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Nr. 79 Zweites Blatt
Eiebener Anzeiger (Generat-Anzetger für Gderhessen)
Dienstag, 5. April 1932
Hessens Slaalsvoranschlag für 1932 schuft r^aJ r ?; ja bctp kV n 4 s U v' Steuer von 0,5 und die indirekten Abgabe n ( I nomr»i nr> e nr..Ar^_Jj! $ r n Landtages die 1,1 Mill Mk. Die Anteile aus den Re
oben
steuer einen solchen von 1,2, die Gewerbe
malische Hnterhöhlung der französischen Herrschaft, auf einen bewaffneten Sturz der gegenwärtigen Herrscher, kurz auf die Vertreibung der Franzosen abzielte! Hunderte von Verschwörern wurden verhaftet, ganze Distrikte wurden entwaffnet, aber nur mit dem Erfolg, daß sich zeigte, wie weitverbreitet und wie wohlorganisiert die Kommunisten waren. Ihre Fäden reichten bis nach Birma und Holländis ch - Indien hinüber: ihre Anhänger waren selbst unter den einheimischen Beamten zu suchen, die jedenfalls z. T. von der Kolonialpresse der direkten Mitschuld bezichtigt wurden. Wenn sie auch nicht zu den Waffen gegriffen hatten, so hatten sie doch die Propaganda geduldet!
Für alle Einsichtigen war es also klar, dah hier Moskau seine Hand im Spiele hatte. Der Rachweis. daß das so war, fiel der Polizei, Wohl verstanden der französischen politischen Polizei, nicht schwer, denn es wurden kommunistische Druckschriften in so großen Mengen vorgefunden, dah man zunächst die Funde nicht einmal bekannt zu geben wagte. Dazu kam dann die Organisation,
allgemeine Aussprache über den Staatsvoran- chlag 1932 einleiten. Den Mitgliedern des Aus- schusses ist der Entwurf des Etats am Samstag zugegangen. Wir entnehmen der beigefügten Denkschrift de sFinanzministeriums o,e folgenden Angaben: Ziel des Voranschlags war, das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben wiederherzustellen. Er schließt für d e n 0 r d e n t l i ch e n H a u s h a l t in Einnahme und Ausgabe mit 108 542 555 Mark ab. Gegen-
ai9?r baden sich die Ausgabeziffern um 29,8 Millionen Mark vermindert. Das Jahr 1929, in dem die neue Befoldungsordnung sich erstmalig ?? 1 batte seine Abschlußziffer noch um
33,4 Mill. Mk. hoher, und das Jahr 1926 mit Öen alten Desoldungssähen weist ebenfalls noch einen mit 18,2 Mill. Mk. immer noch erheblich höheren Ausgabesatz auf.
Zu den starken Einsparungen hat neben der allgemeinen Tendenz, die Ausgaben des Staates zu senken, auch die Verminderung der Einnahmeseite den Anstoß gegeben. Auch die Staatseinnahmen sind von den Hnsicherheits- faktoren der Konjunkturschwankungen weitest gehend beeinflußt. Während das F 0 r st k 0 p i - tel im Jahre 1927 noch einen Heberschuß von 2.6, im Jahre 1930 noch einen von 2,3 Millionen lieferte, bringt bei den von 17,90 Mk. im Jahre 1927 auf 12,29 Mk. pro1 Festmeter gefallenen Holzpreisen der Waldbesih Hessens nur noch eine vorschlagsmähige Einnahme von 777 000 Mk. Hessen ist dabei immer noch günstiger daran als manche anderen Länder, deren Waldungen Zu- schuhbetriebe statt Einnahmequellen geworden sind. Ebenso sind die Einnahmen aus den Domänen und den Kameralgütern zurückgegangen. Dad-Rauheim, das im Vorjahre noch mit einer Ablieferung von 430 000 Mk. eingesetzt war, kann dieses Jahr ebenso wie die Weinbaudomäne nichts abliefern. Stark zurückgegangen sind auch die Einnahmen aus den Londes steuern. Zusammen mit dem zu erwartenden Rückgang aus der Wirtschaftslage bringt die gesetzlich angeordnete Herabsetzung der Sondergebäude st euer einen Ausfall von 5,4 Mill. Mk., die Grund - und Gebäude
steuer von 0,5 und die indirekten Abgaben von 1,1 Mill. Wk. Die Anteile aus den Reichs- steuerüberweisungen verminderten sich um rund 10 Millionen, d. i. nahezu ein Drittel des Ansatzes im letzten Voranschlagsjahr, trotzdem die Erhöhung der Hmsatzsteuer von 0,85 auf 2 Prozent darin berücksichtigt ist.
Aus dieser Situation ist es verständlich, daß neue Ausgaben in dem Etatsentwurf und eine Vermehrung des Personalbestandes ausgeschlossen waren. Die bereits im Vorjahre um 25 Prozent gesenkten sachlichen Ausgaben sind nach Möglichkeit entsprechend der allgemeinen Preis- und Lohnsenkung um weitere 10 Prozent gekürzt worden.
Der Hauptteil der Einsparungen entfällt aus die persön 1 ichen K 0 sten . die um 15,3 Mill. Mk. herabgesetzt wurden. Sie betragen jetzt nur noch 70,8 Mill. Mk. Aus dem Gebiete der Schulen sind 100 Stellen bei den Volksschulen und 60 bei den Fortbildungsschulen e i n g e s p a r t worden. Diese Maßnahme hat sich durch die freiwilligen Pensionierungen über 62 Jahre alter Lehrkräfte ohne Härte für die Junglehrerschast durchführen lassen. Beim höheren Schulwesen wurden Einsparungen durch weitere Zusammenlegung von Klassen und durch andere Organisation der Aufbauschulen erzielt. Die Gehälterder weiblichen Lehr- k r ä f t e sind entsprechend der Regelung in den meisten anderen Ländern um 10 Prozent herabgesetzt worden. Auch die ZuschüssefürHni- v e r s i t ä t und Technische Hochschule sind außerordentlich vermindert worden. Das Landes-
Sie rote Fahne über Französisch-Mochina
Kommunismus und Nationalismus unten den Annamiten.
Von unserem Pariser —Berichterstatter.
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Nachrichten über Unruhen in Französisch - Jndochina ist man in Frankreich gewohnt. Wenn da pb und zu einmal ein paar Fremdenlegionäre ihr Leben lassen mußten, ja, daß auch die französischen Bataillone eingesetzt werden mußten, weil es einige Aufstände Legeben hatte — das alles schien wenig beunruhigend. Schließlich waren diese Vorgänge alle mit der wirtschaftlichen R 0 t 1 age zu erklären und die Hauptsache war doch, daß die Behörden die Ruhe und Ordnung wieder Herstellen und dann aufrechterhalten konnten. Erst als mit- geteilt wurde, daß der Kolonialminister Rcy - raut) sich persönlich nach Jndochina begeben würde, begann man aufzuhorchen, — und nun, das läßt sich nicht länger verheimlichen, verfolgt man die Dinge dort unten mit aufrichtiger Sorge.
Warum mit einemmal diese Unruhe? Run, das laßt sich sehr einfach erklären: Die energischen polizeilichen Rachforschungen der Behörden haben em weitverzweigtes kommunistisches Komplott aufgedeckt, das auf syste-
t h e a t e r erhält nur noch den Betrag, der an Kosten dem Staate verbleiben würde, wenn das Theater geschlossen würde. Auf dem Gebiete der Justizverwaltung sind im Interesse der Gemeinden Amtsgerichte nicht aufgehoben worden, jedoch erfolgten Stelleneinsparungen. Die Gesamtzahl der höheren Justizbeamten ist in Hessen bereits geringer als in Friedenszeit. Eine Aufhebung von Kreisämtern erfolgte nicht. In sehr erheblichem Maße wurde bei den Ministerien eilige* spart, bei denen insbesondere bei den höheren und mittleren Beamten die Zahl der Stellen gegenüber dem Stellenplan nunmehr um 2 0 Pr 0 - z e n t vermindert worden ist.
Gießener Giadttheater.
March cn<?(Äast,Piel Erika Graf: „Hänsel und Grciel".
Hm den kleinen und allerkleinsten Gießenern eine nachträgliche Osterfreude zu bereiten, hatte die Intendanz das Berliner Theaterkind Erika Graf von den Reinhardt-Bühnen eingeladen, auf seiner Reise durch die deutsche Provinz auch einen Abstecher zu uns zu machen und mit einem festen Ensemble eine einmalige Vorstellung bei uns zu geben. Es wurde gespielt „Hänselund Gretel". Kindermärchen mit Gesang und Tanz in vier Akten von Goerner. Es war eine ganze Anzahl kleiner Leute erschienen, die — wie zu Weihnachten — mit heißen Bäckchen und Hellen Krähstimmen Parkett und Ränge füllten und die teils aufregenden, teils heiteren Begebenheiten mit höchster Spannung verfolgten.
Was es zu sehen gab, davon brauchen wir hier > freilich nicht viel zu erzählen, denn die Ge- ; schichte ist ja aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm längst allen Großen und Kleinen gut bekannt, und die Handlung folgt natürlich hier in großen Zügen getreu, obwohl mit allerlei Ausschmückungen und theatralischem Zierrat, dem in allen Märchenbüchern zu lesenden Text.
Im Desenbinderhäuschen, wo Hänsel und Gretel I wohnen, hebt es an, und im wilden Wald, vor dem Pfefferkuchenhäuschen, erlebt die Märchen- Handlung ihren Höhepunkt und ihren allgemein mit Jubel und Befriedigung aufgenommenen Abschluß. Die Szenen mit der greulichen alten S Knusperhexe waren denn auch in jeder Hinsicht der Clou des Rachmittags.
Hier konnte man wieder einmal merken, daß Kinder noch immer das dankbarste und begeisterungsfähigste Publikum im Theater bilden. Ihnen sind noch die Grenzen zwischen Märchen und Leben, zwischen Phantasie und Wirklichkeit schwankend und fließend: und der Spielraum erweiterte . sich auch, je dramatischer es wurde, um so intensiver über die Dorhanggrenze ins Parkett hinein: der Dialog sprang über in den Zuschauerraum, j und die ganze kleine Gesellschaft spielte mit ohrenbetäubender Begeisterung und vortrefflichen Zwischenrufen aus dem Stegreif mit.
21m schönsten war es, als die Knusperhexe mit Hchwung in den Backofen befördert wurde, womit in der dramatischen Handlung ein Punkt erreicht
war, welcher gewissermaßen der Peripetie in der klassischen Tragödie entspricht und auch mindestens die gleichen Wirkungen im Zuschauergemüt her- vorbrachte.
*
Es wurde hübsch und mit lebendiger Hingabe gespielt. Die kleine Erika Graf war die Gretel, sie verstand es mit Natürlichkeit und unter allgemeiner Anteilnahme ihre Märchenrolle geläufig und ungezwungen zu verkörpern: auch fang und tanzte sie sehr niedlich mit ihrem Bruder Hänsel, der von Gerda Graf frisch und bubenhaft dargestellt wurde.
Eine besondere Sensation bildete die Knusper- hexe von Fritz Graf: ein überaus scheusäliges Weib mit erschreckender Nase und wahrhaft diabolischer Geschwätzigkeit: eine Figur von fataler Echtheit, umgeben von der rastlosen Aufmerksamkeit, den Beifallsstürmen und Heiterkeitsausbrüchen der jugendlichen Zuhörerschaft. Fiffi Graf war ein feenhaft weißgekleideter Schutzengel, der mit himmlisch-beruhigenden und tröstlichen Worten und Gebärden über die Szene schwebte. Peter Paul Schmidt und Luise W a g I e r gaben die Desenbindersleute, Vater und Mutter, bieder und treuherzig, wie sie im Märchenbuch stehen.
Es war ein großer Erfolg — davon haben wir schon gesprochen — und ein bedeutendes Erlebnis für viele kleine Leute. Hnö die Knusperhexe wird, wie wir vermuten, heute nacht in manchen Kinderträumen märchenhaft nachspukend ihr Wesen getrieben haben. hth.
Oer Nerzpelz und die feite Gans.
„Lächeln im Gerichtssaal" — so heißt eine luftige Plauderei, die der bekannte Journalist Christian Bouchholtz zu flotten Zeichnungen von Monika L e p s i u s geschrieben hat. Wir entnehmen ihr einige hübsche Erlebnisse: das Ganze finden die Leser im Aprilheft von Delhagen und Klasings Monatsheften. Zunächst: eine Ehegeschichte. Ein Bettler ist angeklagt, einen teuren Nerzpelz gestohlen zu haben. Das bestohlene Ehepaar ist entrüstet zur Stelle. Der Bettler stellt die Sache so dar: Er fei ganz harmlos die Treppe hinaufgestiegen, da habe sich plötzlich eine Tür geöffnet, ein Damenpelz sei ihm ins Gesicht geflogen, die Tür wieder zu, und — entzückt von solchem Himmelssegen — sei er zum nächsten Trödler gegangen und habe den Pelz für 60 Mk. verkauft.
die stramm nach Moskauer Muster aufgebaut war. Sie bestand in der Errichtung von Zellen in allen Notstandsgebieten, die wieder durch mehrere Zentralen organisatorisch zu- sammengefaßt wurden. An deren Spitze standen berüchtigte Propagandisten Moskaus, die anscheinend ihre Weisungen aus Holländisch-Jndien erhielten, wo sich ja seit langem ein von Chinesen geleitetes kommunistisches Zentrum befindet, das die holländischen Behörden bisher nicht zerstören konnten — weil es einfach nicht auszufinden ist. Bisher haben die Franzosen dieser Propaganda gegenüber so ziemlich d i e Nerven behalten: sie sagten sich, nicht zu Hnrecht, daß ihr System in Jndochina ja ziemlich sicher war: Einmal verwalten sie das Land nicht direkt, sondern auf dem Hinwege über die einheimischen, dem Namen nach selbständigen Regierungen, die Königreiche stehen ja nur unter ihrem .Prote k t 0 r a t“. Dann aber ist Jndochina e i n A g rarland. in dem die alten, feit Hrväter- zeiten hergebrachten Wirtschaftsformen fast unberührt von aller modernen Technik fortbestehen, ebenso wie die Sitten der Bevölkerung. Weshalb, so sagten sich die Franzosen, sollten die Leute allo unzufrieden sein? Hnö wo sollte die kommunistische Propaganda, die überall in der Welt sich auf das Jndustrieproletariat stützt, hier ansetzen? Bei der Landbevölkerung etwa?
Hnö doch ist diese französische Rechnung falsch. Denn die französische Oberverwaltung war eben doch spürbar und wurde den Einheimischen immer verhaßter. Die Methode, die einheimische Intelligenz in Frankreich erziehen zu lassen, hat nicht verfangen. In Paris hat sie nut das „Gift" des Rationalismus und den Wunsch nach europäischen Reformen eingesogen und fühlt sich nun zurückgesetzt, sobald sie wieder in der Heimat ist. Die französischen Beamten werden besser bezahlt, avancieren schneller, kommen zu wirklich maßgeblichen Stellen, die Annamiten aber 4. D. können nur in die Dienste ihres Königs treten, der beinahe altorientalisch, unter stärkstem Einfluß der einheimischen, am Alken hängenden Priesterkaste, regiert. Der kann natürlich nichts mit jugendlichen Brauseköpfen anfangen. Hnd dann das Beispiel Indiens und Chinas, der beiden Völker, denen sich die Bewohner Jndochinas fo nahe verwandt fühlen. Wenn China seine nationale Freiheit zurückgewann und Indien dank Gandhi dicht davor steht, sollen da Annam und Kam» bodja das nicht auch erreichen können?! Der junge König in Annam, so sagt man, ist zumindest Patriot und leiht zum Kummer der Franzosen sein Ohr Leuten, die ihn in solchen Gedanken noch bestärken. Sollte da der Adel, die Priesterschast und die Kaufmannschaft weniger patriotisch fein? 1913 bereits flammte das Fanal der Freiheit auf — es ist in der Zwischenzeit nicht erloschen. Aber, da man nicht offen konspirieren darf, tut man es im geheimen und fördert zumindest alles, was seinerseits die Befreiung vermeintlich zu fördern vermag.
So kommt es, daß die einheimischen Behörden die Ausbreitung der kommunistischen Propaganda unter den Reis- und Gummibauern — vielleicht absichtlich nicht gesehen haben. Der Dauer hatte doch ein Recht, unzufrieden zu sein! Waren für Gummi die Preise in den letzten Jahren immer schlechter geworden, so hat das vorige Jahr Reispreise gebracht, bei denen selbst der Aermste und Bescheidenste nicht mehr vegetieren kann— ein Vorgang, dessen Gründe der Europäer vielleicht, die primitive Bevölkerung Jndochinas aber überhaupt nicht versteht. Das waren alles „Machenschaften der Franzosen", des „Kapitalismus", wie die Kommunisten sagten. Die Strafe der „Götter", wie die nationalistische jüngere Priesterschaft behauptete. Kein Wunder, dah die Agitatoren, die die Abschaffung der Steuern und des Pachtzinses — alle Bauern in Jndochina sind Pächter — forderten, freudig begrüßt wurden. Die Rot war eben so groß, daß man sich selbst dem Teufel verschrieben hätte...
Run haben zwar die energischen Polizeiaktionen die kommunistischen Rester zerstört. Wo die De-
Ratürlich lacht der ganze Gerichtssaal über soviel lügnerische Hnverfrorenheit. Es stellt sich hernach aber heraus. Das Ehepaar befand sich in großem Zank, die Ehefrau quälte ihren Gatten, sie wolle einen neuen Pelz haben, der alte sei ihr zu schlecht, um keinen Preis ziehe sie ihn mehr an. Da ging dem Ehemann die Galle über. Er packte den Pelz, lief zur Tür und warf ihn zur Wohnung hinaus über das Treppengeländer — gerade dem Bettler ins Gesicht.
Hier lachte das Gericht erst recht, schallend, mitsamt dem Staatsanwalt, der den Freispruch des Bettlers erwirkte.
Zum Schluß noch ein transzendentales Lächeln. Da stand eine Art Dr. Mabuse, ein Dolksschul- lehrer, vor Gericht, genannt „Prophet von Burg" Hellseher in der Inflationszeit. Von ihm wurde behauptet, er erwerbe sich Reichtümer durch Betrug. In einem Fall wird ihm vorgeworfen, er habe sich für eine Seance mit einer fetten Gans bezahlen lassen. Der Vorsitzende: „Wir alle können uns in diesen Zeiten keinen fetten Gänsebraten leisten." Das brachte das bisher sehr demütige Lehrerlein zum Aufbrausen: „Glauben Sie denn, die Geisterwelt lasse sich durch eine magere Gans bestechen, wenn die als Bezahlung gedacht wäre? Für einen solchen armseligen Vogel spukt kein Geist!" — Er hatte Recht.
Zeitschriften.
— Da^ Aprilheft der „Kun st" (Verlag F. Druckmann AG. München) gibt mit her neuen Matthäikirche in Düsseldorf, ein folgerichtiges Beispiel modernen Kirchenbaues, ein Kunstwerk, das in allen Teilen wohl abgewogen ist. Die Bedeutung der modernen Medaille, ist im Bilde guter neuer Schöpfungen bargelegt. Photographien, die eine persönliche und durchgeistigte Auffassung erfordern und so im Sinne der bildenden Kunst künstlerisch genannt werden müssen, zeigen uns die nächsten Seiten. Im Zusammenhang mit einer reichen Dilderfolge wird das Wesen der deutschen Neuromantik in der Malerei der Gegenwart zu deuten versucht. In einer illustrierten Besprechung zeitgemäßer Gärten wird gesagt, dah die in der neuzeitlichen Gartengestaltung oft geübte Häufung von Terrassen, Treppen, Pergolen und Lauben die Pflanze als eigentliche lebendige Htform der Gartenkunst in die zweite Linie zu verdrängen droht. — Schließlich bietet das Heft praktische Anregungen für das Einfamilienhaus, und für die Beschaffung eines den künstlerischen Erfordernissen unserer Zeit entsprechenden Hausrates.
völkerung zu den Waffen gegriffen hatte, hat man, wenn auch unter schweren Verlusten, die Revolten Niederschlagen können — aber man täuscht sich in Paris nicht darüber, daß es damit nicht getan ist. Die Rot muß sich weiter steigern, da dieses Jahr eine furchtbare Mißernte eingetreten ist, die ganze Provinzen der Hungersnot auszuliefern droht. Wird da nicht die foinmuniftifcbe Aktion neuen Boden finden? Jedenfalls hat die französische Kolonie bereits energisch verlangt, daß die Besatzung verstärkt wurde. Die neun Bataillone. mit denen Frankreich eine Bevölkerung von säst 20 Millionen im Zaum hält, reichen sicher nicht aus, wenn sich die Dinge weiter verschärfen, was man mit Sicherheit erwarten muß. Dann ist man mit dem Generalgouverneur Pas- q u i c r nicht einverstanden, dör die Dinge auf die leichte Schulter nimmt. Soll es hier wieder zu einem der großen Kolonialskandale kommen, an denen die französische Geschichte so reich ist ? Man versteht es jedenfalls, wenn sich Mr. Rcynaud nach Jndochina begeben hat. um an Ort und Stelle nachzuprüsen. wie die Lage ist. Wird er die Heberzeugung gewinnen, daß die Kolonie ernsthaft vom roten Gift angefressen ist, oder daß gar in absehbarer Zeit die rote Fahne auch über diesem Lande wehen wird? Eine Frage, deren Beantwortung sür Frankreichs Stellung in Ostasien von größter Bedeutung sein wird!
Aus der Provmzialhauptttadt.
Gießen, den 5. April 1932.
Verlorener kleiner Trost.
Wo bist bu, fremder Freund?--Abendlicher
kleiner Trost, ich habe dich verloren.
Pünktlich, Tag für Tag, Monat für Monat, um 20.15 Uhr biege ich um die Ecke einer kleinen Straße. Und bin unter deinem Fenster. Das sagte zuerst nichts. Fremdes unpersönliches Fenster an einer langen Straße. Bis zum Dezember. Da war die Gardine aufgezogen, ein fremder Mann stand am offenen Fenster, rauchte eine Zigarette und sah mich zufällig und abwesend an. Wiederholung am nächsten Abend. Und nun wurde aus dem Zufall Absicht.
Es ist oft ein wenig betrübend, Abend für Abend von dem warmen Zuhause, dem roten Lampenschimmer, dem beglückenden Alleinsein für zwei Stunden Abschied nehmen zu müssen. Manchmal regnet es. unfreundlich spiegelt feuchter Asphalt. Nebel verhängt die Laternen, Kälte springt hart entgegen.
Aber auf dem Wege fand sich ein Trost. Fremder Freund am Fenster, lädjelnb grüßend, aber immer stumm. Einmal, sehnsüchtiger, frühlingshafter Abend, war dein Fenster wieder geöffnet. Um die Ecke biegend, sah ich dein lächelndes Gesicht, sang eine Geige aus deinem Zimmer. Grammophon auf dem Fenstersims „Leise flehen meine Lieder". — Sachliche Romantik? Halb Gefühl, halb Lächeln? Tröstliche kleine Musik. Vor mir noch ein langer Weg, vor mir zwei Stunden Pflicht. Jedoch, ich lächle.
Und nun ist mein Trost im Abend verloren Drei, vier Tage sind vergangen. Dunkel liegt das ienfter, Gardinen feindlich zugezogen. Stein Licht, kein Lächeln. Bist du krank, verreist, für immer fort? ... Alles ist unbekannt. Heute, Lichtschein. Ob .. ? Fremder Mann steht am Fenster, ja, auch er raucht und sieht über mich hinweg auf die Straße.
Nun ist der Weg wieder lang, vor mir zwei Stunden Pflicht. Jedoch, ich lächle nicht. Wo bist du, fremder Freund? S. 0. M.
Mehrfache Stimmabgabe ist strafbar.
Rach Öen Vorschriften des Wahlgesetzes ist der Wohnsitz des Wählers für Öie Aufnahme in die Wählerliste ober Wählerkartei maßgebend. Personen, die mehrere Wohnsitze haben, werden daher auch in mehrere Listen oder Karteien aufgenommen. Dieser Hmstand berechtigt sie aber keineswegs, mehrfach ihre Stimme abzugeben. Vielmehr hat jeder Wähler ohne Rücksicht darauf, in wieviel Verzeichnissen von Stimmberechtigten er verzeichnet steht, nur eine Stimme. Jede mehrfache Stimmabgabe durch ein und
„Tabu" - ein $ilm.
Dieser Film ist die letzte Hinterlassenschaft des vor einiger Zeit verstorbenen, hochbegabten deutschen Regisseurs F. W. Murnau. Die Handlung spielt auf der Insel Bora-Bora in der Südsee. Hier sind sämtliche Aufnahmen gedreht worden. Insulaner, wundervoll ebenmäßig gewachsene Menschen (dazu ein paar Mischlinge und Chinesen) spielen die großen und die kleinen Rollen. Aber man kann kaum sagen, daß sie eine Rolle spielen: sie sind einfach da, sie leben ihr heiteres primitives und paradiesisches Leben inmitten einer großartigen Natur, umgeben von Palmen und rauschendem Meer, und alle ihre Gebärden, ihre Handlung und Körperhaltung sind von einer anmutigen und ausdrucksstarken Schlichtheit und Unmittelbarkeit, die des gesprochenen oder geschriebenen Wortes kaum bedarf, um sich verständlich zu machen. Eine melodiöse, ein wenig melancholische Musik ist die einzige, manchmal laut- malerische Begleitung, die sich ganz zwangslos in die harmonische Verbundenheit von Mensch und Landschaft einfügt. Die Handlung vereinigt in sich die Schlichtheit des Volksliedes und die dramatische Wucht der Ballade: sie beschreibt das Schicksal, Glück und Ende eines schönen und jungen Liebespaares. Das Mädchen ist vom Gesetz des Stammes dazu auserfehen, den Göttern geweiht zu werden: das macht sie „tabu“, unberüf)rbar, und trennt sie für immer von ihrem Geliebten. Zwar gelingt den Liebenden die Flucht, aber vom Paradies ihrer Kindheit werden sie verschlagen in die fremde und von unbegreiflidjen Gesetzen regierte Welt der europäischen Zivilisation. Ein Geschick, dem sie ahn- mächtig gegenüberstehen, läßt ihr kurzes Glück der Gemeinsamkeit in Trennung und Tod enden. — Murnaus Regie hat Menichen und Landschaft in ihrem reinen Zusammenklang erfaßt und in prachtvollen Bildern wiedergegeben. Dabei wirken Natur und Handlung mit gleicher Eindringlichkeit: die Aufnahmetechnik arbeitet mit durchaus film- gerechten Mitteln. Und weder in den Einzelszenen noch in den Massenauftritten wird irgendein europäischer Einfluß im peinlichen oder auch nur störenden Sinne spürbar. Alles geschieh! ganz zwanglos und ungestellt, ganz naiv, im Rhyihmus eines einfachen und naturnahen Lebens: Bilder von Spiel und Tanz, von Fischfang und Seefahrt scheinen wie .zufällig und ohne ästhetische Absicht aufgenommer.. Das Perlenmotio und öie Taucher-Szenen sind regiemäßig besonders gelungen. — Man sollte sich diesen Film ansehen: er ist in seiner Eigenart und Schönheit kaum mit einem andern Werk seiner Gattung zu vergleichen. —r—


