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7.7.1932 Erstes Blatt
 
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nr.157 Erster Blatt

182. Jahrgang

Donnerstag, 7. Juli 1932

GietzenerAiiMger

General-Anzeiger für Oberhessen

vn'ck und Verlag: vrühl'sche Univel^ttlir-Buch- und Steinöruderei R. Lange in Stehen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.

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Dr. Friedr. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Bietzen

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Landnöten.

Am Tage ter Ernennung Herriots zum Mi­nisterpräsidenten stand einwandfrei fest, daß sich die französische Delegation in Lausanne weniger von den Wünschen der hinter Herriot stehenden Parteien als i>er großen Rechtsopposition leiten lassen würde. Die Kräfteverhältnisse in der Kammer ließen daS klar erkennen. Tat­sächlich versuchte Herriot auch, möglichst weit­gesteckte Ziele zu erreichen, was ihm zunächst eine tteine Palastrevolution in seiner eigenen Partei eintrug. Man war hier unzufrieden mit dem Auf­treten des Ministerpräsidenten, man war vor allem verstimmt, weil er, der Mann der Linken, unausgesetzt nach rechts schielte und eine Reparationsrechnung aufmachte, die sich streng im Rahmen "es Versailler Vertrages hielt. Der Friede bei den Radikalsozialisten wurde aber wie­der hergestellt, er ist jedoch sehr rasch einer neuen Kampfesstimmung gegen Herriot gewichen, die diesmal nicht von der Lausanner Konferenz, son­dern von der Aufmachung des neuen französischenCtats ihren Ausgang nahm.

Herriot hat zur Ausbalanzierung des Haus­haltsplanes gewisse Sparmaßnahmen in Vor­schlag bringen müssen, denen er einige Reuein­nahmen an die Seite stellte, so daß e i n D e f i z i t von 4,5 Milliarden Franken zu decken war. 3n Goldmark umgerechnet ist das nicht all­zuviel, vor allen Dingen schon deswegen nicht, weil der größte Teil der französischen Staatsaus­gaben der Landesverteidigung zugute­kommt, die längst nach allen Richtungen Hinaus- gebaut ist, so dah eine Zusammenstreichung des Heeresetats tue Verteidigung keineswegs benach­teiligt hätte. Herriot hat sich aber nur zu einem Bruchteil an den Militär» und Marineetats her­angewagt, um es mit der Rechten nicht gänzlich zu verderben. Er hat dafür vor allem eineKür- zung der Personalausgaben in Vor­schlag gebracht und nun wieder seine eigenen Parteifreunde und auch die Sozialisten in Har­nisch gebracht, die gemeinsam mit den Rechtspar­teien im Finanzausschuß die Deckangsvorlage nach allen Regeln der Kunst in Grund und Boden kritisiert haben.

Während die Rechte an der Kürzung des Mili­tärbudgets Anstoß nahm, waren es vornehmlich die Sozialisten, die sich als Fürsprecher der klei­nen und mittleren Beamten aufwarfen und eine etwaige Senkung der Deamtengehälter als un­erträglich hinstellten. So bildete sich plötzlich eine starke Opposition gegen Herriot heraus, die ihm erhebliche Kopfschmerzen bereitete und ihn auch veranlaßte, immer wieder den Schnellzug nach Paris zu besteigen, um hier nicht nur über den Stand der Lausanner Arbeiten Bericht zu erstat­tete, sondern vor allem auch seine Gefolg­schaft zusammenzuhalten. Wenn Her­riot jetzt in Lausanne noch einmal versucht, uns aus möglichst hohe Verpflichtungen festzulegen, so geschieht das in der Hauptsache aus Furcht vor dem innerpolitischen Kampf mit der Rechten, die, wenn es so weit ist, zum Sturm gegen Herriot Und die Radikalsozialisten weniger wegen der neuen Sparaktion, als wegen der Richterreichung der von Herriot gesteckten Ziele in Lausanne an­setzen wird.

3n der Geschichte desirischen Freiheits­kampfes hat ein neues Kapitel begonnen: das Londoner Kabinett ist vom Hnterhaus mit sehr weitgehenden Vollmachten ausgerüstet worden, um die widerspenstigen 3ren in die Knie zu zwingen. Damit haben die Engländer z u n ä ch st alle TrumpfeinihrerHan d vereinigt. Sie kön­nen gegen Irlaßd Sonderzölle b i s zu 100 Prozent verhängen, um die von der Dubliner Regierung verweigerten Leistungen in Höhe von fünf Millionen Pfund Sterling jährlich sicher zu stellen. Es ist zwar im Hnterhaus der Versuch gemacht worden, die Vollmachten der Regierung etwas einzuschränken und dann dem Konflikt einige Schärfen zu nehmen. Aber die überwiegende Mehrheit wollte davon nichts wissen. Don Lon­don aus können also jetzt jederzeit die Sonderzölle verhängt werden, die ausschließlich den irischen Landwirt treffen, dessen Absatzgebiet zu 90 Pro­zent im englischen Teil der britischen Inseln liegt. Dabei steht noch keineswegs fest, was auf der Reichskonferenz in Ottawa gegen die aufsässigen Iren beschlossen wird. Die Gefahr droht, daß Irland überhaupt zollpolitisch a l s Ausland erllärtwird und damit alle Ver­günstigungen verliert, die sich die Teilnehmer die­ser Konferenz gegenseitig zugestehen. Auch dann würde wieder der irische Bauer getroffen wer­den, der das Hauptkontingent der ^folgschaft De- valeras stellt. Man rechnet in London so, daß der Druck auf die irische Landbevölkerung eine Sinnesänderung und einen Sturz Devale- ras im Gefolge hat.

' Derartige Vermutungen kann man aber nur he- _ gen, wenn man aus der Veränderung des Ge­setzes über die Treueidfrage, die diese Vorlage im Senat erfahren hat, Rückschlüsse auf einen stei­genden Widerstand gegen Devaleras Politik zieht. Vorläufig sieht es aber durchaus nicht so aus, als ob der Irenführer wirklich an Gefolgschaft ver­liert. Noch ist er der Held der irischen Frei­heitsbewegung, die er mit allen Mitteln vor­wärts treibt. Er will den Treueid abschaffen, er hat die England zu leistenden Abgaben nicht wei- ter gezahlt, wenn sie auch in Dublin den Eng­ländern auf Sperrkonto vorläufig gutgeschrieben tvorden sind. Dazu hat er sich aber nur veran­laßt gesehen, weil noch fein Vorschlag nach schiedsgerichtlicher Beilegung des trisch-cnglischen Konflikts schwebt. Halb unb halb ist er jeooch schon abgelehnt: die Engländer wol- en nur ein mit englischen Juristen besetztes Ge-

Herriot will sich heute entscheiden.

Vollsitzung der Konferenz nicht vor Freitag.

Neue deutsch-französische Verhandlungen.

Noch kein Er cbnis.

Lausanne, 7. Juli. (IDID. Funkspruch.) Die gestern abend unterbrochenen Verhandlungen haben heute früh wieder begonnen. Reichskanz­ler v. Popen in Begleitung von Staatssekretär v. Bülow und Ministerialdirektor Dr. Gaus, die auch gestern abend an den Verhandlungen teil­nahmen, sind um 10 Uhr bei herriot im P a- lace Hotel eingetroffen. An den Verhand­lungen nimmt diesmal Macdonald nicht teil, hauptsächlich wohl deshalb, weil sich sein Befinden seit gestern abend noch nicht gebessert hat und er sich schonen muß. Auf französifcher Seite ist jedoch, wie wir erfahren. Kriegsminister Paul- Boncour hinzugezogen worden, was die Version unterstützt, daß es sich jetzt hauptsächlich noch um die politischen Fragen handele, während in der Ziffernfrage weniger große Schwierigkeiten be­stehen.

Die Lormittagsbesprechung zwischen v. Papen und herriot dauerte bis 12 Uhr mittags. Ein Er­folg ist n o ch nicht erzielt. Die Besprechungen gehen nachmittags weiter. Beim Verlassen der Sitzung gab herriot auf Befragen die Aus­kunft, man befinde sich in einem Dickicht von Texten. Der allgemeine Eindruck ist etwas hoffnungsvoller.

Warum die Nachtsitzuug vorzeitig abgebrochen wurde.

Lausanne, 6. Juli. (WTB.) lieber den Verlauf der Abendsitzung erfährt man noch, oaß Herriot sich unverändert sowohl auf eine Ziffer von 4 Milliarden wie auf die Ablehnung der natürlichen politischen Konsequenzen durch­aus versteift hat. Unter dem Druck, der von allen Seiten auf ihn ausgeübt wurde, erklärte er schließlich, er habe s o viele Papiere jetzt in der Hand, daß ec sie zunächst zusammen mit seiner Delegation prüfen und überlegen müsse. Außerdem fühle er sich völlig er­schöpft und bat um Abbruch der Verhand­lungen für heute. Auch Macdonald klagte schon vor Beginn der Abendsitzung über hef­tige Kopfschmerzen, so dah für ihre kurze Dauer neben den materiellen auch persönliche Gründe zweifellos mitsprachen.

Das einzige Ergebnis der gesamten Verhand­lungen am Mittwoch liegt allein darin, daß her­riot sich eine neue Prüfung der verschiedenen Vorschläge vorbehalten hat und am Donnerstag seine endgültige Stellungnahme be­kanntgeben will. In der Nachtsitzung hat sich zum ersten Mal eine vollständige lieber- e'inftimmung der fünf Mächte gegen­über dem französischen Standpunkt ergeben, wo­durch praktisch eine Isolierung der Fran­zosen zu verzeichnen ist. Die feste Haltung der deutschen Abordnung hat wesentlich dazu beige-- tragen, daß diese weitgehende Uebereinftimmung zwischen den Vertretern Englands, Italiens, Bel­giens und Japans im Sinne des deutschen Stand­punktes zutagegetreten ist.

Eine neue Zusammenkunft zwischen Herrn v. Papen und herriot ist für mor­gen früh vorgesehen. Es verlautet, daß diese Zu­sammenkunft entscheidend sein dürfte. Jedoch fürch­tet man in englischen Kreisen, daß der Tag mit Zusammenkünften und Verhandlungen völlig aus-

gefüllt sein wird, so daß eine Entscheidung nicht vor dem späten Abend erwartet werden dürfte. Es heißt, daß eine Vollsitzung der Konferenz nicht vor Freitag stattfinden kann.

Wenn die Knegsschuldlüge füllt.

London, 7. Juli. (ERB. Funkspruch.) In einem Leitartikel über die Lausanner Verhandlun­gen sagtT i m e s" u. a der R e i ch s k a n z l e r werde nach seiner Rückkehr aus Lausanne erklären können, daß die Regelung der Reparationsfragck den Teil des Versailler Vertrages, der Deutschland und seinen Alliierten die Ver­antwortlichkeit für die der Zivilbevölkerung

WER. Darmstadt, 6. Juli. Innenminister Leuschner erklärte den Korrespondenten der Rach- richtenbureaus:In der vergangenen Woche sind durch eine Anzahl von Tageszeitungen Rach- richten gegangen, wonach das Land Hessen sei­nen Zahlungsverpflichtungen ge­genüber seinen Gemeinden und Ge­meindeverbänden seit Monaten nicht nachkomme, der Stadt Friedberg schulde der Staat 5060 000 Mark und die Stadt sei hierdurch angeblich zur alsbaldigen Einstel­lung ihrer gesamten Wohlfahrts­pflege gezwungen. Diese Rachrichten sind durch­aus unzutreffend. Von vornherein muh es als ausgeschlossen gelten, dah es in der Stadt Friedberg zu einer Einstellung der Zah­lungen für die Wohlfahrtspflege kommt. Die finanzielle Lage der Stadt ist durchaus ge­sund und, selbst wenn die Stadt aus eigenen Mitteln ihre Wohlfahrtsausgaben nicht mehr bestreiten könnte, würde der Staat selbstverständ­lich auch der Stadt Friedberg aus Reichs­oder L a n d e s m i t te ln oder dem Aus- gl e i ch s st o ck die notwendigen Mittel, und zwar rechtzeitig zur Verfügung stellen, wie er dies für eine ganze Reihe wirklich notleidender Ge­meinden schon seit langem tun muh. Die Be­hauptung, der Staat sei der Stadt Friedberg gegenüber noch mit 50-60 000 Mark im Rück­stände, kann bei genauer Prüfung nicht aufrecht­erhalten werden.

Es ist der Oeffentlichkeit leider unbekannt, daß d a s R e i ch bei der Ueberweisung der den Ländern und ihren Gemeinden zukommenden Reichs- steuern seit Oktober v.J. diese Beträge den Län­dern nicht mehr in voller Höhe auszahlt, sondern alle ihmvonGemeinden geschulde­ten rückständigen Anteile an der Krisen­fürsorge vorweg a b z i e h t. Seit 29. Oktober v.J. sind auf diese Weise insgesamt dem Lande Hessen 2 985 129 Mark (von im ganzen 8 660 964 Mark) also über ein Drittel der den Gemeinden zu­kommenden Ueberweisungen einbehalten wor­den. Hiervon konnten bisher den mit Krisenanteilen rückständigen Gemeinden 858 321 Mark auf ihnen zustehende Steueranteile und sonstige Forderungen aufgerechnet werden, für 2 126 808 Mark war dies bisher noch nicht möglich. Der gegenwärtige Zu­stand ist darum tatsächlich so, daß vom Reich buch­mäßig überwiesene 2 126 808 Mark an die Ge­meinden nicht ausgeschüttet werden können, weil sie vom Reich dem Lande Hessen kassen­mäßig nicht überwiesen worden sind. Wenn

im Kriege zugefügten Schäden auf erlege, w einem Anachronismus mache, und da diese Klausel gleichzeitig ein Beschwerdepunkt der Htt- lerpartei gegenüber dem Auslande und eine 11 r- sache des Erfolges dieser Partei im Innern ge­wesen sei, mühte die Stellung des Reichs­kanzlers gestärkt werden, wenn diese Klau­sel in Zukunft als ungültig zu betrach­ten sei. Auf jeden Fall würde es ein Unglück für Europa fein, wenn die Männer, die sich in Lausanne um eine Vereinbarung bemüht hätten, von der öffentlichen Meinung ihrer Länder wegen der Rolle verurteilt werden, die sie beim Zu­standekommen einer im allgemeinen Interesse lie­genden Vereinbarung spielten.

weiter Forderungen der Gemeinden gegenüber dem Staate in gewissem Ausmaße bisher auch nicht be­glichen werden konnten, so kommt dies daher, daß zahlreiche Gemeinden, wie durch eingehende Er­hebungen klargestellt worden ist, gewiß veranlaßt

Werner wieder Landtagspräsideni in Hessen.

Darmstadt, 7. Juli. (IU. Drahtmeldung.) Am Donnerstag trat der neugewählte heffische Landtag zu seiner ersten konstituierenden Sitzung zusammen. Die Sitzung verlief ohne jede Sensation. Zum Präsidenten wurde der nationalsozialisti­sche Abgeordnete Professor Dr. Werner mit 45 gegen 25 Stimmen gewählt.

durch ihre Finanznot, dem Staate zusam­men noch Millionenbeträge schulden. Diese Beträge fehlen dann selbstverständlich dem Staate zur Begleichung seiner Verpflichtungen gegenüber den Gemeinden.

Es bleibt darum nur übrig, die verfügbaren be­schränkten Barmittel auf die bestehenden Ansprüche der Gemeinden unter ge­nauester Abwägung aller Verhältnisse auszuzah­len. Insonderheit wird darauf geachtet, daß in allen Gemeinden d i e für dieWohlfahrts- pflege erforderlichen Mittel zur Ver­fügung stehen. Dieses Verfahren setzt aber voraus, daß jede Gemeinde unter Würdigung der nun ein­mal bestehenden Verhältnisse an der allge­meinen Rot mitträgt, und so lange die­ses Mittragen nur darin besteht, daß einzelne Be­träge langsamer als in Rormalzeiten der Ge­meinde zufliehen, muh es für eine solche Gemeinde noch als ein großer Vorzug betrachtet werden. ' In diesen Rotzeiten müssen diejenigen Gemein­den. die durch die Gunst der Umstände von der Rot der Erwerbslosigkeit weniger hart betroffen sind, dazu beitragen, daß die besonders schwer getroffenen Gemeinden, die teilweise schon jahre­lang bitter zu kämpfen haben, entlastet werden. Zum Schluß forderte der Minister alle beteilig­ten Bürgermeister, Stadt- und Gemeinderäte auf, nicht die Rerven Hu verlieren, sondern die schwie­rigen Verhältnisse zu meistern.

Kommt Hessen seinen ZMunWerpsWiuigen gegenüber den Gemeinden nach ?

«ine Erklärung des Innenministers Leuschner.

richt zulassen, Devalera verlangt aber ein inter­nationales Gremium. So liegen zurzeit die Dinge .für Irland gewiß nicht erfreulich, aber auch für die Engländer gerade nicht sonderlich ange­nehm. Sie geben sich zwar den Anschein, als ob sie sich über Irland nicht allzu sehr aufzuregen brauchten. In Wirllichkeit ist ihnen das Reu- aufflammen des alten, nun schon Jahrhunderte währenden Streites mit der Bevölkerung der grü­nen Insel recht peinlich, weih doch kein Mensch, ob nicht im Zuge des kommenden Wirtschafts­krieges die Iren zu Verzweiflungsakten über- gehen. Für den Außenstehenden ist es allerdings etwas rätselhaft, warum die Engländer die Iren so heftig in die Zange nehmen. Da sie im Besitz sämtlicher Machtmittel sind, Irland ihnen als Be­sitz niemals verloren gehen kann, hätten sie sich die Zuspitzung der Gegensätze durch einige Zu­geständnisse ersparen können. Aber schließlich müssen die sonst doch nicht ungeschickten Englän­der selbst wissen, warum sie energisches Auf­trumpfen einer gewissen Nachgiebigkeit und Ge­schmeidigkeit vorziehen.

In einer späteren Zeit werden die Geschichts­schreiber die grobe Weltwirtschaftskrisis der Ge­genwart als die Krisis des Heber fluf * ses bezeichnen und die Ansicht für falsch er­klären, daß die Menschheit nur dann Hunger zu leiden habe, wenn eine Aufeinanderfolge von Mißernten die Vorräte erschöpft. Die Mensch­heit leidet Hunger während zugleich die Welt an Heberfluh erstickt. Die Zollmauern sind keine Schutzmauern mehr, sondern Hungermauern, und

sie können nicht niedergerissen werden, solange nicht das Geld, das in dem einen Teil der Welt für die höchsten Zinsen nicht zu haben ist, in an­deren Teilen aber nur 1 bis 1,5 Prozent im Jahre bringt, gleichmäßiger in einen Hmlauf ge­setzt wird, der möglichst alle Staaten von seiner blutbildenden Kraft profitieren läßt.

Ganz besonders kraß liegen die Verhältnisse auf dem Gebiet der Bekleidungsroh­stoffe, wo schon seit Jahren jede Ernte eine neue Rekordernte darstellt, der Verbrauch aber ständig sinkt. Die gesamte amerikanische Baum­wollernte des vergangenen Jahres ist noch unverkauft, sie lagert in Ballen verpackt in den Freihäfen, und schon sind die Farmer mit der neuen Ernte beschäftigt. Wartete man früher mit Spannung auf die Ernteschähungen, so fürchtet man sie jetzt, weil sie einen neuen Preissturz auch dann im Gefolge haben müssen, wenn die Schätzungen geringer lauten, als im Vorjahre. Denn das, was der Farmer erntet, vergrößert die nicht absehbaren Vorräte und drückt den Preis, der heute nur noch fünf amerikanische Cents, also 20 Pfennige für das englische Pfund von 400 Gramm an der Börse beträgt. Es ist verständlich, wenn der Farmer nur noch verächt­lich von seiner Rickelbaumwolle spricht, denn Gold ist nicht mehr daran zu verdienen.

Auf den Wo ll Märkten liegen die Dinge ebenso. Die Schafzucht in Australien, Reusud- wales, Südafrika und Südamerika, hat einen Hmfang erreicht, der es selbst bei einigermaßen normalen Absahverhältnissen schwer machen würde die Erträge der Schuren zu verkaufen. Denn bei Wolle kommt hinzu, dah für die mensch­

liche Bekleidung längst nicht mehr in dem Mähe Wolle verwandt wird wie früher. Das Evange­lium der Wolle des Erfinders des Iägerhemdes hat keine Gläubigen gefunden. Auf der letzten Londoner Wollauktion wurde der billigste Wollpreis seit hundert Jahren er­reich t.

Seide ist Luxusware und wird daher bei notwendig werdender Kürzung des Bekleidungs- etats zuerst gestrichen. Untere Damen verzichten Heuer auf den mattglänzenden schmiegsamen Ef­fekt des Seidenstoffes und fühlen sich elegant in geblümtem Kattun. Die Mode hat die Seide entthront und infolgedessen sitzen die Züchter und Händler auf ihren Vorräten fest. Der Preis für ein Kilo Seide betrug noch vor drei Jahren 45 Mark, heute fällt es schwer, für 12 Mark einen Interessenten zu finden. Vor einigen Wochen noch kauften amerikanische Firmen in Japan 6,5 Millionen Kilogramm Seide, die die japanische Regierung zur Stützung des Marktes aufgekauft hatte. Die Amerikaner muhten das Geschäft rück­gängig machen, weil es unmöglich war, die Ware zu verkaufen.

Wer fragt heute noch nach Leinen und denkt dabei an die Rot der Flachsbguern? In Deutsch­land wird für Verbesserung der Flachsbauten eine Sonderprämie bezahlt, es wird erstrebt, eine Faser zu züchten, die auf Daumwollstühlen ver­arbeitet werden kann. Rur dann^e es mög­lich, den deutschen Flachsbau rentabel zu gestalten und sich gegenüber der russischen Konkurrenz, die Europa mit Flachs zu den billigsten Preisen überschwemmt, zu behaupten.