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Vornan von 3- Schneider-Foerfil.
Urheber-Rechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau.
19. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sie verurteilte ihn schon, ehe sie noch Ge- wihhcit hatte.
..Wie soll ich es machen, das; ich erfahre, ob es sein Kind ist?" quälte sie sich. Ihn so geradewegs darum fragen, das durfte sie nicht. Sie muhte ihn ganz ahnungslos lassen, dann verriet er sich am ersten.
Nach zweieinhalb Stunden tauchten die ersten Felder, welche zu Nccklinhausen gehörten, vor ihnen auf. Der Fluh glänzte zwischen den Erlen und schob seine Wellen und Weilchen rasch durch die Wiesen hin. Auf Groh-Steinach ist es feudal! Aber hier ist es schön! Ganz wunderschön! jubelte cs in Suse. Sie verspürte eine ungeheure Freude, als der Wagen nun nach dem Gutshofe einbog. der gleich darauf, in hellste Mittagssonne gebadet, vor ihrem Blick lag.
Drüben auf den Aeckern gingen die Pferde in langsamem Trott und schlugen die Furchen um. „Dieter!" — Sie sprang im Wagen auf und schrie es in ihrem Sehnsuchtstaumel hinüber, olles vergessend. was ihr das Herz schwer gemacht hatte. Erschrocken über ihre eigene Stimme lieh sie sich wieder zurückgleiten und atmete auf. als sie sah. dah er sie nicht gehört hatte.
Er durfte sie nicht so früh schon bemerken, sonst hatte er Zeit, darüber nachzudenken, wie er sich ihr gegenüber verhalten muhte. Die Uhr vorne am Führersitz zeigte fünf Minuten auf elf. Da muhte er ohnedies bald Schluh machen und zum Mittagstisch herüberkommen. Sie zitterte förmlich bei dem Gedanken, was er tun würde.
Der Chauffeur lenkte den Wagen in den Hof, und Suse gab ihm Bescheid, wo er ihn reinigen und unterbringen konnte. ..Zuerst aber gehen Sie in die Küche und lassen sich ein tüchtiges Mittagsbrot geben!" sagte sie ermunternd. ..Ich lasse Sie schon wissen, wenn ich zurückfahren will."
Heberall, wo sich ihre Stimme vernehmen lieh, kam das Personal herbei, sie zu bcgrühen. Man hatte die Jüngste oufwachsen und vom Kinde zum Weibe heranblühen sehen, und jeder war ihr zugetan. Wie ausgestorben lag das Gut, seit sie weggegangen war. Sie brachte alles mit, was die Menschen gerne hatten: Jugend, Lachen
und 'Sonne. Für fetzen wühle ste ekwaS zu sagen, dem einen ein Scherzwort, dem anderen eine Frage, sogar der Holbnarr. der die Pferdeställe zu reinigen hatte, bekam ein Lächeln geschenkt.
Dann lief sie in ihr Giebelzimmer und wusch sich den Staub von Gesicht und Händen. Als sie sich das Haar zurecht machte, hörte sie unten einen Schritt über den Kies gehen. Sie kannte Dieters Gewohnheit, immer durch den Obstgarten zu gehen und dann erst den Weg nach dem Hof zu nehmen.
..Dieter!"
Cs rih ihn herum, als habe ihn eine Kugel gestreift. Beide Arme streckte er nach ihr hinauf. In diesem Augenblicke vergah sie. weshalb sie eigentlich gekommen war. ..Ich bin um zwölf Uhr unten am Fluh!" rief sie gedämpft hinab.
Er nickte, zum Zeichen, dah er sie verstanden hatte und umfahte sie mit einem Blick, der ihr das Blut in die Wangen trieb. Drei Wochen hatten sie sich nicht mehr geküht. Sie lief nach dem Eßzimmer hinunter und fand ihr Gedeck bereits an seinem Platz. Herrgott, wie schön's doch daheim war! — Wie wunderschön!
Als die schwarze Standuhr zehn Minuten auf zwölf zeigte, faltete sie die Serviette zusammen, und schlich sich durch eine Seitentüre aus dem Hause. Es brauchte niemand zu wissen, wohin sie ging.
Sie hatte kaum den Fuh zwischen die Erlen gesetzt, als zwei Arme sie an eine Brust rissen. Ihr Mund brannte und in den Ohren surrte ihr Blut und Malnows Stimme: „Drei Wochen hast du mich warten lassen, Geliebtes! Drei ganze Wochen! Keine Zeile, kein Anruf, nichts! Ich habe die letzten Nächte kaum mehr ein Auge zugetan. Iedcr Bissen, den ich zu mir nahm, hat mich gewürgt, Und keine Möglichkeit, wie ich dir Nachricht zukommen lassen könnte. Hast du nicht bedacht, wie du mich quälst, wenn du dich so lange in Schweigen hüllst?"
Sie lag, die Lider geschlossen, an seiner Schulter und lieh seine Küsse über sich hingehen. „Ich habe gedacht, du wirst dich schon amüsieren", sagte sie mit Betonung. „Du wirst doch noch auher mir jemanden haben, den du liebst!"
Seine Arme gaben sie unvermutet frei, dah sie beinahe fiel. „Suse!" —
„Bin ich wirklich das Einzige auf der Welt, das dir etwas gilt?" forschte sie hartnäckig.
„Weiht du das nicht?" Er legte den Arm aufs neue um ihre Hüsten und zog sie wiederum an sich. „Meine Mutter ist tot! Sonst habe ich
niemand mcchr? Es gibt also keinen einzigen Menschen, mit dem du mich teilen mühtest."
„Gradnitz hat sich geirrt!" dachte sie und war beschämt vor ihrem eigenen Inneren, das ihn bereits schuldig gesprochen hatte, Und aus diesem Schuldgefühl heraus gab sie ihm aus übervollem Herzen. Sie sah auf einem Baumstumpf und hatte seinen Kopf im Schohe liegen, fühlte, wie knochig seine Wangen geworden waren und prehte die Lippen darauf. „Du wirst wieder schlafen! — 2a, mein Lieber? Und wieder essen, nicht wahr mein Dieter?" Ihre Hände fuhren kosend sein Gesicht entlang, fühlten sich plötzlich gefaht und mit Küssen bedeckt.
„Ich war am Verrücktwerden!" gestand er in halber Beschämung. „Bis in meine Träume hinein habe ich mich gequält, wer der andere sein könnte, um dessentwillen du mich vergessen hast!"
„Also, soviel hältst du auf mich!" schmollte sie und strich sein Haar etwas unsanft nach hinten zurück. Wenn er erst meine Gedanken hätte lesen können, dachte sie kleinmütig. Trotzdem blieb ein leiser Nest des Mihtrauens. Gradnitz' Worte hatten zu tief Wurzel in ihr gefaht. „Bist du nie von Necklinhausen weg gewesen?" forschte sie. „Ich meine, Sonntags! — Da hast du dich doch frei machen können. Cs gibt ja jetzt nicht mehr so viel zu tun."
„Ich war immer hier!" beschied er ohne Zögern. „Immer?"
Er sah auf und besann sich etwas: „Einmal war ich in München, geschäfteholber." Sie glaubte, wie dabei ein schwaches Rot in seine Wangen stieg. „Aber das war nur für einige Stunden. Abends war ich dann wieder zurück."
„Hast du Bekannte in München?" Sie kam sich vor wie ein Inquisator. Aber sie fand sonst keine Ruhe.
„Niemand", sagte er gleichmütig. „Wie lange bleibst du übrigens noch fort, Suse? — Ich verkomme förmlich von diesem Warten bis zu deiner Rückkehr. Sonst war ich am Morgen immer frisch, wie nach einem Bade, und jetzt bin ich halb zerschlagen. Ich quäle mich Tag und Nacht!"
„Weshalb denn?" fragte sie ärgerlich. „Ich tu's doch auch nicht!"
„Du liebst mich vielleicht nicht in dem Mähe, wie ich dich!"
„Erlaube!" fuhr sie ihm ins Wort. „Ich möchte bezweifeln, ob deine Liebe überhaupt an die meine heranreicht!"
„Kind!" Er nahm ihre fahrigen Hände in die seinen und lehnte den Kopf gegen ihre Brust.
„Zu Weihnachten halte lch um dich an.
es dir recht?"
Sie erwiderte nicht gleich und schickte den Blick nach dem Gezweig der Erlen, das über chnen zitterte. „Die Mama hot mir gesagt, dah dos Gut an Lenore und mich fällt. Solange also meine Schwester nicht heiratet, bist du hier unumschränkter Herrscher."
Ein dunkles Rot jagte in sein Gesicht. Sie fühlte, wie feine Finger die ihren prehten und zuckte vor Schmerz zusammen. „Ich bin jetzt nicht mehr so arm wie früher, Suse? — Meine Mutter hat mir etwas Vermögen hinterlassen. Ich kann ein kleineres Objekt pachten und hoffe, dah du mit mir in das Heim kommst, das ich dir bieten kann. Ich werde es dir so schön und sorglos als möglich zu machen suchen!"
„Du bist ja verrückt!" lachte sie nervös. „ilnb auf Recklinhausen lassen wir dann einen anderen sitzen, der möglicherweise das Ganze hinunterwirtschaftet."
„Deine Mutter —" unterbrach er sie.
„Wird Herrin auf Groh-Steinoch. — Ich bitte dich, dah du das vorläufig noch als dein und mein Geheimnis betrachtest, bis es offiziell ist. — Wenn es mir einmal ginge, wie Lenore — dah du mich betrügen würdest, Dieter!" sprang sie unvermittelt auf ein anderes Thema über.
Er lächelte, weil er ihrem Gedankengange nicht zu folgen vermochte. „Darüber kannst du unbesorgt sein, mein Liebes! Dos wirst du nicht erleben!"
„Rur angenommen!" versteifte sie sich, und sah mit flimmernden Augen zu ihm auf. „Ich würde es nicht machen, wie Lenore! Darauf kannst du dich verlassen!"
„Nicht?" scherzte er. „Was würdest du dann tun?“
..Dich einfach fallen lassen, mein Lieber!" rief sie. „Gleich am nächsten Tage heirate ich einen anderen, und wenn es ein Landstreicher wäre."
„Du wirst keinen Landstreicher zum Manne nehmen müssen", tröstete er. „Wie lange bleibst du?"
„Ich denke um 15 älhr wegzufahren. Die Mama ängstigt sich sonst."
Er sah nach seiner Uhr und lehnte den Kopf noch einmal gegen ihre Brust. „Küsse mich, bah ich nicht verschmachte bis zum nächstenmal, mein Liebes", bat er. Lind als sie nicht willfahrte, hob er ihr Gesicht: es trug einen müden Ausdruck. „Du quälst dich mit etwas! Willst du mir nicht sagen, was es ist, Suse?"
lFortsetzung folgt.)
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