefähr um dieselbe Zeit erzählte Werner Sturm seiner Mutter. „Heute habe ich mich mit Lil ausgesprochen. Wir lieben uns und sie will meine Frau werden."
Die Daronin Adele Sturm, eine schmale Dame mit dichtem, dunklem Haar und sehr kalten gradlinigen Zügen, zuckte die Achseln. „Glaubst du etwa, mich mit einer Reuigkeit zu überraschen, Werner? Ganz Frankfurt weih doch, daß ihr beide ein Paar werdet." Sie lächelte. ^Aber es ist gut. wenn auch ihr euch endlich darüber klar geworden seid, denn schliehlich seid ihr die Hauptpersonen. Lil ist hübsch, ist sehr reich, und ein bißchen Geld farm dir nichts schaden, wenn du auch viel verdienst. Ehrlich gestanden, wäre mir
eine andere Schwiegertochter lieber gewesen." Sie seufzte: „Lil ist ein verdrehtes Mädel."
Auf Werners Stim grub sich eine Falte ein.
„Ist das dein Glückwunsch, Mutter?"
Die Daronin lächelte wieder:
„Sei doch nicht so empfindlich, Junge." Sie reichte ihm die Rechte. „Also viel Glück. Werner."
Es war ehrlich gemeint, sie hatte den einzigen Sohn sehr lieb und war unbändig stolz auf ihn. Aber für Lil hatte sie nicht viel Liebe übrig. Sie hatte schon Lils Mutter nicht leiden mögen, hatte sich darüber geärgert, daß ihr Stiefbruder Eduard noch geheiratet hatte, als er schon die Vierzig überschritten. Sie hatte ihn bis dahin als Erbonkel für Werner betrachtet.
Werner drückte die Hand der Mutter kräftig und sagte leise und Verträumt:
„Ich hoffe unsäglich glücklich zu werden mit Lil, mit dem lieben verdrehten Mädel."
2. Kapitel.
Die Daronin regt sich aufl
Werner Sturms Vater war Diplomingenieur gewesen und hatte lange Jahre, bis zu seinem Tode vor fünf Jahren, eine leitende Stellung in einer großen Frankfurter Maschinenfabrik inne» gehabt. Die Daronin und ihr Sohn bewohnten ein kleines einstöckiges Haus in der stillen Linden» strahe.
Die (Baronin war damals, als sie heiratete, ein hübsches Mädchen gewesen, aber sie besaß Eigenschaften, die dem Aeuheren allmählich ihren Stempel aufprägen. Sie war hartherzig und hochmütig Run sah ihr Gesicht oft maskenhaft starr aus und um ihre Mundwinkel lag ein Zug von Verachtung der allen Menschen galt, die keinen Titel besaßen oder nicht reich waren. Ihr Marrn hatte ein kleines Vermögen hinterlassen, eigene Mitgift hatte sie nicht besessen. Ihre Mutter war zweimal verheiratet getoefen. Erst mit ihrem Vater, einem völlig vermögenslosen Lehrer: nach seinem Tode mit dem Witwer Körner, der aus erster Ehe einen Sohn besah, den jetzigen Bankier Eduard Körner. Also war die Baronin mit Eduard Körner nicht blutsverwandt. Sie hatte eine reiche Ausstattung und das Häuschen in der Lindenstrahe als Hochzeitsgeschenk von ihrem Stiefvater erhalten, im übrigen konnten Mutter und Sohn durch Werners gute Einnahmen sehr bequem leben.
Es war am nächsten Tage. Werner kam heute kaum zu sich selbst, so wurde er ärztlich in Anspruch genommen. Er hatte Lils Vater aufsuchen wollen, aber er mußte Lil telephonieren, es blieb ihm leider keine Zeit zu dem Besuch.
Lil lachte am Telephon: „Vati ist mit allem einverstanden und ich lauf dir nicht weg Werner. Kannst du heute nicht kommen, dann komm morgen."
(Fortsetzung folgt.)


