Lockerung
-er Wohnungszwangswirtschast.
Das Hessische Gesamtministerium hat in einer Dritten Verordnung über die Lockerung der Wohnungszwangswirtschast vom 14. März 1932 folgendes bestimmt:
A. wohnungsmangelgeseh.
Artikel 1.
Die Vorschriften des Wohnungsrnangel- g e s e h e s finden keine Anwendung:
1. auf Wohnungen, deren Friedensmiete beträgt:
a) 600 Mark und mehr in den Orten der Ortsklasse A derReichsbesoldungsordnung,
b) 500 Mark und mehr in den Orten der Ortsklasse B der Reichsbesoldungsordnung,
c) 300 Mark und mehr in den Orten der Ortsklassen C und D der Reichsbesoldungsordnung;
•2. auf gewerbliche Räume jeglicher Art;
8. bei Teilung einer Wohnung und bei Ausbau von Gewerberäumen (§§ 33a, 33b des Gesetzes über Mieterschutz uru> Mieteinigungsämter);
4. auf Räume in Gebäuden, die gemeinnützigen Wohnungsunternehmen gehören, sowie Räume, die zur Unterbringung von Angehörigen eines Betriebs von dem Inhaber eines Betriebs errichtet oder vor dem l.Iuli 1918 zu Eigentum erworben oder gemietet sind.
Artikel 2.
Die Artikel 16 und 17 der hessischen Wohnungsmangelverordnung vom 1. Oktober 1924 werden aufgehoben.
B. Gesetz über Mieterschutz und Mieteinigungsämler.
Artikel 3.
I. Die Vorschriften des Gesetzes über Mieterschutz und Mieteinigungsämter gelten nicht für:
1. Wohnungen, deren Friedensmiete beträgt:
a) 1200 Mark und mehr in den Orten der Ortsklasse A der Reichsbesoldungsordnung,
b) 900 Mark und mehr in den Orten der Ortsklasse B der Reichsbesoldungsordnung,
c) 600 Mark und mehr in den Orten der Ortsklasse C der Reichsbesoldungsordnung,
d) 400 Mark und mehr in den Orten der Ortsklasse D derReichsbesoldungsordnung;
2. Geschäftsräume; doch bleiben Geschäftsräume, die Teile einer Wohnung bilden, oder wegen ihres wirtschaftlichen Zusammenhanges mit Wohnräumen zugleich mit solchen vermietet sind, den Vorschriften des unter B genannten Gesetzes unterworfen, wenn die Friedensmiete für die Wohn- und Geschäftsräume zusammen hinter den in Ziffer 1 bezeichneten Grenzen zurückbleibt.
II. Für die in Absatz I bezeichneten Mietverhältnisse bleiben die Vorschriften des § 52e des Gesetzes über Mieterschutz und Mieteinigungsämter oufrechterhalten.
Artikel 4.
l. Die Vorschriften der §§ 1 bis 36 des Gesetzes über Mieterschutz und Mieteinigungsämter gelten nicht:
1. für Reubauten oder durch Llrn- oder Einbauten neu geschaffene Räume, und zwar auch dann nicht, wenn sie mit Zuschüssen aus öffentlichen Mitteln erstellt sind;
2. bei Teilung einer Wohnung oder bei Ausbau von Gewerberäumen;
3. für Llntermietverhältnisse und ähnliche Rechtsverhältnisse. Die Erlaubnis des Der- raieters zur Weiterüberlassung der Mieträume kann nicht durch das Mieteinigungsamt ersetzt werden.
II. Eine Prüfung der Aufrechnungsbefugnis des Mieters durch eine besondere Stelle findet nicht mehr statt. Der § 52e Absatz 1 Rr.2 gilt auch für die noch unter Mieterschutz stehenden Mietverhältnisse.
C. Relchsmielengeseh.
Artikel 5.
Die Vorschriften des Reichsmietengesetzes finden keine Anwendung:
1. auf die in Artikel 3 Absatz I Ziffer 1 bezeichneten Wohnungen,
2. auf Geschäftsräume; doch bleiben Geschäftsräume, die Teile einer Wohnung bilden oder wegen ihres wirtschaftlichen Zusammenhanges mit Wohnräumen zugleich mit solchen vermietet sind, den Vorschriften des Reichsmietenge- sehes unterworfen, wenn die Friedensmiete für die Wohn- und Geschäftsräume zusammen hinter den in Artikel 3 Absatz I Ziffer 1 bezeichneten Grenzen zurückbleibt,
3. auf Reubauten oder durch Lim- und Einbauten neu geschaffene Räume, wenn sie nach dem 1. Juli 1918 bezugsfertig geworden sind oder künftig bezugsfertig werden,
4. bei Teilung einer Wohnung und bei Ausbau von Gewerberäumen.
Artikel 6.
Die Artikel 1 und 4 Msatz II treten mit Wirkung vom 1. Januar 1932, die Artikel 2, 3 und 4 Absatz 1, sowie Artikel 5 mit Wirkung vom 1. April 1932 in Kraft.
Artikel 7.
Die Zweite Verordnung über die Lockerung der Wohnungszwangswirtschast vom 14. Januar 1931 tritt hinsichtlich der Artikel 1 A und Artikel 3 mit Wirkung vom 1. Januar 1932, im übrigen am 1. April 1932 außer Kraft.
SJi.-’fpott
Spiele desZugendopfertages.
Die Gaumonnschafi verliert in Marburg.
Die Elf von Gießen und Wetzlar trat in etwas anderer, als ursprünglich vorgesehener Aufstellung den Marburger Germanen gegenüber. Schmidt hatte abgesagt und man mußte sich zu Umgruppierungen entschließen. (Die Aufstellung lautete nun: Balser; Benner, Benner; Leutheuser, Lippert, Henrich; Haupt Arnold, Wohlgemuth, Wilhelmi, Heilmann.) Die Mannschaft fand sich überraschend schnell zusammen. Das Tor der Gastgeber wurde von Anbeginn an schwer bedrängt, die Gießener trugen einen Angriff nach dem anderen vor das gegnerische Tor, und die Marburger Verteidigung hatte alle Hände voll zu tun. Die Germanen spielten etwas zerfahren, brachten im Sturm überhaupt nichts Richtiges vor sich und mußten sich auf wenige Durchbrüche beschränken. In der 15. Minute lagen die Gäste wieder vor dem Tor; Wohlgemuth schoß, der Tormann ver- mochte aber abzuwehren, im Nachschub sandte jedoch Heilmann entschlossen und unhaltbar ein. Bald darauf, bei einem Durchbruch der Marburger leistete sich' einer der Wetzlarer Verteidiger ein Foul im Strafraum, und der gegebene Elfmeterball wurde verwandelt (1:1). Im weiteren Verlauf des Spieles gelang es Heilmann, auf eine Vorlage von Haupt zum zweitenmal einzusenden. Schon während der ersten Spielhälfte wurden viele Torchancen nicht ausgenützt. Das Treffen konnte zur Pause sehr leicht schon 5:1 stehen. Nach dem Wiederanstoß verschoß Heilmann einen Elsmeterball, der dem Tormann gerade in die Hände ging. In der Folge kamen die Marburger auf, sie fanden sich besser, wurden auch aggressiver während die Gießen-Wetzlarer Verteidigung leichtfertiger wurde. Aus dem Gedränge heraus fiel für die Gastgeber der Ausgleich. Das Spiel ging nun ausgeglichener auf und ab, obwohl eine kleine Feldüberlegenheit der Gießener auch jetzt noch unverkennbar war, die Stürmer brachten aber nichts Rechtes mehr vor das Tor, und wenn einmal auf das Tor geschossen rourbe^ so ging der Ball immer darüber oder daneben. Wilhelmi, wie auch Arnold vergaben sichere Chancen. Den Germanen war es dagegen vergönnt, zwei weitere Erfolge zu buchen, die für sie den Sieg bedeuteten.
Die Gießen-Wetzlarer Mannschaft befriedigte im Grunde sehr. Die Läuferreihe arbeitete ausgezeichnet. Lippert war auf dem Posten des Mittelläufers recht tüchtig. Im Sturm gefiel vor allem Heilmann durch seine klare Arbeit, Haupt wie immer gut, Wohlgemuth (Wetzlar) als Sturmführer nicht schlecht. Balser befriedigte auch. Das Spiel wurde fair aus- getragen.
AL. Teutonia I — Garbenteich-Steinbach (komb.) 9:3.
Der Llugendvpfertag des WSV. brachte in Watzenborn-Steinberg eine spannende Begegnung. Gemeinsam marschierten die 1. Mannschaft von Watzenborn-Steinberg mit der Gastmannschaft Garbenteich-Steinbach (kombiniert) zum Sportplatz. Biele Zuschauer hatten sich eingefunden. Sie erlebten keine Enttäuschung. Es entspann sich ein rassiger Kampf. Die Watzenborn-Steinberger lieferten eines ihrer besten
Spiele. Das Spiel begann mit einem flotten Angriff der Gäste. Die Teutonen fanden sich sehr schnell, arbeiteten eine leichte Feldüberlegenheit heraus und erzielten bereits in der 3. Minute den Führungstreffer. Bald erhöhte der Halbrechte auf 2:0. Die Teutonen blieben durch ihr flaches Kombinationsspiel stets tonangebend. Der Sturm erwies sich als sehr durchschlagskräftig. Die Gäste versuchten es daraufhin mit weitmaschigem Flügelspiel, die gegnerische Hintermannschaft stoppte aber die Angriffe immer wieder ab. Zur Pause lautete das Ergebnis 4:1 für die Teutonen. Rach der Pause wurde das an sich schon rasche Tempo weiter verschärft, der Mittelstürmer der Platzmannschaft zeigte wahre Kabinettstückchen. Die Läuferreihe unterstützte ihren Sturm (bei der mit aller Energie geführten Zerstörungsarbeit der kombinierten Mannschaft) mit prächtigen Vorlagen. Während die Teutonen nach der Pause noch fünfmal erfolgreich waren, muhte sich die Gastmannschaft mit nur zwei weiteren Treffern bSgnügen. 9:3 für Wahenborn- Steinbera endete der vom Publikum sehr beifällig oufgenommene Kampf. Der Schiedsrichter Roll amtierte zu aller Zufriedenheit.
Wieseck I — Heuchelheim I 4:3.
Zum Lkugendopferspiel trafen sich die beiden genannten Mannschaften in Wieseck. Die Gäste erschienen in kompletter Aufstellung, die Platzmannschaft probierte einige junge Kräfte aus. Bei Halbzeit führte Heuchelheim mit 2: 3 Toren. Rach der Pause waren meist die Gastgeber in Front, holten auf und entschieden das Spiel mit 4: 3 Toren für sich.
Gau-Krühjahrswaldlauf in Erda.
wihmarer Turner belegen die ersten Platze.
Der Turnverein „Gut Heil" Wißmar hatte bei dem diesjährigen Gau-Frühjahrs-Waldlaus des Lahn- Dünsberg-Gaues einen besonders großen Erfolg zu verzeichnen. Unter stärkster Konkurrenz errangen in der 3-km-Klasse die Turner Willy B e st, Albin Todt und Willy Becker in der gleichen Reihenfolge die ersten drei Plätze. Außerdem erhielt der Verein den 1. Preis im Mannschaftslauf zugesprochen. In der 2!<m-Klasse belegte W. Todt den 10. Platz.
Arbeiter-Turn- und Sportbund
Lollar I — Gießen I 5:1.
Eine Ueberraschung mußte sich die Kreisklassenelf von Gießen in Lollar gefallen lassen. Wenn sie auch mit Ersatz zu diesem Spiel antrat, hatte man doch mit einem knappen Siege gerechnet. Daß es anders gekommen ist, beweist, obwohl Lollar auf eigenem Platze immer ein gefährlicher Gegner ist, daß die vorgenommene Umstellung sich gut bewährt hat. Wohl gab Gießen alles her, mutzte sich aber doch unverdient geschlagen bekennen. — Das Spiel der 2. Mannschaften war ausgeglichener und endete unentschieden 3:3. — Lollar (Schüler) gegen Gießen (Schüler) 0:2.
Heuchelheim I — Großen-Linden I 14:0.
Großen-Linden war zu einem Freundschaftsspiel in Heuchelheim zu Gast. Die Platzbesitzer waren den
Gästen während des ganzen Spiels überlegen. Nur durch übergroßen Eifer hielt Großen-Linden das Spiel einigermaßen offen, konnte aber nicht verhindern, daß Heuchelheim bei Halbzeit mit 7:0 Toren führte und sich gum Schluß eine zweistellige Niederlage ergab.
Die 2. Mannschaften beider Vereine trennten sich nach schönem Spiel mit 3:1 Toren für Heuchelheim. — Im Spiel der Jugendmannschaften konnte Grohen-Linden mit 1:0 Toren Sieger werden.
Klein-Linden I — Mendorf I 1:4.
In Klein-Linden war der Bezirksmeister Allen» darf (Lahn) I zu einem Freundschaftsspiel zu Gast. Was die Gäste an Technik voraus hatten, glich Klein- Linden durch großen Eifer aus. Allmählich wurde jedoch Allendorf merklich überlegen und konnte die Platzbesitzer mit 4:1 Toren schlagen.
Ober-Mörlen I — Wieseck II 1:2.
Die Platzbesitzer gingen mächtig aus sich heraus. Doch die Wiesecker waren auf der Hut. Das Spiel wurde dann ausgeglichener^ und beide Hüter mußten öfter ihr Können unter Beweis stellen. Schließlich gelang es den Gästen, infolge der technisch besseren Spielweise verdienter Sieger zu werden. — Vorher standen sich Ober-Mörlen II und Wieseck 2. Jugend gegenüber. Hier konnten die Platzbesitzer knapp mit 4:3 Toren Sieger werden.
Kinzenbach I — Launsbach I 5:0.
Launsbach war zu einem Freundschaftsspiel in Kinzenbach zu Gast. Die Platzbesitzer waren ihren Gästen technisch überlegen und konnten nach flottem Spiele mit 5:0 Toren Sieger werden.
Saasen I — Grünberg I 3:6.
Ein spannendes Spiel! Saasen lag zuerst im Angriff, konnte aber nichts erreichen. Durch einen Elfmeterball übernahm Grünberg die Führung. Saasen glich ebenfalls durch Elfmeter wieder aus. Bei Halbzeit lag Grünberg mit 2:3 Toren in Führung. Nach dem Wechsel wurden die Gäste überlegen und konnten mit 3:6 Toren als Sieger das Feld verlassen.
hausen I — Grüningen I 2:5.
Grüningen bereitete in Hausen eine Ueberraschung. Die Gäste waren immer etwas überlegen und konnten durch ihr eifriges Spiel Sieger werden. — Im Spiel der 2. Mannschaften wurde Hausen mit 6:1 Toren Sieger.
Handball.
Gambach I — Wieseck I 7:3.
Mit nur sieben Spielern lieferte Wieseck den Gastgebern ein ansprechendes Spiel. Die zahlenmäßige Ueberlegenheit der Platzbesitzer fand entsprechenden Ausdruck.
Gießen I — Krofdorf I 4:4.
Auf dem Trieb standen sich der Bezirksmeister Krofdorf I und Gießen I im Freundschaftsspiel gegenüber. In einem gleichmäßig verteilten Spiele gelang es Gießen, in Führung zu gehen, jedoch stellte Krof- darf bis Halbzeit den Ausgleich wieder her. Nach dem Seitenwechsel sah man weiter flottes, ausgeglichenes Spiel. Beiden Parteien gelang es noch, je dreimal erfolgreich zu sein.
Oer Gängertag
-es Deutschen Sängerbundes.
WSR. Mainz, 5. April. Der 2 6. ordentliche Sängertag des Deutschen Sängerbundes wurde am Sonntagnachmittag im Rheingoldsaal der Stadthalle unter Vorsitz des Geheimrats Dr. Hammerschmidt, München, eröffnet. Der vom Gesamtausschuß des Deutschen Sängerbundes vorgelegte Bericht über seine Geschäftsführung in der Zeit vom 27. April 1930 bis 3. April 1932 wurde einstimmig genehmigt. Bundesschahmeister Bürgermeister i. R. Fr. Rot h, Leipzig, erstattete die Dundesrechnung. Die Einnahmen und Ausgaben belancieren in Höhe von 88 602 Mk. Der Reingewinn beträgt nominell 39 866 Mk. Hierauf wurde die vom Saar-Sängerbund angeregte Frage der Zugehörigkeit der Gaue Rhein-Rahe und Trier, denen vom Gesamtausschuh am 4. Oktober in Mainz die Auflage gemacht worden war, beim Rheinischen Sänger-
Dürers „Rosenkranzfest".
Schicksale eines berühmten Bildes.
Don Professor Or. Emil Waldmann, Direktor der Bremer Kunsthalle.
Als Dürer im Jahre 1506, 35jährig, zum zweiten Male in Venedig war, bekam er von der Kolonie der Deutschen dort, in deren Vorsitz Augsburger und Nürnberger Kaufleute saßen, den Auftrag, ein Altargemälde für die Kirche ihres neuen Kaufhauses am Rialto zu malen. Dürer war sehr froh über diesen Auftrag. Seine Landsleute wollten ihm HO rheinische Gulden dafür geben und Arbeit würde auch nicht allzuviel draufgehen, meinte er in einem seiner Briese. Er hat aber doch fünf Monate daran gearbeitet und dafür 200 Gulden sonstiger Arbeiten ausgeschla- gen. Dieses Altarbild „Das Rosenkranzfest", ein großes Madonnenbild in Breitformat, stellt die Szene dar, wo die Gottesmutter und das Chri- stuskind den Papst und den Kaiser mit Rosenkränzen schmücken im Beisein vieler Zuschauer, die ihrerseits von dem heiligen Domenikus und einer Schar von Engeln gekrönt werden. Sehr viel Bildnisse sind auf dem Gemälde. Der Papst ist Julius II.. den Raffael so oft gemalt hat, hier aber ohne Bart, sicher nach einer Schaumünze gezeichnet. Maximilian ist der deutsche Kaiser und unter den Zuschauern erscheinen viele Mitglieder der deutschen Kolonie. Auch sich selbst hat Dürer da gemalt, mit einer Inschrifttafel in den Händen, lateinisch: „Albrecht Dürer der Deutsche hat dieses in fünf Monaten ausgeführt."
Als das Gemälde öffentlich ausgestellt war. hatte es einen Riesenerfolg bei den venezianischen Kunstfreunden. Der Doge Lorenzo Lorendano kam und der Patriarch Domenico Gri- mani, beides leidenschaftliche Kunstsammler, unZ) auch der beste Maler Venedigs, der Ratsmaler Giovanni Bellini, ein uralter Mann, bewunderte das Werk höchlichst. „Lieblichere Farben" hätten sie nie gesehen, sagten die Venezianer, und das war im malerischen Venedig das höchste Lob.
Das Bild hat seitdem die mannigfachsten Schicksale erlebt. Aus der Kirche San Bartolommeo, der Begräbniskivche der Deutschen in Venedig, wo es sich zuletzt befand, wurde es um 1600 von dem deutschen Kaiser Rudols ll., dem großen Dürer- Sammler, erworben. Er schätzte es so hoch ein, daß er es nicht mit einem Lastwagen in seine Residenz Prag transportieren ließ, sondern befahl, daß es vier starke Männer auf ihren Schultern vonVenedig überdieAlpennach
P r ag tragen sollten, um es vor Beschädigungen bei einem Wagentransport zu schützen. Während des 30jährigen Krieges wurde das Bild vor dem Einfall der Sachfen in Prag im Jahre 1631 nach Wien in die Hofburg gebracht. Sehr eilig, so daß es schwere Beschädigungen erlitt und restauriert werden mußte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, war es auf bisher unausklärbare Weife in Besitz eines Oberpostdirektors Fillbaum gekommen. Der hat es im Jahre 1793 für 2 2 Du - katen, eine lächerliche Summe an das Prä- monstratenser-Stift Strahow in Prag auf dem Hradschin veräußert. Hier wurde es bald nach 1840 abermals restauriert und übermalt, wobei einige Hauptsachen, wie der Kopf der Madonna, schwer entstellt wurden. Eine noch aus dem 17. Jahrhundert stammende Kopie im Besitz des Wiener Museums, die offenbar sehr treu das Original wiedergab, zeigt, wieweit Dürers Stil von dem Restaurator des 19. Jahrhunderts verweichlicht wurde. Rach dem Weltkriege ist auch das Stift Strachow in Geldschwierigkeiten geraten und die Stiftsherren, die in Prag den Hauptsitz ihres Ordens haben, gehen mit der Absicht um. das Gemälde zu verkaufen, schon seit Jahren. Doch ist der Verkauf bisher am Geldmangel der deutschen Museen gescheitert. Jetzt liegt ein Angebot von einer Million Dol- I a r aus Amerika vor, und so wird dieses in seinen Ausmaßen größte und in seiner künstlerischen Bedeutung wertvollste Gemälde von Dürers Hand wohl über den Ozean wandern und vielleicht in der Galerie des amerikanischen Staatssekretärs Mellon, der die bedeutendsten Bilder aus Europa in den letzten Jahren überhaupt erworben hat, wieder auftauchen. Hoffentlich wird es dann von den entstellenden Äebermalungen befreit. Sollte der Verkauf zustande kommen, so hat das Stift Strahow, auch wenn man Zins und Zinseszins von 22 Dukaten seit 1793 berechnet, mit einer Million Dollar immer noch ein glänzendes Geschäft gemacht.
Autotour 1906.
Von Frank Arnau.
Cs war ein Sonntag im Mai. Die Reise begann damals meist damit, daß sie schwer anzufangen war; der Chauffeur kurbelte andauernd, w e heute der Kinooperateur, man stand um den Wagen gruppiert, jemand hatte eine viereckige Kamera, die den Vorteil besaß, daß man nicht einstellerv mußte, es gab wunderschöne, unscharfe Bilder, als würde heute ein alternder Star hinter Gaze
in Großaufnahmen geschont. Endlich ging der Motor an, die Leute waren erfreut Zuschauer erklärten sich rätselhafte Hebel, die Damen banden die Schleier fester, das schmucke Torneau wurde bestiegen, die Hupe blies, der Wagen ging los, blieb stehen; neues Kurbeln hob an, Leute lachten, man schnallte Brillen um. An diesem Maiensonntag winkten Radfahrer in rapider Fahrt, man sah nach den Gßtorben, und nahm sich gar fünfzig Kilometer vor, aber das war alles sehr unwirklich, ein Bekannter grüßte und schüttelte den Kopf, so fuhr man durch die Stadt. Cs war ein Ereignis.
Landstraßen kamen, an Kreuzungen wurden Erkundigungen bei Eingeborenen eingezogen, oft gab es keine, man wartete, Pferde scheuten, ein Fuhrmann knallte mit der Peitsche und fluchte heftig; namenlosen Stolz erzeugte der Staub. Bisweilen raste unser Wagen mit 45 Stundenkilometer, der Fahrer steuerte hart, und der Besitzer wies selig nach dem Tachometer, es war ein prima Automobil, ganz kurz vor der nächsten Stadt hielt es, wir dachten an die Rahrungsmittel, aber es war keine Absicht, der Motor war v8n allein stehen- geblieben. Es wurde geprüft und untersucht. Ei, die Zündung war es wohl, wir standen um die geöffnete Haube, schließlich ging es weiter, aber der Motor setzte aus, der Chauffeur erklärte den Mangel, die Batterie speiste die Abreißzündung nicht, er kannte sich auch nicht ganz aus. Alle Läden zu — bis auf einen Installateur, dort gab es Taschenlampenbatterien, vier Volt. Wir kauften das ganze Lager, über vierzig Stück, wir gingen zu Fuß und demaskiert. hin, nur keine Blamage! Aber wir vergaßen, Draht zu kaufen, Leitungsdraht, und als wir zurückkomen, war der Mann zur Kirche. So ging es ins Hotel. Ein Zimmer wurde gemietet, für Reiniaungs- zwecke — und dabei mußten die erreichbaren Klingelleitungen daran glauben. Außerhalb kam die Reparatur, schon wieder heimwärts, die Landstraße bog ab, am Waldesrand wurde das Picknick gemacht, der Chauffeur schaltete die vierzig Batterien aneinander, und dann ging es mit neuem Strom nach Hause. Aber der Motor verrußte die Kerzen, es hieß wieder anhalten, säubern, und dann brach der Arretierungszapfen der Andrehkurbel. Der Chauffeur war erfinderisch; nach kaum zwei Stunden kehrte er mit Wäscheleinen zurück, Bretter wurden gelöst, die dicke Kordel vorsichtig um das Schwungrad gewickelt — und mit vereinten Kräften zogen wir, losrennend, querfeldein, bis der Motor ansprang. Lind die Fahrt ging in den Abend. Große Lampen spendeten kleines Karbidlicht, dann gab es mehr
Wasser zur Gaserzeugung; nun brannten die Flammen, daß die Reflektorspiegel schwarz an- liefen; der Geruch schmorenden Metalls flog im Fahren auf. Kläffend lief ein Hund eine ganze Wegstrecke mit, und dann, außerhalb des Dorfes, wurde die Straße schmal und schmäler, endete auf einem Acker; alles mußte aussteigen, um das Kunststück des Rückwärtsfahrmanövers nicht zu gefährden. Rachts landeten wir vor der Villa. Die Dienerschaft eilte herbei, ein großes Fragen begann. Zufriedenheit über die geglückte Rückkehr spiegelten die Gesichter, Rachbarn meldeten sich, freundlich und doch, in ehrlicher Schadenfreude enttäuscht, etwas pikiert.
Die Damen machten Toilette, man rüstete nach großer Tour zu großem Abendessen.
Deutsche Sardellen.
Die Sardellen, die wir auf unserem Tisch finden und uns schmecken lassen, stammen zum größten Teil aus den Riederlanden, und zwar hauptsächlich aus der Zuider-See. Run wird aber durch die Trockenlegung und Abschließung der Zuider-See der Sardellenfang in Holland stark verringert, und daher ist es eine glückliche Aussicht, daß die kleinen heringsartigen Fische in neuester Zeit auch an der deutschen Rordsee- küste gefangen werden. Die Sardelle erscheint an den Küsten West-Europas, um hier zu laichen, und sucht zu diesem Zweck geschützte Gewässer auf, die aber einen großen Salzgehalt aufweisen müssen. Der Salzgehalt der Deutschen Bucht ist etwas zu klein, aber der in der unteren Cms scheint zu genügen, denn man hat dort, wie in der Frankfurter Wochenschrift „Die Llrnschau" mitgeteilt wird, seit 1925 größere Sardellenmengen festgestellt. Sie treten an der Ems» münbung alljährlich zu gleicher Zeit wie in der Zuider-See auf, und ungefähr ebensolange im Iadebusen. An der Emsmündung wurden bereits 1917 größere Fänge gemacht, aber man hat früher diesem wertvollen Fisch in Fischerkreisen zu wenig Interesse entgegengebracht. Im Iadebusen wurden 1930 gegen 80 Zentner Sardellen gefangen, und diese Beute dürfte sich 1931 auf 130 Zentner erhöht haben. Da offenbar Ems- und Iadebucht alle Voraussetzungen für das Gedeihen der Sardelle besitzen, so darf man annehmen, daß diese Fischchen in Zukunft an der Zuider-See, in der sie nicht mehr die genügenden Laichplätze finden, vorbeischwimmen und in großen Mengen nach den deutschen Gewässern kommen werden, so daß die Aussichten für einen beträchtlichen deutschen Sardellenfang nicht ungünstig erscheinen«


